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Die Lebensfreude

Emile Zola: Die Lebensfreude - Kapitel 7
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typefiction
authorEmile Zola
titleDie Lebensfreude
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XII
year1924
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Als Frau Chanteau wenige Minuten vor dem Essen am Abend heimkehrte, war keine Rede mehr von Luise. Sie rief einfach Veronika, um sich ihre Stiefelchen ausziehen zu lassen. Der linke Fuß tat ihr weh.

»Alle Wetter! das ist nicht erstaunlich,« murmelte die Magd, »er ist angeschwollen.«

In der Tat hatte sich die Naht des Leders auf dem weichen, weißen Fleische rot abgedrückt. Lazare, der herunterkam, betrachtete die Sache.

»Du bist zuviel gelaufen«, sagte er.

Sie war kaum durch Arromanches gegangen. Außerdem litt sie an diesem Tage stark an Beklemmungen, die schon seit Monaten zunahmen und sie zu ersticken drohten. Sie gab jetzt den Stiefelchen die Schuld.

»Diese Schuhmacher können sich nicht dazu entschließen, den Spann möglichst hoch zu machen... Sobald ich die Schuhe zu fest gebunden habe, ist es eine wahre Qual.«

Da sie in den Pantoffeln keine Schmerzen mehr litt, beunruhigte man sich nicht weiter. Am nächsten Tage war die Geschwulst bis zum Knöchel vorgeschritten, verschwand aber in der folgenden Nacht ganz.

Eine Woche verstrich. Von der ersten Mahlzeit an, die Pauline mit Mutter und Sohn am Abend der Katastrophe zusammengeführt, hatte man sich bemüht, die Alltagsmiene wieder aufzustecken. Es wurde keine Anspielung gemacht, es schien, als gebe es nichts Neues zwischen ihnen. Das Familienleben floß maschinenmäßig dahin und brachte die nämlichen freundschaftlichen Gewohnheiten mit sich, das übliche »Guten Tag« und »Gute Nacht«, die zu bestimmter Zeit gedankenlos gewechselten Küsse. Es war trotzdem eine Erleichterung für alle, als man Chanteau an den Eßtisch rollen konnte. Diesmal blieben seine Knie steif, es war ihm unmöglich, sich aufzustellen. Aber er freute sich nicht minder dieser verhältnismäßigen Ruhe, in der die Schmerzen ihn freiließen; und zwar in dem Grade, daß ihn die Freuden und Bekümmernisse der Seinen gar nicht mehr berührten, er widmete sich ganz der Selbstsucht seines Wohlbefindens. Als Frau Chanteau es gewagt hatte, ihm von der plötzlichen Abreise Luisens zu erzählen, hatte er sie angefleht, ihn mit solchen traurigen Dingen zu verschonen. Seitdem Pauline nicht mehr an das Zimmer des Oheims gefesselt war, hatte sie sich zu beschäftigen bemüht, ohne jedoch ihre innere Qual völlig verbergen zu können. Besonders die Abende wurden ihr peinlich, das Unbehagen durchbrach den Zwang des gewohnten Friedens. Es war wohl das Dasein von ehemals mit seinen täglich sich wiederholenden Ereignissen, aber aus gewissen nervösen Bewegungen, selbst aus dem Schweigen fühlten alle die innere Zerrissenheit, die Wunde heraus, von der sie nicht mehr sprachen, und die dennoch immer größer wurde.

Anfangs hatte Lazare vor sich selbst Verachtung gefühlt. Die moralische Überlegenheit der so aufrichtig und gerecht denkenden Pauline erfüllte ihn mit Scham und Zorn. Warum hatte er nicht den Mut, ihr frei zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten? Er hätte ihr das Abenteuer erzählen können von der Überrumpelung des Fleisches, dem Dufte des gefallsüchtigen Weibes, der ihn berauschte; und sie hatte einen zu offenen Verstand, um ihn nicht zu verstehen. Aber eine unüberwindliche Verlegenheit hinderte ihn daran, er fürchtete, sich mit einer Erklärung, bei derer vielleicht wie ein Kind stottern werde, noch mehr in den Augen des Mädchens herabzusetzen. Sodann schlummerte in der Tiefe dieses Zögerns auch die Furcht vor einer neuen Lüge; denn Luise umschwebte ihn beständig, er sah sie besonders des Nachts mit dem brennenden Bedauern, sie nicht besessen zu haben, als er sie halb ohnmächtig unter seinen Lippen gehalten. Ohne sein Wollen führten ihn seine langen Spaziergänge immer nach der Richtung von Arromanches. Eines Abends gelangte er sogar bis an das kleine Haus der Tante Leonie, er strich um die Mauer, und entfloh eilig bei dein Geräusch eines Fensterflügels, außer sich über die schlechte Handlung, die zu begehen er im Begriffe stand. Dieses Bewußtsein der Unwürdigkeit vermehrte seine Verlegenheit: er verurteilte sich, ohne indessen sein Verlangen töten zu können; mit jeder Stunde erneuerte sich der Kampf; nie hatte er derart unter seinem Unglück gelitten. Ihm blieb nur gerade noch genug Ehrenhaftigkeit und Kraft übrig, um Pauline aus dem Wege zu gehen und ihr die letzte Niedrigkeit falscher Schwüre zu ersparen. Vielleicht liebte er sie noch, aber das herausfordernde Bild der andern war ohne Unterlaß da, löschte die Vergangenheit aus und versperrte die Zukunft.

Pauline wartete ihrerseits, daß er sich entschuldige. In der ersten Empörung hatte sie sich geschworen, nichts zu verzeihen. In der Folge aber litt sie heimlich darunter, daß sie ihm nichts zu vergeben hatte. Warum schwieg er mit fieberndem Gesicht? warum war er immer auswärts, als fürchte er, allein mit ihr zu bleiben? Sie war bereit, ihn anzuhören und, wenn er nur ein klein wenig Reue zeigte, alles zu vergessen. Die erhoffte Auseinandersetzung erfolgte nicht, ihr Kopf arbeitete, sie ging von einer Mutmaßung zur andern über, während der Stolz sie schweigsam bleiben ließ. Je mehr die peinlichen Tage langsam dahinflossen, desto mehr bezwang sie sich selbst zu besiegen und nahm ihre frühere Tätigkeit wieder auf. Aber diese mutige Ruhe verbarg eine fortwährende Folter, sie schluchzte des Abends laut in ihrem Zimmer und erstickte ihre Klagen auf ihrem Kopfkissen. Niemand sprach mehr von der Heirat, obgleich jeder sichtlich daran dachte. Der Herbst nahte, was würde geschehen? Jeder vermied es, sich zu erklären, man schien die Entscheidung auf später zu verschieben, wenn man wieder davon sprechen könne.

Dies war im Leben der Frau Chanteau eine Zeit, in der sie die Ruhe ganz verlor. Sie war jederzeit verbissen gewesen, aber die dumpfe Tätigkeit, die in ihr die guten Gefühle langsam zerbröckelte, Schien bei dem letzten Abschnitte der Zerstörung angelangt zu sein; nie zuvor war sie so aus dem Gleichgewicht gebracht, von solch einem nervösen Fieber verzehrt erschienen. Die Notwendigkeit, sich Zwang antun zu müssen, verbitterte sie noch mehr. Sie litt am Gelde, es war wie eine nach und nach angewachsene Geldwut, die ihr Vernunft und Herz raubte. Immer wieder kehrte sich ihr Unmut gegen Pauline; sie klagte diese wegen der Abreise Luisens wie wegen eines Diebstahls an, der ihren Sohn auf das Trockene gesetzt habe. Es war eine blutende Wunde, die sich durchaus nicht schließen wollte; die geringsten Tatsachen wuchsen ungeheuerlich an, sie vergaß keine Bewegung, sie hörte noch den Schrei: »Fort!« und bildete sich ein, daß man auch sie fortjage, die Freude und das Glück der Familie auf die Straße werfe. Wenn sie sich nachts voller Unbehagen in einem Halbschlafe hin und her warf, bedauerte sie, daß der Tod die Familie nicht von dieser unglückseligen Pauline befreit habe. Pläne, verwickelte Berechnungen drängten sich in ihr durcheinander, ohne daß sie ein vernünftiges Mittel zur Kaltstellung des jungen Mädchens fand. Zur gleichen Zeit verdoppelte eine Art Rückwirkung die Zärtlichkeit für ihren Sohn: sie betete ihn an, wie sie ihn vielleicht nicht in der Wiege angebetet hatte, als er ihr in ihren Armen ganz angehörte. Vom Morgen bis zum Abend verfolgte sie ihn mit unruhigen Augen. Sowie sie allein waren, küßte sie ihn und bat ihn, sich nicht mehr zu grämen. Er verberge ihr nichts, nicht wahr? er gebe sich nicht dem Schmerze hin, wenn niemand zugegen sei? Sie versicherte ihm, daß alles geordnet werden, daß sie alle anderen erdrosseln werde, falls dies zu seinem. Glücke notwendig sei. Nach vierzehntägigen fortwährenden Kämpfen dieser Art hatte ihr Gesicht eine wächserne Blässe angenommen, ohne daß sie indessen abmagerte. Zweimal war die Geschwulst an den Beinen wiedergekommen, dann war sie verschwunden.

Eines Morgens klingelte sie Veronika herbei und zeigte dieser ihre Beine, die während der Nacht bis zu den Schenkeln angeschwollen waren.

»Sieh einmal die Bescherung! Ist das aber ärgerlich! Und ich wollte gerade ausgehen!... Nun bin ich gezwungen, im Bette zu bleiben. Sage nichts, damit sich Lazare nicht beunruhigt.«

Sie selbst schien gar nicht erschrocken. Sie sprach nur von einer kleinen Ermüdung, und das ganze Haus glaubte an eine vorübergehende Steifheit der Glieder. Als Lazare an den Strand gelaufen war, und Pauline es vermied, zu ihr hinaufzugehen, weil sie fühlte, daß ihre Gegenwart lästig war, quälte sie die Magd mit zornigen Anschuldigungen gegen das junge Mädchen. Sie konnte nicht mehr an sich halten. Die Bewegungslosigkeit, zu der sie verdammt war, dieses Herzklopfen, das sie bei der geringsten Bewegung zu ersticken drohte, schienen sie in eine wachsende Erbitterung zu versetzen.

»Was tut sie unten? Soll es wieder ein Unglück geben?... Du wirst sehen, sie bringt mir nicht einmal ein Glas Wasser.«

»Freilich,« entgegnete die Magd, »weil Sie sie zurückstoßen.«

»Laß das! Du kennst sie nicht. Es gibt keine schlimmere Heuchlerin als sie. Vor den Leuten zeigt sie ein gutes Herz; aber hinter dem Rücken frißt sie dich... Geh, du allein hast klar gesehen an dem Tage, an dem ich sie herbrachte. Wenn sie unser Haus nie betreten hätte, würden wir nicht dahin gekommen sein, wo wir jetzt sind... Sie wird uns ganz sacht auf den Hund bringen: der Herr leidet wie ein Verdammter, seitdem sie sich um ihn kümmert; mein Blut dreht sich in mir, so schüttelt sie mich, und was meinen Sohn anbelangt, so hat er den Kopf bald ganz verloren.«

»Wie kann man so etwas sagen; sie ist so gut zu Ihnen allen!«

Bis zum Abend erleichterte sich Frau Chanteau ihr Herz. Alles wurde vorgebracht, das rohe Fortschicken Luisens und vor allem das Geld. Als Veronika nach dem Mittagessen wieder hinuntergehen konnte und Pauline in der Küche mit der Säuberung des Tafelgeschirrs beschäftigt antraf, wälzte sie ihrerseits alles ab, was sie auf dem Herzen hatte. Schon seit geraumer Zeit hielt sie diese sie empörenden Bekenntnisse zurück, diesmal aber strömten ihr die Worte ohne ihren Willen von den Lippen.

»Ach, Fräulein, Sie sind zu gut, daß sie noch auf deren Teller achtgeben. Ich an Ihrer Stelle würde alles zerschlagen.«

»Warum?« fragte das junge Mädchen erstaunt.

»Weil Sie niemals soviel tun könnten, als man Ihnen nachsagt.«

Das war ihr Ausgangspunkt, und sie ging bis auf die ersten Tage zurück.

»Muß das nicht den lieben Gott selbst in Zorn bringen? Sie hat Ihnen Ihr Geld Sou für Sou weggesogen und das in so niederträchtiger Weise wie möglich. Mein Wort, es sah fast so aus, als müßte die da Sie ernähren... Als das Geld noch in ihrem Schreibsekretär war, machte sie alle möglichen Bücklinge davor, als wenn sie die Jungfernschaft eines Mädchens zu bewachen habe, was sie jedoch nicht verhinderte, krumme Finger und hübsche Löcher darin zu machen. Sie hat eine nette Komödie gespielt, um Ihnen die Geschichte mit der Fabrik auf den Buckel zu laden, und dann mit dem Rest des Schatzes den Haushalt fortzufristen. Wollen Sie etwas wissen? Nun wohl, ohne Sie wären sie alle vor Hunger krepiert... Sie hat auch eine schöne Furcht gehabt, als die anderen in Paris wegen der Rechnung sich meldeten. Donnerwetter, Fräulein, Sie hätten Sie geradenwegs vor das Strafgericht bringen können... Und das hat sie nicht gebessert, sie frißt noch heute an Ihnen und wird Sie bis auf den letzten Heller aufzehren. Sie glauben vielleicht, daß ich lüge. Sehen Sie, ich erhebe meine Hand zum Schwur! Ich habe es mit meinen Augen gesehen und mit meinen Ohren gehört, und ich sage Ihnen noch nicht einmal das Schmutzigste aus Achtung, Fräulein, denn als Sie krank lagen, ärgerte sie sich, daß sie nicht in Ihrer Kommode herumwühlen konnte.«

Pauline hörte zu, sie fand kein Wort, um Veronika unterbrechen zu können. Oft hatte der Gedanke, daß die Familie auf ihre Kosten lebte, sie ausplünderte, ihr die glücklichsten Tage ihres Lebens verdorben. Aber sie war stets vor dem Nachdenken über diese Dinge zurückgeschreckt; sie zog vor, in Blindheit weiter zu leben und sich selbst des Geizes anzuklagen. Diesmal sollte sie wohl oder übel alles erfahren, die Roheit der Vertraulichkeiten schien die Tatsachen noch zu verschlimmern. Bei jedem Satze erwachte ihr Gedächtnis, sie baute sich alte Geschichten wieder zusammen, deren genauer Sinn ihr damals entgangen war; sie folgte Tag für Tag den Machenschaften der Frau Chanteau um ihr Vermögen herum. Sie hatte sich langsam auf einen Stuhl sinken lassen, als sei sie plötzlich von großer Müdigkeit befallen. Ein schmerzlicher Zug furchte ihre Lippen.

»Du übertreibst«, murmelte sie.

»Wie! Ich übertreibe!« fuhr Veronika heftig fort. »Es ist nicht so sehr die Geschichte mit dem Gelde, die mich außer Fassung bringt. Sehen Sie, nie werde ich ihr verzeihen, daß sie Ihnen Herrn Lazare wieder genommen hat, nachdem sie Ihnen den Sohn gegeben hatte... Ja, so ist es und nicht anders. Sie waren nicht mehr reich genug, und man brauchte für ihn eine Erbin. Was sagen Sie dazu? Man plündert Sie erst aus, und dann verachtet man Sie, weil Sie nicht mehr reich genug sind... Nein, Fräulein, ich will nicht mehr schweigen. Man schneidet nicht den Leuten das Herz in Stücke, nachdem man ihnen schon die Taschen geleert hat. Da Sie Ihren Vetter liebten und er Ihnen alles in Liebenswürdigkeiten hätte vergelten müssen, so ist es von jener Seite einfach eine gemeine Schandtat, Sie auch in dieser Weise bestohlen zu haben... Und sie hat alles das getan, ich habe es gesehen. Ja, ja, jeden Abend köderte sie die Kleine und entflammte sie durch eine Menge unsauberer Geschichten für den jungen Mann. So wahr diese Lampe uns hier Licht spendet, so wahr hat sie beide einander in die Arme gestoßen. Was! Schließlich hätte sie ihnen auch noch das Licht gehalten, nur um die Heirat unvermeidlich zu machen. Ihr Verdienst ist es gewiß nicht, daß sie nicht bis zum äußersten gegangen sind. Verteidigen Sie sie doch jetzt noch, nun sie Sie unter ihren Füßen zertreten hat und schuld daran ist, daß sie nachts wie eine Magdalena weinen. Denn ich höre Sie sehr gut von meiner Stube aus. Ich werde von all dem Kummer, von all den Ungerechtigkeiten noch krank werden!«

»Schweige, ich flehe dich an,« stammelte Pauline, deren Mut zu Ende war, »du tust mir zu weh.«

Schwere Tränen rollten über ihre Wangen. Sie fühlte, daß dieses Mädchen nicht log, ihre zerstörte Zuneigung blutete in ihr. Jeder heraufbeschworene Auftritt nahm eine lebendige Wahrhaftigkeit an: Lazare hielt die ermattende Luise fest umschlungen, während Frau Chanteau an der Tür wachte. Mein Gott, was hatte sie verbrochen, daß ein jeder sie betrog, während sie allen treu war?

»Ich flehe dich an, schweige, es erstickt mich.«

Als Veronika sie so erschüttert sah, begnügte sie sich, dumpf hinzuzufügen:

»Ihretwegen will ich nichts weiter sagen, nicht um deretwillen... Schon seit heute früh ist sie dabei, einen Haufen Scheußlichkeiten auf Ihre Rechnung auszuspeien. Ich verliere schließlich auch die Geduld, mein Blut kocht, wenn ich höre, wie man das Gute, was Sie ihr getan, in das Böse verkehrt... Auf Ehrenwort, sie behauptet, Sie hätten sie zugrunde gerichtet und ihr den Sohn getötet. Gehen Sie und horchen Sie an der Tür, wenn Sie mir nicht glauben wollen.«

Als Pauline in ein heftiges Schluchzen ausbrach, nahm Veronika den Kopf des jungen Mädchens zwischen die beiden Hände und küßte sie auf das Haar, indem sie wiederholte:

»Nein, nein, Fräulein, ich sage nichts mehr. Sie mußten es aber erfahren. Es wurde nachgerade zu dumm, sich von anderen derart verschlingen zu lassen... Ich sage nichts mehr, beruhigen Sie sich.«

Es trat Schweigen ein. Die Magd löschte die im Herde gebliebene Glut aus. Aber sie konnte es nicht unterlassen, noch zu brummen:

»Ich weiß, warum sie anschwillt: die Bosheit ist ihr in die Knie gefahren.«

Pauline, die starr auf eine der Fliesen der Küche blickte, den Geist wirr und schwer vor Kummer, erhob die Augen. Warum sagte Veronika dies? War die Geschwulst wiedergekommen? Sie mußte verlegen ihrem Versprechen zu schweigen untreu werden. Sie erlaubte sich wohl ein Urteil über ihre Frau, aber sie gehorchte ihr. Es war so, die beiden Beine waren seit der Nacht ergriffen, man sollte es aber nicht Herrn Lazare erzählen. Während die Magd diese Einzelheiten berichtete, verwandelte sich Paulinens Gesicht; eine Unruhe verjagte die düstere Niedergeschlagenheit. Trotz allem, was sie soeben gehört hatte, erschrak sie über ein Merkmal, das sie als gefährlich kannte.

»Aber man kann sie nicht so liegen lassen«, sagte Pauline. »Sie ist in Gefahr.«

»Ach ja, in Gefahr!« schrie Veronika roh. »So sieht sie gerade nicht aus, sie denkt auf alle Fälle nicht an so etwas, denn sie ist zu sehr damit beschäftigt, auf die andern zu geifern und sich wie ein Pascha in ihrem Bette breit zu machen... Übrigens schläft sie jetzt, man muß bis morgen warten. Morgen ist gerade der Tag, an dem der Doktor ohnehin nach Bonneville kommt.«

Am nächsten Tage war es unmöglich, Lazare den Zustand seiner Mutter länger zu verschweigen. Die ganze Nacht hatte Pauline gelauscht, von Stunde zu Stunde erwachend, glaubte sie durch den Fußboden hindurch beständig ein Stöhnen zu vernehmen. Gegen Morgen war sie dann in einen so festen Schlaf gesunken, daß es schon neun Uhr schlug, als das Geräusch einer zufallenden Tür sie plötzlich auffahren ließ. Als sie nach hastigem Ankleiden hinunterging, um Neues zu hören, begegnete sie gerade auf dem Absätze des ersten Stockwerkes Lazare, der von der Kranken kam. Die Geschwulst ergriff bereits den Leib, Veronika hatte sich entschlossen, den jungen Mann davon in Kenntnis zu setzen.

»Nun?« fragte Pauline.

Mit entstelltem Gesicht antwortete Lazare zuerst nicht. Mit einer ihm eigentümlichen Bewegung nahm er sein Kinn zwischen die krampfhaften Finger. Als er sprach, waren seine ersten, kaum gestammelten Worte: »Sie ist verloren.«

Er ging mit einem Gesicht wie ein Geistesabwesender in sein Zimmer hinauf. Pauline folgte ihm. Als sie sich in dem großen Gemach des zweiten Stockwerkes befanden, das sie nicht mehr betreten, seitdem sie ihn mit Luise dort überrascht, schloß sie die Tür und versuchte ihm Mut zuzusprechen.

»Mut! Du weißt nicht einmal, was ihr fehlt... Wir wollen wenigstens erst den Arzt abwarten... Sie ist sehr kräftig, es ist immer Hoffnung vorhanden.«

Aber er blieb dabei, eine plötzliche Überzeugung war ihm durch das Herz geschossen.

»Sie ist verloren, sie ist verloren!«

Es war ein unvorhergesehener Schlag, der ihn niederschmetterte. Als er aufgestanden, hatte er aus reiner Gewohnheit das Meer betrachtet, dann war er aus Langeweile gähnend in Klagen über die blödsinnige Leere seines Daseins ausgebrochen. Als sich aber seine Mutter bis zu den Knien entblößte, hatte ihn der Anblick dieser armen, von der Wassergeschwulst erfaßten Beine, die ganz farblos wie bereits abgestorbene Stämme waren, mit Rührung und Entsetzen erfüllt. Wie? Von einer Minute zur andern trat so das Unglück ein? Auch jetzt wagte er nicht, am ganzen Körper zitternd, auf einer Ecke des großen Tisches sitzend, den Namen der von ihm erkannten Krankheit laut auszusprechen. Der schreckliche Gedanke, daß ihn und die Seinen eines Tages eine Herzkrankheit packen könne, hatte ihn stets geängstigt, nicht einmal die zweijährigen medizinischen Studien waren imstande gewesen, ihn von der Gleichheit jeglichen Übels vor dem Tode zu überzeugen. Im Herzen, an der Quelle des Lebens selbst getroffen zu werden, galt in seinen Augen als ein schrecklicher, unerbittlicher Tod. Und diesen Tod sollte seine Mutter nun wirklich sterben, und nach ihr würde auch er gewiß daran zugrunde gehen.

»Warum verzweifelst du so?« fuhr Pauline fort. »Es gibt Wassersüchtige, die noch sehr lange leben. Erinnerst du dich der Frau Simonnot? Sie ist schließlich an einer Lungenentzündung gestorben.«

Aber er schüttelte den Kopf, er war kein Kind, um sich auf solche Weise täuschen zu lassen. Seine baumelnden Füße schlugen ins Leere, das Zittern seines Körpers hörte nicht auf, während er die Augen halsstarrig auf das Fenster gerichtet hielt. Da küßte sie ihn zum ersten Male nach dem Bruche wieder auf die Stirn wie einst. Sie befanden sich wieder Seite an Seite in jenem großen Gemach, in dem sie aufgewachsen waren, alle ihre Entfremdung schwand angesichts des ihnen drohenden großen Kummers. Sie trocknete sich die Augen; er konnte nicht weinen und wiederholte mechanisch:

»Sie ist verloren, sie ist verloren.«

Als gegen elf Uhr Doktor Cazenove kam, wie er es gewöhnlich jede Woche auf dem Rückwege von Bonneville tat, schien er höchst erstaunt zu sein, Frau Chanteau im Bette zu finden. Was fehlte denn der teuren Frau? Ja, er scherzte sogar: das ganze Haus sei zu verzärtelt, man werde es demnächst in ein Lazarett umwandeln. Als er aber die Kranke untersucht, beklopft, behorcht hatte, wurde er ernster; er mußte sogar seine ganze große Beherrschung aufbieten, um nicht ein wenig Bestürzung durchblicken zu lassen.

Übrigens hatte Frau Chanteau nicht die geringste Ahnung von der Bedenklichkeit ihres Zustandes.

»Ich hoffe, Doktor, Sie werden mich von dieser Geschichte kurieren«, sagte sie mit heiterer Stimme. »Sehen Sie, ich habe nur eine Furcht, daß diese Geschwulst mich erstickt, wenn sie immer höher steigt.« »Seien Sie beruhigt, das steigt nicht so weiter«, entgegnete er ebenfalls lachend. »Außerdem werden wir ihr schon Stillstand zu gebieten wissen.«

Lazare, der nach beendeter Untersuchung wieder in das Zimmer getreten war, hörte ihm zitternd zu; es drängte ihn, den Arzt beiseite zu nehmen, um ihn auszufragen und endlich etwas Gewisses zu erfahren.

»Teure Frau,« fuhr der Doktor fort, »ängstigen Sie sich nicht; wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter plaudern... Auf Wiedersehen, ich werde meine Verordnungen unten aufschreiben.«

Unten verhinderte Pauline sie in das Speisezimmer zu treten, da man Chanteau stets von einer einfachen Steifheit sprach. Sie hatte Tintenfaß und Feder bereits auf dem Küchentisch zurechtgestellt. Angesichts ihrer ängstlichen Ungeduld bekannte der Doktor, daß es schlimm stehe; aber er machte lange, wirre Sätze und vermied es, einen bestimmten Schluß zu ziehen.

»Sie ist also verloren«, schrie Lazare mit einer Art Gereiztheit. »Nicht wahr, es ist das Herz?«

Pauline warf dem Arzt einen flehenden Blick zu, den dieser verstand.

»Oh, das Herz,« sagte er, »das bezweifle ich... Schließlich, sollte sie sich auch nicht wieder erholen, so kann es vielleicht bei vorsichtiger Behandlung noch lange dauern.«

Der junge Mann hatte darauf wieder sein Achselzucken, diese zornige Gebärde eines Kindes zur Antwort, das sich nichts vormachen läßt. Er fuhr fort:

»Sie warnten mich nicht, Doktor, und haben sie doch erst kürzlich behandelt... Diese schauderhaften Dinge kommen niemals auf einen Schlag. Sie hatten also nichts gesehen?« »Ja, ja,« murmelte Doktor Cazenove, »ich hatte wohl einige kleine Anzeichen bemerkt.«

Als Lazare ein verächtliches Lachen ausstieß, fügte er hinzu:

»Hören Sie, mein Lieber, ich halte mich nicht für dümmer als ein anderer, und trotzdem begegnet es mir nicht das erstemal, vorausgesehen zu haben und wie dumm vor einer Krankheit zu stehen... Sie sind anzüglich. Sie verlangen, daß man alles wissen soll, während es schon eine recht hübsche Leistung ist, wenn man die ersten Zeilen dieser verwickelten Maschine des menschlichen Gerippes herauszubuchstabieren versteht.«

Er ärgerte sich und schrieb seine Verordnung mit hastiger Feder nieder, die das dünne Papier durchlöcherte. Der Marinearzt kam in diesen jähen Bewegungen seines großen Körpers wieder zum Vorschein. Aber als er sich wieder aufrichtete, nahm sein altes, vom Seewinde gegerbtes Gesicht einen milderen Ausdruck an, als er Lazare und Pauline mit gesenktem Kopfe wie verzweifelt vor sich sah.

»Meine armen Kinder,« begann er, »wir werden unser Möglichstes tun, um sie aus der Geschichte zu ziehen... Ihr wißt, daß ich nicht den großen Mann vor euch spielen will. Offen gesprochen; ich kann nichts sagen. Dennoch scheint mir, daß keine augenblickliche Gefahr vorhanden ist.«

Er ging, nachdem er sich überzeugt, daß Lazare Fingerhutblumentinktur vorrätig hatte. Das Rezept verschrieb einfach Einreibungen des Beines mit dieser Tinktur und einige Tropfen davon in einem Glase Zuckerwasser. Das genügte für den Augenblick; am nächsten Tage wollte er Pillen mitbringen, vielleicht sich auch zu einem Aderlasse entschließen. Pauline hatte ihn bis zu seinem Wagen begleitet, um die volle Wahrheit zu erfahren; die volle Wahrheit aber war, daß er sich nicht zu erklären wagte. Als sie in die Küche zurückkehrte, traf sie Lazare beim Nachlesen des Rezeptes an. Das Wort Fingerhutblume allein hatte ihn von neuem erbleichen lassen.

»Regen Sie sich doch nicht so sehr auf«, sagte Veronika, die sich an das Kartoffelschälen gemacht hatte, um dort bleiben und zuhören zu können. »Die Ärzte sind lauter Mörder. Wenn er nicht weiß, was er sagen soll, so hat es eben nicht Großes zu besagen.«

Ein Gespräch hielt sie um die Schüssel zurück, in welche die Köchin ihre Kartoffeln schnitt. Auch Pauline war jetzt ruhiger. Am Morgen war sie zur Tante gegangen, um sie zu küssen, und hatte sie besser aussehend gefunden: mit solchem Gesicht konnte man nicht sterben. Aber Lazare wandte das Rezept wieder zwischen seinen fieberhaften Fingern hin und her. Das Wort Fingerhutblume flammte hervor: seine Mutter war verloren.

»Ich gehe wieder hinauf«, sagte er schließlich. An der Tür zögerte er und fragte seine Base:

»Willst du auch einen Augenblick kommen?«

Sie zögerte ebenfalls ein wenig.

»Ich fürchte, ihr beschwerlich zu fallen«, flüsterte sie.

Ein verlegenes Schweigen trat ein, und er ging, ohne ein Wort hinzuzufügen, allein nach oben.

Um seinen Vater nicht zu beunruhigen, erschien Lazare – zwar sehr bleich – zum Frühstück. Von Zeit zu Zeit rief ein Klingeln Veronika herbei, die mit Tellern voll Suppe hin und her ging, welche die Kranke kaum berührte; und als sie wieder herunterkam, erzählte sie Pauline, daß der arme junge Mann oben den Kopf verliere. Es war ein Jammer, ihn vom Fieber geschüttelt, mit unsicheren Händen und entstelltem Gesicht bei seiner Mutter zu sehen, als fürchte er jeden Augenblick, daß sie in seinen Armen verende. Gegen drei Uhr war die Magd gerade wieder hinaufgegangen, als sie auch schon über das Treppengeländer gebeugt, das junge Mädchen herbeirief. Sobald diese auf dem Absätze des ersten Stockes stand, sagte sie zu ihr:

»Sie sollten hereinkommen, um ihm zur Hand zu gehen. Desto schlimmer, wenn sie dieses ärgert. Sie will, daß er sie umwendet; Sie sollen aber sehen, wie er zittert, ohne daß er sie auch nur zu berühren wagt... Und daher verbietet sie mir, ihr zu nahe zu kommen.«

Pauline trat ein. Aufrecht sitzend, an drei Kopfkissen gelehnt, machte Frau Chanteau den Eindruck, als hüte sie nur aus reiner Trägheit das Bett, wenn nicht ein kurzes und beschwerliches Atmen ihre Schultern gehoben hätte. Lazare stand vor ihr und stammelte:

»Ich soll dich also auf die rechte Seite legen?«

»Ja, schiebe mich ein wenig... Ach, mein armes Kind, was für Mühe hast du, mich zu verstehen!«

Das junge Mädchen hatte sie bereits sanft gefaßt und drehte sie um.

»Laß mich machen, ich bin das vom Onkel her gewohnt. Ist es gut so?«

Frau Chanteau schalt aufgeregt, daß man sie stoße. Sie konnte keine Bewegung vornehmen, ohne daß sie nicht sogleich zu ersticken vermeinte, und auch jetzt saß sie einige Augenblicke atemlos, mit erdfarbenem Gesicht da. Lazare war hinter die Bettvorhänge getreten, um seine Verzweiflung zu verbergen. Pauline rieb die Beine der Kranken mit Fingerhutblumentinktur ein. Er wandte den Kopf ab, jedoch ein Bedürfnis, sie zu betrachten, führte seine Blicke wieder zu diesen ungeheuerlichen Beinen, diesen unbeweglichen Paketen fahlen Fleisches hin, deren Anblick ihn vollends vor Angst zu würgen drohte. Als seine Base seine Niedergeschlagenheit bemerkte, hielt sie es für klüger, ihn fortzuschicken. Sie näherte sich ihm und da Frau Chanteau schon von dieser bloßen Veränderung ihrer Lage sehr ermattet, dem Einschlafen nahe war, sagte sie:

»Du tätest besser, hinunter zu gehen.«

Er kämpfte ein wenig, Tränen verdunkelten seinen Blick, Aber er mußte nachgeben und stieg beschämt hinunter, indem er stammelte:

»Mein Gott! Ich kann nicht! Ich kann nicht!«

Als die Kranke sich wieder ermunterte, bemerkte sie die. Abwesenheit ihres Sohnes anfangs gar nicht. Ein Erstaunen schien über sie zu kommen, sie sammelte sich wieder in dem selbstsüchtigen Verlangen zu leben. Nur Paulinens Gegenwart schien sie zu beunruhigen, obgleich diese sich fast verbarg und, ohne zu sprechen oder sich zu regen, abseits saß. Als ihre Tante den Kopf vorstreckte, meinte Pauline sie dennoch mit einem Worte benachrichtigen zu sollen.

»Ich bin es, rege dich nicht auf. Lazare ist nur nach Verchemont gegangen, wo er den Tischler sprechen will.«

»Gut, gut«, murmelte Frau Chanteau.

»Nicht wahr, du bist nicht so leidend, daß er seinen Geschäften nicht nachgehen könnte?«

»Ganz sicher nicht.«

Von diesem Augenblicke an sprach sie nur noch selten von ihrem Sohne, trotz der Anbetung, die sie noch Tags vorher für ihn gezeigt. Er verschwand für den Rest ihres Lebens, nachdem er Ursache und Zweck ihres ganzen Daseinsgewesen. Die in ihr beginnende Gehirnerweichung ließ ihr nur noch die leibliche Sorge um ihre Gesundheit. Sie nahm die Pflege der Nichte an, ohne daß sie sich von dieser Unterschiebung Rechenschaft zu geben schien, einzig damit beschäftigt, ihr mit den Augen zu folgen; ein wachsendes Mißtrauen angesichts ihres fortwährenden Gehens und Kommens vor ihrem Bette nahm sie außerordentlich in Anspruch.

Währenddessen war Lazare in die Küche hinabgegangen, fassungslos, mit schlotternden Beinen. Das ganze Haus flößte ihm Furcht ein: er konnte nicht in seinem Zimmer bleiben, dessen Leere ihn erdrückte; er wagte nicht durch das Speisezimmer zu gehen, wo der Anblick seines friedlich die Zeitung lesenden Vaters ihm mit Schluchzen die Kehle zuschnürte. So kehrte er immer wieder in die Küche zurück, den einzig warmen und lebendigen Winkel, weil er dort Veronika antraf, die wie in den guten Tagen der Ruhe mit ihren Kasserolen hantierte. Als sie ihn auf den Strohsessel neben dem Herde sich niederlassen sah, den er bereits als seinen selbstverständlichen Platz betrachtete, sagte sie ihm offen, was sie von seinem geringen Mute dachte.

»Sie sind wahrhaftig keine große Hilfe, Herr Lazare. Das arme Fräulein nimmt auch das wieder auf ihren Rücken... Man möchte fast glauben, daß hier noch nie jemand krank gewesen ist. Und dabei ist es geradezu stark, daß Sie Ihre Base sehr gut gepflegt haben, als diese an ihrem Halsleiden fast gestorben wäre... Sie können nicht das Gegenteil behaupten. Sie sind vierzehn Tage dort oben geblieben, um sie wie ein Kind zu drehen und zu wenden.«

Lazare hörte ihr voller Staunen zu. Er hatte an diesen Widerspruch nicht gedacht; warum diese verschiedenen und unlogischen Arten des Empfindens?

»Das ist wahr,« wiederholte er, »das ist wahr.«

»Sie ließen niemanden hinein,« fuhr die Magd fort, »und das Fräulein war noch viel schrecklicher anzusehen als die Mama, so sehr litt es. Ich kam immer ganz außer Fassung herunter und hatte kein Verlangen, auch nur einen Bissen Brot zu essen. Heute aber sieh einer an, wendet sich Ihnen das Herz im Leibe um, wenn Sie Ihre Mutter nur im Bette sehen. Sie würden ihr nicht einmal die Tasse mit dem Aufguß bringen können. Ihre Mutter mag sein, wie sie ist, aber sie ist immer Ihre Mutter.«

Er vernahm ihre Stimme gar nicht mehr und starrte vor sich in das Leere. Schließlich murmelte er:

»Was willst du? Ich kann nicht... Vielleicht weil es Mama ist, aber ich kann nicht. Wenn ich sie mit diesen Beinen sehe und mir sage, daß sie verloren ist, platzt mir etwas im Magen, und ich würde wie ein Tier aufbrüllen, wenn ich nicht aus dem Zimmer flüchtete.«

Seinen Körper befiel ein neues Erzittern. Er hatte ein heruntergefallenes Küchenmesser vom Boden aufgenommen und betrachtete es, ohne es zu sehen, mit überfließenden Augen. Es herrschte tiefes Schweigen. Veronika tauchte ihr Gesicht in den Suppentopf, um die Bewegung zu verbergen, die auch sie zu ersticken drohte. Endlich sprach sie von neuem:

»Hören Sie, Herr Lazare, Sie sollten ein wenig an den Strand gehen. Es belästigt mich, Sie fortwährend hier vor den Füßen zu haben... Nehmen Sie doch Mathieu mit. Er wird einem auch so beschwerlich; er weiß nicht, was er mit seinem Körper anfangen soll, und ich habe die größte Mühe von der Welt, ihn zu verhindern, daß er zu der Frau hinaufklettert.«

Am nächsten Tage hielt Doktor Cazenove noch immer mit einer bestimmten Äußerung zurück. Eine plötzliche Katastrophe war möglich, auch konnte die Kranke, falls die Wassergeschwulst abnahm, sich für längere oder kürzere Zeit wieder erholen. Er stand von dem Aderlasse ab und begnügte sich, ihr die mitgebrachten Pillen zu verschreiben, ohne die Anwendung von Fingerhutblumentinktur einzustellen. Sein bekümmertes, dumpf erregtes Wesen gestand ein, daß er bei solchem Falle wenig an diese Mittel glaubte, wo sämtliche Organe nacheinander außer Gange kommen, die Wissenschaft des Arztes also am Ende ist. Im übrigen behauptete er, daß Frau Chanteau nicht leide. In der Tat beklagte sich die Kranke über keinen lebhaften Schmerz: nur ihre Beine waren schwer wie Blei, das Erstickungsgefühl war noch lebhafter geworden, sowie sie sich bewegte; wenn sie aber unbeweglich auf den Rücken ausgestreckt lag, hatte sie noch immer ihre starke Stimme, ihre lebhaften Augen, die sie selbst über ihren Zustand täuschten. Da sie so munter war, gab keiner von ihrer Umgebung mit Ausnahme des Sohnes die Hoffnung auf. Als der Arzt wieder in seinen Wagen stieg, sagte er ihnen, sie sollten nicht zu sehr klagen, da es schon eine Gnade für sich und die Seinen sei, wenn man sich nicht selbst sterben sehe.

Die erste Nacht wurde für Pauline sehr hart. Sie hatte, auf einen Lehnsessel halb hingestreckt, nicht schlafen können, die Ohren sausten ihr von den starken Atemzügen der Sterbenden. Sowie sie einzuschlafen begann, schien es ihr, als erzittere das Haus von diesem Hauche, als müsse alles davon bersten. Hatte Pauline dagegen die Augen offen, so wurde sie von Beklemmungen befallen und durchlebte nochmals alle die Qualen, die ihr seit einigen Monaten das Leben vergiftet hatten. Selbst zur Seite dieses Sterbelagers ward nicht Frieden in ihr, es war ihr unmöglich zu vergeben. In diesem Alpdrücken der düstern Nachtwache litt sie besonders unter Veronikas Geständnissen. Ihre Heftigkeit von ehemals, ihr eifersüchtiger Groll erwachten bei den Einzelheiten, die sie unter Qualen sich wieder ins Gedächtnis rief. Mein Gott! Nicht mehr geliebt zu werden, sich von denen verraten zu sehen, die man liebt, allein dazustehen, das Herz voller Verachtung und Empörung! Die frisch geöffnete Wunde blutete von neuem; nie zuvor hatte sie Lazares Schimpf bis zu diesem Grade verspürt. Hatte man sie getötet, so konnten nun auch die anderen sterben. Immer wieder tauchte der Raub an ihrem Gelde und an ihrem Herzen vor ihr auf unter dem Banne der starken Atemzüge ihrer Tante, die ihr schließlich die Brust zu sprengen drohten.

Tagsüber blieb sie niedergeschlagen. Die Zuneigung kehrte nicht zurück, nur die Pflicht hielt sie noch an dieses Zimmer gebannt. Das aber machte sie vollends unglücklich: stand sie denn auch im Begriff, schlecht zu werden? In dieser Unruhe verstrich der Tag. Pauline bemühte sich unzufrieden mit sich selbst um die Kranke, abgestoßen von ihrem Mißtrauen. Diese nahm ihre Zuvorkommenheiten mit Brummen auf, verfolgte sie mit argwöhnischem Auge und schaute ihr nach, um zu sehen, was sie tat. Verlangte sie ein Taschentuch, beroch sie es erst vor dem Gebrauch, und wenn sie sie eine Flasche warmes Wasser bringen sah, wollte sie erst die Flasche betasten.

»Was hat sie nur?« fragte das junge Mädchen leise die Magd. »Glaubt sie, ich wäre fähig, ihr etwas Böses zu tun?«

Als Veronika nach Abfahrt des Arztes Frau Chanteau einen Löffel voll Medizin reichte, bemerkte diese nicht die Nichte, die gerade Wäsche im Schranke suchte und flüsterte:

»Hat der Arzt die Medizin bereitet?«

»Nein, das Fräulein.«

Nun kostete sie mit dem Rand der Lippen, dann schnitt sie ein Gesicht.

»Das schmeckt nach Kupfer... Ich weiß nicht, was sie mich zu nehmen zwingt; ich habe seit gestern einen Kupfergeschmack im Magen.«

Mit einer jähen Bewegung schüttete sie den Inhalt des Löffels hinter das Bett. Veronika stand mit offenem Munde da.

»Nun! Was ist. denn los? Ist das ein Gedanke!« »Ich habe noch keine Lust abzufahren«, sagte Frau Chanteau und ließ den Kopf auf das Kissen sinken. »Höre, meine Lunge ist noch stark. Sie könnte sehr wohl noch vor mir die Reise antreten, denn sie steckt gerade nicht in einer gesunden Haut.«

Pauline hatte die Worte gehört. Ins Herz getroffen, wandte sie sich um und schaute Veronika an. Statt einen Schritt vorwärts zu machen, wich sie noch mehr zurück, sie schämte sich für ihre Tante wegen dieses verabscheuungswürdigen Verdachtes. Es ging eine plötzliche Veränderung in ihr vor; angesichts dieser von Furcht und Haß durchwühlten Unglücklichen kam ein tiefes Mitleid über sie, und weit entfernt, ihr darob zu grollen, fühlte sie sich von einer schmerzlichen Rührung übermannt, als sie sich bückte und unter dem Bette die Arzneien erblickte, welche die Kranke, aus Furcht vor Gift dort hinwarf. Bis zum Abend zeigte sie ihr eine ungetrübte Freundlichkeit; sie schien nicht einmal die unruhigen Blicke zu bemerken, die ihre Hände prüften. Ihr brennender Wunsch war, durch eine gütige Sorgfalt die Befürchtungen der Sterbenden zu besiegen, sie diesen schauderhaften Verdacht nicht in die Erde mitnehmen zu lassen. Sie verbot Veronika, durch die Erzählung dieses Vorfalls Lazare noch mehr zu erschrecken.

Seit dem Morgen hatte Frau Chanteau nur ein einziges Mal nach ihrem Sohne gefragt und sich mit der ersten besten Antwort begnügt, ohne über seine Abwesenheit des weiteren erstaunt zu sein. Übrigens sprach sie noch weniger von ihrem Manne; es beunruhigte sie nicht im Geringsten, was er so allein im Speisezimmer tun könne. Alles verschwand für sie, die Kälte ihrer Beine schien von Minute zu Minute zu wachsen und ihr auch das Herz gefrieren zu lassen. Bei jeder Mahlzeit, zu der Pauline hinunterging, mußte sie ihren Onkel belügen. An jenem Abende täuschte sie sogar Lazare, indem sie ihm versicherte, daß die Geschwulst abnehme.

In der Nacht aber machte das Übel erschreckliche Fortschritte. Als das junge Mädchen und die Magd die Kranke bei hellem Tage wiedersahen, waren sie von dem verstörten Ausdrucke ihrer Augen ergriffen. Das Gesicht war unverändert, auch hatte sie noch immer keinerlei Fieber, nur der Verstand schien angegriffen, ein fixer Gedanke vollendete die Zerstörung dieses Gehirns. Das war der letzte Abschnitt, in dem das menschliche Wesen nach und nach von einer einzigen, in Raserei umschlagenden Leidenschaft verzehrt wurde.

Der Morgen vor der Ankunft Doktor Cazenoves war entsetzlich. Frau Chanteau wollte nicht einmal, daß ihre Nichte sich ihr nähere.

»Ich bitte dich, laß dich pflegen«, wiederholte Pauline. »Ich will dich einen Augenblick hochheben, weil du schlecht gebettet bist.«

Da schlug die Sterbende um sich, als wolle man sie ersticken.

»Nein, nein, du hast Scheren, du bohrst sie mir absichtlich in das Fleisch... Ich fühle sie sehr gut, ich blute am ganzen Körper.«

Mit zerrissenem Herzen mußte das junge Mädchen sich fernhalten; sie taumelte vor Müdigkeit und Kummer und erlag vor ohnmächtiger Güte. Sollte die Kranke die geringsten Dienstleistungen hinnehmen, so mußte sie Roheiten und Anschuldigungen ertragen, die ihr Tränen erpreßten. Manchmal sank sie überwunden auf einen Stuhl und wußte nicht mehr, wie sie sich diese, jetzt in Wut verwandelte Zuneigung zurückerobern sollte. Dann kam ihr die Ergebung wieder, sie sann weiter auf Mittel und Wege und verdoppelte ihre Sanftmut. An jenem Tage führte ihre Beharrlichkeit; eine Krise herbei, vor der sie noch lange nachher erzitterte. »Tante,« sagte sie und hielt den Löffel bereit, »es ist die Zeit für deine Arznei. Du weißt, der Arzt hat dir pünktlich einzunehmen verordnet.«

Frau Chanteau wollte die Flasche sehen und roch schließlich daran.

»Ist es die nämliche von gestern?«

»Ja, Tante.«

»Ich will sie nicht.«

Aber auf das zärtliche Drängen der Nichte hin nahm die Kranke noch einen Löffel davon. Ihr Antlitz drückte tiefen Argwohn aus. Kaum hatte sie den Löffel voll im Munde, so spie sie ihn auch bereits heftig auf die Erde, und von einem Hustenanfalle gerüttelt stammelte sie, zwischen einem Schluchzen und dem andern:

»Das ist Vitriol, das brennt!«

Der Abscheu und das Entsetzen vor Pauline seit dem Tage, an dem sie ihr das erste Zwanzigfrankenstück nahm, langsam gewachsen, machte sich endlich in der letzten Zersetzung ihres Leidens in einem Schwall toller Worte Luft, denen das junge Mädchen ergriffen lauschte, ohne ein Wort der Verteidigung zu finden.

»Du glaubst, ich schmecke es nicht! Du tust Kupfer und Vitriol in alles. Das erstickt mich. Mir fehlt nichts, und ich wäre schon heute aufgestanden, wenn du mir nicht gestern Abend Grünspan in die Suppe gerührt hättest... Ja, du hast jetzt genug von mir, du möchtest mich gern begraben. Aber ich bin kräftig, ich werde dich beerdigen.«

Ihre Worte verwirrten sich immer mehr, ihr ging der Atem aus, und ihre Lippen wurden so schwarz, daß eine augenblickliche Katastrophe zu befürchten war.

»Tante, Tante,« murmelte Pauline, »wenn du wüßtest, wie du dir schadest.«

»Das wünschest du ja gerade, nicht wahr? Geh, ich kenne dich, du hast dir deinen Plan seit langem gemacht; du bist einzig und allein hierhergekommen, uns zu ermorden und auszuplündern. Dein Gedanke ist, das Haus an dich zu bringen, und ich störe dich... Elendes Geschöpf, ich hätte dich am ersten Tage erwürgen sollen... Ich hasse dich!«

Pauline weinte leise, unbeweglich. Ein einziges Wort nur kam, wie eine unwillkürliche Verteidigung, über ihre Lippen.

»Mein Gott!... Mein Gott!«

Aber Frau Chanteau war erschöpft, und eine kindische Furcht folgte diesen heftigen Angriffen. Sie war auf das Kopfkissen zurückgesunken.

»Komm mir nicht zu nahe, berühre mich nicht... Ich rufe um Hilfe, wenn du mich anfaßt... Nein, nein, ich will nicht trinken. Das ist Gift.«

Sie zog die Bettdecke mit ihren gekrampften Händen hinauf und verbarg sich hinter den Kopfkissen, wobei sie den Kopf hin- und herrollte und den Mund fest schloß. Als die bestürzte Nichte sich ihr nähern wollte, um sie zu beruhigen, brach sie in ein Geschrei aus.

»Sei vernünftig, Tante... Ich gebe dir ohne deinen Willen nichts zu trinken.«

»Ja, du hast noch die Flasche... Ich fürchte mich, ich fürchte mich!«

Sie lag im Todeskampfe; auf ihrem zu tief liegenden, vor Entsetzen zurückgeworfenen Kopfe erschienen dunkelblaue Flecke. Das junge Mädchen glaubte, sie werde in ihren Armen verscheiden und klingelte der Magd. Beide hatten große Mühe, sie aufzurichten und auf dem Kopfkissen zurechtzulegen.

In diesem gemeinsamen Schmerze schwanden nun Paulines persönliche Leiden, ihre Liebesqualen vollkommen. Sie dachte nicht mehr an die frische Wunde, die gestern noch geblutet hatte, sie empfand einem so großen Jammer gegenüber weder Heftigkeit noch Eifersucht. Alles tauchte in ein unendliches Mitleid unter, sie hätte gewünscht sie noch mehr zu lieben, sich ihr zu weihen, sich ihr zu ergeben, Ungerechtigkeiten und Beleidigungen zu dulden, nur um die anderen besser trösten zu können. Es war wie ein Heldenmut, den größten Teil des Unglücks im Leben auf sich zu nehmen. Von dem Augenblicke an fühlte sie keine Erschlaffung mehr, angesichts dieses Sterbelagers zeigte sie die ergebene Ruhe, die sie gehabt hatte, als der Tod sie selbst bedroht hatte. Sie war immer auf dem Posten und scheute vor nichts zurück. Ihre Zärtlichkeit selbst war wiedergekommen, sie vergab ihrer Tante den Jähzorn der Anfälle und bedauerte sie, daß sie sich derart nach und nach in eine Wut hineingeredet; sie hätte sie lieber so gesehen wie in früheren Zeiten, sie von neuem geliebt, wie vor zehn Jahren, als sie mit ihr eines Abends im Sturmwind nach Bonneville gekommen war.

An jenem Tage erschien Doktor Cazenove erst nach dem Frühstück: ein Unfall, der zerschmetterte Arm eines Pächters, den er hatte flicken müssen, hatte ihn in Verchemont aufgehalten. Als er nach Besichtigung der Frau Chanteau in die Küche kam, verbarg er seinen schlechten Eindruck nicht. Lazare saß gerade am Herde in jener fieberhaften Trägheit, die ihn verzehrte.

»Nicht wahr, es ist keine Hoffnung mehr?« fragte er. »Ich habe diese Nacht das Werk Bouillands über Herzkrankheiten nachgelesen.«

Pauline, die mit dem Arzte zugleich herabgekommen war, warf letzterem wieder einen flehenden Blick zu, der ihn veranlaßte, den jungen Mann in seiner bärbeißigen Art zu unterbrechen. Jedesmal, wenn die Krankheiten sich zum Schlechten wandten, wurde er wütend. »Ach! Das Herz, mein Lieber, Sie haben nichts als das Herz im Munde!... Kann man etwas Gewisses sagen!... Ich halte die Leber für noch kranker. Wenn die Maschine aus dem Gange kommt, wird eben alles in Mitleidenschaft genommen, die Lunge, der Magen und auch das Herz. Statt Bouilland des Nachts zu lesen, was nur dazu dient, Sie auch krank zu machen, hätten Sie besser daran getan zu schlafen.«

Es war das ein Losungswort für das ganze Haus, man behauptete vor Lazare, daß seine Mutter an der Leber sterben werde. Er glaubte nicht daran und durchblätterte in den schlaflosen Stunden seine alten Bücher. Dann verwickelte er sich in den Merkmalen der Krankheit, und die Erklärung des Arztes, daß die Organe nach und nach in Mitleidenschaft gezogen würden, erschreckte ihn vollends.

»Wie lange glauben Sie, daß es noch dauern kann?« begann er mühsam.

Cazenove machte eine unbestimmte Bewegung.

»Vierzehn Tage, vielleicht einen Monat... Fragen Sie mich nicht, ich könnte mich täuschen und Sie hätten ein Recht zu sagen, daß wir nichts wissen, nichts können... Der Fortschritt, den die Krankheit seit gestern gemacht hat, ist fürchterlich.«

Veronika, die gerade mit dem Abtrocknen der Gläser beschäftigt war, starrte ihn mit offenem Munde an. Wie? Es war also wahr, daß Madame so krank war, daß Madame sterben mußte? Bis zu diesem Augenblicke hatte sie an keine Gefahr glauben können, sie brummte in den Winkeln und fuhr fort, von verhaltener Bosheit zu reden, die nur dazu diente, die Leute im Hause herumzujagen. Sie war wie vor den Kopf gestoßen und als Pauline ihr sagte, sie möge zur Frau gehen, damit sie nicht allein bleibe, entfernte sie sich, die Hände an der Schürze trocknend, und fand nur die Worte:

»Schon gut! Schon gut!«

»Doktor,« hob Pauline an, die allein den Kopf nicht verloren hatte, »man sollte auch an den Onkel denken. Meinen Sie, daß man ihn vorbereiten muß? Sprechen Sie doch bei ihm vor, ehe Sie fortgehen!«

In diesem Augenblicke erschien jedoch der Abbé Horteur. Er hatte erst am Morgen von der Unpäßlichkeit der Frau Chanteau, wie er sich ausdrückte, gehört. Als er von der Bedenklichkeit der Krankheit erfuhr, nahm sein von der Sonne gebräuntes, von der frischen Luft erstrahlendes Gesicht den Ausdruck aufrichtigen Kummers an. Die arme Dame! War es möglich? Sie war ihm vor drei Tagen noch so rüstig vorgekommen! Dann fragte er nach einer Pause:

»Darf ich sie sehen?«

Er hatte dabei einen unruhigen Blick auf Lazare geworfen, er kannte diesen als ungläubig und sah eine Weigerung voraus. Aber der niedergedrückte junge Mann schien ihn nicht einmal verstanden zu haben. Pauline aber sagte bestimmt:

»Nein, heute nicht, Herr Pfarrer. Sie kennt ihren Zustand nicht, Ihre Gegenwart würde sie beunruhigen. Wir wollen morgen sehen.«

»Sehr wohl,« beeilte sich der Priester zu sagen, »ich hoffe, es drängt durchaus nicht. Jeder muß eben seine Pflicht tun, nicht wahr?... Der Doktor, der nicht an Gott glaubt...«

Seit einem Augenblick betrachtete der Doktor starr einen Fuß des Tisches; der Zweifel, in den er stets verfiel, wenn er sah, daß die Natur ihm entschlüpfe, nahm seine Gedanken völlig in Anspruch. Trotzdem hatte er zugehört und schnitt dem Abbé Horteur das Wort ab. »Wer sagt Ihnen, daß ich nicht an Gott glaube? Gott ist nicht unmöglich, man sieht so wunderliche Dinge! ... Wer weiß?«

Er schüttelte den Kopf und schien zu erwachen.

»Warten Sie,« fuhr er fort, »Sie könnten mit mir zu dem braven Herrn Chanteau hineinkommen und ihm die Hand drücken... Er wird bald viel Mut nötig haben.«

»Wenn es ihn zerstreut,« bot sich der Pfarrer gefällig an, »kann ich auch bei ihm bleiben und einige Partien Dame mit ihm spielen.«

Damit schritten beide dem Speisezimmer zu, während Pauline sich beeilte, wieder zur Tante zu gehen. Lazare, der allein zurückgeblieben war, erhob sich, schwankte einen Augenblick, ob er gleichfalls hinaufsteigen solle, und horchte anfangs auf die Stimme seines Vaters, ohne den Mut zu besitzen selbst einzutreten; dann sank er wieder in der Untätigkeit seiner Verzweiflung auf den nämlichen Stuhl nieder.

Der Arzt und der Priester hatten Chanteau damit beschäftigt gefunden, eine Papierkugel auf dem Tische herumzurollen, die er aus einem seiner Zeitung beigegebenem Prospekt geformt hatte. Neben ihm lag Minouche und schaute ihn mit ihren grünen Augen an. Sie verachtete dieses zu einfache Spielzeug, hatte die Pfoten unter den Bauch geschoben und scheute selbst vor dem Herausstrecken dieser zurück. Die Kugel war vor ihrer Nase liegen geblieben.

»Ach, Sie sind es«, sagte Herr Chanteau. »Sie sind sehr liebenswürdig, ich unterhalte mich allein verwünscht schlecht... Nun, Doktor, geht es ihr besser? Ich beunruhige mich ihretwegen nicht. Sie ist die kräftigste im Hause und wird uns noch alle begraben.«

Der Arzt ergriff die Gelegenheit, um ihn aufzuklären. »Zweifelsohne scheint ihr Zustand nicht geradezu bedenklich zu sein. Ich finde nur, daß sie sehr schwach geworden ist.«

»Nein, nein, Doktor!« rief Chanteau. »Sie kennen Sie nicht. Sie hat eine unglaubliche Spannkraft... Ehe drei Tage vergehen, werden Sie sie wieder auf den Beinen sehen!«

Er weigerte sich zu verstehen, weil es ihm ein Bedürfnis war, an die Gesundheit seiner Frau glauben zu können. Der Arzt, der ihm den Zustand nicht unverblümt schildern wollte, mußte schweigen. Übrigens konnte man ebensogut noch warten. Die Gicht ließ ihn zum Glück ziemlich in Ruhe, ohne ihm allzu heftige Schmerzen zu verursachen; nur die Beine wurden nach und nach immer mehr ergriffen, so daß man ihn schon vom Bette auf den Lehnstuhl tragen mußte.

»Wenn die verwünschten Beine nicht wären, könnte ich ihr wenigstens einen Besuch machen.«

»Bescheiden Sie sich, mein Freund«, sagte der Abbé Horteur, der seinerseits sein Trösteramt zu erfüllen wünschte. »Jeder muß sein Kreuz tragen. Wir sind alle in Gottes Hand.«

Er bemerkte indessen, daß seine Worte, weit entfernt Chanteau zu stärken, ihn langweilten und schließlich sogar beunruhigten. Er schnitt daher als braver Mann seine Ermahnungen kurz ab und schlug ihm eine wirksamere Zerstreuung vor.

»Wollen wir eine Partie spielen? Das wird Ihnen den Kopf klar machen.«

Damit holte er auch schon das Damebrett von einem der Schränke. Chanteau drückte erfreut die Hand des Doktors, der sich jetzt entfernte. Die beiden Männer waren bereits in ihr Spiel vertieft und hatten schon die ganze Welt rings umher vergessen, als Minouche, zweifelsohne erregt durch die Papierkugel, die noch immer vor ihr lag, plötzlich auffuhr, die Kugel durch Schläge mit den Pfoten forttrieb und dann in tollen Sätzen um sie herumsprang:

»Verdammtes, launisches Tier!« schrie Chanteau gestört. »Soeben wollte sie nicht mit mir spielen, und jetzt unterhält sie sich ganz allein und verhindert uns am Nachdenken!«

»Lassen Sie nur,« sagte der Pfarrer voller Milde, »die Katzen belustigen sich mit sich allein.«

Als Doktor Cazenove von neuem die Küche durchschritt, nahm er, beim Anblick Lazares, der immer noch niedergeschmettert auf dem nämlichen Stuhle saß, von einer plötzlichen Rührung ergriffen, diesen in seine starken Arme und küßte ihn väterlich, ohne ein Wort zu sagen. Veronika kam gerade herunter und jagte Mathieu vor sich her. Er trieb sich mit seinem Schnuppern, das den Klagelauten eines Vogels glich, immerfort auf der Treppe umher, und trat, sobald er die Tür des Krankenzimmers offen fand, ein und winselte in scharfen Tönen, deren schriller Klang die Ohren durchbohrte.

»Marsch, marsch!« schrie die Magd, »deine Musik macht sie gewiß nicht gesund.«

Als sie Lazare bemerkte, fuhr sie fort.

»Führen Sie ihn doch irgendwo hin, schaffen Sie ihn uns vom Halse, es wird auch Ihnen gut tun.«

Es war dies ein Befehl Paulines. Sie beauftragte Veronika, Lazare aus dem Hause zu schicken und ihn zu langen Spaziergängen zu zwingen. Er aber weigerte sich, es kostete ihn selbst eine Anstrengung, sich aufzurichten. Indessen hatte sich der Hund vor ihn hingestellt und von neuem zu heulen begonnen.

»Der arme Mathieu ist nicht mehr jung«, sagte der Doktor, ihn betrachtend. »Teufel, er hat seine vierzehn Jahre«, antwortete Veronika. »Das hindert ihn aber nicht, noch heute wie ein Verrückter hinter den Mäusen her zu sein. Sehen Sie, er hat eine abgeschürfte Nase und rote Augen, weil er nämlich in der letzten Nacht eine unter dem Herde gerochen hat; er hat infolgedessen kein Auge geschlossen und meine ganze Küche mit der Nase durchwühlt, daß er noch das Fieber in den Pfoten hat. Ein so großer Hund wegen eines so kleinen Tieres, das ist lächerlich! Übrigens hat er es nicht nur mit den Mäusen, sondern mit allem was klein ist und krabbelt, die eintägigen Küchlein, die Jungen von Minouche reizen ihn derart, daß er die Lust am Trinken und Essen darüber verliert. Manchmal bringt er Stunden damit zu, unter einem Möbel herumzuschnüffeln, weil eine Schabe vorbeigelaufen ist... In diesem Augenblick, muß man wohl sagen, riecht er Außergewöhnliches hier im Hause.«

Sie hielt inne, als sie bemerkte, daß Lazares Augen sich mit Tränen füllten.

»Machen Sie doch einen Spaziergang«, hob der Doktor an. »Sie sind hier doch nicht zu gebrauchen und würden sich draußen besser fühlen.«

Der junge Mann hatte sich schließlich mühsam erhoben.

»Gehen wir,« sagte er, »komm, mein armer Mathieu.«

Als er dem Doktor in den Wagen geholfen hatte, entfernte er sich mit dem Hunde längs der Abhänge. Von Zeit zu Zeit mußte er stehen bleiben, um Mathieu zu erwarten, der in der Tat sehr alterte. Sein Hinterteil wurde steif, man hörte seine dicken Pfoten wie Filzschuhe an der Erde nachschleifen. Er grub keine Löcher mehr in den Gemüsegarten, und fiel schnell betäubt nieder, wenn er sich nach seinem Schwänze drehte. Aber er ermüdete besonders schnell und hustete, wenn er ins Wasser sprang; nach einem viertelstündigen Spaziergänge legte er sich schon schnaufend nieder. Am Strande lief er seinem Herrn zwischen die Beine.

Lazare blieb einen Augenblick unbeweglich stehen, um nach einem Fischerboote von Port-en-Bessin zu sehen, dessen graue Segel wie die Fittiche einer Möve das Wasser streiften. Dann schritt er weiter. Seine Mutter sollte sterben! Das dröhnte in mächtigen Schlägen durch sein ganzes Sein. Dachte er für einen Augenblick nicht mehr daran, so erschütterte ihn ein neuer, heftiger Stoß; es waren unaufhörliche Überraschungen, ein Gedanke, an den er sich nicht gewöhnen konnte, ein beständig sich erneuerndes Grauen, das für andere Gefühle keinen Raum bot. Indes selbst diese Vorstellung verlor für Augenblicke an Klarheit, und in ihm verblieb nur das schmerzlich unbestimmte Gefühl einer Beklemmung, in der die ängstliche Erwartung eines hereinbrechenden großen Unglückes das einzige Faßbare war. Während ganzer Minuten entschwand ihm seine Umgebung« Als er dann den Sand, die Algen und in der Ferne den ungeheuren Horizont wieder sah, schaute er alles das einen Augenblick staunend an, ohne es zu erkennen. War er wirklich dort so oft vorübergegangen? Der Sinn der Dinge schien ihm verwandelt, nie vorher war er so in die Formen und Farben eingedrungen. Seine Mutter mußte sterben! Er schritt immer weiter, als wolle er diesem ihn betäubenden Gesumme entfliehen.

Plötzlich vernahm er ein Schnaufen hinter sich. Er wandte sich um und erkannte den Hund, der mit heraushängender Zunge am Ende seiner Kräfte war. Da sprach er laut:

»Mein armer Mathieu, du kannst nicht weiter... Komm, wir wollen heimkehren. Man hat gut sich abschütteln, man denkt trotzdem daran.«

Am Abend speiste man in aller Hast. Lazare, dessen zusammengeschnürter Magen nur einige Bissen Brot duldete, beeilte sich hinaufzusteigen; er gebrauchte seinem Vater gegenüber den Vorwand einer dringlichen Arbeit. Im ersten Stockwerk trat er bei seiner Mutter ein und zwang sich fünf Minuten Platz zu nehmen, ehe er sie küßte und ihr eine gute Nacht wünschte. Sie vergaß ihn indessen vollständig und beunruhigte sich nie über das, was tagsüber aus ihm werde. Als er sich über sie beugte, reichte sie ihm die Wange hin und schien dieses hastige »Gute Nacht« natürlich zu finden, da sie stündlich immer mehr von der unwillkürlichen Selbstsucht ihres Endes verzehrt wurde. Er flüchtete; Pauline kürzte den Besuch ab, indem sie einen Vorwand zu seiner Entfernung ersann.

Bei sich in seinem großen Zimmer des zweiten Stockwerkes aber verdoppelten sich Lazares Qualen. Es war besonders die Nacht, die endlose Nacht, die auf seinem wirren Geist lastete. Er nahm Kerzen mit hinauf, um nicht ohne Licht zu sein; er zündete eine nach der andern an bis zum Morgengrauen, von dem Entsetzen vor der Finsternis ergriffen. Hatte er sich niedergelegt, so versuchte er vergebens zu lesen, nur seine alten medizinischen Bücher hatten noch Interesse für ihn; aber auch diese stieß er von sich, er hatte schließlich Furcht vor ihnen. Dann blieb er mit weitgeöffneten Augen auf dem Rücken liegen mit der einzigen Empfindung, daß sich in seiner Nähe hinter der Wand etwas Entsetzliches zutrug, dessen Last ihn erstickte. Er hatte den Atem seiner sterbenden Mutter in den Ohren, diesen Atem, der seit zwei Tagen so stark geworden war, daß er ihn von jeder Stufe der Treppe aus vernahm; er wagte sich deshalb nur noch mit beschleunigtem Schritte dorthin. Das ganze Haus schien eine einzige Klage auszuhauchen, er vermeinte, davon in seinem Bette aufgerüttelt zu werden, und eilte, beunruhigt durch die bisweilig eintretende Stille, mit nackten Füßen auf den Treppenabsatz, um sich lauschend über das Geländer zu beugen. Unten wachten Pauline und Veronika gemeinsam bei offener Tür. um das Zimmer zu lüften. Er bemerkte das bleiche Viereck des unbeweglichen Lichtes, das die Nachtlampe auf die Fliesen warf und fand den starken, tiefen, langgezogenen Atem in dem Schatten wieder. Er ließ jetzt ebenfalls, wenn er schlafen ging, die Tür offen; denn er hatte das Bedürfnis, dieses Röcheln zu hören, es war ein ihn beständig verfolgender Bann, und er verfolgte ihn in den Halbschlaf hinein, in den er endlich beim Morgengrauen sank. Wie zur Zeit der Krankheit seiner Base war sein Entsetzen vor dem Tode verschwunden. Seine Mutter mußte sterben, alles mußte sterben, er ergab sich in diese tiefe Umwälzung des Lebens ohne ein anderes Gefühl als das der Erbitterung über seine den Gang der Dinge nicht ändern könnende Ohnmacht. Am folgenden Tage begann der Todeskampf der Frau Chanteau, ein geschwätziger Todeskampf, der volle vierundzwanzig Stunden dauerte. Sie hatte sich beruhigt, das Entsetzen vor dem Gifte lähmte sie nicht mehr; und sie sprach mit sich selbst ohne Aufhören, mit klarer Stimme, in schnellen Sätzen, ohne den Kopf vom Kissen zu erheben. Es war das keine Plauderei, denn sie richtete das Wort an niemanden, es schien dagegen, als beeile sich ihr Gehirn, bei der Auflösung der Maschine wie eine ablaufende Uhr zu arbeiten, und als sei der Strom der abgerissenen, hastigen Worte das letzte Ticktack ihres Verstandes nach Ablaufen der Kette. Die ganze Vergangenheit zog an ihr vorüber, kein Wort über die Gegenwart, ihren Gatten, ihren Sohn, die Nichte, dieses Haus in Bonneville, in dem ihr Ehrgeiz zehn Jahre lang gelitten hatte. Sie war noch das Fräulein de la Vignière, welches des Stundengeldes wegen zu den vornehmen Familien von Caen lief; sie nannte vertraulich Namen, die weder Pauline noch Veronika je vernommen hatten; sie erzählte lange Geschichten ohne Zusammenhang, von Zwischengedanken abgeschnitten, deren Einzelheiten selbst der Magd neu waren, die doch im Dienste der Chanteaus ergraut war. Wie jene Kästchen, die man um die vergilbten Briefe aus früheren Zeiten erleichtert, schien sie vor dem Ende ihren Kopf von den Jugenderinnerungen zu befreien. Pauline empfand trotz ihres Mutes einen Schauder vor diesem Unbekannten, dieser unfreiwilligen Beichte, die durch die Arbeit des Todes auf die Oberfläche getrieben wurde. Jetzt wurde das Haus nicht mehr von dem Atem, sondern von dem erschrecklichen Geschwätz erfüllt. Wenn Lazare an der Tür vorüberging, fing er einige Sätze auf. Er suchte, sie sich zurechtzulegen, verstand jedoch ihren Sinn nicht und war darüber bestürzt wie über eine ihm unbekannte Geschichte, die seine Mutter bereits vom Jenseits des Lebens her mitten unter unsichtbaren Leuten erzählte.

Als Doktor Cazenove kam, fand er Chanteau und den Abbé Horteur im Speisezimmer beim Damespiel. Man hätte glauben können, sie säßen noch an derselben Stelle und setzten die Partie vom vorgehenden Tage fort. Neben ihnen saß Minouche und schien in das Studium des Damebrettes vertieft. Der Pfarrer war am frühen Morgen gekommen, um seinen Posten als Tröster wieder einzunehmen. Pauline sah jetzt nichts Unpassendes mehr in dem Besuche des Geistlichen bei der Kranken. Als der Arzt kam, gab er das Spiel auf, begleitete den Doktor zu der Kranken und stellte sich ihr als Freund vor, der sich nach ihrem Befinden erkundigen wolle. Frau Chanteau erkannte beide noch, sie wollte an die Kopfkissen gelehnt werden und bewillkommnete sie als schöne Frau von Caen an ihrem Empfangstage in einem lichten, lächelnden Phantasieren. Der gute Doktor müsse mit ihr zufrieden sein, nicht wahr? Sie werde bald aufstehen; und beim Abbé erkundigte sie sich höflich nach seiner Gesundheit. Dieser war zwar in der Absicht heraufgekommen, seine Pflichten als Priester zu erfüllen, wagte aber, von diesem schwatzhaften Todeskampfe erschüttert, nicht den Mund zu öffnen. Außerdem war Pauline zugegen, die ihn verhindert hätte, auf gewisse Gegenstände näher einzugehen. Sie selbst hatte die Kraft, eine zutrauliche Heiterkeit zu heucheln. Als die beiden Männer sich zurückzogen, begleitete sie dieselben bis auf den Treppenabsatz, wo ihr der Arzt mit leiser Stimme Unterweisungen für die letzten Augenblicke gab. Die Worte von schleuniger Auflösung wurden wiederholt laut, während aus dein Zimmer noch immer das wirre Geschwätz, der unversiegbare Redefluß der Sterbenden zu vernehmen war.

»So meinen Sie also, daß sie den heutigen Tag noch überlebt?« fragte das junge Mädchen.

»Ja, sie wird zweifelsohne noch bis morgen aushalten«, erwiderte Cazenove. »Aber richten Sie sie nicht mehr auf, sie könnte Ihnen in den Armen bleiben. Übrigens werde ich heute abend wiederkommen.«

Es wurde beschlossen, daß der Abbé bei Chanteau bleiben und ihn auf die Katastrophe vorbereiten solle; Veronika hörte auf der Türschwelle mit bestürzter Miene von diesen Vorkehrungen. Seitdem sie an die Möglichkeit des Todes ihrer Frau glaubte, tat sie die Lippen nicht mehr auseinander und bemühte sich mit der Ergebenheit eines Lasttiers eifrig um sie. Plötzlich aber verstummten alle, Lazare kam nach oben; er war im Hause umhergeirrt, ohne die Kraft zu gewinnen, den Besuchen des Arztes beizuwohnen und sich über die Gefahr genau zu vergewissern. Das plötzliche Schweigen, mit dem er empfangen wurde, belehrte ihn wider Willen. Er wurde sehr bleich. »Mein lieber Junge, Sie sollten mich begleiten«, sagte der Arzt. »Frühstücken Sie mit mir, ich bringe Sie heute abend zurück.«

Der junge Mann wurde noch bleicher.

»Nein, danke,« murmelte er, »ich will mich von hier nicht entfernen.«

Von dem Augenblicke an harrte Lazare mit einer entsetzlichen Beklemmung in der Brust aus. Ein eiserner Gürtel schien ihm den Leib zusammenzupressen. Der Tag wurde zur Ewigkeit und verstrich dessenungeachtet, ohne daß er gewußt hätte, auf welche Weise die Stunden dahinflossen. Er konnte sich nie darauf besinnen, was er getan hatte, wie oft er hinauf- und heruntergestiegen und das Meer von weitem betrachtet hatte, dessen ungeheures Wiegen ihn vollends betäubte. Der unbesiegbare Lauf der Minuten verkörperte sich für Augenblicke, wurde in ihm zum Drängen eines Granitblockes, der alles dem Abgrunde zufegte. Dann wieder ereiferte er sich; er hätte gewollt, es sei alles vorüber, um endlich von dieser entsetzlichen Erwartung auszuruhen. Als er gegen vier Uhr wieder einmal in sein Zimmer ging, trat er plötzlich bei seiner Mutter ein, er wollte sie sehen und empfand plötzlich das Bedürfnis, sie noch einmal zu umarmen. Als er sich aber über sie beugte, fuhr sie fort, die wirren Reihen ihrer Sätze abzuhaspeln; sie hielt ihm nicht einmal die Wange mit jener müden Bewegung hin, mit der sie ihn in ihrer Krankheit empfing. Vielleicht sah sie nicht einmal mehr. Dieses bleifarbene Antlitz mit den bereits schwarzen Lippen war nicht mehr seine Mutter.

»Geh nur,« sagte Pauline milde zu ihm, »mache einen Spaziergang... Ich versichere dir, die Stunde ist noch nicht gekommen.«

Statt in sein Zimmer hinaufzugehen, flüchtete Lazare. Er ging aus und trug das Bild dieses schmerzlichen Gesichtes, das er nicht wiedererkannte, mit sich fort. Seine Base belog ihn, die Stunde rückte näher; er aber erstickte; er brauchte Raum und lief wie ein Rasender umher. Dieser Kuß war also der letzte. Der Gedanke, seine Mutter nie, nie wiederzusehen, schüttelte ihn wie toll. Er glaubte, jemand laufe ihm nach und wende sich um; als er Mathieu erkannte, der ihn mit den schweren Pfoten einzuholen suchte, verfiel er ohne jeglichen Grund in eine helle Wut; er warf kleine Steine nach dem Hunde und stammelte Verwünschungen, um ihn nach Hause zu jagen. Mathieu, über diesen Empfang verblüfft, entfernte sich, dann machte er wieder kehrt und schaute ihn mit sanften Augen an, in denen Tränen zu glänzen schienen. Es war Lazare unmöglich, das Tier fortzujagen, das ihn von weitem begleitete, als wolle es über seine Verzweiflung wachen. Das ungeheure Meer regte ihn ebenfalls auf; er eilte auf die Felder und suchte die verborgensten Winkel auf, um endlich allein zu sein. So irrte er bis in die Nacht umher, lief über die bebauten Felder und sprang über die Hecken. Endlich machte er sich entkräftet auf den Heimweg, als ein Anblick ihn mit abergläubischem Entsetzen packte: am Rande eines einsamen Weges stand eine große, vereinzelte Pappel, die der aufsteigende Mond mit gelblichem Lichte übergoß; man hätte glauben können, es brenne dort eine ungeheure Wachskerze im Zwielicht am Lager eines großen, quer über das Feld gebetteten Toten.

»Vorwärts, Mathieu!« rief er mit erstickender Stimme. »Schnell.«

Er ging nicht, er lief so eilig heim, wie er fortgeeilt war. Der Hund hatte sich ihm wieder zu nähern gesucht und leckte ihm die Hände.

Obgleich die Nacht hereingebrochen war, brannte in der Küche kein Licht. Der Raum war leer und düster, die Decke von dem Widerscheine der Glut eines Kohlenfeuers rötlich beleuchtet. Diese Finsternis verwirrte Lazare, der sich nicht vorwärts zu gehen getraute. Bestürzt blieb er stehen inmitten dieses Durcheinanders von Töpfen und Scheuerlappen und lauschte auf die Geräusche, die das Haus durchklangen. Seitwärts vernahm er ein leichtes Hüsteln seines Vaters, dem der Abbe Horteur mit dumpfer,, unaufhörlicher Stimme zuredete. Hauptsächlich aber beunruhigten ihn eilige Schritte, ein Flüstern auf der Treppe, dann in dem oberen Stockwerke ein Gesumme, das er sich nicht erklären konnte, wie von dem unterdrückten Geräusch einer hastig gemachten Verrichtung herrührend. Er wagte nicht zu verstehen; war wirklich alles zu Ende? So blieb er regungslos stehen, ohne die Kraft zu haben, nach oben zu gehen, um sich Gewißheit zu verschaffen, bis er Veronika herunterkommen sah: sie kam hastig herbeigelaufen, zündete ein Licht an und trug es so eilig fort, daß sie ihm nicht ein Wort, selbst nicht einen Blick schenkte. Die für einen Augenblick erhellte Küche war wieder in die Dunkelheit zurückgesunken. Die Magd erschien von neuem, diesmal um eine Schüssel zu holen, und immer mit der nämlichen geschäftigen, schweigsamen Hast. Lazare zweifelte nicht mehr, es war alles zu Ende. Da setzte er sich fast ohnmächtig auf den Tischrand und wartete in dieser Dunkelheit, ohne zu wissen, auf was er wartete, während ihm die Ohren von der großen, plötzlich eintretenden Stille summten.

In dem Gemache dauerte der letzte Todeskampf bereits seit zwei Stunden, ein qualvoller Tod, der Pauline und Veronika geradezu entsetzte. Die Furcht vor Gift war in dem letzten Aufflackern wiedergekehrt. Frau Chanteau richtete sich ein wenig auf, immer noch mit ihrer raschen, aber nach und nach von einem wilden Phantasieren erregten Stimme plaudernd. Sie wollte aus dem Bette springen, aus dem Hause fliehen, wo sie jemand morden wollte. Das junge Mädchen und die Magd mußten ihre ganzen Kräfte aufbieten, um sie zurückzuhalten.

»Laßt mich, ihr wollt mich töten lassen... Ich muß gleich fort, gleich!«

Veronika versuchte sie zu beruhigen.

»Sehen Sie doch uns an... Halten Sie uns für fähig, Ihnen etwas Böses zu tun?«

Die Sterbende atmete erschöpft einen Augenblick. Sie schien mit ihren verschleierten, zweifelsohne nichts mehr sehenden Augen in dem Zimmer etwas zu suchen. Dann begann sie von neuem:

»Schließt den Schreibsekretär... Dort in dem letzten Schubkasten ist es... Sie kommt schon nach oben. Ich fürchte mich, ich höre sie! Gebt ihr nicht den Schlüssel, laßt mich gehen, sofort, sofort...«

Sie wand sich in den Kissen, während Pauline sie hielt.

»Tante, es ist kein Mensch außer uns hier!«

»Nein, nein, hört, da ist sie... Mein Gott!... Ich muß sterben, diese Schanddirne hat mich alles trinken lassen. Ich sterbe.

Ihre Zähne schlugen zusammen, sie flüchtete sich in die Arme ihrer Nichte, die sie nicht mehr erkannte. Diese preßte sie schmerzlich an ihr Herz; sie stand davon ab, den abscheulichen Verdacht zu bekämpfen und ergab sich darin, sie ihn mit ins Grab nehmen zu lassen.

Glücklicherweise war Veronika wach. Sie streckte ihre Hände aus und flüsterte:

»Nehmen Sie sich in acht, Fräulein!«

Das war das letzte Aufflackern. Mit einer heftigen Bewegung war es ihr gelungen, die geschwollenen Beine aus dem Bette zu schleudern, und ohne das Zuspringen der Magd wäre sie zu Boden gefallen. Eine Raserei hatte sie ergriffen, sie stieß nur noch unverständliche Laute aus; mit zusammengeballten Fäusten wie zu einem Kampfe Leib an Leib schien sie sich gegen eine Erscheinung zu verteidigen, die sie an der Kehle gepackt hatte. In diesem letzten Augenblicke mußte sie wohl das Ende fühlen, sie öffnete wieder ihres klugen, vom Entsetzen erweiterten Augen. Ein ungeheurer Schmerz ließ sie einen Augenblick die Hände an die Brust führen. Dann fiel sie in die Kissen zurück und wurde schwarz. Sie war tot.

Eine tiefe Stille trat ein. Pauline, völlig erschöpft, wollte ihr noch die Augen schließen; das war das letzte, das sie sich vorgenommen hatte. Als sie das Zimmer verließ, während Veronika und Frau Prouane, die sie nach dem Besuch des Arztes hatte rufen lassen, als Wache zurückblieben, verließen sie auf der Treppe ihre Kräfte; sie mußte sich einen Augenblick auf eine Stufe niedersetzen. Denn sie hatte nicht mehr den Mut hinunterzugehen, um Lazare und Chanteau den Tod anzuzeigen. Die Mauern drehten sich um sie. So verstrichen einige Minuten; sie ergriff das Treppengeländer, hörte im Eßzimmer die Stimme des Abbé Horteur und zog deshalb vor, in die Küche zu gehen. Dort aber bemerkte sie Lazare, dessen dunkle Umrisse sich von den roten Streiflichtern des Ofens abhoben. Ohne zu sprechen, schritt sie mit geöffneten Armen auf ihn zu. Er hatte verstanden, er sank an die Schulter des jungen Mädchens, während dieses ihn in langer Umarmung an sich drückte. Dann küßten sie sich auf die Wange. Sie weinte still vor sich hin, er konnte keine Träne vergießen; die Kehle war ihm so zusammengeschnürt, daß er nicht mehr atmen konnte. Endlich löste sie ihre Arme, und die ersten Worte, die ihr auf die Lippen kamen, waren: »Warum bist du ohne Licht?«

Er machte eine Bewegung, als wolle er sagen, daß er in seinem Kummer kein Licht benötige.

»Man muß ein Licht anzünden«, begann sie von neuem.

Lazare war unfähig, sich aufrecht zu halten, auf einen Stuhl gesunken. Mathieu machte unruhig die Runde im Hofe und schnupperte in der feuchten Nachtluft umher. Er kam endlich herein, schaute einen nach dem andern starr an und legte seinen dicken Kopf auf ein Knie seines Herrn; unbeweglich befragte er ihn so aus nächster Nähe. Vor den Blicken des Hundes begann Lazare zu zittern. Plötzlich flössen seine Tränen, er brach in heftiges Schluchzen aus, und die Hände schlangen sich um dieses alte Haustier, das seine Mutter seit vierzehn Jahren liebte.

»Ach! mein armer Dicker, mein armer Dicker... Wir sehen sie nicht mehr!«

Pauline hatte trotz ihrer Erregung endlich ein Wachslicht gefunden und angezündet. Glücklich über seine Tränen, versuchte sie, ihn nicht mehr zu trösten. Eine schmerzliche Aufgabe blieb ihr noch, ihren Onkel zu benachrichtigen. Als sie sich endlich in das Eßzimmer zu begeben entschloß, in das Veronika seit der Dämmerung eine Lampe gebracht, hatte Horteur mit langwierigen, salbungsvollen Redensarten gerade Chanteau mit dem Gedanken, daß seine Frau verloren sei und es sich nur noch um Stunden handle, vertraut gemacht. Als der Greis seine Nichte verstört, mit roten Augen eintreten sah, erriet auch er sofort die Katastrophe. Sein erster Schrei war:

»Mein Gott! ich hätte ja nichts weiter gewünscht, als sie noch einmal lebend wiederzusehen... Ach, diese schändlichen Beine! Diese schändlichen Beine!«

Darüber kam er nicht hinaus. Er weinte schnell trocknende Tränen und stieß schwache Seufzer eines Leidenden aus; bald kam er wieder auf seine Beine zurück und schmähte sie, bis er schließlich sich selbst beklagte. Einen Augenblick erwog man die Möglichkeit, ihn in das erste Stockwerk hinaufzutragen, damit er die Tode umarmen könne; dann aber hielt man, abgesehen von der Schwierigkeit eines solchen Vorhabens, es für gefährlich, ihm die Erregung eines letzten Lebewohls zu verursachen, auf das er übrigens auch nicht bestand. So blieb er im Eßzimmer vor dem in Unordnung gebrachten Damebrett, ohne zu wissen, womit er seine armen kranken Hände beschäftigen solle; er hatte nicht einmal den Kopf, wie er sagte, die Zeitung zu lesen und zu verstehen. Als man ihn zu Bett brachte, mußten ferne Erinnerungen in ihm erwacht sein, denn er weinte lange.

Es verstrichen zwei lange Nächte und ein endloser Tag, die entsetzlichen Stunden, in denen der Tote noch unter dem Dache des Hauses liegt. Cazenove war nur wiedergekommen, um den Tod zu bescheinigen, wobei er nochmals seiner Überraschung über ein so schnelles Ende Ausdruck gab. Lazare ging in der ersten Nacht nicht schlafen, er schrieb bis zum Morgen Briefe an die fernen Verwandten. Die Leiche mußte nach den Friedhof von Caen in die Familiengruft gebracht werden. Der Doktor hatte verbindlich die Erledigung aller Förmlichkeiten auf sich genommen; in Bonneville selbst war nur eine einzige peinliche zu erfüllen gewesen, die Todesanzeige, die Chanteau in seiner Eigenschaft als Bürgermeister entgegenzunehmen verpflichtet war. Da Pauline kein passendes schwarzes Kleid hatte, stellte sie sich in Eile ein solches aus einem alten Rock und einem Merinoschal zusammen, aus dem sie sich ein Leibchen zurechtschnitt. Die erste Nacht sowie der folgende Tag verstrichen noch in der Aufregung dieser Beschäftigung; aber die zweite Nacht wurde zur endlosen Ewigkeit in der schmerzlichen Erwartung des nächsten Tages. Niemand schloß ein Auge, die Türen blieben offen, angezündete Kerzen standen auf den Treppenstufen und den Möbeln umher; während ein Phenolgeruch bis in die entlegensten Zimmer gedrungen war. Alle im Hause befanden sich mit ausgetrocknetem Munde und unsteten Blicken unter diesem Drucke des Schmerzes; sie hatten einzig und allein das dumpfe Bedürfnis, die Lebenstätigkeit wieder aufzunehmen.

Endlich begann am nächsten Morgen um zehn Uhr die Glocke der kleinen Kirche auf der andern Seite des Weges zu läuten. Aus Rücksicht auf den Abbé Horteur, der sich bei dieser traurigen Gelegenheit als braver Mann gezeigt, hatte man beschlossen, die religiöse Feier in Bonneville vor der Überführung der Leiche nach dem Kirchhofe von Caen zu begehen. Sowie Chanteau die Glocke hörte, wurde er in seinem Lehnsessel lebendig.

»Ich will sie wenigstens fortbringen sehen«, wiederholte er. »Ach, diese schändlichen Beine. Was ist das für ein Elend mit solchen Schandbeinen!«

Vergebens versuchte man, ihn von dem Schauspiele fernzuhalten. Die Glocke läutete schneller, er wurde ärgerlich und schrie:

»Rollt mich in den Flur. Ich höre sehr wohl, daß man sie herunterbringt... Gleich... Gleich... Ich will sie fortbringen sehen.«

Pauline und Lazare mußten in tiefer Trauer und bereits behandschuht ihm gehorchen. Einer rechts, die andere links, schoben sie den Lehnstuhl bis zum Fuße der Treppe. In der Tat brachten vier Männer die Leiche herunter, deren Gewicht ihnen fast die Glieder zerbrach. Als der Sarg erschien mit seinem neuen Holze, den leuchtenden Griffen und seinem frisch gravierten kupfernen Schilde, machte Chanteau eine unwillkürliche Anstrengung sich zu erheben; aber seine bleiernen Beine nagelten ihn fest, er mußte in dem Lehnstuhl sitzen bleiben, von einem derartigen Zittern befallen, daß seine Kinnladen ein leises Geräusch von sich gaben, als spreche er mit sich selbst. Die schmale Treppe erschwerte das Niedersteigen, er sah diesen großen gelben Kasten langsam näher kommen, und als er ihm die Füße streifte, beugte er sich vorn über, um zu sehen, was man auf das Schild geschrieben hatte. Hier, wo der Flur breiter war, schritten die Männer flink auf die Tragbahre zu, die in dem Vorflur des Hauses aufgestellt war. Er sah noch immer hin, sah vierzig Jahre seines Lebens davongehen, Dinge von ehemals, die guten und die schlechten, und beklagte sie tief bekümmert, wie man die verlorene Jugend beklagt. Hinter seinem Lehnstuhle weinten Pauline und Lazare.

»Nein, nein, laßt mich«, sagte er zu ihnen, als sie sich anschickten, ihn an seinen Platz im Eßzimmer zurückzurollen. »Geht nur, ich will zusehen.«

Man hatte den Sarg auf die Tragbahre gestellt, andere Männer hoben ihn empor. Das Trauergefolge ordnete sich im Hofe, der mit Leuten aus dem Dorfe angefüllt war. Der bereits seit dem Morgen eingesperrte Mathieu heulte mitten in dem tiefen Schweigen hinter der Schuppentür, während Minouche vom Küchenfenster aus mit erstaunter Miene alle diese Menschen und diesen Kasten betrachtete, der davongetragen wurde. Als man sich nicht schnell genug entfernte, leckte sich die Katze gelangweilt den Bauch.

»Du gehst also nicht mit?« fragte Chanteau Veronika, die er neben sich bemerkte.

»Nein, Herr Chanteau«, sagte sie mit erstickter Stimme, »das Fräulein hat mich beauftragt, bei Ihnen zu bleiben.«

Die Glocke der Kirche läutete noch immer, der Leichnam verließ endlich im vollen Sonnenlichte, von Lazare und Pauline in tiefer Trauer gefolgt, den Hof. Im Türrahmen des offen gelassenen Flurs sah ihn Chanteau von seinem Krankenstuhle aus scheiden.

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