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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Oberlehrer Clausen war der »Leibhaftigen Bosheit« draußen auf der Landstraße, nördlich von der Stadt, begegnet. Sie hatten den Weg zusammen fortgesetzt, waren beim Viertelmeilenstein umgekehrt und wanderten jetzt der Stadt zu.

Ein Reiter kam ihnen im Schritt entgegen.

Der Oberlehrer puffte Knagsted mit dem Ellenbogen in die Seite und flüsterte: »Das ist Pastor Engelhardt!«

Der Pastor ritt vorüber und grüßte. Seine langen Locken umwallten die Schultern. Er hatte einen Zylinder auf und einen Radmantel um. Und sein Antlitz war bleich und verklärt.

Esaus Haarzotteln bewegten sich.

»Er gleicht dem Engel Gabriel,« sagte er, »der ausgeht, um zu verkündigen.«

»Na, na, Knagsted!« lächelte der Oberlehrer.

»Hast du es schon gehört, Clausen.« fuhr Esau fort, »daß jetzt ein Erlaß gekommen ist, wonach die Pastoren an den großen Festtagen und zu Hochzeiten und Kindtaufen – im Ornat zur Kirche reiten sollen? Und bei der Konfirmation sollen alle Konfirmanden hinterdrein reiten.«

»Unsinn, Knagsted!«

»Der Antrag ist in beiden Kammern durchgegangen. Und heute morgen hat es in der Berlingschen Zeitung gestanden.«

»Wie kannst du nur auf so etwas verfallen!« sagte Clausen ganz ärgerlich.

»Ich habe den Antrag ja nicht gestellt!«

»Ach was!«

»Nein, der Kultusminister hat es getan. Er ist der Ansicht, daß es unserer eigenen Religion aufhelfen könnte, jetzt, wo der Katholizismus solchen Aufschwung genommen hat.«

»Du solltest dich schämen, Knagsted.«

»Hast du seine Rede nicht gelesen?«

»Du solltest dich schämen, sage ich dir!«

»Ja, meinetwegen gern!«

Der Oberlehrer schüttelte verzweifelnd den Kopf. Dann blickte er über die vielen kahlen Felder hin und sagte mit einem leisen Seufzer:

» Dieser Sommer wäre auch bald wieder hin!«

»Ja, gottlob!«

»Du sagst gottlob?«

»Ja, ich sage gottlob!«

»Du bist nie derselben Meinung wie andere.«

»Nein. Es gibt ja genug, die derselben Meinung sind.«

»Was tut der Sommer dir?«

»Ach nein, mir persönlich tut er gerade nichts (Knagsted sprach stets mit unerschütterlichem Ernst). Mir ist es einerlei. Aber die Leute werden so verrückt im Sonnenschein: genau so, als wenn sie in der Lotterie gewonnen hätten. Sie putzen sich und gehen in den Wald und segeln, und dann singen sie und lamentieren und stellen sich an. – Es sollte immer Regenwetter sein!«

»Pfui, du verdirbst mir den ganzen Spaziergang, Zöllner!«

»Und dann schreiben sie gesperrt in die Zeitungen, daß jetzt der Star gekommen und daß jetzt der Kiebitz gekommen ist. Es würde doch viel sonderbarer sein, wenn sie fortgeblieben wären!«

»Liebst du denn die Natur nicht?«

»Die Natur? – Nein! – Die kenne ich.«

»Und die grünen Bäume und die Blumen und das Meer?«

»Das kenne ich alles!«

»Du kennst ja aber auch das Regenwetter.«

»Ja. Aber dann halten die Leute doch wenigstens den Mund und bleiben im Hause.«

»Du gehst doch auch aus!«

»Ich gehe um meines Magens willen!« Der Oberlehrer legte sanft seine Hand auf den Arm des Kontrolleurs und sah ihm in die Augen.

»Ich glaube, du bist ein unglücklicher Mensch, Knagsted.«

»Ja! Welch Frauenzimmer hat die Idee ausgebrütet? Weil man nicht schon längst vor Lachen geplatzt ist, braucht man doch nicht gleich unglücklich zu sein!«

»Ich kann dich nicht verstehen, Knagsted«, sagte der Oberlehrer tief bekümmert. – »Ich kann dich wirklich nicht verstehen!«

»Das nimm dir nur nicht zu Herzen, kleiner Oberclausen! Zum Teufel auch, wozu solltest du mich wohl verstehen. Immer und ewig müßt ihr ›verstehen‹. Wenn man etwas erst versteht, Mensch, so ist es ja langweilig. Ihr solltet mich lieber im Rathaus gratis bespeisen, weil ich alle hier belustige! – Aber vergiß nicht: Keine heißen Weine! Die verträgt mein Magen nicht!«

»Du bist wirklich ein unglücklicher Mensch!« sagte der Oberlehrer mit Überzeugung.

»Meinst du, weil ich keine heißen Weine vertragen kann?«

»Ach was, du mit deinen heißen Weinen! Nein, deine Seele ist krank!«

Der Zöllner lächelte hinter seinem Urwald.

»Ja, dann posaune es nur bei deinem nächsten Kaffeeklatsch aus«, sagte er. »Dann bekommst du am Ende zwei Tassen.«

»Wenn wir doch nur Einfluß auf dich gewinnen könnten!«

»In bezug auf was?« fragte Knagsted und sah seinen Begleiter zum ersten Male an.

»Auf deinen innern Menschen –«

»Hm! Wie viele Menschen meinst du denn, daß ich habe?«

Clausen wurde heftig:

»Ich kann es nicht ertragen, daß du so mit den Worten spielst!« sagte er, und das Blut schoß ihm in die Wangen, »du weißt sehr wohl, daß wir gern etwas für dich tun möchten – daß – daß die Stadt dich gern mit sich verschmolzen sähe – dich in die Gesellschaft aufnehmen würde! Du – du gehst hier so verlassen umher, und – und –«

Esau blieb stehen. Und indem er seinen schweren Stock hart auf die Steine der Landstraße niedersetzte und beide Hände auf die Krücke stützte, hob er sich auf die Zehenspitzen und steckte dem Freunde seine Haarfülle gerade unter die Nase, indem er brüllte:

»Was zum Teufel geht denn euch das an!«

Der Oberlehrer wich einen Schritt zurück.

»Hast du denn keine Menschenseele, die du liebhast?« fragte er.

»Ja!« antwortete Knagsted, »Bismarck und Exkönig Milan von Serbien.«

Der Oberlehrer schüttelte trübe den Kopf. Es tat ihm wirklich im Innersten seines Herzens weh, daß er nicht imstande war, etwas für diesen armen Menschen« zu tun. Plötzlich kam ihm ein lichter Gedanke, er sagte:

»Aber du fährst ja auch in den Wald!«

»Was tue ich?«

»Du bist ja im Sommer auch im Walde gewesen!«

Die Haarzotteln des Zöllners standen zu Berge.

»Ja, ich bin im Walde gewesen!« gab er ruhig zu. »Aber das war hauptsächlich, um mit euch andern Bestien einen Leichenschmaus für Eriksen abzuhalten.«

Clausen bebte vor Entrüstung.

»Knagsted!«

»Ja, dann bekümmere dich in Zukunft nicht um meine Angelegenheiten, lieber Oberclausen!«

Dann schritten sie eine Weile schweigend nebeneinander her.

Durch das Nonnentor kam ein kleiner, leichtgebauter Federwagen in fliegender Eile gesaust.

»Der Killekille-Gutsbesitzer!« sagte der Zollkontrolleur.

Der Wagen sauste an ihnen vorüber, so daß der Staub um die Räder flog. Zwei blitzende Schimmel waren vor das Fuhrwerk gespannt, und sie wurden mit kundiger Hand von einem großen, breitschultrigen, blonden Mann gelenkt, dessen weiße Zähne lachten, als er an ihnen vorüberfuhr und flott mit der Peitsche grüßte.

»Es ist doch unverantwortlich, wie Heimann immer fährt!« sagte der Oberlehrer. »Er muß nach Hause und Killekille machen!«

»Ach was!«

»Er baut sich einen neuen Flügel an das Hauptgebäude an!«

»So?«

»Hast du gar nicht davon gehört?«

»Nein!«

»Ja! – Eine Schlafstube in der Mitte mit Oberlicht.«

»Hm. –«

»Und dann sechs Zimmer ringsumher. Das sollen Mädchenstuben werden.«

»Daß du mit so etwas Spott treiben kannst, Knagsted!«

»Ich spotte gar nicht! – Und dann sollen die Namen der Mädchen an die Türen geschrieben werden, und dann killekillt er sie in alphabetischer Reihenfolge. Und an seinem Geburtstag nimmt er sie alle zusammen vor! – Weißt du, was er alljährlich an Alimentationsgeldern bezahlt?«

Clausen antwortet nicht.

»Fünfzehnhundert Kronen! Genau soviel, wie mein Gehalt beträgt.«

»Und findest du nicht, daß das traurig ist?«

»Ach nein, so etwas amüsiert mich.«

Und wieder stampften sie schweigend weiter. Der Oberlehrer lang, mager, abgezehrt und friedlich. Knagsted, klein, vierschrötig, behaart und finster und geladen mit allen möglichen Ungeheuerlichkeiten.

Ein Pädagog und ein Kobold. –

Die Landstraße führte über einen Hügel und fiel dann allmählich nach der Stadt zu ab.

Als die beiden Gesellen auf den Gipfel des Berges gelangt waren, zeigte der Zöllner über die Felder auf einige hohe Bäume.

»Da unten liegt Thumelumsensheim«, sagte er.

Es war der Mühlenhof, dessen Schornsteine zwischen den Bäumen hervorragten. Der Oberlehrer lachte gegen seinen Willen über den Namen.

»Ja, du lieber Gott,« sagte er. »der arme Thomsen!«

»Du machst dir auch Kummer und Sorge um mancherlei Dinge, lieber Clausen.«

»Ja, aber er ist in der Beziehung auch wirklich geisteskrank.«

»Ganz verrückt, mit Auszeichnung, ja! Aber dafür lebt er nun einmal. Du hast ja auch deine Hirngeschwulst!«

»Ich?«

»Freilich! Hast du nicht eine Kunstgärtnerei in allen Fenstern?«

Der Oberlehrer lächelte milde bei dem Gedanken.

»Ach ja, meine lieben Blumen!« sagte er.

»Ja, da siehst du! – Man muß so etwas haben, um es auszuhalten. Heimann zum Beispiel hat sein Killekille. – Und ich habe auch mein Lebenselixier.«

»So? – Wirklich?« fragte Clausen sehr interessiert.

»Ja, ich sammle Kommata.«

»Kom –«

»Ja, Kommata! Wenn ich ein Buch lese, so zähle ich sie nach und führe Rechenschaft darüber.«

Der Pädagoge stand unsicher da.

»Ja – aber –« stammelte er. »Ja – aber – dann, finde ich, kannst du den Inhalt des Buches nicht so recht genießen.«

»Nein, das kann ich freilich nicht,« nickte der Waldteufel, »aber das macht ja nichts, wenn ich nur meine lieben Kommata bekomme!«

Die Sonne schien in die Ecke hinter der Pumpe in Karen Thomsens Packkiste vom Hofplatz hinab. Und im Sonnenschein stand der Hahn-Mortensen mit seinem struppigen Körper, seinem hängenden Kopf und seinen beiden geknickten Schwanzfedern.

Er stand wie gewöhnlich da, ohne sich zu rühren. Er war im Laufe des Sommers noch abgetakelter und jämmerlicher geworden, schmalschultrig und klein und fröstelnd. Und wenn man es nicht besser gewußt hatte, würde man darauf geschworen haben, daß es eine Hahnenleiche sei, die auf einem Misthaufen gefunden und von einer witzigen Person hier aufgestellt war, um furchtsame Seelen zu erschrecken.

Auf dem Dach des Bretterschuppens saß ein Haufen Spatzen, die plauderten und zwitscherten und sich wohlgefällig aufbliesen. Der Himmel war hoch und hell, und die Luft war warm. Es war der letzte Sonntag im September.

Auf der Schwelle der Küchentür lag »Knors« und spann.

Er sah so ungeheuer ehrwürdig-zuverlässig aus, als ob all der Fleischhunger und Blutdurst dieser Welt seinen Gedanken hundert Meilen fern läge. Nur daß er von Zeit zu Zeit sein eines, ihm noch gebliebenes, grünlichgelbes Auge zu den Spatzen erhob, während die Pupille sich ein klein wenig zusammenzog, und die alten, zerrissenen Ohren zitterten.

Dann kam ein neuer Spatz geflogen. Der hatte irgend etwas Eßbares im Schnabel. Und sofort entstand Aufregung und Prügelei. Die kleinen Kampfhähne oben auf dem Dach schrien und kreischten und tummelten sich herum und hieben mit Schnäbeln und Klauen aufeinander los und schlugen wild mit den Flügeln.

Knors erhob sich vorsichtig und glitt von der Schwelle herab. Seine Schwanzspitze bewegte sich, und er riß die Kiefern auf und schnappte krampfhaft in die leere Luft hinein, als finge er einen eingebildeten Braten. Immer näher glitt er an den Bretterzaun hinan, der in einer Linie mit dem Schuppen lag. Sein ganzer Körper zitterte, und die Pupille in seinem starrenden Auge war schmal wie eine Messerschneide.

Die Spatzen jagten noch immer mit Geflatter und Geschrei durcheinander.

Da krümmte der Kater den Rücken. Alle seine zehn Krallen kamen aus ihren Futteralen heraus. Und mit einem gewaltigen Sprung schnellte er sich, trotz seiner fünfzehn Jahre, auf den Bretterzaun und sprang von dort auf das Dach.

»I–i–ih!« schrie ein Sperling. Knors hielt ihn unter der Pfote fest.

Und mit einem Schrei des Entsetzens schnellten die andern kleinen Vögel auf, über das Nachbardach und davon.

In seiner Ecke aber saß Mortensen. Er empfand nicht das geringste. Er erhob den Kopf nicht und öffnete auch die Augen nicht. Die Umwelt existierte nicht mehr für dieses Überbleibsel von einem Hahn.


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