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Die Lebensfreude

Emile Zola: Die Lebensfreude - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Zola
titleDie Lebensfreude
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XII
year1924
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidb3f0b64c
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Drittes Kapitel.

Zwei Tage später legte eine starke Ebbe die tiefen Felsen bloß. In der Hitze der Leidenschaft, die Lazare zu Anfang jedes neuen Unternehmens mit sich riß, wollte er nicht länger warten und ging mit bloßen Beinen, einen einfachen Leinwandkittel über sein Badekostüm geworfen, fort; Pauline war mit bei der Untersuchung, gleichfalls im Badeanzug, mit starken Schuhen angetan, die sie sich für den Krabbenfang aufhob.

Als sie einen Kilometer von den Uferfelsen entfernt mitten in einem noch von der zurücktretenden Flut rinnenden Algenfelde angelangt waren, brach die Begeisterung des jungen Mannes los, als habe er diese ungeheure Ernte von Seegräsern, die sie hundertmal miteinander durchschritten hatten, soeben erst entdeckt.

»Sieh! sieh!« rief er. »Hier ist Ware! Und das läßt man so liegen, und so findet sie sich bis zu hundert Metern Tiefe!« Dann zählte er mit vergnügter Genauigkeit die Arten her: die Tangarten, mit zartem Grün, feinen Haaren vergleichbar, die sich ins Unendliche zu weiten Rasenplätzen ausbreiten; die Seegräser, mit den lattichartigen, breiten Blättern von graugrüner Durchsichtigkeit; die gezahnten Algen, die Blasenalgen; in so ungeheurer Menge, daß sie die Felsen, wie mit einem hohen Moose, bedeckten. In dem Maße, wie sie der Flut folgend niederstiegen, fanden sie Arten von größerem Umfange und fremdartigerem Aussehen, so den Riementang, ganz besonders den Neptungürtel, dieses grünliche Ledergehänge mit ausgezahnten Rändern, das für die Brust eines Riesen zugeschnitten zu sein scheint.

»Nicht wahr, welch ein verlorener Reichtum!« begann er wieder. »Wie dumm man ist ... In Schottland sind sie wenigstens so klug, das Seegras zu essen. Wir machen aus dem Tang Pflanzenhaar und verpacken unsere Fische in Meergras. Das übrige ist Dünger fraglicher Güte, den man den Bauern der Küsten überläßt ... Wenn man bedenkt, daß die Wissenschaft noch das barbarische Verfahren hat, einige Karren davon zu verbrennen, um Soda daraus zu gewinnen.«

Pauline, bis zu den Knien im Wasser, fühlte sich glücklich in dieser salzigen Frische. Außerdem interessierten sie die Erklärungen des Vetters ungemein.

»Du wirst also das alles destillieren?«

Das Wort »destillieren« erheiterte ihn stark.

»Ja, destillieren, wenn du willst. Aber die Geschichte ist hübsch verwickelt, wie du sehen wirst, meine Liebe ... Das tut, aber nichts, behalte genau meine Worte im Gedächtnis: man hat die Vegetation der Erde sich dienstbar gemacht, nicht wahr? Wir benutzen und essen Pflanzen und Bäume. Vielleicht wird uns die Eroberung der Meerespflanzen noch mehr bereichern, und zwar an dem Tage, an welchem man sich zu einem Versuche, sie auszunutzen, entschließen wird.«

Indessen sammelten beide, von Eifer beseelt, die Proben. Sie beluden ihre Arme damit und verloren sich so weit hinaus, daß sie auf dem Rückwege bis an die Schultern naß wurden. Die Erklärungen dauerten fort. Der junge Mann wiederholte Redensarten seines Lehrers Herbelin: das Meer sei ein ungeheurer Behälter chemischer Zusammensetzungen, die Algen arbeiteten für die Industrie, indem sie in ihren Geweben die Salze verdichteten, die das Wasser, in dem sie leben, in geringem Maße enthält. Die Aufgabe bestand darin, diesen Algen auf wirtschaftliche Weise alle nützlichen Zusätze zu entziehen. Er sprach davon, ihnen die Asche und das ungereinigte Soda für den Handel zu entnehmen, sodann Brom, Jodsoda und Pottasche, das Sodasulfat, andere eisen- und magnesiahaltige Salze in gereinigtem Zustande auszuscheiden und zu liefern, so daß von dem Rohstoff keinerlei Abgang übrigblieb. Besonders begeisterte ihn die Hoffnung, dank der von dem berühmten Herbelin entdeckten Kältemethode, nicht einen einzigen nützlichen Körper zu verlieren. Damit war ein ungeheures Vermögen zu machen.

»Guter Gott! Wie habt ihr euch zugerichtet!« rief Frau Chanteau, als sie in das Haus traten.

»Sei nicht böse«, erwiderte Lazare heiter, indem er sein Pack Algen mitten auf die Terrasse warf. »Schau! Wir bringen dir lauter Fünffrankenstücke zurück!«

Am folgenden Tage holte der Wagen eines Bauern von Verchemont eine ganze Ladung Meereskräuter, und die Studien nahmen in dem großen Zimmer des zweiten Stockwerkes ihren Anfang. Pauline erhielt den Grad eines Präparators. Das war ein Arbeiten während eines Monats! Das Gemach füllte sich schnell mit trockenen Pflanzen, mit Gefäßen, in denen baumartige Gewächse schwammen, mit Instrumenten wunderlichen Aussehens. Ein Mikroskop nahm eine Ecke des Tisches ein; das Piano verschwand unter Kesseln und Retorten, selbst der Schrank krachte von Fachliteratur, von unaufhörlich zu Rate gezogenen Sammlungen. Diese im kleinen mit umständlicher Genauigkeit angestellten Versuche führten im übrigen zu ermutigenden Ergebnissen. Die Kältemethode beruhte auf der Entdeckung, daß gewisse Körper sich bei niederen Temperaturen kristallisieren, welch letztere wiederum für die verschiedenen Körper verschieden sind; es handelte sich jetzt nur noch darum, die verlangten Temperaturen zu erhalten und festzuhalten: jeder Körper schlug sich nach und nach nieder und fand sich getrennt von den anderen. Lazare verbrannte die Algen in einem Graben, dann behandelte er die Aschenlauge auf Kälte, mit Hilfe eines Kühlungsverfahrens, das auf schneller Ammoniakverdampfung beruhte. Diese Behandlung aber mußte im großen vorgenommen, aus dem Laboratorium auf die Industrie übergeleitet werden, und zwar durch Aufstellung von sparsam arbeitenden Apparaten.

An dem Tage, an dem er aus Mutterlaugen bis zu fünf gut unterschiedene Körper frei gemacht hatte, hallte das Zimmer von lautem Jubel wider. Es zeigte sich vor allem ein überraschendes Verhältnis von Pottaschenbrom. Dieses Modeheilmittel mußte sich wie Brot verkaufen. Pauline, die von ihrer alten knabenhaften Tollheit befallen um den Tisch herumtanzte, eilte plötzlich die Treppe hinunter und platzte mitten in das Speisezimmer hinein, in dem ihr Onkel eine Zeitung las, während die Tante Mundtücher zeichnete.

»So!« rief sie. »Jetzt könnt ihr krank werden, wir werden euch Brom genug geben.«

Frau Chanteau, die seit einiger Zeit an nervösen Anfällen litt, war von Doktor Cazenove soeben auf Brom gesetzt worden. Sie lächelte.

»Werdet ihr auch genug haben, um alle zu heilen, da alles jetzt aus dem Geleise gebracht ist?«

Das Mädchen mit den kräftigen Gliedmaßen, dessen fröhliches Gesicht vor Gesundheit strotzte, breitete die Arme aus, als wolle es die Heilung in alle vier Himmelsrichtungen hinausschleudern.

»Ja, ja, wir werden die Erde damit vollpfropfen. Aus ist's mit der Nervosität!«

Nach einer Besichtigung des Strandes und nach eingehender Besprechung wegen einer passenden Baustelle, entschied sich Lazare für die Errichtung seiner Fabrik an der Schatzbucht. Alle Bedingungen waren dort vorhanden: eine ungeheure, wie mit platten Felsen gepflasterte Küste, welche das Einsammeln der Algen erleichterte; unmittelbare Fahrverbindung auf der Straße nach Verchemont; billiger Grund und Boden, das Material unter den Händen, eine genügende, aber nicht übermäßige Entfernung. Pauline scherzte über den Namen, den sie der Bucht wegen ihres feinen goldgelben Sandes gegeben hatten: damals glaubten sie nicht den Namen richtig gewählt zu haben, denn einen wahren Schatz wollten sie im Meere finden. Die ersten Schritte gelangen vortrefflich: glücklicher Ankauf von zwanzigtausend Metern öden Landes, Erteilung der behördlichen Bewilligung nach nur zweimonatlichem Warten. Endlich machten sich die Arbeiter an den Bau. Boutigny war angekommen, ein kleiner, roter, sehr gewöhnlicher Mann in den Dreißigern, der den Chanteaus außerordentlich mißfiel. Er hatte sich geweigert, in Bonneville zu wohnen, da er in Verchemont ein sehr bequemes Haus entdeckt hatte; die Kälte der Familie nahm noch zu, als sie erfuhr, daß er dort eine Frauensperson, irgendein gefallenes Mädchen untergebracht hatte, das er zweifelsohne aus einem verrufenen Pariser Hause mitgenommen. Lazare zuckte, über die kleinstädtischen Anschauungen aufgebracht, die Achseln. Sie war sehr liebenswürdig, diese Frau, eine Blondine, und mußte voller Hingabe sein, wenn sie sich entschloß, sich in dieses Wolfsloch zu vergraben; im übrigen ging er Paulinens wegen nicht weiter darauf ein. Was man mit einem Worte von Boutigny erwartete, war eine tätige Überwachung, eine kluge Ordnung der Arbeit. Darin war er wirklich wunderbar, den ganzen Tag auf den Beinen, entflammt von seinem Verwaltungsgenie. Unter seiner Leitung wuchsen die Mauern im Umsehen empor.

Nun wurde während vier Monaten, solange die Arbeiten zur Aufrichtung des Gebäudes, zur Aufstellung der Apparate dauerten, die »Schatzfabrik«, wie man sie schließlich nannte, das Ziel der täglichen Spaziergänge. Frau Chanteau begleitete die Kinder nicht immer; Lazare und Pauline nahmen ihre Ausflüge von früher auf. Nur Mathieu folgte ihnen; schnell ermüdet und seine dicken Pfoten nachschleppend, ruhte er dort unten mit heraushängender Zunge und mit dem wie ein Schmiedeblasebalg keuchenden Atem aus. Er war auch der einzige, der noch badete; er stürzte sich in das Meer, wenn man einen Stock hineinschleuderte, den er klugerweise gegen die Woge apportierte, um kein Salzwasser zu schlucken. Bei jedem Besuche trieb Lazare die Unternehmer zur Eile an, während Pauline einige praktische Bemerkungen wagte, die zuweilen sehr richtig waren. Er hatte die Apparate nach von ihm gemachten Zeichnungen in Caen anfertigen lassen müssen. Jetzt waren Arbeiter gekommen, um sie aufzustellen. Boutigny begann unruhig zu werden, da er die Bauanschläge fortwährend zunehmen sah. Warum sich nicht erst mit den dringend notwendigen Arbeitssälen, den unerläßlichen Maschinen begnügen? Warum diese verwickelten Baulichkeiten, diese ungeheuren Apparate angesichts eines Betriebes, den nach und nach auszudehnen weiser gewesen wäre, sobald sich erst eine genaue Berechnung der Bedingungen der Fabrikation und des Verkaufes ermöglichen ließen. Lazare brauste auf. Er sah alles in unermeßlichen Größen, er hätte dem Schuppen am liebsten eine monumentale Gestaltung gegeben, die das Meer beherrschte, und so vor dem grenzenlosen Horizont die Größe seines Gedankens entrollte. Der Besuch endete mit neuen Hoffnungen: warum knausern, wenn man das Glück in der Hand hatte? Die Heimkehr gestaltete sich sehr heiter, man erinnerte sich Mathieus, der fortwährend zurückblieb. Pauline versteckte sich plötzlich mit Lazare hinter einer Mauer, und beide ergötzten sich wie die Kinder, wenn der Hund plötzlich bemerkte, daß er sich allein befand, sich verirrt glaubte und in komischer Bestürzung umherlief.

Abend für Abend wurden sie daheim mit der nämlichen Frage empfangen.

»Nun? Geht es gut, seid ihr zufrieden?«

»Ja, ja, aber sie werden nie fertig damit.«

Das waren Monate vollständiger Vertraulichkeit. Lazare bewies eine lebhafte Zuneigung für Pauline, in die sich die Dankbarkeit für das in sein Unternehmen gesteckte Geld mischte. Nach und nach verschwand das Weib wieder, er lebte neben ihr wie in Gesellschaft eines Jungen, eines jüngeren Bruders, dessen gute Eigenschaften ihn täglich mehr rührten. Sie war so vernünftig, hatte einen so schönen Mut, eine so lachende Güte, daß sie ihm schließlich eine uneingestandene Achtung, eine stumme Ehrfurcht einflößte, gegen die er sich noch durch Neckereien wahrte. Sie hatte ihm ruhig von der Lektüre und dem Entsetzen der Tante beim Anblick der anatomischen Tafeln erzählt; und er hatte diesem schon wissenden Mädchen mit seinen großen, klaren Augen einen Augenblick überrascht, verlegen gegenübergestanden. In der Folge wurden ihre Beziehungen noch inniger, er gewöhnte sich, wenn sie ihm bei ihren gemeinsamen Studien half, ganz frei zu sprechen, in vollkommener wissenschaftlicher Einfachheit, unter Anwendung des eigentlichen Wortes, als gebe es kein anderes. Auch sie ging, ohne anscheinend etwas anderes darin zu suchen, als das Vergnügen zu lernen und ihm nützlich zu sein, auf alle Fragen ein. Aber sie belustigte ihn oft durch ihre lückenhafte Bildung, durch dieses außergewöhnliche Gemisch sich gegenseitig bekämpfender Kenntnisse: es waren die Unterlehrerinanschauungen ihrer Tante, der Gang der Welt, auf die Schamhaftigkeit der Erziehungsanstalten eingeschränkt, dann die von ihr in den medizinischen Werken gelesenen genauen Tatsachen, die physiologischen Wahrheiten über den Mann und das Weib. Wenn sie etwas Einfältiges sagte, lachte er so herzlich, daß sie zornig wurde: sei es nicht besser, statt zu lachen, ihr den Irrtum zu benehmen? Meistens endete der Streit auch mit einem Unterricht; er vervollkommnete ihre Belehrung als junger, über das Herkommen erhabener Chemiker. Sie wußte schon zuviel, um nicht auch den Rest hören zu können. Überdies vollzog sich durch stetes Lesen eine langsame Arbeit in ihr, sie verknüpfte nach und nach das Gehörte und Gesehene, voller Ehrerbietung indessen für Frau Chanteau, deren wohlanständige Lügen sie des ferneren mit ernster Miene anhörte. Nur vor ihrem Vetter in dem großen Gemach wurde sie zum Jungen, zum Präparator, dem er zurief:

»Hast du diese Floridea gesehen?... Sie hat nur ein Geschlecht.«

»Ja, ja,« erwiderte sie, »männliche Organe in großen Büscheln.«

Dennoch befiel sie eine geheime Verlegenheit. Wenn Lazare sie manchmal brüderlich anstieß, war es ihr einige Augenblicke, als solle sie ersticken, und ihr Herz klopfte heftig. Das Weib, das sie beide vergaßen, erwachte in ihrem Fleische mit dem Triebe ihres Blutes. Eines Tages stieß er sie beim Umdrehen mit dem Ellenbogen. Sie schrie laut und fuhr mit der Hand nach der Brust. Was war's? Hatte er ihr wehe getan? Aber er hatte sie ja kaum berührt; und mit einer natürlichen Bewegung wollte er das Halstuch lüften, um nachzusehen. Sie war zurückgetreten, sie standen sich verlegen mit einem gezwungenen Lächeln gegenüber. An einem anderen Tage weigerte sie sich während eines Experimentes, ihre Hände in kaltes Wasser zu tauchen. Er war erstaunt, ärgerlich: Warum? Was für eine wunderliche Laune? Wenn sie ihm nicht helfen wollte, wäre es besser, sie gehe hinunter. Als er sie erröten sah, verstand er und schaute sie mit aufgerissenen Augen an. So war dieses Ding, dieser jüngere Bruder also wirklich ein Weib? Man konnte sie nicht streifen, ohne daß sie einen Schrei ausstieß; man durfte nicht mehr an allen Tagen des Monats auf sie rechnen! Bei jedem neuen Vorfall gab es ein Staunen, als verwirre und errege eine unvorhergesehene Entdeckung den einen und die andere in ihrer knabenhaften Kameradschaft. Lazare schien sich davon nur gelangweilt zu fühlen. Da sie kein Mann war und ein Nichts sie außer Fassung brachte, war es unmöglich, weiter miteinander zu arbeiten. Pauline hingegen behielt ein gewisses Unbehagen, eine Beängstigung zurück, aus der ein wunderbarer Liebreiz aufkeimte.

Von diesem Augenblicke an entwickelten sich in dem Mädchen Empfindungen, von denen sie mit niemandem sprach. Sie log nicht, sie schwieg einfach aus besorgtem Stolze und auch aus Scham. Öfters glaubte Pauline leidend zu sein, vor dem Beginn einer schweren Krankheit zu stehen, denn sie legte sich fiebernd zu Bette, sie glühte vor Schlaflosigkeit und wurde völlig fortgerissen von dem dumpfen Toben des Unbekannten, das über sie gekommen. Am Tage fühlte sie sich nur wie zerschlagen, sie klagte ihren Zustand nicht einmal ihrer Tante. Es kamen wieder plötzliche Anfälle von Hitze, eine nervöse Erregung, unvermutete, sie in Aufruhr versetzende Gedanken und ganz besonders Träume, aus denen sie aufgebracht gegen sich selbst erwachte. Ihre Lektüre, diese leidenschaftlich gelesene Anatomie und Physiologie, hatten in ihr eine derartige Jungfräulichkeit des Körpers zurückgelassen, daß sie bei jeder neuen Erscheinung in kindliches Staunen verfiel. Erst das Nachdenken beruhigte sie: sie war nichts besonderes; sie mußte darauf gefaßt sein, zu sehen, daß dieser für die anderen gemachte Mechanismus des Lebens auch in ihr selbst zu arbeiten begann. Eines Abends nach der Mahlzeit stritten sie über die Torheit der Träume: war das nicht ärgerlich, so wehrlos auf dem Rücken liegen und die Beute wunderlicher Vorstellungen sein zu müssen? Es erbitterte sie besonders, daß im Schlafe ihr Wille tot, ihre Person vollständig ohnmächtig war. Ihr Vetter mit seinen pessimistischen Ansichten griff die Träume ebenfalls an, da sie die vollkommene Glückseligkeit des Nichts stören; während ihr Onkel einen Unterschied machte zwischen angenehmen Träumen, die er liebte, und den Alpdrücken des Fiebers, die er verabscheute. Aber sie steifte sich so fest darauf, daß Frau Chanteau sie ganz erstaunt fragte, was sie denn in der Nacht sehe. Da stammelte sie: nichts, wunderliches Zeug, zu verschwommene Dinge, um eine genaue Erinnerung daran zu bewahren. Sie log auch damit nicht, ihre Träume zogen in einem Zwielicht vorüber, es streiften sie Erscheinungen, ihr weibliches Geschlecht erwachte zum fleischlichen Leben, ohne daß je ein deutliches Bild ihre Empfindung genau erkennen ließ. Sie sah niemanden, sie konnte an eine Liebkosung des Seewindes glauben, der im Sommer durch das offene Fenster eindrang.

Inzwischen schien Paulinens große Neigung zu Lazare täglich heftiger zu werden, und bei ihrer geschwisterlichen siebenjährigen Kameradschaft war es nicht nur das unwillkürliche Erwachen des Weibes: sie hatte auch das Bedürfnis, sich ihm zu weihen, ein Blendwerk malte ihn ihr als den Klügsten, Stärksten. Langsam verwandelte sich diese Brüderlichkeit in Liebe mit dem süßen Gestammel aufblühender Leidenschaft, dem kräftig vibrierenden Lachen, mit flüchtigen Berührungen, der bezaubernde Flug nach dem Lande der edlen Zärtlichkeit vollzog sich unter dem Drängen des Schöpfungsinstinktes. Er hatte infolge der Ausschweifungen des Quartier latin weiter keine Neugier für sie übrig und sah daher auch des ferneren in ihr eine Schwester, die sein Begehren nicht streifte. Sie dagegen, noch Jungfrau, betete in dieser Einsamkeit, wo sie nur ihn fand, nach und nach ihn an und gab sich ihm vollkommen hin. Wenn sie vom Morgen bis zum Abend beieinander waren, schien sie nur von seiner Gegenwart zu leben, ihre Augen suchten die seinen, und sie eiferte, ihm dienstbar zu sein.

Um diese Zeit staunte Frau Chanteau über Paulinens Frömmigkeit. Sie sah, daß sie zweimal beichten ging. Dann aber schien das Mädchen plötzlich gegen den Abbé Horteur kalt geworden zu sein. Es weigerte sich sogar an drei Sonntagen, die Messe zu besuchen und ging nur wieder dorthin, um ihre Tante nicht zu bekümmern. Übrigens sprach Pauline sich nicht darüber aus, sie mußte durch die Fragen und Auseinandersetzungen des Abbé verletzt sein, der eine grobe Zunge hatte. Bei dieser Gelegenheit erriet Frau Chanteau mit der Witterung einer zärtlichen Mutter die wachsende Liebe Paulinens. Sie schwieg dennoch und sprach nicht einmal zu ihrem Manne davon. Dieses verhängnisvolle Ereignis überraschte sie, denn bis zur Stunde hatte die Möglichkeit einer zarten Neigung, vielleicht gar einer Heirat, nicht zu ihren Plänen gehört. Sie hatte wie Lazare fortgefahren, ihr Mündel wie ein unreifes Mädchen zu behandeln; sie wollte über den Fall nachdenken, nahm sich vor, jene zu überwachen, und tat schließlich nichts von allem, weil sie sich im Grunde wenig um Dinge scherte, die nicht zum Vergnügen ihres Sohnes gehörten.

Die heißen Augusttage waren gekommen, der junge Mann bestimmte eines Abends, daß man am folgenden Tage auf dem Wege nach der Fabrik ein Bad nehmen werde. Von ihren Schicklichkeitsgedanken gequält, begleitete sie die Mutter trotz der schrecklichen Hitze der Dreiuhrsonne. Sie setzte sich neben Mathieu auf die glühenden Strandsteine und beschützte sich mit ihrem Sonnenschirm, unter den auch der Hund seinen Kopf zu stecken suchte.

»Nun! wohin geht sie denn?« fragte Lazare, als er Pauline hinter einem Felsen verschwinden sah.

»Sie will sich natürlich entkleiden!« sagte Frau Chanteau. »Drehe dich um, du belästigst sie, das ist nicht schicklich.«

Er war sehr erstaunt und blickte weiter nach der Seite des Felsens, wo ein weißer Hemdzipfel flatterte, dann richtete er die Augen wieder auf seine Mutter und entschloß sich, ihr den Rücken zu kehren. Er selbst zog sich eiligst aus, ohne ein Wort hinzuzufügen.

»Bist du fertig?« rief er endlich. »Das sind aber Umstände! Was sollen die Flausen?«

Leichtfüßig, mit einem übertrieben heiteren Lachen, aus dem eine leichte Verwirrung hervorklang, eilte Pauline herbei. Seit der Heimkehr ihres Vetters hatten sie noch nicht gemeinsam gebadet. Sie hatte ein aus einem Stück gemachtes Schwimmkostüm angelegt, das, um den Leib durch einen Gürtel festgehalten, die Hüften freiließ. Mit ihren geschmeidigen Lenden, der gewölbten Brust glich sie so verzierlicht einem florentinischen Marmorbildwerk. Ihre nackten Arme und Beine, die bloßen, mit Sandalen bekleideten kleinen Füße hatten die Weiße eines Kindes bewahrt.

»Na?« begann Lazare von neuem. »Gehen wir bis zu den Picochets?«

»Gewiß, bis zu den Picochets«, erwiderte Pauline.

Frau Chanteau rief ihnen nach: »Entfernt euch nicht zu weit... Ihr macht mir immer angst!«

Aber schon waren sie im Wasser. Die Picochets, eine Gruppe von Felsen, von denen einige selbst bei hoher Flut unbedeckt blieben, befanden sich ungefähr einen Kilometer vom Ufer entfernt. Sie schwammen beide ohne Hast nebeneinander wie zwei Freunde, die auf einem schönen, geraden Wege einen Spaziergang machen. Zuerst war ihnen Mathieu gefolgt. Als er sie immer weiter schwimmen sah, war er zurückgekehrt, hatte sich abgeschüttelt und Frau Chanteau vollständig bespritzt. Nutzlose Heldentaten waren seiner Faulheit zuwider.

»Du bist klug«, sagte die alte Dame. »Du lieber Gott, ist es erlaubt, sein Leben so auf das Spiel zu setzen!«

Sie unterschied kaum die Köpfe von Lazare und Pauline, sie glichen auf der Oberfläche der Wellen treibenden Büscheln Meergras. Es war ziemlich bewegte See; sie drangen, von den weichen Wogen geschaukelt, langsam vor und plauderten ruhig von den Algen, die in der Durchsichtigkeit des Wassers unter ihnen vorüberschwammen. Pauline legte sich ermüdet auf den Rücken, das Antlitz gen Himmel gewendet und verlor sich in die Unendlichkeit des tiefen Blaus. Dieses Meer, das sie wiegte, war ihre vertraute Freundin geblieben. Sie liebte seinen scharfen Atem, seine eisige, keusche Flut; sie überließ sich ihm, glücklich sein endloses Rieseln gegen ihr Fleisch zu verspüren, sie durchkostete die Freude dieser gewaltigen Leibesübung, welche die Schläge ihres Herzens regelte.

Sie stieß einen leisen Schrei aus. Beunruhigt fragte ihr Vetter:

»Was ist geschehen?«

»Ich glaube, mein Leibchen ist geplatzt... Ich habe den rechten Arm zu stramm ausgestreckt.«

Und beide scherzten. Sie hatte wieder langsam zu schwimmen begonnen und lächelte leise, als sie den Unfall wahrnahm: die Achselnaht war geplatzt und Brust und Schulter nun völlig entblößt. Der junge Mann sagte ihr aufgeräumt, sie möge doch in ihren Taschen nachsehen, ob sie nicht Stecknadeln bei sich hätte. Indessen waren sie bei den Picochets angekommen, er stieg ihrer Gewohnheit gemäß auf einen Felsen, um vor der Rückkehr an das Land Atem zu schöpfen. Sie schwamm unverdrossen weiter um die Klippe herum.

»Du steigst nicht herauf?«

»Nein, ich befinde mich hier sehr wohl.«

Er vermutete eine Laune ihrerseits und ärgerte sich. War das vernünftig? Wenn sie nicht einen Augenblick ausruhte, konnten ihr die Kräfte während der Rückkehr ausgehen. Aber sie blieb eigensinnig dabei, sie antwortete auch nicht mehr und schwamm mit leisem Geräusch bis zu dem Kinn im Wasser umher, wobei das entblößte Weiß ihrer Schultern verschwommen und milchig wie Perlmutter in das Wasser tauchte. Gegen das offene Meer hin war der Fels zu einer Art Grotte ausgehöhlt, in der sie früher, angesichts des leeren Horizontes Robinson gespielt hatten. Auf der anderen Seite zeichnete sich Frau Chanteau wie der schwarze verlorene Punkt eines Insektes am Strande ab.

»Verdammter Charakter!« rief endlich Lazare, sich wieder ins Wasser stürzend. »Wenn du einen Schluck trinkst, lasse ich dich auf Ehrenwort ruhig trinken.«

Sie schwammen langsam zurück. Sie schmollten und sprachen nicht mehr miteinander. Als er sie keuchen hörte, sagte er ihr, sie möge sich wenigstens auf den Rücken legen. Sie schien nicht zu verstehen. Der Riß erweiterte sich: bei der geringsten Wendebewegung hätte ihre Brust wie eine Blüte der Algen zur Oberfläche emportauchen müssen. Jetzt begriff er klar; da er ihre Ermüdung bemerkte und fühlte, daß sie das Ufer nimmermehr erreichen werde, näherte er sich ihr entschlossen, um sie zu stützen. Sie wollte sich wehren und allein weiter schwimmen; schließlich aber mußte sie sich ihm überlassen. Eng aneinander geschmiegt, sie quer vor ihm liegend, näherten sie sich dem Strande.

Frau Chanteau war entsetzt herbeigelaufen, während Mathieu, bis zum Bauche im Wasser, aufheulte.

»Mein Gott! Welche Unvernunft!... Ich sagte gleich, ihr ginget zu weit.«

Pauline war ohnmächtig geworden. Lazare trug sie wie ein Kind ans Ufer; sie ruhte jetzt halb nackt an seiner Brust, beide von Salzwasser triefend. Bald seufzte sie und öffnete die Augen. Als sie den jungen Mann erkannte, brach sie in ein heftiges Schluchzen aus, sie erstickte ihn fast in einer nervösen Umarmung, indem sie ihm mit vollen Lippen auf gut Glück das Gesicht küßte. Das geschah wie unbewußt, aus freiem Antriebe der Liebe, die aus dieser Todesgefahr erstand.

»Oh, wie gut du bist, Lazare. Oh! Wie ich dich liebe!«

Er war von dem Ungestüm dieses Abküssens ganz durchschauert. Als Frau Chanteau sie wieder ankleidete, entfernte er sich von selbst. Die Heimkehr nach Bonneville war lieblich und mühsam zugleich, denn beide schienen wie gebrochen vor Mattigkeit. Zwischen ihnen schritt die Mutter einher und sagte sich, daß die Stunde gekommen sei, einen Entschluß zu fassen.

Auch anderes beunruhigte die Familie. Die Schatzfabrik war gebaut, und seit acht Tagen erprobte man die Apparate, die jämmerliche Ergebnisse ergaben. Lazare mußte bekennen, daß er einige Stücke schlecht zusammengestellt hatte. Er begab sich nach Paris, um seinen Meister Herbelin zu Rate zu ziehen und kam verzweifelt zurück: alles mußte von neuem gemacht werden; der große Chemiker hatte seine Methode inzwischen verbessert, was eine vollständige Abänderung der Apparate nötig machte. Inzwischen waren die sechzigtausend Franken bereits verschlungen; Boutigny weigerte sich, auch nur einen einzigen Sou darüber herzugeben: vom Morgen bis zum Abend sprach er mit der unerträglichen Verbohrtheit des praktischen und jetzt triumphierenden Mannes in bitterem Tone über die geschehenen Verschleuderungen. Lazare juckte es, ihn durchzuprügeln. Er hätte vielleicht alles im Stich gelassen, wenn ihn nicht der angstvolle Gedanke, die dreißigtausend Franken von Pauline in diesem Abgrunde verloren zu sehen, zurückgehalten hätte. Seine Rechtschaffenheit, sein Stolz lehnten sich dagegen auf: man konnte nicht so ein Geschäft preisgeben, das später Millionen einbringe.

»Verhalte dich ruhig«, wiederholte seine Mutter, als sie ihn krank vor Ungewißheit sah. »So weit ist es mit uns noch nicht gekommen, daß wir nicht wüßten, wo wir einige tausend Franken hernehmen sollen.«

In Frau Chanteau reifte ein Plan. Nachdem sie der Gedanke an eine Heirat zwischen Lazare und Pauline zuerst überrascht hatte, schien er ihr jetzt ganz annehmbar. Sie waren schließlich nur neun Jahre auseinander, ein täglich gutgeheißener Altersunterschied. Kam diese Geschichte nicht wie gerufen, um die Sache ins Reine zu bringen? Lazare werde in Zukunft für seine Gattin arbeiten, nicht mehr von seiner Schuld gequält werden und könne von Pauline selbst die nötige Summe borgen. Im Grunde allerdings wurde Frau Chanteau von unbestimmten Gewissensbissen bedrückt, von der Furcht vor einer schließlichen Katastrophe, dem Ruine ihres Mündels. Doch sie wies den Gedanken an ein solches Ende als unmöglich zurück: War nicht Lazare ein Mann von Genie? Er werde Pauline bereichern; sie mache ein gutes Geschäft. Ihr Sohn mochte arm sein, er war doch ein Vermögen wert, wenn sie ihn hergab.

Die Heirat wurde in höchst einfacher Weise beschlossen. Eines Morgens fragte die Mutter das Mädchen in seinem Zimmer aus; Pauline öffnete ihr sofort mit heiterer Ruhe ihr Herz. Dann riet sie ihr, Müdigkeit vorzuschützen, und begleitete ihren Sohn allein zur Fabrik. Als sie ihm auf dem Rückwege ihren Plan eingehend auseinandersetzte, die Liebe der kleinen Base, das Passende einer derartigen Heirat, die Vorteile, welche jeder daraus ziehen werde, schien er zuerst verblüfft. Er hatte nie an dergleichen gedacht; wie alt war denn das Kind eigentlich? Dann war er tief bewegt. Gewiß, auch er liebte sie und werde tun, was man wolle.

Als sie heimkehrten, war Pauline, um sich zu beschäftigen, gerade im Begriff, den Tisch zu decken, während ihr Onkel mit der ihm auf den Schoß gefallenen Zeitung Minouche beobachtete, die sich niedlich den Bauch leckte.

»Nun, was ist los, man will heiraten?« sagte Lazare und verbarg seine Erregung unter einer geräuschvollen Munterkeit.

Sie stand mit einem Teller in der Hand dunkelrot da, und das Wort war ihr wie abgeschnitten.

»Wer will heiraten?« fragte der Onkel, als erwache er plötzlich.

Seine Frau hatte ihn schon am Morgen verständigt; aber die leckerhafte Art, mit der die Katze die Zunge über ihr Fell führte, nahm ihn völlig in Anspruch. Er erinnerte sich indessen sofort.

»Ach ja!« rief er.

Dabei äugelte er die jungen Leute schalkhaft an, während ein schmerzliches Stechen im rechten Fuß seinen Mund verzerrte. Pauline hatte den Teller leise niedergestellt. Endlich sagte sie zu Lazare:

»Wenn du willst, ich bin gern bereit.«

»Vorwärts, abgemacht, umarmt euch«, sagte Frau Chanteau, während sie ihren Strohhut an den Nagel hängte.

Das Mädchen ging mit ausgestreckten Händen zuerst auf ihn zu. Er nahm diese immer noch lächelnd in die seinen und scherzte:

»Du hast also die Puppe beiseite geworfen? ... Darum also bist du eine solche Geheimniskrämerin geworden, daß man nicht einmal mehr zusehen durfte, wie du dir die Fingerspitzen wuschest! ... Und den armen Lazare hast du dir zum Opfer ausersehen?«

»Oh, Tante, sage ihm, er möge schweigen, oder ich flüchte«, flüsterte sie verlegen und suchte sich zu befreien.

Nach und nach zog er sie an sich und spielte noch so mit ihr wie zu der Zeit ihrer Schulfreundschaft. Plötzlich drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Wange, den er ihr auf ein Ohr wiedergab. Dann fuhr er, von einem nicht eingestandenen Gedanken trübe gestimmt, fort:

»Du bist einen seltsamen Handel eingegangen, mein armes Kind! Wenn du wüßtest, wie alt ich im Grunde bin! ... Aber schließlich bist du ja mit mir zufrieden!«

Die Mahlzeit verlief geräuschvoll. Alle sprachen zugleich, machten Zukunftspläne, als befänden sie sich zum ersten Male beisammen. Veronika, die mitten in der Verlobungsszene in das Zimmer getreten war, schlug hastig, ohne ein Wort zu sagen, die Küchentür zu. Beim Nachtisch wurden endlich die ernsten Fragen erörtert. Die Mutter erklärte, daß die Hochzeit nicht vor zwei Jahren stattfinden könne: ihr solle nicht vorgeworfen werden, daß sie mit Hilfe ihres Sohnes einen Druck auf das noch junge Kind ausgeübt habe. Diese Frist von zwei Jahren machte Pauline ungemein bestürzt, aber die Ehrlichkeit der Tante rührte sie so ungemein, daß sie aufstand, um sie zu küssen. Man setzte einen Termin fest, die jungen Leute würden sich gedulden und inzwischen die ersten Taler von den zukünftigen Millionen verdienen. Die Geldfrage wurde mit Begeisterung behandelt.

»Nimm aus dem Schubfach, Tante«, wiederholte das junge Mädchen, »alles, was du willst! Es gehört ihm jetzt ebenso gut wie mir.«

Frau Chanteau erklärte sich dagegen.

»Nein, nein, es wird kein Sou unnütz herausgenommen. Du weißt, man kann schon Vertrauen zu mir haben, eher ließe ich mir die Hände abschneiden ... Ihr gebraucht da unten noch zehntausend Franken; ich gebe euch diese zehntausend Franken und schließe dann doppelt ab. Das Geld ist geheiligt.«

»Mit zehntausend Franken ist mir der Erfolg sicher«, sagte Lazare. »Die größten Ausgaben sind gemacht, es wäre ein Verbrechen, den Mut zu verlieren. Ihr werdet sehen; ihr werdet sehen! Und dich, meine Vielgeliebte, werde ich am Hochzeitstage mit einem goldenen Kleide schmücken.«

Die Freude wurde durch die plötzliche Ankunft des Doktors Cazenove vermehrt. Er war ins Dorf gekommen, um einem Fischer, der sich die Finger unter einem Boot zerquetscht hatte, einen Verband anzulegen; und man hielt ihn zurück, man zwang ihn, eine Tasse Tee zu trinken. Die große Neuigkeit schien ihn nicht zu überraschen. Nur als er die Chanteau über die Ausbeutung der Algen sich begeistern hörte, sah er Pauline unruhig an.

»Zweifelsohne ist der Gedanke sinnreich, man kann einen Versuch machen«, sagte er. »Aber Renten zu haben ist noch viel sicherer. An eurer Stelle würde ich mich sogleich in mein Nest zurückziehen und glücklich sein.«

Er unterbrach sich, da er einen Schatten die Augen des jungen Mädchens verdunkeln sah. Die lebhafte Neigung, die er für Pauline empfand, ließ ihn gegen seine Überzeugung fortfahren:

»Das Geld hat sein Gutes, – verdient nur recht viel davon ... Ihr wißt, ich tanze auf eurer Hochzeit. Ja, ich werde den Zambuco der Karaiben tanzen, den ihr, wette ich, noch nicht kennt ... Wartet. Beide Hände wie Mühlenflügel vor dem Winde, und dabei schlägt man sich auf die Schenkel und dann immer herum um den Gefangenen, wenn er gar gebraten ist und die Weiber ihn zerlegen.«

Die Monate vergingen weiter. Jetzt hatte Pauline ihre heitere Ruhe wiedergefunden, nur die Ungewißheit belastete ihre freimütige Natur. Das Bekenntnis ihrer Liebe, der für die Heirat festgesetzte Termin schienen selbst den Aufruhr ihres Fleisches beschwichtigt zu haben. Sie nahm ohne Fieber das Aufblühen des Lebens hin, diese langsame Entwicklung ihres Körpers, diese rote Woge ihres Blutes; alles das, was sie einen Augenblick bei Tage gequält und ihr des Nachts Gewalt angetan hatte. War es nicht das gemeinsame Gesetz? Man wußte heranwachsen, um zu lieben. Übrigens änderte sich ihr Verhältnis zu Lazare kaum, alle beide setzten ihr Leben in gemeinsamer Arbeit fort; er in steter Geschäftigkeit, vor einem Ausbruch der Triebe durch seine Abenteuer in den Mietswohnungen geschützt, sie so schlicht und rechtlich in der Ruhe des wissenden jungfräulichen Mädchens, daß sie wie durch eine doppelte Rüstung dagegen geschützt war. Manchmal indessen nahmen sie sich in dem überfüllten Zimmer bei den Händen und lachten mit zärtlicher Miene. Bald war es eine physiologische Abhandlung, die sie miteinander durchblätterten, wobei sich ihre Haare berührten; bald auch lehnten sie einen Augenblick aneinander, wenn sie eine purpurne Phiole mit Brom, die veilchenfarbene Probe einer Jodart betrachteten; oder sie beugte sich auch wohl neben ihm über die Instrumente, die den Tisch und das Klavier bedeckten; sie rief ihn, um sich von ihm bis zum obersten Brette des Schrankes emporheben zu lassen. Aber in diesen fast stündlichen Berührungen lag nichts anderes als erlaubte Liebkosungen, die ebenso gut vor den Augen der Eltern ausgetauscht werden konnten, eine gute, kaum durch einen Anflug von sinnlicher Freude erwärmte Freundschaft zwischen Vetter und Base, die sich eines Tages heiraten sollten. Sie waren, wie auch Frau Chanteau sagte, wahrhaft verständig. Als Luise kam und sich mit ihrem niedlichen Gesicht eines gefallsüchtigen Mädchens zwischen sie stellte, schien Pauline selbst nicht mehr eifersüchtig zu sein.

Ein volles Jahr verstrich auf diese Weise. Die Fabrik arbeitete nunmehr und vielleicht war gerade die Sorge, die ihnen diese verursachte, ihr Schutzgeist. Nach einer schwierigen Wiederaufstellung der Apparate schienen die ersten Erfolge ausgezeichnet; allerdings war die Leistungsfähigkeit der Fabrik mittelmäßig, aber bei Verbesserung der Methode, Vermehrung der Sorgfalt und Tätigkeit mußte man es zu einer ungeheuren Produktion bringen. Boutigny hatte schon bedeutende Abnehmer verpflichtet, sogar zu weitgehende Verbindungen angeknüpft. Das Glück schien gesichert. Fortan machte diese Hoffnung sie eigensinnig; sie kämpften gegen die drohenden Anzeichen des Ruins; die Fabrik wurde zum Abgrund, in den sie das Geld mit vollen Händen schleuderten, immer in der Überzeugung, daß sie es in der Tiefe als Goldbarren wiederfinden würden. Jedes neue Opfer vergrößerte nur ihre Hartnäckigkeit.

Anfangs nahm Frau Chanteau keine Summe aus dem Schubfach des Schreibsekretärs, ohne Pauline vorher davon zu verständigen.

»Am Sonnabend müssen Zahlungen geleistet werden, Kleine, es fehlen euch dreitausend Franken ... Willst du mit mir hinaufsteigen, um das Papier auszuwählen, das wir verkaufen wollen?«

»Aber du kannst es ja allein wählen«, sagte das Mädchen.

»Nein, du weißt, ich tue nichts ohne dich. Das ist dein Geld.«

Dann lockerte Frau Chanteau diese eigene Strenge. Eines Abends gestand ihr Lazare eine Schuld, die er Pauline verborgen hatte: fünftausend Franken für Kupferröhren, die man nicht einmal benutzte. Da die Mutter soeben mit dem Mädchen dem Schubfach einen Besuch gemacht hatte, kehrte sie allein dorthin zurück, entnahm angesichts der Verzweiflung ihres Sohnes die fünftausend Franken und faßte den Vorsatz, sie beim ersten Gewinn wieder zurück zu erstatten. Aber von diesem Tage an war die Bresche offen; sie gewöhnte sich daran und schöpfte, ohne zu zählen. Sie fand es schließlich verletzend in ihrem Alter, in steter Abhängigkeit von dem Willen eines Kindes zu sein und nährte gegen dieses einen geheimen Groll. Man werde jener ihr Geld schon wiedergeben; wenn es ihr auch gehöre, so sei es noch kein genügender Grund, um sich keinen Schritt mehr erlauben zu dürfen, ohne vorher ihre Einwilligung erbeten zu haben. Seitdem sie ein Loch in den Schubkasten gemacht, bestand sie nicht mehr auf die Begleitung Paulines. Diese fühlte sich dadurch erleichtert; denn trotz ihres guten Herzens waren ihr diese Besuche am Schreibsekretär peinlich: die Vernunft warnte sie vor einer Katastrophe, die kluge Sparsamkeit ihrer Mutter empörte sich in ihr. Zuerst wunderte sie sich über das Schweigen der Frau Chanteau. Sie fühlte wohl, daß das Geld nichtsdestoweniger davonfloß, daß man sich einfach ohne sie behalf. In der Folge aber gab sie diesem Vorgehen den Vorzug. Wenigstens hatte sie nicht das Mißvergnügen, den Haufen Papiere jedesmal kleiner werden zu sehen. Von da an fand zwischen den beiden zu gewissen Stunden nur ein hastiger Austausch von Blicken statt: starr und unruhig der Blick der Nichte, wenn sie ein neues Darlehen witterte; unstet derjenige der Tante, die es empörte, sich abwenden zu müssen. Es war so etwas wie Haß, was in ihnen zu gären begann.

Unglücklicherweise wurde in diesem Jahr über Davoine der Konkurs eröffnet. Dieses Mißgeschick hatte man vorausgesehen, trotzdem war es ein harter Schlag für die Chanteau. Sie waren jetzt ausschließlich auf die dreitausend Franken Rente angewiesen. Alles, was sie aus dem Zusammenbruche retten konnten, waren zwölf tausend Franken, die sogleich in Rente angelegt wurden und ihnen alles in allem dreihundert Franken für den Monat voll machten. So mußte Frau Chanteau schon in der zweiten Hälfte des ersten Monats fünfzig Franken vom Gelde Paulines wegnehmen: der Metzger von Verchemont wartete unten mit seiner Rechnung, man konnte ihn nicht zurückschicken. Dann waren es hundert Franken für den Ankauf einer Auslaugemaschine, dann wieder zehn Franken für Kartoffeln und schließlich fünfzig Sous für Fische. Sie war dahin gelangt, Lazare und die Fabrik von Tag zu Tag mit kleinen, beschämenden Summen zu erhalten. Sie sank noch tiefer bis auf die Centimes für den Haushalt, bis auf die elendiglich zugestopften Löcher der Schuld. Gegen das Ende des Monats sah man sie unaufhörlich mit behutsamen Schritten verschwinden und fast sogleich die Hand in der Tasche wiederkommen, aus der sie die Sous für irgendeine Rechnung einzeln hervorholte. Die Gewohnheit war einmal da, sie lebte nur noch von dem Schubkasten des Schreibsekretärs, fortgerissen, ohne sich weiter zu sträuben. Wenn sie wie besessen täglich dorthin lief und die Platte niederließ, stieß das alte Möbel ein leises Kreischen aus, das ihre Nerven erschütterte. Welch ein alter Kasten! Und sich sagen zu müssen, daß sie sich nie ein eigenes Schreibbüro hatte kaufen können. Dieser würdige Sekretär, der mit einem Vermögen vollgepfropft, dem Hause einen Anstrich von Freundlichkeit und Reichtum gegeben hatte, richtete es jetzt zu Grunde; er glich einem mit allen Plagen vergifteten Kasten, aus dessen Fugen das Unheil drang.

Eines Abends kam Pauline aus dem Hofe hereingelaufen und schrie:

»Der Bäcker! ... Man schuldet ihm für drei Tage, zwei Franken fünfundachtzig Centimes!«

Frau Chanteau durchsuchte ihre Taschen.

»Ich muß erst hinaufgehen«, murmelte sie dann.

»Bleib nur,« antwortete das Mädchen unüberlegt, »ich werde selbst hinaufgehen ... Wo ist dein Geld?«

»Nein, nein, du würdest es nicht finden ... Es ist an einer Stelle ...« Die Tante stammelte etwas; beide wechselten den stummen Blick, der sie erbleichen ließ. Ein peinliches Zögern folgte, dann ging Frau Chanteau hinauf, ganz kalt vor verhaltener Wut, da sie die klare Empfindung hatte, daß ihr Mündel wußte, woher sie die zwei Franken fünfundachtzig Centimes nehme. Warum hatte sie auch so oft das im Schubkasten schlummernde Geld gezeigt? Ihre alte, schwatzhafte Ehrlichkeit erbitterte sie; diese Kleine mußte ihr im Geiste folgen, sie öffnen, darin wühlen und wieder schließen sehen. Als sie nachdem hinabgekommen war und den Bäcker bezahlt hatte, brach ihr Zorn gegen das Mädchen los.

»Nun, dein Kleid ist ja recht sauber, woher kommst du denn? ... Du hast wieder Wasser für den Gemüsegarten geschöpft? Laß doch Veronika ihre Arbeit machen. Du machst dich wohl absichtlich schmutzig, scheinst nicht zu wissen, was das kostet ... Deine Pension ist nicht so groß, ich kann kaum mehr damit auskommen! ...«

Sie fuhr in diesem Tone fort. Pauline, die sich zuerst zu verteidigen versucht hatte, hörte ihr jetzt schweigend mit schwerem Herzen zu. Sie fühlte sehr wohl, daß die Tante sie seit einiger Zeit weniger und immer weniger liebte. Sie weinte, wenn sie mit Veronika allein war; und die Magd begann mit ihren Kesseln herumzuklappern, um nicht genötigt zu sein, sich für oder wider auszusprechen. Sie brummte noch immer über das junge Mädchen, aber in ihrer Grobheit erwachte jetzt dann und wann schon die Gerechtigkeit.

Der Winter kam, Lazare verlor den Mut. Wieder war seine Leidenschaft verraucht, die Fabrik stieß ihn ab, entsetzte ihn. Im November wurde er angesichts einer neuen Geldklemme von Furcht erfaßt. Er hatte andere überstanden, aber diese machte ihn zittern; er verzweifelte an allem und klagte die Wissenschaft an. Seine Ausbeutungsgedanken seien blöde; man könne wohl die Methoden verbessern, der Natur werde man doch nicht entreißen, was sie nicht geben wolle. Er schmähte seinen Meister, den berühmten Herbelin, der die Gefälligkeit gehabt hatte, einen Abstecher von einer Reise zu machen, um die Fabrik in Augenschein zu nehmen und verlegen genug vor den Apparaten gestanden hatte, die vielleicht zu groß in der Anlage waren, wie er sagte, um mit derselben Genauigkeit wie die kleinen seines Studierzimmers arbeiten zu können. Mit einem Worte, der Versuch schien in der Tat gemacht, aber die Wahrheit war, daß man für die Kältereaktionen noch nicht das Mittel gefunden hatte, die niedrigen Temperaturen auf dem gewünschten Grade festzuhalten. Lazare entzog den Algen wohl eine gewisse Anzahl Pottaschenbrom; da es ihm jedoch in der Folge nicht gelang, die vier oder fünf Körper, die er in den Abgang werfen mußte, genügend zu isolieren, so wurde der Betrieb zum Unglück. Er wurde krank, er erklärte sich für besiegt. An dem Abend, an dem Frau Chanteau und Pauline ihn anflehten, sich zu beruhigen, einen äußersten Versuch zu wagen, fand ein schmerzlicher Auftritt statt; es gab verletzende Worte und Tränen, Türen wurden mit solcher Heftigkeit zugeschlagen, daß Chanteau bestürzt in seinem Lehnstuhl in die Höhe fuhr.

»Ihr werdet mich noch töten!« schrie der junge Mann und schloß sich, von einer kindischen Verzweiflung völlig niedergeschmettert, doppelt ein.

Beim Frühstück des nächsten Tages wies er ein mit Zahlen bedecktes Papier vor. Man hatte bereits an hunderttausend Franken von den hundertachtzigtausend des Mädchens aufgezehrt. War es vernünftig, so fortzufahren? Alles werde verloren gehen; und seine Furcht vom Vorabend ließ ihn von neuem erbleichen. Übrigens gab ihm seine Mutter jetzt Recht; sie hatte ihm nie widersprochen, sie liebte ihn bis zur Mitschuld an seinen Fehlern. Nur Pauline machte noch etliche Einwendungen. Die Ziffer von hunderttausend Franken betäubte sie. Wie! So weit war man schon gekommen? Er hatte ihr bereits mehr als die Hälfte ihres Vermögens genommen? Hunderttausend Franken waren verloren, wenn er von weiteren Kämpfen abstand! Aber sie sprach vergebens, während Veronika den Tisch abdeckte. Um nicht in Vorwürfe auszubrechen, eilte sie zuletzt verzweifelt in ihr Zimmer und schloß sich dort ein.

Hinter ihr war tiefe Stille eingetreten, die verlegene Familie vergaß sich am Tische.

»Das Kind ist geizig, ein häßlicher Fehler«, sagte endlich die Mutter. »Ich will nicht, daß Lazare sich durch Anstrengungen und Verdrießlichkeiten tötet.«

Der Vater wagte mit schüchterner Stimme zu sagen: »Von einer solchen Summe hatte man mir nichts gesprochen! ... Hunderttausend Franken! Mein Gott, das ist ja entsetzlich!«

»Was sind denn hunderttausend Franken?« unterbrach sie ihn kurz angebunden nach ihrer Weise, man wird sie ihr zurückgeben ... Wenn unser Sohn sie heiratet, ist er Mann genug, um hunderttausend Franken zuverdienen.«

Man machte sich sofort an die Auflösung der Fabrik. Boutigny hatte Lazare durch eine Aufstellung der mißlichen Lage so in Schrecken versetzt. Als er seinen Teilhaber zum Rücktritt entschlossen sah, erklärte er zuerst, sich in Algier niederlassen zu wollen, wo seiner eine ausgezeichnete Stellung wartete. Dann bezeugte er Neigung zur Übernahme der Fabrik; er schützte aber einen solchen Widerwillen dagegen vor, stellte so verwickelte Rechnungen auf, daß ihm der Grund und Boden, die Baulichkeiten und Apparate für die zwanzigtausend Franken Schulden zufielen; Lazare mußte es in den letzten Augenblicken noch als einen Sieg betrachten, von ihm fünftausend Franken in Wechseln herausgezogen zu haben, die von drei zu drei Monaten zahlbar waren. Am folgenden Tage verkaufte Boutigny die Kupferapparate, richtete die Gebäude zur Anfertigung von Soda für Handelszwecke im großen ein, und ohne sich mit irgendwelchen wissenschaftlichen Forschungen abzugeben, verfuhr er ganz nach der erprobten, praktischen Methode.

Pauline schämte sich ihrer ersten Regung eines sparsamen und vorsichtigen Mädchens und war wieder sehr heiter und freundlich geworden, als müsse sie wegen eines Fehlers um Verzeihung betteln. Als Lazare sodann die fünftausend Franken in Wechseln brachte, triumphierte Frau Chanteau. Das Mädchen mußte sie eigenhändig in den Schubkasten zurücklegen.

»Immerhin sind es fünftausend Franken, die wir wieder erwischt haben, meine Liebe ... Sie gehören dir, hier sind sie. Mein Sohn hat für alle seine Mühe auch nicht einen einzigen Franken für sich behalten wollen.«

Seit einiger Zeit machte sich Chanteau in seinem Gichtstuhle große Sorgen. Obgleich er seiner Frau keine Unterschrift zu verweigern wagte, ängstigte ihn dennoch die Art und Weise, mit der sie das Vermögen ihres Mündels verwaltete; die Summe von hunderttausend Franken tönte ihm fortwährend in den Ohren. Wie konnte man an dem Tage, an welchem er Rechnung zu legen hatte, ein derartiges Loch zustopfen? Und das Schlimmste war, daß der Gegenvormund, dieser Saccard, der damals ganz Paris von seinen Spekulationen reden machte, sich plötzlich Paulinens erinnerte, nachdem er sie acht Jahre lang vergessen zu haben schien. Er schrieb, erbat Nachrichten und sprach sogar davon, eines schönen Morgens in Bonneville zu sein, weil er sich in Geschäften nach Cherbourg begeben müsse. Was antworten, wenn er, wie es sein gutes Recht war, von dem Stande der Dinge unterrichtet zu sein wünschte? Sein plötzliches Erwachen nach einer so langen Gleichgültigkeit wurde bedrohlich.

Als Chanteau endlich diesen Gegenstand vor seiner Frau berührte, fand er diese mehr von Neugier als von Unruhe geplagt. Für einen Augenblick hatte sie die Wahrheit gewittert, sich gedacht, daß Saccard inmitten des Galopps seiner Millionen vielleicht ohne einen Sou war und nun den Gedanken gefaßt hatte, sich Paulinens Geld aushändigen zu lassen mit dem Versprechen, es zu verzehnfachen. Dann aber führten sie ihre Gedanken auf Abwege; sie fragte sich, ob möglicherweise das junge Mädchen selbst in einer Anwandlung von Rache ihrem Gegenvormund geschrieben habe. Als aber diese Vermutung ihren Mann in Harnisch brachte, erdachte sie sich eine verwickelte Geschichte, die Abfassung anonymer Briefe seitens jener Kreatur des Boutigny, dieser Dirne, die zu empfangen sie sich geweigert und die in den Läden von Verchemont und Arromanches an ihnen kein gutes Haar lasse.

»Schließlich schlage ich ihnen allen ein Schnippchen!« sagte sie. »Es ist wahr, die Kleine ist noch nicht achtzehn Jahre alt, aber ich brauche sie nur unverzüglich mit Lazare zu verheiraten; die Ehe macht sie gesetzlich selbständig.«

»Bist du dessen gewiß?« sagte Chanteau.

»Gewiß! Ich las es erst heute früh im Gesetzbuche.«

In der Tat studierte Frau Chanteau jetzt das Gesetzbuch. Ihre letzten Zweifel stritten in ihr, und sie suchte nach Ausflüchten. Die fortgesetzte Abbröckelung ihrer Rechtschaffenheit, welche die Versuchung der bei ihr schlummernden großen Summen stündlich ein wenig vernichtete, hatte ihr Interesse auf die dunkle Arbeit einer Erbschleicherei unter gesetzlicher Form gelenkt.

Übrigens entschied sich Frau Chanteau trotzdem nicht für die Anberaumung der Heirat. Pauline hätte nach dem Verluste des Geldes die Sache am liebsten beschleunigt: warum noch sechs Monate bis zu ihrem achtzehnten Jahre warten? Es war besser, ein Ende zu machen und nicht darauf zu bestehen, daß sich Lazare erst eine Stellung verschaffte. Sie wagte es, mit ihrer Tante darüber zu sprechen, die, etwas beklommen, schnell eine Lüge erfand; sie schloß die Tür, um ihr mit leiser Stimme eine geheime Qual ihres Sohnes zu bekennen: er war sehr zartfühlend, litt darunter, sie früher zu heiraten, ehe er ihr ein Vermögen mitbringen könne, da er das ihre jetzt auf das Spiel gesetzt habe. Das Mädchen hörte voller Staunen zu, ohne diese romanhafte Spitzfindigkeit zu verstehen. Er hätte ganz arm sein können, sie würde ihn ebensogut geheiratet haben, da sie ihn liebte. Wie lange solle denn noch gewartet werden? Vielleicht ewig? Frau Chanteau wies eine solche Vermutung erregt zurück; sie übernehme es, dieses übertriebene Ehrlichkeitsgefühl zu überwinden, vorausgesetzt, daß man nicht mit Ungestüm zu Werke gehen wolle. Nachdem sie geendet, ließ sie sich von Pauline Stillschweigen versprechen, denn sie befürchtete einen unüberlegten Streich, eine plötzliche Abreise des jungen Mannes an dem Tage, an dem er sich erraten, durchschaut sehe und seine Gedanken erörtert wisse. Pauline, von Unruhe erfaßt, mußte sich zur Geduld und zum Schweigen bequemen.

Chanteau, den die Furcht vor Saccard keine Ruhe ließ, sagte indessen zu seiner Frau:

»Wenn die Ehe alles in Ordnung bringt, verheirate die Kinder doch.«

»Es eilt nicht«, entgegnete sie. »Noch ist die Gefahr nicht vor der Tür.«

»Du willst sie aber doch eines Tages verheiraten und hast deine Absicht nicht geändert, denke ich? Sie würden den Tod davon haben.«

»Den Tod davon haben! Solange etwas noch nicht getan ist, kann es auch ganz unterbleiben, namentlich wenn die Sache sich verschlechtert. Und dann: sie sind beide frei, sie werden sehen, ob es ihnen immer noch gefällt.«

Pauline und Lazare hatten ihr altes, gemeinsames Leben wiederaufgenommen, beide durch die Strenge eines schrecklichen Winters an das Haus gefesselt. In der ersten Woche sah sie ihn so traurig, so beschämt über sich selbst und so aufgebracht gegen die Verhältnisse, daß sie ihn mit unendlicher Sorgfalt wie einen Kranken pflegte. Sie empfand sogar Mitleid mit diesem großen Burschen, dessen kurzatmiger Wille, dessen einfach nervöser Mut diese Mißerfolge erklärte, und sie gewann nach und nach die scheltende Autorität einer Mutter über ihn. Anfangs ließ er sich wieder zu Übertreibungen fortreißen; er erklärte, Bauer werden zu wollen, baute verrückte Pläne, wie man plötzlich zu Vermögen kommen könne, errötete über das Brot, das er aß, und wollte seiner Familie keine Stunde länger zur Last fallen. So verstrichen die Tage; er verschob die Ausführung seiner Gedanken immer auf später, begnügte sich damit, jeden Morgen seinen Plan zu ändern, den Plan, der ihn mit einigen Sprüngen auf den Gipfel der Ehren und Reichtümer führen solle. Durch die falschen Vertraulichkeiten ihrer Tante in Schrecken gesetzt, drang Pauline in ihn; verlangte man denn, daß er sich derart den Kopf zerbrechen solle? Er solle sich zum Frühjahr eine Stellung suchen, und werde sie gewiß sofort finden; aber bis dahin wolle man ihn schon zum geduldigen Aushalten zwingen. Am Ende des ersten Monats schien sie ihn gezähmt zu haben; er war in einen gedankenlosen Müßiggang, in eine heitere Ergebung in das verfallen, was er »des Daseins Jammer« nannte.

Mit jedem neuen Tage mehr fühlte Pauline bei Lazare ein beunruhigendes, unbekanntes Etwas heraus, das sie empörte. Sie bedauerte jetzt die Zornesausbrüche, das Strohfeuer, das zu leicht in ihm aufloderte, wenn sie ihn alles verhöhnen hörte und er das Nichts mit herber Stimme verkündete. In diesem winterlichen Frieden, in diesem weltverlorenen Loche Bonneville ging etwas wie ein Erwachen seiner ehemaligen Pariser Verbindungen, seiner Lektüre, seiner Erörterungen zwischen den Studiengenossen vor sich. Der Pessimismus hatte zu ihm seinen Weg gefunden, ein schlecht verdauter Pessimismus, von dem nur die wunderlichen genialen Einfälle, die große, düstere Poesie Schopenhauers zurückgeblieben waren. Das Mädchen verstand sehr wohl, daß unter diesem der Menschheit gemachten Prozesse bei ihrem Vetter namentlich die Wut über die Niederlage, den Zusammenbruch der Fabrik steckte, von dem die Erde gekracht zu haben schien. Aber sie konnte nicht weiter in die Ursachen hinabdringen; sie lehnte sich heftig dagegen auf, wenn er seine alte These, die Verleugnung des Fortschrittes, die schließliche Nutzlosigkeit der Wissenschaft wiederaufnahm. War dieser erzdumme Kerl von Boutigny nicht im Begriff, ein Vermögen mit seiner Soda zu gewinnen? Wozu sich ruinieren, um Besseres zu finden? neue Gesetze zu entdecken, wenn die Erfahrung den Sieg davontrug? Das war jedesmal sein Ausgangspunkt; er folgerte, die Lippen von einem häßlichen Lächeln verzerrt, daß die Wissenschaft nur einen Nutzen haben könne, wenn sie das Mittel stelle, mittels einer ungeheuren Kartätsche das Weltall in die Luft zu sprengen. Dann zählte er mit kaltem Spotte die Ränke des »Willens« auf, welcher die Welt leitet, die blinde Dummheit, leben zu wollen. Das Leben sei der Schmerz, und er gelangte schließlich zur Moral der indischen Fakire, das heißt zur Erlösung durch Vernichtung. Wenn Pauline ihn den Ekel vor jeder Tätigkeit heucheln hörte, wenn er den schließlichen Selbstmord der Völker ankündigte, die sich scharenweise in das schwarze Nichts stürzten und sich weigerten, neue Geschlechter zu zeugen an dem Tage, an dem ihre entwickelte Intelligenz sie überzeugte, welch blödsinnige und grausame Parade eine unbekannte Macht sie spielen lasse: dann brauste sie auf, suchte nach Gründen und unterlag natürlich wegen ihrer Unwissenheit in diesen Fragen, wegen ihres Mangels eines metaphysischen Kopfes, wie er es nannte. Sie weigerte sich indessen, sich für besiegt zu erklären und schickte seinen Schopenhauer, von dem er ihr einige Stellen hatte vorlesen wollen, geradeaus zum Teufel: Ein Mann, der so grausam Böses von den Frauen schrieb; sie würde ihn erdrosselt haben, wenn er nicht wenigstens ein Herz für die Tiere gehabt hätte. Immer stramm, immer aufrecht im Glück der Gewohnheit und in der Hoffnung auf das Morgen, brachte sie ihn mit ihrem vollen Lachen ihrerseits zum Schweigen; sie triumphierte durch das ganze kräftige Wachstum ihrer körperlichen Reife.

»Halt!« rief sie. »Du erzählst Dummheiten ... Wir wollen an das Sterben denken, wenn wir alt sind.«

Der Gedanke an den Tod, den sie so heiter behandelte, machte ihn stets ernst, seinen Blick unstet. Er gab dann gewöhnlich der Unterhaltung eine andere Wendung, indem er vor sich hinbrummte:

»Man stirbt in jedem Alter.«

Pauline begriff schließlich, daß der Tod Lazare erschreckte. Sie erinnerte sich seines damaligen ängstlichen Aufschreies beim Anblick der Sterne; sie sah ihn jetzt bei gewissen Worten erbleichen, schweigen, als habe er ein nicht zu bekennendes Übel zu verbergen. Für sie bildete dieses Entsetzen vor dem Nichts bei dem eingefleischten Pessimisten, der davon sprach, bei dem Weltengemetzel der Wesen die Sterne wie Kerzen auslöschen zu wollen, eine ungeheure Überraschung. Das Übel stammte von weither, sie ahnte nicht einmal seine Bedenklichkeit. Je älter Lazare wurde, desto mehr sah er den Tod sich emporrichten. Bis zum zwanzigsten Jahre hatte ihn kaum ein kalter Hauch des Abends gestreift, wenn er sich schlafen legte. Heute konnte er den Kopf nicht mehr auf das Kissen betten, ohne daß der Gedanke an das »Nicht mehr« sein Antlitz wie in Eis tauchte. Schlaflosigkeit kam über ihn; er war mutlos angesichts der verhängnisvollen Notwendigkeit, die sich vor ihm in düsteren Bildern entrollte. Hatte ihn aber die Müdigkeit dennoch überwältigt, so erwachte er manchmal jählings, setzte sich dann im Bette auf, und mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen und gefalteten Händen jammerte er durch die Finsternis: »Mein Gott! mein Gott!« Seine Brust keuchte, er meinte zu sterben; und er mußte wieder Licht anzünden, er wartete das volle Erwachen ab, um ein wenig Ruhe zu finden. Ihm haftete eine Scham über dieses Entsetzen an: wie dumm war doch das Anrufen eines Gottes, den er verleugnete, dieses Erbteil menschlicher Schwäche, die noch bei der Zerschmetterung der Welt um Hilfe ruft! Aber der Anfall kehrte trotzdem jeden Abend wieder wie eine böse Leidenschaft, die ihn trotz seiner Vernunftgründe erschöpfte. Aber auch tagsüber wies ihn alles auf denselben Punkt hin, so eine zufällig hingeworfene Redensart, ein flüchtiger, aus einer erblickten Szene, aus einer Lektüre entstandener Gedanke. Als Pauline eines Abends ihrem Oheim die Zeitung vorlas, war Lazare hinausgegangen außer Fassung über die Luftgebilde eines Erzählers, der den Himmel des zwanzigsten Jahrhunderts voll fliegender Ballons schilderte, welche die Reisenden von einem Kontinent zu dem andern trugen: er werde dann nicht mehr da sein, werde diese Ballons nicht mehr sehen; und sie verschwanden in der Tiefe des Nichts der zukünftigen Jahrhunderte, deren Verlauf ohne die Teilnahme seines eigenen Wesens ihn mit Bangigkeit erfüllte. Seine Philosophen hatten gut wiederholen, daß auch kein einziger Lebensfunke verloren gehe, sein Ich weigerte sich heftig, ein Ende zu nehmen. Schon war in diesem Kampfe seine Fröhlichkeit dahingeschwunden. Wenn Pauline ihn betrachtete, verstand sie nicht immer diese Sprünge seines Charakters in den Stunden, in denen er seine Wunde mit besorgter Scham verbarg; sie fühlte Mitleid mit ihm, sie hatte das Verlangen, sehr gut gegen ihn zu sein und ihn glücklich zu machen.

Die Tage schlichen in dem großen Gemach des zweiten Stockes mitten unter Algen, Gefäßen und Instrumenten dahin, zu deren Beseitigung Lazare nicht einmal die Kraft gehabt hatte. Die Algen zerbröckelten, die Flaschen entfärbten sich, während die Instrumente unter dem Staube aus den Fugen gingen. Sie waren verloren in dieser Unordnung, es war ihnen da zu warm. Oft schlugen die Regengüsse des Dezembers vom Morgen bis zum Abend gegen die Schieferplatten des Daches, der Westwind brauste wie eine Orgel durch die Fugen des Getäfels. Wochen vergingen ohne einen Sonnenstrahl, sie sahen nur das graue Meer, eine graue Unermeßlichkeit, in welcher die Erde zu verschmelzen schien. Um die langen Stunden auszufüllen, unterhielt sich Pauline mit der Einreihung im Frühling gesammelter Florideen. Lazare ließ seiner Verdrießlichkeit freien Lauf und begnügte sich zuzuschauen, wie sie die zierlichen Pflänzchen aufklebte, deren zartes Rot und Blau Töne wie von Wasserfarben bewahrten. Sodann hatte er krank vom Müßiggange, uneingedenk seiner Lehre von der Untätigkeit, das Klavier unter den verbeulten Instrumenten und den unsauberen Fläschchen, die es bedeckten, ausgegraben. Acht Tage später fesselte ihn die Leidenschaft für die Musik wieder vollständig. Es war die erste Wunde; den Riß, den der Künstler in ihm bekommen, sollte man in dem gescheiterten Gelehrten und Fabrikanten wiederfinden. Als er eines Morgens seinen Totenmarsch spielte, hatte ihm der Gedanke von der großen Sinfonie des Schmerzes, die er ehedem zu schreiben beabsichtigt, von neuem heiß gemacht. Er behielt nur den Marsch bei, das übrige schien ihm unbrauchbar. Aber welch ein Vorwurf! was für ein Werk war da zu schreiben! Er stellte abermals seine Philosophie auf. Im Anfang entstand das Leben durch die selbstsüchtige Laune einer Gewalt; dann sollte der Wahn des Glücks, die Prellerei des Daseins in ergreifenden Zügen, die Paarung Liebender, ein Gemetzel von Soldaten, ein am Kreuze aushauchender Gott folgen; fortwährend würde der Schrei des Bösen emporsteigen, das Geheul der Wesen den Himmel erfüllen, bis zu dem Schlußgesange der Erlösung, einem Gesange, dessen himmlische Lieblichkeit der Freude über die allgemeine Vernichtung Ausdruck geben sollte. Vom folgenden Morgen an saß er an der Arbeit, er tastete auf dem Klavier umher und bedeckte das Papier mit schwarzen Strichen. Da das immer schwächer werdende Instrument nur noch röchelte, sang er selbst die Noten mit dem dumpfen Gesumme einer Glocke. Nie zuvor hatte ihn eine Arbeit in diesem Maße fortgerissen. Er vergaß darüber die Mahlzeiten, er betäubte Pauline, die es als gutmütiges Kind sehr hübsch fand und ihm die einzelnen Sätze sauber abschrieb. Diesmal hielt er sein Meisterwerk in Händen, das war ganz sicher.

Dennoch wurde Lazare am Ende wieder ruhiger. Er hatte nur noch die Einleitung zu schreiben, für die ihn aber die Eingebung floh. Es schien alles in ihm zu schlafen. Er rauchte Zigaretten vor der auf dem großen Tische ausgebreiteten Partitur. Pauline spielte ihm ihrerseits mit schülerhafter Ungeschicklichkeit Stellen daraus vor. In jenem Augenblicke wurde ihre Vertraulichkeit zur Gefahr. Sein Schädel war nicht mehr von der Plackerei mit der Fabrik benommen, seine Glieder nicht mehr abgespannt; jetzt wo er sich unbeschäftigt, das Blut von der Faulheit gepeinigt, mit ihr eingeschlossen fand, liebte er sie mit wachsender Zärtlichkeit. Sie war so heiter, so gut, sie gab sich so freudig zu allem hin! Er hatte anfangs geglaubt, einer einfachen Regung der Dankbarkeit, einer Verdoppelung jener brüderlichen Zärtlichkeit nachzugeben, die sie ihm von Kindheit an einflößte. Aber nach und nach war das bis zur Stunde in ihm schlummernde Verlangen erwacht: er bemerkte endlich das Weib in diesem jüngeren Bruder in ihr, auf deren breite Schultern er solange geklopft hatte, ohne von ihrem Duft verwirrt zu werden. Jetzt errötete er wie sie, wenn er sie streifte. Er wagte nicht mehr, ihr nahe zu kommen, sich über ihren Rücken zu beugen, um einen Blick auf die von ihr abzuschreibenden Noten zu werfen. Wenn sich ihre Hände begegneten, standen sie beide mit kurzem Atem und wie mit Feuer übergossenen Wangen stammelnd da. Die Nachmittage verstrichen mit einem Unbehagen, aus dem sie wie gebrochen hervorgingen, von dem unbestimmten Verlangen nach einem ihnen noch abgehenden Glücke gequält.

Manchmal scherzte Pauline mit der Kühnheit einer wissenden Jungfrau, um einer dieser Verwirrungen zu entrinnen, die ihnen so süße Qual bereiteten.

»Habe ich es dir noch nicht erzählt? Mir träumte, dein Schopenhauer habe in der anderen Welt von unserer Heirat gehört und wolle in der nächsten Nacht kommen, um uns an den Füßen zu ziehen.«

Lazare lachte gezwungen. Er verstand wohl, daß sie sich über seine beständigen Widersprüche lustig machte; aber es durchdrang ihn eine unendliche Zärtlichkeit, und sie verscheuchte seinen Haß gegen den Willen zu leben.

»Sei gut,« murmelte er, »du weißt, daß ich dich liebe.«

Sie nahm eine ernste Miene an.

»Mißtraue dir! Du wirst die Erlösung verschieben ... Ich sehe dich wieder in die Selbstsucht und den Wahn zurückfallen!«

»Willst du wohl schweigen, du Lästermaul!«

Er jagte sie durch das Zimmer, während sie fortfuhr, Bruchstücke pessimistischer Philosophie mit der nachdrücklichen Stimme eines Doktors an der Sorbonne vorzutragen. Wenn er sie dann erwischte, wagte er nicht mehr, sie wie früher in seine Arme zu drücken und zur Strafe zu kneifen.

Eines Tages verfolgte er sie so hitzig, daß er sie heftig bei den Lenden packte. Sie schüttete sich aus vor Lachen. Er drängte sie in der Aufregung über ihre Abwehr gegen den Schrank ...

»Ah! jetzt habe ich dich ... Sage, was soll ich mit dir anfangen?«

Ihre Gesichter berührten sich, sie lachte noch immer, aber mit einem ersterbenden Lachen.

»Nein, nein, laß mich los, ich werde nicht wieder anfangen.«

Er drückte ihr einen lauten Schmatz auf den Mund. Das Gemach drehte sich, es war ihnen, als entführe sie ein flammender Wind. Als sie sich gewaltsam losriß, fiel sie rücklings hin. Einen Augenblick fühlten sie sich beklommen, sie waren dunkelrot geworden und drehten den Kopf weg. Dann setzte sie sich, um Atem zu schöpfen, und sagte ernst und unzufrieden:

»Du hast mir wehe getan, Lazare.«

Von dem Tage an vermied er alles, selbst die Lauheit ihres Atems, das Streifen ihres Gewandes. Der Gedanke an einen törichten Fehltritt, an einen Fall hinter der Tür empörte seine Rechtschaffenheit. Trotz des unwillkürlichen Widerwillens des Mädchens, sah er sie bei der ersten Umschlingung durch den Ansturm des Blutes betäubt die Seine werden, denn sie liebte ihn in dem Maße, daß sie sich ihm sofort hingeben werde, wenn er es verlange. Er wollte deshalb klug für zwei sein; er begriff, daß er der große Schuldige in einem Abenteuer sein werde, dessen Gefahr seine Erfahrung allein voraussehen konnte. Seine Liebe aber nahm in diesem gegen sich selbst geführten Kampfe zu. Alles hatte deren Feuer angefacht, die Untätigkeit der ersten Wochen, sein vergebliches Verzichten, sein Ekel vor dem Leben, aus dem das wilde Verlangen zu leben, zu lieben, die leeren Stunden durch neue Leiden auszufüllen, emporgewachsen war. Und die Musik begeisterte ihn jetzt vollends, die Musik führte sie miteinander auf den immer weiter sich ausbreitenden Fittichen des Rhythmus in das Reich der Träume. Jetzt glaubte er eine große Leidenschaft festzuhalten und schwor sich zu, in ihr sein Genie auszubilden. Darüber war kein Zweifel: er wurde ein berühmter Musiker, denn er brauchte nur aus seinem Herzen zu schöpfen. Alles schien sich zu läutern, er tat so, als müsse er seinen guten Engel auf den Knien anbeten, es kam ihm nicht einmal der Gedanke an die Beschleunigung der Heirat.

»Halt! lies doch diesen Brief, den ich soeben erhalten habe«, sagte eines Tages Chanteau entsetzt zu seiner Frau, die nach Bonneville zurückkehrte.

Es war abermals ein Brief von Saccard, diesmal aber ein drohender. Seit November schon verlangte er eine Rechnungsaufstellung, und da die Chanteau mit Ausflüchten antworteten, kündigte er ihnen an, daß er infolge ihrer Weigerung den Familienrat anrufen werde. Obgleich sie es nicht bekannte, teilte auch Frau Chanteau den Schrecken ihres Gatten.

»Der Elende«, murmelte sie, nachdem sie den Brief gelesen.

Sie sahen sich erbleichend, schweigend an. Schon hörten sie in dem toten Schweigen des Eßzimmers den Widerhall eines Skandalprozesses.

»Du darfst nicht länger zögern,« begann der Vater, »verheirate sie, denn die Heirat macht mündig.«

Aber dieses Auskunftsmittel widerstrebte der Mutter von Tag zu Tag mehr. Sie drückte ihre Befürchtungen aus. Wer konnte wissen, ob die beiden Kinder zueinander paßten? Man kann ein gutes Freundespaar sein und ein abscheuliches Eheleben führen. Sie sagte, daß sie in der letzten Zeit eine Menge unangenehmer Wahrnehmungen gemacht habe.

»Nein, siehst du, es wäre schlecht, sie unserem Frieden zu opfern. Warten wir noch ... Und schließlich, warum sie jetzt verheiraten, da sie schon im vergangenen Monat achtzehn Jahre alt geworden ist und wir nun um die gesetzliche Mündigkeit einkommen können?«

Ihr Vertrauen kehrte zurück, und sie ging hinauf, um ihr Gesetzbuch zu holen, und beide studierten es miteinander. Artikel 478 beruhigte sie, während Artikel 480, in dem gesagt ist, daß die Rechenschaftsleistung über ein Mündel vor einem von dem Familienrate ernannten Kurator abgelegt werden müsse, sie in große Verlegenheit setzte. Sie hatte allerdings alle Mitglieder des Familienrates in ihrer Hand; sie würde also einen Kurator nach ihrem Wunsche ernennen lassen, aber welchen Mann wählen, wo ihn hernehmen? Die Lösung des Rätsels bestand darin, daß ein gefürchteter Gegenvormund durch einen gefälligen Kurator ersetzt werden mußte.

Plötzlich kam ihr eine Eingebung.

»Wie denkst du von Doktor Cazenove? Er ist mit unseren Angelegenheiten vertraut und würde sich nicht weigern.«

Chanteau stimmte mit einem Nicken bei. Er sah aber seine Frau starr an, denn ein Gedanke quälte ihn.

»So wirst du,« fragte er endlich, »das Geld ausliefern, ich will sagen, was davon noch übrig ist?«

Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Augen hatten sich gesenkt, sie blätterte mit nervös zitternder Hand in dem Gesetzbuche. Dann sagte sie mit einer Anstrengung:

»Gewiß werde ich es zurückgeben, und es wird das für uns sogar eine große Entlastung sein. Du siehst, wessen man uns bereits beschuldigt ... Mein Wort, man zweifelt schließlich noch an sich selbst. Ich würde hundert Sous geben, wenn ich das Geld heute abend nicht mehr in meinem Schreibsekretär aufzubewahren brauchte. Außerdem hätte man es ohnehin stets zurückerstatten müssen.«

Da Doktor Cazenove am nächsten Tage gerade zu seinem sonnabendlichen Rundgang nach Bonneville kam, sprach ihm Frau Chanteau von dem großen Dienste, den sie von seiner Freundschaft erwartete. Sie bekannte ihm die Sachlage, daß das Geld durch den Zusammenbruch der Fabrik verschlungen worden war, ohne daß man jemals den Familienrat befragt habe; dann steifte sie sich auf die geplante Heirat, auf das Band inniger Zuneigung, welches sie alle vereinte und das der Skandalprozeß unfehlbar zerreißen mußte.

Ehe der Doktor seinen Beistand zusagte, wünschte er, mit Pauline darüber zu sprechen. Er merkte schon lange, daß sie ausgenutzt, nach und nach aufgezehrt wurde. Wenn er auch bis zur Stunde aus Furcht, sie zu betrüben, hatte schweigen können, so war es doch jetzt, wo man ihn zum Mitschuldigen machen wollte, seine Pflicht, sie aufzuklären. Die Angelegenheit wurde in dem Zimmer des Mädchens besprochen. Ihre Tante wohnte der Eröffnung des Gespräches bei, sie hatte den Doktor begleitet, um die Erklärung abzugeben, daß die Heirat jetzt von der Mündigkeitserklärung abhänge, denn Lazare werde nie die Einwilligung zu seiner Ehe mit der Base geben, solange man ihn beschuldigen könne, er habe die Rechnungslegung dadurch verhindern wollen. Dann zog sie sich zurück, indem sie vorgab, sie wolle nicht die Meinung derer beeinflussen, die sie bereits jetzt ihre angebetete Tochter nannten. Sofort flehte Pauline ganz gerührt den Doktor an, ihnen den heiklen Dienst zu erweisen, dessen Notwendigkeit man ihm soeben erklärt habe. Vergebens suchte er, ihr ihre Lage klarzumachen: daß sie sich selbst beraubte, daß sie jeglichen Rückanspruch verliere, er ließ sogar die Furcht vor der Zukunft, den vollständigen Ruin, die Undankbarkeit und viele Leiden durchblicken. Über jeden schwärzeren, dem Bilde zugesetzten Pinselstrich war sie außer sich, sie weigerte sich, ihm des weiteren zuzuhören, und zeigte eine fieberhafte Eile, sich zu opfern.

»Nein, lassen Sie es mich nicht bereuen. Ich bin, ohne es zu scheinen, eine Geizige, meine Selbstüberwindung kostet mich schon genug ... Sie mögen alles nehmen. Ich lasse ihnen den Rest, wenn sie mich dafür mehr lieben wollen.«

»Kurz, Sie berauben sich also aus Freundschaft für Ihren Vetter?« fragte der Doktor.

Sie errötete, ohne zu antworten.

»Und wenn Ihr Vetter sie später nicht mehr lieben sollte?«

Sie schaute ihn entsetzt an. Ihre Augen füllten sich mit schweren Tränen, und ihr Herz brach in den Schrei empörter Liebe aus:

»0 nein! o nein! ... Warum bereiten Sie mir solchen Schmerz!«

Da gab Doktor Cazenove nach. Er hatte nicht den Mut, diesem großen Herzen die Illusionen ihrer zarten Empfindungen wegzuoperieren. Nur zu bald werde sich ihr das Leben hart gestalten.

Frau Chanteau führte den Feldzug mit einer erstaunlichen Überlegenheit. Dieser Kampf verjüngte sie. Sie war unter Mitnahme der notwendigen Vollmachtserklärungen abermals nach Paris gereist. Die Mitglieder des Familienrates wurden schnell für ihre Pläne gewonnen; sie hatten sich übrigens nie sonderlich um ihre Aufgabe gekümmert: sie brachten ihr die gewöhnliche Gleichgültigkeit entgegen. Die von der Linie Quenu, die Vettern Naudet, Liardin und Delorme waren ganz ihrer Ansicht; und von den drei der Linie Lisa hatte sie nur Octave Mouret zu gewinnen; Claude Lantier und Rambaud, zurzeit in Marseille, hatten es bei der Einsendung einer schriftlichen Genehmigung genügen lassen. Sie hatte allen eine rührende und verwickelte Geschichte erzählt, von der Neigung des alten Arztes zu Arromanches für Pauline, von seiner augenscheinlichen Absicht, dem jungen Mädchen ein Vermögen zu hinterlassen, wenn man ihm erlaubte, sich um dasselbe zu kümmern. Saccard stimmte nach drei Besuchen von Frau Chanteau gleichfalls bei, die ihm einen prächtigen Gedanken von dem Aufkauf der Buttersorten des Cotentin dank einem neuen Transportsystem mitgebracht hatte. So wurde die Mündigkeit durch den Familienrat ausgesprochen; man ernannte den alten Marinechirurgus, über den der Friedensrichter die besten Auskünfte erhalten hatte, zum Vermögensverwalter.

Vierzehn Tage nach Frau Chanteaus Rückkehr nach Bonneville fand die Rechnungslegung in der einfachsten Form statt. Doktor Cazenove war zum Frühstück geblieben; das Gespräch war auf die jüngsten Neuigkeiten aus Caen gekommen, wo Lazare achtundvierzig Stunden eines Prozesses wegen, mit dem ihm dieser Halunke Boutigny gedroht, zugebracht, und man hatte sich daher länger als sonst bei Tische aufgehalten.

»Da wir gerade davon sprechen,« sagte der junge Mann, »Luise wird uns in der nächsten Woche überraschen ... Ich habe sie nicht wiedererkannt, sie lebt gegenwärtig bei ihrem Vater und ist jetzt von einer Eleganz ... Wie haben wir zusammen gelacht!«

Pauline schaute ihn an, sie erstaunte über den Ton warmer Erregung in seiner Stimme.

»Da wir gerade von Luise sprechen,« rief Frau Chanteau, »ich bin mit einer Dame aus Caen zusammen gereist, welche die Thibaudier kennt. Ich bin aus den Wolken gefallen: Thibaudier gibt seiner Tochter hunderttausend Franken Mitgift. Mit den hunderttausend der Mutter wird die Kleine zweihunderttausend haben. Zweihunderttausend Franken; sie ist also reich!«

»Ach was,« begann Lazare von neuem, »sie hat es nicht nötig, sie ist reizend wie ein Amor ... Und ein rechtes Schmeichelkätzchen!''

Paulinens Augen hatten sich verdüstert, ein leichtes nervöses Zucken kniff ihre Lippen zusammen. Der Doktor, der den Blick nicht von ihr wandte, hob jetzt das kleine Weinglas, mit dem er gerade beschäftigt war.

»Sagt doch, wir haben noch nicht angestoßen ... Also, auf euer Glück. Verheiratet euch schnell und bekommt viele Kinder.«

Frau Chanteau streckte langsam ihr Glas hin, ohne zu lächeln, während Chanteau, dem die Weine verboten waren, sich begnügte, beistimmend mit dem Kopf zu wackeln. Lazare aber ergriff Paulinens Hand mit einer Bewegung so reizender Hingabe, daß dies genügte, um in die Wangen des jungen Mädchens alles Blut ihres Herzens zu treiben. War sie nicht sein guter Engel, wie er sie nannte, seine immer offene Leidenschaft, aus der er das Blut seines Genies fließen lasse? Sie erwiderte seinen Händedruck. Alle stießen an.

»Noch hundert Jahre euch!« fuhr der Doktor fort, nach dessen Ansicht hundert Jahre das schöne Alter des Menschen sind.

Lazare erbleichte. Diese hingeworfene Zahl machte ihn schaudern, sie beschwor die Zeit herauf, in der er nicht mehr sein werde, und vor der eine ewige Furcht in der Tiefe seines Fleisches schlummerte. Was werde er in hundert Jahren sein? Welcher Unbekannte werde dann an seinem Platze sitzen und trinken? Er leerte sein kleines Glas mit zitternder Hand, während Pauline die andere von neuem mütterlich drückte, als sehe sie über dies farblose Gesicht den eisigen Hauch des »Niemehr« gleiten.

Nach kurzem Schweigen sagte Frau Chanteau ernst:

»Wollen wir jetzt die Angelegenheit zu Ende führen?«

Sie hatte für die Förmlichkeit der Unterzeichnung ihr Zimmer bestimmt. Seitdem Chanteau Salizylpräparate nahm, war er besser auf den Füßen. Er kletterte hinter ihr hinauf, wobei er sich am Geländer nachhalf, und als Lazare davon sprach, auf der Terrasse eine Zigarre rauchen zu wollen, rief Frau Chanteau ihn zurück und verlangte, daß er schon aus Schicklichkeit zugegen sei. Der Arzt und Pauline waren zuerst hinaufgegangen. Mathieu, über diese Prozession erstaunt, folgte hinterdrein.

»Wie langweilig dieser Hund ist; überallhin kommt er uns nach!« rief Frau Chanteau, welche die Tür schließen wollte. »Marsch, hinein, du sollst nicht kratzen ... So, niemand wird uns stören ... Ihr seht, alles ist bereit.«

In der Tat befanden sich Tintenfaß und Federn auf dem runden Tischchen. Das Gemach füllte die schwere Luft, das tote Schweigen von Räumen, die man selten betritt. Nur Minouche verbrachte dort ihre müßigen Tage, wenn es ihr des Morgens hineinzuschlüpfen gelungen war. Auch jetzt schlief sie gerade auf dem Federbette und richtete erstaunt über diesen feindlichen Einfall den Kopf in die Höhe und hielt mit ihren grünen Augen Umschau.

»Setzt euch, setzt euch«, wiederholte Chanteau.

Jetzt wurde die Geschichte rasch ins reine gebracht.

Frau Chanteau tat so, als müsse sie verschwinden, und ließ ihren Mann die Rolle spielen, die sie ihn schon am Abend vorher hatte wiederholt hersagen lassen. Um dem Gesetz Folge zu leisten, hatte dieser schon vor zehn Tagen in Gegenwart des Doktors Pauline die Rechnungslegung über die Vormundschaft übergeben, die ein dickes Heft bildete, die Einnahmen auf der einen, die Ausgaben auf der anderen Seite. Man hatte alles in Abzug gebracht, nicht nur die Pension des Mündels, sondern auch die Kosten für die Urkunden, die Reise nach Caen und Paris. Es handelte sich also nur noch darum, die Rechnungen durch eigene Unterschrift zu genehmigen. Cazenove nahm jedoch sein Amt als Verwalter ernst und versuchte einige Einwände bezüglich der Fabriksangelegenheit; er wollte Chanteau zwingen, in gewisse Einzelheiten einzugehen. Pauline sah den Arzt flehend an. Wozu das? Sie war selbst bei der Vergleichung dieser Rechnungen behilflich gewesen, die ihre Tante mit ihrer zierlichsten, englischen Handschrift geschrieben hatte.

Inzwischen hatte sich Minouche mitten auf die Daunendecke gesetzt, um dem befremdlichen Vorgange besser zusehen zu können. Mathieu aber, nachdem er seinen dicken Kopf erst artig auf den Rand des Teppichs gestreckt hatte, begann sich auf den Rücken zu legen und dem Vergnügen in der schönen, warmen Wolle zu liegen nachzugeben; er rieb und rollte sich mit behaglichem Knurren.

»Bringe ihn doch zur Ruhe, Lazare«, sagte endlich Frau Chanteau ungeduldig. »Man hört ja sein eigenes Wort nicht.«

Der junge Mann stand am Fenster und verfolgte, um sein Unbehagen zu verbergen, ein weißes Segel in der Ferne. Er schämte sich, als er seinen Vater genau die Summen angeben hörte, die in dem Unglück mit der Fabrik daraufgegangen waren.

»Schweig, Mathieu«, sagte er und reckte den Fuß.

Der Hund glaubte einen Stoß auf den Leib zu bekommen, was er sehr liebte, und knurrte noch vergnügter. Glücklicherweise hatte man nur noch die Unterschriften unter die Abrechnung zu setzen. Pauline beeilte sich, mit einem Federstrich alles zu bewilligen. Dann zerfetzte der Doktor, als fühle er Reue, mit einem ungeheuren Namenszug den Stempelbogen.

»Die Aktiva«, begann Frau Chanteau, »betragen also fünfundsiebzigtausendzweihundertzehn Franken, dreißig Centimes ... Ich werde Pauline das Geld zurückgeben.«

Sie war auf den Schreibsekretär zugegangen, dessen Platte wieder den kreischenden Ton hören ließ, der sie so oft erregt hatte. In diesem Augenblick aber war alles an ihr feierlich. Sie öffnete die Schieblade, aus welcher der alte Buchdeckel zum Vorschein kam. Es war der nämliche grünmarmorierte, mit Fettflecken betupfte Einband, nur war er dünner geworden, die verminderten Werttitel drohten nicht mehr seinen schafledernen Rücken zu sprengen.

»Nein, nein!« rief Pauline, »behalte das, Tante!«

Frau Chanteau machte jedoch Umstände.

»Wir legen Rechnung ab, wir müssen das Geld zurückgeben ... Das ist dein Gut. Erinnerst du dich, was ich dir vor acht Jahren gesagt habe? Wir wollen keinen Sou für uns behalten.«

Sie nahm die Titel heraus und zwang das Mädchen zu zählen. Es waren deren für fünfundsiebzigtausend Franken vorhanden, ein kleines Päckchen Gold, in Zeitungspapier gewickelt, bildete den Rest.

»Aber wohin soll ich jetzt damit?« fragte Pauline, der das Betasten dieser großen Summe die Wangen gefärbt hatte.

»Schließe es in deine Kommode«, antwortete die Tante.

»Du bist groß genug, um dein Geld selbst zu überwachen. Ich will es einmal nicht mehr sehen ... Wenn es dir unbequem ist, gib es Minouche, die dich groß anguckt.«

Die Chanteau hatten bezahlt, ihr Frohsinn kehrte zurück. Lazare spielte erleichtert mit dem Hunde, erfaßte ihn am Schwänze und drehte ihn mit gekrümmtem Rücken wie einen Kreisel herum, während Doktor Gazenove seine Rolle als Verwalter, antrat, indem er versprach, ihre Renten einzuziehen und ihr bei der Anlage des Kapitals behilflich zu sein.

In der nämlichen Zeit fuchtelte Veronika unten mit ihren Schüsseln umher. Sie war nach oben gekommen und hatte mit gegen die Tür gepreßtem Ohre einige Zahlen aufgefangen. Seit einigen Wochen verscheuchte ihre dumpfe Zärtlichkeit für das junge Mädchen die letzten Vorurteile.

»Mein Wort, sie haben ihr die Hälfte aufgegessen«, schalt sie wütend. »Nein, das ist nicht recht. Gewiß hatte sie es nicht nötig, zu uns zu kommen; aber ist das ein Grund, sie nackt wie einen Wurm hinzustellen? Nein, ich bin gerecht, ich werde dieses Kind schließlich noch liebgewinnen!«

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