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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Unterhalb der Gärten am Fjord entlang, lief ein geschnörkelter und gewundener Spaziersteig, kiesbedeckt und eben und von breitkronigen Linden überschattet.

Das war die feinste Promenade der Stadt.

Wenn man an Sommersonntagen in der Kirche gewesen und Gott gegeben hatte, was Gottes war, so eilte man mit den Gesangbüchern nach Hause und wanderte dann den Spaziersteig entlang, um die Beine ein wenig zu bewegen und sich etwas Motion vor dem Mittagessen zu machen.

Die Beine bewegen, ja; und die Augen und den Mund ebenfalls!

Denn diese oder jene kleine Evastochter paradierte ja gern mit einem Hut oder einem Umhang, dessen Schnitt, Besatz und Farbe bisher nicht im Städtchen erblickt war.

Und wenn der neue Hut dann vorbeistolzierte, oder der revolutionäre Umhang, im Winde flatternd, unkeusch sein buntes Seidenfutter zeigte, da steckten alle die vorjährigen Kopfbedeckungen und Umhänge und alle die mit Lasting gefütterten Jacken die Köpfe zusammen und sangen ein Lied, das sehr wohl dem Gesangbuch hätte einverleibt und unter die Rubrik »Tod und Verdammnis« aufgenommen werden können!

Aber acht Tage später wimmelte die Promenade von epochemachenden Hüten und seidenknitternden Sommerjacken.


Auch an warmen Abenden, wenn der Wind schlafen gegangen war und die Sonne hinter den Hügeln und Wäldern jenseits des Fjordes versank, wanderten die guten Männer und Frauen der Stadt unter den duftenden Linden, während die Vögel ihr Abendlied sangen und die weiße Kirche hoch oben über den niedrigen Dächern des Städtchens wie Schnee und Marmor schimmerte.

Es war an einem solchen Abend. Und der Kies knirschte unter den Füßen der Spaziergänger.

Da ging Frau Stadtkassierer Lassen mit Frau Redakteur Heilbunth, die »Siamesischen« nannte man sie. Und da ging Pastor Engelhardt mit seiner kleinen spitznäsigen Frau, die seinen Verkündigungen die Würze verlieh. Und der athletische Bäckermeister Windberg, dessen Mamsells in der Regel Zwillinge bekamen, ging dort. Und der Küster Kiär mit seiner Haushälterin. Und Materialwarenhändler Rübensie und Holzhänder Kühle und die Klassenlotteriekollektrice Brandstrup und noch viele andere. Und auf der Bank, die mit dem Rücken nach Kreisarzt Smiths Garten stand, saß Oberlehrer Clausen, der unglücklicherweise der alten Olivia Rejersen, der Schwester des Bürgermeisters, in die Arme gelaufen war.

Sie war stocktaub, das Fräulein Olivia Rejersen, und jedesmal, wenn der Oberlehrer eine ihrer zahlreichen Fragen beantworten wollte, mußte er sich zu ihr herabbeugen und aus voller Kraft seiner Lunge in ein ungeheures Waldhorn von Hörrohr tuten, das sie mit einer unglaublich geschwinden kleinen Bewegung in ihr linkes Ohr pflanzte.

Oberlehrer Clausen war der einzige der »Freßsäcke«, der sich jemals herabließ, die Promenade zu besuchen.

»Wer kommt denn da?« fragte Fräulein Rejersen, – »die mit den roten Federn!«

»Das ist Frau Oppermann!« brüllte der Oberlehrer, in das Waldhorn.

»Was sagen Sie, Herr Clausen?«

»Frau Oppermann!«

»Ach so, – die Hebamme?«

»Nein! Sie hat eine Buchhandlung!«

»So? Wie heißt denn die Hebamme?«

»Frau Fredriksen!«

»So, also das ist Frau Fredriksen! Ich kann die beiden Damen nie auseinander halten!«

»Nicht?«

»Was sagen Sie!«

»Nicht?«

»Nein, wahrhaftig nicht! Großartig, wie sie sich herausgeputzt hat!«

»Ja!«

»Was sagen Sie? Sie müssen lauter sprechen!«

»Ja-a-a!«

Frau Oppermann schritt grüßend und sich verneigend durch die Menge. Ihr folgten ihre fünf Kinder, drei Mädchen und zwei Knaben, allerliebst und schick in Kleidung und Schuhwerk.

Jedes Gespräch verstummte, wo sie vorüberglitt. Die Augen der Männer strahlten. Aber die Lippen der Frauen wurden stramm.

»Famoses Weib!« sagte Holzhändler Kühle und puffte Materialwarenhändler Rübensie mit dem Ellenbogen in die Seite. – »Dessertschokolade, Alter!«

»Suchard N. I«, sagte Rübensie. Und Küster Kiär zupfte, von seiner Haushälterin ungesehen, Bäckermeister Windberg am Rockschoß und flüsterte:

»Wiener Torte, wie?«

Frau Stadtkassierer Lassen sah sich freilich gezwungen, zu Frau Redakteur Heilbunth zu sagen, sie begriff es nicht, woher diese Frau Oppermann die Kleider bekäme, mit denen sie sich und ihre Kinder herausputzte!

»Denn, du lieber Gott, Frau Heilbunth, die Buchhandlung. – ich bitte Sie! Wer kauft wohl Bücher? Die leiht man sich doch!«

Was aber Frau Lassen am meisten empörte, war, daß Frau Oppermann auch ein Feueranbeter von J. P. Jakobsen war, und daß sie ihrem ältesten Ableger in der Taufe den Namen Mogens gegeben hatte, während sie, sobald nur jemand es hörte, die übrigen in Bausch und Bogen unter der Bezeichnung: »meine anderen Novellen« zusammenfaßte.

Und diese wirklich bedeutende, geistreiche Bemerkung konnte Frau Lassen der Dame nicht verzeihen. Teils weil sie (Frau Lassen) sie nicht selber ausgeheckt hatte. Teils aber, und wohl hauptsächlich, weil die Verbindung der Frau Stadtkassierer mit Herrn Lassen trotz fünfzehnjähriger unwandelbarer Treue stets unfruchtbar geblieben war.


Die Sonne war untergegangen. Und über dem Fjord begann der Abendnebel in großen, wogenden Schleiern aufzusteigen. Hin und wieder ging ein leichtes Sausen durch die Kronen der Linden, und die großen, herzförmigen Blätter zitterten auf ihren feinen Stengeln. Der Vogelgesang war verstummt.

»Es fängt wahrhaftig schon an, kühl zu werden!« schrie Fräulein Rejersen.

»Ja–a!« brüllte der Oberlehrer in das Hörrohr hinein. »Sie sollten nach Hause gehen. Fräulein!«

»Ja, ich glaube, das tue ich auch! Adieu. Herr Clausen! Es ist mir ein Vergnügen gewesen!«

»Danke, gleichfalls!«

»Was sagen Sie?« »Danke, gleichfalls!«

»Ach, ich bitte!«

Und dann trennten sie sich.

Der Oberlehrer blieb allein auf der Bank sitzen. Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite und sah sich nach der kleinen alten Dame um, die mit ihrem zierlich erhobenen Kleide von dannen trippelte.

Dann lächelte er gutmütig, streckte die Arme in die Luft und gähnte herzhaft.

»Sie haben sich anscheinend gut amüsiert!« sagte ein tiefer Baß neben ihm. Es war Bäckermeister Windberg.

Der Oberlehrer lachte leise vor sich hin.

»Ja, die alten Vögel müssen zusammenhalten«, meinte er.

»Kommen Sie mit?« fragte der Bäcker.

»Nein, ich glaube, ich bleibe hier noch ein wenig sitzen. Es ist so schön hier! – Sehen Sie, – das sieht wirklich gut aus!« nickte er und zeigte über das Wasser, wo der Schleppdampfer des Städtchens sich vorwärts arbeitete mit aus dem Schornstein sprühenden Funken und Licht hinter den kleinen, runden Fensterscheiben des Maschinenraums. Und dahinter hoben sich die dunklen Masten und der große, schwerfällige Rumpf eines Segelschiffes scharf von dem weißgelben Himmel ab.

Der Bäckermeister sah über den Fjord hinaus.

»Ach!« sagte er, »das ist ja nur der Schleppdampfer!«

Und dann wandte er sich um und ging.


Es wurde immer dunkler auf der Promenade. Und in der Stadt wurden die Laternen angesteckt.

Denn es war kein Mondschein.

»Dumm, Dummelum. Dumdum!« summte der Oberlehrer und schlug den Weg zum Hafen hinab ein.

Das Zollgebäude lag dunkel und verschlossen da. »Die leibhaftige Bosheit« war nach Hause gegangen in ihre einsamen Stuben.

Hinter den Fenstern der kleinen, niedrigen Häuser am Hafenplatz schimmerte Licht. Und man hörte von drinnen Stimmen, die sprachen, und Gesang und fröhliches Lachen. Zuweilen aber auch brummendes Schelten, Kinderweinen, lautes Geschrei und donnernde Schläge auf den Tisch.

Der Oberlehrer bog nach links ab und schlug den Weg ein, der über den Grauen-Bruder-Hügel führte, von wo sich eine Aussicht über das Land nach Westen zu eröffnete und von wo man Häuser und Gehöfte in weiter Ferne auf den nebligen Feldern auftauchen sah. Aber gen Osten, unten am Fuß des Hügels, lagen die Stadt und die Kirche zusammengekrochen, Haus an Haus, wie eine Schar Küchlein unter den Flügeln einer Henne.

Und weiter ging er. Vorüber an der Gerberei und der Südmühle, deren nackte Flügel, ein Kreuz bildend, feinen, luftigen Leitern glichen, die direkt in den Himmel hineinführten.

Wo aber der Weg wieder abfiel, da war das ausgedehnte Terrain der Eisenbahn. Und hier lag die Stadt offen und ohne Schutz. Die alten, schützenden Linden des Spazierweges waren längst umgehauen, und zu den Zeiten der Tag- und Nachtgleiche strich der Südwestwind ungehindert durch die Straßen und stemmte sich den älteren, gesetzten Bürgern gegen die Brust, wenn sie sich, über den Vandalismus der Jetztzeit murrend, um die Ecken und durch die Torwege kämpften, den Hut tief in die Stirn gedrückt und die Hand verbittert um die Elfenbeinkrücke des spanischen Rohrs geballt.

Schwarz und öde lag der Platz hinter dem niedrigen Holzgitter der Eisenbahn. Nur eine vereinzelte Laterne warf hier und da ihr flackerndes Licht über den Wirrwarr von Kurven und Linien der Bahnschienen.

Vor einem niedrigen, schwarzgeteerten Holzschuppen an einer Ecke des Platzes hielten zwei Transportwagen. Sie waren halb voll Kohlen, mit deren Abladung man am Nachmittag beschäftigt gewesen war.

Und in demselben Augenblick, als der Oberlehrer an dieser Stelle vorüberkam, wurde eine Tür des Schuppens aufgerissen, und ein Mann mit einer Laterne fuhr heraus.

»Ihr verdammtes Teufelsdiebespack!«

Und im selben Augenblick stürzte ein halbes Dutzend zerlumpter Kinder, Knaben und Mädchen, durcheinander, stolpernd und strauchelnd über die Schienen, aus der Gittertür heraus, quer über den Fahrdamm und in die anstoßenden Straßen hinein! Weg waren sie, ehe noch eine Minute verflossen war! Man hörte die fliehenden Schritte ihrer flachen Holzschuhe und Pantoffel wie kleine, geschwinde Hammerschläge auf das Steinpflaster schlagen, bis sie sich in weiter Ferne in Haustüren und Torwegen verloren.

»Das Diebesgelichter!« murmelte der Mann und leuchtete mit seiner Laterne unter die Wagen, »laufen sie hier herum und stehlen Kohlen!«

Ein kleines Mädchen von drei bis vier Jahren saß zusammengekrochen in einer Ecke hinter einem der Wagenräder. Ihre Augen standen ihr starr vor Schrecken aus dem Kopf heraus, als der Schein der Laterne auf sie fiel; und ihre Hände und ihr Gesicht waren schwarz von der mütterlichen Erde.

Der Mann zog sie hervor.

»Du Teufelsdirne!« sagte er. »Ich will dich lehren zu stehlen!«

Die Kleine stieß ein gottserbärmliches Geheul aus, und der Boden unter ihr wurde naß.

»Willst du machen, daß du nach Hause kommst«, sagte der Mann mit lauter Stimme und stampfte mit beiden Beinen auf die Erde, als wollte er sie verfolgen.

Und als jage sie der Teufel, trudelte die Kleine wie ein Ball über die Schienen und verschwand auf demselben Wege wie die andern.

»Das ist wohl nicht so ganz leicht, Kristoffer«, sagte der Oberlehrer, der außerhalb des Gitters stehengegeblieben war.

Der Bahnwärter hob die Laterne in die Höhe.

»Ach, Sie sind es, Herr Oberlehrer!« sagte er. »Nein, weiß Gott ist es nicht leicht! Und man bringt es ja nicht übers Herz, sie zu prügeln. Die Eltern stiften sie ja dazu an! Und nun bekommen sie zu Hause Prügel, weil sie keine Kohlen mitbringen!«

»Sie hätten sie ja ruhig ein Paar Stücke aufsammeln lassen können. Kristoffer!«

»Wir haben unsere Instruktion. Herr Oberlehrer!«

»Ja, das habt Ihr wohl! – Gute Nacht. Kristoffer!«

»Gute Nacht, Herr Oberlehrer!«


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