Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Johannes Wied >

Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
Schließen

Navigation:

Es war im September. Und im Städtchen fand der alljährlich Herbstmarkt statt.

Flaggen und Wimpel aus allen Ländern und Reichen der Erde flatterten im Winde. Die Südstraße und der Marktplatz waren ein völliges Sammelsurium, halb Industrieausstellung, halb Tingeltangel. An den Bürgersteigen entlang waren Krambuden errichtet; und der Marktplatz zu Füßen der weißen Kirche war mit Zelten bedeckt, in denen die unglaublichsten Sehenswürdigkeiten vorgezeigt wurden: Fette Damen – Magere Männer – Kälber mit sechs Beinen – Wergfresser – Meerjungfrauen – Präsident Carnots Mörder – Und »zwei« Zwillinge in Spiritus.

Invaliden mit Leierkasten durchzogen die Stadt. Jeder spielte seine Melodien. Und wenn sie sich begegneten, blieben sie stehen, spielten drauflos, schrien einander an und bedrohten sich gegenseitig mit den Überresten ihrer Glieder.

Seit dem frühen Morgen kamen die Bauern in die Stadt gerollt. Und der ganze Ort roch nach Flauschröcken und ff. Portoriko!

Auf dem Markt, vor einer Fünfzigörebude, stand Mutter Karens Bruder, Jakob Henriksen, der Küster aus Grästed, mit seiner Tochter Wulfdine. Der Vater wollte der Tochter eine Marktgabe spenden, aber angesichts aller dieser Herrlichkeiten war es unmöglich, zu einem Entschluß zu gelangen.

Wulfdines kleine Mäuseaugen verschlangen die Gegenstände, die vor ihr auf dem Tisch der Bude standen.

Sie war nicht imstande, einen Entschluß zu fassen! Bald hatte sie die größte Lust zu einem muschelbeklebten Nähkasten, bald zu einem samtüberzogenen Photographierahmen und dann wieder zu einem »echten chinesischen Fächer mit einem spanischen Stiergefecht«.

»Nun, Dine,« sagte der Küster, »was soll es denn sein?«

Dine lächelte von einem Ohr zum andern und klappte im Rücken zusammen. Sie war so schrecklich genierlich, das Kind, und versank bei der geringsten Veranlassung in den Erdboden.

»Ich weiß es wirklich nicht,« sagte sie und errötete und wand sich, »es ist ja alles so reizend!«

»Wollen wir den Nähkasten nehmen?«

»Gehört eine Nadeldose dazu?«

»Ja–a«, sagte die Madam hinter dem Schautisch – »Und ein Nadelkissen und ein Fingerhut und eine Schere.«

»Wollen wir ihn denn nehmen, Wulfdine?«

Wulfdines Gelenke knackten, so wand und krümmte sie sich.

»Ich weiß wirklich nicht –«

»Ja – dann nehmen wir den Kasten«, sagte der Küster, reichte ihn seiner Tochter und bezahlte.

Wulfdine errötete bis an die Haarwurzeln, und ein glückseliges Lächeln entblößte ihre Gaumen.

»Danke!« sagte sie und hielt den Nähkasten auf ihren aufgespreizten Fingern vor sich hin.

»Dann komm auch, mein Kind!«

»Ich muß ihn mir doch erst einwickeln!« Und sie zog ein rotbuntes Taschentuch aus ihrer Kleidertasche und knüpfte sorgfältig dessen vier Ecken um ihr Kleinod zusammen.

Sie gingen ein wenig auf dem Marktplatz umher, besahen die Buden und hörten den Ausrufern zu. Es war gedrängt voll von Marktgästen.

»Willst du in irgendeine Bude hineingehen und etwas sehen, Dine?«

»Nee!« sagte Dine und versank vor Entsetzen fast in die Erde. Den Kasten trug sie sorgfältig auf dem Arm, als sei es ihr Erstgeborenes. Von Zeit zu Zeit sandte sie ihm einen zärtlichen Blick zu.

Der Küster bog in die Südstraße ein.

Sie kamen an einem Leierkastenmann vorüber, der die Melodie: »Zwei Drosseln saßen im Buchenbaum« spielte.

Dine zog den Vater an dem Rockschoß.

»Laß uns einen Augenblick stillstehen!«

Und sie standen still.

Dine zupfte von neuem:

»Hast du nicht ein Kupferstück, Vater?«

Der Alte holte das Portemonnaie aus der Tasche und gab ihr das Gewünschte.

Wulfdine errötete und klappte zusammen und versank. Dann aber faßte sie plötzlich Mut, wogte hin und legte das Geldstück auf den Leierkasten.

»Da!« sagte sie und wogte schleunigst zurück.

Der Leiertastenmann nickte und drehte, er hatte nur einen Arm.

»Danke, kleines Fröhlen!« sagte er. Und dann beugte er das Gesicht über den Leierkasten, nahm das Geldstück mit den Lippen auf und spie es in eine Blechbüchse, die ihm vorn auf der Brust hing. Und dann fiel er mit zitternder Branntweinstimme in die Melodie ein und sang:

»Sie schwiegen vor Kummer und Leiden!
Denn, ach, sie sollten scheiden!«

Dine stand wie angewurzelt auf dem Straßenpflaster, und in ihren Augen schimmerten Tränen.

»Dine!« rief der Vater. – »Dine!«

Ein mächtiger Seufzer hob Dines kleinen Busen, dann riß sie sich los und folgte dem Vater.


 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.