Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Die Lebensfreude

Emile Zola: Die Lebensfreude - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorEmile Zola
titleDie Lebensfreude
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XII
year1924
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110604
projectidb3f0b64c
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Als sich am folgenden Tage zum ersten Frühstück alle an dem Tische zum Kaffee niederließen, staunten sie, daß Luise nicht heruntergekommen war. Die Magd ging, um an ihre Tür zu klopfen, als sie endlich erschien. Sie war sehr bleich und ging mühsam.

»Was ist dir denn?« fragte Lazare unruhig.

»Ich leide seit dem frühen Morgen. Ich habe kaum die Augen geschlossen; ich glaube, ich habe jede Stunde der Nacht schlagen hören.«

Pauline wurde böse.

»Du hättest uns rufen sollen, wir hätten dich wenigstens gepflegt.«

Als Luise den Tisch erreicht hatte, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus:

»Oh!« erwiderte sie, »ihr könnt nichts dagegen tun. Ich weiß, was es ist, seit acht Monaten verlassen mich diese Schmerzen fast nie.«

Ihre sehr beschwerliche Schwangerschaft hatte sie in der Tat an fortwährendes Übelsein, an Schmerzen in den Eingeweiden gewöhnt, deren Heftigkeit sie manchmal tagelang zu einer gekrümmten Haltung zwang. An jenem Morgen waren die Übelkeiten zwar verschwunden, aber sie war wie in einen Gürtel gespannt, der ihren Leib zu zerquetschen drohte.

»Man gewöhnt sich an Leiden«, sagte Chanteau mit salbungsvoller Miene.

»Ja, ich muß das mit mir umhertragen«, schloß die junge Frau. »Ich bin deshalb auch heruntergekommen. Oben ist es mir unmöglich, auf einer Stelle zu bleiben.«

Sie nahm ein paar Schluck Milchkaffee zu sich. Den ganzen Tag schlich sie im Hause umher, sie stand von einem Stuhl auf, um sich auf einen anderen zu setzen. Keiner wagte ihr ein Wort zu sagen, denn sie geriet außer sich und schien mehr zu leiden, sowie man sich mit ihr beschäftigte. Die Schmerzen verließen sie nicht. Kurz vor zwölf Uhr Mittag schien der Anfall nachzulassen, sie konnte sich an den Tisch setzen und etwas Suppe essen. Aber zwischen zwei und drei Uhr stellte sich furchtbares Leibschneiden ein; sie konnte sich nicht mehr halten, ging vom Eßzimmer in die Küche und stieg von dort schwerfällig in ihr Zimmer hinauf, um sogleich wieder herunterzukommen.

Pauline packte oben ihren Koffer. Sie sollte am folgenden Tage reisen und hatte noch gerade Zeit, ihre Möbel zu durchsuchen und alles zu ordnen. Sie lief aber alle Augenblicke, um sich über das Geländer zu beugen, gepeinigt von den vor Schmerzen schwerfälligen Tritten, welche die Dielen erzittern ließen. Als sie jene gegen vier Uhr noch unruhiger werden hörte, entschloß sie sich, bei Lazare anzuklopfen, der sich in nervöser Erbitterung über die verschiedentlichen Unglücksschläge, mit denen ihn nach seiner Beschuldigung das Geschick überhäufte, bei sich eingeschlossen hatte.

»Wir können sie nicht so lassen«, erklärte sie. »Man muß mit ihr sprechen. Komm mit mir.«

Sie trafen sie gerade im ersten Stockwerk, an das Geländer gelehnt, an, sie hatte nicht mehr die Kraft, hinauf oder hinunter zu steigen.

»Mein liebes Kind,« sagte Pauline milde, »du beunruhigst uns... Wir werden nach der Hebamme schicken.«

Da wurde Luise ärgerlich.

»Mein Gott, warum quält ihr mich so! Laßt mich doch nur in Ruhe! Was soll die Hebamme im achten Monate meiner Schwangerschaft wohl tun?« »Es wäre immer vernünftiger, wenn sie käme.«

»Nein, ich will nicht, ich weiß was es ist... Um Gottes willen sprecht nicht mehr mit mir, quält mich nicht!«

Luise widersetzte sich mit einem solchen Zornesausbruche, daß Lazare ebenfalls aufgebracht wurde. Pauline mußte feierlich versprechen, die Hebamme nicht holen zu lassen. Diese Hebamme war eine Frau Bouland aus Verchemont, die in der Gegend den Ruf außerordentlicher Geschicklichkeit und Willenskraft besaß. Man versicherte, weder in Bayeux noch auch in Caen sei eine bessere zu finden. Aus diesem Grunde hatte die sehr verzärtelte Luise, von dem Vorgefühl ihres Todes bei der Niederkunft gepackt, den Entschluß gefaßt, sich ihren Händen anzuvertrauen. Aber sie hatte nichtsdestoweniger große Furcht vor der Frau Bouland, die unvernünftige Furcht, die man vor dem Zahnarzte hat, der heilen soll, und den man so spät wie möglich aufzusuchen sich entschließt.

Gegen sechs Uhr trat wieder eine plötzliche Besserung ein. Die junge Frau frohlockte: sie hatte richtig gesagt, es waren ihre gewöhnlichen Schmerzen, nur etwas stärker; es wäre doch schade gewesen, alle um nichts und wieder nichts zu belästigen! Da sie indessen wie tot vor Müdigkeit war, zog sie vor, nach dem Verspeisen eines Koteletts zu Bett zu gehen. Sie erklärte, alles sei vorüber, wenn sie schlafen könne. Eigensinnig lehnte sie jede Pflege ab; sie wollte allein bleiben, während die Familie zu Mittag speiste; sie verbot selbst, daß man nach ihr sehen komme, aus Furcht jäh aufgeweckt zu werden.

Es gab an jenem Abend Suppenfleisch und Kalbsbraten. Der Beginn der Mahlzeit verlief schweigsam, dieser Anfall kam noch zu der Traurigkeit über Paulines Abreise. Man vermied das Geklapper mit den Löffeln und Gabeln, als wenn das Geräusch bis zum ersten Stockwerk habe dringen und die Kranke noch mehr aufregen können. Chanteau ließ sich trotzdem gehen, er erzählte Geschichten von außerordentlichen Schwangerschaften, als Veronika, die gerade den zerlegten Kalbsbraten hereinbrachte, unvermittelt sagte:

»Ich weiß nicht, mir scheint, sie stöhnt dort oben.«

Lazare erhob sich, um die Flurtür zu öffnen. Anfangs hörte man nichts; dann ertönten langgezogene, unterdrückte Klagelaute.

»Der Anfall ist wieder da«, murmelte Pauline. »Ich gehe zu ihr.«

Sie warf das Mundtuch fort und rührte die Scheibe Fleisch, die ihr die Magd vorgelegt hatte, nicht einmal an. Glücklicherweise stak der Schlüssel im Schlosse, sie konnte eintreten. Die junge Frau saß mit nackten Füßen, in ihren Pudermantel gehüllt, auf dem Bettrande und bewegte sich mit den Schwingungen eines Pendels, unter der unerträglichen Beständigkeit eines Schmerzes hin und her, der ihr tiefe, in regelmäßiger Folge sich wiederholende Seufzer entlockte.

»Es geht schlecht?« fragte Pauline.

Sie antwortete nicht.

»Soll jetzt Frau Bouland geholt werden?«

Sie stammelte mit der Miene eigensinniger Ergebung:

»Ja, es ist mir gleichgültig. Vielleicht habe ich dann Ruhe... Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr.«

Lazare, der hinter Pauline nach oben gekommen war und an der Tür horchte, wagte, einzutreten und zu sagen, daß es auch klug sei, nach Arromanches zu laufen und Doktor Cazenove zu holen, im Falle sich Verwicklungen einstellen sollten. Luise aber begann zu weinen. Er habe also nicht das geringste Mitleid mit ihrem Zustande? Warum sie so quälen? Man wisse wohl; der Gedanke, daß sie ein Mann entbinden solle, hatte sie stets aufgebracht. In ihr war die krankhafte Scham einer gefallsüchtigen Frau, das Unbehagen, sich in der schrecklichen Hinfälligkeit des Leidens zu zeigen, die sie selbst vor ihrem Gatten und der Base den Pudermantel enger um ihre armen, gemarterten Hüften zu ziehen nötigte.

»Wenn du den Doktor holen läßt, gehe ich zu Bette, drehe mich nach der Wand und antworte niemandem mehr.«

»Hole nur die Hebamme«, sagte Pauline zu Lazare. »Ich kann ebenfalls nicht glauben, daß der Augenblick schon gekommen ist. Es handelt sich nur darum, sie zu beruhigen.«

Beide gingen hinunter. Der Abbé Horteur war gerade eingetreten, um guten Abend zu wünschen, und verstummte beim Anblick des entsetzten Chanteau. Man wollte, daß Lazare wenigstens ein Stückchen Kalbfleisch äße, bevor er sich auf den Weg machte; aber er hatte den Kopf verloren und erklärte, daß auch nur ein einziger Bissen ihn ersticken werde; er eilte im Trabe nach Verchemont.

»Ich glaube, sie hat mich gerufen«, meinte Pauline und stürzte nach der Treppe. »Sollte ich Veronika nötig haben, so klopfe ich... Nicht wahr, Onkel, du beendest die Mahlzeit ohne mich.«

Der Priester war verlegen, weil er so plötzlich mitten in eine Entbindung hereingeplatzt war, und fand seine gewohnten Trostesworte nicht. Er zog sich mit dem Versprechen zurück wiederzukommen, sobald er bei den Gonin seinen Besuch gemacht habe, wo der Alte sehr leidend war. Chanteau blieb allein vor dem Eßtische mit seinem Durcheinander von Gedecken zurück. Die Gläser waren noch halb voll, das Kalbfleisch ward auf den Tellern kalt, fettige Gabeln und angebrochene Brotstücke lagen umher, dort hingeworfen in dem Windstoß der Unruhe, der über den Tisch hinweggefahren war. Während die Magd vorsichtshalber einen Topf Wasser auf das Feuer setzte, brummte sie, daß sie nicht wisse, ob sie abräumen oder alles drunter und drüber gehen lassen solle.

Oben hatte Pauline Luise aufrecht stehend, auf die Rücklehne eines Stuhles gestützt, gefunden.

»Ich leide zu sehr beim Sitzen, hilf mir umhergehen.«

Schon seit dem Morgen klagte sie über Stiche in der Haut, als wenn sie die Fliegen heftig gestochen hätten. Jetzt war es ein innerliches Zusammenziehen, als wenn ein Schraubstock ihren Leib umspannt halte und sich immer enger um sie presse. Sobald sie sich setzte oder niederlegte, war ihr, als zerstoße ihr ein Bleigewicht die Eingeweide, und sie empfand das Bedürfnis umherzugehen, sie hatte den Arm ihrer Base ergriffen, die sie vom Bett zum Fenster führte.

»Du hast etwas Fieber«, sagte das junge Mädchen. »Willst du trinken?«

Luise konnte nicht antworten. Ein heftiges Zusammenziehen hatte sie gekrümmt, und sie klammerte sich mit solchem Erzittern an Paulines Schultern, daß beide erbebten. Dabei entschlüpften ihr einige Schreie, in denen Ungeduld und Entsetzen zugleich lagen.«

»Ich sterbe vor Durst« murmelte sie, als sie endlich sprechen konnte. »Meine Zunge ist trocken, und du siehst, wie rot ich bin. Aber nein, nein, laß mich nicht los, ich würde fallen. Wir wollen erst noch gehen, erst noch gehen, ich werde nachher trinken.«

Sie setzte ihre Wanderung fort, sie schleppte die Beine nach, sie schaukelte sich und hing immer schwerer an dem Arme ihrer Führerin. So wanderte sie zwei Stunden ohne Unterlaß. Es war neun Uhr. Warum kam die Hebamme noch nicht? Jetzt wünschte sie diese sehnsüchtig herbei, sie sagte, man wolle sie wohl sterben sehen, da man sie so lange ohne Hilfe lasse. Verchemont war fünfundzwanzig Minuten entfernt, eine Stunde also würde genügt haben. Lazare unterhielt sich, oder es war ein Unfall geschehen; es war zu Ende, kein Mensch wollte zurückkommen. Übelkeiten erschütterten sie, es stellte sich Erbrechen ein.

»Geh, ich will nicht, daß du bleibst!... Mein Gott, kann man dahin geraten, daß man alle Welt abstößt?«

Sie beschäftigte trotz der entsetzlichen Qualen einzig und allein die Sorge um ihre Schamhaftigkeit und weibliche Anmut. Trotz ihrer zarten Glieder von großer, nervöser Widerstandsfähigkeit, setzte sie ihre letzte Kraft daran, sich nicht völlig gehen zu lassen, sie beunruhigte sich darüber, daß sie ihre Strümpfe nicht angezogen habe, sie peinigte jedes Eckchen Nacktheit, das sie sehen ließ. Ein größeres Unbehagen aber ergriff sie; sie wurde unaufhörlich von eingebildeten Bedürfnissen gequält; ihre Base mußte sich umwenden, und sie hüllte sich in ein Ende des Vorhanges, um diese Bedürfnisse zu befriedigen zu suchen. Als die Magd heraufgekommen war, um ihre Hilfe anzubieten, stammelte Luise mit bestürzter Stimme beim ersten Drängen, das sie zu fühlen glaubte:

»Oh, nicht vor diesem Mädchen... Ich bitte dich, führe sie einen Augenblick auf den Flur.«

Pauline verlor nachgerade den Kopf. Es schlug zehn Uhr, sie wußte sich die lange Abwesenheit Lazares nicht zu erklären. Ohne Zweifel hatte er Frau Bouland nicht zu Hause gefunden; aber was sollte aus Luise werden? Unwissend, wie sie war, wußte sie nicht, was sie mit der armen Frau anfangen sollte, deren Zustand sich zu verschlimmern schien. Ihr fiel wohl ihre ehemalige Lektüre wieder ein, sie hätte Luise gern untersucht, in der Hoffnung, sich und sie selbst zu beruhigen. Aber sie sah deren Schamhaftigkeit und zögerte deshalb, ihr den Vorschlag zu machen. »Höre, meine Liebe,« sagte sie endlich, »wie wäre es, wenn du mich nachsehen ließest?«

»Du! Oh nein! Oh nein!... Du bist nicht verheiratet.«

Pauline konnte sich nicht enthalten zu lachen.

»Aber das tut nichts. Es würde mich so glücklich machen, dir Erleichterung zu verschaffen.«

»Nein, ich stürbe vor Scham, ich wagte nie, dir wieder ins Gesicht zu sehen.«

Es schlug elf Uhr, das Warten wurde unerträglich. Veronika wurde mit einer Laterne nach Verchemont geschickt mit der Weisung, in allen Gräben nachzusehen. Zweimal hatte Luise versucht, sich zu Bett zu legen, ihr brachen die Beine vor Müdigkeit; aber sie hatte sich jedesmal sofort wieder erhoben und stand jetzt aufrecht, die Arme auf die Kommode gestützt, und bewegte sich auf derselben Stelle mit einem beständigen Schaukeln der Hüften. Die Schmerzen, die als plötzliche Anfälle auftraten, folgten jetzt schnell hintereinander und verschmolzen zu einem einzigen Schmerze, dessen Heftigkeit ihr den Atem raubte. Alle Augenblicke ließen ihre tastenden Hände die Kommode los und glitten an ihren Hüften ineinander, stützten und hielten die Hinterbacken fest, als wollten sie das Gewicht, das sie zermalmte, erleichtern. Pauline, die hinter ihr stand, konnte nichts dazu tun; sie mußte sie leiden sehen, wandte den Kopf ab und stellte sich beschäftigt, sowie sie Luise den Pudermantel mit bestürzter Gebärde zusammenraffen sah in der beständigen Sorge um die Verwirrung ihres schönen, blonden Haares und die Entstellung ihres Gesichtes.

Er war Mitternacht, als ein Geräusch von Rädern das junge Mädchen hastig hinunterzusteigen veranlaßte.

»Veronika?« rief sie von der Treppe vor dem Hause aus, als sie Lazare und die Hebamme erkannte. »Seid ihr ihr nicht begegnet?« Lazare erzählte ihr, daß sie von Part-en-Bessin kämen; alles mögliche Unglück habe zusammengetroffen: Frau Bouland drei Meilen weit von dort bei einer Frau, die in den Wehen lag, weder Wagen noch Pferd, um sie zu holen, drei Meilen zu Fuß im Laufschritt zurückgelegt und Unannehmlichkeiten ohne Ende. Zum Glück hatte Frau Bouland ein Fuhrwerk.

»Aber die Frau?« fragte Pauline, »war alles vorüber, daß Frau Bouland sie verlassen konnte?«

Lazares Stimme zitterte, er sagte dumpf.

»Die Frau ist tot!«

Man trat in das Vorzimmer, das von einem auf eine Treppenstufe gestellten Licht erhellt war. Während Frau Bouland ihren Mantel aufhängte, herrschte tiefes Schweigen. Sie war eine kleine, brünette Frau, gelb wie eine Zitrone, mit einer großen, gebieterischen Nase. Sie sprach laut mit herrischer Miene, deretwegen sie von den Bauern sehr verehrt wurde.

»Wollen Sie mir gefälligst folgen, Frau Bouland«, sagte Pauline. »Ich wußte mir keinen Rat mehr, seit dem Abend hat sie nicht aufgehört zu klagen.«

In der Stube wiegte sich Luise noch immer vor der Kommode auf den Füßen. Als sie die Hebamme bemerkte, begann sie zu weinen. Diese stellte einige kurze Fragen über die Dauer, den Ort und die Beschaffenheit der Schmerzen. Dann schloß sie trocken:

»Wir werden sehen... Ich kann nichts sagen, ehe ich nicht erst die Lage festgestellt habe.«

»So wäre es also jetzt schon?« murmelte die junge Frau in Tränen. »Oh, mein Gott! Zu acht Monaten! Ich glaubte, ich hätte noch einen Monat vor mir.«

Ohne zu antworten schüttelte Frau Bouland die Kopfkissen und legte sie mitten im Bette übereinander. Lazare war mit dem linkischen Verhalten eines in dieses Niederkunftsdrama hineingeplatzten Mannes hinaufgekommen. Er hatte sich dennoch genähert, einen Kuß auf die in Schweiß gebadete Stirn seiner Frau gedrückt, die keine Empfindung für diese ermutigende Liebkosung zu haben schien.

»Vorwärts, vorwärts«, sagte die Hebamme.

Luise sandte Pauline einen bestürzten Blick zu, dessen stummes Flehen diese verstand. Sie führte Lazare mit sich fort, beide blieben auf dem Treppenabsatze stehen, ohne den Mut zum Fortgehen zu haben. Die unten gelassene Kerze erleuchtete das Treppenhaus mit der Helle einer Nachtlampe, es war von wunderlichen Schatten umrissen; und dort standen sie sich gegenüber, der eine an die Mauer, die andere an das Geländer gelehnt, unbeweglich und schweigsam. Ihre Ohren wandten sich dem Zimmer zu. Ein beständiges, leises Wimmern ertönte von dort, zweimal auch ein herzzerreißender Aufschrei! Sie meinten, daß eine Ewigkeit verstrichen sei, bis zu dem Augenblicke, in dem die Hebamme endlich öffnete. Sie wollten gerade hineingehen, als diese sie zurückdrängte, um ihrerseits herauszukommen und die Tür hinter sich zu schließen.

»Was denn?« murmelte Pauline.

Durch ein Zeichen forderte die Hebamme sie zum Hinuntergehen auf; dort unten erst, auf dem Flur, sprach sie.

»Der Fall droht ernst zu werden. Es ist meine Pflicht, die Familie davon in Kenntnis zu setzen.«

Lazare erbleichte. Ein kalter Hauch hatte sein Gesicht gestreift. Er stammelte:

»Was gibt es?«

»Das Kind kommt, soweit ich mich überzeugen konnte, mit der linken Schulter und ich fürchte sogar, daß der Arm zuerst frei wird.«

»Und?« fragte Pauline. »In solchem Falle ist die Gegenwart des Arztes unbedingt notwendig. Ich kann die Verantwortlichkeit der Entbindung nicht auf mich nehmen, besonders im achten Monat.«

Es trat ein Schweigen ein. Dann fuhr der verzweifelte Lazare auf. Wo sollte er zu dieser nächtlichen Stunde einen Arzt finden? Seine Frau würde zwanzigmal sterben, bevor er den Arzt aus Arromanches herbeigeschafft habe.

»Ich glaube nicht an eine unmittelbare Gefahr«, wiederholte die Hebamme. »Machen Sie sich sogleich auf. Ich kann nichts tun.«

Und als Pauline sie ihrerseits anflehte, im Namen der Menschlichkeit zu handeln, um wenigstens der Unglücklichen Erleichterung zu verschaffen, deren tiefe Seufzer beständig das Haus erfüllten, erklärte sie mit ihrer schroffen Stimme:

»Nein, das ist mir verboten ... Die andere in dem Dorfe da drüben ist gestorben. Ich möchte nicht, daß auch diese mir unter den Händen bleibt.«

In dem nämlichen Augenblicke ertönte aus dem Eßzimmer die weinerliche Stimme Chanteaus.

»Ihr seid da? Kommt herein!... Man sagt mir nichts. Ich warte schon seit einem Jahrhundert auf Nachricht.«

Sie traten ein. Seit dem unterbrochenen Mittagsmahl hatte man Chanteau völlig vergessen. Er war vor dem gedeckten Tische sitzen geblieben, drehte geduldig die Daumen in der schläfrigen Ergebung eines Kranken, der an langes, einsames Festgenageltsein gewohnt ist. Diese das Haus in Aufregung versetzende neue Katastrophe betrübte ihn: er hatte nicht einmal den Mut zu Ende zu essen und hielt die Augen auf den noch vollen Teller gerichtet.

»Es geht also nicht gut?« murmelte er.

Lazare zuckte wütend die Schultern. Frau Bouland, die ihre volle Ruhe beibehielt, riet ihm, keine Zeit weiter zu verlieren.

»Nehmen Sie das Fuhrwerk... Das Pferd läuft kaum. Aber in zwei Stunden, zwei und einer halben Stunde können Sie hin und zurück sein... Bis dahin werde ich wachen.«

Er faßte einen schnellen Entschluß und stürzte hinaus in der Gewißheit, bei der Rückkehr seine Frau tot vorzufinden. Man hörte ihn fluchen, auf das Pferd hauen, das den Wagen mit lautem Geräusch der Eisenbeschläge entführte.

»Was geht da vor?« fragte Ghanteau wieder, dem niemand geantwortet hatte.

Die Hebamme ging bereits hinauf und Pauline folgte ihr, nachdem sie ihrem Onkel gesagt hatte, daß es der armen Luise sehr schlecht gehe. Als sie ihm anbot, ihn zu Bett zu bringen, weigerte er sich; er bestand eigensinnig darauf, wach zu bleiben, um neues zu hören. Wenn ihn der Schlaf befalle, werde er sehr gut in seinem Lehnstuhl schlafen, in dem er ganze Nachmittage schlummerte. Kaum war er allein, so erschien Veronika mit ihrer verlöschten Laterne. Sie war wütend. Seit zwei Jahren hatte sie nicht soviel hintereinander gesprochen.

»Man hätte sagen müssen, daß sie einen andern Weg kämen. Ich habe in allen Gräben nachgesehen und bin wie ein Tier bis nach Verchemont gelaufen. Dort habe ich mich noch eine halbe Stunde mitten auf dem Wege aufgepflanzt.«

Chanteau blickte sie mit seinen schweren Augen an.

»Donnerwetter! Ihr konntet euch schwerlich begegnen.«

»Auf dem Rückwege bemerkte ich Herrn Lazare, der wie ein Toller in einem schauderhaften Wagen daherraste... Ich rufe ihm zu, daß man ihn erwarte, aber er schlägt noch stärker auf das Pferd ein, und es hat wenig gefehlt, daß er mich niederfuhr. Nein, ich habe genug von diesen Bestellungen, von denen ich nichts verstehe! Dazu ist meine Laterne noch ausgegangen.«

Sie drängte ihren Herrn; er solle fertig essen, damit sie den Tisch abräumen könne. Er hatte keinen Hunger, wollte aber trotzdem ein wenig kalten Kalbsbraten nehmen, mehr um sich zu zerstreuen. Ihn beunruhigte jetzt, daß der Abbe sein Wort nicht gehalten hatte. Warum verspricht man, den Leuten Gesellschaft zu leisten, wenn man entschlossen ist, zu Hause zu bleiben? Die Priester spielen in Wahrheit eine komische Rolle in einem Hause, wo Frauen niederkommen. Dieser Gedanke belustigte ihn, er machte sich vergnügt daran, allein zu speisen.

»Vorwärts, Herr, beeilen Sie sich«, wiederholte Veronika. »Es ist bald ein Uhr, mein Geschirr kann nicht bis morgen so herumstehen... Das ist ein verwünschtes Haus, in dem es immer neue Plackereien gibt.«

Sie fing an, die Teller abzuräumen, als Pauline von der Treppe her mit hastiger Stimme sie rief. Chanteau saß wieder vergessen vor dem Tische, ohne daß jemand herunterstieg und ihm Kunde brachte.

Frau Bouland nahm ohne Widerspruch von dem Zimmer Besitz, durchwühlte die Möbel und erteilte Befehle. Sie ließ zuerst Feuer anzünden, da ihr der Raum zu feucht schien. Dann erklärte sie, das Bett sei unbequem, zu niedrig, zu weich; als Pauline ihr sagte, daß sich auf dem Boden ein altes Gurtbett befände, ließ sie dieses durch Veronika holen, sie stellte es vor dem Kamin auf, legte am Fußende ein Brett querüber und eine einfache Matratze darauf. Dann war eine Menge Wäsche nötig, ein Tuch, das sie zum Schutze der Matratze vierfach faltete, andere Tücher, Servietten, Wischlappen, die sie auf Stühlen vor dem Feuer zum Wärmen ausbreitete. Bald nahm das Zimmer, von Wäsche angefüllt, durch das Bett versperrt, das Aussehen einer in Erwartung einer Schlacht hastig aufgestellten Ambulanz an.

Im übrigen hörte sie jetzt nicht auf zu sprechen. Sie ermahnte Luise mit soldatisch knapper Stimme, als wenn sie dem Schmerze zu befehlen habe. Pauline hatte sie mit leiser Stimme gebeten, nicht vom Arzte zu sprechen.

»Es ist nichts, meine liebe Dame. Ich hätte Sie lieber liegen sehen; da es Sie aber aufregt, gehen Sie ohne Furcht, stützen Sie sich auf mich... Ich habe Entbindungen zu acht Monaten vorgenommen, wo die Kinder größer waren als die anderen... Nein, nein, das tut Ihnen nicht so weh wie Sie denken! Wir werden Sie sogleich davon befreien, auf ein Ja und ein Nein werden Sie erlöst sein.«

Luise beruhigte sich nicht. Ihr Schreien nahm den Charakter schrecklicher Herzensangst an. Sie krampfte sich an die Möbel; für Augenblicke verrieten unverständliche Worte sogar ein wenig Phantasieren. Um Pauline zu beruhigen, erklärte die Hebamme ihr halblaut, daß die mit der Ausdehnung des Muttermundes verbundenen Schmerzen manchmal unerträglicher seien als die großen Wehen des Ausstoßens. Sie habe Fälle gesehen, wo die Vorbereitungsarbeiten beim ersten Kinde zwei Tage dauerten. Sie befürchtete den Abgang des Wassers vor der Ankunft des Arztes; denn der Eingriff, den er dann vorzunehmen genötigt sei, könne gefährlich sein.

»Es ist nicht zu ertragen,« wiederholte Luise schwer atmend, »es ist nicht zu ertragen... Ich sterbe.«

Frau Bouland hatte sich entschlossen, ihr zwanzig Tropfen Laudanum in einem halben Glase Wasser zu geben. Dann hatte sie es mit den Reibungen der Lenden versucht. Die arme Frau, welche die Kräfte verlor, überließ sich ihr noch mehr: sie drang nicht mehr darauf, daß Pauline und die Magd sich entfernten, sie verbarg ihre Blöße nur noch unter dem zugeschlagenen Pudermantel, dessen Zipfel sie in ihren gekrampften Händen hielt. Aber die durch die Reibungen erzielte Erleichterung dauerte nicht lange, und ein entsetzliches Zusammenziehen stellte sich von neuem ein.

»Wir müssen warten«, sagte Frau Bouland ruhig. »Ich vermag durchaus nichts. Man muß die Natur walten lassen.«

Sie begann ein Gespräch über das Chloroform, gegen das sie allen Widerwillen der alten Schule hatte. Wenn man sie hörte, starben die Wöchnerinnen wie die Fliegen unter den Händen der Ärzte, die dieses Mittel anwendeten. Der Schmerz war notwendig, eine eingeschläferte Frau war nie einer so guten Nachhilfe fähig wie eine wachende.

Pauline hatte das Gegenteil gelesen. Sie antwortete nicht; ihr Herz war voll Mitleid vor der Wucht des Leidens, das Luise nach und nach vernichtete und aus ihrer Anmut, ihrer blonden, zarten Lieblichkeit einen erschrecklichen Gegenstand des Erbarmens machte. Sie empfand einen Zorn gegen den Schmerz, ein Bedürfnis, ihn zu unterdrücken, das sie ihn wie einen Feind bekämpft hätte, wenn ihr die Mittel dazu bekannt gewesen wären.

Die Nacht verlief inzwischen, es war gegen zwei Uhr. Luise hatte wiederholt von Lazare gesprochen. Man log, man sagte ihr, daß er unten bleibe, da er selbst so erschüttert sei, daß er sie zu entmutigen fürchte. Übrigens hatte sie keine Vorstellung mehr von der Zeit: die Stunden verstrichen, und die Minuten wurden ihr zu Ewigkeiten. Das einzige in ihrer Erregung andauernde Gefühl galt der Unendlichkeit dieses Zustandes. Die anderen wollten sie nicht davon befreien; sie hatte eine Wut gegen die Hebamme, gegen Pauline, gegen Veronika, und beschuldigte sie nicht zu wissen, was man zu tun habe. Frau Bouland schwieg. Sie warf flüchtige Blicke auf die Stutzuhr, obgleich sie den Arzt nicht vor einer weiteren Stunde erwartete, denn sie kannte die boshafte Langsamkeit des Pferdes. Die Erweiterung ging ihrer Vollständigkeit entgegen, der Durchbruch des Wassers stand bevor, und sie überredete die junge Frau, sich niederzulegen. Dann bereitete sie dieselbe vor.

»Erschrecken Sie nicht, wenn Sie sich durchnäßt fühlen... Um des Himmels willen, rühren Sie sich nicht mehr. Ich möchte jetzt nichts überstürzen.«

Luise blieb während einiger Sekunden regungslos. Es bedurfte einer außerordentlichen Willenskraft, um den ungeregelten Stößen des Leidens zu widerstehen; ihr Übel wurde dadurch gesteigert, bald konnte sie nicht weiter kämpfen, sie sprang mit einem verzweifelten Rucke ihrer Glieder aus dem Gurtbette. In dem nämlichen Augenblicke, in dem ihre Füße den Teppich berührten, wurde ein dumpfes Geräusch, wie das Platzen eines Schlauches hörbar, ihre Beine wurden durchnäßt, und zwei große Flecke erschienen auf dem Pudermantel.

»Da haben wir es«, sagte die Hebamme und fluchte zwischen den Zähnen.

Obgleich Luise darauf vorbereitet worden war, blieb sie dennoch zitternd auf der nämlichen Stelle stehen und betrachtete diesen ihr entströmenden Fluß mit einem Entsetzen, als sehe sie den Pudermantel und Teppich mit ihrem Blute begossen. Die Flecke blieben jedoch farblos, der Fluß hatte plötzlich aufgehört, sie beruhigte sich. Man legte sie rasch nieder. Sie empfand eine so plötzliche Ruhe, ein so unerwartetes Wohlbefinden, daß sie mit heiterer, siegesbewußter Miene sagte:

»Das quälte mich. Jetzt leide ich gar nicht mehr. Ich wußte wohl, daß ich im achten Monate nicht niederkommen konnte. Es wird im nächsten Monate sein. Ihr habt alle nichts verstanden, weder die einen noch die anderen.«

Frau Bouland nickte mit dem Kopfe, sie wollte ihr diesen Augenblick der Ruhe nicht durch die Antwort verderben, daß die großen Schmerzen des Ausstoßens kommen würden. Sie unterrichtete nur Pauline mit leiser Stimme und bat sie, sich an die andere Seite des Gurtbettes zu stellen, um einen möglichen Sturz zu verhindern, falls die Wöchnerin sich wälze. Als jedoch die Schmerzen wiederkamen, versuchte Luise nicht einmal sich zu erheben: sie fand nunmehr weder Verlangen noch Kraft dazu. Bei dem ersten Wiedererwachen des Übels war ihre Haut bleifarben geworden, ihr Gesicht hatte den Ausdruck der Verzweiflung angenommen. Sie hörte auf zu sprechen, sie verschloß sich in diese endlose Qual, in der sie nunmehr auf niemandes Hilfe rechnete, fühlte sich auf die Dauer so verlassen, so elend, daß sie sofort sterben zu können wünschte. Jetzt war es nicht mehr das unwillkürliche Zusammenziehen, das ihr seit zwanzig Stunden die Eingeweide zerrissen hatte; es waren grimmige Anstrengungen ihres ganzen Wesens, Anstrengungen, die sie nicht zurückhalten konnte, ja, die sie selbst, durch ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich zu befreien, herausforderte. Der Druck ging von dem unteren Teil der Flanken aus, stieg in das Kreuz und endete an den Schamleisten in einer Art unaufhörlich erweitertem Zerreißen. Jeder Muskel des Leibes arbeitete, spannte sich um die Hüften mit spiralfederartigen Zusammenziehungen und Ausdehnungen; selbst die des Gesäßes und der Schenkel waren in Tätigkeit und schienen sie für Augenblicke von der Matratze hoch zu heben. Ein Erzittern verließ sie nicht mehr, sie wurde vom Oberkörper bis zu den Knien derart von breiten schmerzhaften Wogen erschüttert, daß man diese hintereinander unter der Haut daherrollen sah. »Das nimmt also kein Ende, mein Gott? Das nimmt also kein Ende?« murmelte Pauline.

Dieser Anblick beraubte sie ihrer gewöhnlichen Ruhe und ihres sonstigen Mutes. Sie drückte selbst nach in einem eingebildeten Bedürfnis bei jedem der Seufzer einer atemlosen Arbeiterin, mit dem die Gebärende ihre Arbeit begleitete. Die erst dumpfen Schreie wurden nach und nach lauter, schwollen zu Wehklagen der Abspannung und Ohnmacht an. Es war das die Wut, das verzweifelte Ächzen des Holzhauers, der seit Stunden mit seiner Axt auf den Ast einschlägt, ohne auch nur die Rinde durchgeschlagen zu haben.

Nach jedem Anfall klagte in den kurzen Pausen der Ruhe Luise über einen brennenden Durst. Ihre ausgetrocknete Kehle machte qualvolle Bewegungen des Erstickens.

»Ich sterbe; gebt mir zu trinken.«

Sie trank einen Schluck von leichtem Lindenblütentee, den Veronika am Feuer stehen hatte. Aber oft, wenn sie die Tasse gerade an die Lippen brachte, mußte Pauline sie ihr wieder abnehmen; ein neuer Anfall nahte, ihre Hände begannen wieder zu zittern, während das nach hinten gebeugte Gesicht dunkelrot wurde und der Hals sich bei dieser neuen, die Muskel spannenden Anstrengung mit Schweiß bedeckte.

Es stellten sich auch Krämpfe ein. Sie sprach jede Minute vom Aufstehen, um Bedürfnisse zu befriedigen, unter denen sie zu leiden behauptete.

»Verhalten Sie sich ruhig. Das ist eine Wirkung der Arbeit... Wenn Sie aus dem Bette steigen, ohne etwas zu machen, sind Sie wohl viel weitergekommen, nicht wahr?«

Um drei Uhr verhehlte Frau Bouland Pauline nicht mehr ihre Besorgnis. Es stellten sich beängstigende Anzeichen ein, besonders ein langsames Abnehmen der Kräfte. Man hätte glauben können, die Wöchnerin leide weniger, denn ihr Geschrei, ihre Anstrengungen verloren an Stärke; die Wahrheit aber war, daß die Arbeit durch die zu große Müdigkeit aufzuhören drohte. Das Phantasieren kam wieder, sie hatte sogar eine Ohnmacht. Frau Bouland benutzte diese, um sie noch einmal zu untersuchen und die Lage des Kindes besser zu erkennen.

»Es ist so, wie ich fürchte«, murmelte sie. »Hat sich das Pferd die Beine gebrochen, daß sie noch nicht kommen?«

Als Pauline ihr sagte, daß sie die Unglückliche nicht so sterben lassen könne, wurde sie aufgebracht:

»Glauben Sie, daß ich vergnügt bin? Wenn ich den Eingriff versuchte, und es fiele schlecht aus, dann würde ich eine Menge Unannehmlichkeiten auf dem Halse haben. Man geht ohnehin nicht gerade zart mit uns um!«

Als Luise wieder zur Besinnung kam, beklagte sie sich über eine Unbequemlichkeit.

»Der kleine Arm kommt durch«, fuhr Frau Bouland ganz leise fort. »Er ist ganz frei... Aber die Schulter wird nie herauskommen.«

Indes wurde die Lage um halb vier Uhr immer bedenklicher, sie war schon nahe daran, auf eigene Faust vorzugehen, als Veronika, die von der Küche heraufkam, das Fräulein in den Flur rief, um ihr zu sagen, daß der Arzt angekommen sei. Man ließ sie einen Augenblick allein bei der Wöchnerin, das junge Mädchen und die Hebamme gingen hinunter. Mitten im Hofe stammelte Lazare Flüche über das Pferd; doch als er erfuhr, daß seine Frau noch lebe, war die Rückwirkung so stark, daß er sich plötzlich beruhigte. Der Doktor stellte beim Betreten der Vortreppe bereits hastige Fragen an Frau Bouland.

»Ihr plötzliches Kommen würde sie erschrecken«, sagte Pauline auf der Treppe. »Man muß Luise erst vorbereiten.«

»Machen Sie nur schnell«, antwortete er einfach mit knappem Tone.

Pauline trat allein ein, die anderen blieben an der Tür.

»Denke dir, meine Liebe,« erklärte sie, »der Doktor hat, nachdem er dich gestern hier gesehen, etwas vermutet, er ist soeben gekommen... Du müßtest erlauben, daß er dich ansieht, da das so kein Ende nehmen will.«

Luise schien nicht zu hören. Sie rollte verzweifelt den Kopf auf dem Kissen umher. Endlich murmelte sie:

»Wie ihr wollt, mein Gott... Weiß ich jetzt? Ich lebe nicht mehr.«

Der Doktor war näher gekommen. Die Hebamme forderte Pauline und Lazare auf nach unten zu gehen: sie würde sie benachrichtigen, sie rufen, wenn man ihrer bedürfte. Sie zogen sich schweigend zurück. Unten im Eßzimmer war Chanteau vor dem noch immer gedeckten Tische eingeschlafen. Der Schlummer mußte ihn inmitten seines kleinen Abendessens überfallen haben, er hatte dieses langsam und zerstreut ausgedehnt, denn die Gabel ruhte auf dem Rande des Tellers, auf dem noch ein Rest Kalbsbraten lag. Als Pauline eintrat, mußte sie die Lampe, die kohlte und im Verlöschen war, höher schrauben.

»Wecken wir ihn nicht,« flüsterte sie, »er braucht nichts von der Sache zu erfahren.«

Sie setzte sich leise auf einen Stuhl, während Lazare unbeweglich stehen blieb. Es begann nun ein entsetzliches Warten, keiner von beiden sagte ein Wort, sie konnten nicht einmal die Bangigkeit ihrer eigenen Blicke ertragen und wandten den Kopf weg, sobald sich ihre Augen begegneten. Von oben drang kein Geräusch zu ihnen, die schwächer gewordenen Klagelaute waren nicht mehr vernehmbar, sie lauschten vergeblich und hörten nichts als das Toben ihres eigenen Fiebers. Diese tiefe, bebende Stille, diese Totenstille wurde auf die Dauer zur hauptsächlichen Ursache ihres Schreckens. Was ging vor? Warum hatte man sie hinausgeschickt? Sie hätten Geschrei, einen Kampf, etwas Lebendes, was sich noch über ihren Köpfen wehrte und tummelte, vorgezogen. Die Minuten verstrichen, und das Haus versank immer mehr in das Nichts. Endlich öffnete sich die Tür. Doktor Cazenove trat ein.

»Nun?« fragte Lazare, der sich schließlich Pauline gegenüber gesetzt hatte.

Der Doktor antwortete nicht sogleich. Das rauchige Licht der Lampe, dieser trübe Schein der langen Nachtwachen, beleuchtete schlecht sein gegerbtes Gesicht, auf dem die starken Erregungen nur die Runzeln erbleichen ließen. Als er jedoch sprach, bekundete der gebrochene Ton seiner Stimme den Kampf, der sich in seinem Innern abspielte.

»Ich habe noch nichts getan«, antwortete er. »Ich wollte nichts tun, bevor ich mich mit euch beraten habe.«

Mit einer mechanischen Bewegung strich er sich mit den Fingern über die Stirn, als wollte er dort ein Hindernis verscheuchen, einen Knoten, den er nicht lösen konnte.

»Aber es kommt uns nicht zu, eine Entscheidung zu treffen, Doktor«, sagte Pauline. »Wir legen sie in Ihre Hände.«

Er schüttelte mit dem Kopfe. Eine ungelegen kommende Erinnerung wollte ihn nicht verlassen, er erinnerte sich verschiedener Negerinnen, die er in den Kolonien entbunden, besonders eines großen Mädchens, bei dem sich das Kind auch so zuerst mit der Schulter gezeigt hatte, und das dabei geblieben war, während er es noch von einem Pack Fleisch und Knochen befreite. Für die Chirurgen der Marine gab es keine andere Möglichkeit, darin Erfahrungen zu sammeln, als wenn sie in fernen Ländern beim Ausüben vom Hospitaldienst gelegentlich Frauen ausweideten. Seitdem er sich nach Arromanches zurückgezogen, hatte er wohl auch den Beruf des Geburtshelfers ausgeübt und die Geschicklichkeit der Gewohnheit erlangt; aber dieser schwierige Fall, der ihm in diesem befreundeten Hause entgegentrat, warf ihn wieder in seine ganze frühere Zaghaftigkeit zurück. Er zitterte wie ein Anfänger, auch um seine alten Hände besorgt, denen die jugendliche Kraft fehlte.

»Ich muß euch wohl oder übel alles sagen«, begann er. »Mutter und Kind scheinen mir verloren... Vielleicht wird es noch Zeit sein, das eine oder die andere zu retten.«

Lazare und Pauline hatten sich, von dem nämlichen Schauder erstarrt, erhoben. Chanteau, von dem Geräusch der Stimmen aufgeweckt, öffnete die noch trüben Augen und hörte mit Entsetzen dem zu, was da vor ihm verhandelt wurde.

»Wen soll ich zu retten versuchen?« fragte er mit dem gleichen Erzittern wie die armen Leute, denen er diese Frage stellte. »Das Kind oder die Mutter?«

»Wen? Mein Gott?« rief Lazare. »Weiß ich es? Kann ich es wissen?«

Tränen erstickten ihn von neuem, während seine Base dieser fürchterlichen Wahl gegenüber stumm blieb.

»Versuche ich das Kind zu wenden,« fuhr der Doktor fort, laut seine Unsicherheit äußernd, »so wird es sicher als Brei herauskommen. Und ich fürchte die Mutter zu ermüden, die bereits zu lange leidet. Der Kaiserschnitt andrerseits würde das Leben des Kleinen sichern; aber der Zustand der armen Frau ist nicht so verzweifelt hoffnungslos, daß ich mich berechtigt fühle, sie zu opfern. Ich bitte euch, euch selbst darüber auszusprechen.« Das Schluchzen verhinderte Lazare zu antworten. Er hatte sein Taschentuch vorgenommen und zerknüllte es krampfhaft in dem Bemühen, wieder ein wenig zur Vernunft zu kommen. Chanteau sah noch immer verblüfft zu. Nur Pauline vermochte zu sagen:

»Warum sind Sie heruntergekommen?... Es ist schlecht, uns so zu quälen; Sie sind der einzige, der wissen und handeln kann.«

Frau Bouland kam gerade hinzu und verkündete, daß der Zustand sich verschlimmere.

»Hat man sich entschieden?... Sie wird zusehends schwächer.«

Doktor Cazenove umarmte in einer seiner jähen, die Leute außer Fassung bringenden Aufwallungen Lazare und sagte zu ihm, ihn duzend:

»Höre, ich will versuchen, sie alle beide zu retten. Wenn sie dabei bleiben, werde ich mehr Kummer als du selbst empfinden; denn ich werde es für meine Schuld halten.«

Hastig, mit der Lebhaftigkeit eines entschlossenen Mannes, besprach er die Anwendung des Chloroforms. Er hatte das Notwendige mitgebracht, aber gewisse Anzeichen ließen ihn eine Blutung befürchten, was ihn dieses Mittel förmlich widerraten ließ. Das Aussetzen und die Mattigkeit des Pulses beunruhigten ihn. Er widerstand daher dem Drängen der Familie, die, krank von diesem Leiden, das sie bereits seit vierundzwanzig Stunden teilte, ihn bat, Chloroform anzuwenden; er wurde zu dieser Weigerung noch durch die Haltung der Hebamme ermutigt, die voll Widerwillen und Geringschätzung die Schultern zuckte.

»Ich entbinde wohl an zweihundert Frauen im Jahr«, murmelte sie. »Haben diese es nötig, um sich aus der Geschichte zu ziehen?... Sie leiden, alle Welt leidet!«

»Kommt hinauf, Kinder,« begann der Doktor von neuem, »ich werde Eurer bedürfen... Und dann, ist es mir auch lieber, euch bei mir zu wissen.«

Alle verließen das Eßzimmer, als Chanteau endlich zu sprechen begann. Er rief seinen Sohn.

»Komm, umarme mich... Ach, die arme Luise! Sind solche Geschichten nicht schrecklich in einem Augenblick, wo man sie nicht erwartet. Wenn es wenigstens Tag würde!... Benachrichtige mich, wenn es zu Ende ist.«

Er blieb von neuem allein in dem Gemach zurück. Die Lampe kohlte, er schloß die Lider; von dem matten Schein des Lichtes geblendet, übermannte ihn wieder der Schlaf. Er kämpfte jedoch einige Minuten und ließ seine Blicke über das Geschirr auf dem Tische und das Durcheinander der Stühle gleiten, auf denen noch die Mundtücher hingeworfen lagen. Aber die Luft war zu schwer, das Schweigen zu erdrückend. Er unterlag, seine Lider schlössen sich wieder, den Lippen entströmten kurze, regelmäßige Atemzüge inmitten der trübseligen Unordnung dieses am vorhergehenden Abend unterbrochenen Mahles.

Oben riet Doktor Cazenove, ein großes Feuer in dem Nebengemache, dem einstigen Zimmer der Frau Chanteau, anzuzünden: man könne es nach der Entbindung nötig haben. Veronika, die bei Luise während der Abwesenheit der Hebamme gewacht, ging sofort, seinen Befehl auszuführen. Dann wurden alle Maßregeln getroffen, man legte feines Leinenzeug vor den Kamin, man brachte eine zweite Wanne, einen Kessel und Schweineschmalz auf einem Teller. Der Doktor glaubte die Gebärende benachrichtigen zu müssen.

»Mein liebes Kind,« sagte er, »beunruhigen Sie sich nicht, es ist aber unbedingt notwendig, daß ich eingreife... Ihr Leben ist uns allen teuer, und wenn auch der Kleine in Gefahr schwebt, so können wir Sie doch nicht länger so lassen... Sie erlaubten mir zu handeln, nicht wahr?« Luise schien nicht mehr zu hören. Durch die Anstrengungen, die wider ihren Willen fortdauerten, steif geworden, den Kopf nach links auf das Kissen gerollt: so lag sie da; aus ihrem offenen Munde kam ein dumpfer, fortwährender Klageton hervor, der einem Röcheln glich. Als sie die Wimpern aufschlug, starrte sie verwirrt die Zimmerdecke an, als sei sie an einem unbekannten Orte erwacht.

»Sie willigen ein?« wiederholte der Doktor.

Da stammelte sie:

»Töten Sie mich, töten Sie mich sofort!«

»Machen Sie schnell, ich flehe Sie an«, murmelte Pauline. »Wir nehmen jede Verantwortung auf uns.«

Er zögerte dennoch, indem er zu Lazare sagte:

»Ich verbürge mich für sie, wenn keine Blutung eintritt. Aber das Kind scheint mir verloren. Unter zehn tötet man neun in solchen Fällen, denn stets kommen Verletzungen, Brüche, manchmal ein vollständiges Zerquetschen vor.«

»Vorwärts, vorwärts, Doktor!« antwortete der Vater mit einer verzweifelten Gebärde.

Das Gurtbett wurde nicht für haltbar genug erklärt. Man brachte die junge Frau wieder auf das große Bett, nachdem man ein Brett zwischen die Matratzen geschoben hatte. Mit dem Kopfe nach der Wand hin, an einen Berg von Kissen gelehnt, ruhten die Lenden auf dem Rande selbst; und man spreizte die Schenkel auseinander und legte die Füße auf die Lehnen zweier kleinen Sessel.

»So ist es ganz gut«, sagte der Arzt, diese Vorbereitungen prüfend. »Wir werden gut arbeiten können, es ist sehr bequem so. Es wäre nur rätlich, sie zu halten, im Falle sie um sich schlüge.«

Luise war nicht mehr. Sie überließ sich wie eine Sache. Ihre weibliche Scham, ihr Widerwille, sich in ihren Wehen und ihrer Blöße sehen zu lassen, war von dem Leiden verscheucht, endlich verschwunden. Ohne die Kraft, auch nur einen Finger in die Höhe zu heben, hatte sie kein Bewußtsein von ihrer Blöße, noch von den sie berührenden Leuten. Sie blieb so liegen, bis an die Brust entblößt, den Bauch frei in der Luft, die Beine auseinandergespreizt, ohne auch nur zu zittern, und breitete ihre blutende und weit geöffnete Mutterschaft zur Schau aus.

»Frau Bouland wird einen Schenkel halten,« fuhr der Arzt fort, »und Sie, Pauline, müssen uns den Dienst leisten, den andern zu packen. Fürchten Sie sich nicht, drücken Sie sie fest und verhindern Sie jegliche Bewegung... Lazare würde sehr gütig sein, wenn er mir leuchten wollte.«

Man gehorchte ihm, auch für die Umgebung war diese Nacktheit verschwunden. Sie sahen nur noch das Mitleid erregende Elend, dieses Drama einer schweren Geburt, die den Gedanken an die Liebe tötete. Angesichts dieser grellen Beleuchtung war das verwirrende Mysterium von dieser so zarten Haut mit den geheimnisvollen Stellen, von diesem, mit kleinem blonden Gekräusel gelockten Vließ entschwunden, es blieb nur noch die schmerzliche Menschheit, das Gebären in Blut und Schmutz, das die Leiber der Mütter bersten läßt und die rote Spalte bis zum Entsetzen erweitert, einem Beilhiebe vergleichbar, der den Stamm öffnet und das Leben der großen Bäume herausfließen läßt.

Der Arzt sprach immer halblaut, legte seinen Überrock ab und streifte den linken Ärmel des Hemdes bis über den Ellbogen hinauf.

»Man hatte zu lange gewartet, das Einführen der Hand wird schwer fallen... Sehen Sie, die Schulter ist schon in den Mutterhals eingedrungen.«

Mitten zwischen den geschwollenen, angespannten Muskeln, den rosigen, wulstigen Schamlippen erschien das Kind. Aber es wurde dort durch das Einklemmen des Organes zurückgehalten, über das hinaus es nicht kommen konnte. Trotzdem versuchten die Anstrengungen des Leibes und der Hüften es noch herauszustoßen, selbst in ihrer Ohnmacht drängte die Mutter noch heftig nach und erschöpfte sich bei dieser Arbeit in dem mechanischen Bedürfnis, sich zu befreien; und die Wogen der Wehen stiegen noch immer nieder, eine jede begleitet von dem Schrei ihrer Hartnäckigkeit, gegen das Unmögliche zu kämpfen. Die Hand des Kindes hing aus der Schamritze. Es war eine kleine, schwarze Hand, deren Finger sich für Augenblicke öffneten und schlossen, als wolle sie sich an das Leben klammern.

»Beugen Sie den Schenkel ein wenig«, sagte Frau Bouland zu Pauline. »Es ist unnötig, sie zu ermüden.«

Doktor Cazenove hatte sich zwischen die beiden von den Frauen gehaltenen Knie gestellt. Er wandte sich um, erstaunt über die tanzenden Lichter, deren Schein ihm traf. Hinter ihm zitterte Lazare so arg, daß die Kerze in seiner Hand schwankte, als werde sie von einem heftigen Winde bewegt.

»Mein lieber Junge,« sagte er, »setzen Sie das Licht auf den Nachttisch. Ich werde dann besser sehen.«

Der Gatte, nicht imstande, weiter zuzuschauen, war am Ende des Zimmers auf einen Stuhl gesunken. Aber er bemühte sich vergebens nicht hinzusehen, er sah trotzdem immer die arme Hand des kleinen Wesens, diese Hand, die leben wollte und tastend nach einer Hilfe in dieser Welt zu suchen schien, in die sie als erste eintrat.

Da kniete der Arzt nieder. Er hatte seine linke Hand mit Schweineschmalz bestrichen und führte sie langsam ein, während er die rechte auf den Leib legte. Er mußte den kleinen Arm zurückschieben, ihn wieder ganz hineindrängen, damit die Finger des Operateurs vorbeikommen konnten, und dieses war der gefährlichste Teil der Verrichtung. Die Finger in einem Winkel vorgestreckt, drangen endlich langsam, mit leichter, drehender Bewegung vor, welche die Einführung der Hand bis zum Gelenk erleichterte. Sie versank immer tiefer, sie rückte weiter vor, suchte die Knie, dann die Füße des Kindes; während die andere Hand sich noch fester auf den Unterleib legte und so der inneren Arbeit nachhalf. Aber man bemerkte nichts von dieser Verrichtung, es war weiter nichts vorhanden, als dieser im Körper verschwundene Arm.

»Fräulein ist sehr gelehrig«, bemerkte Frau Bouland. »Manchmal bedarf es starker Männer, um sie zu halten.«

Pauline preßte in mütterlichem Gefühl den armen Schenkel an sich, den sie vor Angst beben fühlte.

»Habe Mut!« flüsterte sie ihrerseits.

Tiefes Schweigen herrschte. Luise hätte nicht sagen können, was man mit ihr vornahm, sie empfand nur eine wachsende Bangigkeit, ein Gefühl des Losreißens. Und Pauline erkannte das schlanke Mädchen mit den feinen Zügen und dem zarten Liebreiz in diesem quer über das Bett liegenden gekrümmten Geschöpf mit dem von Schmerzen entstellten Gesicht nicht wieder.

Schleim war zwischen den Fingern des Operateurs hindurchgeflossen und hatte den goldigen Flaum beschmutzt, der die weiße Haut beschattete. Einige Tropfen schwarzen Blutes flössen in eine Falte des Fleisches und fielen dann nacheinander auf die Linnen, die man über die Matratze gebreitet hatte.

Luise fiel in eine neue Ohnmacht, sie schien tot, und die Arbeit der Muskel hörte beinahe vollkommen auf.

»Mir ist das lieber«, sagte der Arzt, den Frau Bouland davon in Kenntnis setzte. »Sie zerquetschte mir fast die Hand, ich wäre zum Herausziehen genötigt gewesen, so unerträglich wurde der Schmerz... Ach! Ich bin nicht mehr jung! Es wäre sonst schon beendet.«

Seit einem Augenblick hatte seine linke Hand die Füße erfaßt und leitete sie sanft, um die Wendungsbewegung auszuführen. Ein Halt trat ein, er mußte den Unterleib mit der rechten Hand pressen. Die andere kam ohne Erschütterung zum Vorschein, erst das Gelenk, dann die Finger. Alle fühlten eine Erleichterung. Cazenove stieß einen Seufzer aus, seine Stirn war in Schweiß gebadet, sein Atem keuchte wie nach einer heftigen Leibesübung.

»So weit wären wir, ich glaube, es wird gut gehen, das kleine Herz schlägt noch. Aber wir haben das Bürschchen immer noch nicht.«

Er war aufgestanden und heuchelte ein Lachen. Er verlangte lebhaft warme Leintücher von Veronika. Während er sich die Hand wusch, die beschmutzt und blutig war wie die eines Schlächters, wollte er dem in den Stuhl zusammengeknickten Gatten Mut einflößen.

»Es ist gleich zu Ende, mein Lieber. Ein bißchen Hoffnung, zum Teufel!«

Lazare rührte sich nicht. Frau Bouland, die Luise aus der Ohnmacht erweckte, indem sie ihr ein Fläschchen Äther unter die Nase hielt, beunruhigte sich besonders darüber, daß die Wehen aufgehört hatten. Sie sprach mit leiser Stimme zum Doktor davon, der laut antwortete:

»Ich erwarte es. Ich muß ihr helfen.«

Er wandte sich an die Wöchnerin.

»Unterdrücken Sie nichts, lassen Sie Ihre Schmerzen zur Geltung kommen. Wenn Sie mir etwas beistehen, sollen Sie sehen, wie gut alles geht.«

Aber sie machte eine Bewegung, als wollte sie sagen, daß sie keine Kräfte mehr habe. Man hörte sie kaum stammeln: »Ich fühle keinen Teil meines Körpers mehr.«

»Armes Herz«, sagte Pauline, sie küssend. »Du bist am Ende deiner Qualen.«

Der Doktor war von neuem niedergekniet. Die beiden Frauen hielten wieder die Beine, während Veronika ihm lauwarme Wäsche reichte. Er hatte die kleinen Füße eingewickelt und zog langsam, mit sanftem, beständigem Anziehen, und seine Finger drangen im Verhältnis herauf, wie das Kind herauskam, er faßte es bei den Knöcheln, den Waden, den Knien, und so an jedem Teil, der zum Vorschein kam. Als die Hüften da waren, vermied er jeden Druck auf den Leib, er umspannte die Seiten und drückte mit beiden Händen auf die Leisten. Der Kleine rückte immer mehr vorwärts und erweiterte die Wulst des rosigen Fleisches zu einer wachsenden Spannung. Aber die bis dahin fügsame Mutter widersetzte sich plötzlich bei den sie neu überkommenden Schmerzen. Das war nicht mehr ein Drängen, ihr ganzer Körper wurde erschüttert, ihr war, als spalte man sie mit einem schweren Schlachtmesser, wie sie die Ochsen im Fleischerladen hatte zerteilen gesehen. Sie empörte sich mit solcher Gewalt, daß sie ihrer Base entschlüpfte und das Kind den Händen des Arztes entglitt.

»Achtung!« rief er. »Verhindert sie doch sich zu rühren... Wenn die Nabelschnur nicht zusammengepreßt worden ist, haben wir gute Aussichten.«

Er hatte den kleinen Körper wieder erfaßt, er beeilte sich die Schultern frei zu machen und führte die Arme einen nach dem andern heraus, damit das Volumen des Kopfes nicht vermehrt würde. Aber das krampfhafte Aufspringen der Wöchnerin war ihm unbequem, er hielt aus Furcht vor einer Quetschung jedesmal inne. Die beiden Frauen strengten vergebens alle Kräfte an, sie auf dem Schmerzenslager festzuhalten; sie schüttelte und hob sich mit einer unwiderstehlichen Steifung des Genickes in die Höhe. Bei dem Umsichschlagen gelang es ihr das Holz der Bettstelle zu erfassen, von dem man sie nicht wieder loszureißen vermochte; sie stemmte sich dagegen und drängte heftig die Füße auseinander in dem beständigen Gedanken, sich von diesen sie quälenden Leuten zu befreien. Das war ein wirklicher Wutanfall, entsetzliches Schreien in dem Gefühl, daß man sie morde, indem man sie von den Hüften bis zum Leibe vierteile.

»Es steckt nur noch der Kopf innen«, sagte der Arzt, dessen Stimme zitterte. »Ich wage ihn bei diesen fortwährenden Stößen nicht zu berühren. Da die Wehen wieder eingetreten sind, wird sie sich zweifellos selbst befreien. Warten wir ein wenig.«

Er mußte sich setzen. Frau Bouland wachte, ohne die Mutter frei zu geben, über das Kind, das zwischen den blutenden Schenkeln ruhte, noch am Halse und wie erstickt zurückgehalten. Die kleinen Glieder rührten sich schwach, dann hörten auch diese Bewegungen auf. Man wurde von neuem von Furcht ergriffen, der Arzt suchte die Zusammenziehungen hervorzurufen, um die Geschichte zu beschleunigen. Er stand auf und vollführte einige Pressungen auf den Leib der Gebärenden. Es traten einige entsetzliche Augenblicke ein, die Unglückliche schrie immer heftiger, je weiter der Kopf zum Vorschein kam und das Fleisch, das sich zu einem breiten, weißlichen Ringe rundete, fortstieß. Unten, zwischen den beiden gewaltsam ausgedehnten und klaffenden Höhlungen, wölbte und spannte sich die zarte Haut so entsetzlich, daß man einen Riß befürchtete. Unrat spritzte heraus, das Kind fiel nach einer letzten Anstrengung inmitten eines Regens von Blut und unsauberem Wasser heraus.

»Endlich!« sagte Cazenove. »Das Kind kann sich rühmen können, nicht gerade angenehm zur Welt gekommen zu sein.«

Die Erregung war so groß, daß sich niemand um das Geschlecht bekümmert hatte.

»Es ist ein Knabe, Herr«, verkündete Frau Bouland dem Gatten.

Lazare brach, den Kopf gegen die Mauer gewandt, in Schluchzen aus. Er war von einer ungeheuren Verzweiflung erfaßt, von dem Gedanken, daß es besser sei, alle stürben, als daß sie noch weiter nach solchen Leiden lebten. Dieses neugeborene Wesen betrübte ihn zu Tode.

Pauline hatte sich über Luise gebeugt, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu drücken.

»Komm, umarme sie«, sagte sie zu ihrem Vetter.

Er kam näher und beugte sich über sie. Es packte ihn jedoch ein neuer Schauer bei der Berührung dieses von kaltem Schweiße bedeckten Gesichtes. Seine Frau lag ohne einen Atemzug da, ihre Augen waren geschlossen. Er brach zu Füßen des Bettes wieder in Schluchzen aus, den Kopf abermals an die Mauer gelehnt.

»Ich glaube, es ist tot«, murmelte der Doktor. »Binden Sie schnell die Schnur ab.«

Das Kind hatte bei seiner Geburt nicht jenes schrille Gewinsel ausgestoßen, das von einem dumpfen Gegurgel begleitet, den Eintritt der Luft in die Lungen verkündet. Es war von einer bläulichen, an manchen Stellen blassen Schwärze, klein für seine acht Monate, mit einem Kopf von außerordentlicher Größe.

Frau Bouland schnitt und band mit flinken Händen die Schnur ab, nachdem sie vorher noch eine kleine Menge Blut hatte ausfließen lassen. Das Kind atmete noch immer nicht, die Schläge des Herzens blieben unmerklich.

»Es ist aus«, erklärte Cazenove. »Vielleicht könnte man noch Reibungen und Einatmungen versuchen; aber ich glaube, es ist verlorene Zeit... Und dann ist die Mutter da, der es sehr nottut, daß ich an sie denke.«

Pauline hörte zu.

»Geben Sie es mir«, sagte sie. »Ich will sehen. Wenn es nicht atmen sollte, wird es nur deshalb nicht sein, weil mir mein Atem ausgeht.«

Sie trug es in das Nebenzimmer, zugleich mit der Flasche Branntwein und einigen Leinen.

Neue, jedoch viel schwächere Schmerzen rissen Luise aus ihrer Erschlaffung. Das waren die letzten der Nachgeburt. Als der Doktor beim Ausstoßen der Nachgeburt durch Ziehen an der Schnur behilflich gewesen war, hob die Hebamme sie in die Höhe, um die Tücher hervorzuziehen, die eine Flut dicken Blutes gerötet hatte. Dann streckten beide sie aus, trennten die gesäuberten Schenkel durch ein leinenes Tuch, umwickelten den Leib mit einer leinenen Binde. Die Furcht vor einer Blutung quälte den Arzt noch immer, obgleich er sich vergewissert hatte, daß kein Blut mehr im Innern zurückgeblieben und die verlorene Menge ungefähr normal gewesen war. Andererseits schien ihm die Nachgeburt vollständig, aber die Schwäche der Wöchnerin und besonders der sie bedeckende kalte Schweiß war höchst beunruhigend. Sie rührte sich nicht mehr; bleich wie Wachs lag sie bis an das Kinn in die Decken gehüllt, die sie nicht erwärmten.

»Bleiben Sie«, sagte der Arzt zur Hebamme, ohne Luisens Puls frei zu geben. »Ich selbst gehe nicht eher fort, als bis ich vollkommen beruhigt bin.«

Auf der andern Seite des Flurs kämpfte Pauline in der früheren Stube der Frau Chanteau gegen die wachsende, todesähnliche Ohnmacht des kleinen, armseligen Wesens, das sie dorthin getragen hatte. Sie hatte es eilig auf einen Stuhl vor das Feuer gelegt und rieb es nun, auf den Knien liegend, mit einem in Alkohol getauchten Leinentuche mit einer Ausdauer, die sie nicht einmal den Krampf fühlen ließ, der nach und nach ihren Arm steif machte. Der Kleine war so schwächlich, von einer so jämmerlichen Zartheit, daß es ihre hauptsächlichste Furcht war, ihn durch starkes Reiben vollends zu töten. Daher hatte auch diese hin und her gleitende Bewegung eine liebkosende Sanftheit, das beständige Streifen eines Flügels. Sie wandte das Kind vorsichtig um und versuchte, jedes der kleinen Glieder in das Leben zurückzurufen. Aber es rührte sich noch immer nicht. Das Reiben erwärmte es zwar ein wenig, die Brust jedoch blieb hohl, noch hob sie kein Atemzug. Es schien im Gegenteil blauer zu werden.

Da preßte sie ohne einen Widerwillen gegen dieses weiche, kaum gewaschene Gesicht ihren eigenen auf den kleinen regungslosen Mund. Langsam, anhaltend blies sie ihren Atem hinein, ihn nach der Kraft der engen Lunge abmessend, in welche die Luft nicht hatte eindringen können. Erst als sie selbst zu ersticken drohte, hielt sie einige Sekunden inne; dann begann sie von neuem. Das Blut stieg ihr zu Kopfe, die Ohren begannen ihr zu sausen, und ein Anfall von Schwindel erfaßte sie. Aber sie ließ nicht nach, sie gab so eine halbe Stunde hindurch ihren Atem hin, ohne durch den geringsten Erfolg ermutigt zu werden. Wenn sie Atem holte, hatte sie nur den Geschmack einer Fadheit des Todes. Sie hatte ganz, ganz sachte vergeblich gesucht, die Seiten sich bewegen zu lassen, indem sie mit ihren Fingerspitzen darauf drückte. Nichts wollte anschlagen. Jeder andere würde diese unmöglichen Erweckungsversuche eingestellt haben. Sie aber handelte mit der hartnäckigen Verzweiflung einer Mutter, die das schlecht aus ihrem Leibe hervorgegangene Kind vollends zum Leben bringen will. Es sollte leben, und sie fühlte endlich den armen Körper sich rühren, an dem kleinen Munde unter dem ihren ein leichtes Erzittern.

Seit fast einer Stunde hielt sie die Angst dieses Kampfes in diesem Zimmer fest; sie vergaß alles. Das schwache Anzeichen des Lebens, diese kurze Bewegung an ihren Lippen gab ihr von neuem Mut. Sie begann die Reibung abermals, fuhr mit dem Einflößen ihres Atems von Minute zu Minute fort und wechselte mit beidem; sie gab sich selbst in Barmherzigkeit hin. Es war dies ein wachsendes Bedürfnis zu siegen, Leben zu machen. Einen Augenblick glaubte sie sich getäuscht zu haben, denn ihre Lippen preßten sich immer nur auf unbewegliche Lippen. Dann überzeugte sie sich abermals von einem neuen, flüchtigen Zusammenziehen. Nach und nach trat die Luft ein, sie wurde ihr genommen und wiedergegeben. Unter ihrer Brust glaubte sie die Schläge des Herzens sich regeln zu hören. Ihr Mund ließ den kleinen Mund nicht mehr los, sie teilte, lebte mit diesem kleinen Wesen, sie beide hatten in diesem Wunder der Auferstehung nur noch einen Atem, einen langsamen, anhaltenden Atem, der von dem einen zu der andern überging wie eine gemeinsame Seele. Käsiger Schleim beschmutzte ihre Lippen, aber die Freude, das Kind gerettet zu haben, ließ keinen Ekel aufkommen: sie atmete jetzt eine warme Herbigkeit von Leben ein, die sie berauschte. Als es endlich zu schreien begann und einen schwachen Klagelaut ausstieß, rutschte sie von dem Lehnstuhle auf den Boden, bis ins Innerste bewegt.

Das mächtige Feuer loderte hoch auf und erfüllte das Gemach mit einer lebhaften Helle. Pauline blieb auf dem Fußboden vor dem Kinde liegen, das sie bisher noch nicht betrachtet hatte. Wie gebrechlich war es! Was für ein kaum geformtes Geschöpf eben! Eine letzte Empörung packte sie, ihre Gesundheit lehnte sich gegen diesen elenden Sohn auf, den Luise Lazare geschenkt. Sie ließ einen verzweifelten Blick über ihre Hüften, ihren jungfräulichen, erzitternden Leib gleiten. Zwischen ihren breiten Hüften würde ein kräftiger, starker Sohn Platz gehabt haben. Ein ungeheurer Kummer über ihr verfehltes Dasein, ihre unfruchtbar schlummernde Weiblichkeit überkam sie. Der Anfall, der sie in der Hochzeitsnacht der anderen schier getötet hatte, kam wieder. Gerade am Morgen hatte sie sich von dem verlorenen Fluß der Befruchtung blutbefleckt erhoben. Selbst jetzt, nach den Erregungen dieser schrecklichen Nacht, fühlte sie ihn unter sich wie ein nutzloses Wasser dahinfließen. Sie würde nie Mutter werden; sie hätte gewünscht, daß alles Blut ihres Körpers so fortgehe, da sie ja doch aus ihm kein Leben erzeugen konnte. Wozu nützten ihre kräftige Reife, ihre vor Saft strotzenden Organe und Muskel, der mächtige Duft, der ihrem Fleische entströmte, dessen Kraft in brauner Blütenpracht sich entfaltete? Sie sollte einem unbebauten Felde gleichen, das unbeachtet verdorrt. Statt dieser beklagenswerten Fehlgeburt, die gleich einem nackten Wurm auf dem Lehnstuhle lag, sah sie den kräftigen Jungen, der ihrer Ehe entsprossen wäre. Sie konnte sich nicht trösten und beweinte das Kind, das sie nie gebären sollte.

Aber das arme Wesen winselte noch immer. Es bewegte sich, sie befürchtete, es könnte herunterfallen. Da erwachte angesichts so großer Häßlichkeit und Schwäche die barmherzige Liebe wieder in ihr. In dem Vergessen ihrer selbst fuhr sie fort, ihm die erste Pflege angedeihen zu lassen, sie nahm es auf ihre Knie, noch bewegt von den Tränen, in die sich das Bedauern über ihre Mutterschaft und das Mitleid mit dem Elend aller Lebenden mischte.

Frau Bouland, die benachrichtigt worden, kam, um ihr beim Waschen des Neugeborenen behilflich zu sein. Sie hüllten ihn zuerst in ein lauwarmes Tuch, dann kleideten sie ihn an und legten ihn auf das Bett im Zimmer, bis die Wiege hergerichtet war. Die Hebamme, erstaunt den Knaben am Leben zu finden, hatte ihn sorgfältig untersucht; sie sagte, ihr scheine er wohlgebaut, aber man werde Mühe haben, ihn großzuziehen, so schwächlich sei er. Dann eilte sie wieder zu Luise, die noch in großer Gefahr schwebte.

Als Pauline sich bei dem Kinde niederließ, kam Lazare, von dem Wunder in Kenntnis gesetzt, ebenfalls hinzu.

»Komm, sieh ihn dir an«, sagte sie sehr gerührt.

Er näherte sich zitternd, konnte jedoch die Worte nicht zurückhalten:

»Mein Gott, du hast ihn in dieses Bett gelegt?«

Schon an der Tür hatte ein Zittern ihn überfallen. Dieses verlassene, noch von der Trauer düstere Gemach, das man nur selten betrat, fand er warm, erleuchtet, durch das Knistern des Feuers erheitert. Die Möbel waren an dem nämlichen Platze geblieben, die Pendeluhr zeigte noch immer sieben Uhr siebenunddreißig Minuten; niemand hatte seit dem Tode seiner Mutter dort gehaust. Indem nämlichen Bette, in dem sie ausgehaucht, in diesem heiligen, gefürchteten Bette, sah er sein Kind wiedergeboren; es verschwand zwischen den weiten Tüchern.

»Ist dir das zuwider?« fragte Pauline erstaunt.

Er verneinte mit dem Kopfe, er konnte nicht sprechen, so würgte ihn die Bewegung. Endlich stammelte er:

»Es kommt, weil ich an Mama denken muß... Sie ist von uns gegangen; und ein anderer ist gekommen, der wie sie dahingehen wird. Warum ist er gekommen?«

Ein Schluchzen schnitt ihm die Worte ab. Die Furcht und sein Widerwille vor dem Leben brachen trotz seiner Bemühungen, sie zum Schweigen zu bringen, seit Luisens fürchterlicher Entbindung wieder hervor. Als er seinen Mund auf die runzelige Stirn des Kindes gedrückt hatte, wich er zurück, denn ihm war, als gebe der Schädel unter seinen Lippen nach. Angesichts dieses von ihm so zerbrechlich in das Dasein geschleuderten Geschöpfes brachten Gewissensbisse ihn zur Verzweiflung.

»Beruhige dich«, begann Pauline, um ihm wieder Mut zu machen. »Wir werden einen kräftigen Jungen aus ihm machen... Es hat nichts zu sagen, daß er klein geboren ist!«

Er schaute sie an, und in seiner Verwirrung entströmte ein vollständiges Bekenntnis seinem Herzen.

»Auch sein Leben verdanken wir wieder dir... Ich soll dir also ewig verpflichtet sein?«

»Mir!« antwortete sie, »ich habe nur getan, was die Hebamme getan haben würde, wenn sie allein gewesen wäre.«

Er gebot ihr mit einer Bewegung Schweigen.

»Hältst du mich für schlecht genug, nicht zu verstehen, daß ich dir alles schulde?... Seit deinem Eintritt in dieses Haus hast du nicht aufgehört, dich zu opfern. Ich spreche nicht mehr von deinem Gelde, aber du liebtest mich noch, als du mich Luisen gabst... Das weiß ich jetzt. Wenn du ahnen könntest, wie ich mich schäme, wenn ich dich ansehe und mich an alles erinnere! Du hättest dir die Adern geöffnet; du warst stets gut und heiter, selbst an den Tagen, an denen ich dir das Herz brach. Ach, du hattest recht: es gibt nur Heiterkeit und Güte, alles andere ist nichts weiter als ein böser Traum.«

Sie versuchte ihn zu unterbrechen, aber er fuhr mit lauterer Stimme fort:

»Wie dumm waren doch diese Verleugnungen, diese Prahlereien, alle die schwarzen Gedanken, die ich aus Furcht und aus Eitelkeit hegte. Ich allein habe unser Leben schlecht gestaltet, das deine, das meine, jenes der Familie... Ja, du allein warst klug. Das Dasein gestaltet sich so leicht, wenn das Haus in guter Laune ist und die einen für die anderen leben! Wenn die Welt vor Elend vergeht, mag sie es wenigstens vergnügt tun und mit sich selbst Mitleid haben.«

Sein heftiges Reden rief bei ihr ein Lächeln hervor; sie ergriff seine Hände.

»Beruhige dich... Wenn du erkennst, daß ich recht habe, bist du schon gebessert, und alles wird gut gehen.«

»Ach ja, gebessert! Ich sage es in diesem Augenblicke, weil ich Stunden habe, wo die Wahrheit trotz allem hervorbricht. Ändert man sich?... Nein, es wird nicht besser, im Gegenteil: schlechter. Du weißt es ebenso gut wie ich... Meine Dummheit macht mich so wütend!«

Sie zog ihn sanft an sich und sagte in ernstem Tone:

»Du bist weder dumm noch schlecht, du bist unglücklich... Umarme mich, Lazare.«

Sie wechselten angesichts dieses armen Kleinen, der eingeschlummert zu sein schien, einen Kuß; es war ein geschwisterlicher Kuß, in dem nicht mehr das jähe Verlangen brannte, von dem sie noch am Tage vorher geglüht hatten.

Der Morgen brach herein, ein grauer Morgen von großer Milde. Cazenove kam, um das Kind zu besichtigen; er staunte, es in einem so guten Zustande zu sehen. Er war der Ansicht, daß man es wieder in das Zimmer zurücktrage, da er für Luise nunmehr zu bürgen zu können glaubte. Als man der Mutter den Kleinen reichte, hatte sie ein mattes Lächeln. Dann schloß sie die Augen und verfiel in einen tiefen, erquickenden Schlummer, der die Genesung der Wöchnerinnen bringt. Man hatte die Fenster ein wenig geöffnet, um den Blutgeruch zu vertreiben; eine köstliche Frische und ein Hauch des Lebens stieg aus der hohen Flut herauf. Alle standen matt und glücklich vor dem Bett, in dem sie schlief. Endlich entfernten sie sich mit gedämpften Schritten und ließen nur Frau Bouland bei ihr zurück.

Der Arzt ging trotzdem erst gegen acht Uhr fort. Er war sehr hungrig, auch Lazare und Pauline fielen fast vor Erschöpfung um; Veronika mußte ihnen Milchkaffee und einen Eierkuchen bereiten. Unten fanden sie von allen vergessen Chanteau in seinem Lehnstuhl schlafen. Nichts hatte sich gerührt, das Gemach nur war von dem scharfen Qualme der Lampe verpestet, die noch rauchte. Pauline bemerkte lächelnd, daß der Tisch, auf dem die Gedecke liegen geblieben waren, schon bereitet sei. Sie fegte die Krümel ab und machte wieder ein wenig Ordnung. Da Kaffee und Milch auf sich warten ließen, fielen sie über das kalte Kalbfleisch her, wobei sie schon über die durch die schreckliche Entbindung unterbrochene Mahlzeit zu scherzen vermochten. Jetzt, da die Gefahr vorüber war, fanden sie eine kindliche Heiterkeit wieder.

»Ihr könnt es mir glauben, wenn ihr wollt,« wiederholte Chanteau entzückt, »aber ich schlief, ohne zu schlafen. Ich war wütend, daß keiner herunterkam und mir Nachricht gab, und war trotzdem nicht unruhig, denn mir träumte, daß alles gut gehe.«

Seine Freude verdoppelte sich, als der Abbé Horteur erschien, der nach seiner Messe herbeigelaufen kam. Er scherzte tüchtig:

»Was ist denn geschehen? Sie lassen mich so ohne weiteres im Stich?... Sie haben wohl Furcht vor Kindern.«

Um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, erzählte der Priester, daß er eines Abends auf der Straße eine Frau entbunden und das Kind getauft habe. Dann nahm er ein Gläschen Curaçao an.

Heller Sonnenschein vergoldete den Hof, als sich der Doktor endlich verabschiedete. Als Lazare und Pauline ihn begleiteten, fragte er letztere ganz leise:

»Sie reisen heute nicht?«

Sie schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie die großen, träumerischen Augen auf, und diese schienen in die Weite, in die Zukunft zu sehen.

»Nein«, antwortete sie. »Ich muß abwarten.«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.