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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Als der Oberlehrer in der Richtung des Bahnhofgebäudes verschwunden und der Bahnwächter in seinen Schuppen gegangen war, glitt ein kleiner, schiefer Schatten aus einem gegenüberliegenden Torweg hervor. Er guckte sich vorsichtig nach allen Seiten um, ob irgendeine Menschenseele zu entdecken sei. Aber es herrschte Totenstille auf dem Platze, und die Straße lag öde und leer da.

Da schlich der Schatten geräuschlos über den Fahrdamm und auf den Weg, der an dem Bahnterrain entlangführte. Als er die Gitterpforte erreichte, durch die die Kinder entschlüpft waren, beugte er sich hinab und nahm mit hastigen, nervös-zitternden Handbewegungen die vier Zipfel eines alten, zerlumpten Schürzenüberrestes zusammen, in dem ein Haufen Kohlen aufgehäuft lag.

Dann erhob er sich, spähte abermals vorsichtig nach allen Seiten und kroch seitwärts wie ein Taschenkrebs mit seiner Beute von dannen, in die Bachgasse hinein, die an Bäcker Windbergs Hinterhaus und Kaufmann Becks Speichern entlangläuft und kurz vor dem Nonnentor, ungefähr fünfzig Schritt von Karen Thomsens Haus entfernt, in die Landstraße mündet.


Die Turmuhr an der Kirche der Weißen Schwestern schlug zehn. Und von Gottes Himmel herab leuchteten die ewigen Sterne.

Der »Luxusbauch« war gestorben. Er hatte daheim bei Tische gesessen und war gerade beim Braten, einem vorzüglichen Kalbsnierenbraten, angelangt, als er plötzlich Messer und Gabel hinlegte, seine Haushälterin bekümmert ansah und sagte:

»Ich kann nicht mehr, Mamsell Svendsen!«

Worauf er vom Stuhl gesunken war und seinen Geist aufgegeben hatte.


Die Kirchentür stand weit geöffnet. Und vom Altar und durch den Mittelgang kamen die »Brüder« Schritt für Schritt mit dem blumengeschmückten Sarge des Entschlafenen daher.

Aber schon mitten in der Kirche, ungefähr der Kanzel gegenüber, mußten sie ausruhen. Die Kirchendiener stellten die Schemel unter die Bahre und die sechs Träger ließen die florumwundenen Bügel fahren und atmeten tief auf. Und während die Orgel gedämpft die Melodie zu »Lehr' mich, o Wald, zu welken froh« spielte, changierte man von rechts nach links herüber und wechselte die Plätze. Worauf man, nachdem man sich abermals verschnauft hatte, wieder zugriff und den Sarg durch das Waffenhaus und hinaus bis an den Leichenwagen trug, der vor dem Portal hielt.

Eriksens Sarg war von ganz enormem Umfang; ein ganz absonderlicher Sarg war es. Und namentlich war der Deckel unverhältnismäßig hoch und gewölbt. Man hatte nämlich den Fehler begangen, dem Toten die Maschine abzunehmen. Die Erben hatten es für eine unnötige Verschwendung gehalten, sie mit ins Grab zu legen. Aber die Folge dieser Sparsamkeit war, daß der Bauch der Leiche in dem Maße aufgeschwollen war, daß die Kosten für den ungeheuren Sarg bei weitem die Summe überstiegen, die die Maschine möglicherweise einbringen konnte, selbst wenn man das unverschämte Glück haben sollte, sie unter der Hand an einen Liebhaber zu verkaufen. Draußen vor der Kirche wurde die Bahre abermals auf Schemel gesetzt.

Es würde Redakteur Heilbunth und den übrigen Brüdern eine absolute Unmöglichkeit gewesen sein, sie auf den Wagen zu heben. Ihre Knie schlotterten ihnen buchstäblich infolge des Ganges durch die Kirche. Stadtkassierer Lassen schwankte und fiel Fabrikant Rössel in die Arme, so überanstrengt war er.

Sechs arbeitsgewohnte und muskelstarke Männer traten deswegen vor, wippten den Sarg auf den Wagen und schoben ihn unter den Baldachin. Die Federn sanken zusammen, die Räder bohrten sich in den Kies hinein, und man mußte den Pferden in die Halfter greifen, um sie dazu zu bringen, sich in Bewegung zu setzen.

Und dann fingen die Glocken an zu läuten, das Gefolge ordnete sich, und der Zug zog davon.

Man fuhr durch die Kierkegade über den Marktplatz, die Südstraße hinauf und bog dann über die Dybensbrücke in den Prinzessinnensteig ein, der zum Friedhof führte.

Es war das ein Umweg; aber man wollte dem Verstorbenen Ehre erweisen, indem man dem Gefolge Gelegenheit gab, sich in seiner ganzen Länge zu entfalten. Und imponierend war es. Denn als der Leichenwagen an Bäcker Windbergs Laden vorüberkam, waren die letzten Leidtragenden erst bei Kürschner Hatteras' Eckhaus auf dem Marktplatz angelangt.

Alle Häuser hatten halbmast geflaggt. Und die Straßen waren mit Blumen und grünen Zweigen bestreut. Hinter den Ladentüren standen Gesellen und Lehrlinge. Und Frauen und Kinder sahen durch die Fenster der Wohnräume.

Rentier Eriksen war eine Spitze gewesen!


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