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Die Lebensfreude

Emile Zola: Die Lebensfreude - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Zola
titleDie Lebensfreude
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XII
year1924
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidb3f0b64c
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Zweites Kapitel.

Schon von der ersten Woche an brachte Paulinens Anwesenheit Frohsinn in das Haus. Ihr ungestörter Frohsinn, ihr stilles Lächeln beruhigten die dumpfe Erbitterung, in der Chanteaus lebten. Der Vater hatte eine Krankenwärterin gefunden, die Mutter war glücklich, daß der Sohn jetzt mehr zu Hause blieb. Nur Veronika fuhr fort zu murren. Es schien, als gäben die in dem Sekretär verschlossenen hundertfünfzigtausend Franken der Familie ein reicheres Aussehen, obgleich man nicht daran rührte. Ein neues Band war geknüpft, und es erwuchs inmitten ihres Ruins eine Hoffnung, ohne daß man genau hätte sagen können, was für eine.

In der Nacht des übernächsten Tages war der Gichtanfall, dessen Kommen Chanteau gefühlt hatte, zum Ausbruch gekommen. Bereits seit einer Woche verspürte er Prickeln in den Gelenken, Frostschauer, die seine Glieder schüttelten, eine unüberwindliche Abneigung vor jeder Bewegung. Er hatte sich am Abend trotzdem ruhiger zu Bette gelegt, als gegen drei Uhr morgens sich der Schmerz in der Zehe des linken Fußes einstellte. Er sprang dann in die Ferse und bemächtigte sich schließlich des Fußknöchels. Bis Tagesanbruch klagte er nur leise und schwitzte unter seinen Decken, um niemanden zu stören. Seine Anfälle waren das Entsetzen des Hauses. Er wartete bis zum letzten Augenblick, jemanden zu rufen, weil er sich schämte, wieder angefallen zu sein, und im voraus über die verboste Aufnahme in Verzweiflung war, die man seinem Leiden wieder angedeihen lasse. Als Veronika indessen gegen acht Uhr an seiner Tür vorüberging, konnte er einen Schrei nicht zurückhalten, den ihm ein heftigeres Stechen entrang.

»Da haben wir's«, brummte die Magd. »Er heult richtig schon wieder.«

Sie war hineingegangen, sah ihn wimmernd den Kopf hin- und herdrehen und fand nur die Trostworte:

»Die Gnädige wird erfreut sein!«

In der Tat ließ Frau Chanteau, als sie hereintrat, die Arme mit einer Bewegung erbitterter Entmutigung sinken.

»Abermals! Ich komme kaum, und schon fängt es wieder an.«

Sie nährte gegen diese Gicht einen fünfzehnjährigen Groll. Sie verfluchte diese Elende wie eine Feindin, diese Schurkin, die ihr Leben verdorben, ihren Sohn ruiniert und ihren Ehrgeiz getötet habe. Hätten sie sich, wäre die Gicht nicht gewesen, in dieses weltverlorene Dorf verbannt? Trotz ihres guten Herzens stand sie den Anfällen zitternd und feindselig gegenüber; sie bezeichnete sich selbst als ungeschickt und nicht tauglich zu seiner Pflege.

»Mein Gott! Wie ich leide!« stammelte der arme Mann. »Ich fühle es, der Anfall wird stärker werden als der letzte ... Bleibe nicht hier, es macht dich das mißmutig; aber schicke sogleich zum Doktor Cazenove.«

Von dem Augenblicke an stand das ganze Haus auf dem Kopfe. Lazare war nach Arromanches gegangen, obgleich die Familie keine große Hoffnung mehr in die Ärzte setzte. Chanteau hatte es schon seit fünfzehn Jahren mit allen nur möglichen Arzneien versucht, aber mit jedem neuen Versuche ward das Übel schlimmer. Zuerst schwach und selten, hätten sich die Anfälle bald vermehrt und an Heftigkeit zugenommen. Heute befielen sie bereits die beiden Füße, selbst ein Knie war bedroht. Der Kranke hatte schon dreimal die Heilmethode gewechselt, sein armer Körper war zu einem Versuchsfelde geworden, auf dem sich die Reklamemittel Schlachten lieferten. Nachdem man ihm zuerst reichlich zur Ader gelassen hatte, ließ man ihn darauf unvernünftig abführen, und jetzt stopfte man ihn mit Colchicum und Lithium voll. Durch die Entkräftung des verschlechterten Blutes und der geschwächten Organe verwandelte sich auch nach und nach seine akute Gicht in eine chronische. Die lokalen Behandlungen waren von keinem besseren Erfolg begleitet, die Blutegel hatten die Gelenke steif gemacht, das Opium verlängerte die Anfälle, und die Zugpflaster verursachten leichte Geschwüre. Wiesbaden und Karlsbad brachten nicht die geringste Wirkung, ein Aufenthalt in Vichy hatte ihn fast getötet.

»Mein Gott! Wie ich leide!« wiederholte Chanteau, »mir ist, als fräßen mir Hunde den Fuß ab.«

Von einer angstvollen Aufregung erfaßt, drehte er in der Hoffnung, sich durch eine veränderte Lage Erleichterung verschaffen zu können, das Bein hin und her. Bald stieß er in der Raserei des Schmerzes ein ununterbrochenes Geheul aus. Er verspürte Schüttelfröste und Fieber; ein brennender Durst verzehrte ihn.

Währenddem glitt Pauline in das Zimmer. Vor dem Bette stehend, sah sie ihren Onkel mit ernster Miene, ohne zu weinen an. Frau Chanteau verlor, von dem Geschrei nervös gemacht, den Kopf. Veronika hatte die Bettdecke, deren Last der Kranke nicht mehr ertragen konnte, zurechtlegen wollen. Als sie ihm aber mit ihren Männerhänden nahte, hatte er noch lauter zu schreien begonnen und ihr verboten, ihn zu berühren. Sie war sein Schrecken; er beschuldigte sie, daß sie ihn wie ein Bündel unsauberer Wäsche schüttele.

»Dann ruf en Sie mich nicht, Herr«, sagte sie und stürmte wütend hinaus. »Wenn man die Leute zurückstößt, mag man sich eben allein pflegen.«

Pauline hatte sich langsam genähert und mit ihren Kinderhänden die Bettdecke leicht und geschickt aufgenommen. Er empfand eine flüchtige Erleichterung und nahm ihre Dienstleistungen an.

»Danke, liebe Kleine ... Halt, die Falte dort. Sie wiegt fünfhundert Pfund! Oh! Nicht so schnell! Du hast mir Furcht gemacht.«

Der Schmerz begann übrigens heftiger zu werden. Als seine Frau sich im Zimmer zu schaffen machte, die Fenstervorhänge zusammenzog, zurückkam um eine Tasse auf den Nachttisch zu stellen, wurde er noch aufgeregter.

»Ich bitte dich, lauf nicht umher, du läßt alles erzittern ... Bei jedem deiner Schritte meine ich einen Schlag mit dem Hammer zu erhalten.«

Sie versuchte nicht einmal eine Entschuldigung und ihn zufrieden zu stellen. Es nahm stets dieses Ende. Man ließ ihn allein mit seinem Leiden.«

»Komm, Pauline«, sagte sie ruhig. »Du siehst, dein Onkel kann uns nicht um sich dulden.«

Pauline blieb aber. Sie trat so leicht auf, daß ihre Füßchen kaum den Fußboden streiften. Von diesem Augenblicke an blieb sie bei dem Kranken; er litt keinen anderen in seinem Zimmer. Wie er sagte, hätte er am liebsten von einem Hauche bedient sein mögen. Sie hatte das Verständnis, das Leiden zu erraten und zu lindern; sie kam seinen Wünschen zuvor und regelte das Tageslicht oder reichte ihm die Tassen Griesschleim, die Veronika bis an die Tür brachte. Den armen Mann beruhigte vor allem, daß er Pauline fortwährend artig und regungslos auf dem Rande eines Stuhles vor sich sitzen sah, mit ihren großen teilnehmenden Augen, die ihn nicht verließen. Er versuchte, sich durch die Erzählung seiner Leiden zu zerstreuen.

»Siehst du, in diesem Augenblick ist es, als wenn mir ein schartiges Messer die Fußknochen aus dem Gelenke schneide, und ich möchte schwören, daß man mir zu gleicher Zeit lauwarmes Wasser über die Haut gießt.«

Dann nahm der Schmerz eine andere Gestalt an: man binde ihm die Gelenke mit Eisendraht, man spanne seine Muskel bis zum Springen, ähnlich wie Violinsaiten. Pauline hörte mit freundlicher Miene zu, schien alles zu verstehen, fürchtete sich nicht vor dem Geheul seiner Klagen und war einzig auf seine Heilung bedacht. Sie war sogar heiter, und es gelang ihr auch, ihn zwischen einem Gestöhn und dem anderen zum Lachen zu bringen.

Als endlich Doktor Cazenove kam, war er ganz erstaunt und drückte einen schallenden Kuß auf die Haare der kleinen Krankenpflegerin. Er war ein Mann von vierundfünfzig Jahren, hager und kräftig; er hatte sich nach dreißigjährigem Dienst in der Marine nach Arromanches zurückgezogen, wo ein Oheim ihm ein Haus hinterlassen. Seitdem er Frau Chanteau von einer bedenklichen Verstauchung geheilt, war er der Freund der Familie geworden.

»Also immer noch das Alte«, sagte er. »Ich bin gekommen, Ihnen die Hand zu drücken; ich kann nicht mehr tun als dieses Kind, müssen Sie wissen. Wenn man die Gicht geerbt und die Fünfzig überschritten hat, mein Lieber, muß man Trauer anlegen. Bedenken Sie ferner, daß Sie sich mit einer Unlast von Medizinen den Rest gegeben haben ... Sie kennen das einzige Mittel: Geduld und Flanell.«

Er trug gern eine große Ungläubigkeit zur Schau. Während dreißig Jahre hatte er soviel Kranke in allen Klimaten und in allen möglichen Arten von Verfaulungen sterben sehen, daß er im Grunde sehr bescheiden geworden war; er zog, sooft er konnte, vor, die Natur walten zu lassen. Trotzdem untersuchte er die geschwollene Zehe, deren glänzende Haut dunkelrot war; er ging zu dem von der Entzündung ergriffenen Knie über und stellte das Vorhandensein einer harten, weißen kleinen Perle am Rande des rechten Ohres fest.

»Aber Doktor,« wimmerte der Kranke, »Sie können mich doch nicht so leiden lassen!«

Cazenove war ernst geworden. Diese tuffsteinartige Perle interessierte ihn, und er fand vor dieser neuen Erscheinung seinen Glauben wieder.

»Mein Gott!« murmelte er, »ich will es gern mit Alkalien und Salzen versuchen ... Allem Anscheine nach wird sie chronisch.«

Dann ließ er sich gehen.

»Ihre Schuld ist es, denn Sie befolgen die Lebensweise nicht, die ich Ihnen vorschrieb ... Keine Bewegung, immer nur im Lehnstuhl gelegen. Und ich wette, Wein und Fleisch, nicht wahr? Bekennen Sie, daß Sie etwas Erhitzendes gegessen haben?«

»Nur ein kleines bißchen Gänseleberpastete!« beichtete Chanteau kleinlaut.

Der Doktor hob beide Arme in die Höhe, um die Elemente zu Zeugen zu rufen. Dann zog er aus seinem großen Überzieher einige Flaschen und machte sich an die Mischung einer Arznei. Für die lokale Behandlung begnügte er sich, Fuß und Knie in Watte zu hüllen, die er des Halts wegen mit Wachsleinwand umwickelte. Als er fortging, wiederholte er Pauline seine Vorschriften: alle zwei Stunden einen Löffel Medizin, soviel Griesschleim wie der Kranke trinken wolle, und vor allem strengste Diät.

»Wie können Sie nur glauben, daß er sich vom Essen zurückhalten läßt!« sagte Frau Chanteau, als sie den Doktor hinausbegleitete.

»Nein, nein, Tante, du sollst sehen, er wird folgsam sein«, erlaubte sich Pauline zu bekräftigen. »Ich werde ihn schon zum Gehorsam bringen.«

Gazenove schaute sie an, belustigt über ihr altkluges Aussehen. Er küßte sie von neuem auf beide Wangen.

»Das Ding da ist für andere geboren«, erklärte er, mit dem scharfen Blicke, mit dem er seine Diagnosen aufstellte.

Chanteau heulte acht Tage lang. Der rechte Fuß war in dem Augenblick, in dem man den Anfall beendigt glaubte, ergriffen worden, und die Schmerzen hatten sich mit verdoppelter Heftigkeit eingestellt. Das ganze Haus bebte: Veronika zog sich in die äußerste Ecke ihrer Küche zurück, um nichts zu hören, selbst Frau Chanteau und Lazare flohen in ihrer nervösen Angst wiederholt ins Freie. Nur Pauline verließ nicht das Zimmer, in dem sie überdies noch gegen die Launen des Kranken anzukämpfen hatte, der durchaus ein Kotelett essen wollte. Er habe Hunger, der Doktor Gazenove sei ein Esel, da er ihn nicht einmal heilen könne, schrie er. Besonders in der Nacht nahm das Leiden an Stärke zu. Sie schlief kaum zwei bis drei Stunden. Indes war sie kräftig; nie gedieh und wuchs ein kleines Mädchen gesunder heran. Frau Chanteau hatte schließlich mit erleichtertem Herzen die Hilfe dieses Kindes angenommen, welches das ganze Haus beruhigte. Endlich kam die Genesung. Pauline erhielt ihre Freiheit wieder, und zwischen ihr und Lazare entspann sich eine feste Kameradschaft. Sie begann in dem großen Gemach des jungen Mannes. Er hatte eine Scheidewand niederreißen lassen und nahm derart eine ganze Hälfte des zweiten Stockes ein. Ein kleines eisernes Bett verlor sich in einer Ecke hinter einem alten zerrissenen Wandschirm. An der Wand waren auf rohen Holzbrettern klassische Werke, zerrissene alte Bücher aufgestellt, die man im Winkel eines Speichers in Caen entdeckt und nach Bonneville gebracht hatte. Nahe dem Fenster stand ein alter, ungeheurer, normannischer Schrank, der von einem Durcheinander außergewöhnlicher Gegenstände überfüllt war, von Mineralien, außer Gebrauch gesetzten Werkzeugen und Kinderspielsachen. Außerdem befand sich auch das Klavier dort, von einem Paar Stoßdegen und einer Fechtmaske überragt, ohne den ungeheuren Tisch in der Mitte zu rechnen, einen einstigen sehr hohen Zeichentisch, der mit Papieren, Bildern, Tabaksbüchsen und Pfeifen völlig bedeckt war. Es hielt schwer, einen handbreiten Platz zum Schreiben ausfindig zu machen.

Pauline, die man zu dieser Unordnung zugelassen, war entzückt. Sie gebrauchte einen Monat, um das Zimmer zu durchforschen. Jeden Tag machte sie neue Entdeckungen; einen in der Bibliothek gefundenen Robinson mit Stahlstichen, einen unter dem Schranke hervorgefischten Hampelmann. Sowie sie aufgestanden war, sprang sie aus ihrer Stube in die des Vetters; sie setzte sich dort fest, stieg des Nachmittags wieder hinauf, lebte dort. Von dem ersten Tage an hatte Lazare sie wie einen um neun Jahre jüngeren Bruder bei sich aufgenommen, der aber so heiter und drollig war mit seinen großen, klugen Augen, daß er sich nicht weiter beschränkt fühlte, seine Pfeife rauchte, auf einen Stuhl hingeflegelt, mit den Beinen in der Luft las und lange Briefe schrieb, in die er Blumen gleiten ließ. Nur wurde manchmal der Kamerad von einer entsetzlichen Tollheit befallen. Pauline kletterte mitunter plötzlich auf den Tisch oder sprang wohl auch mit einem Satze durch den zerrissenen Bettschirm. Als er sich eines Morgens nach ihr umschaute, weil er nichts mehr von ihr hörte, sah er sie mit der Fechtmaske vor dem Gesicht, ein Florett in der Hand. Wenn er sie anfangs anschrie, sie solle sich ruhig verhalten, wenn er ihr drohte, sie vor die Tür zu setzen, endete das gewöhnlich mit fürchterlichem Lärm, mit Bocksspringen durch das drunter und drüber gebrachte Zimmer. Sie warf sich an seinen Hals, und er, selbst wieder zum Knaben geworden, ließ sie mit fliegenden Röcken sich drehen wie einen Kreisel, wozu beide herzlich wie die Kinder lachten.

Später beschäftigte sie das Klavier. Es war ein alter Erard aus dem Jahre 1810, auf dem ehemals Lazares Mutter, Fräulein Eugenie de la Vignière, fünfzehn Jahre lang Unterricht erteilt hatte. In dem Mahagonigehäuse mit der verblaßten Lackierung seufzten mit verschleiertem Klange längst entschwundene Töne. Lazare, der bei seiner Mutter kein neues Klavier durchsetzen konnte, hämmerte mit allen Kräften auf diesem herum, ohne ihm die romantischen Klänge entlocken zu können, die ihm im Schädel summten. Er hatte die Gewohnheit angenommen, die Töne mit dem eignen Munde zu verstärken. Seine Leidenschaft ließ ihn bald Paulinens Gefälligkeit mißbrauchen; er hatte einen Zuhörer gefunden, dem er ganze Nachmittage lang seinen Musikvorrat entrollte: es enthielt das Schwierigste, was die Musik bot, vor allem die damals verleugneten Werke von Berlioz und Wagner. Er brüllte und spielte schließlich ebensoviel mit der Kehle wie mit den Fingern. An solchen Tagen langweilte sich das Kind entsetzlich, aber es hörte dennoch aufmerksam zu, aus Furcht den Vetter zu betrüben.

Manchmal überraschte sie die Dämmerung. Dann erzählte Lazare, des Klimperns müde, seine großen Träume. Auch er werde, trotz seiner Mutter und trotz der ganzen Welt, ein großer Musiker werden. Auf dem Gymnasium zu Caen hatte er einen Professor der Violine gehabt, der ihm, von seiner musikalischen Begabung überrascht, eine ruhmvolle Zukunft prophezeite. Er hatte sich heimlich Kompositionsstunden geben lassen und arbeitete jetzt allein. Ihm war bereits ein unbestimmter Gedanke gekommen, der Gedanke einer Sinfonie über das irdische Paradies; ein Teil war sogar gefunden. Adam und Eva von den Engeln verjagt, ein Marsch feierlichen und schmerzvollen Charakters, den Pauline vorzuspielen er sich eines Abends herbeiließ. Das Kind stimmte allem bei und fand ihn sehr schön. Dann machte sie ihm Vorstellungen. Zweifelsohne müsse ihm das Komponieren guter Musik Vergnügen machen; vielleicht aber sei es klüger von ihm, wenn er seinen Eltern gehorche, die einen Präfekten oder einen Richter aus ihm machen wollten. Das Haus war über einen Streit zwischen Mutter und Sohn tief betrübt; dieser sprach davon, in das Pariser Konservatorium einzutreten, jene bewilligte ihm noch bis Oktober eine Frist, um sich den Beruf eines rechtschaffenen Mannes zu wählen. Pauline unterstützte den Plan ihrer Tante, der sie mit ihrer ruhig überzeugten Miene angekündigt hatte, sie übernehme es, ihren Vetter zu einem Entschluß zu bewegen. Man lachte darüber, Lazare aber schloß heftig das Klavier und rief ihr zu, daß sie »eine gewöhnliche Spießbürgerin sei!«

Sie grollten drei Tage miteinander, dann vertrugen sie sich wieder. Um sie für die Musik zu gewinnen, hatte er sich in den Kopf gesetzt, ihr das Klavierspielen beizubringen. Er legte ihr die Finger auf die Tasten und ließ sie stundenlang Tonleitern spielen. Aber sie empörte ihn augenscheinlich durch ihren Mangel an Eifer. Sie suchte nur nach Veranlassungen zum Lachen und fand es drollig, Minouche die Klaviatur entlangzuführen, deren Pfoten barbarische Sinfonien zustandebrachten; und sie versicherte, die Katze spiele die berühmte Vertreibung aus dem Paradiese, was den Verfasser selbst heiter stimmte. Dann fingen die großen Balgereien wieder an, sie sprang ihm an den Hals, und er ließ sie herumkreisen, während Minouche an dem Tanze teilnahm und von dem Tische auf den Schrank sprang. Mathieu ward nicht zugelassen, seine Freude äußerte sich zu wild.

»Laß mich in Frieden, du schmutzige kleine Bürgerlise!« wiederholte er eines Tages außer sich. »Mama kann dich Klavierspielen lehren, wenn sie will.«

»Deine Musik taugt zu nichts«, erklärte Pauline gerade heraus. »An deiner Stelle würde ich Arzt.«

Er sah sie zornig an. Arzt, jetzt! Wie kam sie darauf? Er regte sich auf und warf sich seiner Leidenschaft mit einem Ungestüm in die Arme, das alles mit sich fortzureißen schien.

»Höre,« rief er, »wenn man mich nicht Musiker werden lassen will, töte ich mich.«

Der Sommer hatte Chanteaus Genesung vollendet, und Pauline konnte Lazare in das Freie folgen. Das große Zimmer wurde verlassen, die Kameraden ergingen sich in tollem Umherspringen. Einige Tage hindurch begnügten sie sich mit der Terrasse, auf der einige Büschel vom Seewind verkümmerter Tamarisken wuchsen; dann brachen sie in den Hof ein, zerschlugen die Kette des Ziehbrunnens, erschreckten das Dutzend magerer, von Heuschrecken lebender Hühner, versteckten sich in dem leeren Stalle und dem Wagenschuppen, wo man den Kalkbewurf abbröckeln ließ. Dann nahmen sie den Gemüsegarten für sich, ein mageres Stück Erde, das Veronika wie ein Bauer umgrub, mit vier Beeten jungen Gemüses, Birnenbäumen mit schmächtigen Stämmen, die durch die Nordoststürme sämtlich nach einer nämlichen Richtung gebeugt waren; und von dort aus befanden sie sich, wenn sie eine kleine Tür aufstießen, auf den steilen Abhängen unter freiem Himmel im Angesichte des Meeres. Pauline hatte die leidenschaftliche Neugier für dies ungeheure Wasser beibehalten, das in der hellen Julisonne sich so rein und freundlich gab! Nach dem Meere und immer wieder nach dem Meere schaute sie von jedem Zimmer des Hauses aus. Aber sie war ihm noch nicht nahegekommen, und es begann ein neues Leben, als sie sich mit Lazare in die lebendige Einsamkeit des Strandes losgelassen fand.

Was für prächtige Ausflüge! Frau Chanteau schalt und wollte sie trotz des Vertrauens in den Verstand der Kleinen im Hause halten. Sie durchschritten deshalb nie den Hof, wo Veronika sie gesehen hätte, sondern schlichen durch den Gemüsegarten und verschwanden bis zum Abend. Bald langweilten sie die Spaziergänge um die Kirche, um die Ecken des mit Taxus eingefaßten Friedhofes und um die Salatstauden des Pfarrers; in acht Tagen hatten sie auch ganz Bonneville durch, die dreißig an den Felsen geklebten Häuser, die Kieselbank, auf welche die Fischer ihre Barken zogen. Am unterhaltendsten war es, während der Ebbe weit zwischen die Klippen hinauszugehen: man schritt über den feinen Sand dahin, auf dem Seespinnen hastig flohen, man sprang von Fels zu Fels zwischen Algen hindurch, um das Geriesel durchsichtigen Wassers zu vermeiden, das von Seekrebsen wimmelte, ohne von dem Angeln zu sprechen, den roh, ohne Brot verzehrten Muscheln, den fremdartigen, in einem Taschentuchzipfel fortgetragenen Tieren, den plötzlichen Funden, als da waren: eine verirrte Kliesche, ein kleiner, auf dem Boden eines Loches krabbelnder Hummer. Stieg das Meer, so ließen sie sich manchmal davon überraschen; sie spielten Schiffbruch und flüchteten auf irgendeinen Felsen in Erwartung, daß das Wasser sich gütigst zurückziehe. Sie waren entzückt und kehrten bis an die Schultern durchnäßt, mit im Winde flatternden Haaren heim, derart an die starke, salzige Luft gewöhnt, daß sie klagten, des Abends bei der Lampe im Zimmer ersticken zu müssen.

Ihre größte Freude aber war das Baden. Der Strand war aber zu felsig, um Familien aus Caen und Bayeux anzulocken. Während sich der Strand von Arromanches jedes Jahr mit neuen Sommerhäusern bedeckte, ließ sich in Bonneville kein Badegast sehen. Sie hatten in der Entfernung eines Kilometers von dem Dorfe nach der Seite von Port-en-Bessin hin einen entzückenden Winkel, eine kleine, zwischen zwei Felsenrampen eingeklemmte Bucht mit feinem, goldigem Sande entdeckt. Sie nannten sie die Schatzbucht wegen ihrer einsamen Flut, in der goldene Zwanzigfrankenstücke zu rollen schienen. Dort waren sie wie zu Hause; sie kleideten sich ohne Scheu aus. Er plauderte ruhig mit ihr weiter, während er halb abgewandt sein Badegewand zuknöpfte. Sie nahm einen Augenblick den Schlitz ihres Hemdes in den Mund und erschien dann mit einem nach Knabenart um die Hüften geschlungenen wollenen Gürtel. In acht Tagen lehrte er sie schwimmen: sie biß schneller darauf an als auf das Klavier; sie besaß einen Mut, der sie oftmals tüchtige Mengen Seewasser schlucken ließ. Ihre volle Jugend lachte in dieser herben Frische, wenn eine stärkere Welle sie gegeneinander schleuderte. Sie entstiegen dem Bade, von Salz glänzend, und ließen ihre nackten Arme vom Winde trocknen, ohne ihre kühnen Wildfangsspiele zu unterbrechen. Das war noch lustiger als das Angeln.

Die Tage verstrichen, man war im Monat August, und Lazare traf keine Entscheidung. Pauline sollte im Oktober in eine Erziehungsanstalt zu Bayeux gebracht werden. Wenn sie das Meer in eine behagliche Mattigkeit versetzt hatte, streckten sie sich auf dem Sand aus und sprachen sehr vernünftig über ihre Angelegenheiten. Sie brachte es schließlich dahin, daß er sich für die Medizin interessiere, indem sie ihm auseinandersetzte, daß es, wäre sie ein Mann, ihre Leidenschaft sein werde, die Menschen zu heilen. Gerade seit einer Woche war es um das »irdische Paradies« schlecht bestellt, er bezweifelte sein Genie. Gewiß gab es auch einen medizinischen Ruhm, es fielen ihm die großen Namen von Hippokrates, Ambroise Paré und anderen mehr ein. Eines Nachmittags aber stieß er einen Freudenschrei aus, er hielt sein Meisterwerk in Händen. Das »Paradies« war blöd, er warf das Zeug in den Winkel und schrieb die Sinfonie des Schmerzes, ein Blatt, auf dem er in erhabenen Harmonien die verzweifelte Klage der unter dem Himmel schluchzenden Menschheit in Noten setzte; er benutzte seinen Adam- und Evamarsch und machte ohne viel Umstände einen Totenmarsch daraus. Acht Tage lang nahm seine Begeisterung von Stunde zu Stunde zu, er umfaßte das Weltall in seinem Entwurfe. Eine zweite Woche verging, und seine Freundin war sehr erstaunt, ihn eines Abends sagen zu hören, daß er doch gern Medizin in Paris studieren werde. Er hatte sich überlegt, daß ihn dieser Schritt dem Konservatorium näher bringe: er wollte nur erst in Paris sein, dann werde er schon sehen. Das war eine große Freude für Frau Chanteau. Sie hätte zwar vorgezogen, ihren Sohn in der Verwaltung oder im Richterstande zu sehen; aber die Ärzte waren zum wenigsten ehrbare Leute und verdienten viel Geld.

»Du bist eine kleine Fee!« sagte sie mit einem Kuß zu Pauline. »Du lohnst uns deine Aufnahme bei uns gut, mein Schätzchen.«

Alles wurde geordnet. Lazare sollte am ersten Oktober abreisen. Jetzt begannen die Ausflüge im September von neuem mit größerem Eifer; die beiden Kameraden wollten ihr schönes Leben der Freiheit würdig beschließen. Sie vergaßen sich bis in die Nacht hinein auf dem Sande der Schatzbucht.

Eines Abends betrachteten sie, nebeneinander ausgestreckt, die wie feurige Perlen den erbleichenden Himmel punktierenden Sterne. Sie war ernst und äußerte die ruhige Bewunderung eines gesunden Kindes. Er, stets im Fieber, seitdem er sich auf die Abreise vorbereitete, bewegte nervös die Lider inmitten der plötzlichen Sprünge seines Willens, der ihn unaufhörlich zu neuen Vorsätzen fortriß.

»Die Sterne sind schön«, sagte sie ernst nach langem Schweigen.

Er ließ das Schweigen fortdauern. Sein Frohsinn strahlte nicht mehr so hell, ein inneres Unbehagen trübte seine weitgeöffneten Augen. Am Himmel nahm das Ameisengewimmel der Sterne von Minute zu Minute zu, es sah aus gerade wie quer durch die Unendlichkeit geschleuderte Schaufeln glühender Kohlen.

»Du hast es nicht gelernt«, murmelte er endlich. »Jeder Stern ist eine Sonne, um welche Getriebe wie die Erde rollen; und hinter diesen gibt es noch Milliarden andere und immer andere.«

Er schwieg und begann von neuem mit einer von heftigem Schauer gewürgten Stimme:

»Ich betrachte sie nicht gern; sie flößen mir Furcht ein.«

Das steigende Meer ließ ferne Klagelaute ertönen, sie glichen der Verzweiflung einer ihr Elend klagenden Menge. An dem ungeheuren, jetzt schwarzen Horizonte flammte der fliegende Staub der Welten. Inmitten dieser Klage der unter der endlosen Zahl von Sternen erdrückten Erde meinte das Kind neben sich einen Ton wie Schluchzen zu hören.

»Was hast du denn? Bist du krank?«

Er antwortete nicht, er schluchzte, das Gesicht mit den heftig gekrampften Händen bedeckt, als wolle er nichts mehr sehen. Als er wieder sprechen konnte, stammelte er:

»Oh! sterben, sterben!«

Pauline behielt von diesem Auftritt eine verwunderte Erinnerung zurück. Lazare hatte sich mühsam aufgerichtet, sie kehrten im Dunkel nach Bonneville heim, die Füße von den Wellen bespült, und sie wußten sich nichts mehr zu sagen. Sie sah ihn vor sich dahinschreiten, seine Gestalt schien ihr zusammengeschrumpft und von dem pfeifenden Westwind gebeugt.

An jenem Abend erwartete sie im Eßzimmer ein neuer Ankömmling im Geplauder mit Chanteau. Man hatte bereits seit acht Tagen auf Luise gerechnet, ein junges Mädchen von elfundeinhalb Jahren, das alljährlich vierzehn Tage in Bonneville zubrachte. Man war aber bereits zweimal vergeblich nach Arromanches gegangen, um sie zu holen, und nun fiel sie ihnen am Abend, als man auf sie am allerwenigsten gefaßt war, in das Haus. Luisens Mutter war in den Armen der Frau Chanteau gestorben und hatte dieser ihre Tochter ans Herz gelegt. Der Vater, Herr Thibaudier, Bankier in Caen, hatte sich nach sechs Monaten zum zweiten Male verheiratet und bereits drei andere Kinder. Er ließ die Kleine, von seiner neuen Familie in Anspruch genommen, den Kopf von Zahlen angefüllt, in einer Erziehungsanstalt und entledigte sich ihrer gern in den Ferien, wenn er sie zu Freunden schicken konnte. Am häufigsten bemühte er sich nicht einmal selbst; ein Diener hatte das Fräulein nach achttägiger Verspätung hergebracht. Der Herr habe so viele Sorgen. Nachdem der Diener noch hinzugefügt, daß der Herr sein Möglichstes tun werde, um das Fräulein persönlich abzuholen, war er sogleich wieder zurückgereist.

»Komm doch, Lazare,« rief Frau Chanteau, »sie ist hier!«

Luise küßte den jungen Mann lächelnd auf beide Wangen. Sie kannten sich nur wenig, denn sie war immer in ihrem Pensionat eingeschlossen, er dagegen hatte kaum seit einem Jahre die Schule verlassen. Ihre Freundschaft rührte erst knapp von den letzten Ferien her; er hatte sie überdies förmlich behandelt, da er fühlte, daß sie schon gefallsüchtig war und die geräuschvollen Kinderspiele verachtete.

»Nun, Pauline, du umarmst sie nicht?« fragte Frau Chanteau beim Eintreten in das Zimmer. »Sie ist die ältere, denn sie zählt achtzehn Monate mehr als du ... Habt euch recht lieb, das wird mir Freude machen.«

Pauline schaute Luise an, die schlank und fein gebaut war, ein unregelmäßiges, aber sehr reizvolles Gesicht hatte und das schöne, blonde Haar wie das einer Dame geknotet und gekräuselt trug. Als die andere sie ohne weiteres umarmte, gab sie ihr mit zitternden Lippen die Liebkosung zurück.

»Was hast du denn?« fragte ihre Tante. »Frierst du?«

»Ja, ein wenig, der Wind ist nicht warm«, entgegnete sie, über die Lüge errötend.

Bei Tische aß sie nicht. Ihre Augen wandten sich nicht von den Personen ab und nahmen ein wildfunkelndes Schwarz an, wenn sich ihr Vetter, der Onkel oder selbst Veronika mit Luise beschäftigten. Vor allem schien es sie jedoch zu schmerzen, als Mathieu beim Nachtisch die gewohnte Runde machte und seinen dicken Kopf auf die Knie der neu Angekommenen legte. Sie rief ihn vergebens, er wollte jene, die ihn mit Zucker vollpfropfte, nicht verlassen.

Man hatte sich erhoben. Pauline war verschwunden, als Veronika, die gerade den Tisch abdeckte, aus der Küche kommend, mit siegesbewußter Miene sagte:

»Madame, Sie finden Pauline so gut ... Sehen Sie nur, was sie im Hofe macht.«

Alle begaben sich dorthin. Hinter der Remise verborgen, drängte das Kind Mathieu gegen die Mauer und hieb in einem tollen Wutanfalle mit ihren kleinen Fäusten aus vollen Kräften auf seinen Schädel. Der betäubte Hund senkte, ohne sich zu verteidigen, den Kopf. Man eilte zu Pauline, aber sie schlug weiter auf ihn ein. Schließlich mußte sie fortgetragen werden, steif, leblos und so krank, daß man sie sofort zu Bett brachte und ihre Tante einen Teil der Nacht bei ihr wachen mußte.

»Sie ist reizend, ganz reizend«, wiederholte Veronika, die sich freute, an dieser Perle endlich einen Fehler gefunden zu haben.

»Ich erinnere mich, daß man mir in Paris von ihren Wutausbrüchen gesprochen hatte. Sie ist eifersüchtig ... Eine häßliche Sache ... Während der sechs Monate ihres Hierseins sind mir gewisse kleine Vorfälle nicht entgangen; aber den Hund töten zu wollen, das übersteigt wahrhaftig alles.«

Als Pauline am nächsten Morgen Mathieu begegnete, schloß sie ihn in ihre zitternden Arme und küßte ihn unter einem solchen Strom von Tränen auf die Schnauze, daß man den Ausbruch eines neuen Anfalles befürchtete. Trotzdem legte sie den Fehler nicht ab; ein innerlicher Druck jagte ihr alles Blut der Adern in das Gehirn. Es schien, als seien diese leidenschaftlichen Heftigkeitsanfälle von weit her, von einem Vorfahren mütterlicher Seite auf sie gekommen, über das gleichmäßige Wesen ihrer Mutter und ihres Vaters hinweg, deren lebendiges Ebenbild sie war. Da sie für ihre zehn Jahre schon sehr verständig war, erklärte sie selbst den Leuten, daß sie alles Mögliche tue, um gegen diese Wutausbrüche anzukämpfen, was ihr jedoch nicht gelinge. Hinterher war sie immer traurig darüber, wie über ein Übel, dessen man sich schämt.

»Ich liebe euch so sehr, warum liebt ihr auch andere?« erwiderte sie, den Kopf an der Tante Schulter verbergend, die ihr in ihrem Zimmer eine Strafpredigt gehalten hatte.

Trotz aller Anstrengung litt Pauline sehr unter Luisens Anwesenheit. Von dem Augenblick der Ankündigung ihres Kommens hatte sie dieselbe mit einer unruhigen Neugier erwartet, und jetzt zählte sie die Tage, von dem ungeduldigen Wunsche nach ihrer Abreise beseelt. Im übrigen war sie von Luise bezaubert, die hübsch gekleidet ging, sich wie ein kluges junges Fräulein benahm und die einschleichende Liebenswürdigkeit eines im eigenen Hause wenig gehätschelten Kindes zur Schau trug. War aber Lazare zugegen, so war es gerade dieser Reiz des jungen Weibes, dieses Erwachen des Unbekannten, was Pauline verwirrte und aufbrachte. Der junge Mann indessen bevorzugte diese; er spottete über die andere, sagte, daß sie ihn mit ihrem vornehmen Wesen langweile, daß man sie allein lassen müsse, damit sie die Dame spielen könne, während sie – er und Pauline – hinausgehen würden, um sich in ihrer gewohnten Weise zu unterhalten. Die wilden Vergnügungen waren übrigens aufgegeben, man sah sich im Zimmer Bilder an und ging mit schicklichen Schritten am Strande spazieren. Es waren zwei vollständig verpfuschte Wochen.

Eines Morgens erklärte Lazare, daß er seine Abreise um fünf Tage beschleunigen wolle. Er wolle sich in Paris einrichten und dort einen seiner alten Kameraden aus Caen aufsuchen. Pauline, die der Gedanke an seine Abreise schon seit einem Monat in Verzweiflung brachte, unterstützte lebhaft den Entschluß ihres Vetters und half ihrer Tante mit einer freudigen Geschäftigkeit den Koffer packen. Als dann Vater Malivoire Lazare in seiner alten Berline fortgeführt hatte, schloß sie sich in ihrem Zimmer ein und weinte dort lange. Am Abend tat sie sehr liebenswürdig zu Luise; und die acht Tage, die diese noch in Bonneville zubrachte, waren entzückend. Als der Diener ihres Vaters sie abholen kam und meldete, daß der Herr sein Bankgeschäft nicht habe verlassen können, warfen sich die kleinen Freundinnen einander in die Arme und schworen sich ewige Liebe.

Dann verstrich langsam ein Jahr. Frau Chanteau hatte ihre Ansicht geändert; statt Pauline in eine Erziehungsanstalt zu senden, behielt sie dieselbe bei sich, vorzüglich Chanteaus Klagen halber, der das Kind nicht mehr entbehren konnte. Aber sie gestand sich diesen eigennützigen Grund nicht, sondern sagte, sie wolle sich selbst des Unterrichts von Pauline annehmen; der Gedanke, auf diese Weise wieder in das Lehrfach zurückzutreten, machte ihr ordentlich Vergnügen. In den Erziehungsanstalten hörten die kleinen Mädchen häßliche Dinge, sie wolle für die vollkommene Unschuld ihrer Schülerin verantwortlich sein. Man fischte aus der Tiefe von Lazares Bibliothek eine Grammatik, ein Rechenbuch, ein Geschichtsbuch und sogar eine kurze Übersicht der Götterlehre, und Frau Chanteau nahm für eine Stunde am Tage den Bakel wieder an sich; es gab Diktate, Rechenexempel und Auswendiglernen. Des Vetters große Stube ward in ein Arbeitszimmer umgewandelt; Pauline mußte sich an das Klavier setzen, von dem Vortrag über den guten Anstand nicht zu sprechen, dessen Grundlehren ihr die Tante streng entwickelte, um ihr das knabenhafte Benehmen auszutreiben. Sie war übrigens folgsam und einsichtig und lernte willig, selbst wenn die Gegenstände sie abstießen. Nur ein Buch langweilte sie: der Katechismus. Sie hatte noch nicht begriffen, warum sich ihre Tante des Sonntags die Mühe machte, sie zur Messe zu führen. Wozu war das gut? In Paris hatte man sie nie nach der Eustachiuskirche geführt, trotzdem sich diese in der Nähe ihres Hauses befand. Die abstrakten Gedanken gingen ihr nur schwer in den Kopf; ihre Tante mußte ihr erklären, daß eine wohlerzogene Dame sich auf dem Lande der Pflicht des guten Beispiels, sich gegen den Pfarrer höflich zu zeigen, nicht entziehen könne. Die Tante selbst hatte nie etwas anderes als eine Religion der Schicklichkeit geübt; diese bildete einen Teil der guten Erziehung, wie der Anstand selbst.

Das Meer peitschte indessen Bonneville täglich zweimal mit dem ewigen Schaukeln seiner Flut, und Pauline wuchs angesichts des unendlichen Horizontes auf. Sie spielte nicht mehr, denn sie besaß keinen Kameraden. Wenn sie mit Mathieu um die Terrasse getollt oder hinten im Gemüsegarten mit Minouche auf der Schulter einen Spaziergang gemacht hatte, blieb ihr als einzige Erholung der Blick auf das immer lebendige Meer, so bleifarben während der trüben Dezembertage, von so zartem, wechselndem Grün bei den ersten Strahlen der Maisonne. Das Jahr war im übrigen befriedigend; das Glück, das ihre Anwesenheit in das Haus gebracht zu haben schien, bekundete sich außerdem noch durch eine unerwartete Zahlung von fünftausend Franken seitens Davoines an Chanteau, um einen Bruch, mit dem sie ihm gedroht hatten, zu vermeiden. Sehr gewissenhaft ging die Tante alle drei Monate nach Caen, um die Zinsen für Pauline zu erheben; sie zog vorerst die Kosten und die vom Familienrate gutgeheißene Pension ab und kaufte für den Rest neue Papiere. Wenn sie dann heimkam, verlangte sie, daß die Kleine sie auf ihr Zimmer begleite, woselbst sie die bekannte Schieblade des Schreibsekretärs aufzog und dabei wiederholte:

»Du siehst, ich tue dies zu den anderen... Was? Der Haufen wächst. Sei unbesorgt, du wirst alles so wiederfinden, es soll nicht ein Centime fehlen.«

Im August fiel Lazare eines schönen Morgens mit der Neuigkeit in das Haus, daß er bei der Schlußprüfung des Jahres einen vollständigen Erfolg gehabt habe. Er sollte erst eine Woche später kommen, hatte aber seine Mutter überraschen wollen. Das war eine große Freude. In den alle vierzehn Tage anlangenden Briefen hatte er eine wachsende Neigung für die Medizin bekundet. Als er da war, schien er ihnen vollkommen verändert, denn er sprach nicht mehr von Musik und begann sie mit seinen ewigen Erzählungen von seinen Professoren, seinen wissenschaftlichen Abhandlungen bei allen möglichen Anlässen – wenn die Gerichte aufgetragen wurden, oder wenn ein Wind sich erhob – zu langweilen. Ein neues Fieber hatte sich seiner bemächtigt, er hatte sich mit Feuereifer dem Gedanken hingegeben, ein Arzt von Genie zu sein, dessen Erscheinen die Welt umstürzen solle.

Pauline besonders, nachdem sie ihm wie ein Junge, der aus seinen Zärtlichkeiten gar kein Hehl macht, an den Hals gesprungen, war erstaunt, ihn anders zu finden. Es bekümmerte sie fast, ihn nicht – wenigstens zur Erholung ein wenig – von Musik sprechen zu hören. Konnte man wirklich etwas nicht mehr lieben, nachdem man es so sehr geliebt hatte? Als sie ihn über seine Sinfonie befragte, begann er darüber zu spotten; er sagte, daß es mit diesen Dummheiten ein Ende habe, und sie wurde ganz traurig darüber. Dann bemerkte sie, daß er sich ihr gegenüber verlegen fühlte, ein häßliches Gelache anhob und seine Augen, seine Bewegungen von einem zehnmonatlichen Leben sprachen, das man kleinen Mädchen nicht erzählen konnte. Er hatte seinen Koffer selbst ausgepackt, um seine Bücher, Romane, wissenschaftliche Bände voller Kupferstiche zu verbergen. Er ließ sie nicht mehr mit fliegenden Röcken wie einen Kreisel herumwirbeln, er verlor manchmal die Fassung, wenn sie darauf bestand, sein Zimmer zu betreten und dort zu hausen. Sie war gleichwohl kaum größer geworden, sie sah ihn mit ihren klaren, unschuldigen Augen an, und nach acht Tagen war ihre knabenhafte Kameradschaft wieder angeknüpft. Die rauhe Meeresluft wusch ihm die Gerüche des Studentenviertels ab, er ward wieder Kind bei diesem so gesunden Kinde mit der schallenden Heiterkeit. Alles wurde wiederaufgenommen, alles begann von neuem, die Spiele um den großen Tisch, das Herumjagen in Gemeinschaft von Mathieu und Minouche im Gemüsegarten, die Ausflüge bis zur Schatzbucht und die unschuldigen Bäder unter der Sonne bei dem frischen Winde, der ihnen die Hemden wie Fahnen um die Beine flattern ließ. Gerade in diesem Jahr verbrachte Luise, die im Mai nach Bonneville gekommen war, ihre Ferien in Rouen bei anderen Freunden. Es flossen zwei herrliche Monate dahin, nicht ein einziges Schmollen verdarb ihnen ihre Freundschaft.

Im Oktober, an dem Tage, an welchem Lazare seinen Koffer packte, sah Pauline ihn die Bücher aufschichten, die er mitgebracht hatte und die im Schrank verschlossen geblieben waren, ohne daß ihm auch nur je der Gedanke gekommen wäre, eines von ihnen zu öffnen.

»So nimmst du sie also mit fort?« fragte sie in betrübtem Tone.

»Gewiß!« antwortete er. »Ich gebrauche sie für mein Studium... Ah! Donnerwetter, wie werde ich arbeiten! Ich muß allem bis auf den Grund kommen.«

Tiefe Stille breitete sich wieder über das kleine Haus in Bonneville, die Tage flossen einförmig dahin und brachten die täglichen Gewohnheiten angesichts des ewigen Rhythmus des Weltmeeres mit sich. In jenem Jahr aber machte eine Begebenheit einen tiefen Kerb in Paulines Leben. Sie nahm im Monat Juni ihr erstes Abendmahl im Alter von zwölfundeinhalb Jahren. Langsam hatte sich die Religion ihrer bemächtigt, eine ernste Religion, erhabener als die Antworten des Katechismus, die sie unablässig hersagte, ohne sie zu verstehen. Sie war in ihrem jungen, forschenden Kopfe dahin gelangt, sich Gott als einen allmächtigen, weisen Gebieter vorzustellen, der alles so leitete, daß auf Erden alles gerecht vor sich ging; diese vereinfachte Auffassung genügte ihr zu ihrer Übereinstimmung mit dem Abbé Horteur. Dieser, ein Bauernsohn, in dessen harten Schädel nur der Buchstabe Eingang gefunden, hatte sich schließlich zu dem Standpunkte bekannt, daß mit den äußeren Übungen einer wohlanständigen Frömmigkeit Genüge getan sei. Er für seine Person war auf sein Seelenheil bedacht, um so schlimmer für seine Pfarrkinder, wenn sie sich in die Verdammnis stürzten. Er hatte seit fünfzehn Jahren ohne Erfolg versucht, sie in Furcht zu setzen; jetzt verlangte er von ihnen nur die Höflichkeit, an großen Festtagen zur Kirche heraufzusteigen. Ganz Bonneville ging in einem Überreste von Gewohnheit trotz der Sünde, an der das Dorf krankte, dort hinauf, die Gleichgültigkeit für das Seelenheil der anderen ersetzte bei dem Priester die Duldsamkeit. Er ging alle Sonnabend zu Chanteau, um mit ihm Dame zu spielen, obwohl der Bürgermeister dank der Entschuldigung mit seiner Gicht nie einen Fuß in die Kirche setzte. Frau Chanteau tat im übrigen das Notwendige, indem sie regelmäßig den Gottesdiensten beiwohnte und Pauline mit sich nahm. Die große Einfachheit des Pfarrers gewann das Kind nach und nach. In Paris sprach man von den Pfarrern, diesen Heuchlern, deren schwarze Amtskleider alle Verbrechen verhüllten, mit Verachtung. Aber dieser, der am Ufer des Meeres lebte, schien ihr wirklich ein wackerer Mann mit seinen plumpen Stiefeln, seinem sonnverbrannten Nacken, dem Benehmen und der Sprache eines armen Pächters. Eine Beobachtung hatte sie vor allem erobert: Abbé Horteur rauchte leidenschaftlich eine große Meerschaumpfeife; da er aber trotzdem noch Gewissensbisse darüber empfand, flüchtete er damit an das Ende seines Gartens mitten unter seine Salatstauden; und diese Pfeife, die er verlegen versteckte, wenn man ihn dabei überraschte, rührte die Kleine ungemein, ohne daß sie eigentlich hätte sagen können, warum. Sie nahm mit sehr ernster Miene das heilige Abendmahl gemeinschaftlich mit zwei anderen kleinen Mädchen und einem Jungen aus dem Dorfe. Am Abend erklärte der Pfarrer, der bei den Chanteau speiste, er habe in Bonneville noch nie eine Kommunikantin gehabt, die so sittsam an den heiligen Tisch des Herrn getreten sei.

Das Jahr war weniger gut, die von Davoine seit langer Zeit erwartete Preissteigerung in Tannen stellte sich nicht ein, und schlechte Nachrichten kamen aus Caen: man versicherte, daß er mit Verlust zu verkaufen gezwungen, unaufhaltsam einer Katastrophe entgegeneile. Die Familie lebte kärglich, die dreitausend Franken Zinsen reichten gerade für die genauesten Bedürfnisse hin, man zwackte sich die geringsten Vorräte ab. Frau Chanteaus große Sorge war Lazare, von dem sie Briefe empfing, die sie für sich behielt. Er schien zu vergeuden und verfolgte sie mit unaufhörlichen Bitten um Geld. Als sie im Juli Paulinens Zinsen einzog, fiel sie heftig über Davoine her. Schon waren zweitausend Franken von ihm in die Hände des jungen Mannes übergegangen, und es gelang ihr, ihm noch weitere tausend zu entreißen, die sie dem Sohne umgehend nach Paris schickte. Lazare schrieb ihr, daß er nicht kommen könne, wenn er nicht vorher seine Schulden bezahle.

Man erwartete ihn eine volle Woche. Jeden Morgen kam ein Brief, in dem er seine Abreise auf den nächsten Tag verschob. Seine Mutter und Pauline gingen ihm bis Verchemont entgegen. Man umarmte sich auf der offenen Straße und kehrte durch den Staub heim, von dem leeren Wagen mit dem Koffer gefolgt. Diese Heimkehr in die Familie aber gestaltete sich weniger heiter als die triumphierende Überraschung im vorhergehenden Jahre. Er war bei dem Juliexamen gefallen und gegen die Professoren verbittert. Den ganzen Abend zog er über sie her, über diese Esel, die er, wie er sagte, im Magen habe. Am folgenden Tage warf er vor Pauline seine Bücher auf ein Brett des Schrankes und erklärte, daß sie seinethalben dort verfaulen könnten. Dieser so schnelle Widerwille brachte sie außer Fassung. Sie hörte ihn erbost die Medizin verspotten und in Abrede stellen, daß sie auch nur einen einfachen Schnupfen zu heilen imstande sei. Als sie eines Tages mit dem Feuer der Jugend und des Glaubens die Wissenschaft verteidigte, wurde sie dunkelrot, so sehr machte er sich über ihre Begeisterung einer Unwissenden lustig. Er fand sich schließlich selbst darein, ein Arzt zu werden; der Schwindel oder ein anderer; im Grunde sei nichts angenehm. Wo hatte er das her? Sicher aus schlechten Büchern. In der Verlegenheit über ihre vollkommene Unwissenheit aber und beklommen durch des Vetters Hohn, der sich stellte, als könne er ihr nicht alles sagen, wagte sie nicht, mit ihm des weiteren darüber zu rechten. So vergingen die Ferien unter beständigen Nörgeleien. Er schien sich jetzt auf ihren Spaziergängen zu langweilen, fand das Meer dumm und immer gleich, während er sich, um die Zeit zu töten, mit dem Dichten von Versen befaßte und auf das Meer sorgfältig bearbeitete und wohlgereimte Sonette schrieb. Er weigerte sich zu baden, da er entdeckt hatte, daß die kalten Bäder seinem Temperament nicht gut täten; denn trotz seiner abfälligen Meinung von der Medizin gab er schneidigen Ansichten Ausdruck und verdammte oder rettete die Menschen mit einem Worte. Gegen Mitte September, als Luise gerade angekommen war, sprach er plötzlich von der Notwendigkeit seiner Rückkehr nach Paris, indem er die Vorbereitungen für sein Examen vorschützte. Die beiden kleinen Mädchen würden ihn vor Langeweile vollends umbringen, so daß es ebenso gut sei, einen Monat früher das Leben im Quartier latin wieder aufzunehmen. Pauline war immer sanfter geworden, je mehr er sie ärgerte. War er schroff, machte es ihm Vergnügen, sie zur Verzweiflung zu bringen, sah sie ihn mit zärtlichen, lächelnden Augen an, mit den nämlichen Blicken, mit denen sie Chanteau beruhigte, wenn er in der Bangigkeit eines Anfalles aufheulte. Nach ihrer Meinung mußte ihr Vetter sehr krank sein, er sah das Leben an wie die Alten.

Am Tage vor seiner Abreise bezeugte Lazare solche Freude, Bonneville zu verlassen, daß Pauline schluchzte:

»Du liebst mich nicht mehr!«

»Bist du dumm! Muß ich nicht meinen Weg machen? ... Ein großes Mädchen wird so greinen!«

Sie fand ihren Mut wieder und lächelte.

»Arbeite in diesem Jahr gut, damit du zufrieden heimkehrst.«

»Oh! Es ist unnütz, soviel zu arbeiten. Ihr Examen ist eine Dummheit! Wenn ich nicht zugelassen bin, so geschah es, weil ich mir keine Mühe darum gegeben habe ... Ich werde es bestehen müssen; der Mangel an Vermögen hindert mich, mit verschlungenen Armen zu leben, das einzige Vernünftige, was ein Mensch tun könnte.«

In den ersten Oktobertagen, nach der Rückkehr Luisens nach Caen, begann Pauline wieder den Unterricht bei der Tante. Der Kursus des dritten Jahres brachte besonders die gesäuberte Geschichte Frankreichs und die Götterlehre für den Gebrauch junger Mädchen, ein höherer Unterricht, der sie in den Stand setzen sollte, die Gemälde im Museum zu verstehen. Aber das Kind, das im vorhergehenden Jahre so fleißig gewesen, schien jetzt einen schweren Kopf zu haben: sie schlief öfter bei der Anfertigung ihrer Aufgaben ein, plötzliche Hitze färbte ihr Gesicht purpurn. Ein heftiger Zornesanfall gegen Veronika, die sie nach ihrer Behauptung nicht liebte, hatte sie für zwei Tage auf das Bett geworfen. Dann gingen Veränderungen in ihr vor, die sie beunruhigten: eine langsame Entwicklung ihres ganzen Körpers, allmählich und schier schmerzlich anschwellende Rundungen, schwarze Schatten von der Leichtigkeit des Flaums an der verborgensten und zartesten Stelle ihrer Haut. Wenn sie sich beim Schlafengehen mit einem flüchtigen Blick betrachtete, empfand sie ein Unbehagen, eine Beschämung, daß sie schleunig die Kerze ausblies. Ihre Stimme nahm eine Tiefe an, die sie häßlich fand; sie mißfiel sich so, sie brachte die Tage in einer Art nervöser Erwartung hin und hoffte, sie wußte nicht was, ohne zu wagen von diesen Dingen mit jemand zu sprechen.

Gegen Weihnachten beunruhigte schließlich der Zustand Paulinens Frau Chanteau. Das Kind beklagte sich über heftige Lendenschmerzen, eine Steifheit befiel sie, es zeigten sich Fieberanfälle. Als Doktor Cazenove, der ihr erklärter Freund geworden war, sie befragt hatte, nahm er ihre Tante beiseite und riet ihr, die Nichte aufzuklären. Es war die Woge der Mannbarkeit, die in Pauline emporstieg; und er erzählte, daß er gesehen habe, wie junge Mädchen bei dem plötzlichen Hereinbrechen dieses Blutes vor Entsetzen erkrankt seien. Die Tante wollte sich zuerst dagegen verwahren und fand diese Vorsicht übertrieben, da sie keine Freundin derartiger Vertraulichkeiten war: ihr Erziehungssystem war für die vollkommene Unwissenheit, für das Vermeiden alles Peinlichen, soweit dieses sich nicht von selbst aufdrängte. Da jedoch der Arzt darauf bestand, versprach sie mit Pauline davon zu reden; sie tat aber des Abends nichts in der Angelegenheit und verschob sie in der Folge von Tag zu Tag. Das Kind sei nicht furchtsam; außerdem seien viele andere ebensowenig zuvor aufgeklärt worden. Es werde noch immer Zeit sein, ihr einfach zu sagen, daß die Dinge nun einmal so seien, ohne sich von vornherein unpassenden Fragen und Erklärungen auszusetzen.

Als eines Morgens Frau Chanteau gerade ihr Zimmer verließ, hörte sie bei Pauline Schmerzensschreie und stieg sehr beunruhigt zu ihr hinauf. Mitten im Bette sitzend, die Decken zurückgeworfen, schrie das junge Mädchen bleich vor Entsetzen nach der Tante. Sie spreizte ihre blutige Blöße; von einem Erstaunen erfaßt, dessen Erschütterung ihre gewohnte Tapferkeit weggeblasen hatte, beschaute sie, was aus ihr hervorgekommen.

»Tante! Tante!«

Frau Chanteau übersah die Lage mit einem Blick.

»Das ist nichts, meine Liebe. Beruhige dich.«

Aber Pauline, die sich immer noch mit der steifen Haltung einer Verwundeten betrachtete, hörte nicht einmal, was sie sagte.

»Tante, ich habe mich ganz durchnäßt gefühlt und sieh nur, sieh nur, das alles ist Blut! ...«

Ihre Stimme erstarb, sie glaubte, daß ihre Adern sich durch diesen roten Fluß entleerten. Der Schrei ihres Vetters kam ihr auf die Lippen, dieser Schrei der Furcht vor dem grenzenlosen Himmel, dessen Verzweiflung sie nicht verstanden hatte.

»Alles ist zu Ende, ich werde sterben.«

Bestürzt suchte die Tante nach wohlanständigen Worten; nach einer Lüge, die Pauline beruhige, ohne sie aufzuklären.

»Höre nur: ängstige dich nicht; ich würde viel besorgter sein, wüßte ich dich in Gefahr? Ich versichere dir, daß alle Frauen das bekommen. Das ist geradeso wie Nasenbluten! ...«

»Nein, nein, du sagst es zu meiner Beruhigung ... Ich werde sterben ... ich werde sterben.«

Es war keine Zeit mehr. Als Doktor Cazenove kam, fürchtete er ein Gehirnfieber. Frau Chanteau hatte das Mädchen sich niederlegen lassen und beschämte sie wegen ihrer Furcht. Tage vergingen, Pauline hatte den Anfall überstanden und dachte von da erstaunt an neue, unklare Dinge, heimlich eine Frage hütend, auf welche sie die Antwort suchte.

In der darauffolgenden Woche machte sich Pauline von neuem an die Arbeit und schien sich für die Götterlehre zu begeistern. Sie verließ das ihr noch immer als Studierzimmer dienende große Gemach Lazares nicht mehr; man mußte sie zu jeder Mahlzeit rufen und sie erschien geistesabwesend, von einer empfindungslosen Gleichgültigkeit befallen. Oben aber lag die Götterlehre unberührt am Ende des Tisches; mit den im Schranke zurückgebliebenen medizinischen Werken verbrachte sie ganze Tage, die Augen weit geöffnet in dem Bedürfnis nach Wissen, die Stirne auf beide Hände gestützt. Lazare hatte in den schönen Tagen der Begeisterung Bücher gekauft, die ihm von keinem augenblicklichen Nutzen waren, so die »Abhandlung über Physiologie« von Longuet, die »beschreibende Anatomie« von Cruveillier. Gerade diese waren zurückgeblieben, während er seine zum Studieren notwendigen Bücher wieder mitgenommen hatte. Sie holte sie hervor, sobald die Tante den Rücken kehrte, und stellte sie bei dem geringsten Geräusche weg ohne Hast, nicht wie eine schuldbewußte Neugierige, sondern wie eine Lernbegierige, deren Neigung von den Eltern nicht gebilligt wird. Anfangs hatte sie nicht verstanden, denn die technischen Ausdrücke, die sie erst im Wörterbuch nachschlagen mußte, stießen sie ab. In der Folge aber erriet sie die Notwendigkeit einer Methode und so hatte sie sich an die »beschreibende Anatomie« geklammert, ehe sie zu der »Abhandlung über Physiologie« überging. So lernte das vierzehnjährige Kind, wie in einer Schulaufgabe das, was man sonst vor den Jungfrauen bis zur Hochzeitsnacht geheim hält. Sie durchblätterte die Bildertafeln der Anatomie, diese herrlichen Tafeln voll blutiger Wirklichkeit; sie hielt sich bei jedem Organe auf, durchforschte die geheimsten, jene, aus denen man die Scham der Frau und des Mannes gemacht hat. Sie fühlte diese Scham nicht, sie war ernst und ging von den Organen, die das Leben geben, zu denen über, die es regeln, durch ihre Liebe zur Gesundheit von fleischlichen Gedanken entfernt und gerettet. Die allmähliche Entdeckung dieser menschlichen Maschine erfüllte sie mit Bewunderung. Sie las dieses Buch leidenschaftlich, niemals hatten ihr früher weder die Feenmärchen noch Robinson das Verständnis so erweitert. Die »Abhandlung über Physiologie« war dann eine Erläuterung zu den Tafeln, nichts blieb ihr verborgen. Sie fand selbst ein »Handbuch der Pathologie« und der »medizinischen Klinik«, sie drang bis in die ekelhaftesten Krankheiten ein, in die Behandlung jeder Zersetzung. Vieles natürlich entging ihr, sie hatte nur eine Ahnung dessen, was man zur Pflege der Leidenden wissen mußte. Ihr Herz brach vor Mitleid, ihr alter Traum vom allseitigen Wissen, um alles heilen zu können, wurde wieder lebendig.

Jetzt wußte Pauline, warum der Blutfluß ihrer Mannbarkeit wie aus einer reifen, bei der Weinlese zerquetschten Traube hervorgesprudelt war. Im Drange der Lebensflut, die sie aufsteigen fühlte, stimmte sie dieses jetzt erhellte Geheimnis nachdenklich. Sie behielt eine Verwunderung und einen stillen Groll gegen die Tante, weil diese sie in vollkommener Unwissenheit zu halten suchte. Warum ließ man sie derartig sich entsetzen? Das war nicht richtig, es war nichts Böses, wenn man darum wußte.

Während zweier Monate zeigte sich im übrigen nichts wieder. Frau Chanteau sagte eines Tages:

»Wenn du das wie im Dezember wiedersiehst, du erinnerst dich doch, so erschrick nicht im geringsten ... Es wäre besser.«

»Ja, ich weiß es«, entgegnete das Mädchen gelassen.

Ihre Tante blickte sie voller Bestürzung an.

»Was weißt du denn?«

Der Gedanke, daß sie log, um ihre Lektüre noch länger zu verheimlichen, ließ Pauline nun erröten. Das Lügen war ihr unerträglich, sie zog das Geständnis vor. Als Frau Chanteau die auf dem Tische liegenden Bücher aufschlug und die Abbildungen bemerkte, blieb sie wie versteinert stehen. Sie hatte sich solche Mühe gegeben, die Liebschaften Jupiters unschuldig hinzustellen! Lazare hätte wahrhaftig derartige Abscheulichkeiten unter Verschluß halten müssen. Sie fragte die Schuldige lange, mit großer Vorsicht und mit Anspielungen jeder Art aus. Aber Pauline setzte sie mit ihrer ehrlichen Miene vollends in Verlegenheit. Was? Man war so geschaffen, und das war nichts Schlimmes. Ihre rein geistige Leidenschaft kam zum Ausbruch; noch erwachte keine duckmäuserische Sinnlichkeit in diesen großen, klaren Kinderaugen. Sie hatte auf demselben Brette Romane gefunden, die sie nach den ersten Seiten angewidert hatten; sie langweilten sie ungeheuer, denn sie waren voll unverständlicher Redensarten. Ihre Tante, immer mehr außer Fassung gebracht, zugleich aber in einer Hinsicht beruhigt, begnügte sich damit, den Bücherschrank zu verschließen und den Schlüssel an sich zu nehmen. Nach acht Tagen lag dieser von neuem herum und Pauline gestattete sich dann und wann, zur Erholung, ein Kapitel über die Nervenkrankheiten, wobei sie an ihren Vetter dachte, oder eines über die Behandlung der Gicht mit dem Gedanken, ihrem Onkel Erleichterung verschaffen zu können.

Übrigens nahm man trotz Frau Chanteaus Strenge in ihrer Gegenwart kaum irgendwelche Rücksicht. Auch wenn sie die Bücher nicht aufgeschlagen hätte, würden sie die paar Tiere des Hauses belehrt haben. Minouche besonders interessierte sie. Diese Minouche war ein liederliches Ding, das viermal im Jahre Junge warf. Sie, die so zart war, sich unaufhörlich putzte und aus Furcht, sich zu beschmutzen, ihre Pfötchen nur mit Zagen vor die Türe setzte, verschwand dann und wann plötzlich auf zwei und drei Tage. Man hörte sie fauchen und sich herumbalgen; man sah die Augen aller Kater von Bonneville wie Kerzen im Dunkeln leuchten. Später kam sie in einem ekelhaften Zustande zurück, wie ein Luder hergerichtet, mit so abgerissenem und schmutzigem Fell, daß sie sich eine ganze Woche hindurch glatt lecken mußte. Dann nahm sie wieder die angeekelte Miene einer Prinzessin an, rieb sich liebkosend am Kinn der Leute, ohne daß sie zu bemerken schien, wie ihr Bauch sich rundete. Eines schönen Morgens fand man sie mit Jungen vor. Veronika trug sie sämtlich in der Schürze fort, um sie ins Wasser zu werfen. Minouche, die abscheuliche Mutter, suchte sie nicht einmal; sie war es gewohnt, ihrer so entledigt zu werden und meinte, die Mutterschaft sei damit zu Ende. Sie leckte sich wieder, schnurrte und tat schön bis zu dem Abend, an dem sie sich aus den Katzbalgereien und dem Miauen schamlos einen neuen Wurf Junge heimbrachte. Mathieu war ein besserer Vater für die Kinder, die er nicht gemacht hatte, denn er folgte winselnd der Schürze Veronikas und hatte die Leidenschaft, allen kleinen Wesen in der Wiege das Gesicht reinzulecken.

»Ach, Tante, diesmal mußt du ihr eins lassen«, sagte Pauline bei jeder Beseitigung der Jungen, über das verliebte Treiben der Katze aufgebracht und entzückt.

Veronika aber ärgerte sich.

»Warum nicht gar! Damit sie es überall herumschleppt ... Und dann macht sie sich nichts daraus. Sie ist für das Vergnügen, nicht für das Leiden.«

Bei Pauline stellte sich eine Liebe zum Leben ein, die jeden Tag mehr hervorsprudelte und sie, wie ihre Tante sagte, zur »Mutter der Tiere« machte. Alles was lebte, alles was litt, erfüllte sie mit einer geschäftigen Zärtlichkeit, mit einer Verschwendung von Pflege und Liebkosungen. Sie hatte Paris vergessen, es war ihr, als sei sie dort unter dieser rauhen Sonne in dem reinen Hauche der Meereswinde aufgewachsen. In weniger als einem Jahr war dieses Kind mit unentwickelten Körperformen ein schon kräftiges Mädchen mit starken Hüften und breiter Brust geworden. Die Verwirrung über dieses Aufblühen verlor sich, sowohl die Beschwerde ihres vom Saft geschwellten Körpers, wie die beängstigende Unruhe über ihren volleren Busen, über den feinen, schwärzeren Flaum auf. ihrer braunglänzenden Haut. Sie empfand im Gegenteil zur Stunde Freude an ihrem Erblühen, das siegreiche Gefühl, im Sonnenlicht zu wachsen und zu reifen. Das aufsteigende und als roter Regen sich ergießende Blut machte sie stolz. Vom Morgen bis zum Abend erfüllte sie das Haus mit den Trillern ihrer tiefen, von ihr selbst jetzt schön gefundenen Stimme, und wenn beim Schlafengehen ihre Blicke über die blühende Rundung ihres Busens bis zu dem Tintenfleck hinglitten, der ihren frischen, roten Unterleib beschattete, lächelte sie; sie sog einen Augenblick ihren eignen Wohlgeruch ein, wie den eines frischen Blumenstraußes und fühlte sich glücklich über ihren neuen Duft des reifen Weibes. Es war das in seinen Verrichtungen ohne Widerwillen oder Furcht gut geheißene, geliebte Leben, begrüßt von dem Siegesliede der Gesundheit.

Lazare ließ in jenem Jahr sechs Monate verstreichen, ohne zu schreiben. Es liefen kaum kurze Zettelchen ein, welche die Familie seines Wohlbefindens versicherten. Dann aber überschüttete er plötzlich seine Mutter mit Briefen. Im November von neuem zum Examen nicht zugelassen, immer mehr von den medizinischen Studien angewidert, die zu traurige Stoffe behandelten, hatte er sich abermals einer neuen Leidenschaft in die Arme geworfen: der Chemie. Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft des berühmten Herbelin gemacht, dessen Entdeckungen damals die Wissenschaft in Aufruhr versetzten, und er war in das Laboratorium dieses Gelehrten als Präparator eingetreten, ohne indessen zu bekennen, daß er die Medizin fahren gelassen habe. Seine Briefe jedoch waren bald voll von einem erst schüchtern angedeuteten, nach und nach aber begeisterten Plane. Es handelte sich um eine großartige Ausnützung der Seealgen, die mit Hilfe der Methode und der durch den berühmten Herbelin entdeckten Behandlung Millionen einbringen mußte. Lazare zählte die Wahrscheinlichkeiten des Erfolges her: den Beistand des großen Chemikers, die Leichtigkeit der Beschaffung des Rohmaterials, die wenig kostspielige Einrichtung. Schließlich gab er seinem Wunsche, kein Arzt werden zu wollen, offen Ausdruck; lieber wollte er den Kranken Heilmittel verkaufen, wie er scherzend sagte, als sie eigenhändig töten. Die Beweisführung eines schnellen Reichtums beschloß alle seine Briefe, in denen er außerdem seine Familie mit dem Versprechen zu blenden suchte, sie nicht mehr zu verlassen und sich seine Fabrik dort unten bei Bonneville einzurichten.

Monate vergingen. Lazare war nicht zu den Ferien gekommen. Den ganzen Winter hindurch setzte er derart auf engbeschriebenen Seiten, die Frau Chanteau abends nach der Mahlzeit laut vorlas, sein Vorhaben haarklein auseinander. An einem Abend im Mai fand eine große Beratung statt, da er eine entscheidende Antwort verlangte. Veronika schlich umher, nahm das Tischtuch ab und legte die Decke auf.

»Er ist seinem Großvater aus den Augen geschnitten, unfertig und unternehmend wie jener«, sagte die Mutter und warf einen Blick auf das Meisterwerk des alten Zimmermannes, das auf dem Kamine stehend ihr ein Gegenstand ewigen Ärgernisses war.

»Gewiß von mir, der ein Grauen vor jedweder Veränderung empfindet, hat er es nicht«, brummte Chanteau, in seinem Lehnstuhl ausgestreckt, in dem er soeben einen Anfall überstand, zwischen einem Gestöhn und dem andern. »Aber von dir, meine Liebe, denn du bist auch nicht gerade sehr ruhig.«

Sie zuckte die Achseln, als wolle sie damit zu verstehen geben, daß ihre Tätigkeit von der Logik unterstützt und geregelt sei. Dann erwiderte sie langsam:

»Was wollt ihr schließlich? Man muß ihm schreiben, er möge nach seinem Kopfe handeln ... Ich hätte ihn lieber in der Justiz gesehen; ein Arzt hat ohnehin schon keinen sehr sauberen Beruf; und nun ist er Apotheker ... Er mag zurückkommen und viel Geld verdienen, das ist immer schon etwas.«

Im Grunde war es der Gedanke an das Geld, der sie bestimmte. Die Anbetung für ihren Sohn formte sich zu einem neuen Traum. Sie sah ihn sehr reich geworden, als Besitzer eines Hauses in Caen, als Generalrat, vielleicht Abgeordneter. Chanteau hatte keine Meinung, er gab sich nur mit seinen Leiden ab und überließ seiner Frau die höhere Sorge für die Interessen der Familie. Pauline war trotz ihrer Überraschung und der stummen Mißbilligung dieses fortwährenden Wechsels in den Plänen ihres Vetters der Meinung, man solle ihn heimkommen und seine große Unternehmung versuchen lassen.

»Wenigstens leben wir alle beisammen«, sagte sie.

»Und dann, was kann Herr Lazare wohl in Paris Gutes tun!« erlaubte sich Veronika einzuwerfen. »Es ist besser, er pflegt seinen Magen ein bißchen bei uns.«

Frau Chanteau stimmte mit dem Kopfe bei. Sie nahm den am Morgen erhaltenen Brief wieder vor.

»Wartet, er bespricht auch die finanzielle Seite des Unternehmens.«

Sie las vor und machte dazu ihre Bemerkungen. Zur Einrichtung der kleinen chemischen Fabrik seien so an sechzigtausend Franken nötig. Lazare war in Paris einem alten Kameraden aus Caen, dem dicken Boutigny, wieder begegnet, welcher das lateinische Studium im vierten Jahre aufgegeben hatte und jetzt mit Weinen handelte. Boutigny war von dem Vorhaben begeistert und bot ihm dreißigtausend Franken: das werde ein ausgezeichneter Teilnehmer sein, ein Verwalter, dessen praktische Fähigkeiten den materiellen Erfolg sicherten. Es brauchten also nur noch dreißigtausend Franken geborgt zu werden, denn Lazare wolle Mitbesitzer zur Hälfte sein.

»Wie ihr gehört habt,« fuhr Frau Chanteau fort, »bittet er, mich in seinem Namen an Thibaudier zu wenden. Der Gedanke ist gut... Luise ist gerade etwas leidend, ich beabsichtige, sie für eine Woche zu uns zu nehmen, so daß ich Gelegenheit habe, mit ihrem Vater zu sprechen.«

Paulines Augen verdunkelten sich, ein krampfhaftes Einklemmen der Lippen verdünnte diese. An der anderen Seite des Tisches stand Veronika, damit beschäftigt, eine Teetasse auszuwischen, und beobachtete sie.

»Ich habe wohl an etwas anderes gedacht,« murmelte die Tante, »da man aber in der Industrie stets Gefahr läuft, hatte ich es mir ohnehin vorgenommen, nicht davon zu sprechen.«

Sie wandte sich an das junge Mädchen.

»Ja, meine Liebe, das wäre etwas, wenn du selbst deinem Vetter die dreißigtausend Franken liehest. Eine vorteilhaftere Anlage würde sich so leicht nicht finden lassen. Dein Geld könnte dir vielleicht fünfundzwanzig Prozent bringen, denn dein Vetter würde dich am Gewinn beteiligen. Es bricht mir das Herz, dieses Vermögen in die Tasche eines anderen fließen zu sehen ... Nur möchte ich nicht, daß du dein Geld auf das Spiel setzest. Das da oben ist ein mir anvertrautes, heiliges Gut, und ich werde es dir unberührt wieder zustellen.«

Pauline wurde noch bleicher; sie war die Beute eines inneren Kampfes. In ihr war der Geiz, die Liebe Quenus und Lisas zum schweren Gelde ihres Geschäftes erblich geblieben; die Folgen der ehedem in dem Wurstladen erhaltenen ersten Erziehung, die Achtung vor dem Gelde, die Furcht, daß es ausgehen könne, ein schamvolles, unbekanntes Etwas, eine geheime Filzigkeit, die sich im Grunde ihres guten Herzens geltend machte, spukten noch immer. Außerdem hatte ihr die Tante die Schublade des Schreibsekretärs, in dem ihr Erbteil schlummerte, so oft gezeigt, daß der Gedanke, es in den unsteten Händen ihres Vetters schmelzen zu sehen, sie beinahe ärgerte. Sie schwieg, weil sie auch das Bild von Luise, wie sie dem jungen Manne einen großen Sack Geld brachte, weidlich peinigte.

»Selbst wenn du wolltest, will ich nicht«, hob Frau Chanteau wieder an. »Nicht wahr, mein Freund, das ist eine Gewissensfrage?«

»Ihr Geld ist ihr Geld«, antwortete Chanteau, der bei dem Versuche sein Bein zu heben, einen Schmerzensschrei ausstieß ... »Wenn die Geschichte schlecht ginge, würde man über uns herfallen. Nein, nein! Thibaudier wird sehr glücklich darüber sein, borgen zu können.«

Endlich fand Pauline in einer Aufwallung ihres Herzens die Stimme wieder.

»Oh! Tut mir diesen Schmerz nicht an. Ich, ich muß Lazare das Geld leihen! Ist er nicht mein Bruder? Es wäre zu häßlich, wollte ich ihm dieses Geld verweigern! Warum habt ihr mir davon gesprochen? Gib ihm das Geld, Tante, gib ihm alles.«

Die Gewalt, die sie sich soeben angetan, badete ihre Augen in Tränen, und sie lächelte beschämt, gezögert zu haben, noch von einem Bedauern geplagt, über das sie verzweifelt war. Schließlich mußte sie noch gegen ihre Verwandten ankämpfen, die sich in den Kopf setzten, die faulen Seiten des Unternehmens vorauszusehen. Bei dieser Gelegenheit zeigten sie sich von einer vollkommenen Rechtschaffenheit.

»Komm und küsse mich«, schloß endlich die Tante in Tränen. »Du bist ein gutes, liebes Mädchen ... Lazare wird dein Geld nehmen, weil du sonst böse bist.«

»Und mich küßt du nicht?« fragte der Onkel.

Man weinte und küßte sich um den Tisch herum. Während Veronika den Tee eingoß und Pauline Mathieu rief, der im Hofe bellte, setzte Frau Chanteau, sich die Augen trocknend, hinzu:

»Das ist ein großer Trost. Sie hat das Herz in der Hand.«

»Donnerwetter,« brummte die Magd, »sie würde das letzte Hemd hergeben, nur damit die andere nichts hergebe.«

Acht Tage später, an einem Sonnabend, kehrte Lazare nach Bonneville zurück. Doktor Casenove, der zu Tisch eingeladen war, sollte den jungen Mann in seinem Wagen mitbringen. Abbé Horteur, der zuerst gekommen war und auch bei den Chanteaus speisen sollte, spielte Dame mit Chanteau, der als Genesender in seinem Lehnstuhle ausgestreckt lag. Der Anfall dauerte diesmal drei Monate, nie zuvor hatte er so viel gelitten. Jetzt fühlte er sich wie im Paradiese trotz des entsetzlichen Juckens, das ihm die Füße zerfleischte: die Haut schälte sich ab, die wässerige Geschwulst war fast verschwunden. Da Veronika Tauben briet, hob er jedesmal die Nase, wenn sich die Küchentür öffnete, von seiner unverbesserlichen Feinschmeckerei befallen, was ihm die weisen Vermahnungen des Pfarrers eintrug.

»Sie sind nicht bei dem Spiele, Herr Chanteau ... Glauben Sie mir, Sie müssen sich heute abend bei Tisch etwas mäßigen. In Ihrem Zustande taugt das üppige Essen nichts.«

Luise war am Tage vorher angekommen. Als Pauline den Wagen des Doktors hörte, stürzten beide in den Hof. Aber Lazare schien nur sein Bäschen zu sehen.

»Wie? das ist Pauline?«

»Aber ja, ich bin es.«

»Aber, mein Gott! Was hast du nur gegessen, um so groß zu werden? ... Du kannst ja schon heiraten ...«

Sie errötete und lachte behaglich; ihre Augen brannten vor Vergnügen, sich so betrachtet zu sehen. Er hatte ein kleines Ding, ein Schulkind in leinenem Kittel zurückgelassen und stand jetzt einem großen, jungen Mädchen gegenüber, dessen Brust und Hüften kokett in ein weißes Frühlingskleid mit rosenfarbenen Blumen gepreßt waren. Sie wurde dennoch ernst, sie beschaute ihn ihrerseits und fand ihn gealtert: er ging, wie es schien, gebeugt, sein Lachen klang nicht mehr jugendlich, ein leichter nervöser Schauer lief über sein Gesicht.

»Man muß dich jetzt ernsthaft nehmen ...« fuhr er fort. »Guten Tag, mein Teilhaber.«

Pauline errötete noch mehr, dieses Wort trieb ihr Glück auf die Spitze. Nachdem ihr Vetter sie geküßt hatte, konnte er auch Luise umarmen: sie war nicht mehr eifersüchtig.

Die Mahlzeit verlief sehr angenehm. Chanteau, durch die Drohungen des Doktors in Furcht gesetzt, überschritt beim Essen nicht das Maß. Frau Chanteau und der Pfarrer machten herrliche Pläne für die Vergrößerung von Bonneville, wenn die Spekulation mit den Algen den Ort bereichert habe. Man ging erst um elf Uhr schlafen. Als Lazare und Pauline sich oben vor ihren Zimmern trennten, fragte der junge Mann in scherzendem Tone:

»Nun, sagt man sich nicht mehr gute Nacht, weil man groß geworden ist?«

»Aber ja!« rief sie, indem sie sich ihm an den Hals warf und ihn mit dem Ungestüm eines wilden kleinen Mädchens herzhaft auf den Mund küßte.

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