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Die Lebensfreude

Emile Zola: Die Lebensfreude - Kapitel 12
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typefiction
authorEmile Zola
titleDie Lebensfreude
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XII
year1924
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

Nach einem abscheulichen Maimonat waren die ersten Junitage sehr heiß. Der Westwind pfiff seit drei Wochen, Stürme hatten die Küste verheert, die Strandfelsen ausgehöhlt, Barken verschlungen und Menschen getötet; und der weite blaue Himmel, dieses atlasglatte Meer, diese milden, klaren Tage, die jetzt der Welt leuchteten, waren von unendlicher Lieblichkeit.

Pauline hatte sich an diesem herrlichen Nachmittage entschlossen, den Lehnstuhl Chanteaus auf die Terrasse zu schieben und dort den jetzt achtzehn Monate alten Paul auf einer wollenen Decke zu betten. Sie war seine Patin und verwöhnte ihn wie den Greis.

»Wird dich die Sonne nicht belästigen, Onkel?« »Nein, gewiß nicht... Es ist lange genug her, daß ich sie nicht gesehen habe... Und du läßt Paul da einschlafen?«

»Ja, ja, die frische Luft wird ihm gut tun.«

Sie hockte auf eine Ecke der Decke nieder und betrachtete ihn, wie er dalag in seinem weißen Kleidchen, aus dem die nackten Beine und Arme schauten. Mit geschlossenen Augen hatte er sein kleines, rosiges und unbewegliches Gesicht dem Himmel zugewandt.

»Es ist wahr, er ist sofort eingeschlafen«, flüsterte sie. »Er ist vom Umhertrudeln müde. Passe auf, daß ihn die Tiere nicht belästigen.«

Sie drohte mit dem Finger Minouche, die auf dem Fenster des Eßzimmers große Toilette machte. Loulou, der in seiner ganzen Länge ausgestreckt abseits im Sande lag, öffnete von Zeit zu Zeit mißtrauisch ein Auge, immer bereit zu knurren und zu beißen.

Als Pauline aufstand, stieß Chanteau einen leisen Klageton aus.

»Kommt es wieder?«

»Ja, es kommt wieder; das heißt, es verläßt mich nicht mehr... Ich habe gestöhnt, nicht wahr? Ist das drollig! Ich bemerkte es sogar nicht mehr.«

Er war zu einem Gegenstande fürchterlichen Mitleids geworden. Nach und nach hatte die chronische Gicht in allen seinen Gelenken Kreide angehäuft, ungeheure Sandsteingeschwulste hatten sich geformt und durchbrachen die Haut mit ihren weißlichen Auswüchsen. Seine Füße, die man nicht sah, steckten in großen Stiefeln und zogen sich wie die Pfoten eines kranken Vogels in sich selbst zusammen. Aber die Hände trugen ihre entsetzliche Unförmigkeit zur Schau; an jedem Gliede waren rote, glänzende Knoten geschwollen; die Finger waren durch die sie trennende Dicke gekrümmt, beide Hände wie von unten nach oben gekehrt, besonders die linke, die eine Verhärtung von der Größe eines kleinen Eies geradezu abschreckend machte. An dem Ellbogen der nämlichen Seite hatte eine stärkere Ansammlung ein Geschwür erzeugt. Eine vollkommene Steifheit der Gelenke war jetzt eingetreten, er konnte sich weder der Füße noch der Hände bedienen und die einzelnen, noch halbwegs fügsamen Gelenke krachten, als schüttele man einen Sack Billardkugeln. Auf die Länge schien selbst sein Körper sich in der Lage versteinert zu haben, die er angenommen, um das Leiden besser zu ertragen, vornüber gebeugt mit einer starken Neigung nach rechts; er hatte ganz die Gestalt des Lehnstuhls angenommen und blieb sogar krumm und zusammengezogen, wenn man ihn schlafen legte. Der Schmerz verließ ihn nicht mehr; bei dem geringsten Witterungswechsel, nach einem Fingerhut voll Wein oder einem Bissen Fleisch über die strenge Vorschrift hinaus stellte sich die Entzündung ein.

»Eine Tasse Milch würde dich vielleicht erfrischen?«

»Ach, ja, Milch!« antwortete er zwischen zwei Seufzern. »Auch so eine schöne Erfindung, ihre Milchkur. Ich glaube, sie haben mir den Rest damit gegeben... Nein, nein; nichts, das bekommt mir am besten.«

Er bat sie dennoch, ihm das linke Bein anders zu legen, denn er allein konnte es nicht vom Platze bewegen.

»Das vertrackte Ding von Bein brennt heute. Schiebe es weiter! Gut so, danke... Was für ein herrlicher Tag! Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!«

Die Augen auf den unendlichen Horizont gerichtet, fuhr er fort zu seufzen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Sein Schmerzensschrei war jetzt zugleich sein Atem. In ein Gewand von dickem blauen Molleton gekleidet, in dessen weiten Falten seine Wurzeln gleichenden Glieder verschwanden, ließ er seine ungestalten Hände auf den Knien ruhen; im hellen Sonnenlichte boten sie einen jämmerlichen Anblick. Das Meer interessierte ihn, dieses unendliche Blau, auf dem weiße Segel dahinglitten, dieser grenzenlose Pfad, der offen vor ihm dalag, vor ihm, der nicht mehr fähig war, einen Fuß vor den andern zu setzen.

Pauline, welche die nackten Beine des kleinen Paul besorgt machten, war von neuem niedergekniet, um einen Zipfel der Decke über sie zu schlagen. Während drei Monate hatte sie stets am folgenden Montag abreisen wollen. Aber die schwachen Hände des Kindes hielten sie mit unbesiegbarer Kraft zurück. Im ersten Monate hatte man jeden Morgen gefürchtet, ihn am Abend nicht mehr lebend zu sehen. Sie allein begann von neuem das Wunder, ihn jeden Augenblick zu retten, denn die Mutter lag damals noch zu Bett und die Amme, die man hatte nehmen müssen, gab einfach mit der gefügigen Dummheit einer Färse ihre Milch. Es war ein fortwährendes Sorgen, die Temperatur wurde überwacht, das Leben von Stunde zu Stunde gehegt und gepflegt; kurz, Pauline entfaltete die wahre Hartnäckigkeit einer Bruthenne, um den dem Kinde fehlenden Monat des Austragens zu ersetzen. Nach diesem ersten Monat hatte es glücklicherweise die Kräfte eines zur rechten Zeit geborenen Kindes angenommen. Aber es blieb immer höchst schwächlich, und sie verließ den Knaben keine Minute, besonders seit der Entwöhnung, unter der er sehr gelitten hatte.

»So wird er nicht frieren ... Sieh nur, Onkel, wie hübsch er hier in diesem Rot aussieht. Das macht ihn ganz rosig.«

Chanteau wandte schwerfällig den Kopf, den einzigen Teil seines Körpers, den er bewegen konnte. Er flüsterte:

»Wenn du ihn küssest, wird er aufwachen! Laß doch den Engel! ... Hast du den Dampfer dort bemerkt? Der kommt von Havre. Wie der fliegt!«

Pauline mußte den Dampfer betrachten, um ihm ein Vergnügen zu machen. Es war ein schwarzer Punkt auf der Unermeßlichkeit dieser Wassermassen. Ein feiner Rauchstreifen schwärzte den Horizont. Sie blieb einen Augenblick unbeweglich stehen angesichts dieses ruhigen Meeres unter dem mächtigen klaren Himmel, beglückt über den schönen Tag.

»Bei alledem aber brennt mein Ragout an«, sagte sie und wandte sich der Küche zu.

Aber gerade als sie in das Haus treten wollte, rief eine Stimme aus dem ersten Stockwerk:

»Pauline!«

Es war Luise, die an dem Fenster der Stube lehnte, die früher Frau Chanteau gehört hatte und jetzt von dem jungen Paare bewohnt wurde. Halb gekämmt, mit einer Nachtjacke angetan, fuhr sie mit schriller Stimme fort:

»Wenn Lazare da ist, sage ihm, er möge heraufkommen.«

»Er ist noch nicht zurück.«

Da wurde sie ganz ärgerlich.

»Ich wußte wohl, daß man ihn erst heute Abend wiedersehen werde, wenn er überhaupt noch geruht zu kommen. Er ist trotz seines bestimmten Versprechens schon diese Nacht außer dem Hause geblieben. Das ist nett von ihm! Wenn er nach Caen geht, kann man ihn nicht wieder losreißen.«

»Er hat so wenig Zerstreuungen«, entgegnete Pauline sanft. »Außerdem wird ihm diese Düngerangelegenheit Zeit gekostet haben. Zweifelsohne wird er den Wagen des Arztes zur Heimkehr benützen.«

Seitdem Lazare und Luise in Bonneville wohnten, gab es beständig Unfrieden zwischen ihnen. Es waren keineswegs offene Zänkereien, sondern immer wiederkehrende Verstimmungen, ein jämmerlich verbittertes Leben von zwei sich nicht verstehenden Wesen. Sie führte, nachdem sie lange an den Folgen der schweren Entbindung gelitten, ein leeres Dasein, hatte ein Grauen vor den Sorgen der Wirtschaft, tötete die Tage mit Lesen und dehnte ihre Toilette bis zur Essenszeit aus. Er wieder, von seiner ungeheuren Langweile erfaßt, öffnete nicht einmal mehr ein Buch, verbrachte stumpfsinnig die Stunden angesichts des Meeres, versuchte nur in seltenen Zwischenräumen eine Flucht nach Caen, von wo er immer noch matter heimkehrte. Und Pauline, welche die Führung des Hauswesens hatte übernehmen müssen, war ihnen unersetzlich geworden, denn sie versöhnte sie dreimal des Tages.

»Du wolltest dich fertig ankleiden«, fuhr sie fort. »Der Pfarrer wird zweifelsohne nicht auf sich warten lassen, und du bleibst dann bei ihm und dem Onkel. Ich bin so beschäftigt.«

Aber Luisens Groll legte sich nicht.

»Wie kann man nur so lange ausbleiben? Mein Vater schrieb es mir erst gestern, daß der Rest unseres Geldes dabei aufgehen wird.«

In der Tat hatte sich Lazare bereits in zwei unglücklichen Unternehmungen prellen lassen, und zwar so, daß Pauline des Kindes wegen beunruhigt, ihm als seine Patin das Geschenk von zwei Dritteln ihres Vermögens gemacht hatte, indem sie zu seinen Gunsten eine Versicherung aufnahm, die ihm am Tage der Mündigkeit hunderttausend Franken bringen sollte. Sie besaß nur noch fünfhundert Franken Rente; ihr einziger Kummer war, ihre gewohnten Almosen einschränken zu müssen.

»Eine nette Spekulation, dieser Dünger«, fuhr Luise fort. »Mein Vater wird ihm das ausgeredet haben; und wenn er nicht heimkehrt, unterhält er sich eben ... Ich mache mir nichts daraus; mag er herumlaufen.«

»Warum ärgerst du dich dann?« entgegnete Pauline. »Der arme Junge denkt kaum an etwas Böses ... Nicht wahr, du kommst herunter? Ist das ein Einfall von dieser Veronika! Verschwindet an einem Sonnabend und läßt mir die ganze Küche auf dem Halse!«

Es war eine unerklärliche Begebenheit, die das ganze Haus seit zwei Stunden beschäftigte. Die Magd hatte das Gemüse für das Ragout geputzt, eine Ente gerupft und sogar das Fleisch auf einen Teller bereit gelegt, dann war sie plötzlich wie in den Erdboden verschwunden und niemand hatte sie wiedergesehen. Pauline hatte sich endlich, über dieses Verschwinden bestürzt, daran gemacht, das Fleisch selbst an das Feuer zu setzen.

»Sie ist also nicht wiedergekommen?« fragte Luise, von ihrem Zorne abgelenkt.

»Aber nein!« entgegnete das junge Mädchen. »Weißt du, was ich vermute? Sie hat ihre Ente bei einer vorüberziehenden Frau mit vierzig Sous bezahlt, und ich besinne mich, ihr gesagt zu haben, daß ich in Verchemont sehr schöne zu dreißig gesehen hätte ... Sie hat mir sogleich ihr Gesicht zugekehrt und einen ihrer bösen Blicke zugeworfen ... Ich wette, sie ist nach Verchemont gegangen, um zu sehen, ob ich gelogen habe.«

Sie lachte, aber es klang eine Traurigkeit aus diesem Lachen, denn sie litt unter der Heftigkeit, von der Veronika ohne irgendwelche Ursache wieder einmal gegen sie eingenommen war. Diese Wesensänderung, die sich seit dem Tode der Frau Chanteau bei dieser Magd vollzog, hatte nach und nach ihren Haß von ehemals wieder geweckt.

»Schon länger als eine Woche kann man kein Wort aus ihr herausbringen«, sagte Luise. »Bei einem solchen Wesen sind alle Dummheiten möglich.«

Pauline machte eine Bewegung der Duldsamkeit.

»Lassen wir sie ihre Launen austoben. Sie kommt doch wieder, und wir sterben dieses Mal noch nicht Hungers.«

Aber das Kind bewegte sich auf der Decke. Sie lief hinzu und beugte sich über den Knaben.

»Was denn, mein Liebling?«

Die noch am Fenster stehende Mutter schaute einen Augenblick hin, dann verschwand sie. Der in sich vertiefte Chanteau wandte nur den Kopf, als Loulou zu knurren begann, und meldete selbst der Nichte:

»Pauline, da kommen deine Leute!«

Zwei zerlumpte Burschen erschienen, die ersten der Bande, deren Besuch sie jeden Sonnabend empfing. Da der kleine Paul sofort wieder eingeschlafen war, stand sie auf und sagte:

»Ah, sie fallen mir gerade recht ins Haus! Ich habe keinen Augenblick Zeit! Bleibt trotzdem, setzt euch auf die Bank. Und wenn andere kommen, Onkel, so laß sie sich neben sie setzen ... Ich muß notwendig einen Blick auf mein Ragout werfen.«

Als sie nach einer Viertelstunde wiederkam, saßen bereits zwei Knaben und zwei Mädchen auf der Bank, die einstigen kleinen, jetzt herangewachsenen Armen, die ihre Gewohnheit zu betteln beibehalten hatten.

Niemals zuvor hatte sich übrigens solch Elend über Bonneville entladen. Während der Maistürme waren die letzten drei Häuser an den Felsen plattgedrückt worden. Jetzt war es zu Ende, die Hochflut hatte das Dorf – nach jahrhundertelangem Angriffe – durch einen fortwährenden gewaltsamen Einbruch des Meeres, der jedes Jahr eine Ecke des Landes verschlang, fortgefegt. Auf den Strandkieseln herrschten nur noch die siegreichen Wogen und spülten auch die letzten Spuren des Bauholzes fort. Die Fischer, aus dem Loche verjagt, in dem Geschlechter unter der beständigen Drohung hartnäckig ausgeharrt, waren gezwungen, höher hinaufzusteigen, in die Schlucht, wo sie in Haufen beisammen hausten; die reicheren bauten sich an, die anderen suchten unter den Abhängen Schutz, sie alle gründeten ein neues Bonneville in der Erwartung, daß sie nach weiteren Jahrhunderten des Kampfes die Flut wieder verscheuchen würde. Um sein Zerstörungswerk zu vollenden, hatte das Meer erst die Stakete und Pfahlwerke fortreißen müssen. An jenem Tage wehte der Wind aus Norden, ungeheure Wassermassen rollten mit solcher Gewalt einher, daß von den Stößen die Kirche erzitterte. Der davon in Kenntnis gesetzte Lazare wollte nicht hinuntergehen. Er war auf der Terrasse geblieben und sah die Flut steigen, während die Fischer, von dem wütenden Angriffe gereizt, herbeieilten. Entsetzen und Stolz kämpften in ihnen; diesmal heulte sie laut genug, diesmal würde sie ihm das nett rein fegen, diese Spitzbübin von See. In der Tat war in weniger als zwanzig Minuten alles verschwunden, das Pfahlwerk ausgerissen, das Bollwerk zerbrochen, zu Splittern zermalmt. Sie heulten mit dem Meer, sie gestikulierten und tanzten wie die Wilden, von dem Rausche des Windes und des Wassers ergriffen, dem Entsetzen vor dieser Zerstörungswut nachgebend. Als Lazare ihnen dann die Faust wies, suchten sie das Weite, auf den Fersen den wütenden Ansturm der Wogen, die nunmehr nichts zurückhielt. Sie starben jetzt Hungers, wimmerten in dem neuen Bonneville, klagten das verdammte Meer ihres Verderbens an und empfahlen sich der Mildtätigkeit des guten Fräuleins.

»Was willst du hier?« fragte Pauline, als sie den jungen Houtelard bemerkte. »Ich hatte dir verboten, wiederzukommen.«

Dieser war jetzt ein großer Bursche, der sich den Zwanzigern näherte. Sein trauriges und furchtsames Wesen eines geschlagenen Kindes war in Duckmäuserei übergegangen. Er antwortete mit niedergeschlagenen Augen:

»Sie müssen Erbarmen mit uns haben, Fräulein. Wir sind so unglücklich, seitdem Vater tot ist!«

Houtelard, der eines Abends bei stürmischer See ausgefahren, war nicht wieder zurückgekommen; man hatte weder seinen Leichnam, noch den seines Matrosen, noch ein Brett der Barke aufgefischt. Pauline aber, zum Haushalten mit ihren Almosen gezwungen, hatte geschworen, weder dem Sohne noch der Witwe etwas zu geben, denn sie lebten ganz öffentlich als Mann und Frau. Seit des Vaters Tode hatte die Stiefmutter, diese frühere Magd, die den Kleinen aus Bosheit braun und blau geprügelt, jetzt, wo er den Schlägen entwachsen war, sich einen Mann aus ihm gemacht. Ganz Bonneville lachte über diese neue Tat.

»Du weißt, warum ich nicht will, daß du den Fuß in mein Haus setzest«, begann Pauline wieder. »Wenn du dein Betragen änderst, wollen wir weiter sehen.«

Er verteidigte mit schleppender Stimme seine Sache.

»Sie hat es gewollt. Sie würde mich noch weiter geschlagen haben. Und dann ist sie ja nicht meine Mutter, das tut also nichts, ob sie es mit mir oder mit einem andern macht. Geben Sie mir etwas, Fräulein! Wir haben alles verloren. Ich würde mir schon zu helfen wissen; aber es ist für sie, sie ist krank, wahrhaftig, ich schwöre es.«

Das junge Mädchen, von Mitleid ergriffen, schickte ihn mit einem Brote und einem Topfe Suppenfleisch fort. Sie versprach, selbst nach der Kranken zu sehen und ihr Arznei zu bringen.

»Ah, ja, Arznei!« murmelte Chanteau. »Versuche nur, ob du sie dazu bringst, auch nur eine einzige zu verschlucken. Die wollen nur Fleisch.«

Pauline beschäftigte sich bereits mit der kleinen Prouane, deren eine Backe ganz aufgerissen war.

»Wie hast du nur das fertig bekommen?«

»Ich bin gegen einen Baum gefallen, Fräulein.«

»Gegen einen Baum... Man könnte eher meinen, gegen eine Möbelkante.«

Das jetzt erwachsene Mädchen mit den hervorspringenden Backenknochen hatte immer noch die großen, verstörten Augen einer Mondsüchtigen; sie machte vergebliche Anstrengungen, sich manierlich aufrechtzuerhalten. Ihre Füße knickten ein, ihrer schweren Zunge gelang es nicht, die Worte deutlich hervorzubringen.

»Aber du hast ja getrunken, Unglückliche!« rief Pauline sie starr ansehend.

»Oh! Fräulein, wie kann man das sagen?«

»Du bist betrunken und zu Hause gefallen, ist es nicht so? Ich weiß nicht, was ihr alle im Leibe habt ... Setze dich, ich werde Arnika und Leinwand holen.«

Sie verband sie und versuchte dabei, sie abzukanzeln. Das sei abscheulich für ein Mädchen ihres Alters, sich so mit den Eltern zu berauschen, mit Trunkenbolden, die man von dem Calvados-Schnaps umgebracht eines Morgens tot auffinden werde. Die Kleine hörte zu, ihre trüben Augen machten den Eindruck, als wolle sie sogleich einschlafen. Als sie verbunden war, stammelte sie:

»Papa klagt über Schmerzen, ich würde ihn einreiben, wenn Sie mir etwas Branntwein mit Kampfer geben wollten.«

Pauline und Chanteau konnten sich nicht enthalten zu lachen.

»Nein, ich weiß, was aus meinem Branntwein wird! Ich will dir gern noch ein Brot geben, obgleich ich sicher bin, ihr verkauft es, um das Geld zu vertrinken ... Bleib sitzen, Cuche wird dich nach Hause führen.«

Jetzt hatte sich Cuche erhoben. Er war barfuß und trug als einzige Bekleidung ein Paar alte Beinkleider und ein Stück von einem zerfetzten Hemde, das seine von der Sonnenglut geschwärzte und von den Dornen bearbeitete Haut sehen ließ. Da die Männer nichts mehr von seiner Mutter wissen wollten, die in einen abschreckenden Verfall geraten war, durchstrich er selbst die Gegend, um ihr noch Leute zuzuführen; man begegnete ihm auf den Landstraßen, man sah ihn mit der Geschmeidigkeit eines Wolfes über Hecken springen, er führte das Dasein eines Tieres, das sich aus Hunger auf jede Beute wirft. Es war die letzte Stufe des Elends und der Verworfenheit, ein solcher Verfall eines Menschen, daß Pauline ihn mit Gewissensbissen betrachtete, als fühle sie sich schuldig, ein Geschöpf in solchem Schmutz zu lassen. Aber sooft sie ihn daraus zu retten versuchte, stand er aus Abscheu vor Arbeit und Dienstbarkeit immer auf dem Sprunge zur Flucht.

»Du bist wiedergekommen,« sagte sie mit Milde, »weil du wahrscheinlich über meine Worte vom letzten Sonnabend nachgedacht hast. Ich will einen Rest von guten Vorsätzen in den Besuchen sehen, die du mir noch machst... Du kannst nicht länger ein so häßliches Leben führen, und ich bin nicht reich genug, mir ist es unmöglich, dich zu ernähren, damit du als Nichtstuer lebst. Bist du entschlossen anzunehmen, was ich dir vorgeschlagen habe?«

Seit ihrem Mangel an Geld suchte sie diesen dadurch zu ersetzen, daß sie andere barmherzige Menschen für ihre Armen interessierte. Doktor Cazenove hatte endlich die Aufnahme der Mutter des Cuche in das Hospital der Unheilbaren von Bayeux durchgesetzt und sie selbst hundert Franken zur Einkleidung des Sohnes beiseite gelegt, für den sie eine Stelle als Maat auf der Linie von Cherbourg gefunden. Während sie sprach, senkte er den Kopf und hörte mit mißtrauischer Miene zu.

»Es ist abgemacht, nicht wahr? Du begleitest deine Mutter und begibst dich dann auf deinen Posten.«

Aber sowie sie sich ihm näherte, machte er einen Sprung nach rückwärts. Seine gesenkten Augen verließen sie trotzdem nicht, er hatte geglaubt, sie wolle ihn bei den Handknöcheln fassen. »Was denn?« fragte sie erstaunt.

Da murmelte er mit den unruhigen Bewegungen eines wilden Tieres:

»Sie wollen mich fassen, um mich einzusperren. Ich will nicht.«

Von da an war alles vergebens. Er ließ sie sprechen und schien von ihren guten Gründen überzeugt; sowie sie sich jedoch rührte, drängte er gegen die Tür; mit eigensinnigem Kopfnicken schlug er für seine Mutter und für sich alles aus, er zog vor, nicht zu essen und frei zu sein.

»Hinaus mit dir, Faulpelz!« schrie endlich Chanteau empört. »Du bist wirklich zu gut, dich mit solchen Taugenichtsen noch abzugeben.«

Paulines Hände zitterten vor der nutzlosen Barmherzigkeit, der Nächstenliebe, die sich an diesem freiwilligen Elende brach. Sie machte eine Bewegung verzweifelter Duldsamkeit.

»Laß sie, Onkel, sie leiden und müssen doch essen.«

Sie rief Cuche, um ihm, wie an den vorhergehenden Sonnabenden, ein Brot und vierzig Sous zu geben. Aber er trat noch weiter zurück und sagte endlich:

»Legen Sie das auf die Erde und gehen Sie fort ... Ich nehme es auf.«

Sie mußte ihm gehorchen. Er näherte sich vorsichtig, wobei sein Auge sie keine Sekunde verließ. Als er seine vierzig Sous und das Brot aufgerafft hatte, eilte er mit seinen nackten Füßen im Galopp davon.

»Wilder!« rief Chanteau. »Er kommt eines Nachts und erwürgt uns alle ... Er ist wie diese Zuchthäuslerstochter da; ich lege meine Hand ins Feuer, daß sie mir neulich mein Halstuch gestohlen hat.«

Er sprach von der kleinen Tourmal, deren Großvater dem Vater in das Gefängnis gefolgt war. Sie blieb allein mit der kleinen, vor Trunkenheit blöden Prouane auf der Bank zurück. Sie war aufgestanden, ohne scheinbar diese Anschuldigung des Diebstahls gehört zu haben, und hatte zu wimmern begonnen:

»Haben Sie Mitleid, gutes Fräulein. Jetzt sind nur noch Mama und ich zu Hause, die Gendarmen kommen alle Abende und schlagen uns; mein Körper ist eine Wunde und Mama nahe daran zu sterben... Oh! Gutes Fräulein, wir brauchen Geld, kräftige Brühe, guten Wein...«

Chanteau, aufgebracht über diese Lügen, rührte sich in seinem Sessel. Aber Pauline würde ihr Hemd hingegeben haben.

»Schweige«, flüsterte sie. »Je weniger du sprichst, desto mehr wirst du erhalten... Bleib, ich werde dir einen Korb zurechtmachen.«

Als sie mit einem alten Fischkorbe zurückkam, in den sie Brot, zwei Liter Wein und Fleisch gepackt hatte, fand sie auf der Terrasse eine andere ihrer Kundinnen, die kleine Gonin, die ihr Kind, ein bereits zwanzig Monate altes Mädchen, mitbrachte. Die sechzehnjährige Mutter war so schwächlich, so wenig ausgewachsen, daß sie die ältere Schwester schien, welche die jüngere spazieren führte. Sie hatte Mühe sie zu tragen, aber sie schleppte sie doch dorthin, da sie wußte, daß das Fräulein die Kinder vergötterte und ihnen nichts abschlug.

»Mein Gott, wie dick sie ist!« rief Pauline und nahm das Mädchen auf den Arm. »Und dabei ist sie kaum sechs Monate älter als unser Paul.«

Wider Willen warf sie einen traurigen Blick auf den Kleinen, der noch immer in der Decke schlief. Dieses Kind, das schon Mutter und so jung niedergekommen, war recht glücklich, ein so kräftig entwickeltes Kind zu haben. Trotzdem klagte sie. »Wenn Sie wüßten, wieviel sie ißt, Fräulein! Und: ich habe keine Wäsche, ich weiß nicht, wie ich sie kleiden soll. Dabei fallen seit Vaters Tode Mutter und ihr Mann über mich her. Sie behandeln mich wie die letzte der letzten und sagen mir, daß, wenn man das Leben eines öffentlichen Mädchens führt, das Geld einbringen muß, anstatt Geld zu kosten.«

Man hatte in der Tat den alten Kranken eines Morgens in seinem Kohlenkasten tot gefunden, und er war so schwarz von den Schlägen gewesen, daß sich die Polizei einen Augenblick einmengen zu sollen glaubte. Jetzt sprachen die Frau und ihr Geliebter davon, diesen unnützen Dreckfinken erwürgen zu wollen, der seinen Teil von der Suppe beanspruchte!

»Armer Wurm!« flüsterte Pauline. »Ich habe Sachen beiseitegelegt und bin dabei, ihr ein Paar Strümpfe zu stracken. Du solltest sie mir öfters bringen, hier ist immer Milch, und dann kann sie Suppen von feinem Gries bekommen ... Ich werde bei deiner Mutter vorsprechen und ihr Furcht einjagen, wenn sie dir weiter so droht.«

Die kleine Gonin hatte ihr Kind wieder an sich genommen, während das Fräulein auch für sie ein Bündel zurecht machte. Sie hatte es niedergesetzt und hielt es auf den Knien, mit der Ungeschicklichkeit eines mit seiner Puppe spielenden Kindes. Ihre hellen Augen bezeugten ein fortwährendes Erstaunen darüber, daß sie es geboren haben sollte, und obgleich sie es genährt, fehlte oft wenig davon, daß sie es fallen ließ, wenn sie es an ihrer platten Brust schaukelte. Das Fräulein hatte sie eines Tages ernstlich gescholten, als sie ihr Kind am Rande der Landstraße auf einen Steinhaufen gesetzt hatte, um mit der kleinen Prouane einen Steinhagel gegeneinander zu beginnen.

Der Abbé Horteur erschien soeben auf der Terrasse.

»Da kommen Herr Lazare und der Doktor«, meldete er.

Man hörte im nämlichen Augenblicke auch das Geräusch des Wagens, und während Martin, der alte Matrose mit dem Holzbein, das Pferd in den Stall brachte, kam Cazenove auf den Hof und rief:

»Ich führe euch einen Burschen zurück, der außer dem Hause geschlafen hat wie es scheint. Man wird ihm doch nicht den Kopf abschneiden?«

Dann kam Lazare mit einem matten Lächeln. Er alterte schnell, seine Schultern waren gebeugt, das Gesicht erdfarben, wie verzehrt von der ihn aufreihenden inneren Angst. Ohne Zweifel wollte er gerade den Grund seiner Verspätung erzählen, als das halb offen gelassene Fenster des ersten Stockwerkes wütend zugeschlagen wurde.

»Luise ist noch nicht fertig«, erklärte Pauline. »Sie wird in einer Minute herunterkommen.«

Alle schauten sich an, eine peinliche Pause entstand, dieses die Wut verratende Geräusch kündete einen Streit. Nachdem Lazare einen Schritt zur Treppe hin gemacht hatte, zog er vor zu warten. Er küßte seinen Vater und den kleinen Paul, um seine Unruhe zu verbergen, fing er dann mit seiner Base an, zu der er mürrisch sagte:

»Befreie uns bald von diesem Gewürm. Du weißt, ich liebe es nicht unter meinen Füßen.«

Er sprach von den drei auf der Bank zurückgebliebenen Mädchen. Pauline beeilte sich, das Bündel der kleinen Gonin zu schnüren.

»Geht jetzt. Ihr beide könnt eure Genossin heimführen, damit sie nicht noch einmal fällt... Und du sei vorsichtig mit deinem Kindchen. Vergiß es nicht; wieder auf der Straße.«

Als sie endlich gingen, wollte Lazare den Korb der kleinen Tourmal untersuchen. Sie hatte bereits eine alte, in eine Ecke geworfene Kaffeekanne darin versteckt, die sie sich angeeignet. Man stieß sie alle drei hinaus, die Berauschte taumelte zwischen den beiden anderen.

»Was für Volk!« rief der Pfarrer und ließ sich an Chanteaus Seite nieder. »Gott verläßt sie sichtlich. Von dem ersten Abendmahl an machen diese Spitzbübinnen schon Kinder, sie trinken und stehlen wie Vater und Mutter. Ich habe ihnen das Elend vorausgesagt, das über sie kommen würde.«

»Sagen Sie doch, mein Lieber,« fragte der Arzt spöttisch Lazare, »wollen Sie die berühmten Bollwerke wieder aufrichten?«

Dieser machte jedoch eine heftige Bewegung. Die Anspielung auf die verlorene Schlacht gegen das Meer ärgerte ihn. Er rief:

»Ich! ... Ich ließ die Flut selbst zu uns dringen, ohne auch nur einen Besen über den Weg zu legen, sie aufzuhalten ... Ach, ganz und gar nicht! Ich bin zu dumm gewesen; man macht solche Dummheiten nicht zweimal! Wenn man bedenkt, daß ich diese Elenden am Unglückstage habe tanzen sehen ... Und wissen Sie, was ich argwöhne? Sie müssen meine Balken am Tage vor der großen Flut durchgesägt haben, denn es ist unmöglich, daß sie von selbst zerbrechen konnten.«

Er rettete auf diese Weise seine Eigenliebe als Erbauer. Dann streckte er den Arm gegen Bonneville aus und fuhr fort:

»Mögen sie hin werden! Dann werde ich tanzen!«

»Mach dich doch nicht so schlecht«, sagte Pauline mit ihrer ruhigen Miene. »Nur die Armen haben das Recht schlecht zu sein ... Du würdest deine Pfähle trotz alledem wieder aufrichten.«

Er hatte sich bereits beruhigt, wie vernichtet von der letzten leidenschaftlichen Aufwallung.

»Nein,« murmelte er, »das würde mich zu sehr langweilen ... Aber du hast recht, es lohnt nicht der Mühe, deswegen in Zorn zu geraten. Ob sie ersaufen oder nicht, was kümmert es mich?«

Von neuem trat Schweigen ein. Chanteau war in seine schmerzliche Regungslosigkeit zurückgesunken, nachdem er zur Entgegennahme des Kusses seines Sohnes den Kopf emporgehoben hatte. Der Pfarrer drehte seine Daumen, der Doktor ging mit den Händen auf dem Rücken auf und nieder. Alle schauten jetzt auf den schlafenden kleinen Paul, den Pauline selbst gegen Liebkosungen des Vaters verteidigte, denn sie wollte nicht, daß man ihn aufwecke. Seit der Ankunft der Männer bat sie diese, leise zu sprechen und nicht so laut um die Decke umherzutrappen; sie drohte Loulou schließlich mit der Peitsche, der immer noch knurrte, weil er das Pferd in den Stall hatte bringen hören.

»Glaubst du etwa, daß er ruhig sein wird? Er zerreißt uns noch eine Stunde lang die Ohren ... Ich habe nie einen so unausstehlichen Hund gesehen. Man stört ihn, sowie man sich nur rührt, und weiß nicht einmal, ob man den eigenen Hund im Hause hat, so völlig lebt er für sich. Das unsaubere Geschöpf macht uns den Verlust unseres armen Mathieu nur um so bedauerlicher.«

»Wie alt ist denn eigentlich Minouche?« fragte Cazenove. »Ich habe sie immer hier gesehen!«

»Sie ist über sechzehn Jahre alt«, antwortete Pauline »und befindet sich darum nicht schlechter.«

Minouche, die fortfuhr, sich auf dem Fensterbrette des Eßzimmers zu putzen, hob den Kopf, als der Doktor ihren Namen nannte. Sie blieb einen Augenblick mit einer Pfote in der Luft, den Bauch wie aufgeknöpft vor der Sonne; dann machte sie sich wieder daran, sich das Haar vorsichtig zu lecken.

»Sie ist nicht taub«, begann das junge Mädchen wieder. »Ich glaube, die Augen werden etwas schwächer; das hält sie aber nicht ab, sich wie ein liederliches Ding zu betragen... Stellen Sie sich vor, daß man ihr vor kaum einer Woche erst sieben Junge fortgeworfen hat. Sie wirft soviele, soviele, daß man darüber staunen muß. Hätte man alle ihre Jungen diese sechzehn Jahre hindurch am Leben gelassen, sie hätten das Land aufgefressen... Erst letzten Dienstag ist sie wieder verschwunden, und Sie sehen, wie sie sich putzt, nachdem sie erst heute früh nach ihren Schandtaten, die drei Nächte und drei Tage gedauert haben, wieder heimgekehrt ist.«

Heiter, ohne Verlegenheit oder Erröten sprach sie von den Liebschaften der Katze. Ein so sauberes, zartes Tier, das nicht imstande war, bei feuchtem Wetter das Haus zu verlassen, und sich dennoch viermal im Jahre in dem Schmutz aller Gerinsel wälzte! Am Tage vorher hatte sie sie auf der gegenüberstehenden Mauer mit einem großen Kater bemerkt, beide fegten die Luft mit ihren erhobenen Schwänzen und nachdem sie sich gegenseitig geohrfeigt, waren sie unter ergrimmtem Miauen in eine Pfütze gefallen. Die Katze war denn auch diesmal von ihrer Herumschlamperei mit einem eingerissenen Ohr heimgekehrt, das Rückenhaar ganz schwarz von Schmutz. Im übrigen konnte man sich keine schlechtere Mutter als sie denken. Bei jedem Wurf, den man ihr forttrug, leckte sie sich wie in ihrer Jugend, scheinbar ohne Ahnung von ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit, denn sie verschaffte sich gleich wieder einen neuen Wurf.

»Wenigstens ist sie für Sauberkeit«, schloß der Abbé Horteur, der Minouche zuschaute, die sich beim Putzen geradezu die Zunge abnutzte. »Viele Dirnen waschen sich nicht einmal.« Chanteau, der ebenfalls die Augen der Katze zugewandt, seufzte jetzt lauter; es war sein beständiges, unfreiwilliges Klagen, dessen er sich kaum mehr bewußt war.

»Haben Sie größere Schmerzen?« fragte ihn der Arzt.

»Wie? Warum?« sagte er, wie mit einem Ruck aufschreckend. »Ach, weil ich so laut geatmet habe. Ja, ich leide heute Abend sehr. Ich glaubte, die Sonne würde mir gut tun, aber ich ersticke trotzdem, jedes einzelne meiner Gelenke brennt mir.«

Cazenove untersuchte seine Hände. Alle schauderten zusammen bei dem Anblick dieser elendiglichen, verkrüppelten Stümpfe. Der Priester warf noch eine sinnreiche Bemerkung hinzu.

»Solche Finger sind nicht bequem zum Dame spielen ... Diese Zerstreuung fehlt Ihnen jetzt auch.«

»Seien Sie vernünftig mit der Nahrung«, empfahl der Arzt. »Der Ellbogen ist sehr entzündet, die Eiterung schreitet immer mehr vor.«

»Was muß ich denn tun, um vernünftig zu sein?« stöhnte Chanteau verzweifelt. »Man mißt mir den Wein ab, man wiegt mir das Fleisch zu; soll ich mit jeglicher Nahrung aufhören? ... Wahrhaftig, das heißt nicht mehr leben ... Wenn ich noch allein äße! Aber wie sollte ich es mit derartigem Jammerwerkzeug an den Enden der Arme anfangen? Pauline, die mir zu essen gibt, kann sicher sein, daß ich nicht zuviel esse.«

Das junge Mädchen lächelte.

»Ja, ja, du hast gestern zuviel gegessen ... Das ist mein Fehler, ich kann dir nichts abschlagen, wenn ich sehe, daß deine Feinschmeckerei dich so unglücklich macht.«

Da stellten sich alle heiter und neckten ihn mit den Festmahlen, die er sich noch gönne. Aber ihre Stimmen zitterten vor Mitleid angesichts dieses Überbleibsels eines Menschen, dieser trägen Masse, die gerade noch soviel lebte, um leiden zu können. Er war in seine alte Lage zurückgesunken, den Körper nach rechts gebeugt, die Hände auf den Knien.

»Heute Abend zum Beispiel haben wir eine Ente am Spieß.«

Aber sie unterbrach sich und fragte:

»Sind Sie nicht Veronika begegnet, als Sie durch Verchemont kamen?«

Sie berichtete von dem Verschwinden der Magd. Weder Lazare noch der Arzt hatten sie gesehen. Man wunderte sich über die Laune dieses Mädchens und scherzte schließlich darüber: es müsse drollig sein, wenn man bei ihrer Heimkehr schon bei Tische sitze und ihr Gesicht beobachten könne.

»Ich verlasse Sie, denn ich habe heute Küchendienst«, rief Pauline heiter. »Wenn ich das Ragout anbrennen lasse oder die Ente nicht durchgebraten anrichte, kündigt mir Onkel achttägig.«

Der Abbé Horteur ließ ein breites Lachen hören, und selbst den Doktor Cazenove belustigte diese Vorstellung, als das Fenster des ersten Stockwerkes sich plötzlich mit heftigem Geklapper des Riegels wieder öffnete. Luise erschien nicht, sondern begnügte sich mit trockener Stimme durch die Spalte der Fensterflügel zu rufen:

»Komm herauf, Lazare!«

Dieser machte eine abwehrende Bewegung und wollte ersichtlich einem in solchem Tone hingeschleuderten Befehle nicht nachkommen. Aber Pauline richtete eine stumme Bitte an ihn in dem Wunsche, einen Auftritt vor den Gästen zu vermeiden; so stieg er hinauf, während sie noch einen Augenblick auf der Terrasse blieb, um den schlechten Eindruck zu verscheuchen. Es war Stille eingetreten, man betrachtete verlegen das Meer. Die schrägen Sonnenstrahlen überspannen es mit einer goldenen Decke, die einen flüchtigen Feuerglanz über die kleinen, blauen Wellen breitete. In der Ferne färbte sich der Horizont mit einem zarten Lila. Dieser schöne Tag endete mit einem erhabenen Frieden, der die Unendlichkeit des Himmels und des Meeres ohne eine Wolke oder ein Segel entrollte.

»Freilich,« wagte Pauline lächelnd zu sagen, »er hat auswärts geschlafen, also muß man ihn schon ein wenig schelten.«

Der Doktor schaute sie an und zeigte ein Lächeln, in dem sie seinen ehemaligen Blick wiederfand, als er ihr voraussagte, daß sie ihnen kein schönes Geschenk mache, wenn sie sie einander gebe. Sie wandte sich jetzt ebenfalls der Küche zu.

»Ich verlasse Sie, sehen Sie zu, womit Sie sich unterhalten... Und du, Onkel, rufe mich, wenn Paul aufwacht.«

Als sie das Ragout in der Küche umgerührt und den Spieß bereitgelegt hatte, klapperte sie vor Ungeduld mit den Schüsseln. Luisens und Lazares Stimmen drangen durch die Decke immer lauter zu ihr, und der Gedanke, daß man sie auch auf der Terrasse hörte, brachte sie zur Verzweiflung. Sie waren wirklich unvernünftig, wie taube Leute zu schreien und aller Welt ihre Zwistigkeiten anzuvertrauen. Trotzdem wollte sie nicht hinaufgehen: erstens hatte sie das Essen zu bereiten, und dann erregte ihr der Gedanke Unbehagen, sich so zwischen sie selbst, bis in ihr Zimmer zu drängen. Gewöhnlich versöhnte sie sie unten in den Stunden des gemeinsamen Lebens wieder. Einen Augenblick ging sie in das Eßzimmer, wo sie sich geräuschvoll mit den Gedecken zu schaffen machte. Aber die Stimmen tönten weiter, sie konnte den Gedanken, daß sie sich gegenseitig unglücklich machten, nicht, länger ertragen und stieg hinauf, von der tätigen Barmherzigkeit getrieben, die aus dem Glück der anderen das eigene Dasein formt.

»Meine lieben Kinder,« sagte sie, unvermittelt in das Zimmer tretend, »ihr werdet sagen, daß es mich nichts angeht, aber ihr schreit zu laut... Es ist nicht besonders schön, euch so zu schimpfen, daß ihr das ganze Haus außer Fassung bringt.«

Sie hatte das Zimmer durchschritten und beeilte sich, das von Luise offen gelassene Fenster zu schließen. Glücklicherweise waren weder der Pfarrer noch der Doktor auf der Terrasse geblieben. Ein hastiger Blick zeigte ihr nur den an der Seite des schlummernden Paul träumenden Chanteau.

»Man hat euch unten gehört, als ob ihr im Speisezimmer wäret«, fügte sie hinzu. »Was habt ihr denn wieder?«

Aber sie waren nun einmal losgelassen, sie setzten ihre Gezanke fort, ohne scheinbar Paulines Eintreten bemerkt zu haben. Sie blieb, von ihrem alten Unbehagen erfaßt, unbeweglich stehen in diesem Zimmer, in dem die Gatten schliefen. Der gelbe Creton mit den grünen Ranken, das rote Läuferzeug, die alten Mahagonimöbel hatten schweren Wollenvorhängen und der Zimmereinrichtung einer verhätschelten Frau Platz gemacht, nichts mehr war von der toten Mutter zurückgeblieben; ihrem Ankleidetisch, auf dem durchfeuchtete Handtücher umherlagen, entströmte ein Heliotropduft, und dieser Duft nahm ihr ein wenig den Atem; sie ließ unwillkürlich den Blick durch das ganze Zimmer gleiten, in dem jeder Gegenstand von der Vernachlässigung des Hauswesens sprach. Hatte sie schließlich auch nachgegeben, bei ihnen zu leben, täglich mehr entnervt durch ihren inneren Widerwillen; konnte sie nunmehr auch des Nachts trotz des Gedankens schlafen, daß sie vielleicht eines in den Armen des andern ruhten, so war sie doch nie bei ihnen, in ihr eheliches Heim eingetreten, in diese Unordnung der überall umhergeworfenen Kleidungsstücke und des schon für den Abend bereiteten Bettes. Ein Zittern überfiel sie, das Zittern ihrer ehemaligen Eifersucht.

»Wie könnt ihr euch nur so zerreißen?« murmelte sie nach einem Schweigen. »Ihr wollt nicht vernünftig sein?«

»Nein,« rief Luise, »ich habe schließlich genug. Denkst du, er sieht sein Unrecht ein? Ach ja! Ich habe mich begnügt, ihm zu sagen, wie sehr wir uns beunruhigt haben, als er gestern nicht zurückkehrte, und er ist sofort wie ein Wilder über mich hergefahren; er beschuldigt mich, ihm sein Leben verdorben zu haben, er droht geradezu nach Amerika auswandern zu wollen.«

Lazare unterbrach sie mit fürchterlicher Stimme.

»Du lügst ... Wenn du mir mein Verzögern mit dieser Milde vorgeworfen hättest, würde ich dich umarmt haben, und alles wäre gut gewesen. Aber du hast mich beschuldigt, daß ich dir ein tränenreiches Leben bereite. Ja, du hast gedroht, dich in das Meer zu stürzen, wenn ich dir das Leben weiter unmöglich machte.«

Damit begannen beide zugleich von neuem, sie machten ohne Rückhalt ihrem durch die fortwährende Reibung ihrer Charaktere angehäuften Grolle Luft. So artete eine anfangs kleine Neckerei über die geringfügigsten Sachen stets nach und nach aus und versetzte sie in einen Zustand zugespitzter Abneigung, der den Rest des Tages unerträglich machte. Sie mit ihrem sanften Gesicht wurde heftig, sowie er einem ihrer Vergnügen in den Weg trat; sie war von der Bosheit einer schmeichelnden Katze, die sich an andere anschmiegt und dabei die Krallen zeigt. Er fand trotz seiner Gleichgültigkeit in diesen Zänkereien ein Aufrütteln aus der Schläfrigkeit seiner Langweile, er setzte es sich in den Kopf, durch diese Zerstreuung sich fieberhaft zu erregen.

Pauline hörte ihnen indessen zu. Sie litt mehr als sie; diese Art zu lieben wollte ihr durchaus nicht in den Kopf. Warum schont man sich nicht aus gegenseitigem Mitleid? Warum sich nicht ineinander schicken, wenn man einmal miteinander leben muß? Es schien ihr so leicht, das Glück in der Gewohnheit und der Teilnahme zu suchen. Und sie war wie niedergeschmettert, sie betrachtete diese Heirat immer als ihr Werk, das sie gut, dauernd gewünscht hatte, um wenigstens durch die Gewißheit, weise gehandelt zu haben, für ihr Opfer belohnt zu sein.

»Ich werfe dir nicht die Verschleuderung meines Vermögens vor«, fuhr Luise fort.

»Das fehlte nur noch«, schrie Lazare. »Es ist nicht meine Schuld, wenn man mich bestiehlt.«

»Man bestiehlt nur die Ungeschickten, die sich die Taschen ausleeren lassen ... Wir sind nichtsdestoweniger auf elende vier- oder fünftausend Franken Rente beschränkt, gerade genug, um in diesem Loche zu leben. Ohne Pauline würde unser Kind eines Tages nackt gehen, denn ich mache mich darauf gefaßt, daß du auch den Rest des Geldes mit deinen außerordentlichen Gedanken und deinen Unternehmungen aufzehrst, die eine nach der andern ins Wasser fallen.«

»Immer zu, fahre nur fort, dein Vater hat mir bereits gestern die gleichen niedlichen Schmeicheleien gesagt. Ich habe erraten, daß du ihm geschrieben hattest. Ich habe darum auch diese Düngerangelegenheit fahren lassen, ein sicheres Geschäft, bei dem hundert Prozent zu gewinnen waren. Aber ich bin wie du, ich habe es satt; der Teufel hole mich, wenn ich mich noch weiter rühre! ... Wir werden hier leben.«

»Ein schönes Leben für eine Frau in meinem Alter, nicht wahr? Ein wahres Gefängnis; nicht eine einzige Gelegenheit, auszugehen und Menschen zu sehen, immer dieses dumme Meer da vor uns, das die Langeweile noch steigert... Ach, wenn ich das gewußt hätte, wenn ich das gewußt hätte!«

»Glaubst du denn, ich unterhalte mich?... Wenn ich nicht verheiratet wäre, könnte ich anderswohin, sehr weit fort, Verschiedenes versuchen. Ich habe zwanzigmal Lust dazu gehabt. Das ist jetzt vorbei, ich bin nunmehr an dieses verlorene Nest festgenagelt, das gerade gut genug zum Schlafen ist. Du hast mir den Rest gegeben, ich fühle es wohl.«

»Ich habe dir den Rest gegeben? Habe ich dich gezwungen, mich zu heiraten? Hättest du nicht sehen müssen, daß wir nicht füreinander geboren waren?... Es ist deine Schuld, wenn unser Leben verfehlt ist.«

»Ja, unser Leben ist verfehlt, und du tust alles, um es täglich noch unerträglicher zu machen.«

Obgleich Pauline sich vorgenommen hatte, beiseite zu bleiben, unterbrach sie sie zitternd:

»Schweigt, Unglückliche!... Es ist wahr, daß ihr dieses Leben, das so gut sein könnte, leichtfertig euch verderbt. Warum erregt ihr euch so und sagt euch Sachen, unter denen ihr in der Folge leidet?... Schweiget, ich will nicht, daß es so weiter geht!«

Luise war in Tränen auf einen Stuhl gesunken, während Lazare, heftig erschüttert, mit ungestümen Schritten auf- und abging.

»Das Weinen ist zu nichts nütze, meine Liebe«, fuhr das junge Mädchen fort. »Du bist wirklich durchaus nicht duldsam, hast vielfach Unrecht. Und du, mein armer Freund, wie ist es nur möglich, daß du sie so kränkst? Das ist häßlich, ich glaubte, du hättest wenigstens ein gutes Herz... Ja, ja, ihr seid beide große Kinder, beide schuldig und wißt nicht was anfangen, um euch gegenseitig zu quälen. Aber ich will es nicht, hört ihr?... Ich will keine traurigen Menschen um mich sehen... Umarmt euch sogleich!...«

Sie versuchte zu lächeln, sie hatte nicht mehr jenes beginnende Zittern, das sie beunruhigte. Sie hatte nur noch den einen glühenden und heißen Wunsch der Barmherzigkeit, sie vor ihren Augen einander in die Arme zu führen, um sicher zu sein, daß der Streit beendet sei.

»Ihn umarmen, nein, das nicht!« sagte Luise. »Er hat mir zu große Ungezogenheiten gesagt!«

»Niemals!« schrie Lazare.

Da brach sie in ein helles Lachen aus.

»Vorwärts, schmollt nicht. Ihr wißt, ich bin sehr eigensinnig. Mein Essen brennt an, unsere Gäste warten auf uns. Ich werde dich zu ihr stoßen, Lazare, wenn du dich weigerst zu gehorchen. Wirf dich vor ihr auf die Knie, ziehe sie artig an dein Herz... Vorwärts... Vorwärts, noch besser...«

Sie trieb sie zu einer zärtlichen Umarmung, sie sah mit heiterer, siegesbewußter Miene, ohne daß ein Schatten ihre klaren Augen verdunkelte, wie sie sich das Gesicht küßten. Sie ward innerlich von einer freudigen Wärme wie von einer zarten Flamme durchdrungen, die sie über jene erhob. Ihr Vetter aber umarmte inzwischen seine Frau, von heftigen Gewissensbissen gequält, während sie noch in der Nachtjacke mit bloßen Armen und bloßem Halse seine Liebkosungen unter noch heftigerem Weinen erwiderte.

»Seht ihr wohl, das ist besser als sich prügeln!« sagte Pauline. »Ich kann jetzt gehen; ihr bedürft meiner nicht weiter, um Frieden zu machen.«

Sie war schon an der Tür und schloß sie hastig hinter diesem Gemach der Liebe mit dem geöffneten Bette, den umherliegenden Kleidern, dessen Heliotropgeruch sie jetzt mild stimmte, als sei er der Genosse, der das Werk der Versöhnung nunmehr vollenden solle.

Unten begann Pauline zu singen, während sie das Ragout nochmals umwandte. Sie zündete ein Bündel Reisig an, machte den Spießdreher für die Ente bereit und überwachte den Braten mit kundigem Auge. Diese Mägdearbeit belustigte sie, sie hatte eine große, weiße Schürze vorgebunden und war entzückt, alle zu bedienen, ihnen die niedrigsten Dienstleistungen erweisen zu können, um sich zu sagen, daß sie ihre Heiterkeit und Gesundheit an jenem Tage ihr zu danken hätten. Da sie jetzt – Dank ihrer Vermittlung – lachten, war es ihr Traum, ihnen ein Festessen zu bereiten, sehr gute Sachen, von denen sie viel essen sollten, wenn sie in größtem Behagen um den Tisch herumsitzen würden.

Es fielen ihr der Onkel und der Kleine ein; sie eilte schleunigst auf die Terrasse und war sehr erstaunt, ihren Vetter bei dem Kinde sitzen zu sehen.

»Wie?« rief sie, »du bist schon unten?«

Er antwortete mit einem bloßem Kopfnicken; er war wieder in seine lässige Gleichgültigkeit zurückgesunken und saß mit gebeugten Schultern und müßigen Händen da. Sie fragte daher beunruhigt:

»Ich hoffe, ihr habt hinter meinem Rücken nicht wieder von vorn angefangen?«

»Nein, nein«, entschloß er sich endlich zu sagen. »Sie kommt hinunter, sobald sie ihr Kleid angezogen hat ... Wir haben uns verziehen! Aber wie lange wird es dauern? Morgen wird es etwas anderes sein und so alle Tage, alle Stunden! Ändert man sich? Kann man etwas verhindern?«

Pauline war ernst geworden, ihre betrübten Augen senkten sich. Er hatte recht, sie sah ähnliche Tage sich ohne Aufhören entrollen mit den nämlichen Zwistigkeiten der beiden, die sie schlichten müsse. Sie selbst war nicht gewiß, ob sie besser geheilt sei, nicht doch noch heftigen Regungen der Eifersucht nachgeben werde. Ach, welch ewiges Wiederbeginnen in diesem Alltagselend! Aber ihre Augen erhoben sich bereits; sie hatte sich schon so oft besiegt! Und dann werde man bald sehen, ob sie nicht eher müde würden sich zu streiten, als sie, sie zu versöhnen. Der Gedanke erheiterte sie, und sie erzählte ihn lachend Lazare. Was würde ihr denn zu tun übrig bleiben, wenn das Haus zu glücklich sei? Sie würde sich langweilen, man mußte ihr schon einige Wehwehs zum Heilen geben.

»Wo sind der Abbé und der Doktor hingegangen?« fragte sie erstaunt, als sie die beiden nicht mehr sah.

»Sie müssen in den Gemüsegarten gegangen sein«, erwiderte Chanteau. »Der Abbé hat den Doktor unsere Birnbäume zeigen wollen.«

Pauline wollte einen Blick von der Ecke der Terrasse dorthin tun, blieb aber plötzlich vor dem kleinen Paul stehen.

»Er ist aufgewacht!« rief sie. »Siehst du, wie er schon umherläuft.«

In der Tat hatte sich Paul inmitten der roten Decke auf seine kleinen Knie gesetzt; er zog sich in die Höhe und rutschte jetzt hastig auf allen Vieren davon. Aber ehe er auf den Sand gelangte, war er wohl über eine Falte der Decke gestolpert, denn er schwankte und fiel mit zurückgeschlagenem Kleide auf den Rücken, die nackten Arme und Beine in der Luft. Er strampelte und zeigte seine rosige Nacktheit von der Röte einer aufgeblühten Klatschrose.

»Da zeigt er uns alles, was er hat«, fuhr sie lustig fort. »Wartet, ihr sollt sehen, wie er seit gestern läuft.«

Sie war neben ihm niedergekniet und versuchte ihn aufzurichten. Er war so langsam gewachsen, daß er für sein Alter noch sehr zurück war; man hatte sogar einen Augenblick lang geglaubt, daß er schwach auf den Beinen bleiben werde. Es war daher ein Entzücken für die Familie, als man ihn die ersten Schritte machen sah, mit den Händen in das Leere tastend und bei dem geringsten Hindernis auf den Hintern fallend.

»Willst du wohl nicht spielen«, wiederholte Pauline. »Nein, es ist ernst; zeige, daß du ein Mann bist... Hier, halte dich fest, geh und gib Papa einen Kuß, und dann geh und küsse auch den Großpapa!«

Chanteau, dessen Gesicht durch ein schmerzliches Zucken verzerrt wurde, wandte langsam den Kopf, um dem Auftritte zuzusehen. Lazare wollte trotz seiner Niedergeschlagenheit gern bei dem Spiele sein.

»Komm«, sagte er zu dem Kinde.

»Du mußt ihm die Arme entgegenstrecken«, erklärte das junge Mädchen. »So wagt er es noch nicht; er will wissen, wo er hinfällt... Vorwärts, Schätzchen, ein wenig Mut.«

Er hatte nur drei Schritte zu machen. Als Paul sich entschloß, mit dem Schwanken eines seiner Füße nicht sicheren Gleichgewichtskünstlers den kurzen Zwischenraum zurückzulegen, brachen alle in Zärtlichkeitsrufe und in eine überströmende Begeisterung aus. Er war in die Arme des Vaters gefallen, der ihn auf das noch spärliche Haar küßte, und lachte mit dem ausdruckslosen, reizenden Lachen der ganz kleinen Kinder, wobei er seinen feuchten Mund weit öffnete, der wie eine Rose schimmerte. Seine Patin wollte ihn auch sprechen lassen, aber seine Zunge war noch mehr zurückgeblieben als seine Beine; er stieß Kehllaute aus, in denen nur die Eltern die Worte Papa und Mama herauszuhören vermochten.

»Das ist nicht alles, er hat versprochen, auch den Großpapa zu küssen... Nun, das wird eine ganze Reise!« Mindestens acht Schritte trennten Lazares Stuhl von dem Lehnsessel Chanteaus. Paul hatte sich noch nie soweit in die Welt hinausgewagt. Es war also eine große Sache. Pauline hatte sich neben die Straße begeben, die der Kleine machen mußte, um allen Katastrophen vorzubeugen, und es bedurfte zweier langer Minuten, um das Kind anzufeuern. Endlich brach er kühn auf, die Händchen in der Luft. Pauline glaubte ihn jeden Augenblick in die Arme zu bekommen. Allein, er strebte mutig vorwärts und fiel auf die Knie Chanteaus. Laute Bravorufe ertönten rings umher.

»Habt ihr gesehen, wie er sich hineingestürzt hat? ... Der hat Feuer in den Augen, er wird ganz gewiß ein dreister Bursche.«

Man ließ ihn den Weg wohl zehnmal machen. Er hatte keine Furcht mehr, lief bei der ersten Aufforderung vom Großvater zum Vater und wieder zurück, laut lachend, sehr belustigt von dem Spiele, immer bereit zu straucheln, als schwanke der Boden unter ihm.

»Noch einmal zu«, rief Pauline.

Lazare fing an, müde zu werden. Die Kinder, selbst das seine, langweilten ihn bald. Als er den Kleinen jetzt so heiter und gerettet sah, verursachte ihm der Gedanke, daß dieses Wesen ihn überleben, ihm wahrscheinlich die Augen zudrücken werde, ein Zittern, das ihn vor Angst fast erstickte.

Seit er sich entschlossen hatte, in Bonneville in den Tag hineinzuleben, beschäftigte ihn nur ein einziger Gedanke: daß er in dem Zimmer sterben werde, wo seine Mutter dahingeschieden war; und er stieg nicht ein einziges Mal die Treppe hinauf, ohne sich zu sagen, daß unvermeidlich eines Tages sein Sarg dort hinausgetragen werde. Der Eingang zum Flur verengte sich und eine schwierige Ecke beunruhigte ihn fortwährend; er quälte sich bei dem Gedanken, wie wohl die Männer den Sarg dort herunterschaffen würden, ohne mit seinem Leichnam anzustoßen. In dem nämlichen Maße, wie das Alter täglich ein Stückchen seines Lebens fortnahm, beschleunigte auch dieser Gedanke an den Tod die Zerstörung seines Körpers bis zu dem Punkte der Vernichtung seiner letzten männlichen Kräfte. Es war mit ihm zu Ende, wie er selbst sagte, er war zu nichts mehr nütze und fragte sich, wozu es sich lohne, sich zu bewegen; er erschöpfte sich auf diese Weise immer mehr in der Torheit seiner Langweile.

»Noch einmal zu Großpapa«, rief Pauline.

Chanteau konnte nicht einmal die Hände ausstrecken, um den kleinen Paul zu greifen und zu halten. Vergebens tat er die Knie weg; diese zarten Finger, die sich an seine Beinkleider krampften, entlockten ihm trotzdem tiefe Seufzer. Das Kind war bereits an das endlose Gestöhne des Greises gewöhnt; da es bei ihm lebte, bildete es sich wahrscheinlich in seinem kaum entwickeltem Verständnis ein, daß alle Großväter so litten. Als er jedoch an diesem Tage im vollen Sonnenlichte gegen ihn fiel, hob er sein Gesichtchen auf, stellte das Lachen ein und sah ihn mit seinen unsicheren Augen an. Die beiden mißgestalteten Hände schienen zwei ungeheure Blöcke von Fleisch und Kreide; das von roten Falten durchzogene, vom Leiden zerstörte Gesicht war wie gewaltsam gegen die rechte Schulter gekehrt, während der ganze Körper Höcker und Brüche hatte, wie der eines schlecht zusammengeklebten, alten Heiligen aus Stein. Paul schien überrascht, ihn in der Sonne so krank und so alt zu sehen.

»Noch einmal! Noch einmal!« rief Pauline.

Sie sprudelte vor Heiterkeit und Gesundheit, trieb ihn immer von einem zum andern, von dem in seinem Schmerze verhärteten Großvater zu dem schon von dem Entsetzen des morgenden Tages verzehrenden Vater.

»Der wird vielleicht einer weniger dummen Generation angehören«, sagte sie plötzlich. »Er wird nicht die Chemie anklagen, daß sie ihm das Leben vergifte, und wird glauben, daß man leben kann selbst mit dem Gedanken, eines Tages sterben zu müssen.«

Lazare schlug ein verlegenes Lachen an.

»Bah!« murmelte er, »er wird die Gicht bekommen wie sein Großvater und seine Nerven werden noch zerrütteter sein als die meinen. Sieh doch, wie schwach er ist! Das ist das Gesetz der Entartungen.«

»Willst du schweigen!« rief Pauline. »Ich ziehe ihn auf, und du sollst sehen, was für einen Mann ich aus ihm mache!«

Es trat ein Schweigen ein, während sie den Kleinen mit mütterlicher Zärtlichkeit an sich drückte.

»Warum heiratest du nicht, wenn du die Kinder so lieb hast?« fragte Lazare.

»Aber ich habe ja ein Kind! Hast du mir nicht eines gegeben?... Heiraten! Das nie im Leben!«

Sie wiegte den kleinen Paul. Sie lachte noch lauter, indem sie scherzend erzählte, ihr Vetter habe sie zu dem großen, heiligen Schopenhauer bekehrt, daß sie ein Mädchen bleiben wolle, um an der allgemeinen Erlösung zu arbeiten; und so war sie in der Tat die Selbstverleugnung, die Nächstenliebe, die über die böse Menschheit ausgebreitete Güte. Die Sonne versank in das unermeßliche Meer; von dem bleichen Himmel senkte sich eine Heiterkeit nieder; das unendliche Wasser und die unendliche Luft nahmen die zarte Milde der Tagesneige an. Nur ein weißes Segel in weiter Ferne zeigte noch ein erlöschendes Aufleuchten, als das Gestirn bereits unter die gerade und schlichte Linie des Horizontes getaucht war. Es blieb nur noch das langsame Niedersinken der Dämmerung auf die regungslosen Fluten. Sie wiegte das Kind noch immer mit ihrem tapferen Lachen, aufrecht stehend inmitten der in bläuliche Schatten gehüllten Terrasse zwischen dem niedergedrückten Vetter und dem stöhnenden Onkel. Sie hatte sich von allem entblößt; aus ihrem schallenden Lachen tönte das Glück.

»Wird heute abend nicht gespeist?« fragte Luise, die in einem koketten grauseidenen Kleide erschien.

»Ich bin bereit und weiß nicht, was die Herren noch im Garten tun.«

In dem nämlichen Augenblicke kam der Abbé mit verstörter Miene zurück. Als man ihn besorgt fragte, sagte er ohne Umschweife heraus, was er vergebens erst zu umschreiben versucht hatte, um den Schlag zu mildern:

»Wir haben die arme Veronika an einem Ihrer Birnenbäume erhängt gefunden.«

Alle stießen einen Schrei des Staunens und Entsetzens aus, die Gesichter erbleichten bei diesem sie streifenden Hauche des Todes.

»Aber warum?« rief Pauline. »Sie hatte keinen Grund; sie hatte schon die Zubereitung des Essens angefangen. Mein Gott, wenn es nur nicht deswegen ist, daß ich ihr sagte, daß sie ihre Ente um zehn Sous zu teuer zahlte!«

Da kam auch der Doktor herbei. Seit einer Viertelstunde versuchte er in dem Schuppen, wohin er sie mit Martin gebracht hatte, sie in das Leben zurückzurufen, aber vergebens. Konnte man bei so einer alten, verrückten Magd wissen? Sie hatte sich nie über den Tod ihrer Herrin trösten können.

»Es hat gewiß nicht lange gedauert. Sie hat sich einfach an dem Bande einer ihrer Küchenschürzen aufgeknüpft.«

Lazare und Luise schwiegen starr vor Entsetzen. Nachdem Chanteau eine Weile ruhig zugehört, fuhr er plötzlich empor bei dem Gedanken an die gefährdete Mahlzeit. Dieser Jammermensch ohne Hände und Füße, den man wie ein Kind schlafen legen und füttern mußte, dieses elendigliche Überbleibsel eines Menschen, dessen bißchen Leben nur ein einziges Schmerzensgeheul war, rief in wütender Entrüstung aus:

»Wie dumm muß man sein, um sich das Leben zu nehmen!«

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