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Die Lebensfreude

Emile Zola: Die Lebensfreude - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Zola
titleDie Lebensfreude
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XII
year1924
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110604
projectidb3f0b64c
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Neuntes Kapitel.

Und die Tage flossen von neuem in dem Hause zu Bonneville dahin. Einem sehr kalten Winter war ein regnerischer Frühling gefolgt; das von den Platzregen gepeitschte Meer glich einem schmutzigen See; dann hatte sich der Sommer bis in die Mitte des Herbstes mit einer schwerfälligen Sonne hinein verzögert, welche die blaue Unendlichkeit unter ihrer erdrückenden Hitze einschläferte. Darauf war es wieder Winter geworden, ein Frühling und noch ein Sommer vergingen Minute für Minute im nämlichen Schritte im abgemessenen Verlaufe der Stunden.

Pauline fand ihre tiefe Ruhe wieder, als habe sich ihr Herz nach dieser uhrförmigen Bewegung geregelt. Eingewiegt durch die Regelmäßigkeit der Tage, in immer wiederkehrenden Beschäftigungen sich bewegend, gelangte sie dahin, daß ihre Leiden in einer tiefen Betäubung schlummerten. Sie kam des Morgens herunter, küßte ihren Onkel, hatte mit der Magd die nämliche Unterhaltung wie am Tage vorher; sie setzte sich zweimal zu Tische, plauderte am Nachmittag und legte sich des Abends frühzeitig schlafen, und am folgenden Morgen begann der Tag von vorne, ohne daß ein unerwartetes Ereignis diese Einförmigkeit unterbrach. Chanteau, immer mehr von der Gicht festgebunden, war mit seinen angeschwollenen Beinen und unförmigen Händen stumm, wenn er nicht heulte, in die Glückseligkeit seiner schmerzfreien Augenblicke versunken. Veronika, die ihre Sprache verloren zu haben schien, verfiel in eine finstere Maulhängerei. Nur die sonnabendlichen Mahlzeiten brachten eine Abwechslung in diese Stille. Cazenove und der Abbé Horteur stellten sich pünktlich zum Essen ein; man hörte bis gegen zehn Uhr Stimmen, dann klapperten die Holzschuhe des Priesters über das Pflaster des Hofes, während der Wagen des Arztes beim schwerfälligen Trabe des alten Pferdes davonrollte. Selbst Paulinens Heiterkeit war ruhiger geworden, diese tapfere Heiterkeit, die sie inmitten all dieser Qualen sich bewahrt hatte. Ihr volltönendes Lachen erfüllte nicht mehr die Treppe und die Zimmer; aber sie blieb die Geschäftigkeit und Güte des Hauses; sie brachte jeden Morgen einen neuen Mut zum Leben mit. Nach Verlauf eines Jahres schlief ihr Herz, sie konnte glauben, daß die Stunden nunmehr so einförmig und sanft dahinfließen würden, ohne daß etwas in ihr das schlummernde Leid wieder erwecken könne.

In den ersten Zeiten nach Lazares Abreise hatte jeder seiner Briefe sie verwirrt. Sie lebte nur durch diese Briefe, erwartete sie mit Ungeduld, las sie wiederholt, ging über die geschriebenen Worte hinaus bis zu Dingen, die sie gar nicht besagten. Drei Monate lang kamen sie regelmäßig, sie trafen alle vierzehn Tage ein, waren sehr lang, voller Einzelheiten, von Hoffnung überfließend. Lazare flammte noch einmal auf, stürzte sich in die Geschäfte und träumte sogleich von einem unermeßlichen Vermögen. Wenn man ihn hörte, warf die Versicherungsgesellschaft einen ungeheuren Nutzen ab; er wollte sich nicht damit begnügen; schon häufte er Geschäfte auf Geschäfte und zeigte sich von der finanziellen und der Geschäftswelt entzückt, alles waren Leute von sehr angenehmem Umgang, die er als Dichter so töricht beurteilt zu haben sich beschuldigte. Sodann war er unerschöpflich über die Freuden seiner Ehe, erzählte verliebte Neckereien von seiner Frau, von geraubten Küssen, gespielten Schabernacken, kurz: er kramte sein Glück aus, um der zu danken, die er »meine teure Schwester« nannte. Diese Einzelheiten, diese vertraulichen Stellen waren es, die in Paulinens Fingern ein leichtes Fieber erregten. Sie wurde fast betäubt von dem Liebesduft, der dem Papier entströmte, einem Duft von Heliotrop, dem Lieblingsparfüm Luisens. Dieses Papier hatte bei ihrer Wäsche gelegen: sie schloß die Augen, sah die Zeilen flammen, die Sätze sich vervollständigen und sah sich selbst in die engste Vertraulichkeit mit deren Honigmond gebracht. Aber nach und nach wurden die Briefe seltener und kürzer, ihr Vetter hörte auf, von den Geschäften zu sprechen, und begnügte sich, ihr die Grüße seiner Frau zu bestellen. Übrigens gab er keine Erklärungen, er hörte einfach auf, alles zu sagen. War er mit seiner Stellung unzufrieden, und stieß ihn die Geldwelt bereits ab? War das Glück der Häuslichkeit durch Mißverständnisse in Gefahr gebracht? Das junge Mädchen war auf Vermutungen angewiesen, sie beunruhigte sich über die Langeweile, die Hoffnungslosigkeit, die sie aus den wenigen, fast wie widerwillig gesandten Worten herausfühlte. Gegen Ende April erhielt sie nach sechswöchentlichem Schweigen ein Briefchen von nur vier Zeilen, in dem sie las, daß Luise seit drei Monaten guter Hoffnung war. Dann begann das Schweigen wieder, sie bekam keine weiteren Nachrichten.

Mai und Juni verstrichen noch in dieser Weise. Eine Flut zerbrach eine der Verpfählungen; das war ein verdrießlicher Vorfall, von dem noch lange Zeit gesprochen wurde; ganz Bonneville spottete, Fischer stahlen die losgerissenen Balken. Es folgte eine zweite Geschichte: die kaum dreizehn und ein halbes Jahr alte Gonin wurde von einem Mädchen entbunden; und man war nicht einmal sicher, ob das Kind vom jungen Cuche war, denn man hatte sie auch mit einem alten Manne gesehen. Dann kehrte die Ruhe zurück, das Dorf lebte am Fuße des Abhangs gleich einer der zähen Vegetationen des Meeres. Im Juli mußten die Mauer der Terrasse und ein ganzer Giebel des Hauses ausgebessert werden. Als die Maurer einen ersten Hieb mit der Haue geführt hatten, drohte das übrige auch einzustürzen. Sie blieben den ganzen Monat, die Rechnungen beliefen sich fast auf zehntausend Franken.

Pauline bezahlte noch immer. Ein neues Loch entstand in ihrer Kommode, ihr Vermögen war auf vierzigtausend Franken eingeschmolzen. Übrigens kam sie mit ihren dreihundert Franken monatlicher Zinsen reichlich im Hause aus, aber sie hatte sich noch zum weiteren Verkauf von Werttiteln entschließen müssen, um das Geld ihres Oheims nicht schlecht anzulegen. Wie ehemals seine Frau, so sagte er ihr jetzt, daß man eines Tages Abrechnung halten werde. Sie würde alles gegeben haben, ihr Geiz hatte sich in dem langsamen Aufbröckeln ihres Erbteils abgenutzt; sie kämpfte nur noch, um die Pfennige für ihre Almosen zu retten. Die Furcht, ihre sonnabendlichen Verteilungen einstellen zu müssen, machte sie untröstlich, denn das war ihre größte Freude der ganzen Woche. Seit dem letzten Winter hatte sie angefangen, Strümpfe zu stricken, alle Kinder im Dorfe hatten jetzt warme Füße.

Als eines Morgens gegen Ende Juli Veronika gerade den von den Maurern zurückgelassenen Schutt auffegte, erhielt Pauline einen Brief, der sie außer Fassung brachte. Dieser Brief kam aus Caen und enthielt nur wenige Worte. Lazare kündigte ihr ohne irgendwelche nähere Erklärung an, daß er am selben Abend in Bonneville eintreffen werde. Sie lief mit dieser Nachricht schnell zu ihrem Onkel. Beide schauten sich an. In Chanteaus Augen malte sich das Entsetzen, daß sie ihn verlassen könne, falls sich das junge Paar für längere Zeit bei ihm niederlasse. Er wagte nicht, sie zu fragen, auf ihrem Gesicht las er ihren festen Entschluß abzureisen. Am Nachmittag schon ging sie hinauf, um ihre Wäsche nachzusehen. Es sollte indessen nicht den Anschein haben, als ergreife sie die Flucht.

Gegen fünf Uhr stieg Lazare bei herrlichem Wetter vor der Hoftür aus dem Wagen. Pauline war ihm entgegengeeilt. Aber noch ehe sie ihn umarmte, fragte sie erstaunt:

»Wie, du bist allein?«

»Ja«, antwortete er und weiter nichts.

Er gab ihr zuerst zwei derbe Küsse auf die Wangen.

»Wo ist Luise?«

»In Clermont bei ihrer Schwägerin. Der Arzt hat ihr Gebirgsluft empfohlen. Ihre Schwangerschaft nimmt sie sehr mit.«

Während er so sprach, richtete er bereits seine Schritte nach der Vortreppe und warf lange Blicke in den Hof. Er schaute auch seine Base an, und eine verhaltene Erregung ließ seine Lippen erzittern. Als aus der Küche ein Hund hervorkam, um zwischen seinen Beinen zu kläffen, schien er erstaunt.

»Was ist denn das?« fragte er.

»Das ist Loulou«, erwiderte Pauline. »Er kennt dich nicht. Willst du wohl den Herrn nicht beißen, Loulou!«

Der Hund fuhr fort zu knurren.

»Er ist schauderhaft. Wo hast du denn dieses Ungeheuer aufgefischt?«

Es war in der Tat ein armer Bastard, schlecht entwickelt, mit von der Räude zerfressenem Felle. Er war überdies abscheulich geartet, immer knurrig als ein enterbter, mitleiderregender Hund.

»Was willst du? Als man ihn mir gab, versicherte man mir, er werde ungeheuer groß und herrlich: du siehst, er ist so geblieben ... Das ist der fünfte, den wir groß zu ziehen versuchen: alle anderen sind hin; dieser allein will durchaus leben bleiben.«

Mit mürrischer Miene hatte Loulou sich in der Sonne hingestreckt und kehrte dabei der Welt den Rücken. Fliegen umschwärmten ihn. Da gedachte Lazare der verflossenen Jahre, dessen, was nicht mehr war, und dessen, was neu und häßlich in sein Leben trat. Er warf noch einen Blick auf den Hof.

»Mein armer Mathieu!« murmelte er ganz leise.

Auf der Vortreppe empfing ihn Veronika mit einem Kopfnicken, ohne aufzuhören, eine Mohrrübe zu schaben. Er ging geradeswegs in das Eßzimmer, wo ihn sein Vater von dem Geräusch der Stimmen erregt erwartete. Pauline rief schon von der Tür aus:

»Er kommt allein? Luise ist in Clermont.«

Chanteau, dessen unruhige Blicke sich aufheiterten, fragte seinen Sohn, schon bevor er ihn küßte:

»Du erwartest sie hier? Wann wird sie sich hier mit dir treffen?«

»Nein, nein,« antwortete Lazare, »ich werde sie von ihrer Schwägerin abholen, ehe ich nach Paris zurückkehre. Ich bleibe vierzehn Tage bei euch, dann suche ich das Weite.«

Chanteaus Blicke drückten eine große, stumme Freude aus, und als Lazare ihn endlich umarmte, gab er ihm zwei tüchtige Küsse zurück. Dennoch fühlte er das Bedürfnis, sein Bedauern auszudrücken.

»Ist das langweilig, daß deine Frau nicht hat kommen können; wir wären so froh gewesen, sie bei uns zu haben! Ein andermal mußt du sie uns auf alle Fälle bringen.«

Pauline schwieg, indem sie unter dem zärtlichen Willkommenlachen die innere Erschütterung verbarg. Es änderte sich also alles, alles noch einmal, sie sollte nicht fort und sie hätte nicht einmal zu sagen vermocht, ob sie glücklich oder traurig darüber war, so sehr wurde sie ein Spielball der anderen. Schließlich mischte sich in ihre Heiterkeit eine Trauer, sie fand Lazare gealtert, mit erloschenem Auge, verbittertem Munde. Sie kannte diese Falten sehr wohl, die ihm Stirn und Wangen durchschnitten, aber die Furchen hatten sich vertieft, sie ahnte darin eine Verdoppelung von Langeweile und Entsetzen. Er betrachtete sie gleichfalls. Zweifelsohne schien sie ihm noch mehr an Schönheit und Kraft zugenommen zu haben, denn er murmelte, seinerseits lächelnd:

»Teufel! Ihr habt während meiner Abwesenheit nicht gelitten. Ihr seid alle dick und fett. Papa ist verjüngt, Pauline prächtig ... Und, es ist komisch, das Haus kommt mir viel größer vor.«

Mit einem Blick überschaute er das Eßzimmer, wie er zuvor erstaunt und bewegt den Hof prüfend betrachtet hatte. Sein Blick blieb schließlich an der auf dem Tische ruhenden Minouche haften, welche die Pfoten wie einen Muff zusammengesteckt hatte und so in ihre Katzenseligkeit vertieft war, daß sie sich nicht einmal gerührt hatte.

»Bis auf Minouche selbst, die nicht altert«, begann er wieder. »Sage doch, Undankbare, du könntest mich wohl wieder erkennen.«

Er liebkoste sie und sie begann zu schnurren, ohne sich deshalb mehr zu bewegen.

»Minouche kennt nur sich«, sagte Pauline heiter. »Vorgestern erst hat man ihr wieder fünf Junge fortgeworfen. Du siehst, das stört sie nicht in ihrer Ruhe.«

Man richtete das Mittagessen früher an, da Lazare zeitig gefrühstückt hatte. Trotz der Anstrengungen des jungen Mädchens verlief der Abend traurig. Dinge, die nicht ausgesprochen wurden, verhinderten das Geplauder; es traten Pausen ein. Sie vermieden, ihn zu fragen, da sie sahen, daß er nur gezwungen antwortete; sie versuchten weder zu wissen, wie seine Geschäfte in Paris gingen, noch warum er sie erst von Caen aus benachrichtigt hatte. Mit einer unbestimmten Bewegung wich er den zu unmittelbaren Fragen aus, als wolle er die Beantwortung auf später verschieben. Als der Tee herumgereicht wurde, ließ er sich nur einen großen Seufzer der Befriedigung entschlüpfen. Wie gut befand man sich doch da. Welch eine Riesenarbeit konnte man in dieser großen Ruhe vollenden! Er sagte ein Wort über ein Drama in Versen, an dem er bereits seit sechs Monaten arbeitete. Seine Base staunte, als er hinzufügte, daß er es in Bonneville zu vollenden gedenke. Ein Dutzend Tage würden dazu genügen.

Um zehn Uhr kam Veronika mit der Meldung, daß das Zimmer des Herrn Lazare bereit sei. Aber als sie ihn im ersten Stock in das Fremdenzimmer geleiten wollte, wurde er böse.

»Glaubst du etwa, ich werde da schlafen? ... Ich will oben in meinem kleinen eisernen Bette schlafen.«

Die Magd brummte. Wozu diese Laune? Das Bett war fertig, er brauchte ihr doch nicht die Mühe zu machen, noch ein zweites herzurichten?

»Es ist gut,« entgegnete er, »ich werde im Lehnstuhl schlafen.«

Während Veronika wütend die Bettücher zusammenraffte und sie in den zweiten Stock hinauftrug, empfand Pauline eine unbewußte Freude, eine jähe Heiterkeit, daß sie sich ihrem Vetter an den Hals warf, um ihm in einer Anwandlung ihrer alten Kinderkameradschaft eine gute Nacht zu wünschen. Er wohnte also wieder in dem großen Zimmer so nahe bei ihr, daß sie ihn lange auf- und abgehen hörte wie im Fieber der Erinnerungen, die auch sie selbst wach hielten.

Erst am folgenden Tage begann Lazare Pauline in das Vertrauen zu ziehen; er beichtete nicht mit einemmal, sie erfuhr die Sachen erst durch kurze, mitten in die Unterhaltung hineingeworfene Sätze. Voll besorgter Zuneigung fragte sie ihn bald ermutigt aus. Wie er mit Luise lebe? Ob ihr Glück noch immer vollkommen sei? Er antwortete bejahend, klagte jedoch über kleine häusliche Verdrießlichkeiten, die Zänkereien hervorgerufen hatten. Ohne daß ein Bruch zwischen dem jungen Paar stattgefunden, litt es durch tausende von Reibungen infolge ihrer beiderseitigen nervösen Temperamente, sie konnten weder in der Freude noch im Schmerze das Gleichgewicht bewahren. Es herrschte zwischen ihnen ein geheimer Groll, als seien sie überrascht und zornig über sich selbst, schon so schnell nach der großen Liebe der ersten Zeiten sich auf den Grund ihrer Herzen geschaut zu haben. Pauline glaubte im ersten Augenblick zu verstehen, daß Geldverluste sie entzweit hätten; aber sie täuschte sich, ihre zehntausend Franken Rente blieben beinahe unberührt, Lazare hatten nur die Geschäfte angeekelt, gerade wie ihn die Musik, die Medizin, die Industrie angewidert hatten; über diesen Gegenstand brach er in bittere Worte aus, nie habe er eine dümmere, verderbtere als die Geldwelt gesehen; er wollte eher der Langeweile in der Provinz, der Mittelmäßigkeit eines kleinen Wohlstandes den Vorrang geben, als dieser fortwährenden Sorge um das Geld, dieser Gehirnerweichung bei dem tollen Tanze der Ziffern. Er hatte überdies die Versicherungsgesellschaft verlassen und war entschlossen, vom kommenden Winter an, es mit dem Theater zu versuchen, sobald er nach Paris zurückgekehrt sei. Sein Stück solle ihn rächen, er werde darin zeigen, daß das Geld der Krebsschaden sei, der die moderne Gesellschaft vernichte.

Pauline grämte sich nicht zu arg über diesen neuen Schiffbruch, den sie bereits hinter der Verlegenheit von Lazares letzten Briefen geahnt hatte. Vor allem beunruhigte sie diese allmähliche Zunahme des Mißverständnisses zwischen ihm und seiner Frau. Sie suchte nach der Ursache: wie kamen sie nur so schnell zu diesem Unbehagen, sie, die noch jung waren, nach ihrem Belieben leben konnten und keine andere Sorge als die um ihr Glück hatten? Zwanzigmal kam sie auf diesen Gegenstand zurück und erst vor der Verlegenheit, in die sie ihren Vetter jedesmal versetzte, hörte sie auf, ihn zu befragen: er stammelte, erbleichte und wandte die Blicke ab. Sie hatte diese Miene der Scham und Furcht wohl wiedererkannt: es war die Angst vor dem Tode, deren Frösteln er ehemals verheimlichte, wie man ein geheimes Laster verbirgt; aber war es möglich, daß die Kälte des »Niemals mehr« sich schon zwischen sie gelegt hatte in das noch von ihrer Hochzeit heiße Bett? Sie zweifelte mehrere Tage; ohne daß er mehr gebeichtet hätte, las sie die Wahrheit in seinen Augen, als er eines Abends ohne Licht verstört aus seinem Zimmer stürzte, als flüchte er vor Gespenstern.

In Paris hatte er mitten in seinem Liebesfieber den Tod vergessen. Er rettete sich fassungslos in die Arme Luisens und war von der Mattigkeit nachher so mitgenommen, daß er in den Schlaf eines Kindes verfiel. Sie liebte ihn auch wie eine Geliebte mit ihrer nur für den Kultus des Mannes geschaffenen wollüstigen Anmut einer Katze und hielt sich sofort für unglücklich und verloren, wenn er sich einmal eine Stunde lang nicht um sie kümmerte. Die verzückte Befriedigung ihrer Begierden, das Vergessen alles übrigen, wenn eines am Halse des andern hing, hatten vorgehalten, solange sie noch glaubten, bis an den Boden dieser sinnlichen Freuden zu gelangen. Aber die Übersättigung kam, er war erstaunt, nicht über den Rausch der ersten Tage hinauskommen zu können; während sie in ihrem alleinigen Bedürfnis nach Liebkosungen nichts weiter verlangte noch gab, ihm keine Stütze war, keinen Lebensmut entgegenbrachte. War denn diese Freude des Fleisches so kurz? Konnte man sich denn nicht unaufhörlich in sie versenken, unaufhörlich neue Anregungen entdecken, deren Geheimnisvolles mächtig genug war, dem trügerischen Scheine des Glücks zu genügen? Eines Nachts wurde Lazare plötzlich durch den eisigen Hauch aufgeschreckt, dessen Vorüberstreifen ihm die Haare im Genick sträubte; er bebte und stammelte seinen Angstschrei: »Mein Gott! Mein Gott! Es muß gestorben sein!« Luise schlief an seiner Seite. Es war der Tod, den er am Ende ihrer Küsse wiederfand.

Dann folgten andere Nächte, er verfiel wieder in seine alten Qualen. Es überkam ihn zufällig während seiner Schlaflosigkeiten, ohne daß er irgend etwas voraussehen oder verhindern konnte. Plötzlich wurde er auch inmitten ruhiger Stunden von einem Frösteln überfallen; während er oft im Zorn und in der Drangsal über einen schlechten Tag nicht von der Furcht heimgesucht wurde. Es war nicht mehr das einfache Aufschrecken von ehemals; das nervöse Übel verschlimmerte sich, der Widerschlag eines jeden neuen Stoßes erschütterte sein ganzes Sein. Er konnte nicht mehr ohne Nachtlampe schlafen, die Finsternis verschlimmerte seine Bangigkeit trotz der beständigen Furcht, daß seine Frau sein Leiden entdecken könne. Diese Verdoppelung des Unbehagens verschlimmerte die Anfälle, denn früher, als er allein schlief, war ihm erlaubt gewesen, feige zu sein. Dieses lebendige Geschöpf aber, dessen laue Wärme er an seiner Seite fühlte, beunruhigte ihn. Sobald ihn die Furcht vom Kopfkissen aufjagte, richtete sich sein noch vom Schlummer geblendeter Blick auf sie, mit dem erstarrenden Gedanken, sie mit offenen, fest auf die seinen gerichteten Augen zu erblicken. Aber sie rührte sich niemals, er unterschied beim Scheine der Nachtlampe kaum ihr unbewegliches Gesicht mit den aufgeworfenen Lippen und den feinen blauen Lidern. Er war denn auch allmählich ruhiger geworden, als er sie eines Nachts, wie er so lange gefürchtet hatte, mit weit geöffneten Augen sah. Sie sagte nichts, sah ihn frösteln und erblassen. Zweifelsohne fühlte auch sie den Tod vorüberziehen, denn sie schien zu verstehen und warf sich in der Verzagtheit eines hilfesuchenden Weibes ihm in die Arme. Beide versuchten sich auch dann noch zu täuschen, sie heuchelten, ein Geräusch von Schritten gehört zu haben, sie erhoben sich, um hinter den Möbeln und Vorhängen Nachschau zu halten.

Von da ab wurden sie beide heimgesucht. Es entschlüpfte ihnen kein Bekenntnis, es war ein schamvolles Geheimnis, über das man nicht sprechen durfte; allein wenn sie im Schlafzimmer mit weitgeöffneten Augen auf dem Rücken lagen, hörten sie sich deutlich denken. Sie war ebenso nervös wie er, mußten sich gegenseitig dieses Leiden mitteilen, wie es auch geschieht, daß zwei Liebende von dem nämlichen Fieber hinweggerafft werden. Wenn er aufwachte, während sie noch schlief, erschrak er über diesen Schlummer: atmete sie noch? Er hörte nicht einmal mehr ihren Atem. Vielleicht war sie plötzlich gestorben. Einen Augenblick prüfte er ihr Gesicht, dann berührte er ihre Hände. Wenn er sich so vergewissert hatte, schlief er trotzdem nicht wieder ein. Der Gedanke, daß sie eines Tages sterben werde, versenkte ihn in eine finstere Träumerei. Wer werde zuerst scheiden, er oder sie? Er verfolgte diese beiden Mutmaßungen, Vorstellungen vom Tode entrollten sich in klaren Bildern vor ihm mit den entsetzlichen Herzensängsten des Todeskampf es, dem Grauen der letzten Vorbereitungen, der furchtbaren, ewigen Trennung. Das letztere brachte sein ganzes Sein in Aufruhr: sich nie, nie wiedersehen, wenn man so Fleisch an Fleisch miteinander gelebt hatte! Er fühlte sich toll werden, das Entsetzliche wollte ihm durchaus nicht in den Schädel. Seine Furcht machte ihn mutig, er wünschte, zuerst zu scheiden. Da wurde er im Gedanken an sie weich und stellte sie sich als Witwe vor, wie sie ihre gemeinsamen Gewohnheiten fortsetzte, dieses und jenes machte, was er nicht mehr mittun sollte. Um diese ewige Plage zu verscheuchen, nahm er sie häufig sanft, ohne sie aufzuwecken in die Arme; aber es war ihm unmöglich, sie lange zu halten, die Empfindung dieses Lebens, das er völlig in seinen Armen hielt, entsetzte ihn noch mehr. Wenn er den Kopf an ihre Brust legte und das Herz schlagen hörte, konnte er dieser Bewegung nicht ohne Unbehagen folgen, da er stets an plötzliches Bersten glaubte. Die Beine, in die er die seinen geschlungen hatte, die Hüfte, welche unter seinem Drucke so weich nachgab, diesen ganzen so geschmeidigen, so angebeteten Körper zu berühren, war ihm bald unerträglich, es erfüllte ihn in seiner Bangigkeit vor dem Nichts nach und nach mit einer angstvollen Erwartung. Selbst, wenn sie aufwachte, wenn ein Verlangen sie noch enger umschlang, sie sich Lippe an Lippe in einen Liebestaumel stürzten, mit dem Gedanken, in ihm ihr Elend zu vergessen, gingen sie ebenso zitternd daraus hervor, sie blieben auf dem Rücken ausgestreckt liegen, ohne den Schlaf wiederzufinden, von der Freude am Lieben angeekelt. In dem Schatten des Zimmers öffneten sich ihre großen, starren Augen wieder vor dem Tode.

In dieser Zeit begann Lazare der Geschäfte überdrüssig zu werden. Seine Trägheit stellte sich wieder ein, er verbrachte die Tage im Müßiggang und entschuldigte sich mit seiner Verachtung dieser Geldprotzen. Die Wahrheit war, daß dieses beständige Besessensein vom Tode ihm jeden Tag mehr den Geschmack und die Kraft zu leben raubte. Er verfiel in sein altes: »Wozu nützt es?« Da der letzte Sprung morgen oder heute, vielleicht in einer Stunde da war, warum sich bewegen, sich erregen, mehr an dieser als an jener Sache hängen? Alles scheiterte. Sein Dasein war nur ein langsames, tägliches Sterben, dessen uhrenhaft regelmäßige, immer langsamer werdender Bewegung er wie ehedem lauschte. Das Herz schlug nicht mehr so schnell, die anderen Organe wurden gleichfalls träger, ohne Zweifel stand bald alles still; er verfolgte mit Schaudern diese Verminderung des Lebens, die das Alter verhängnisvoll mit sich brachte. Es waren Verluste seiner selbst, eine dauernde Verheerung seines Körpers; seine Haare fielen aus, es fehlten ihm verschiedene Zähne, er fühlte wie seine Muskeln erschlafften, als kehrten sie zur Erde zurück. Das Herannahen der Vierzig erhielt ihn in einer düsteren Schwermut; das Greisenalter war bald da, um ihn vollends zu vernichten. Er glaubte sich bereits überall krank, irgend etwas zerbrach ganz sicher, seine Tage verstrichen in der fieberhaften Erwartung einer Katastrophe. Dann sah er auch um sich sterben, und jedesmal, wenn er das Dahinscheiden eines Kameraden vernahm, war dies für ihn ein Schlag. War es möglich, auch der ist abgefahren? Aber er war doch drei Jahre jünger und so gebaut, als solle er hundert Jahre alt werden? Auch jener, wie hatte er nur sobald seine Rechnung machen können? Ein so vorsichtiger Mann, der alles abwog, selbst die Nahrung. Zwei Tage hindurch dachte er, über den Fall bestürzt, an nichts anderes; er betastete sich selbst, er prüfte seine Krankheiten und suchte schließlich mit den armen Toten Streit anzufangen. Er fühlte das Bedürfnis sich selbst zu beruhigen, er beschuldigte sie, aus eigener Schuld gestorben zu sein; der erste hatte eine unverzeihliche Unklugheit begangen; der Zweite war einem äußerst seltenen Leiden unterlegen, dem selbst die Ärzte keinen Namen zu geben vermochten. Aber er suchte vergebens das lästige Gespenst zu verscheuchen, er hörte fortwährend in sich das Räderwerk der dem Zerbrechen nahen Maschine knarren, er glitt ohne eine Möglichkeit des Aufhaltens diesen Abhang der Jahre hinab, an dessen Ende der Gedanke an das große schwarze Loch ihn mit kaltem Schweiße bedeckte und ihm die Haare vor Entsetzen sträubte. Als Lazare nicht mehr in sein Büro ging, brachen Streitigkeiten im Hause aus. Er trug eine Gereiztheit mit sich herum, die sich bei dem geringsten Hindernis offenbarte. Das mit so großer Sorgfalt verborgene Übel nahm zu, es gab sich nach außen hin durch Schroffheiten, düstere Stimmungen, wahnwitzige Handlungen kund. Einen Augenblick verzehrte ihn die Furcht vor dem Feuer bis zu dem Punkte, daß er aus dem dritten in den ersten Stock zog, um sich schneller retten zu können, wenn das Haus in Brand gerate. Die beständige Sorge um das Morgen verdarb ihm die gegenwärtige Stunde. Er lebte in der Erwartung eines Unglücks, er fuhr empor, sobald eine Tür heftiger als gewöhnlich zugeschlagen wurde, es befiel ihn heftiges Herzklopfen, sobald er einen Brief empfing. Er mißtraute ferner allem, er verbarg sein Geld in kleinen Summen an verschiedenen Orten, seine einfachsten Pläne hielt er verborgen; er empfand außerdem eine Erbitterung gegen alle und trug sich mit dem Gedanken, daß er verkannt sei, daß seine ununterbrochenen Fehlschläge durch eine weitgehende Verschwörung der Menschen und Dinge entständen. Seine Langweile aber beherrschte, ertränkte alles, die Langweile eines aus dem Gleichgewicht gebrachten Menschen, dem der stets gegenwärtige Gedanke an den nahen Tod Widerwillen gegen jede Tätigkeit einflößte und ihn unter dem Vorwande der Nichtigkeit des Lebens sich unnütz fortschleppen ließ. Warum sich aufregen? Die Wissenschaft war beschränkt, man konnte durch sie nichts verhindern, nichts bestimmen. Er empfand die skeptische Langeweile seiner ganzen Generation, nicht mehr die romantische Langeweile der Werther und der Renes, die den verlorenen Glauben beweinten, sondern die Langeweile der neuen Helden des Zweifels, der jungen Chemiker, die sich ärgern und die Welt für unmöglich erklären, weil sie nicht sofort das Leben auf dem Boden ihrer Retorten gefunden haben.

Bei Lazare ging durch einen logischen Widerspruch das uneingestandene Entsetzen vor dem Niemals mehr mit einer unaufhörlich aufgetischten Prahlerei über das Nichts Hand in Hand. Sein Schauer selbst, das Unausgeglichene seiner hypochondrischen Natur war es, das ihn in pessimistische Gedanken, in einen wütenden Haß gegen das Dasein warf. Er sah es für eine Prellerei an von dem Augenblicke, wo es nicht ewig währen sollte. Verbrachte man nicht die erste Hälfte seiner Tage mit dem Traum vom Glück und die zweite mit Klagen und Zittern? Auch überbot er die Lehrsätze des »Alten« noch, wie er Schopenhauer nannte, von dem er lange Stellen auswendig hersagte. Er sprach davon, den Willen zu leben töten zu wollen, um diese grausame und blödsinnige Prunkschau des Lebens enden zu lassen, welche die Welt beherrschende Allmacht sich zu einem eigennützigen, unbekannten Zweck als Schauspiel gönnt. Er wollte das Leben unterdrücken, um die Furcht zu unterdrücken. Immer wieder kam er auf diese Befreiung hinaus: nichts wünschen in der Furcht vor Schlimmerem, die Bewegung vermeiden, die Schmerz ist, dann ganz dem Tod anheimfallen. Das praktische Mittel eines allgemeinen Selbstmordes beschäftigte ihn, eines völligen und plötzlichen Verschwindens, unter Zustimmung der Gesamtheit der Wesen. Darauf kam er zu jeder Stunde zurück inmitten der laufenden Unterhaltung mit vertraulichen und rohen Ausfällen. Bei der geringsten Beschwerlichkeit bedauerte er noch nicht hin zu sein. Ein einfacher Kopfschmerz ließ ihn wütend über sein Gerippe klagen. Seine Unterhaltung mit Freunden verfiel sofort auf das Ungemach des Daseins, auf das große Glück derer, welche die Gräser auf dem Kirchhofe fett machten. Finstere Gegenstände verfolgten ihn, er wurde von dem Artikel eines phantastischen Astronomen über das Erscheinen eines Kometen ergriffen, dessen Schweif die Erde wie Sandkorn wegfegen werde: mußte man darin nicht die erwartete Weltkatastrophe erblicken, die ungeheure Kartätsche, welche die Erde wie ein altes, verfaultes Schiff in die Luft sprengen sollte? Dieses Verlangen nach dem Tode, die gehätschelten Lehrsätze von der Vernichtung waren nichts anderes als der verzweifelte Kampf seiner Schrecken, der leere Wortlärm, unter dem er die schauerliche Erwartung seines Endes verbarg.

Die Schwangerschaft seiner Frau verursachte ihm in diesem Augenblicke eine neue Erschütterung. Er empfand eine unerklärliche Erregung, eine große Freude und die Vermehrung seines Unbehagens zugleich. Im Gegensatze zu den Ideen des »Alten« erfüllte ihn der Gedanke, Vater zu werden, Leben erzeugt zu haben, mit Stolz. Wenn er auch zum Schein sagte, daß nur die Dummköpfe das Recht hierzu mißbrauchten, so fühlte er dennoch eine eitle Überraschung, als wenn ein solches Ereignis ganz allein für ihn aufgespart sei. Dann wurde ihm diese Freude verdorben; er quälte sich mit der Ahnung, daß die Niederkunft schlecht enden werde: für ihn war die Mutter bereits verloren; nicht einmal das Kind werde zur Welt kommen. Die Schwangerschaft brachte noch dazu von den ersten Monaten an schmerzliche Zufälle mit sich, das Haus stand auf dem Kopfe, die Gewohnheiten waren gestört, die Streitigkeiten häufiger, das alles machte ihn vollends elend. Dieses Kind, das die Gatten einander hätte näher bringen sollen, vermehrte die Mißverständnisse zwischen ihnen, die Reibungen des Lebens Seite an Seite. Er war besonders außer sich über die unbestimmbaren Leiden, über die sie sich vom Morgen bis zum Abend beklagte. Als der Arzt dann von einem Aufenthalte in einem Gebirgsorte sprach, fühlte er darin eine Erleichterung, daß er sie zu seiner Schwägerin geleiten und auf vierzehn Tage, unter dem Vorwande seinen Vater in Bonneville besuchen zu wollen, entschlüpfen konnte. Im Grunde schämte er sich dieser Flucht. Aber er setzte sich mit seinem Gewissen auseinander; eine kurze Trennung werde beider Nerven beruhigen, genug, daß er zur Zeit der Niederkunft da sei.

An dem Abend, an dem Pauline endlich die ganze Geschichte dieser verflossenen achtzehn Monate erfuhr, versagte ihr einen Augenblick die Stimme, sie war wie betäubt von diesem Unglück. Es war im Speisezimmer; sie hatte Chanteau zu Bett gebracht, und Lazare hatte eben seine Bekenntnisse angesichts des erkalteten Teekessels unter der kohlenden Lampe beendet. Nach einem Schweigen sagte sie endlich:

»Ihr liebt euch nicht mehr; großer Gott!«

Er hatte sich erhoben, um hinaufzugehen, und widersprach ihr mit seinem unruhigen Lachen.

»Wir lieben uns so sehr, wie man sich lieben kann... Du weißt nichts in deinem Loche hier? Warum soll es mit der Liebe besser bestellt sein als mit allem übrigen?«

Sobald Pauline sich in ihr Zimmer eingeschlossen hatte, bekam sie einen ihrer Verzweiflungsanfälle, die sie so oft auf jenem Stuhle in Qualen wachgehalten hatten, während das ganze Haus schlief. Fing das Unglück wirklich an? Nachdem sie alles für die anderen und für sich selbst beendet glaubte, als sie sich das Herz ausgerissen hatte, bis zu dem Punkte, Lazare an Luise zu geben, erkannte sie plötzlich die Nutzlosigkeit ihres Opfers: sie liebten sich bereits nicht mehr, sie hatte vergeblich Tränen geweint und das Blut ihres Martyriums verspritzt. Auf dieses elende Ergebnis, auf diese neuen Schmerzen und bevorstehenden Kämpfe, deren Vorgefühl ihre Qual vermehrte, lief es also hinaus. Man hörte also nie auf zu leiden!

Mit schlaff herniederhängenden Armen sah sie starren Auges ihre Kerze brennen, der Gedanke, daß sie die einzig Schuldige an diesem Abenteuer sei, stieg aus ihrem Gewissen empor und quälte sie. Sie kämpfte vergeblich gegen die Tatsachen: sie allein hatte diese Heirat beschlossen, ohne zu begreifen, daß Luise nicht die Frau war, deren Lazare bedurfte. Jetzt sah sie jene genau vor sich. Luise war zu nervös, um ihn im Gleichgewichte zu erhalten, weil sie selbst immer nahe daran war, beim geringsten Windhauch den Kopf zu verlieren; sie besaß nur den einzigen Reiz einer Geliebten, der ihm bald überdrüssig geworden war. Warum fielen ihr alle diese Dinge erst heute auf? Hatten sie nicht die nämlichen Gründe veranlaßt, Luise ihren Platz einzuräumen? Früher fand sie diese liebenswerter, es schien ihr, als habe, diese Frau die Macht, Lazare mit ihren Küssen aus seinen düsteren Stimmungen zu reißen. Welches Elend! Böses tun, während man das Gute will, das Leben so schlecht kennen, daß man die Leute vernichte, deren Heil man im Auge hat! Sie hatte sicher geglaubt, gut zu sein, ihr Werk der Barmherzigkeit dauerhaft zu machen, an dem Tage, an dem sie deren Freude mit so heißen Tränen erkauft hatte. Sie fühlte eine große Verachtung vor ihrer Güte, weil die Güte nicht immer das Glück ausmachte.

Das Haus schlief, sie hörte in der Lautlosigkeit des Zimmers nur das Hämmern ihres Blutes, dessen Wogen an ihre Schläfen schlugen. Das war ein Aufruhr, der langsam anschwoll und losbrach. Warum hatte sie nicht Lazare geheiratet? Er gehörte ihr, sie hatte die Macht, ihn nicht hinzugeben. Vielleicht wäre er anfangs darüber verzweifelt, aber sie hätte es wohl verstanden, ihm später ihren Mut einzuflößen, ihn gegen die törichten Alpdrücke zu verteidigen. Sie hatte immer die Torheit besessen, an sich selbst zu zweifeln, darin lag die einzige Ursache ihres Unglücks. Das Bewußtsein ihrer Kraft, alle ihre Gesundheit, alle ihre Zärtlichkeit grollte, machte sich endlich geltend. War sie nicht mehr wert als die andere? Welche Torheit also hatte sie veranlaßt, sich so in den Schatten zu stellen? Jetzt verleugnete sie ihm sogar ihre Leidenschaft trotz ihrer Hingabe einer sinnlichen Geliebten, denn sie fand in ihrem eigenen Herzen eine größere Leidenschaft vor, die sich dem geliebten Wesen opfert. Sie liebte ihren Vetter heiß genug, um zu verschwinden, wenn die andere ihn glücklich gemacht hätte; da aber die andere das große Glück, ihn zu besitzen, nicht zu wahren wußte, sollte sie da nicht lieber handeln und diesen verfehlten Bund wieder zerreißen? Ihr Zorn wuchs noch immer; sie fühlte, daß sie schöner, kräftiger war; sie beschaute ihre Brust, ihren jungfräulichen Leib mit dem jähen Stolze des Weibes, das sie hätte abgeben können. Eine Gewißheit überkam sie blitzartig: sie hätte Lazare heiraten müssen.

Jetzt quälte sie ein unermeßliches Bedauern. Die Stunden der Nacht verstrichen eine nach der andern, ohne daß ihr der Gedanke gekommen wäre, sich zu ihrem Bette hinzuschleppen. Ein Traum beschlich sie, die weit geöffneten, von der hohen Flamme des Lichtes geblendeten Augen schauten die Kerze noch immer an, ohne sie zu sehen. Sie befand sich nicht mehr in ihrem Zimmer, sie bildete sich ein, Lazare geheiratet zu haben; und ihr gemeinschaftliches Leben entrollte sich in Bildern von Liebe und Glückseligkeit vor ihr. Es war in Bonneville am Strande des blauen Meeres, vielleicht auch in Paris in einer geräuschvollen Straße; die Ruhe des kleinen Raumes blieb die nämliche, Bücher lagen umher, Rosen blühten auf dem Tische, die Lampe verbreitete am Abend eine blonde Helle, während an der Zimmerdecke Schatten schlummerten. Alle Augenblicke suchten sich ihre Hände, er hatte die sorglose Heiterkeit seiner Jugend wiedergefunden, sie liebte ihn so sehr, daß er schließlich an die Ewigkeit des Daseins glaubte. Um diese Stunde setzten sie sich zu Tische; zu jener gingen sie zusammen aus; morgen würden sie miteinander die Rechnungen durchsehen. Sie fühlte sich bei diesen häuslichen Einzelheiten der Ehe zärtlich werden, sie setzte darein die Haltbarkeit ihres Glückes, das endlich da war, sichtbar, greifbar, von dem heiteren Ankleiden am Morgen bis zum letzten Kuß am Abend. Im Sommer reisten sie. Eines Morgens bemerkte sie, daß sie guter Hoffnung war. Ein großer Schauer aber rüttelte sie aus ihrem Traume auf, weiterging sie nicht, sie befand sich wieder in ihrem Zimmer angesichts der niedergebrannten Kerze. Mein Gott, guter Hoffnung! Die andere war es, ihr wird es nie geschehen; nie wird sie diese Freude kennen lernen! Es war ein so harter Sturz, daß Tränen ihre Augen füllten, daß sie ohne Aufhören weinte und das Schluchzen ihre Brust zu sprengen drohte. Das Licht verlöschte, sie mußte im Dunkeln schlafen gehen.

Pauline blieb von dieser fieberhaften Nacht eine tiefe Erregung zurück, ein tiefes Mitleid für dieses entzweite Paar und für sich selber. Ihr Kummer schmolz in einer Art ungewisser Hoffnung. Sie hätte nicht sagen können, worauf sie rechnete; sie wagte nicht, inmitten dieser wirren, ihr Herz bewegenden Empfindungen sich Klarheit zu verschaffen. Warum sich so quälen? Hatte sie nicht noch mindestens zehn Tage vor sich? Es war also noch immer Zeit, einen Entschluß zu fassen. Von Wichtigkeit war es, Lazare zu beruhigen, diese Ruhezeit in Bonneville nutzbringend für ihn werden zu lassen. Sie fand ihre Heiterkeit wieder; sie stürzten sich beide noch einmal in ihr schönes Leben von ehemals.

Mit der Kameradschaft aus ihrer Kindheit begann die Sache.

»Laß doch dein Drama ruhen, großer Tolpatsch! Es wird ohnehin ausgepfiffen... Komm, hilf mir lieber nachsehen, ob Minouche meinen Knäuel Zwirn nicht auf den Schrank geschleppt hat.«

Er hielt den Stuhl, während sie auf den Fußspitzen stehend, nachschaute. Der Regen fiel seit zwei Tagen, sie konnten das große Zimmer nicht verlassen. Ihr Lachen ertönte bei jedem Funde aus alten Zeiten.

»Hier ist die Puppe, die du aus zwei von meinen alten Hemdkragen gemacht hast... Und das hier, erinnerst du dich? Es ist dein Bild, das ich an dem Tage zeichnete, an dem du so häßlich warst und vor Wut weintest, weil ich dir mein Rasiermesser nicht leihen wollte.«

Sie wettete, noch mit einem Satz auf den Tisch springen zu können. Auch er sprang, glücklich über die Störung. Sein Drama schlief bereits im Schubfach. Als sie eines Morgens die große Sinfonie des Schmerzes entdeckten, spielte Pauline einzelne Stellen daraus und gab mit komischen Gebärden den Takt dazu an; sie spöttelte über sein Werk, er sang die Noten, um dem Klavier nachzuhelfen, dessen verlöschende Töne man überhaupt nicht mehr vernahm. Dennoch stimmte sie ein Teil ernst, der berühmte Totenmarsch nämlich: das war wahrhaftig nicht schlecht, das mußte man aufbewahren. Alles unterhielt sie und stimmte sie weich: eine Florideensammlung, die sie früher aufgeklebt, ein vergessenes Gefäß mit einer in der Fabrik gewonnenen Bromprobe, das winzige, halb zerbrochene, wie vom Sturme im Glase Wasser zertrümmerte Modell eines Pfahlwerkes. Dann tobten sie im Hause umher, sie verfolgten sich im Spiel wie losgelassene Kinder, sie stiegen ohne Unterlaß die Stockwerke hinauf und herunter, durcheilten die Zimmer, deren Türen sie geräuschvoll zuschlugen. Waren dies nicht die Stunden von ehemals? Sie zählte zehn Jahre und er neunzehn, sie empfand wieder die leidenschaftliche Freundschaft eines Backfisches für ihn. Nichts war verändert, im Eßzimmer befand sich noch immer der Speiseschrank aus hellem Nußbaumholze, die Hängelampe von lackiertem Kupfer, die Ansicht vom Vesuv und die vier Holzschnitte der Jahreszeiten, die sie noch immer heiter stimmten. Unter dem Glaskasten schlief das Meisterwerk des Großvaters auf der nämlichen Stelle, so eins mit dem Kamin geworden, daß die Magd Gläser und Teller darauf stellte. Nur in ein einziges Gemach drangen sie mit stummer Rührung, in das einstige Zimmer Frau Chanteaus, das seit ihrem Tode unberührt geblieben war. Niemand öffnete mehr den Schreibsekretär, nur die gelben Kretonvorhänge mit den grünlichen Ranken blaßten von der hellen Sonne aus, die man manchmal dort hinein ließ. Es fiel in dies© Zeit gerade der Jahrestag ihres Namensfestes, und so schmückten sie das Zimmer mit großen Blumensträußen.

Bald jedoch verscheuchte ein Windstoß den Regen, sie eilten ins Freie, auf die Terrasse, in den Gemüsegarten, den Strand entlang, und ihre Jugend begann von neuem.

»Wollen wir an den Krabbenfang gehen?« rief sie ihm eines Morgens, aus dem Bette springend, durch die Zwischenwand zu. »Das Meer tritt jetzt zurück.«

Sie gingen im Badeanzug davon, sie fanden die alten, durch so viele Wochen und Monate von der Flut kaum benagten Felsen wieder. Man hätte glauben können, daß sie erst am Abend vorher diesen Winkel der Küste durchstöbert. Er erinnerte sich.

»Nimm dich in acht, da unten ist ein Loch, und der Grund ist voller Steine.«

Sie aber beruhigte ihn schnell.

»Ich weiß es wohl, habe keine Furcht... Sieh doch, welch ungeheure Krabbe ich soeben gefangen habe!«

Eine frische Sturzwelle stieg ihnen bis an die Hüften, sie berauschten sich an der salzigen Luft, die von der offenen See her wehte. Auch die weiten Streifzüge von ehemals wiederholten sich, das Ruhen auf dem Sande, das Unterschlüpfen in die Tiefe einer Grotte, um einen plötzlichen Regenschauer vorüberziehen zu lassen. Nichts schien ihnen unter dem Himmel verändert, das Meer war noch immer da stets mit den nämlichen Linien am Horizonte, in seiner ewigen Unbeständigkeit. Hatten sie es nicht erst gestern so türkisenblau gesehen mit seinen großen, bleichen Streifen, in denen das Erzittern der Strömungen verlief? Dieses bleifarbene Wasser unter dem farblosen Himmel, dieser Regenstrich dort links, der mit der hohen Flut herankam, würden sie ihn nicht morgen ebenfalls sehen, ohne Unterschied in den Tagen? Kleine, vergessene Ereignisse tauchten wieder mit der lebhaften Empfindung der unmittelbaren Wirklichkeit in ihnen auf. Er war damals sechsundzwanzig, sie sechzehn Jahre alt. Wenn er sich vergaß und sie kameradschaftlich schupste, fühlte sie eine Beklemmung, sich wie von einer köstlichen Verwirrung gepackt. Sie ging ihm trotzdem nicht aus dem Wege, denn sie dachte an nichts Böses. Ein neues Leben überkam sie, es wurden Worte geflüstert, ohne Grund gelacht, und aus manchem langen Schweigen fuhren sie zitternd auf. Die allergewöhnlichsten Dinge nahmen außerordentliche Bedeutungen an, so das erbetene Brot, ein Wort über das Wetter, das Gutenacht, das sie sich an ihren Türen wünschten. Es war wieder die ganze Vergangenheit, deren Flut mit der Lieblichkeit wiedererwachender, eingeschlummerter Zärtlichkeiten zu ihnen emporstieg. Warum sollten sie auch unruhig sein? Sie widerstrebten nicht einmal, das Meer schien sie einzuwiegen und mit der ewigen Eintönigkeit seiner Stimme einzuschläfern.

So verstrichen die Tage ohne jede Erschütterung. Es begann bereits die dritte Woche von Lazares Aufenthalt. Er reiste nicht ab; er hatte verschiedene Briefe von Luise erhalten; sie langweilte sich sehr, wurde aber von ihrer Schwägerin noch zurückgehalten. In seinen Antworten veranlaßte er sie zu bleiben, schickte ihr Doktor Cazenoves Ratschläge, den er in der Tat über den Zustand seiner Frau befragte. Der ruhige und regelmäßige Gang des Hauswesens nahm ihn nach und nach wieder gefangen, die alten Stunden der Mahlzeiten, des Zubettegehens und Aufstehens, die er in Paris geändert hatte, die brummige Laune Veronikas, die unaufhörlichen Schmerzen seines Vaters, der allein sich nicht veränderte, das Gesicht von den nämlichen Leiden verzerrt, während alles im Leben rings umher vorwärts drängte und sich änderte. Er fand auch die sonnabendlichen Mahlzeiten wieder, die alten bekannten Mienen des Arztes und des Priesters mit ihren ewigen Unterhaltungen über den letzten großen Sturm oder die Badegäste von Arromanches. Minouche sprang zum Nachtisch immer noch mit der Leichtigkeit einer Feder auf den Tisch, sie gab ihm noch immer einen heftigen Stoß mit dem Kopfe unter das Kinn, um sich liebkosen zu lassen, und das leichte Kratzen ihrer kalten Zähne führte ihn viele, viele Jahre zurück. Als einzig Neues unter diesen Dingen von ehemals war der trübselige, unausstehliche Hund Loulou vorhanden, der wie eine Kugel zusammengerollt unter dem Tische schlief und knurrte, sowie man ihm zu nahe kam. Vergebens gab ihm Lazare Zucker; wenn das Tier ihn gierig gefressen, zeigte es ihm mit verdoppelter Bissigkeit die Zähne. Man hatte es gehen lassen müssen, es lebte für sich, ein Fremder in dem Hause, gleich einem ungeselligen Wesen, das von den Menschen und den Göttern nur verlangt, daß man es in Frieden langweilen lassen möge.

Manchmal erlebten Lazare und Pauline auf ihren langen Spaziergängen auch Abenteuer. So hatten sie eines Tages den Weg auf dem Abhänge gerade verlassen, um nicht an der Fabrik der Schatzbucht vorüberzukommen, als sie bei der Biegung eines Hohlweges auf Boutigny stießen. Boutigny war jetzt ein großer Herr, denn die Herstellung von Handelssoda hatte ihn reich gemacht; er hatte jenes Geschöpf geheiratet, das ihm mit so außerordentlicher Hingabe in dieses Wolfsloch gefolgt und vor kurzem mit dem dritten Kinde niedergekommen war. Die ganze Familie, von Diener und Amme begleitet, saß in einem herrlichen Wagen, vor den ein Paar große Schimmel gespannt waren. Die beiden Spaziergänger mußten sich gegen die Böschung drücken, um nicht von den Rädern zermalmt zu werden. Boutigny lenkte selbst und ließ die Pferde im Schritt gehen. Es trat eine augenblickliche Verlegenheit ein: man sprach sich seit Jahren nicht mehr, die Gegenwart der Frau und der Kinder machte die Lage noch peinlicher. Endlich begegneten sich die Blicke; man begrüßte sich gegenseitig langsam und stumm.

Als der Wagen verschwunden war, sagte der bleichgewordene Lazare mit Anstrengung:

»Er führte also jetzt einen fürstlichen Haushalt?«

Pauline, die nur der Anblick der Kinder gerührt hatte, sagte freundlich:

»Ja, es scheint, daß er in den letzten Jahren ungeheure Gewinne gehabt hat... Er hat auch deine alten Versuche wieder aufgenommen; weißt du das?«

Das gerade schnürte Lazare das Herz zusammen. Die Fischer von Bonneville hatten ihn mit der hämischen Sucht, ihm Unangenehmes zu sagen, auf dem laufenden gehalten. Seit einigen Monaten behandelte Boutigny mit Hilfe eines jungen, von ihm gegen Bezahlung angestellten Chemikers die Algen mit der Kältemethode; und dank seiner klugen Ausdauer eines praktischen Menschen erzielte er wunderbare Erfolge.

»Alle Wetter!« sagte Lazare mit dumpfer Stimme. »Sowie die Wissenschaft einen Schritt vorwärts macht, ist es stets ein Dummkopf, der sie ohne Absicht in die Höhe bringt.« Ihr Spaziergang war verdorben, sie schritten schweigend einher; sie hatten die Augen in die Ferne gerichtet und sahen aus dem Meere graue Nebel emporsteigen, die den Himmel bleichten. Als sie des Abends heimkehrten, erschauerten sie beide. Die heitere Klarheit der Hängelampe auf dem weißen Tischtuche erwärmte sie wieder.

Als sie an einem andern Tage in der Richtung von Verchemont einem Wege durch die Zuckerrübenfelder folgten, blieben sie erstaunt darüber stehen, ein Strohdach rauchen zu sehen. Es war ein Brand; die lotrecht fallenden Sonnenstrahlen verhinderten das Bemerken der Flammen, und das Haus, dessen Türen und Fenster geschlossen waren, brannte einsam aus, während die Bauern wohl auf den umherliegenden Feldern arbeiteten. Sie liefen sofort vom Wege ab, jagten dahin und schrien, aber verscheuchten nur die Elstern, die in den Apfelbäumen schwatzten. Endlich kam aus einem fernen Mohrrübenfelde eine Frau mit einem Kopftuche, sie schaute einen Augenblick um sich und lief dann hastig durch die Äcker, sich fast die Beine brechend, wie wild davon. Sie machte Zeichen und heulte ein unverständliches Wort, so würgte es sie in der Kehle. Sie fiel, sprang auf, fiel wieder und lief mit blutenden Händen weiter. Ihr Kopftuch war fortgeflogen, ihre bloßen Haare flatterten im Sonnenlichte.

»Was sagt sie nur?« wiederholte Pauline, von Entsetzen ergriffen.

Die Frau kam näher, sie vernahmen einen rauhen Schrei dem Geheul eines Tieres ähnlich.

»Das Kind!... das Kind!... das Kind!«

Seit dem Morgen arbeiteten Vater und Sohn, ungefähr eine Meile von da in einem Haferfelde, das sie geerbt hatten. Die Frau hatte sich kaum aus dem Hause entfernt, um einen Korb Rüben zu holen; als sie fortging, schlief das Kind; sie hatte alles zugeschlossen, was sie sonst nie tat. Ohne Zweifel glimmte das Feuer schon lange, denn sie war entsetzt, versicherte, es bis auf das letzte Stückchen Kohle ausgelöscht zu haben. Jetzt war das Strohdach ein Feuerherd, die Flammen loderten empor und brachten ein rotes Geflimmer in die große, gelbe Klarheit des Sonnenlichtes.

»Ihr habt abgeschlossen?« rief Lazare.

Die Frau hörte nicht. Sie war wie toll, machte ohne Grund die Runde um das Haus, um irgendwelche Öffnung, ein Loch zu entdecken, das, wie sie wohl wissen mußte, nicht vorhanden war. Dann war sie wieder gefallen, ihre Füße trugen sie nicht mehr, ihr altes, graues, jetzt entblößtes Gesicht verzerrte sich in Verzweiflung und Entsetzen, während sie noch immer heulte:

»Das Kind!... Das Kind!«

Paulinens Augen füllten sich mit schweren Tränen. Dieser Schrei aber entnervte besonders Lazare, den jedesmal ein heftiges Unbehagen erschütterte. Das wurde unerträglich; er sagte plötzlich:

»Ich werde ihr das Kind holen.«

Die Base sah ihn bestürzt an, sie versuchte seine Hand zu fassen, ihn zurückzuhalten.

»Du? Ich will nicht... Das Dach wird einstürzen.«

»Wir werden sehen«, sagte er schlicht.

Dann rief er seinerseits der Frau ins Gesicht:

»Euren Schlüssel? Ihr habt doch Euren Schlüssel?«

Die Frau starrte ihn an. Lazare schüttelte sie und entriß ihr endlich den Schlüssel. Während sie auf der Erde liegen blieb und heulte, ging er ruhigen Schrittes auf das Haus zu. Pauline folgte ihm mit den Augen, sie versuchte nicht mehr, ihn aufzuhalten, von Furcht und Staunen wie festgenagelt, während er etwas ganz Natürliches zu vollbringen schien. Ein Funkenregen fiel nieder, er mußte sich gegen das Holz der Tür stemmen, um sie zu öffnen, während Büschel brennenden Strohes vom Dache herunterrollten, wie Wasser bei einem Ungewitter nieder rieselt; und schon fand er ein Hindernis, der verrostete Schlüssel wollte sich nicht im Schlosse umdrehen. Aber er fluchte nicht einmal, er ließ sich Zeit, es gelang ihm zu öffnen, er blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen, um den ersten ihm in das Gesicht schlagenden Rauchqualm herauszulassen. Er hatte nie so kaltes Blut gehabt und handelte wie im Traum, mit einer Sicherheit der Bewegungen, einer Geschicklichkeit und Klugheit, welche die Gefahr erzeugte. Er beugte den Kopf und verschwand.

»Mein Gott, mein Gott?« stammelte Pauline, die vor Angst schier erstickte.

Mit einer unwillkürlichen Bewegung hatte sie die Hände gefaltet und preßte sie zum Zerbrechen; sie hob sie mit einer fortwährenden Schwingung in die Höhe, wie es die Kranken bei großen Schmerzen tun. Das Dach krachte, brach schon hier und dort durch, ihr Vetter würde keine Zeit mehr zum Hinauskommen haben. Sie hatte das Gefühl einer Ewigkeit, ihr schien, als sei er schon seit endlosen Zeiten dort drinnen. Die Frau auf der Erde atmete nicht mehr, sie saß mit blödsinniger Miene da, weil sie einen Herrn in das Feuer hatte gehen sehen.

Ein lauter Schrei ertönte jetzt. Pauline hatte ihn aus tiefster Seele ausgestoßen, ohne es zu wollen, in dem nämlichen Augenblick, als das Dach zwischen die rauchenden Mauern stürzte.

»Lazare!«

Er stand in der Tür, die Haare kaum versengt, mit leicht verbrannten Händen; und als das Kleine weinend in den Armen der Frau strampelte, ärgerte er sich fast über seine Base. »Wie? Warum mußt du dich so ängstigen?«

Sie hängte sich schluchzend, in einer solchen nervösen Erregung an seinen Hals, daß er sie aus Furcht vor einer Ohnmacht auf einem alten, mit Moos bewachsenen Stein, der an den Brunnen des Hauses gelehnt war, niederließ. Er selbst fühlte sich jetzt schwach werden. Es stand dort ein Trog mit Wasser, in dem er mit Behagen seine Hände kühlte. Diese Frische ließ ihn wieder zu sich kommen, und er zeigte nun seinerseits ein großes Erstaunen über seine Tat. Wie! Er war mitten in diese Flammen gedrungen? Es war wie eine Verdoppelung seines Wesens, er sah sich wieder klar mitten im Rauche, mit einer Geschicklichkeit und unglaublichen Geistesgegenwart; es war ihm, als habe er einem von einem Fremden ausgeführten Wunder beigewohnt. Ein Überrest der inneren Erregung erfüllte ihn mit einer Freude, wie er sie bisher noch nie gekannt hatte.

Pauline hatte sich ein wenig erholt und untersuchte seine Hände, indem sie sagte:

»Nein, das wird nichts sein, die Brandwunden sind nicht tief. Aber wir müssen heimkehren, ich werde dich verbinden... Mein Gott, welche Angst du mir gemacht hast!«

Sie hatte ihr Taschentuch in das Wasser getaucht, um seine rechte Hand, die mehr verletzte von beiden, hineinzuwickeln. Sie standen auf, versuchten die Frau zu trösten, die, nachdem sie das Kind heftig geküßt, es neben sich hingelegt hatte, ohne es weiter anzuschauen; jetzt jammerte sie über das Haus, sie brach in ein ebenso lautes Geheul aus bei dem Gedanken, was ihre Männer dazu sagen würden, wenn sie alles niedergebrannt fänden. Die Mauern hielten noch stand; ein schwarzer Rauch stieg aus der inneren Glut mit großen knisternden Funkengarben auf, so daß man nichts mehr sah. »Mut, arme Frau«, wiederholte Pauline. »Kommt morgen zu mir, um ein wenig mit mir zu plaudern.«

Nachbarn, von dem Rauch herbeigelockt, kamen hinzu. Sie konnte Lazare fortführen. Die Heimkehr war sehr lieblich. Er litt wenig, aber sie wollte ihm trotzdem den Arm reichen, um ihn zu stützen. In ihrer nachgefühlten Erregung fehlten ihnen noch die Worte, sie sahen sich nur lächelnd an. Besonders sie empfand eine Art glücklichen Stolzes. Er, der aus Furcht vor dem Tode erbleichte, war also dennoch mutig? Sie vertiefte sich in das Erstaunen über diese Widersprüche in dem einzigen Manne, den sie gut kannte; denn sie hatte ihn nächtelang arbeiten, dann wieder monatelang müßig bleiben sehen, von einer sprachlos machenden Offenherzigkeit, nachdem er kurz vorher schamlos gelogen hatte; er hatte ihr kameradschaftlich die Stirn geküßt, während seine Manneshände vor Verlangen fiebernd an ihren Gelenken brannten; und heute war er gar zum Helden geworden! Sie hatte recht, nicht am Leben zu verzweifeln und die Welt entweder für ganz gut oder ganz schlecht zu halten. Als sie in Bonneville angelangt waren, machte sich ihr bewegtes Schweigen in einem Strome geräuschvoller Worte Luft. Die kleinsten Einzelheiten erwachten wieder, sie erzählte das Abenteuer zwanzigmal, immer vergessene Tatsachen hinzufügend, deren sich beide wie in dem lebhaften Schein eines Blitzes erinnerten. Man sprach lange Zeit davon, den abgebrannten Bauern wurden Unterstützungen geschickt.

Lazare war bald einen vollen Monat in Bonneville. Da kam ein Brief Luisens, die vor Langeweile verzweifelte. Er schrieb ihr, daß er sie anfangs der nächsten Woche abholen werde. Es fielen abermals heftige Regenschauer, diese gewaltigen Güsse, die mit ihrer Heftigkeit über die Küste fegten wie ein Schleusenstrom, der die Erde, das Meer und den Himmel in einem grauen Dampf fortzuführen gewillt schien. Lazare hatte von der ernstlichen Beendigung seines Dramas gesprochen: Pauline, die er bei sich haben wollte, um sich Mut einzuflößen, brachte ihr Strickzeug mit hinauf, um die kleinen Strümpfchen zu verfertigen, die sie unter die Kinder des Dorfes verteilte. Aber sobald sie sich an den Tisch setzte, arbeitete er kaum. Sie plauderten mit halblauter Stimme immer über die nämlichen, unermüdlich wiederholten Dinge, Auge in Auge. Sie spielten nicht mehr, sie vermieden das Spiel ihrer Hände mit der unwillkürlichen Vorsicht gescholtener Kinder, welche die Gefahr des leichten Berührens der Schultern, das Streifen des Atems kennen, über das sie noch am Tage vorher gelacht hatten. Nichts schien ihnen übrigens köstlicher als dieser matte Friede, diese Schläfrigkeit, die bei dem Rauschen des unaufhörlich auf die Schiefern des Daches niederschlagenden Regens über sie kam. Ein Schweigen ließ sie erröten, unfreiwillig legten sie eine Liebkosung in jedes Wort, einem Drucke nachgebend, der die alten, längst vergessen geglaubten Tage wieder in ihnen erstehen und erblühen ließ.

Eines Abends hatte Pauline beim Stricken bis Mitternacht in Lazares Zimmer verweilt, während er, dem die Feder aus der Hand gefallen war, ihr in langsamen Worten seine zukünftigen Werke auseinandersetzte, Dramen, von ungeheuren Figuren belebt. Das ganze Haus schlief, Veronika selbst war früh zu Bett gegangen; und dieser ganze erschauernde Friede der Nacht, in den nur der gewohnte Klagelaut der Hochflut drang, hatte sie nach und nach mit einer sinnlichen Zärtlichkeit erfüllt. Er öffnete sein Herz, bekannte, daß er sein Leben verfehlt habe: wenn er diesmal in der Literatur scheitere, sei er entschlossen, sich in einen Winkel zurückzuziehen und als Einsiedler zu leben. »Weißt du,« fuhr er lächelnd fort, »ich denke oft daran, daß wir nach dem Tode meiner Mutter hätten auswandern sollen.«

»Wieso auswandern?«

»Ja, weit fort entfliehen, zum Beispiel nach Ozeanien, auf eine dieser Inseln, wo das Leben so lieblich ist.«

»Und dein Vater? Hätten wir ihn mitgenommen?«

»O, ich sage dir ja, es ist nur ein Traum... Es ist doch nicht verboten, sich angenehme Dinge auszumalen, wenn die Wirklichkeit nicht heiter ist.«

Er hatte den Tisch verlassen und sich auf einen Arm des Lehnstuhles gesetzt, in dem Pauline saß. Sie ließ ihr Strickzeug fallen, um über die fortwährenden Sprünge dieser Phantasie des großen, närrischen Kindes behaglich lachen zu können, und sie wandte ihm den gegen die Rücklehne gestützten Kopf zu, während er ihr so nahe war, daß er die lebendige Wärme ihrer Schulter an seiner Hüfte fühlte.

»Bist du toll! Was hätten wir dort begonnen?«

»Wir hätten gelebt!... Erinnerst du dich noch des Buches über Reisen, das wir vor zwölf Jahren zusammen lasen? Man lebt dort wie im Paradiese. Kein Winter, ein ewig blauer Himmel, ein Dasein unter der Sonne und den Sternen... Wir hätten eine Hütte gehabt, köstliche Früchte gegessen, nichts tun brauchen und keine Sorgen gekannt!«

»Dann lieber gleich zwei Wilde mit Ringen durch die Nase und Federn auf dem Kopfe?«

»Warum nicht? Wir würden uns von einem Ende des Jahres bis zum andern geliebt haben, ohne die Tage zu zählen; das wäre gar nicht so dumm gewesen.«

Sie sah ihn an, ihre Lider zuckten, ein leichter Schauer bleichte ihr Gesicht. Dieser Gedanke an die Liebe stieg in ihr Herz nieder und erfüllte sie mit süßem Schmachten. Er hatte ihre Hand erfaßt ohne Absicht aus dem einfachen Bedürfnis, sich ihr noch mehr zu nähern, etwas von ihr zu halten; und er spielte mit dieser warmen Hand, deren schlanke Finger er beugte, wobei er immer verlegener lächelte. Sie beunruhigte sich nicht, es war das nur ein einfaches Spiel ihrer Jugend, dann schwanden ihre Kräfte, sie gehörte ihm in ihrer wachsenden Verwirrung bereits an. Selbst ihre Stimme wurde schwach.

»Aber das ist mager, immer Früchte zu essen. Man müßte jagen, fischen, das Feld bebauen. Wenn die Frauen dort arbeiten, wie man sich erzählt, so würdest du mich also ebenfalls das Feld umgraben haben lassen.«

»Du mit diesen kleinen Patschen?... Und die Affen, richtet man die nicht heutzutage zu vorzüglichen Dienstboten ab?«

Sie antwortete mit einem ersterbenden Lachen auf diesen Scherz, während er hinzufügte:

»Übrigens würden deine Händchen nicht mehr vorhanden sein... Ja, ich hätte sie schon längst aufgegessen, sieh... so!«

Er küßte ihre Hände und biß sie schließlich, das Blut im Gesicht, von einem plötzlichen Verlangen geblendet. Sie sprachen nicht mehr; es war eine gemeinsame Tollheit, ein Abgrund, in den sie mit wirrem Kopf, vom gleichen Schwindel ergriffen, stürzten. Sie gab sich hin, in den Lehnstuhl zurückgesunken, mit rotem, geschwelltem Gesicht, die Augen geschlossen, als wollte sie nichts mehr sehen. Mit rauher Hand hatte er bereits ihr Obergewand aufgeknöpft, er riß die Haken ihres Rockes ab, als seine Lippen den ihren begegneten. Er gab ihr einen Kuß, den sie ihm inbrünstig wiedergab, gleichzeitig schlang sie ihre Arme mit aller Kraft um seinen Hals. Aber bei dieser Erschütterung ihres jungfräulichen Körpers hatte sie die Augen geöffnet, sie sah sich auf den Fußboden rollen und erkannte die Lampe, den Schrank, die Decke wieder, an der ihr die kleinsten Flecke bekannt waren: und sie schien zu erwachen mit dem Erstaunen einer Person, die sich nach einem schrecklichen Traume bei sich wiederfindet. Sie wehrte sich heftig und sprang auf. Ihre Röcke glitten herab, ihr weit geöffnetes Oberkleid ließ die nackte Brust hervorquellen. Ein Schrei entrang sich ihr in dem bebenden Schweigen des Gemaches.

»Laß mich, das ist abscheulich!«

Toll vor Verlangen, hörte er nicht mehr; er packte sie von neuem und riß ihr die Kleider vollends vom Leibe. Wohin der Zufall seine Lippen führte, suchte er ihre nackte Haut, er brannte sie mit seinen Küssen, unter denen sie jedesmal erzitterte. Zweimal noch drohte sie zu fallen, dem unbesiegbaren Verlangen sich ihm hinzugeben gehorchend, und sie litt unendlich unter diesem Kampfe gegen sich selbst. Sie hatten mit kurzem Atem und verschlungenen Gliedern die Runde um den Tisch gemacht, als es ihm endlich gelang, sie auf einen alten Divan zu werfen, dessen Sprungfedern ächzten. Mit ausgestreckten Armen hielt sie ihn von sich ab und wiederholte dabei mit heiser werdender Stimme:

»Ich bitte dich! Laß mich... Es ist abscheulich, was du tun willst.«

Er hatte mit zusammengepreßten Zähnen nicht ein Wort gesprochen. Er glaubte sie endlich zu besitzen, als sie sich ein letztes Mal und so heftig befreite, daß er bis an den Tisch taumelte. In diesem freien Augenblicke konnte sie hinaus; mit einem Satze war sie über den Flur und in ihrem Zimmer. Er hatte sie bereits eingeholt, sie konnte die Tür nicht mehr in das Schloß drücken. Er drängte von außen, und sie mußten sich, um den Riegel vorschieben und den Schlüssel umdrehen zu können, mit der ganzen Schwere ihres Körpers gegen das Holz stemmen. Während sie ihm diesen schmalen Spalt streitig machte, fühlte sie sich verloren, wenn er auch nur die Spitze seines Pantoffels hineinzuzwängen vermochte. Der Schlüssel knirschte laut, dann trat tiefe Stille ein, in der man nur das Meer die Mauern der Terrasse erschüttern hörte.

Pauline blieb indessen ohne Licht mit in der Finsternis weit geöffneten Augen gegen die Tür gelehnt. Sie war sich völlig klar, daß auch Lazare auf der andern Seite des Holzes sich nicht gerührt hatte. Sie vernahm seinen Atem, sie glaubte noch immer dessen Flamme auf ihrem Nacken zu fühlen. Entfernte sie sich, so brach er möglicherweise eine Füllung mit einem Stoße seiner Schultern heraus. Ihr Verbleiben an der Tür beruhigte sie, sie stemmte sich mechanisch mit aller Kraft weiter dagegen, als dränge er noch immer. So verstrichen zwei unendlich lange Minuten in dieser gegenseitigen Erregung, die sie beide gepackt hatte, kaum durch das dünne Holz getrennt, brennend, von diesem Verlangen erschüttert, das sie nicht zu besänftigen wußten. Dann hauchte Lazares Stimme ganz leise, von der Aufregung gedämpft:

»Öffne mir, Pauline, ich weiß, du bist da.«

Ein Schauer lief über ihr Fleisch, diese Stimme hatte sie vom Kopf bis zu den Fußspitzen durchglüht. Aber sie antwortete nicht. Gesenkten Hauptes hielt sie mit einer Hand ihre fallenden Röcke, während die andere, an das offene Obergewand gekrampft, ihre Brust zusammendrückte, um ihre Blöße zu verbergen.

»Du leidest ebenso wie ich, Pauline... Ich flehe dich an, öffne! Warum uns dieses Glück versagen?«

Er fürchtete jetzt, Veronika zu wecken, deren Stube nebenan war. Sein Flehen wurde sanft wie die Klage eines Kranken. »So öffne doch... Öffne, wir wollen nachher sterben, wenn du willst. Lieben wir uns nicht seit unserer Kindheit? Du solltest meine Frau werden, ist es nicht unvermeidlich, daß du es eines Tages noch wirst?... Ich liebe dich, ich liebe dich, Pauline...«

Sie zitterte stärker, jedes Wort preßte ihr das Herz zusammen. Die Küsse, mit denen er ihre Schultern bedeckt, brannten wie Feuertropfen auf ihrer Haut. Sie steifte sich noch mehr gegen die Tür auch Furcht, daß sie öffnen und sich ihm in dem unwiderstehlichen Verlangen ihres halbnackten Körpers hingeben könne. Er hatte recht, sie betete ihn an, warum sich diese Freude verweigern, die sie vor der ganzen Welt verbergen würden? Das Haus schlief, die Nacht war schwarz. Schlafen können im Schatten, einer am Halse des andern, ihn für sich haben, und sei es auch nur für eine Stunde! Oh! leben, endlich leben!

»Mein Gott, wie grausam du bist, Pauline...! Du willst nicht einmal antworten, und ich stehe hier so elend. Öffne, ich werde dich nehmen, behalten, wir werden alles vergessen... Öffne, öffne mir, ich bitte dich.«

Er schluchzte, und sie begann zu weinen. Sie schwieg noch immer trotz des Aufruhrs ihres Blutes. Eine Stunde lang fuhr er fort, sie anzuflehen, sich zu erzürnen, er verfiel schließlich in abscheuliche Ausdrücke, um dann wieder in Worte glühender Zärtlichkeit auszubrechen. Zweimal glaubte sie, er sei fort, und zweimal kam er aus seinem Zimmer zurück mit verdoppelter Liebesraserei. Als sie ihn sich wütend in sein Zimmer einschließen hörte, überkam sie eine ungeheure Traurigkeit. Diesmal war es zu Ende, sie hatte gesiegt; aber eine so tiefe Verzweiflung, eine so heftige Scham über diesen Sieg erfaßte sie, daß sie sich entkleidete und niederlegte, ohne das Licht anzuzünden. Der Gedanke, sich nackt in den abgerissenen Kleidern zu sehen, erfüllte sie mit einer entsetzlichen Verlegenheit. Die Frische der Bettücher beruhigte ein wenig das Brennen der Küsse, die ihre Schultern verfärbten; sie blieb lange bewegungslos liegen, unter der Last des Widerwillens und des Kummers wie zerschmettert.

Die Schlaflosigkeit hielt Pauline bis zum Morgen wach. Diese Abscheulichkeit verfolgte sie. Der ganze Abend war ein Verbrechen, das ihr Entsetzen einflößte. Jetzt konnte sie nicht mehr sich selbst entschuldigen, sie mußte die Doppelzüngigkeit ihrer Zärtlichkeiten wohl oder übel bekennen. Ihre mütterliche Neigung für Lazare, ihre heimliche Anschuldigung Luisens waren einfach das heuchlerische Erwachen ihrer alten Leidenschaft. Sie war zu diesen Lügen herabgeglitten; sie stieg noch tiefer in die uneingestandenen Gefühle ihres Herzens hinab, in dem sie eine Freude über die Zwietracht des Paares, eine Hoffnung auf einen möglichen Vorteil daraus entdeckte. War sie es nicht gewesen, die dazu beigetragen hatte, daß ihr Vetter die Tage von früher wieder begann? Hätte sie nicht voraussehen müssen, daß der Fall das Ende sei? Das Schreckliche der Lage bäumte sich in dieser Stunde vor ihnen auf wie ein Hindernis in ihrer aller Leben: sie hatte ihn einer anderen gegeben, sie betete ihn an, und er begehrte sie. Alles das wälzte sich in ihrem Hirn, schlug wie mit Glockenschlägen an ihre Schläfen. Zuerst war sie entschlossen, am folgenden Tage zu fliehen. Dann fand sie diese Flucht feige. Warum nicht warten, da er doch selbst wieder fortging? Außerdem überkam sie ein Stolz, sie wollte sich besiegen, um nicht die Schande einer bösen Tat mit sich fortzunehmen. Sie fühlte, daß sie in Zukunft nicht mehr mit erhobenem Kopfe werde leben können, wenn sie die Gewissensbisse wegen dieses Abends bewahre.

Am nächsten Morgen kam Pauline zur gewohnten Stunde herunter. Nur der bläuliche Rand an ihren Augenlidern hätte die Qualen der Nacht bezeugen können. Sie war bleich und sehr ruhig. Als Lazare erschien, erklärte er sein mattes Aussehen seinem Vater einfach dadurch, daß er bis in die späte Nacht gearbeitet habe. Der Tag verstrich unter den gewohnten Beschäftigungen. Weder der eine noch die andere machte eine Anspielung auf das, was zwischen ihnen geschehen war, selbst dann nicht, als sie sich außerhalb des Bereiches der Augen und Ohren dritter befanden. Als sie sich aber des Abends auf dem Flur gute Nacht wünschten, stürzten sie einander ungestüm in die Arme und küßten sich voll auf den Mund. Und Pauline schloß sich entsetzt ein, während Lazare in sein Zimmer floh und sich weinend auf das Bett warf.

Das war jetzt ihr Leben. Die Tage folgten langsam aufeinander, und sie harrten Seite an Seite in der angstvollen Erwartung eines möglichen Fehltritts. Ohne je den Mund über diese Dinge zu öffnen, ohne je wieder von der schrecklichen Nacht gesprochen zu haben, dachten sie dennoch unaufhörlich daran, sie fürchteten miteinander niederzustürzen, gleichviel wo, wie vom Blitze getroffen. Werde es am Morgen beim Aufstehen oder am Abend beim Austausch der letzten Worte sein? Werde es bei ihm oder bei ihr, oder in einem abgelegenen Winkel des Hauses geschehen? Das nur blieb dunkel. Sie bewahrten ihre Besinnung vollkommen, jede plötzliche Hingabe, jede Tollheit eines Augenblicks, die verzweifelten Umarmungen hinter einer Tür, die glühenden, im Dunkel geraubten Küsse erfüllten sie mit einem schmerzlichen Zorn. Der Boden bebte unter ihren Füßen, sie klammerten sich an die Entschlüsse ruhiger Stunden, um nicht in diesem Strudel zu versinken. Aber keines von beiden hatte die Kraft, zu dem einzigen Heil zu greifen, der sofortigen Trennung. Sie hielt unter dem Vorwande der Tapferkeit angesichts der Gefahr hartnäckig aus. Er, ganz gefangen genommen, dem ersten Ungestüm eines neuen Abenteuers nachgebend, beantwortete nicht einmal mehr die dringenden Briefe seiner Frau. Er befand sich schon seit sechs Wochen in Bonneville, und es war ihnen, als solle dieses Leben voller grausamer und köstlicher Erregungen ewig währen.

Eines Sonntags beim Mittagessen wurde Chanteau heiter, nachdem er ein Glas Burgunder getrunken, eine Ausschweifung, die er jedesmal teuer bezahlte. An jenem Tage hatten Lazare und Pauline reizende Stunden am Meere unter dem weiten, blauen Himmel zugebracht, und sie tauschten zärtliche Blicke aus, in denen die Verwirrung dieser Furcht vor sich selbst erzitterte, die ihre Kameradschaft jetzt so leidenschaftlich gestaltete.

Alle drei lachten, als Veronika gerade im Augenblicke, als sie den Nachtisch auftragen sollte, in der Küchentür erschien und rief:

»Die Frau ist hier!«

»Was für eine Frau?« fragte Pauline bestürzt.

»Frau Luise!«

Unterdrückte Ausrufe erfolgten. Der bestürzte Chanteau schaute Pauline und Lazare an, die beide erbleichten. Der letztere aber erhob sich heftig, seine Stimme erzitterte vor Zorn.

»Wie? Luise! Aber sie hat es mir nicht geschrieben! Ich würde ihr verboten haben zu kommen... Ist sie denn toll?«

Die Dämmerung brach sehr klar und milde herein. Nachdem Lazare sein Mundtuch fortgeworfen hatte, war er hinausgelaufen, Pauline folgte ihm und bemühte sich, ihre lächelnde Heiterkeit wieder zu erlangen. Es war in der Tat Luise, die schwerfällig aus der Berline des Vaters Malivoire stieg. »Bist du toll?« schrie ihr Mann schon von der Mitte des Hofes aus. »Man begeht solche Tollheiten nicht, ohne vorher zu schreiben!«

Sie brach in Tränen aus. Sie fühlte sich krank und langweilte sich so sehr. Da ihre zwei letzten Briefe ohne Antwort geblieben, hatte sie ein unüberwindliches Verlangen abzureisen erfaßt, ein Verlangen, in welches sich der sehnliche Wunsch mengte, Bonneville wiederzusehen. Sie hatte ihn nicht vorher benachrichtigt, weil sie fürchtete, er werde ihr verbieten, ihr Verlangen zu befriedigen.

»Ich hatte mich so darauf gefreut, euch alle zu überraschen!«

»Das ist lächerlich! Du wirst morgen wieder abreisen.«

Luise warf sich von diesem Empfange niedergeschmettert, Pauline in die Arme. Als diese sie so unbeholfen in ihren Bewegungen sah mit dick gewordenen Hüften unter dem Kleide, war sie noch bleicher geworden. Jetzt fühlte sie den Leib dieser dicken Frau an dem ihrigen und empfand Entsetzen und Mitleid darüber. Es gelang ihr endlich, den Aufruhr ihrer Leidenschaft zu besiegen, sie brachte Lazare zum Schweigen.

»Warum sprichst du so hart zu ihr? Umarme sie ... Du tatest recht daran zu kommen, wenn du denkst, dich in Bonneville wohler zu befinden. Du weißt, daß wir dich alle lieben, nicht wahr?«

Loulou heulte wütend über die Stimmen, die den gewohnten Frieden des Hofes störten. Nachdem Minouche die Nase auf die Treppe vor der Tür gesteckt, hatte sie sich zurückgezogen und die Pfoten geschüttelt, als habe sie beinahe in einem unangenehmen Abenteuer ihr Ansehen auf das Spiel gesetzt. Alle traten ein, Veronika mußte ein neues Gedeck auflegen und das Essen nochmals auftragen.

»Wie, du bist es, Luisette?« wiederholte Chanteau mit unruhigem Lächeln... »Du hast uns mit deiner Gesellschaft überraschen wollen? Ich hätte beinahe den Wein in die unrechte Kehle bekommen.«

Doch der Abend endete angenehm. Alle hatten ihre Kaltblütigkeit wiedergefunden. Man vermied alle Abmachungen für die folgenden Tage. In dem Augenblicke, da man zur Ruhe gehen wollte, begann die Verwirrung von neuem, als die Magd fragte, ob Herr Lazare im Zimmer der Frau schlafe.

»Nein, Luise wird besser allein gebettet sein«, murmelte Lazare, der unwillkürlich einen Blick Paulines aufgefangen hatte.

»Ja, so ist es, schlafe nur oben«, sagte die junge Frau. »Ich bin entsetzlich matt und habe so das ganze Bett für mich.«

Drei Tage verstrichen. Pauline faßte endlich einen Entschluß. Sie wollte das Haus am Montag verlassen. Das junge Paar sprach bereits davon, bis zum Augenblick der Entbindung zu bleiben, die man nicht vor einem Monat erwartete; aber sie erriet sehr wohl, daß ihrem Vetter Paris zuwider war und er schließlich seine Zinsen in Bonneville verzehren werde als ein über seine steten Fehlschläge verbitterter Mann. Das Beste war, ihnen ungesäumt den Platz zu räumen, denn es gelang ihr nicht, sich zu besiegen und sie fühlte, daß sie jetzt noch weniger als früher den Mut finden werde, in dieser ihrer Vertraulichkeit von Mann und Frau mit ihnen zu leben. War das nicht auch das Mittel, den Gefahren der wachsenden Leidenschaft zu entfliehen, unter denen sie und Lazare jetzt soviel gelitten? Luise allein war erstaunt, als sie den Entschluß ihrer Base erfuhr. Man brachte Gründe vor, gegen die nichts einzuwenden war. Doktor Cazenove erzählte, die Dame in Saint-Lô habe Pauline außergewöhnliche Anerbietungen gemacht und diese könne sich nicht länger weigern, ihre Verwandten müßten sie zwingen, eine Stellung anzunehmen, die ihre Zukunft sichere. Ghanteau selbst gab mit Tränen in den Augen seine Zustimmung.

Am Sonnabend fand ein letztes Mittagessen mit dem Pfarrer und dem Arzte statt. Die sehr leidende Luise konnte sich kaum bis an den Tisch schleppen. Das trübte das Mahl vollends, so große Anstrengungen auch Pauline machte, die jedem zulächelte mit dem Bedauern, dieses Haus, das sie seit Jahren mit soviel Heiterkeit erfüllt hatte, betrübt verlassen zu müssen. Ihr Herz quoll von Kummer über. Veronika bediente mit einer trübseligen Miene. Beim Braten schlug Ghanteau einen Schluck Burgunder aus; ihn ergriff plötzlich eine übertriebene Vorsicht, und er zitterte bei dem Gedanken, daß er bald nicht mehr die Krankenpflegerin haben werde, die mit ihrer bloßen Stimme seine Schmerzen einschläferte. Lazare stritt fieberhaft erregt die ganze Zeit mit dem Doktor über eine neue wissenschaftliche Entdeckung.

Um elf Uhr war das Haus wieder in tiefe Stille versunken. Luise und Chanteau schliefen bereits, während die Magd noch die Küche in Ordnung brachte. Aber vor der Tür seiner alten Knabenstube, die Lazare immer noch bewohnte, hielt er Pauline wie an jedem Abend zurück.

»Lebe wohl«, murmelte er.

»Aber nein, nicht lebe wohl«, sagte sie, sich zum Lachen zwingend. »Auf Wiedersehen, da ich erst am Montag reise.«

Sie schauten einander an, ihre Augen verdunkelten sich und sie fielen sich in die Arme, ihre Lippen vereinigten sich zu einem letzten glühenden Kusse.

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