Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Johannes Wied >

Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
Schließen

Navigation:

»Knors« und »Mortensen« waren draußen auf dem Mühlenhof geboren, kurz bevor der alte Thomsen starb. Und als das Gehöft ein paar Monate später auf einer Auktion verkauft war und Karen mit ihrem Sohn in die Stadt zog, hatte Manuel die Tiere mitgenommen. Knors hatte von Geburt an Knors geheißen, und Mortensen hatte seinen Namen von einem alten Müllerknecht bekommen, der noch da draußen lebte.

Manuel hatte geweint, als würde er gepeitscht, als der Wagen mit ihm aus dem Heim seiner Kindheit rollte. Und Mutter Karen hatte bleich und still an seiner Seite gesessen und ihn beschwichtigt und ihm zugeredet. Knors hatte er auf dem Arm gehabt und Mortensen hatte in einem Deckelkorb zu seinen Füßen gesessen.

Das war nun fast fünfzehn Jahre her. Und er war damals neunzehn und war nie zwei Tage hintereinander von seinem väterlichen Hof entfernt gewesen. –

Natürlich wurde er in dem Städtchen zum allgemeinen Gespött, dieser kleine, untersetzte Bauernjunge mit dem Vollmondgesicht und den kleinen, rotgeränderten Schweinsaugen. Und dann hing ja außerdem seine eine Schulter noch ein wenig, so daß der rechte Arm, wenn er über die Straße ging, bedeutend länger erschien als der linke.

»Er läuft von der Seite«, sagte man von ihm. »Er hat nur eine Niere, so wie die Hunde!«

Zu Anfang lief nun Manuel gerade nicht sonderlich viel. Er hielt sich eingeschüchtert und ängstlich zu Hause. Und seine Gedanken umkreisten unablässig das Gehöft da draußen, die Mühle und den Garten und alles, was er und die Mutter hatten verlassen müssen.

Aber dann, eines Nachts, etwa ein Jahr nach dem Umzug, hatte er einen Traum gehabt. Das heißt, er selber nannte es eine »Offenbarung«: Der Vater war ihm erschienen und hatte zu ihm gesagt, daß der neue Besitzer Bankrott machen würde und nach ihm noch zwei Besitzer, und dann würde Emanuel die ganze Herrlichkeit wiederbekommen!

In dem Traum war auch etwas verwoben, daß er nicht in Erfüllung gehen würde, falls Knors und Mortensen stürben, ehe sie den Boden ihres Geburtsorts wieder betreten hatten.

Am Morgen war Emanuel mit einem großen Entschluß im Herzen erwacht. Er wollte Geld verdienen! Auf jede Art Geld verdienen; und sollte er mit den Latrinenwagen durch die Straßen der Stadt fahren! Die Uhr war erst fünf, und es war noch ganz dunkel. Aber er hatte sein Licht angezündet, sich angekleidet und war zu Mutter Karen hineingegangen, die noch im schönsten Schlummer lag. Sie hatten jeder eine kleine Dachkammer als Schlafzimmer.

Madam Thomsen war in ihrem Bett in die Höhe gefahren und hatte den Sohn ganz verwirrt angestarrt:

»Herr du meine Güte, Manuel – –!«

Manuel aber hatte sich ruhig auf den Stuhl vor ihr Bett gesetzt, das Licht in der Hand – –

»Man hat eine Offenbarung gehabt!« sagte er.

Mutter Karen fing an zu weinen.

»Herr Gott, daß es so weit mit dir gekommen ist!«

Und dann fing der Sohn still und beherrscht an, von seinem Traumgesicht zu erzählen, und was der Vater von dem Hof gesagt habe, von den neuen Besitzern und von Knors und Mortensen.

Die Alte saß noch immer aufrecht im Bett und lauschte seiner Rede:

»Wir Menschen träumen ja so vielerlei, Manuel!«

»Ja, – aber man hat Vater leibhaftig vor Augen gesehen, Mutter Karen! Er stand unten am Fußende des Bettes. Und man hörte ihn die Tür schließen, als er ging!«

Madam Thomsen schüttelte den Kopf:

»Ja, aber das Geld, das Geld!« sagte sie. – »Woher soll denn das kommen?«

»Man wird es erfahren!« nickte der Sohn feierlich, »wenn Vater wiederkommt!«

»Tut er das denn, Manuel?«

»Das hat er gesagt!«

»Und du glaubst, daß es möglich ist?«

»Man hat ihn ja gesehen!« sagte Manuel mit fanatisch blitzenden Augen. – »Man hat ihn ja gesehen, so deutlich, wie man dich sieht!«

Die Alte schwieg. Sie wagte nicht mehr, dem Jungen zu widersprechen. Er sah so sonderbar wirr aus, fand sie, in dieser nächtlichen Dunkelheit.

Am selben Tage sollte im Saal des Hotels Auktion abgehalten werden. Die Thomsenschen Möbel standen dort zwischen einem Haufen anderer Sachen. Und sie glänzten förmlich zwischen all dem anderen alten Gerümpel, denn es waren gute, solide Mahagonimöbel. Man hatte Madam Thomsen geraten, sie mit in die Stadt zu nehmen, da man dort voraussichtlich mehr dafür bekommen würde als von den Bauern auf dem Lande. Aber ein Jahr hatten sie in dem kleinen Hause gestanden und alle Ecken und Winkel gefüllt. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, sich davon zu trennen. Aber nun heute um zehn Uhr sollten sie verkauft werden.

Aber sobald es hell wurde, ging Emanuel nach dem Auktionslokal und holte die Möbel wieder zurück. Man habe sich besonnen, sagte er, sie müssen bis zu einem anderen Mal warten.

Die Stadt lachte, war belustigt und wütend zugleich. Und bei dieser Gelegenheit hatte Emanuel den Beinamen »Thummelumsen« erhalten.

Aber ein paar Stunden später waren die Möbel wieder nach Hause gefahren und auf dem Boden und in dem Schuppen auf dem Hof verstaut, so gut es gehen wollte.

Madam Thomsen schüttelte ihren weißen Kopf wieder und wieder. Aber sie empfand eine mystische Angst vor der Nacht. Und dann war ja Manuel doch schließlich ein Mann, und sie war nun einmal daran gewöhnt, die Männer als die Klügsten zu betrachten.

Dann wurde der Laden eingerichtet.

»Vater hat es gesagt«, äußerte Emanuel, und da wagte Karen nicht, Einwand zu erheben.

»Er ist also wieder bei dir gewesen?« fragte Karen.

»Ja, Mutter Karen!«

»Und du hast wieder mit ihm gesprochen?«

»Ja, über Nacht.« –

Über den kleinen Thomsen war eine eigene, feste, zugeknöpfte Männlichkeit gekommen, seit er mit dem Jenseits in Verbindung stand. »Die Offenbarungen« hatten ihn aufgerichtet und ihn männlich gemacht. Er hatte ein Ziel. Und er arbeitete mit einer Zehnpferdekraft, um etwas zu erreichen. Vom Morgen bis zum Abend war er in ununterbrochener Tätigkeit. Er richtete selber den Laden ein, tischlerte und hämmerte, machte den Ladentisch und die Borte, malte, fegte, putzte. Und als alles fertig und Schwung in das Geschäft gekommen war, dem Karen vorstand, ersann er tausenderlei, um selber auch Geld zu verdienen. Er verfertigte selber auch Gegenstände aus Pappe und Leder, Handkoffer, Taschen und Etuis, die im Laden verkauft wurden. Er versuchte ein Exportgeschäft für abgestempelte Briefmarken zu errichten. Und er ging aufs Land zu den Bauern und kaufte alte Möbel und Bilder und Messingsachen, die er dann aufarbeitete und für weit über das Doppelte von dem verkaufte, was er selber dafür bezahlt hatte. Er schrieb eine ungewöhnlich schöne und leserliche Handschrift und verschaffte sich dadurch Abschreibearbeit vom Hardes-Bureau und ein paar Rechtsanwälten des Städtchens. Er reichte ein Gesuch zwecks einer Anstellung als Telegraphenbote ein. Und er hatte sich sogar ein paarmal auf dem Bahnhof eingefunden und den Reisenden angeboten, ihr Gepäck in die Hotels zu befördern. Aber diesem Geschäft hatten doch die bezahlten Packträger und Dienstmänner der Stadt Einhalt zu tun gewußt, indem sie ihn mit ihren kräftigen Spöttereien und Neckereien verfolgten.

Aber Geld schrappte er zusammen. Er kargte und sparte auf alle erdenkliche Weise. Kaum gönnte er sich und der Mutter das Essen. Die Alte mußte ihm Rechenschaft über jede Nähnadel ablegen, die im Laden verkauft wurde. Und er zahlte das Wirtschaftsgeld aus. Im ersten Jahr nach dem Umzug hatte Madam Thomsen ein kleines Schulmädchen gehalten, das Besorgungen in der Stadt für sie machen und ihr im Hause helfen mußte. Sein Lohn bestand in zwei Kronen monatlich und dem Mittagessen. Aber eines schönen Tages bekam es den Laufpaß. Emanuel meinte, daß zwei einzelne Menschen ganz gut allein fertig werden könnten. Zwei Kronen monatlich machten vierundzwanzig Kronen im Jahr! Gar nicht zu reden von dem Essen! – Und dann griff er selber zu: wusch die Fußböden auf, fegte die Straße, putzte die Fenster, holte Wasser und Holz und lief auf Besorgungen, mehr seitwärts denn je, während der lange Arm in der Luft umherschwenkte wie der Flügel einer Nähmaschine.

Die Leute lachten natürlich. Und er ließ sie lachen.

»Wartet ihr nur, bis man wieder auf dem Hof ist!« sagte er und kniff seine kleinen Schweinsaugen auf geheimnisvoll listige Art zusammen. »Dann kommt die Reihe zu lachen an mich!«

Denn diese felsenfeste Überzeugung, daß der Tag kommen mußte, an dem er mit Pomp und Ehren wieder auf dem väterlichen Gehöft einziehen würde, hielt ihn aufrecht und machte ihn unempfindlich gegen das Gelächter und die Spottnamen des Städtchens.

Aber diese Triebfeder seines Fleißes und seines Tun und Lassens hielt er ängstlich vor allen verborgen; nur Mutter Karen wußte darum. Und damit niemand ahnen sollte, daß er sich im Laufe der Zeiten wirklich ein ziemlich großes Kapital zusammensparte, brachte er sein Geld in einer Bank der Hauptstadt unter. Aber so schlau war er doch, daß er immer ein paar hundert Kronen in der Sparkasse des Städtchens stehen hatte. Und um den Schein aufrecht zu erhalten, nahm er bald zehn oder zwanzig Kronen auf und zahlte bald zehn, bald zwanzig Kronen wieder ein, wenn die Steuer bezahlt werden mußte, oder wenn er ein Geschäft gemacht hatte, das bekannt geworden war. Er war nicht umsonst von bäuerischer Herkunft, und die Leute mußten sich ja klar darüber sein, daß er und die Mutter mehr verdienten, als sie gebrauchten.

Aber nicht einmal Madam Thomsen ahnte, wieviel es war.


Manuel war für heute mit seinem Holzhacken fertig. Er stapelte das gespaltene Holz an der Bretterwand des Schuppens auf, fegte die Späne von dem Hauklotz und dem Fußboden und hängte die Axt auf ihre zwei Nägel am Eckbalken. Dann sah er sich einen Augenblick prüfend um, fand, daß alles in Ordnung war, und ging wieder auf den Hof hinaus.

Die Sonne war im Begriff, hinter dem hohen Nachbarhaus zu verschwinden. Es fiel wohl noch ein Lichtstreif in die Ecke an der Mauer herab, aber der war schmal und mager.

Der Hahn saß schlaff und stumpf und alt in seiner Ecke an der Pumpe mit herabhängenden Flügeln, den Kopf zu Boden gesenkt. Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt, seit er dahin gepflanzt worden war.

»Nun, lieber Mortensen,« sagte Thomsen und trat an ihn heran, – »heute gibt's keine Sonne mehr. Dann ist es wohl am besten, wenn man wieder in sein kleines Nest kommt.«

Und er nahm das Tier wieder vorsichtig zwischen beide Hände und trug es in den Schuppen zurück, in die hinterste Ecke unter dem Fenster. Dort lag eine Schicht Sand, und darüber waren Halme und Daunen und welke Blätter gebreitet. Und oben an der Wand, wohl eine halbe Elle über dem Fußboden, war eine Leiste angebracht. Aber es war fünf Jahre her, seit Mortensen nicht mehr darauf hatte sitzen können.

Und am siebenundzwanzigsten Mai wurden es genau drei Jahre, seit er zum letzten Male gekräht hatte.

In dem Verein »die dänischen Freßsäcke« sollte eine Zusammenkunft stattfinden.

Ungefähr in der Mitte der Südstraße an der Ecke der Maren Schmieds-Gasse lag das Hotel »Stadt Gammelköbing«. Dort hielt der Verein in einem kleineren Saal zu ebener Erde nach der Gasse hinaus seine Zusammenkünfte.

Es fanden jährlich vier Zusammenkünfte statt, drei im Winter und eine im Sommer.

Dies war das letzte Fest im Winter. Der Beitrag belief sich auf zweiundwanzig Kronen für das Kuvert, und man machte eine Grundlage von drei steifen Lysholmer Schnäpsen.

Die Verpflegung war übrigens bei der Begründung des Vereins ausschließlich national gewesen; daher der Name. Als aber im vorigen Jahr der alte Redakteur Heilbunth zum Vorsitzenden gewählt wurde, setzte er es durch, daß der betreffende Paragraph dahin geändert wurde, daß die Getränke wenigstens international sein konnten, falls eine Stimmenmehrheit dafür erzielt würde.

Und die wurde augenblicklich mit allen Stimmen erzielt.

Es war ebenfalls Heilbunths Verdienst, daß der Beitrag für das Kuvert von fünfzehn auf zweiundzwanzig Kronen erhöht wurde, und daß kein Mitglied unter fünfzig Jahre alt sein und weniger als zweihundertunddreißig Pfund wiegen durfte.

»Wir müssen exklumpsiv sein«, sagte er. Die Zahl der Mitglieder war ein wenig schwankend. Zu dieser Zusammenkunft hatten sechs gezeichnet.

Alle Zusammenkünfte waren »geschlossen«. Wenn der letzte Teilnehmer angekommen war, wurde der Schlüssel der Tür, die zu den Café-Lokalitäten führte, herumgedreht. Und dann fand die Passage nur durch die Tür zum Küchengang statt, durch die die leckeren Gerichte aufgetragen wurden.

Auch einen Diener hielt sich der Verein.

Und das war Emanuel Thomsen.


 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.