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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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In den Thomsenschen Stuben war es still. Karen und Emanuel waren zur Kirche. Es war ja Sonntag, und Thomsen versäumte in der letzten Zeit nie einen Gottesdienst. Sonntag für Sonntag saß er auf seinem Platz, gerade unter der Kanzel, und lauschte angestrengt den Worten des Predigers, ob nicht ein Wink oder eine Äußerung fallen möchte, die ihn allein ihn und seine Lebensfrage, angingen. Er sang die Kirchenlieder von Anfang bis zu Ende mit; er murmelte das Gebet mit dem Küster in der Chortür und summte die Litanei mit, die der Pfarrer vor dem Altar sang. Dreimal im Laufe des Sommers hatte er das heilige Abendmahl genossen. Und er hatte ungefähr eine Krone in den Opferstock gesteckt.

Aber es half alles nichts.

»Gott hat einen verlassen!« sagte er. »Man findet keine Gnade mehr vor seinem Angesicht.«


Ringsumher in der Kirche saßen die Leute Kopf an Kopf in den alten Eichengestühlen.

Die »Siamesischen«, Frau Stadtkassierer Lassen und Frau Redaktrice Heilbunth, hatten einander gefunden. Und an diesem Sonntag waren sie so zärtlich miteinander, daß sie aus demselben Gesangbuch sangen, obwohl eine jede von ihnen eines mit Goldschnitt bei sich hatte.

Die Orgelklänge brausten über die Menge hin. Und die Septembersonne schien durch die bunten Fensterscheiben und warf hier und da farbige Tinten über die Gesichter der Andächtigen.

Frau Buchhändler Oppermann füllte ein ganzes Gestühl aus. Sie war mit Mogens und den andern Novellen erschienen. Geputzt und steif und wohldressiert saßen sie da. Plötzlich aber senkte die eine weibliche Novelle den Kopf und kicherte. Sie hatte einen großen grünen Klecks entdeckt, der sich unaufhörlich auf der Nase der jüngsten männlichen Novelle hin und her bewegte. Es war das Spiel der Sonne durch die hohen Kirchenfenster.

»Rithra!« sagte Frau Oppermann strenge. Und die Kleine hielt das Gesangbuch vor den Mund, schloß die Augen und kämpfte. Sie sah aus, als sei sie seekrank, suchte aber sich zu beherrschen.

»Ich bitte Sie!« flüsterte Frau Lassen ihrem Siamesischen zu. (Frau Lassen hatte sich voll Gift und Galle gesogen, indem sie Frau Oppermanns Hut betrachtete, und nun war der Schwamm voll.) – »Ich bitte Sie!« sagte sie, »das ist, weiß Gott, ein ganzer Vogel Strauß.«

Aber Frau Heilbunth antwortete nicht. Sie machte eine abwehrende Handbewegung und sang andächtig und mit lauter Stimme:

»Auf der Welt ist alles nichtig,
Nichts ist, was nicht kraftlos wär,
Hab' ich Hoheit, ist sie flüchtig.
Hab' ich Reichtum –«

Auch das kleine Fräulein Rejersen, die Rosenjungfrau vom Friedhof, war ganz in Andacht versunken. Ihr Kopf reichte eben über das Gestühl, und während ihre Augen die schimmernden Orgelpfeifen anstarrten, entströmte der Gesang falsch und wild ihrem weit geöffneten Mund. Sie war hingerissen von religiöser Ekstase, und auf ihren kleinen, alten Wangen brannten rote Flecken.

Und dann endete der Gesang, die Orgel verstummte und Pastor Engelhardt bestieg die Kanzel.

Die Gemeinde schloß die Gesangbücher und richtete die Blicke aufwärts. Und Olivia pflanzte geschwinde das Waldhorn an seinen Platz.


Draußen auf dem Platz vor der Kirche spielten die Kinder.

Hier und da standen ein paar Bäume mit Bänken darunter. Hier tummelten sie sich oder saßen sonntäglich rein gewaschen und fein und baumelten mit den kleinen, dicken Beinen in der Luft.

Vor einer der Bänke stand der fette Junge der Stadt (jede Stadt hat ja den ihren). Er stand da, die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit weitgespreizten Beinen.

Den »Klumpen« nannte man ihn. Und er schien aus lauter übermenschlichen Würsten zusammengesetzt zu sein.

Augenblicklich war er Zuschauer eines lautlosen, aber verzweifelten Wettkampfes.

Zwei vier- bis fünfjährige Kinder, ein Junge und ein Mädchen, ritten auf der Bank, die Gesichter einander zugekehrt. Der Junge war dem Mädchen ganz auf den Leib galoppiert, und die Kleine hatte sich nach und nach zurückziehen müssen und saß nun an dem äußersten Rande der Bank. Der Ritter wollte noch weiter vordringen, aber die Dame wollte, wie das begreiflich war, sich nicht freiwillig herabfallen lassen. Und nun hatten sie die Stirnen gegeneinander gepreßt und drängten aufeinander los, stumm, verbittert dunkelrot im Gesicht und mit blutunterlaufenen Augen.

Der Klumpen sah sehr interessiert zu. Aber er rührte sich nicht.

Das Mädchen glitt immer näher an den Abgrund heran. Sie hatte in ihrer Verzweiflung die Nägel in das Holz der Bank gegraben, um ihre Stellung zu behaupten. Kein Laut entschlüpfte ihr, kein Wort. Sie wurde immer röter, und ihre Augen standen ihr wie an Stielen aus dem Kopf heraus.

Und der Junge drängte drauflos. Rücksichtslos, blind wie ein Mann, der lieber sterben als weichen will, und handelte es sich auch nur um einen Zoll. Sein Mund stand halb offen, und seine kleinen Mäusezähne hatte er zusammengebissen. Dann umklammerte auch er mit seinen kleinen rundlichen Fingern den Rand der Bank; und indem er seine ganze Kraft zusammenraffte, preßte er seine Stirne gegen die des Feindes wie ein Widder in der Kampfeswut. Und was vorauszusehen war, trat ein: Die kleine Dame ließ die Bank los, stieß einen gellenden Schrei aus und fiel auf die Erde. Und da lag sie und brüllte aus voller Kehle, die Beine mit den Sonntagshosen hoch in der Luft.

Das Fleisch des Klumpens bewegte sich. Er lachte.

»Da rollt sie hin!« sagte er. Und von seinem Sitz herab schaute der Sieger seine Gegnerin ganz verdutzt an. Dann fing auch er an zu heulen.

Eine lange, sommersprossige Dirne, die in einiger Entfernung »Paradies« gehüpft hatte, kam herbeigesprungen.

»Was habt ihr, Oskar und Christine?« schrie sie. »Könnt ihr euch denn gar nicht vertragen?«

»Sie prügeln sich«, sagte der Klumpen.

»Dann hättest du sie ja auseinander bringen können, du Fett-Friedrich!«

Der Fett-Friedrich aber wandte ihr seine hintersten Würste zu und trabte von dannen.

Vor der Kirchentür blieb er wieder stehen. Dort spielten ein paar Knaben »Kopf oder Schrift« an der Mauer.

Der Klumpen schüttelte den Kopf. Er hielt jegliche Bewegung für Wahnsinn. Die Spielenden entwickelten einen großen Eifer. Und die Kupferstücke flogen durch die Luft!

»Scher' dich weg, Klumpen!«

Der Klumpen bewegte sich zwei Zoll nach links.

»Weg mit dir, Klumpen!«

Der Klumpen bewegte sich zwei Zoll nach rechts.

»Nein, mach', daß du ganz weg kommst«, sagte ein kleiner eifriger Spieler und puffte ihn.

»Nanu!« sagte der Klumpen, »ich kann hier doch auch stehen!«

Und damit ging er hin und stellte sich gegen die Kirchenmauer, genau an die Stelle, gegen die die Jungen ihre Kupfermünzen werfen wollten.

» Hier bleibe ich stehen!« sagte er und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

Der eine Schutzmann des Städtchens, der lange mit dem wütenden Gesicht, Sörensen, kam den Kirchenhügel hinauf. Er witterte mit der Nase wie ein Spürhund.

»Steht ihr hier und spielt an der Kirche während des Gottesdienstes?«

»Nein!« sagten die Spielenden und griffen nach ihren Münzen.

»Was tust du denn da?« fragte er den Fett-Friedrich und ging ihm zu Leibe.

Der Klumpen antwortete nicht. Der Schutzmann konnte ja sehen, daß er nichts tat.

»Wozu stehst du da?« wiederholte der wütende Mann.

»Ich werde die Kirche wohl nicht umstoßen«, meinte der Klumpen.

»Bist du frech gegen die Polizei?«

»Nein!«

»Dann mach', daß du fortkommst!«

»Hm!«

Sörensen packte ihn beim Arm und zog mit ihm ab. Friedrich folgte widerwillig wie eine störrische Kuh. Und als der Wütende ihn los ließ, blieb er stehen, während die andern Jungen sich unter lautem Hurrarufen aus dem Staube machten.

Der Schutzmann drohte ihnen und stürzte sich dann auf eine Gruppe Mädchen, die »Paradies« spielten.

»Keinen Lärm während des Gottesdienstes machen«, sagte er. Die Mädchen verschwanden unter Kreischen und Schreien den Kirchenhügel hinab. Den Beschluß bildete die sommersprossige Kinderhüterin, eins der Kleinen an jeder Hand hinter sich her schleppend. Die Kinder heulten vor Angst, denn man hatte ihnen aus pädagogischen Rücksichten erzählt, daß Sörensen der Vater des Schornsteinfegers sei.

Und weiter zog der Schutzmann. Er nahm eine Razzia rings um die Kirche vor. Und überall verbreitete er Schrecken und Zerstörung.

Schließlich lag der Platz öde und leer da.

Nur vor dem Kirchenportal stand der Klumpen fest und unbeweglich auf zwei gespreizten Beinen und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Er wandte der Kirche seine Kehrseite zu und starrte apathisch den Hügel hinab, hinter den fliehenden Kindern her.


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