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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Drinnen in der Kirche aber arbeitete Organist Clemensen im Schweiße seines Angesichts.

Clemensen besah die ganz korrekte Kunstauffassung, daß jede Leistung eine Steigerung aufweisen muß; sie muß mit einer Art Apotheose enden. Und er verwendete deswegen seine Gesamtkräfte, wenn er die Gemeinde »hinausspielte«. Es klang, als wenn er mit Holzschuhen an den Tasten entlang trabte. Und am härtesten trat er zu, wenn er sich oben im Baß bewegte. Aber dann, als der Lärm mit Brausen und Dröhnen und Kreischen und Hilfegeschrei in Masten und Takelagen seinen Höhepunkt erreicht hatte, bums! kamen ein Paar sanfte Flötentöne wie von einem Star oder einem wohldressierten Kanarienvogel. Und dann wieder ein ungeheures Getöse, als stürze die Orgel zusammen. Die Musik schwieg. – Alles strömte durch die weitgeöffneten Türen, man begrüßte Freunde und Bekannte, nickte und lächelte und drückte sich religiös-zögernd die Hände.

Und das Reden begann:

»Eine wunderschöne Predigt!« – »Ja, dieser Pastor Engelhardt, der versteht es!« – »Und Clemensen! Nein, ich bitte Sie, Frau Brandstrup, Clemensens Spiel!« – »Ja, da haben Sie wirklich recht, Frau Lassen, diese Töne!« – »Adieu, adieu, Frau Bürgermeisterin, ich habe mich sehr gefreut, Sie zu sehen!« –

Die erste, die aus der Kirche schlüpfte, war Fräulein Olivia. Sie hegte seit der Geschichte auf dem Friedhof eine an Wahnsinn grenzende Angst vor Emanuel Thomsen. Das Wasser lief ihr am Leibe herunter wie einem Fieberpatienten, wenn sie seiner nur von weitem ansichtig wurde. Man konnte ja nie wissen, worauf dieser verrückte Mensch verfallen würde.

»Olivia! Olivia!« rief die Bürgermeisterin. »Ich möchte gern mit dir sprechen! Olivia!«

»Fräulein Rejersen! Fräulein Rejersen!« schlossen sich diensteifrige Geister an: »Die Frau Bürgermeister will gern mit Ihnen sprechen!«

Die Waldhornistin aber stürzte, wie aus einer Kanone geschossen, über den Markt und verschwand mit einem Aufblitzen hinter Kürschner Hatteras' Ecke. Es war die Sonne, die sich in den Jettverzierungen ihres Hutes spiegelte.

Hoheitsvoll und majestätisch schritt Frau Oppermann, umgeben von ihren Novellen, durch die Gemeinde.

Und es entstand Schweigen, wohin sie kam.

Nur Bäckermeister Windberg und Materialwarenhändler Rübensie grüßten tief und ernsthaft, worauf sie die Röcke zuknöpften und tief aufatmeten.

»Zwetschentorte!« flüsterte Windberg.

»Delikateßfeigen!« murmelte Rübensie.

Emanuel Thomsen und Mutter Karen kamen nebeneinander daher, jeder mit einem Gesangbuch unterm Arm. Emanuels Gesicht war finster und zusammengekniffen, und Madam Thomsen sah mager und sorgenvoll aus. Sie nickte ihren Kunden freundlich lächelnd zu, aber das Lächeln war nicht mehr das alte, fröhliche. Und Manuel lüftete den Hut nur widerwillig. Sie glichen ein paar Erben, die sich von dem Erblasser benachteiligt glauben.

Der Klumpen stand noch an demselben Fleck. Nur daß er sich umgewendet hatte und auf die Kirchentür starrte. Die Vorübergehenden stießen und pufften ihn. Er aber achtete es nicht und rührte sich nicht.

Eine kleine, verwachsene, schwarzgekleidete Dame ward in der Menge sichtbar. Es war die Witwe Frandsen, die Mutter des Klumpen. Sie war mager und blaß und kränklich, und Gott im Himmel mochte wissen, wie sie zu ihrem Friedrich gekommen war.

Die Augen des fetten Knaben strahlten, als er sie erblickte. Entschlossen schob er Männer und Frauen beiseite und ging ihr entgegen. Der Klumpen liebte seine kleine Mutter mit der ganzen Kraft seiner armen Seele. Es gab in seinen Augen nichts so Vollkommenes wie sie, nichts so Gutes wie sie und nichts so Mitleiderregendes wie sie. Ein einziges Mal war er aus seinem beschaulichen Gleichgewicht gebracht worden, nämlich eines Tages, als ein Kamerad in höhnischer Weise von ihr gesprochen und ihren armen Rücken eine »Regimentskasse« genannt hatte. Im selben Augenblick, als die Worte gefallen waren, lag der Bursche auf dem Straßenpflaster, alle Würste des Klumpen über sich. Und es wäre wohl kein heiler Knochen an dem Lästermaul geblieben, wenn nicht kräftige Fäuste die beiden Kämpfenden rechtzeitig getrennt hätten.

Überall in der Stadt aber hatte der fette Friedlich Ehre für sein Benehmen geerntet, ausgenommen natürlich bei dem Flachgedrückten und dessen Familie.

»Nun, liebe Mutter?« lächelte der Klumpen, als er sich bis zu der schwarz gekleideten Dame durchgedrängt hatte und ihr liebkosend die Wange streichelte.

»Ja, da bin ich, mein Junge!« nickte sie ihm zu und schob ihren Arm in den seinen. Ihre Stimme klang quieksend und schwindsüchtig.

»Es hat lange gedauert, bis du kamst.«

»Es war ja ein so großes Gedränge, lieber Fridy.«

»Dir hat doch niemand etwas getan?« Die Stirn des Klumpen legte sich in Falten.

»Nein! Wer sollte mir wohl etwas tun?«

»Soll ich dein Gesangbuch nehmen?«

»Danke, lieber Fridy!« Sie sah glücklich und stolz zu ihm auf.

»Wollen wir dann gehen?«

»Ja –«

Und dann gingen die beiden wunderlichen Wesen durch die Menge, die ihnen unwillkürlich Platz machte. Und auf dem Abstieg von dem steilen Kirchenhügel hütete der Klumpen sorgfältig seine kleine Begleiterin, daß sie ihren Fuß an keinen Stein stieß.


Auch Emanuel Thomsen wanderte mit seiner Mutter heimwärts. Aber sie gingen nicht Arm in Arm. Er schob sich finster und seitwärts vorwärts, immer ein paar Schritte vor ihr her; und sie trippelte verzagt in seinem Kielwasser. Er trug ihr Gesangbuch nicht, und er erquickte ihr Herz nicht mit freundlichen Worten.

Als sie den Laden in der Südstraße erreichten, öffnete er die Tür und ging zuerst hinein.

Das Gesangbuch legte er auf den Sekretär in der Hinterstube und ohne der Mutter einen Blick zu schenken, ging er in die Küche hinaus und vertauschte den Sonntagsrock gegen eine Leinwandjacke, hob den Haken von der Küchentür und ging in den Hof hinaus.

Ein magerer Sonnenstreif fiel noch in die Ecke hinter der Pumpe hinab.

Knors saß auf dem Steinpflaster neben Mortensen und machte Toilette. Er leckte seine Pfote und rieb sich damit eifrig überall im Gesicht. Aus dem einen Ohr guckte ihm eine Spatzenfeder heraus, sonst sah er ganz unschuldig aus.

»Miau!« sagte er zärtlich, sobald die Küchentür sich öffnete.

Mortensen sagte nichts, empfand wahrscheinlich nichts und zitterte nur hin und wieder wie vor Kälte.

Emanuel stand eine Weile da und sah die Tiere an.

Der Kater scheuerte sich gegen sein Bein, aber er sprach nicht mit ihm, so wie er das sonst zu tun pflegte.

Dann beugte er sich hinab, hob den Hahn-Mortensen in die Höhe und trug ihn in den Schuppen.

Und da drinnen, in der Ecke unter dem Fenster, setzte er ihn vorsichtig wieder nieder, häufte das Stroh um ihn her auf und breitete ein Stück von einer alten wollenen Unterjacke über seinen Rücken und ganz über seinen Kopf. Und jetzt sah man von Mortensen nur die langen dünnen Beine mit den gekreuzten Sporen sowie die äußerste Spitze der beiden geknickten Schwanzfedern.

Madam Thomsen stand in der Küche und besorgte das Mittagessen, als der Sohn vom Hofe hereinkam. Und er ging an ihr vorüber, ohne zu sprechen.

Im Zimmer nahm er die Gesangbücher, sowohl das eigene wie das der Mutter, und rieb sie sorgfältig mit seinem Taschentuch ab, um sie auf ihrem Platz im Sekretär zu verwahren. Als er die Bücher hineingelegt hatte, fiel sein Blick auf Mutter Karens Portemonnaie, den Aufbewahrungsort des spärlichen Wirtschaftsgeldes.

Er griff danach mit einer Bewegung, die viel Ähnlichkeit mit der Knors' hatte, als er den Spatz fing, und öffnete es. Es lagen ein paar Kupfermünzen zerstreut in den Fächern und ein paar Zehnöre- und Fünfundzwanzigörestücke und in ein Stück Papier gewickelt eine Krone.

Blitzschnell griff er nach dem Papier mit dem Geldstück und ließ es in seiner Westentasche verschwinden. Dann schloß er den Sekretär, ging hin und stellte sich an das Fenster, den Rücken dem Zimmer zugekehrt.

Madam Thomsen kam herein, breitete das Tischtuch aus und stellte die Teller hin. Dann holte sie das Essen: Eine Schüssel gekochter Kartoffeln von Onkel Jakobs und eine dünne, wasserklare Sauce.

»Ich habe einen Hering gekauft«, sagte sie schüchtern und sandte ihm einen scheuen Blick zu. »Es ist ja doch Sonntag!«

»Hm! – Ja, wenn du nur Geld ausgeben kannst!«

»Bitte, Manuel. Es ist angerichtet.«

»Danke!«

Manuel setzte sich auf das Sofa. Und Karen nahm auf einem Stuhl am Ende des Tisches Platz. Sie pellte die Kartoffeln ab und legte sie auf seinen Teller.

»Hier ist der Hering.«

»Danke, man will nicht davon haben!«

»Aber Manuel, – Manuel –«

»Man will nicht davon haben, sage ich dir ja!«

Sie stellte den Hering hin. Sie selber wagte jetzt auch nicht, ihn anzurühren.

Sie setzten ihre Mahlzeit schweigend fort. Mutter Karen kämpfte mit dem Weinen, das nahe daran war, die Herrschaft über sie zu erlangen. Manuels rundes Vollmondgesicht wurde immer roter und roter, und seine Augen nahmen einen lauernden, boshaften Ausdruck an. Das bebende Kinn der Mutter und ihre tränengefüllten Augen versetzten ihn nach und nach in helle Wut.

Plötzlich warf er Messer und Gabel klirrend auf den Tisch und sprang auf.

»Man hält es wirklich nicht länger aus, hier zu sitzen und deine saure Miene anzusehen«, sagte er, und sein Gesicht war jetzt weiß und bebend. – »Du könntest einen doch wenigstens in Frieden essen lassen.«

»Manuel, Manuel!«

»Ja, heulen, das kannst du! Das ist auch im Grunde das einzige, was du noch kannst! Man geht auf seine Kammer hinauf!«

Und hinaus stürzte er, durch die Küche, die Treppe hinauf und auf den Boden. Und die Türen schlugen polternd hinter ihm zu.

Dann trat Totenstille ein.

Madam Thomsen hatte das Gesicht in den Händen geborgen und wiegte hilflos den Kopf hin und her.

Und in der Sofaecke saß Knors, einäugig, gedankenschwer und weltweise, und die Spatzenfeder guckte ihm aus dem einen Ohr hervor.


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