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Die Leartragödie Ernst Haeckels

Adolf Heilborn: Die Leartragödie Ernst Haeckels - Kapitel 3
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authorAdolf Heilborn
titleDie Leartragödie Ernst Haeckels
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Die Leartragödie Ernst Haeckels

Am 9. August des vorigen Jahres (1919) hat Ernst Haeckel die Augen zur letzten Ruhe geschlossen. Ein Müder, der längst sich schon in die Nirwana sehnte, ein Rufer im Streit, der, kraftlos geworden, den Untergang seines über alles geliebten Vaterlandes mitansehen mußte.

»Mit meiner Gesundheit geht es jetzt rasch abwärts,« hatte er mir am 12. November 18 noch ins Feld geschrieben, »Herz und Gehirn versagen immer mehr ihren Dienst. Ich bezweifle sehr, daß ich das Projekt des neuen ›Instituts für allgemeine Entwicklungslehre‹ noch werde ausführen können. Auch wünsche ich mir ein baldiges und rasches Ende herbei angesichts der unheilvollen Wendung unserer politischen Verhältnisse, welche in den letzten Wochen eingetreten ist. Ich fürchte, daß der heißersehnte Friede einen völligen Umsturz der modernen Kultur zur Folge haben wird.«

Fünfundachtzig Jahre ist er alt geworden, und doch kam sein jäher Tod wohl allen seinen Freunden überraschend. Unter dem ersten Eindruck dieser Trauernachricht schrieb ich persönliche Erinnerungen »Aus Haeckels letzten Lebensjahren« nieder, und bei dem Niederschreiben dieser Erinnerungen, beim Durchlesen seiner Briefe an mich kam mir erst recht zum Bewußtsein, wie bitter arm am Glück gewöhnlicher Sterblicher dieser Große eigentlich gewesen, wie namentlich sein letztes Lebensjahrzehnt sich zu einem wahren Martyrium, zu einer wahren Leartragödie gestaltet hatte.

Ernst Haeckel hatte sich den Ausklang seines nur der Arbeit geweihten Lebens wohl harmonischer erhofft, sich wohl ein verdientes otium cuma dignitate erträumt, da er am 1. April 1909 die Bürden seines Amtes, ein Fünfundsiebzigjähriger, auf jüngere Schultern lud, da er den Jenenser Lehrstuhl, dessen Zierde er fast zwei Menschenalter hindurch gewesen, das Direktorat des Zoologischen Instituts und des Phyletischen Museums an seinen Berliner Schüler Ludwig Plate abtrat.

Er war lange mit sich zu Rate gegangen, wen er der Fakultät als seinen Nachfolger vorschlagen sollte, und war endlich auf Plate verfallen, weil der seiner Ansicht nach nicht nur der geeignetste Lehrer, sondern auch ein glänzender Organisator war. Plates Organisationstalent hatte Haeckel, wie er mir erzählte, im Berliner »Museum für Meereskunde« bewundert, und gleichsam wie zur Rechtfertigung seines Urteils über Plate betonte er nachmals in Briefen an seine Freunde immer wieder: »Die innere Einrichtung des Phyletischen Museums hat Plate gut und in meinem Sinne, mit großem, talentiertem Geschick ausgeführt.« »Plate hat das Phyletische Museum wirklich gut und meinen Plänen entsprechend eingerichtet. Er rechtfertigt also, zumal er ein sehr guter Dozent und praktischer Institutsdirektor ist – was ich selbst leider nicht war –, daß ich seine Berufung als des tüchtigsten Kandidaten durchgesetzt hatte.« Und noch im Jahre 1916 sagte er Hauser und. mir bezüglich der Einrichtung des Phyletischen Museums: »Sie müssen es mal wieder ansehen. Plate versteht seine Sache. Darin hat er mich nicht enttäuscht.«

Im übrigen hatte man ihn »genugsam vor Plate gewarnt«, wie er mir schon im Herbst 1909 gestand, und ich kenne Briefe an Haeckel, die von Plate nicht gerade das günstigste Charakterbild entwarfen. Aber Haeckel hat immer nur auf die Sache und nicht die Person gesehen. Er ist zeitlebens ein »reiner Tor« gewesen, ein »großes Kind« geblieben im Sinne des Schopenhauerschen Wortes vom Genie; es fehlte ihm jedes Maß in Gewöhnlichen, er hatte die rührende Naivität des wahrhaft Guten und Großen. Dieser vir vitae integerrimus purissimusque sceleris, dieser alles umfassende Herrscher im Reiche der Natur und Geisteswelt, stand den Dingen des Alltags rat-, ja, hilflos gegenüber, war ein herzlich schlechter Menschenkenner.

»Plate muß pathologisch sein,« das war die einzige Erklärung, die Haeckel für das ihm unverständliche Verhalten Plates hatte, und er berief sich hierfür auf das Urteil auch andrer Jenenser Professoren: »ich selbst habe mir die Schuld an all dem ganz allein zuzuschreiben, man hatte mich genug gewarnt; so muß ich's eben tragen.« Dieses Bewußtsein, gegen die Vorstellungen wohlmeinender, besser unterrichteter und in solchen Fragen zweifellos viel urteilsfähigerer Freunde die Berufung Plates durchgesetzt zu haben, ist meiner Überzeugung nach vor allem der Grund gewesen, weshalb sich Haeckel sträubte, gegen Plate öffentlich vorzugehen, wie ich und andre es ihm schon damals vorschlugen. »Da keinerlei sachliche oder wissenschaftliche Differenz vorliegt, und da ich unvorsichtigerweise freiwillig alle meine Rechte an Plate abgetreten habe, wird mir in keiner Weise durch eine eventuelle Publikation des widerwärtigen Streits geholfen und der Sache nichts genützt,« schrieb er mir im Oktober 1909, bald nach meinem Besuche bei ihm, der in mir den Wunsch ausgelöst hatte, die Affäre Plate dem Urteil der Öffentlichkeit zu unterbreiten. Hätte ich's nur damals doch getan, hätten nur damals Wolff, Verworn und andre nicht geglaubt, Plate sei ohnehin »erledigt« – es wäre Haeckel manch dunkle Stunde, manch bitterer Schmerz erspart geblieben und ihm ein glücklicherer Lebensabend beschieden gewesen!

In völliger Unkenntnis der Art Plates hatte Haeckel jenem brieflich und mündlich wiederholt gesagt: »Sie werden als einziger und unbeschränkter Ordinarius der Zoologie und als selbständiger Direktor des Zoologischen Instituts und des neuen Phyletischen Museums hier völlig freie Hand haben« (Brief vom 17. Juni 1908), und auf die immer wieder betonten Bedingungen und Einwände Plates, der durch dieses scheinbare Widerstreben Haeckel vielleicht immer weitergehende Vollmachten abringen wollte, noch kurz vor dessen Übersiedlung nach Jena am 20. März 1909 geschrieben: »Ich wiederhole Ihnen meine Versicherung, daß ich die ganze Organisation mit vollem Vertrauen in Ihre Hände lege und meine eigenen Pläne stets Ihren besseren und praktisch bewährten unterordnen werde.« Er ahnte nicht, wie Plate diese in vollem Vertrauen gegebene Versicherung ausnützen würde, daß er ein andrer Shylock auf seinem Schein bis zum letzten I-Punkte bestehen würde, Plate, der doch fast überschwenglich sich bedankt hatte (Brief vom 9. Januar 1909):

»Hochverehrte Exzellenz!

Unter dem 10. Dezember 1908 hat mir das Kultusministerium in Weimar die Berufung auf den zoologischen Lehrstuhl in Jena übersandt, den Sie seit 48 Jahren mit so großem Erfolge inngehabt haben. Indem ich Ew. Exzellenz für das große Vertrauen, das Sie Ihrem alten Schüler entgegenbringen, herzlichst danke und verspreche, unsere Wissenschaft nach besten Kräften im Sinne einer freien deszendenztheoretischen Forschung und Lehre zu fördern, wird es mir eine besondere Freude sein, als Direktor des Phyletischen Museums Ew. Exzellenz die gewünschten drei Räume im Obergeschoß (Archiv, Bibliothek und Arbeitszimmer) einzuräumen und das Museum mit Ihnen und nach Ihren Intentionen einzurichten.

Ew. Exzellenz
aufrichtigst ergebener
Ludwig Plate.«

Eine der ersten Amtshandlungen Plates nach seiner Übersiedlung war die Forderung, Haeckel solle unverzüglich sein Arbeitszimmer im Zoologischen Institute räumen. Der greise Forscher war damals wieder einmal von schwerem Rheumatismus heimgesucht. Um Plates Verlangen erfüllen zu können, mußte er sich in das Institut hinübertragen lassen, wie mir der Institutsdiener, der treue, alte Pohle, mit grimmiger Verwünschung Plates unter Tränen erzählte, und im Beisein Pohles und der Tochter Haeckels ging dieser übereilte Umzug vor sich, bei dem es galt, die Briefe, Akten, Bücher usf. hinüber ins Phyletische Museum zu schaffen. Nach zwei Tagen war alles drüben, und Haeckel stand gerade in seinem, neuen Arbeitszimmer, als auch der neue Museumsdirektor alsbald erschien und erklärte, er nehme für seine Mäusezucht, 84 Kisten mit lebenden Mäusen, zu Vererbungsversuchen aus Berlin mitgebracht, das Assistentenzimmer des Museums in Anspruch. Haeckel – ich benütze hier seine eigenen, bisher noch unveröffentlichten Aufzeichnungen – protestierte dagegen wegen des unleidlichen Schmutzes und Gestankes dieser Zuchtanstalt, fragte, ob diese Mäusezucht denn wirklich nirgendwo anders in Jena als gerade in dem funkelnagelneuen Museum untergebracht werden könnte, und schlug vor, ein Zimmer (das sogenannte Ceylonzimmer) im Zoologischen Institute hierfür zu wählen. Das wollte Plate aber, nicht, weil der üble Geruch ihm im anstoßenden Laboratorium zu lästig würde. Als Haeckel darauf meinte, er dürfe bei der Einrichtung des Phyletischen Museums, das ja andern Zwecken diene als einer Mäusezucht, doch wohl auch noch etwas mitzureden haben, zumal das Museum ihn zwei Jahre Lebensarbeit und einen großen Teil seines Vermögens gekostet habe, erklärte Plate, sich in seiner ganzen Würde fühlend: » Seit dem 1. April bin ich alleiniger Direktor des Phyletischen Museums, und Sie haben sich allen meinen Anordnungen unbedingt zu fügen.« Es kam zu heftigem Wortstreit, und der greise Haeckel sagte schließlich: »Sie behandeln mich wie einen 20 Jahre jüngeren Assistenten und nicht wie Ihren 30 Jahre älteren Lehrer!« Ohne Abschied ging Plate davon.

Das war der Auftakt zu der Leartragödie. Das war der erste Dankeszoll des »aufrichtigst ergebenen alten Schülers« und der erste Ausdruck seiner »besonderen Freude, das Museum mit Haeckel und nach seinen Intentionen einzurichten«! Als diese Ereignisse in Jena bekannt wurden, brach ein Sturm der Entrüstung gegen Plate los. Der Botaniker Ernst Stahl erklärte im »Bären« vor einer großen Korona von Dozenten, er würde es »nicht mehr über sich gewinnen, Plate noch die Hand zu geben ...« »Die Empörung über Plates Vorgehen«, schrieb mir ein andrer sehr bekannter Jenenser Hochschullehrer, »war allgemein, und ich erinnere mich keines einzigen Kollegen, mit dem ich über die Sache sprach, der nicht dasselbe Gefühl der Empörung hatte über das krasse, undankbare Vorgehen Plates.«

Doch was schierte das groß Plate? »Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,« philosophierte er mit Wallenstein, und solche Atmosphäre des Streites war ihm ja von Berlin her etwas ganz Gewohntes. Gerade deswegen hat er vielleicht auch Haeckel gegenüber seine »Berliner Stellung eine sehr angenehme« genannt, hinter welche Phrase selbst der naive Haeckel in seinem Manuskripte ein vielsagendes Fragezeichen gemacht hat. »Ich werde mich schon durchzusetzen wissen,« betonte Plate bei jeder Gelegenheit, und dieses Ziel hat ihn bei allen seinen Handlungen geleitet.

Zunächst ging er daran, »mit den nach so vielen Richtungen hin verwahrlosten Zuständen des Zoologischen Instituts gründlich aufzuräumen«. (Brief vom 20. Mai 1909.) Haeckel hat in den mir vorliegenden Aufzeichnungen bescheidentlich dazu angemerkt: »Worin besteht diese ›Verwahrlosung›? Das Laboratorium ist seit 23 Jahren ganz unter der Leitung des jeweiligen Professors der ›Ritterstiftung›: Arnold Lang (1886-1889), Willy Kükenthal (1889-1899), H. E. Ziegler (1899-1909). Alle drei haben das Laboratorium gut gehalten und vielen Erfolg gehabt. Das Museum (Zoologische Sammlung) ist wegen Raummangels überfüllt. Zur Herstellung der Ordnung soll das Phyletische Museum dienen, das etwa die Hälfte der Sammlungen aufnimmt, nur die Lehrsammlung soll im Institut verbleiben. Tafelsammlung? Instrumente? Die Bibliothek, von einem Assistenten geführt, ist seit 32 Jahren (1877) katalogisiert, alle dem Institute überwiesenen Bücher sind in den laufenden Katalog und in den Zettelkatalog eingetragen worden.«

Aber diese Bibliothek, zum guten Teil eine Schenkung Haeckels, ist Plates besonderes Steckenpferd; er hat es immer und immer wieder gegen Haeckel getummelt. Es lahmt längst bedenklich; aber er hängt daran wie ein Knabe an seinem zerbrochenen Spielzeug und reitet es auch heut noch in trotziger Parade mit der triumphierenden Geste des Siegers um den Hügel des Gefallenen. Darauf wird weiterhin ausführlich einzugehen sein. –

Zwei Wochen nach dem geschilderten Vorfall suchte Haeckel Plate im Zoologischen Institute auf und übergab ihm einen Entwurf der »Bestimmungen über die Direktion des Phyletischen Museums«. Diese Bestimmungen lauten:

»Die Einrichtung und Verwaltung des Phyletischen Museums und die Verwendung des Erträgnisses des Wirtschaftsfonds soll dem jedesmaligen Leiter des Zoologischen Instituts zustehen.

Für meine Lebenszeit behalte ich mir jedoch die drei Zimmer der Ostfront des südlichen Teils des Obergeschosses vor, Phyletisches Archiv, Bibliothek, Arbeitszimmer, für Kunstwerke, Manuskripte und sonstige persönliche Erinnerungen.

Die Aufstellung behalte ich mir und meinen nächsten Angehörigen vor, meinem Sohne Walter Haeckel und meinem Schwiegersohn Hans Meyer. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten soll in erster Instanz der Kurator, in zweiter Instanz die Regierung entscheiden.«

Man sollte meinen, das seien nicht gerade unbillige Bestimmungen, zumal wenn man erwägt, daß das Museum eine Schenkung Haeckels (zu all den andern) darstellt. Allein Direktor Plate war andrer Meinung. Er protestierte gegen die Bestimmungen und reichte ein »Gutachten des Direktors des Phyletischen Museums, Prof. L. Plate, über die Vorschläge der Bestimmungen« ein. »Die Anordnung der Gegenstände in den drei Räumen und die Disposition über sie muß nach dem Ableben von Haeckel unbedingt dem jeweiligen Direktor des Museums vorbehalten bleiben,« betonte er darin. Es gäbe sonst nur »leidige Kompetenzfragen«, und er forderte schließlich die »Einsetzung einer juristischen Kommission«. Mit Lortzings wackrem Bürgermeister von Zaandam dachte er: »O, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht.« Hat er doch nach Haeckels Tode freimütig den geheimen Gedanken bekannt, der ihm seinen Protest eingegeben: »Haeckel wollte sich hier so eine Art Goethehaus selbst errichten,« schreibt er in der »Umschau« (6, 1920). Hatte er doch, als aus Haeckels Freundeskreise angeregt wurde, den primitiven Arbeitstisch, daran der geniale Forscher fast alle seine Werke geschrieben, für die Nachwelt zu bewahren, rund heraus erklärt: »Nicht wahr, damit dann hier die Leute später stehen und plärren: hier hat der große Mann gesessen?«! Im übrigen hat er auch – und dies noch kurz vor Haeckels Tode – klipp und klar nachgewiesen, was es mit der Behauptung auf sich habe, das Phyletische Museum sei ein »Geschenk« Haeckels an die Universität Jena und seine »Lieblingsschöpfung«. Plate war immer ein exakter Beamter und ein genauer Rechner, so schreibt er denn: »Wir verdanken Haeckel nur die Anregung, ein solches Museum zu gründen, die kleinere Hälfte der in ihm angelegten Geldmittel und das dafür angeschaffte Gebäude.« (Umschau l. c., bzw. Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes, 4/5, 1919.)

Eine bescheidene Frage in Parenthese: Gibt es auf der ganzen Welt auch nur einen einzigen Menschen, der da des Glaubens ist, es wäre Plate jemals gelungen, auch nur die »kleinere Hälfte« – was ist das, nebenbei bemerkt, für ein Unsinn: » kleinere« Hälfte? – der Geldmittel für solch ein Museum zusammenzubringen, von der »Anregung« ganz zu geschweigen. Und darf ich hier noch hinsetzen, was Albert Friedenthal in gewiß berechtigter Abwehr dieses Angriffs auf Haeckel erwiderte: »Wer ist Plate? Vor seinem Namen steht ›Prof.‹. Das ist meines Wissens nur eine staatliche Abstempelung, der nur in Deutschland Reverenz gezollt wird; im übrigen Luft – Abstraktion – Metaphysik, wie man will. Dagegen fand ich den Namen Ernst Haeckel draußen in der Welt, z. B. in Java, in Indien, in Brasilien, in Australien, allenthalben mit der größten Achtung genannt. Ohne Prof.« (Mitt. d. Deutschen Monistenbundes, 6/7, 1919)? – –

Haeckel hatte inzwischen (23. April) dem neuen Kurator der Universität, Herrn Dr. Vollert, den Entwurf seiner Bestimmungen übergeben, und am 3. Mai fand in seinem neuen Arbeitszimmer im Phyletischen Museum die Konferenz darüber im Beisein des Staatsministers Exzellenz Dr. Rothe, des Herrn Kurators Dr. Vollert, des Geheimrats Prof. Dr. Rosenthal als juristischen Beraters und Ernst Haeckels statt. »In zweistündiger Beratung«, ich zitiere Haeckels Aufzeichnungen, »wurden alle wesentlichen Punkte der Schenkungsurkunde festgestellt und einstimmig gebilligt. Sodann begaben sich Minister Rothe und Kurator Vollert in die Wohnung von Prof. Plate und versuchten, in zweistündiger Unterredung ihn zur Anerkennung der Schenkung zu bewegen. Jedoch vergebens!« Am Tag darauf erfolgte vor dem Amtsgericht in Jena in Anwesenheit Dr. Vollerts als Verfassers der Urkunde und Haeckels als Donators die gerichtliche Vollziehung der Schenkung und die Ausfertigung des Protokolls darüber. Die Bestimmungen enthalten die oben zitierten Sätze des Entwurfs. In seinen Aufzeichnungen hat Haeckel dazu bemerkt: »Der dritte Satz ist später fallen gelassen, da sowohl Sohn wie Schwiegersohn den Verkehr mit Plate ablehnen.«

Haeckel atmete erleichtert auf. Die Last schien von ihm genommen. Nun konnte er sich, wie er glaubte, endlich die verdiente Ruhe gönnen; nun wollte er sich von den Qualen seines alten Leidens Erholung im Bade gönnen. Er reiste unverzüglich nach Baden-Baden ab und begann seine Kur.

Er sollte sich nicht lange seiner Muße freuen. Es waren gewisse Anordnungen zu treffen über die von der Witwe des Bildhauers Harro Magnussen Haeckel für das Phyletische Museum geschenkte Kolossalstatue der »Wahrheit«. Haeckel schrieb deshalb an Plate und erhielt von ihm den nachstehenden Brief:

Zoologisches Institut
und Phyletisches Museum
der Universität Jena.

Jena, 18. Mai 1909.

»Hochgeehrter Herr Geheimrat!

Den Empfang Ihres gestrigen Briefes bestätigend, werde ich bezüglich der Magnussenschen Statue »Wahrheit« ganz so verfahren, wie Sie es wünschen. An die Frau Magnussen werde ich aber erst schreiben, wenn die Statue hier angekommen und ausgepackt worden ist, um ihr zugleich melden zu können, wie sie den Transport vertragen hat. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch folgende Bitte äußern. Um festzustellen, ob die Institutsbibliothek vollständig ist, habe ich die früheren Buchhändlerrechnungen einfordern müssen. Dabei hat sich herausgestellt, daß eine Menge Bücher von Institutsmitteln angeschafft worden, aber gar nicht katalogisiert wurden, sondern in Ihrer Wohnung resp. im Phyletischen Museum untergebracht sind. Ich nenne nur einige Beispiele:

Steinmann, Palaeontologie 14,– Mark
Delbrück, Bibel und Naturwissenschaft 1,– "
Thesing, Biologische Streifzüge 6,– "
Mensch und Erde    
Mann und Weib    
Ploß-Bartels, Weib    
Meyer, In den Hochanden von Ecuador 83,20 Mark
usw. usw.    

Damit nun diese Bücher, die Eigentum des Instituts sind, ordnungsmäßig katalogisiert und der allgemeinen Benutzung zugänglich gemacht werden, möchte ich Sie bitten, den Pohle zu beauftragen, diese Bücher aus Ihrer Wohnung ins Institut zu schaffen. Alle Bücher mit Dedikationen bleiben natürlich in Ihrer Wohnung, ebenso alle diejenigen, die nicht in den Rechnungen stehen.

Hochachtungsvoll
gez. L. Plate.«

Worauf das hinauswollte, ahnte Haeckel nicht. Er gab ganz kurz Bescheid, und postwendend traf Brief Nr. 2 in Baden-Baden ein:

Jena, den 20. Mai 1909.

»Hochgeehrter Herr Geheimrat!

Ihre Auffassung, daß der ›jetzige Bestand‹ der Bibliothek aus dem Kataloge zu ersehen ist, kann ich nicht teilen, denn zu diesem Bestande müssen alle bis zum 1. April 1909 aus Universitätsmitteln angeschafften Bücher gehören. Leider aber fehlen eine Unzahl von Büchern, die Sie wie Privateigentum behandelt und in Ihrer Wohnung haben stehen lassen, ohne sie in der vorschriftsmäßigen Weise in den Katalog eintragen und abstempeln zu lassen. Nur aus den alten Rechnungen läßt sich genau jetzt feststellen, was aus Institutsmitteln angeschafft wurde. So unordentlich ist die Bibliothek geführt worden. Sobald Sie daher nach Jena zurückgekehrt sind, bitte ich dringend, diese Sache sofort in Angriff zu nehmen. Der ›übereilte‹ Umzug trägt an diesen Tatsachen keine Schuld, denn eine ganze Anzahl der dem Institut gehörigen Bücher haben Sie schön geordnet im Phyletischen Museum aufgestellt, anstatt sie an das Institut abzuliefern. Sind alle diese Hunderte dem Institut gehörigen Bücher nachträglich gestempelt und katalogisiert worden, so stehen sie Ihnen natürlich gegen Unterschrift wieder zur Verfügung, vorher aber nicht, denn ich habe mir vorgenommen, mit den nach so vielen Richtungen hin verwahrlosten Zuständen des Instituts gründlich aufzuräumen. Die Büsten aus der Sammlung werde ich Ihrem Wunsche gemäß in das Phyletische Museum (Archiv) hinüberschaffen lassen.

Es ist natürlich für mich kein Vergnügen, Ihnen solch einen Brief schreiben zu müssen, aber Sie allein tragen an unserm jetzigen gespannten Verhältnis die Schuld, denn Sie haben falsches Spiel mit mir getrieben, indem Sie die zwischen uns schriftlich abgemachten Bedingungen nach meiner Übersiedlung nach Jena nicht anerkennen wollten. Die Folge ist, daß Sie mir die Freude an der Einrichtung des Phyletischen Museums gründlich vergällt haben, was zur weiteren Konsequenz hat, daß ich mich zunächst nur der Reorganisation des Instituts widme, bis ich merke, daß Sie das schwere mir zugefügte Unrecht wieder gutmachen wollen.

Hochachtungsvoll
gez. L. Plate.«

Das war schon etwas deutlicher! Haeckel war wie vor den Kopf geschlagen. Es bedurfte einer Reihe von Tagen, ehe er sich sammeln konnte, ehe er sein seelisches Gleichgewicht wiederfand. »Wir bangten damals um Haeckels Leben,« entnehme ich einem Briefe an mich, »weil Plates Verhalten, dem er im vollsten, kindlichen Vertrauen sein letztes Lieblingskind, das Phyletische Museum, übergeben hatte, den alten Mann aus einer seelischen Erschütterung in die andere jagte. Das ist eine Tatsache, die unschwer zu beweisen und an der nicht zu rütteln ist.« Haeckel hat diese »niederträchtigen Briefe«, wie er sie mir und andern gegenüber bezeichnete, nie völlig überwunden; seine naive Vertrauensseligkeit hatte einen zu harten Schlag empfangen. Am 3. Juni beantwortete er Plates Schreiben:

»Hochgeehrter Herr Professor!

Nachdem ich meine hiesige dreiwöchentliche Badekur vollendet, verlasse ich morgen Baden, um zur Wiederherstellung meiner schwer geschädigten Gesundheit eine erforderliche Nachkur von zirka 3 Wochen in den Voralpen zu unternehmen. Gleich nach meiner Rückkehr nach Jena, Ende Juni, werde ich Ihnen dann die gewünschte Aufklärung über die Verhältnisse des Zoologischen Instituts und der damit verbundenen Zoologischen Bibliothek geben, welche Sie sehr irrtümlich beurteilen. Ich unterlasse es, die schweren Vorwürfe, die Sie in Ihrem letzten Briefe (vom 20. Mai) gegen mich erheben, und die mir ganz unbegreiflich sind, jetzt zu erörtern, zumal ich nicht in dem beleidigenden Ton erwidern möchte, den Sie mir gegenüber für angemessen halten. – Nur folgende Tatsachen möchte ich in Erinnerung bringen:

1. Das Zoologische Institut, welches ich vor 25 Jahren unter großen Schwierigkeiten begründet, habe ich mit sämtlichem Zubehör Ihnen als meinem Nachfolger vollständig und bedingungslos überlassen; dazu gehören auch die höchst wertvollen Sammlungen von niederen Seetieren, die ich im Laufe von 55 Jahren (seit 1854) mit unendlicher Mühe und beträchtlichen Opfern eigenhändig angelegt habe.

2. Die Direktion und Organisation des von mir erbauten Phyletischen Museums habe ich ebenso vollständig, Ihrem Wunsch gemäß, Ihnen überlassen. Nur die drei Räume, die ich mir von Anfang an vorbehalten hatte, nehme ich für mich, meine literarischen und artistischen Sammlungen ausschließlich in Anspruch.

3. Die Verhältnisse der Zoologischen Bibliothek, die ich selbst schon vor 25 Jahren der Universität Jena geschenkt habe, und die eine Filiale der Universitätsbibliothek bildet – auch von dieser katalogisiert ist –, beurteilen Sie so völlig falsch, daß ich die Klarstellung der bevorstehenden mündlichen Erörterung überlassen muß.

Ihre schwere und ganz haltlose Beschuldigung, daß ich »falsches Spiel mit Ihnen getrieben und Ihnen schweres Unrecht zugefügt habe«, ist mir völlig unbegreiflich.

Hochachtungsvoll
Ernst Haeckel.«

Jeder andre hätte auf diesen rührend vornehmen Brief des kranken Haeckel hin doch wohl zunächst die Rückkehr des greisen Gelehrten zur Erörterung der strittigen Fragen abgewartet, und wäre es bloß aus natürlichem Anstandsgefühl geschehen: dem Gefühl der Ehrfurcht des Schülers dem berühmten Lehrer, des jüngeren Mannes dem soviel älteren gegenüber.

Nicht so Plate. Er hat augenscheinlich gar kein Empfinden dafür, wie unerhört verletzend diese seine Briefe nach Baden sind. Himmelherrgott nicht nochmal: schließlich ist doch Haeckel nicht dieser oder jener x-beliebige! In seinem schon oben erwähnten Aufsatz »Die Wahrheit über Ernst Haeckels Verhalten gegen seinen Amtsnachfolger« (Umschau, 6, 1920) betont er bezüglich dieser Briefe ganz treuherzig und zweifellos in gutem Glauben: »Ich bin nun nicht etwa gegen Haeckel unhöflich geworden« (!), und hinsichtlich seines übrigen, wie er selbst zugibt, »nicht erfreulichen« Schriftwechsels mit Haeckel, er habe sich »selbstverständlich in korrekten Formen« abgespielt.

Plate also setzte sich hin und schrieb das nachfolgende document humain:

Jena, den 8. 5. 1909 (muß heißen 8. 6.).

»Hochgeehrter Herr Professor!

Bezüglich der Bibliothek habe ich beim Universitätsbibliothekar mich erkundigt: ihm ist nichts davon bekannt, und er bestreitet, daß die in unserer Bibliothek fehlenden Bücher von, ihm oder seinen Angestellten katalogisiert worden sind. Es sind nur aus unserm Zettelkatalog einige Zettel abgeschrieben worden. Tatsache ist, daß sehr viele auf Institutskosten angeschaffte Bücher in unserer Bibliothek fehlen und auch nicht katalogisiert sind. Ich habe die Rechnungen rückwärts bis 1890 durchgesehen und abgeschrieben und bin erstaunt, wie vieles bei uns fehlt. Nach Ihrer Rückkehr bitte ich, unverzüglich alle diese aus Staatsmitteln angeschafften Bücher zurückzuliefern, damit sie katalogisiert und der Allgemeinheit zugängig gemacht werden. Das gilt auch für alle jene Bücher, in die Sie Ihren Namen geschrieben haben, obwohl sie aus Institutsmitteln bezahlt worden sind (nebenbei gesagt, ein durchaus tadelnswertes Verfahren, denn seinen Namen schreibt man nur in Privateigentum). Meine Anschuldigung, daß Sie falsches Spiel mit mir getrieben haben, halte ich vollständig aufrecht, denn mündlich und schriftlich hatten wir ausgemacht, daß

1. ich der Direktor des Phyletischen Museums sein solle;

2. Sie nur die persönliche ›Benutzung‹ jener drei Räume beanspruchten.

Trotzdem gab es einen schweren einstündigen Redekampf »Für mich eine furchtbare Enttäuschung, nachdem ich mir in Berlin die größte Mühe bezüglich der ›Ehrengabe‹ gegeben und selbst 1200 Mark geopfert hatte.«, wobei es sogar zur Beschimpfung meiner Person kam, weil Sie mir das Direktorat nicht zubilligen wollten, und erst nachträglich haben Sie in diesem Punkt nachgegeben.

Punkt 2 besteht hingegen jetzt noch als Differenz, denn in der Schenkungsurkunde vom 4. Mai steht ausdrücklich, daß Ihren Angehörigen über Ihren Tod hinaus Rechte zustehen sollen.

Hiergegen habe ich in einer heute dem Kurator übersandten Erklärung protestiert mit dem Bemerken, daß ›ich diese über den Tod von Haeckel hinausgehenden Bestimmungen der Schenkungsurkunde nicht als rechtsgültig und für mich und meine Nachfolger bindend ansehen kann‹.

Ich werde diesbezüglich noch an Geheimrat Meyer und Ihren Herrn Sohn schreiben.

Ihnen gute Erholung wünschend,
Hochachtungsvoll
gez. L. Plate.«

Jede Erläuterung des »nun nicht etwa unhöflichen«, allerdings auch nicht gerade allzu »erfreulichen« Briefes kann eigentlich nur den Eindruck dieses – ich wiederhole – document humain abschwächen. Er will mehrmals gelesen und ausgekostet sein. Der dankbare und »aufrichtigst ergebene« Schüler hat sich die Buchhändlerrechnungen bis 20 Jahre rückwärts eingefordert, um seinem Lehrer, der ihm so »großes Vertrauen« entgegenbrachte, eine Veruntreuung, eine Unterschlagung oder wie man das sonst nennen will, nachweisen zu können. Er hält jenem vor, welche »größte Mühe er sich mit der Ehrengabe habe geben« müssen, und daß er »selbst« bare »1200 Mark geopfert« habe. Er gibt ihm moralische und Rechtsbelehrung, was tadelnswert und was Eigentum sei. Und wie wirkungsvoll ist nicht der Gegensatz zwischen Inhalt und Ton des ganzen Schreibens und der Devotionsphrase am Schlusse: »Ihnen gute Erholung wünschend«!

In gewissem Widerspruch zu dem hohen Ethos dieser pathetischen Worte Plates steht nun eine Tat, die er sich in jenen Tagen – darf man wohl sagen: zu Schulden kommen ließ? Die Abwesenheit Haeckels sich zunutze machend, hatte sich Plate nämlich zu Haeckels Privaträumen im Phyletischen Museum einen Nachschlüssel »anfertigen« lassen – in dem Protokoll der Verhandlung vor dem Universitätskurator wird dieses Instrument ein »zweiter Schlüssel« genannt, den der Direktor sich »beschafft« habe. (Auch die deutsche Sprache kann, wie man hieraus ersieht, gelegentlich sehr höflich sein.) Mit diesem Nachschlüssel war er in die Haeckel zu ausschließlicher Benutzung vorbehaltenen Räume eingedrungen und hatte dort der Angabe des Institutsdieners Pohle und dem Manuskripte Haeckels zufolge »eine förmliche Haussuchung vorgenommen«. Ich bin nicht Jurist und weiß daher nicht, wie man eine solche Handlungsweise nennt. Ich notiere sie hier auch nur, weil sie mir, wie gesagt, in gewissem Widerspruch zu den schönen Lehren Plates zu stehen scheint, und wüßte freilich eben deshalb gar zu gern, wie Plate diese Tat genannt hätte, wenn nicht er selber, sondern etwa Haeckel so gehandelt hätte.

Am gleichen Tage (8. Juni 09) mit dem Briefe an Haeckel ging an den Universitätskurator die nachstehende »Erklärung des derzeitigen Direktors des Phyletischen Museums zu der Schenkungserklärung von Exz. Haeckel« ab:

»Die am 4. Mai d. J. vor dem Großherzoglichen Amtsgericht in Jena abgegebene Schenkungserklärung bezüglich des Phyletischen Museums steht in einigen wesentlichen Punkten in Widerspruch mit den Abmachungen, welche Exz. Haeckel mit mir vor meiner Berufung nach Jena getroffen hat, und auf die hin ich den Ruf überhaupt angenommen habe.

Exz. Haeckel hat mir versprochen, daß ich ›als selbständiger Direktor des Zoologischen Instituts und des neuen Phyletischen Museums hier völlig freie Hand haben solle‹ (Brief vom 17. Juni 1908, welcher der Ausgangspunkt aller unserer Verhandlungen war) und hatte hinzugefügt: ›Ich behalte mir nur die Benutzung einiger Räume vor.‹ An diesen beiden Punkten ist während unserer Verhandlungen beständig festgehalten worden, wie aus dem Briefwechsel klar zu ersehen ist. Als dann weiter die Einzelheiten formuliert werden sollten, schrieb er mir am 7. Januar 1909 zu meinem Entwurf: ›In Punkt 4 würde näher zu bestimmen sein, daß für mich persönlich im Obergeschoß des Phyletischen Museums drei Zimmer reserviert bleiben, Archiv, Bibliothek und Arbeitszimmer.‹

In Übereinstimmung damit habe ich beim Abschluß unserer Verhandlungen ein offizielles, »für die Akten« bestimmtes Schreiben an Exz. Haeckel gerichtet, in dem es heißt: ›Es wird mir eine besondere Freude sein, als Direktor des Phyletischen Museums Ihnen die gewünschten Räume im Obergeschoß (Archiv, Bibliothek und Arbeitszimmer) einzuräumen.‹ [Die Fortsetzung: ›und das Museum mit Ihnen und nach Ihren Intentionen einzurichten› hat Plate hier wohl als nicht wesentlich fortgelassen.] Darauf erhielt ich am 11. Januar 09 ein Telegramm: ›Alle Bedingungen angenommen, nach Weimar berichtet, Haeckel› und am 12. Januar einen Brief desselben Inhalts, worauf ich mich zur Annahme des Rufes entschloß.

Es geht hieraus klar hervor, daß Exz. Haeckel nur bei Lebzeiten und nur in eigener Person ein Anrecht auf die Benutzung jener Räume hat.

Jetzt in der Schenkungsurkunde überträgt er aber ›die Überwachung des Inhalts der in Rede stehenden drei Zimmer› nach seinem Tode seinem Schwiegersohn Herrn Geh. Rat H. Meyer und seinem Sohne W. Haeckel, er führt mit andern Worten eine Nebenregierung in das Phyletische Museum ein und will mir, resp. dem jedesmaligen Direktor des Phyletischen Museums, hinsichtlich der Benutzung jener drei Räume die Hände binden. Da dieses Vorgehen einerseits gegen die von Exz. Haeckel mit mir getroffenen Abmachungen verstößt und andererseits die Interessen des Phyletischen Museums unter Umständen beeinträchtigen kann, so erkläre ich hiermit als Direktor des Phyletischen Museums, daß ich diese über den Tod von Exz. Haeckel hinausgehenden Bestimmungen der Schenkungsurkunde nicht als rechtsgültig und für mich und meine Nachfolger als bindend ansehen kann.

Da es nun ganz von dem Verhalten des Herrn Geh. Rat H. Meyer und des Herrn W. Haeckel abhängen wird, ob sich später irgendwelche Schwierigkeiten ergeben werden, und ich auch einem von Exz. Rothe mir persönlich geäußerten Wunsche Rechnung tragen möchte, so will ich vorläufig auf irgendwelche weiteren Schritte verzichten und mich mit dieser Erklärung begnügen.

Professor Ludwig Plate.«

In seinen Aufzeichnungen hat Haeckel zu diesem Proteste Plates die Anmerkung gemacht: »Daß Haeckel das Phyletische Archiv, die drei Räume mit Kunstgegenständen und persönlichen Erinnerungen, für sich persönlich, nicht nur bei Lebzeiten, sondern immer, ausschließlich, in Anspruch nimmt, war schon bei der Gründung des Phyletischen Museums (Januar 1907) bestimmt. Plate wußte dies!!«

Machen wir uns einmal klar, was dieses wohldurchdachte (die Schenkungsurkunde datiert vom 4. Mai, der Protest erst vom 8. Juni) Schriftstück letzten Endes besagen will. Haeckel bindet dem jedesmaligen Direktor hinsichtlich der Benutzung der drei vom Stifter sich vorbehaltenen Räume die Hände, und dieser Vorbehalt kann unter Umständen die Interessen des Phyletischen Museums beeinträchtigen – das heißt doch, gerade heraus gesagt, nichts anderes als: ich, Plate, denke gar nicht daran, aus den drei dem Gedächtnis Haeckels gewidmeten Räumen »so eine Art Goethehaus« zu machen, sondern werde nach dem Tode des Stifters und Gründers des Museums – was ist mir Hekuba? – den gesamten Erinnerungskrempel, wenn ich es für erforderlich halte, auf den Boden schaffen und meine Mäusezucht oder was ich sonst den Interessen des Museums für dienlich erachte dort installieren!

Es ist nunmehr ein wenig ausführlicher auf die Bibliotheksangelegenheit einzugehen, zu deren Prüfung Plate die Zeit der Abwesenheit Haeckels als die geeignetste ansah. Plate selbst gibt in der Umschau (l. c.) davon folgenden Bericht: »Da ich die Verantwortung über die Bibliothek des Zoologischen Instituts zu übernehmen hatte, diese aber mir nicht gut geführt zu sein schien, ließ ich mir in Weimar die Rechnungen der letzten zwanzig Jahre vorlegen. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, daß für rund 5200 Mark Bücher fehlten ... Haeckel hatte massenweise seine eigenen Bücher oder Schriften, die ihn lobten, auf Institutskosten angeschafft und an Freunde und Gönner verschenkt. Ebenso massenweise Bücher aus staatlichen Mitteln gekauft, aber nicht in die Institutsbibliothek eingeordnet und sie der Allgemeinheit zugänglich gemacht, sondern sie in seine Privatbibliothek gesteckt, vielfach sogar mit seinem eigenen Namen versehen. So etwas durfte er trotz allen seinen Stiftungen und Zuwendungen nicht tun. Ich bin nun nicht etwa gegen Haeckel unhöflich geworden, sondern schrieb ihm nach Baden-Baden, wo er zur Kur weilte: ›Ich bin erstaunt, wie vieles bei uns fehlt. Nach Ihrer Rückkehr bitte ich unverzüglich alle aus Staatsmitteln angeschafften Bücher zurückzuliefern.‹ (Vgl. a. die Fortsetzung im Briefe selbst S. 21.) Damit glaube ich nur meine Pflicht als Direktor des Instituts getan zu haben. Haeckel spielte den Schwerbeleidigten, schickte aber doch im Laufe der nächsten Jahre über vierzig Bücher zurück, und jetzt nach seinem Tode hat sein Sohn weitere einundvierzig zurückgegeben. Der Rest folgt hoffentlich noch, soweit er nicht verschenkt wurde.« An einer andern Stelle des Aufsatzes sagt er hierzu noch: »Haeckel hat die Bücher, die er sich widerrechtlich angeeignet hatte, zurückliefern müssen.«

In den mir vorliegenden Aufzeichnungen Haeckels findet sich folgende Darstellung dieser Angelegenheit:

»Die reiche zoologische Bibliothek, die einen ungefähren Wert von 120 000-150 000 Mark hat und viele Seltenheiten besitzt, besteht aus folgenden Teilen:

1. Schenkung von E. Haeckel am 3. Mai 1884 bei Gelegenheit der Einweihung des Zoologischen Instituts. Haeckel schenkte seine ganze zoologische Privatbibliothek und hat seitdem alle ihm zugehenden zoologischen Werke (Bücher, Atlanten, Broschüren) dauernd dem Zoologischen Institut überwiesen (u. a. mehr als 10 000 Abhandlungen und Separata).

2. Tausch. Seit Gründung der Ritterstiftung (s. S. 63) hat Haeckel alljährlich eine bestimmte – wechselnde – Summe aus deren Einkünften für den Ankauf von Büchern verwendet und diese teils direkt der Bibliothek des Zoologischen Instituts einverleibt, teils indirekt zu dem sehr ergiebigen Tauschverkehr benutzt (nach dem Muster des Tauschverkehrs der Medizinisch-Naturwissenschaftlichen Gesellschaft), einen Teil auch zu Geschenken für die Förderer des Zoologischen Instituts und des Phyletischen Museums verwendet, die größere Summen, Bücher oder Sammlungsobjekte gespendet haben.

3. Kauf. Die Bücher, die durch Ankauf für die Institutsbibliothek erworben wurden, sind in den Rechnungen des Zoologischen Instituts verzeichnet, im übrigen nicht aus dessen regulärem Etat, sondern aus den Zuschüssen der ›Ritter-Stiftung‹ angekauft. Haeckels Name steht in solchen Doubletten, die er später geschenkt bekam.

Einzelne Bücher sind verlorengegangen, d. h. nicht zurückgeliefert worden, wie auf jeder Bibliothek. Einzelne Werke stehen in der Philosophischen Bibliothek des Phyletischen Archivs und sind später an die Universitätsbibliothek abzuliefern.

Plates Revision der Bibliotheksrechnungen des Zoologischen Instituts ist völlig unberechtigt. Alle Rechnungen des Zoologischen Instituts sind von Haeckel alljährlich an die Regierung abgeliefert, ordnungsmäßig revidiert und richtig befunden worden.

Kompetente Kollegen und Juristen: A. Lang (Zürich), R. Hertwig (München), K. Rabl (Leipzig), F. Maurer (Jena), E. Stahl (Jena), E. Rosenthal (Jena), Exz. Eggeling, der frühere Universitätskurator in Jena, haben Plates Verfahren einstimmig verurteilt.

Ihr Urteil läßt sich dahin zusammenfassen: Kein Nachfolger im Amte ist berechtigt, über die Amtshandlungen und Rechnungen seines Vorgängers polizeiliche und juristische Untersuchungen anzustellen. Falls er den Verdacht von Unterschlagungen oder Veruntreuungen hat, soll er dies der vorgesetzten Behörde anzeigen.

Haeckel weigert sich daher entschieden, auf die von Plate angefertigte Liste der 225 angeblich fehlenden Bücher einzugehen und irgendwelche spezielle Auskunft über den Tauschverkehr der Bibliothek zu geben. Analog beabsichtigt Haeckel nicht, Rechenschaft über die früheren Ausgaben im Laboratorium (Gläser, Spiritus, Chemikalien) abzulegen.« [Plate monierte eines Tages auch das Fehlen einer größeren Anzahl von Pappkartons! So berichtete mir Haeckels langjährige Sekretärin.]

Bezüglich der von ihm angeblich »als Privateigentum behandelten Bücher« heißt es in Haeckels handschriftlichen Aufzeichnungen:

»In der Wohnung stehenlassen? 3. Im Phyletischen Museum? Wenige. Verkauft?!! Keins! (Plates Brief 3, III.) Namen eingeschrieben? In solche Bücher, die Haeckel ursprünglich für sich behalten wollte, dann aber dem Zoologischen Institut überließ, als er sie später geschenkt bekam. Plate versteht das Verhältnis von Haeckel zu Jena nicht, dessen Universität Haeckel an Stiftungen 1 Million Mark, außerdem seine ganze Bibliothek (120 000 Mark) und seine Sammlungen seit 55 Jahren (200 000-300 000 Mark) zugeführt hat. Haeckel selbst besitzt nichts mehr davon.« –

Haeckel war inzwischen heimgekehrt. Es kam zu neuen Zusammenstößen mit Plate, und Haeckel ward »aus einer seelischen Erschütterung in die andere gejagt«. Er mußte nach Weimar, wie er mir erzählte, sich vor der Behörde zu rechtfertigen. Der damalige Chef des Kultusdepartements Exzellenz Dr. Rothe hatte eine Unterredung mit Haeckel, deren Ergebnis die Versicherung war, die Regierung habe auch nicht das geringste Verdachtsmoment gegen Haeckel, es hätte aber der Form genügt werden müssen. »Über den Vorwurf Plates gegen Haeckel wegen der ›Veruntreuung‹ der Bücher der Bibliothek des Zoologischen Instituts«, heißt es in einem Briefe des Jenenser Juristen Prof. Dr. Rosenthal, »habe ich mit Haeckel oft gelacht, und das Kultusministerium in Weimar, das wußte, daß Haeckel nicht nur seine sehr wertvolle Bibliothek dem Zoologischen Institut bei seiner Eröffnung geschenkt, sondern auch später Zuwendungen in großem Werte für das Phylogenetische Museum usf. gemacht hat, wird diesen Vorwurf als grotesk empfunden haben.«

Am 1. Juli übermittelte Plate dem Universitätskurator zur Kenntnisgabe an Haeckel ein Schriftstück, dessen Wortlaut ich nicht kenne, dessen Inhalt jedoch aus dem Antwortschreiben des Kurators vom 2. Juli 09 ersichtlich ist. Dieses lautet:

»Sehr geehrter Herr Professor!

Von Ihrem gestrigen Schreiben habe ich Seiner Exzellenz Herrn Wirklichen Geheimen Rat Prof. Dr. Haeckel Kenntnis gegeben und die ganze Angelegenheit im einzelnen mit ihm durchgesprochen. Das Ergebnis beehre ich mich Ihnen im folgenden mitzuteilen:

1. Exzellenz Haeckel wünscht allerdings die Aushändigung des angefertigten zweiten Schlüssels zu den Räumen, welche er sich für seinen ausschließlichen Gebrauch vorbehalten hatte. Er übernimmt die Verantwortung für alle Schäden, welche dadurch entstehen sollten; daß Sie nicht im Besitze eines besonderen Schlüssels für die Räume sind.

2. Exzellenz Haeckel ist bereit, alle in der Bibliothek des Phyletischen Museums befindlichen Bücher, welche nachweisbar Eigentum des Zoologischen Instituts sind, in dieses überführen zu lassen.

3. Die Annahme von Exzellenz Haeckel, daß Sie 14 Bücher aus dem Phyletischen Museum entfernt hätten, beruht auf einer irrtümlichen Mitteilung meinerseits. Ich hatte Ihre Bemerkung, Sie hätten etwa 14 Bücher herausgenommen, dahin verstanden, daß diese 14 Bücher in das Zoologische Institut überführt worden seien, während Sie sie alsbald wieder an Ihren Platz gestellt haben. Ich bitte wegen dieses Mißverständnisses um Entschuldigung. Exzellenz Haeckel und mir liegt selbst daran, diesen Irrtum aufzuklären.

4. Was die 225 Bücher im Werte von 4875 Mark anlangt, welche nach Ihren Feststellungen aus Mitteln des Zoologischen Instituts angeschafft, in der Bibliothek des Instituts aber nicht vorhanden sein sollen, so läßt Sie Exzellenz Haeckel um das Verzeichnis dieser Bücher ersuchen. Seiner Überzeugung nach kann es sich nur um Bücher handeln, welche zum Tauschverkehr bestimmt waren oder sonst im Interesse des Instituts oder des Phyletischen Museums an Gönner verschenkt worden sind. Exzellenz Haeckel wird die in seiner Wohnung befindliche Bibliothek daraufhin durchsehen, ob sich noch Bücher darin befinden, die dem Institut gehören, und diese alsbald abliefern. Bis jetzt hat er nur etwa drei entdecken können.

5. Exzellenz Haeckel behält sich über die in seiner Privatwohnung befindlichen, ihm gehörigen Bücher vollkommen freie Verfügung vor. Einen Teil davon wird er eventuell dem Phyletischen Museum zuführen, einen andern Teil der allgemeinen Universitätsbibliothek zuweisen. Die dem Phyletischen Museum zuzuführenden Bücher, die eventuell in das Eigentum dieses übergehen sollen, will er selbst katalogisieren und mit dem Stempel des Museums versehen. Die Abstempelung der Bücher in seiner Wohnung glaubt er ablehnen zu sollen. Seine Memoiren und seine Briefschaften sollen zunächst in seiner Wohnung verbleiben. Über etwaige Veröffentlichungen aus diesen Materialien sollen sein Sohn und sein Schwiegersohn Entscheidung treffen.

6. Exzellenz Haeckel will im Phyletischen Archiv, d. h. in den drei Zimmern, die er sich vorbehalten hat, namentlich auch wertvolle Kunstgegenstände, Bilder, Statuen, Votivtafeln, Plaketten u. a. m. aufstellen. Er wird sich dabei nicht nur von wissenschaftlichen, sondern auch von ästhetischen Gesichtspunkten leiten lassen. Es ist sein Wunsch, daß die von ihm in dieser Beziehung getroffene Anordnung auch nach seinem Tode pietätvoll gewahrt bleibe. Die freie Disposition über die Phyletische Bibliothek, d. h. die im Archiv aufgestellten Bücher und Manuskripte, behält er sich allein vor. Exzellenz Haeckel will davon absehen, seinem Sohne und seinem Schwiegersohne die Aufsicht über die gedachten drei Räume und ihren Inhalt nach seinem Tode zu übertragen. Er will aber die Regierungen der Erhalterstaaten besonders verpflichten, die Erfüllung seines Wunsches zu überwachen. In ihrer Vertretung soll dazu in erster Linie auch der Kurator verbunden sein. In Zweifelsfällen soll der jedesmalige Vertreter der Anatomie gehört werden. Den dermaligen Vertreter dieses Fachs wird Exzellenz Haeckel noch selbst mit entsprechenden Informationen versehen. Da auch Sie bereit sind, zu versprechen, die Anordnung pietätvoll zu wahren, sehe ich eigentlich in dieser Richtung keinen Streitfall.

7. Exzellenz Haeckel hatte gehofft, die Einrichtung des Phyletischen Museums in gemeinsamer, freundschaftlicher Arbeit mit Ihnen bewirken zu können. Er glaubt, dies auch in den an Sie gerichteten Briefen zum Ausdruck gebracht zu haben. Er war der Meinung gewesen, daß für Sie seine Ratschläge und seine Auskunft über Bedeutung und Herkunft von mancherlei Sammlungsgegenständen, namentlich von solchen, die nicht oder nicht genügend etikettiert sind, von Wert sein würden. Da Ihnen aber erwünschter ist, die Aufstellung der Sammlungen und überhaupt die ganze innere Einrichtung ganz selbständig vorzunehmen, läßt er Ihnen – abgesehen immer von den drei Zimmern des Phyletischen Archivs – vollständig freie Hand.

8. Exzellenz Haeckel fühlt sich namentlich durch den ihm schriftlich wiederholt gemachten Vorwurf, ›er habe bei Ihrer Berufung falsches Spiel mit Ihnen getrieben‹, und ›er habe Ihnen das größte Unrecht zugefügt‹, tief verletzt. Da die Meinungsverschiedenheiten, die hinsichtlich der Einrichtung der drei Zimmer hervorgetreten sind, eine so schwere Beschuldigung nicht rechtfertigen dürften, ersucht Exzellenz Haeckel um schriftliche Zurücknahme dieses Vorwurfs.

9. Exzellenz Haeckel glaubt nicht, daß aus der Zeit vor dem 1. April d. J. in bezug auf das Phyletische Museum noch unbezahlte Rechnungen zu erwarten seien. Es könnte sich dabei auch nur um unbedeutende Beträge handeln.

Ich beehre mich, Sie zunächst um eine gefällige schriftliche Äußerung zu bitten. Nach deren Eingang ist Exzellenz Haeckel bereit, in einer mündlichen Verhandlung, welche in Gegenwart des Herrn Geheimen Justizrats Prof. Dr. Rosenthal in meinem Dienstzimmer zu führen sein würde, zu einer endgültigen Verständigung mitzuwirken.

In vorzüglicher Hochachtung
Vollert.«

Plate ließ sich zu seiner Antwort wiederum eine Woche Zeit. Seine Schreiben sind eben kühl erwogene, bis ins kleinste in ihrer Wirkung berechnete Arbeiten. Die vom 9. Juli datierte Antwort lautet nun:

»Sehr verehrter Herr Staatsrat!

Auf Ihr Schreiben vom 2. 7. erwidere ich ganz ergebenst das folgende, wobei ich mich der Einfachheit halber an Ihre Reihenfolge halte.

Ad 1. Der von mir beschaffte Schlüssel zu den Haeckelschen Räumen folgt anbei zurück.

Ad 2. Eigentum des Zoologischen Instituts sind auch die aus den Mitteln der Ritter-Stiftung angeschafften Bücher. Es müssen also auch diese, soweit sie sich im Phyletischen Museum befinden, zurückgeliefert werden.

Ad 3 ist erledigt. Ich möchte aber Exzellenz Haeckel bitten, denjenigen Personen, welchen er irrtümliche Mitteilungen gemacht hat, den wahren Sachverhalt bekanntzugeben, da in der Stadt ganz unsinnige Gerüchte zirkulieren.

Ad. 4. Das Verzeichnis der fehlenden Bücher folgt anbei Es sind 267 Nummern in ca. 300 Bänden, da eine Anzahl mehrbändiger Werke darunter sich befinden, z. B. zwei Konversationslexika.. Da Exzellenz Haeckel nur drei davon in seiner Wohnung entdeckt, während über 200 Bücher nach Ausweis der Rechnungen fehlen, wobei alle ›für den Tauschverkehr‹ bestimmten Bücher überhaupt nicht notiert wurden, so muß hier ein Mißverständnis obwalten. Aus einer Bemerkung, welche Herr Geh. Rat Rosenthal mir gegenüber vorigen Sonntag machte, glaube ich dieses Mißverständnis darin sehen zu dürfen, daß Exzellenz Haeckel alle diejenigen Bücher als sein Privateigentum betrachtet, welche aus der Ritter-Stiftung bezahlt wurden. Eine solche Auffassung wäre juristisch unhaltbar, da der Ordinarius der Zoologie wohl ›nach freiem Ermessen‹ unter Genehmigung der Regierung über die Erträgnisse der Stiftung verfügen, aber selbstverständlich die so angeschafften Bücher, Mikroskope usf. nicht als sein Privateigentum ansehen darf, da die Stiftung ein Geschenk an die Universität ist. An der Rücklieferung und Katalogisierung jener Bücher muß ich daher unbedingt festhalten.

Ad 5. Einverstanden.

Ad 6. Exzellenz Haeckel hat mir schriftlich bei unsern Verhandlungen erklärt: ›ich behalte mir nur die Benutzung einiger Räume im Phyletischen Museum vor‹ (Brief vom 17. Juni 08), und er hat in seinem Brief vom 7. Januar 09 abermals erklärt, ›daß für mich persönlich 3 Zimmer reserviert bleiben (Archiv, Bibliothek und Arbeitszimmer)‹. Dazu habe ich mich in meiner offiziellen Erklärung am Schlusse unserer Verhandlungen bereit erklärt. Exzellenz Haeckel hat also nicht das Recht, über seinen Tod hinaus Bestimmungen zu treffen, ohne sich mit mir darüber auseinanderzusetzen; denn mit dem Tode erlischt die persönliche Benutzung. Ich bin aber selbstverständlich gern bereit, seinen Wünschen entgegenzukommen, soweit die Interessen des Museums und des Instituts, welche ich zu vertreten habe, nicht darunter leiden. Ich mache daher folgenden Vorschlag: Das Archiv (Mittelzimmer) richtet Exzellenz Haeckel so ein, wie es für alle Zeiten bleiben soll, und die von ihm geschaffene Anordnung wird ausdrücklich als bindend anerkannt, sobald Exzellenz Haeckel erklärt, daß sie vollendet ist. Für die beiden andern seitlichen Räume (Bibliothek, Arbeitszimmer) wird der jeweilige Direktor des Museums zu pietätvoller Bewahrung der von Exzellenz Haeckel getroffenen Anordnung verpflichtet, aber unter dem ausdrücklichen Zusatz: ›soweit die Interessen des Museums und des Zoologischen Instituts hiermit nicht kollidieren‹, da wir mit späteren, veränderten Bedürfnissen rechnen müssen. Mit der Überwachung dieser Vorschriften durch den jedesmaligen Kurator der Universität unter eventueller Mitwirkung des Anatomen bin ich einverstanden.

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Ernst Haeckel (1914)
(Phot. Bischoff, Jena)

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Grundsteinlegung des Phyletischen Museums (s. a. S. 43). Glitsch ist der Zeichner, Pohle der Institutsdiener Haeckels

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Gesamtansicht des Phyletischen Museums

Ad 7. Das in meiner offiziellen Schlußabmachung Exzellenz Haeckel gegebene Versprechen: ›Es wird mir eine ganz besondere Freude sein, als Direktor des Phyletischen Museums Ihnen die gewünschten drei Räume im Obergeschoß (Archiv, Bibliothek und Arbeitszimmer) einzuräumen und das Museum mit Ihnen zusammen und nach Ihren Intentionen einrichten zu können‹, besteht unverändert fort, und es ist mir der Wunsch geäußert worden, wie Sie schreiben, die ›Aufstellung der Sammlungen und überhaupt die ganze innere Einrichtung ganz selbständig vorzunehmen‹. Will sich Exzellenz Haeckel ›in gemeinsamer, freundschaftlicher Arbeit‹ daran beteiligen, so ist er mir jederzeit willkommen.

Ad 8. Meine scharfen Urteile über die Art und Weise, wie Exzellenz Haeckel sich gegen mich benommen hat, kann ich nicht zurücknehmen, weil sie vollständig der Wahrheit entsprechen. Exzellenz Haeckel weiß sehr wohl, daß er die mir schriftlich, mündlich und telegraphisch vor meiner Berufung gegebenen Versprechungen sofort nicht gehalten hat, als ich einmal in Jena war. Dieses mir zugefügte schwere Unrecht läßt sich nicht mehr aus der Welt schaffen, ich will ihm aber in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Wissenschaft, und weil er mein früherer Lehrer ist, verzeihen.

Ad 9. Schon vor mehreren Monaten hieß es, daß keine Rechnungen mehr ausständen. Trotzdem sind solche in ansehnlicher Höhe (eine sogar von über 1000 Mark für den Architekten) präsentiert worden. Damit wir nun endlich reine Bahn bekommen, möchte ich vorschlagen, daß Exzellenz Haeckel mehrere Male in den Zeitungen eine Aufforderung erläßt: ›Phyletisches Museum. Alle noch ausstehenden Rechnungen über Lieferungen und Arbeiten aus der Zeit vor dem 1. April 1909 müssen sofort eingereicht werden. Ernst Haeckel.‹ »Ist es Exzellenz Haeckel lieber, daß ich diese Aufforderung in der Zeitung erlasse, so bin ich dazu bereit.« ...

Von einer mündlichen Verhandlung bitte ich abzusehen, denn wenn Exzellenz Haeckel dazu mit einem juristischen Beistand erscheint, müßte ich auch einen solchen mitbringen, wodurch, wie ich fürchte, nur neue Komplikationen geschaffen werden. Wünscht Exzellenz Haeckel privatim mit mir zu unterhandeln, so bin ich jederzeit dazu bereit.

Ich bin jetzt Exzellenz Haeckel so weit entgegengekommen, wie ich es mit meinem Pflichtgefühl verantworten kann, und bitte daher, dieses Schreiben als mein Ultimatum anzusehen, da der Streit endlich einmal ein Ende finden muß.

Ist Exzellenz Haeckel mit den hier ad 4 und ad 6 gemachten Vorschlägen und Forderungen nicht einverstanden, so halte ich eine weitere Verständigung für ausgeschlossen und werde dann in einer Eingabe mich direkt an die hohen Regierungen der vier Erhalterstaaten wenden. Ich bitte ergebenst, mir die Entscheidung von Exzellenz Haeckel mitzuteilen, damit ich weiß, ob ich den früheren Protest gegen die Schenkungsurkunde vom 4. Mai einziehen kann oder aufrechterhalten muß. Sollte irgendein Zusatz zu dieser erfolgen, so bitte ich um eine Abschrift, damit ich zu ihr Stellung nehmen kann.

Ihnen für Ihre freundliche Vermittlung in dieser ganzen Angelegenheit herzlichst dankend

Ihr hochachtungsvollst ergebener
Ludwig Plate.«

Ich weiß nicht, wie man juristisch – will sagen: ohne sich einer Beleidigung schuldig zu machen – Ton und Inhalt dieses Plateschen »Ultimatums« bezeichnen kann, unterlasse daher die Charakterisierung darf es andrerseits aber doch wohl im höchsten Grade verletzend für Haeckel nennen. Wie großmütig gibt sich Plate nicht hier?! Er will Haeckel, der ihn belogen und betrogen hat, der Bücher unterschlug usf., »in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Wissenschaft und weil er sein früherer Lehrer ist«, verzeihen!! Kann man die Großmut bei einem so ausgesprochenen »Pflichtgefühl« wohl überhaupt noch weiter treiben? Wie wahrhaft gütig ist nicht Plates Anerbieten »gemeinsamer freundschaftlicher Arbeit« – trotz des ihm »geäußerten Wunsches« (dieser Ausdruck scheint mir freilich nicht ganz eindeutig), die »Aufstellung der Sammlungen ganz selbständig vorzunehmen«? Und wie schalkhaft sind nicht die verborgenen Spitzen in den beiden Anmerkungen?!

Es konnte gar nicht ausbleiben, daß die Kunde von Plates Vorgehen gegen den greisen Haeckel sich wie ein Lauffeuer durch das kleine Jena verbreitete, dieses Jena, dem Haeckel zweifellos soviel bedeutete wie Goethe einst Weimar. Die Empörung erreichte ihren Siedepunkt: Plate trug sich mit dem Gedanken, Jena zu verlassen.

Wie diese fortgesetzten kleinlichen Angriffe auf Haeckel selbst wirkten, mag ein Brief zeigen, den er in jenen Tagen (7. Juli 09) an seinen Freund und Schüler Dr. Wilhelm Breitenbach schrieb. Da heißt es:

»Für Ihre freundlichen Mitteilungen sowie die herzliche Teilnahme an dem schweren Unglück, das ich mit meinem Amtsnachfolger Prof. Plate gehabt habe, danke ich Ihnen bestens. Letzterer verfolgt mich seit drei Monaten in der unglaublichsten Weise mit impertinenten Briefen, falschen Beschuldigungen und Anklagen bei den Behörden in der niederträchtigsten Weise! Es herrscht darüber bei allen, welche die Sache und die Personen kennen, nur eine Stimme – zu meinen Gunsten! Die empörenden Details seiner Angriffe kann ich Ihnen gelegentlich mündlich mitteilen Tatsächlich habe ich meinem Amtsnachfolger – der mir als talentvoller Lehrer, ausgezeichneter Redner und praktischer Institutsdirektor gewiß sehr überlegen ist – alles übergeben, was ich im Laufe meiner 48jährigen hiesigen Lehrtätigkeit geschaffen habe: die reichen Sammlungen, die ausgezeichnete Bibliothek usf. Für mich hatte ich nur im neuen Phyletischen Museum (das mich die letzten zwei Jahre mühseliger Arbeit und Tausende von Briefen, Sorgen, Geschäfte aller Art usf. gekostet hat – nebenbei auch 60 000 Mark von meinen Ersparnissen) nur das Phyletische Archiv vorbehalten, drei Räume in der südlichen Hälfte des oberen Geschosses.

In diesem Archiv sollten alle meine persönlichen Erinnerungen (und besondere Kunstwerke, Bilder, Büsten, Aquarelle von meinen Reisen, Manuskripte, Briefwechsel, Stiftungen usf.) gesammelt bleiben.

Plate erklärte nun (obgleich ich die drei Archivräume von Anfang an mir allein vorbehalten hatte), daß er das nicht dulden werde: denn ›Kunstsammlungen gehören nicht in ein Museum für Entwicklungslehre‹! Als ich dagegen protestierte, sagte er mir kurzweg: ›Seit dem 1. April bin ich alleiniger Direktor des Phyletischen Museums, und Sie haben sich allen meinen Anordnungen unbedingt zu fügen‹!!!!

Plate hat sich durch seine unglaublichen Anmaßungen und die Frechheiten hier selbst in das schlimmste Licht gestellt und wird allgemein verurteilt. Er will nun Jena möglichst bald wieder verlassen; wenn es nur möglich wäre!! –

Mir selbst hat der dreimonatliche abscheuliche Kampf mit ihm – der jetzt durch Ministerium und Universität definitiv zu meinen Gunsten entschieden ist – sehr geschadet, körperlich und seelisch! Ich ziehe mich nach diesen traurigsten Erfahrungen meines Lebens von allem zurück und suche meinen Trost im Verkehr mit der stets holden und treuen Mutter Natur und in meinen künstlerischen Liebhabereien, Schreiben von Memoiren usf.« ...

Natürlich nahmen auch Haeckels Freunde und Schüler scharf gegen Plate Stellung. So schreibt der Straßburger Anatom Gustav Schwalbe am 14. 7. 09 an Breitenbach in dieser Angelegenheit:

»Es ist unglaublich, wie ekelhaft sich Plate benommen hat. Mich wundert, daß die Studenten in Jena nicht reagiert haben. Das wäre eine wirklich gute Tat, wenn sie Plate herausgraulen könnten! Man sieht, wie bewegt Haeckel den Brief [an Dr. B.] geschrieben hat, seine Hand hat vielfach gezittert. Ich glaube, es wird Haeckel wohltun, ihm in dieser Sache seine Entrüstung auszudrücken.« ...

In einem Briefe des Münchener Zoologen Richard Hertwig an Breitenbach vom 10. 7. 09 heißt es:

»Über die Jenenser Verhältnisse bin ich leidlich orientiert, einerseits durch Haeckel, der mich vor etwa drei Wochen aufsuchte, um mit mir die Angelegenheit zu besprechen, andrerseits durch Plate, den ich in Cambridge bei Gelegenheit der Darwin-Feier traf, ferner durch Persönlichkeiten, die nicht unmittelbar in die Angelegenheit verwickelt sind. Ich teile vollkommen Ihre Entrüstung und habe Plate gegenüber kein Hehl gemacht, wie sehr ich seine Handlungsweise verurteile. Das scheint auch auf ihn Eindruck gemacht zu haben. Denn nach seiner Rückkehr nach Jena soll er versucht haben, bessere Beziehungen zu Haeckel anzubahnen. Inzwischen soll sich jedoch der Kurator ins Mittel gelegt und Plate aufgefordert haben, seine Handlungsweise zu rechtfertigen.« ...

Eine Verhandlung und Aussprache vor dem Universitätskurator am 21. Juli 09 brachte den unerquicklichen Streit wenigstens äußerlich zu gewissem Abschlüsse. Aus dem Protokoll darüber interessieren hier folgende Punkte:

1. »Exzellenz Haeckel legt dar, daß er am 3. Mai 1884 aus Anlaß der Feier des 25 jährigen Bestehens des Zoologischen Instituts diesem seine gesamte zoologische Bibliothek geschenkt und ihm auch später alle ihm – Exzellenz Haeckel – zugewiesenen Werke (Bücher, Broschüren, Atlanten usw.) überwiesen habe;

daß er sich mit Rücksicht hierauf und auf die Sonderstellung, die er der Universität Jena gegenüber einnehme, für ermächtigt gehalten habe, Bücher, die auf Kosten des Zoologischen Instituts oder der Ritterstiftung angeschafft worden seien, zum Tauschverkehr zu verwenden oder auch an Förderer des Zoologischen Instituts oder des Phyletischen Museums, insbesondere solche, welche größere Geldsummen, wertvolle Veröffentlichungen oder Sammlungsgegenstände gestiftet hätten oder zu stiften beabsichtigten, zu verschenken.

So sei es möglich, daß ein Teil der von Herrn Prof. Dr. Plate verzeichneten, auf Kosten des Zoologischen Instituts oder der Ritter-Stiftung angeschafften Bücher fehle. Einige der in dem Verzeichnis aufgeführten Werke seien übrigens in dem Zoologischen Institut noch vorhanden und werden nur besonders aufbewahrt.

Der Wert der verschenkten Bücher komme den Vorteilen gegenüber, welche auf diese Weise dem Zoologischen Institut und dem Phyletischen Museum verschafft worden seien, nicht entfernt in Betracht.

Exzellenz Haeckel wird die wenigen in seiner Privatwohnung befindlichen Bücher, welche Eigentum des Zoologischen Instituts sind, diesem in Kürze zurückgeben ...

Herr Prof. Dr. Plate erklärt sich durch diese Auskünfte unter der Voraussetzung für befriedigt, daß die Regierungen der Erhalterstaaten Exzellenz Haeckel wegen der bisherigen Verwaltung des Zoologischen Instituts und des Phyletischen Museums Entlastung erteilen und ihn (Plate) in dieser Beziehung von jeder Verantwortlichkeit befreien [was, wie Plate genau wußte, während Haeckels Amtsführung jedes Jahr ordnungsmäßig geschehen war!].

2. Exzellenz Haeckel und Herr Prof. Dr. Plate nehmen die Vorwürfe, die sie gegenseitig erhoben haben, zurück.

3. Exzellenz Haeckel behält sich nach wie vor die Einrichtung des ›Phyletischen Archivs‹ vor, d. h. derjenigen drei Räume, welche im ersten Stockwerk des Phyletischen Museums gelegen sind, und von denen der erste zu einem Gedenksaal, der zweite zu einem Bildersaal ausgestaltet werden, der dritte Arbeitszimmer bleiben soll.

Er spricht den Wunsch und die Erwartung aus, daß diese drei Zimmer auch nach seinem Tode in der Anordnung verbleiben, die er ihnen geben wird.

Von einer Überwachung durch seine Angehörigen will er abgesehen wissen. Die Überwachung soll vielmehr dem jeweiligen Universitätskurator zustehen, welcher sich des sachverständigen Beirats des jeweiligen Ordinarius der Anatomie bedienen soll.

Exzellenz Haeckel bittet die Großherzoglich und Herzoglich Sächsischen Staatsministerien, auch ihrerseits die Erfüllung seines Wunsches zu gewährleisten.

Im übrigen überläßt Exzellenz Haeckel Herrn Professor Dr. Plate die vollkommene selbständige Einrichtung und Verwaltung des Phyletischen Museums, abgesehen immer von den vorgedachten drei Räumen.

Exzellenz Haeckel überläßt Herrn Professor Dr. Plate auch die Verfügung über den zur Einrichtung des Phyletischen Museums ausgeworfenen Betrag von 45 000 Mark und über den Abwurf des Unterhaltungsfonds ...

7. Exzellenz Haeckel und Professor Dr. Plate erklären hiermit die zwischen ihnen bestehenden Streitigkeiten für ausgeglichen und unterschreiben zum Zeichen dessen diese Niederschrift.« –

In seinen handschriftlichen Aufzeichnungen nimmt Haeckel von diesem Vergleich mit folgenden Sätzen Notiz: »Definitive Schlußerklärung '21. Juni 1909. Jena. I. Die Schenkung des Phyletischen Museums ist perfekt (Akte vom 3. und 4. Mai 1909); sie ist von E. Haeckel nur unter den von ihm gestellten Bedingungen gemacht und als solche von den Regierungen und vom Senat der Universität Jena angenommen worden; sie kann also von niemand angefochten oder einseitig geändert werden, auch nicht vom Direktor des Phyletischen Museums. II. Für die bisherige (48 Jahre) Verwaltung des Zoologischen Instituts, seiner Sammlungen und seiner Bibliothek – zum größten Teile Geschenk von E. Haeckel – ist Haeckel, von Ostern 1861 bis Ostern 1909, nur der vorgesetzten Behörde verantwortlich, dem Kurator der Universität und den Regierungen; er lehnt jede Verantwortung einem andern gegenüber ab, insbesondere auch über Ankauf von Büchern und Sammlungsobjekten. III. die Verhandlungen, welche über die Streitfragen des Phyletischen Museums seit vier Monaten zwischen Ernst Haeckel und Ludwig Plate geführt worden sind, sind hiermit abgeschlossen. Für den Fall, daß Plate sich dabei nicht beruhigt, hat er sich mit seinen Anklagen an die vorgesetzten Behörden zu wenden, an Kuratel und Ministerium.«

Es liegt etwas Ergreifendes in dieser stillen Rechtfertigung Haeckels vor sich selber, die er nach der ihm angetanen Schmach der Verhandlung seinem Selbstbewußtsein schuldig zu sein glaubte. Gewiß: gröber organisierte Naturen und kleinere Geister werden in ihrem Pflichtgefühl, ihrer Beamtenkorrektheit oder wie immer sonst sie solche schließlich (vielleicht ihnen unbewußt) ganz andern Motiven entspringende Handlungsweise in den Augen der Welt (und vielleicht auch vor sich selber) zu rechtfertigen versuchen mögen, ein Vorgehen, wie es Plate einem Ernst Haeckel gegenüber beliebte, nicht nur nicht als etwas Unrechtes, sondern eben als Pflichterfüllung und gar moralische Handlung empfinden.

Plate schreibt bezüglich des Vergleichs vor dem Kurator in seinem Umschau-Aufsatz (l. c): »Am 21. Juli verständigten wir uns vor dem Kurator, Haeckel zog seine Beschimpfung und ich den Vorwurf des falschen Spiels zurück. Damit war zu meiner Freude die unangenehme Angelegenheit beseitigt. Daß ich nach allen diesen Erfahrungen jeden persönlichen Verkehr mit Haeckel abgebrochen habe, wird mir niemand verdenken.« Über die »Beschimpfung« und das »falsche Spiel« berichtet er ebendort: »Ich hatte für die Annahme meines Rufes nach Jena die Bedingungen gestellt, daß ich als Direktor des Zoologischen Instituts und des neu zu gründenden Phyletischen Museums »Gegründet« war das Phyletische Museum nun doch eigentlich wohl schon im Jahre 1907, und Haeckel hatte damals sogar bereits ziemlich ausführliche Angaben über Zweck und Inhalt des Museums gemacht; ja, auch andre (z. B. Leonhard Schultze) haben schon 1907 den Plan der inneren Einrichtung nach Haeckels Idee eingehend erläutert. Bei einem so kühl seine Worte wägenden Manne wie Plate erscheint mir dieser – lapsus calam immerhin auffällig. völlig selbständig sei, versprach aber Haeckel, bei der Einrichtung des Museums auf seine Wünsche Rücksicht zu nehmen. Haeckel war hiermit vollständig einverstanden ... Kaum aber war ich in Jena, so machte er mir Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, rief mir zu: ›Sie bilden sich doch nicht ein, Direktor des Phyletischen Museums zu sein‹ und beschimpfte mich noch obendrein. Wer will mir es verdenken, daß ich ihm vorwarf, er habe falsches Spiel mit mir getrieben?«

Der Leser möge einmal zurückblättern und mit diesen Sätzen die Darstellung vergleichen, die Haeckel von den Vorgängen nach Plates Eintreffen in Jena gibt. Ich überlasse es gern seinem eigenen Urteile, zu entscheiden, wer hier »beschimpft« und »falsches Spiel« getrieben hat, will ihm jedoch nicht verhehlen, daß Plate in dem erwähnten Aufsatze einmal auch (freilich nur bedingt) von einem »neuen Beweise dafür« spricht, »was man von der Zuverlässigkeit Haeckelscher Angaben zu halten hat«.

Sehr originell wirkt in dem Plateschen Berichte der Passus, es könnte ihm niemand verdenken, daß er nach allen diesen Erfahrungen jeden persönlichen Verkehr mit Haeckel abgebrochen habe. Unter »persönlichen Verkehr abbrechen« versteht Plate offenbar ein nachträgliches Reagieren auf das, was man in studentischer Ausdrucksweise »einen schneiden« nennt. Dergestalt dürfte er damals wohl den »persönlichen Verkehr« mit sehr vielen Jenenser Universitätskollegen und sonstigen Fachgenossen »abgebrochen haben«. Die Briefe Schwalbes und Hertwigs an Breitenbach, die das bezeugen, habe ich schon oben veröffentlicht. Hier mag noch ein temperamentvolles. Schreiben Max Verworns an den Zoologen Wolff dazu mitgeteilt sein, das vom 12. Dezember 09 datiert ist:

»Ich bin im allerhöchsten Grade entrüstet gewesen, ja, ich muß sagen, daß ich für meine Empörung keine Worte habe über das Benehmen von Plate, nachdem ich bei meinem letzten Besuch in Jena während des Oktobers aus authentischen Quellen alle Einzelheiten dieses ekelhaften Kampfes erfahren habe. Sie werden ja wohl auch orientiert sein. Aber die Wirklichkeit übertrifft noch weit alles, was man aus Erzählungen gehört hat. Für mich ist Plate erledigt.« –

Am 27. Juli schrieb Haeckel an Breitenbach:

»Der widerwärtige Kampf, zu dem mich mein Herr Amtsnachfolger seit vier Monaten gezwungen hatte, ist endlich glücklich abgeschlossen, durch einstimmiges Eintreten des Senats und der Regierung zu meinen Gunsten. In den letzten Sitzung (am Mittwoch, den 21. 7.) ist Plate zur Anerkennung der Schenkungsurkunde des Phyletischen Museums genötigt worden; er hat sein ›Falsches Spiel‹ völlig verloren. Ich behalte nun mein Archiv (drei Räume), das Plate auch noch durchaus haben wollte, für mich und stelle darin meine Kunstwerke, Manuskripte, Erinnerungen usf. auf. Über ihre Verwendung und Verwaltung hat Plate nichts zu bestimmen. Übrigens hat er durch sein brutales Vorgehen sich selbst am meisten geschadet. Alle Kollegen stehen auf meiner Seite. Plate will nun fortgehen; aber wohin? (Vielleicht nach Nordamerika?)« Und am 20. August teilt er dem Freunde mit: »Ich reise Anfang September auf drei Wochen in die Schweiz und hoffe dort Erholung von den unglaublichen Angriffen zu finden, durch welche mein brutaler Nachfolger, Prof. Plate, mir den ganzen Sommer verdorben hat, und durch die er sich selbst am meisten geschadet hat.«

Plate faßte die durch den Vergleich gegebene Lage wesentlich anders als Haeckel auf. Er protestiert gegen den eben mitgeteilten Haeckelbrief in der Umschau (l. c.) mit folgenden Worten: »Es ist unwahr, daß mein Konflikt ›durch Ministerium und Universität‹ zu Haeckels Gunsten entschieden worden ist. Im Gegenteil, er hat die mir früher mündlich und schriftlich gemachte Versprechung einhalten müssen, nämlich daß ich alleiniger Direktor des Museums sei, und er hat auch die Bücher, die er sich widerrechtlich angeeignet hatte, zurückliefern müssen. Die Universität hat sich mit dem ganzen Konflikt überhaupt nicht beschäftigt, weil sie in die Verwaltung der Institute nicht hineinzureden hat. Die Schenkungsurkunde des Phyletischen Museums hat der Senat selbstverständlich angenommen, und ich habe selbst dafür gestimmt in meiner Eigenschaft als Senator. In meiner Eigenschaft als Direktor habe ich gegen die Errichtung eines zweiten Museums mit Kunstsammlungen u. dgl. im Phyletischen Museum protestiert, weil dies den getroffenen Vereinbarungen widersprach. Haeckel hatte sich nämlich die drei Räume im Museum nur zu persönlicher ›Benutzung‹ reserviert, verlangte aber hinterher, daß sie über seinen Tod hinaus in der Form bestehen bleiben sollten, die er ihnen geben würde. Er wollte sich hier so eine Art Goethehaus selbst errichten. Später hat er freiwillig auf diesen Plan verzichtet und mir jene drei Räume überwiesen, wodurch mein Protest hinfällig geworden ist. Von irgendeiner Entscheidung ›durch Ministerium und Universität‹ zugunsten Haeckels kann also nicht die Rede sein.«

Weiß Gott, es wird einem übel, wenn man diese Platesche Berichtigung liest. Jeder Satz ist eine offene oder versteckte Schmähung des Andenkens des großen Toten, jeder Satz eine Unrichtigkeit oder wenigstens erklügelte Spitzfindigkeit. Ist das Kuratel keine Universitätsbehörde? Hat Haeckel in dem Vergleiche nicht schließlich erlangt, daß seine Schenkungsurkunde vollinhaltlich anerkannt wurde? Hat Haeckel sich wirklich Bücher widerrechtlich angeeignet, d. h. unterschlagen oder gestohlen? Wie fein konstruiert ist nicht der Gegensatz zwischen Plate, dem Senator, und Plate, dem Direktor! Welch scharfsinnig juristische Interpretierung erfahren nicht die Begriffe »persönlich« und »Benutzung«! Wie geschmack- und pietätvoll ist nicht die Phrase vom Haeckel-Goethehause! Und welche Tragik endlich liegt nicht in Haeckels »freiwilligem« Verzicht auf seine Pläne!

Zu Ausgang des Sommers 09 besuchte ich Haeckel in Jena. Ich traf ihn in seinem Arbeitszimmer im Phyletischen Museum. Ich hatte den greisen Freund wohl über ein Jahr nicht gesehen und war jetzt tief erschrocken über den jähen körperlichen und seelischen Verfall, den er bot. Er merkte mir das offenbar an; denn nach der ersten herzlichen Begrüßung begann er gleich von selbst, mit merkwürdig gebrochener Stimme, in der es wie Tränen lag, zu erzählen. »Soviel ich auch in meinem langen Dasein und Wirken schon Schweres zu tragen hatte – nie habe ich Schlimmeres erfahren als in diesem letzten Jahre, da ich mein Amt niederlegte und mich aller Rechte auch an diesem meinem der Universität geschenkten Museum begab.« Und nun folgte die Schilderung der Taten Plates, dieser ganzen empörenden Undankbarkeit, die mir das Blut ins Gesicht trieb. Der alte Pohle, Haeckels langjähriger, treuer Institutsdiener, ergänzte den Bericht hie und da durch drastische Ausrufe. »Aber ich selbst habe mir die Schuld an all dem ganz allein zuzuschreiben,« schloß Haeckel, »man hatte mich genug vor Plate gewarnt, so muß ich's eben tragen.«

Ich war geradezu erschüttert von dieser Leartragödie, die sich mir hier enthüllt hatte, und die mir schier unfaßbar erschien. Gewiß, Plate hatte auch in Berlin schon mancherlei Zwistigkeiten gehabt – die Jenenser hatten ihm davon einen charakteristischen Beinamen gegeben –, die Berufung auf Haeckels Lehrstuhl kam ihm sicherlich sehr gelegen. Er wußte ganz genau, daß er diese hohe Ehre lediglich dem Einfluß Haeckels verdankte! Eben deshalb durfte man sich von ihm wohl etwas anderes erwarten, als dieses unerhörte Vorgehen gegen seinen alten Lehrer, das tatsächlich fast ans Pathologische streift. Als ich mich von Haeckel verabschiedete, erklärte ich ihm, daß ich seinen Freundeskreis veranlassen würde, gegen Plate öffentlich Stellung zu nehmen. Von Italien aus, wohin ich unmittelbar reiste, war es schwierig, die nötigen Schritte in dieser Angelegenheit zu tun. Ein Trauerfall zwang mich, unerwartet schnell heimzukehren, und so benachrichtigte ich Haeckel Ende Oktober, daß ich nunmehr die Sache in die Hand nehmen wolle, und bat ihn um Material. Daraufhin erhielt ich folgenden Brief Da in dem Plateschen Klagesatz gegen mich dieser von mir in meinem Aufsatz »Aus Haeckels letzten Lebensjahren« (Berliner Tageblatt 17. 8. 19) im Auszuge wiedergegebene Brief als ein »angeblicher« bezeichnet wird, setze ich ihn hier in Faksimiledruck her. Er wird manchem Leser gewiß auch als Haeckel-Autogramm dieser Art der Veröffentlichung wert erscheinen. von ihm:

Brief
Brief

Selbstverständlich respektierte ich den Wunsch Haeckels, und deshalb unterblieb die Aktion leider, wie etwas später eine von Wolff und Verworn geplante Kundgebung gegen Plate, der, wie es in Jena hieß, ohnehin »erledigt« sei. Der greise Forscher ahnte nicht, daß sein Martyrium volle zehn Jahre dauern sollte!

Ein Gespräch, das Karl W. Neumann, der zu Haeckels engerem Kreise gehörte, ihn aber etwa ein Jahr lang nicht gesehen hatte, am 2. Januar 1910 in der »Villa Medusa« (Haeckels Wohnhause) mit Haeckel führte, mag weiter zeigen, wie tief der Kummer an dem alten Manne zehrte. Neumann hat Haeckels Worte unmittelbar im Anschluß an das Gespräch aufgezeichnet, sie sind authentisch; ich gebe hier nur das Bemerkenswerteste wieder.

»Plate hat mich einfach an die Luft gesetzt, buchstäblich aus meiner eigenen Schöpfung herausgeworfen,« heißt es darin. »Ich hatte mir für meinen persönlichen Gebrauch einen Raum im Museum zum Arbeiten reserviert; aber auch daraus bin ich vertrieben worden. Plate hatte sich zu diesem Raum hinter meinem Rücken einen Schlüssel machen lassen mit der Begründung, daß er als Direktor des Museums jederzeit auch in dieses Zimmer Zutritt haben müsse. Es sind dann Briefe zwischen ihm und mir hin- und hergegangen, und das Ende war, daß ich verzichtete, das Zimmer fortan zu benutzen. Es ist doch unmöglich für mich, so gewissermaßen unter Kontrolle zu arbeiten. So bin ich denn hierher in meine Villa mit meinen Arbeiten übergesiedelt. Fast 50 Jahre habe ich alle meine wissenschaftlichen Arbeiten im Institut erledigt, jetzt muß ich auf meine alten Tage noch hier anfangen. Das Schlimmste ist, daß ich Wissenschaftliches nicht mehr schreiben kann, weil ich meine gesamte Bibliothek dem Institut übergeben habe ... Mich hat die Geschichte arg mitgenommen. Ich war gesundheitlich sehr herunter. Es war das Schwerste, was ich in meinem langen Leben durchzumachen hatte. Nun bin ich, wie ich glaube, darüber hinweg, und an der Menschheit bin ich deswegen nicht irre geworden. Huxley hat einmal von mir gesagt, ich sei der Bismarck der Zoologie. Ich weiß nicht, ob's zutrifft. Wenn ich aber schon einmal die Ehre haben soll, mit dem großen Manne verglichen zu werden, dann gehört es konsequenterweise wohl auch in meinen Lebenslauf, daß ich auf meine alten Tage aus meiner Schöpfung herausgesetzt werde.«

Auf eine Frage Neumanns, was wohl der Grund für Plates Vorgehen sei, antwortete Haeckel: »Ich weiß es nicht. Vermutlich krankhaft gesteigerter Ehrgeiz, das drückende Gefühl vielleicht, neben mir nicht zur vollen Geltung zu kommen. Und das braucht er wahrhaftig nicht zu befürchten. Denn Plate ist ein tüchtiger Gelehrter und vor allem, was ich nie gewesen bin, ein ausgezeichneter Hochschullehrer. Ich kann in dieser Beziehung nicht rühmlich genug von ihm sprechen. Sonst hätte ich ihn auch nicht als meinen Nachfolger vorgeschlagen. Ich habe übrigens auch, wie er sich ausdrückt, das Institut, das ich selber aus Nichts geschaffen und zu einem der angesehensten in Deutschland gemacht habe, sehr verlottern lassen, so daß er erst jetzt Ordnung machen muß. Nun, es soll mich freuen, wenn er's verbessert; es kommt ja der Naturwissenschaft zugute.«

In diesem Zusammenhange darf ich vielleicht einen Brief Neumanns mitteilen, der freilich viel später geschrieben wurde, aber auf jenes Gespräch zurückgreift. »In einem«, schreibt Neumann, »hat sich Haeckel damals gründlich geirrt, in der Meinung nämlich, er sei bereits (im Januar 1910) über die Sache hinweg. Sooft ich ihn später besuchte, jährlich ein paar Male, sind wir auf die Sache zurückgekommen, und immer von neuem konnte ich merken, wie tief ihm der Kummer über die traurige Affäre Plate am Herzen fraß. Sie hat ihm wirklich seinen Lebensabend vergrämt und verbittert! Noch bei meinem letzten Besuche (acht Wochen vor seinem Tode) erzählte er mir, daß alle seine Versuche zur endgültigen Beilegung der Sache an Plates Halsstarrigkeit scheiterten. An einen persönlichen Verkehr mit Plate habe er selbstverständlich nach all dem Voraufgegangenen niemals gedacht – ›ich würde vor Erregung, glaube ich, kein Wort herausbringen können‹ –, aber er habe wenigstens ein äußerliches gegenseitiges Duldungsverhältnis anbahnen wollen. Auch das sei unmöglich gewesen. Jetzt entfernt er sogar noch die Etiketten von den Korallen und andern Sammlungsobjekten, die ich von meinen Reisen mitgebracht habe, vermutlich weil diese Etiketten von mir persönlich geschrieben sind. Er will, scheint es, alles im Museum tilgen, was noch an mich erinnert.‹« Als ehrlicher Chronist fügt Neumann hinzu: »Wie weit das zutraf, weiß ich nicht. Haeckel stützte sich da natürlich auf Mitteilungen anderer. An mehreren Stücken fand ich jedenfalls noch die von Haeckel geschriebenen Etiketten vor. Es beweist aber in jedem Falle, wie tief der Wurm noch immer bei ihm saß, acht Wochen vor seinem Tode!«

Ich lasse nunmehr, eine Anzahl Briefe Haeckels folgen, die uns tiefe Einblicke in seinen seelischen Zustand ermöglichen.

Am 29. November 09 schrieb er an seinen ehemaligen Assistenten Wolff, der ihn um Unterstützung des auf einer Studienreise in Sardinien schwer erkrankten Zoologen K. anging: »Seit längerer Zeit bin ich krank. Ich hatte einen schlechten Sommer und lebe jetzt als Emeritus – und Eremitus – ganz zu Hause. Mein Amtsnachfolger, Prof. Plate, erhob gleich nach seinem Amtsantritt den Anspruch, das Phyletische Museum, dessen Gründung ich so große Opfer gebracht habe, ganz allein einzurichten. Er erklärte offiziell, daß er keine über meine Lebzeiten hinausgehende Bestimmung von mir anerkennen werde. Da ich unklugerweise (in leichtfertigem Vertrauen!) ihm alle Befugnisse und Geldmittel des Museums von vornherein zugestanden hatte, habe ich nunmehr – außer meinem Archivraum – keinerlei Rechte mehr. Es ist also leider nicht daran zu denken, Dr. K. aus Mitteln des Zoologischen Instituts oder des Phyletischen Museums – etwa zu Sammlungszwecken – eine Unterstützung zukommen zu lassen. Ebenso bin ich auch persönlich dazu nicht imstande. Meine Mittel sind durch die großen Summen, die ich dem Phyletischen Museum geopfert habe – Bau und Einrichtung haben die ursprünglichen Kostenanschläge weit überstiegen –, ferner durch Versiegen früherer Einnahmequellen so erschöpft, daß ich zu größter Sparsamkeit gezwungen bin. Auch kann ich leider – bei meiner jetzigen völligen Isolierung! – keine Sammlung für K. veranstalten.«

An Breitenbach sind die folgenden Briefe gerichtet.

»Mein Amtsnachfolger, Prof. Plate, hat sich hier durch seine unglaublichen Ansprüche und sein brutales Tyrannenwesen allgemein verhaßt gemacht. Ich habe ihn seit einem Jahre nicht mehr gesehen. Die Einrichtung des Phyletischen Museums hat er Prof. Meisenheimer (Nachfolger von Prof. H. E. Ziegler) und Dr. Schaxel übertragen.« (18. Juli 1910.)

»Auch die innere Einrichtung des Phyletischen Museums hat Plate gut und in meinem Sinne, mit großem, talentiertem Geschick ausgeführt. Er rechtfertigt also, zumal er ein sehr guter Dozent und praktischer Institutsdirektor ist – was ich selbst, leider, nicht war –, daß ich seine Berufung als des tüchtigsten Kandidaten durchgesetzt hatte. Im übrigen habe ich (als Emeritus und Invalidus) zu Plate keine Beziehungen mehr; ich habe ihn seit den unglaublichen Konflikten im Sommer 1909 nicht wieder gesprochen und habe auch im Phyletischen Archiv, dessen drei Räume mir vorbehalten sind, nicht gearbeitet.« (25. Mai 1912.)

»Mein Verhältnis zu Prof. Plate ist jetzt insoweit befriedigend hergestellt, als ich – durch die persönlichen, amtlichen, räumlichen und finanziellen Verhältnisse gezwungen – seine Forderungen im wesentlichen bewilligt und meine Ansprüche in stiller Resignation auf ein Minimum reduziert habe. Wir haben, nachdem ich ihn zwei Jahre nicht gesehen und gesprochen, zwei längere versöhnliche Aussprachen gehabt. Plate hat wohl – nachdem er von allen Kollegen boykottiert wurde! – sein schweres Unrecht allmählich eingesehen. Er hat es dadurch teilweise gutgemacht, daß er das Phyletische Museum (seit Mai eröffnet und viel besucht) wirklich gut und meinen Plänen entsprechend eingerichtet hat.« (3. November 1912.)

»In der Entwicklung des Phyletischen Archivs ist neuerdings eine sehr erfreuliche Wendung eingetreten. Die Regierung hat, meinem Wunsche entsprechend, beschlossen, in dem nahe bevorstehenden Umbau der Universitätsbibliothek demselben zwei besondere Räume zu überlassen. Das Phyletische Archiv geht damit in den vollen Besitz der Universitätsbibliothek über und ist unter dem Schutz von deren Direktion.

Von den drei Räumen, welche ich 1907 im Phyletischen Museum für das Archiv reserviert hatte, bleibt nur der große ›Gedenksaal‹ mit den Bildern, Kunstwerken usf. dem Archiv vorbehalten und wird nach meinem Tode dem Publikum geöffnet. Die zwei anderen Räume bleiben der Disposition meines Amtsnachfolgers, Prof. Plate, überlassen.

Dieser verharrt unbeirrt in seiner feindseligen Haltung und wird deshalb von allen Kollegen boykottiert. Er ist (um den Aktionen des 80. Geburtstages zu entgehen) im August 1913 nach Ceylon gereist und erst vorige Woche zurückgekehrt. Ich stehe außer allem Verkehr mit ihm, obgleich ich alle mir geschenkten Bücher usf. nach wie vor an die Bibliothek des Zoologischen Instituts abgebe. Plate hat mir in diesen fünf Jahren seiner Direktion nicht eine einzige Zeile der Entschuldigung für sein unglaubliches Verhalten geschrieben, auch den 80. Geburtstag völlig ignoriert. Dank vom Haus Österreich! – Ende gut, alles gut! – Schwamm drüber!« (4. April 1914.) –

Man sieht: Plate hatte durch zähe Beharrlichkeit im Laufe weniger Jahre alles das erreicht, was er vom ersten Augenblick an erstrebt – er hatte sich Haeckel gegenüber völlig »durchgesetzt«; Haeckel war für ihn abgetan und erledigt. Der alte Herr saß in seiner »Villa Medusa«, malte Aquarelle, schrieb gelegentlich wohl mal noch irgendetwas, mußte sich, falls er Literatur dazu brauchte, die Bücher, die einmal sein Eigentum gewesen, und die er – es gibt eben unverbesserliche Optimisten – nach wie vor ohne jede Bedingung der Bibliothek überwies, wie jeder junge Student gegen einen Leihschein ausborgen und, nicht zu vergessen, pünktlich zurückliefern. »In den letzten zwei Jahren«, klagt Plate tadelnd in seinem Umschau-Aufsatz, »hatte Haeckel 70-80 Separata aus unserer Bibliothek entliehen gegen Unterzeichnung von Leihscheinen. Trotz allen Ermahnungen bei den Revisionen der Bibliothek hat er aber nur 40 zurückgeliefert; ungefähr ebensoviel fehlen jetzt noch. Natürlich gab dies einen nicht erfreulichen Schriftwechsel, der sich aber selbstverständlich in korrekten Formen abspielte.« Die »korrekten Formen« Plateschen Schriftwechsels kennt der Leser aus den hier mitgeteilten Proben ja zur Genüge. Haeckel hat hierüber einmal erzählt (1910): »Dieser Mensch ist soweit gegangen, daß er eines Tages den Institutsdiener zu mir schickte und mir bestellen ließ, es fehlten im Institut eine Anzahl Bücher, um die er dringend ersuchen lasse. Natürlich habe ich ihn ausgelacht.« Das war entschieden inkorrekt, ja, unrecht von Haeckel ...

Doch, in unsrer Schilderung fortzufahren, Plate hatte also den alten Herrn, soweit es möglich, kaltgestellt. Das freilich konnte er nicht verhindern, daß Jahr für Jahr noch Tausende nach Jena kamen, Haeckel ihre Verehrung zu bezeugen. Und er konnte es schließlich auch nicht verhindern, daß in Jena doch »so eine Art Goethehaus« entstand, ein wirkliches Haeckel-Museum geschaffen wurde. Ich entnehme darüber der »Jenaischen Zeitung« vom 21. Juli 1918 folgende Mitteilung: »Im Hinblick auf die allgemeine Erweiterung und Vertiefung des Entwicklungsgedankens erschien es wünschenswert, neben dem der biologischen Entwicklungslehre gewidmeten ›Phyletischen Museum‹ ein Institut für allgemeine Entwicklungslehre zu begründen. Schon längst bestand die Absicht, die ›Villa Medusa‹, das schön gelegene Wohnhaus, das sich Ernst Haeckel 1882 in der Nähe des neuen Zoologischen Instituts erbaut hatte, zur bleibenden Erinnerung an seine sechzigjährige Wirksamkeit in Jena anzukaufen und als ›Haeckel-Museum‹ einzurichten. Dieser Plan geht jetzt seiner schönen Verwirklichung entgegen. Die von unserm hochherzigen Mitbürger Ernst Abbe [dem 1905 verstorbenen, ausgezeichneten Astronomen, Physiker und Sozialpolitiker] gegründete ›Carl-Zeiß-Stiftung‹, der die Stadt Jena schon so viele und wertvolle Geschenke verdankt, hat am 15. Juni beschlossen, das Grundstück der ›Villa Medusa‹ anzukaufen und es mit Zustimmung der Großherzoglichen Staatsregierung der Universität Jena als Geschenk zu übergeben. Haeckel selbst stiftet dazu den größten Teil seines beweglichen Inventars, namentlich seine reiche Sammlung von Gemälden, Büsten, Kupferstichen und die zahlreichen, ihm von seinen Schülern und Freunden zugegangenen Ehrengeschenke. Während dieser Teil des neuen ›Haeckel-Museums‹ als Schausammlung dem öffentlichen Besuche zugänglich gemacht wird, soll ein andrer Teil als wissenschaftliches ›Institut für allgemeine Entwicklungslehre‹ (im weitesten Sinne) ausgestaltet werden und als Zentralstelle für alle bezüglichen Forschungen die zerstreuten Materialien sammeln, literarisch verwerten und damit befruchtend sowohl auf die Einzelforschung zurückwirken, wie auch grundlegend für die allgemeine Weltanschauung werden. Für diesen Teil des ›Haeckel-Museums‹ stiftet Ernst Haeckel seine umfangreiche und wertvolle Bibliothek, soweit diese nicht bereits früher in den Besitz der Universität übergegangen ist (1883 bei der Einweihung des neuen Zoologischen Instituts, 1908 bei der Einrichtung des ›Haeckel-Archivs‹).«

Gegen die Errichtung dieser »Art Goethehaus« vermochte Plate also nicht zu protestieren. Zum Direktor des am 1. August 1918 gegründeten »Ernst-Haeckel-Museums« wurde Haeckels getreuester Famulus, Prof. Dr. Heinrich Schmidt, bestimmt, und damit war Plate jeder Einfluß auf dieses von Haeckel (in weitestem Sinne) inaugurierte »Institut für allgemeine Entwicklungslehre« entzogen.

Eines aber konnte Plate und tat es. Er versuchte im Mai 1919 den Nachweis zu führen, daß Haeckel auf das Phyletische Museum, alles in allem genommen, nicht den geringsten Einfluß gehabt hat. In dem hier immer wieder zu zitierenden Umschau-Aufsatz (l. c.) schreibt Plate hierüber: »Da von Haeckel und von seinen nächsten Freunden wiederholt in Zeitungen behauptet worden war, das Phyletische Museum sei ein Geschenk Haeckels an die Universität Jena und stelle seine ›Lieblingsschöpfung‹ dar, so habe ich eine ›Berichtigung bezüglich der Entstehung des Phyletischen Museums‹ in den ›Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes‹ (4/5, 1919) erscheinen lassen, in der ich darauf hinwies, daß Haeckel auf das eigentliche Museum, d. h. auf die ausgestellten Sammlungen, ihre Anordnung, Erklärung und dergleichen, nicht den geringsten Einfluß ausgeübt hat, da er ja freiwillig auf jede Mitarbeit verzichtet hatte. Wir verdanken ihm nur die Anregung, ein solches Museum zu gründen, die kleinere Hälfte der in ihm angelegten Geldmittel und das dafür angeschaffte Gebäude. Ich fügte auch hinzu, daß das Museum nicht im rein Haeckelschen Geiste aufgeführt worden sei, und zwar geschah dies, weil ich oft von Besuchern gefragt werde, ob im Museum auch die Haeckelschen Embryonenbilder ausgestellt seien, was natürlich nicht geschehen ist. Über diese Berichtigung soll sich Haeckel aufgeregt haben, was mir unverständlich ist; denn er hatte ja selbst ›die ganze Organisation‹ in meine Hände gelegt. Persönlich hat er sich übrigens mir gegenüber nicht geäußert in dieser Sache.«

Ein Meisterstück wiederum Platescher Dialektik. Ich wiederhole: Jeder Satz eine offene oder versteckte Schmähung des Andenkens des großen Toten; jeder Satz eine Unrichtigkeit oder wenigstens erklügelte Spitzfindigkeit. Das Phyletische Museum ist, wie man zumal aus der hier mitgeteilten offiziellen Schenkungsurkunde entnehmen kann, keine Schenkung Haeckels an die Universität Jena. Es ist nicht Haeckels Lieblingsschöpfung; darum hat der greise Forscher auch so zäh bis zum letzten Augenblick daran gehangen. Haeckel hat »freiwillig« auf jede Mitarbeit an der Ausgestaltung verzichtet; das ist unbestreitbar richtig – er war sogar verstockt genug, Plates hochherziges Anerbieten (9. Juli 08), es sei ihm »jederzeit willkommen, wenn Haeckel sich in gemeinsamer freundschaftlicher Mitarbeit« an seinem Werk beteiligen wolle, einfach zu übersehen. Wie gering war nicht das Opfer an Geld, Zeit und Arbeit, das Haeckel dem Museum gebracht hatte, in Vergleichung zu Plates »größter Mühe bezüglich der Ehrengabe« und den »selbstgeopferten 1200 Mark« – »ich hatte sehr große Opfer für meinen früheren Lehrer gebracht«, erklärte Plate hierzu mit Emphase in der »Umschau« (l. c.), und er versteht darunter außer den eben genannten wohl im besondern die Aufgabe der »sehr angenehmen Stellung« in Berlin »Auch hier«, schrieb mir einmal ein sehr bekannter Berliner Zoologe dazu, »hat er ja schon bei allen möglichen Leuten mehr oder weniger hart angestoßen. Plate ist ein psychologisch ganz eigentümlicher Menschentyp, einer von den Menschen, die oft im Augenblick nicht wissen und übersehen, was sie sagen und tun, dann aber, nachdem das Unglück einmal geschehen ist, in einem gewissen genierlichen Trotz sich in derselben fatalen Richtung immer noch weiter überbieten. Deshalb habe ich seine verschiedenen Berliner Affären nie recht ernst genommen. Der Streit mit Haeckel ist aber unbedingt tödlich ernst zu nehmen, und deshalb bin ich in dieser Sache unbedingt auf Ihrer Seite.« und die ihn sicher sehr große Überwindung kostende Annahme der Berufung auf den Lehrstuhl eines Ernst Haeckel! Natürlich hat Plate das Museum nicht »im rein Haeckelschen Geiste« aufgeführt – das konnte er gar nicht (bei allem schuldigen Respekt vor Plate als Wissenschaftler darf man das wohl behaupten); er hat nur, wie Heinrich Schmidt in Erwiderung dieses Plateschen Angriffs treffend ausführte (Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes vom 6. Juli 1919), »ein gegebenes Programm gut ausgeführt«, wie das auch Haeckel selbst ihm ja mehrfach lobend attestiert hat. Was es mit dem Wort von den »Haeckelschen Embryonenbildern« auf sich hat, wird weiter unten noch zu untersuchen sein, obwohl man vielleicht darüber hinweggehen und ohne Widerspruch Prof. Dr. Ludwig Plate den Ruhm gönnen sollte, Arm in Arm mit dem berühmten Zoologen des klerikal-naturwissenschaftlichen Keplerbundes, Dr. Arnold Braß, sein Jahrhundert in die Schranken gefordert zu haben. Daß es Plate schließlich »unverständlich« ist, wie Haeckel sich über diese »Berichtigung« »aufregen« konnte – sie hat, so schrieb mir Schmidt, auf den Fünfundachtzigjährigen »wie ein Keulenschlag« gewirkt –, wird ihm jeder Leser mit mir ohne weiteres glauben.

Und nun vergleiche man mit Plates unerhörtem Angriff aus dem Hinterhalt – denn anders kann man diesen unerwarteten Überfall, dessen naive Motivierung mehr als gesucht ist, nicht gut nennen – die bis in die letzte Silbe vornehme Weise, in der Haeckel sich über Plate als Organisator und Leiter des Phyletischen Museums jederzeit geäußert hat. Zu den hier schon veröffentlichten Briefstellen, die Äußerungen vertraulichster Art an Freunde (und das heißt Gegner Plates) darstellen und so gewiß leicht zu impulsiven Worten hätten verleiten können, sei hier noch eine Stelle aus einem Aufsatz Haeckels über »Das Phyletische Archiv in Jena« (1911) mitgeteilt.

»Am ersten April 1909«, heißt es da, »hatte ich (nach Vollendung meines fünfundsiebzigsten Lebensjahres) das Lehramt der Zoologie und die Direktion des von mir geschaffenen Zoologischen Instituts, die ich volle 48 Jahre verwaltete, niederlegen müssen; meine abnehmenden Kräfte reichten zur voll befriedigenden Erfüllung dieser amtlichen Aufgaben nicht mehr aus. Mein Amtsnachfolger und früherer Schüler, Prof. Dr. Ludwig Plate, übernahm mit der Direktion des Zoologischen Instituts zugleich diejenige des Phyletischen Museums und damit die Aufgabe, dessen umfangreichsten Teil, die öffentliche Schausammlung, auszugestalten und zweckmäßig zu ordnen. Als überzeugter und tatkräftiger Vertreter des Darwinismus erscheint er für die Lösung dieser schönen und originellen Aufgabe besonders befähigt, um so mehr, als er bereits in der Organisation der biologischen Abteilung des ›Museums für Meereskunde‹ in Berlin sein vorzügliches Talent dafür bekundet hat. Professor Plate hat kürzlich in einem längeren, durch Abbildungen illustrierten Artikel über das ›Phyletische Museum in Jena‹ seine bezüglichen Pläne und ihre derzeitige Ausführung besprochen (Kosmos, 2, 1911).« –

Ein paar Worte nunmehr zu dem Passus über die Ausstellung der »Haeckelschen Embryonenbilder« im Museum. Da Heinrich Schmidt die Charakterisierung dieser »überaus hämischen« Bemerkung als einer »perfiden« mit dem in solchen Fällen üblichen Ausdruck des Bedauerns zurückgenommen hat, will ich sie meinerseits hier lieber nicht charakterisieren: es gibt offenbar dafür keine nicht beleidigende und doch zutreffende Bezeichnung. Ich will hier nur erwähnen, daß Plate damit einen törichten und von ungetrübter Sachunkenntnis zeugenden, Haeckel von Braß und seiner Gefolgschaft gemachten Vorwurf aufnimmt, Haeckel habe Embryonenabbildungen »gefälscht«, um seine Abstammungshypothesen plausibler zu machen. Es handelt sich hierbei um schematische, instruktive Darstellungen mit einander verglichener frühster Entwicklungsstufen verschiedener Wirbeltiere, und zwar – das muß ausdrücklich hervorgehoben werden – für Laien. Wer da aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer diese komplizierten Bildungen einem Publikum von Laien verständlich zu machen sind, wird Haeckels Vorgehen ohne weiteres verstehen. Im übrigen dürfte es genügen, wenn ich hier das von einer auf diesem Gebiete so kompetenten Autorität wie Rabl abgegebene Urteil über die Haeckelschen Embryonenbilder wiederhole: »Von Fälschung und Betrug kann nie und nimmer die Rede sein; davon könnte nur dann gesprochen werden, wenn absolut naturgetreue Abbildungen zu andern Schlüssen führten als die Haeckelschen Schemata; dies ist aber nicht der Fall. Im Laufe der letzten dreißig Jahre sind viele Tausende von Embryonen der verschiedensten Wirbeltiere durch meine Hände gegangen, und ich erkläre, daß sich Haeckels phylogenetische Deduktionen durch absolut naturgetreue Bilder weit besser und überzeugender beweisen ließen als durch seine eigenen Schemata« (Frankfurter Zeitung, 5. März 1909). Erinnern möchte ich jedoch auch noch daran, daß in der bekannten Erklärung der 46 deutschen Biologen (Februar 1909), darin die Angriffe des Keplerbundes und seines Kronzeugen Braß gegen Haeckel »aufs schärfste verurteilt werden«, unmittelbar vor »Karl Rabl-Leipzig« – »Ludwig Plate-Jena« steht ... was eines pikanten Beigeschmacks nicht entbehrt.

*

»Wie man aus diesen Tatsachen«, folgert Plate in seinem »Umschau«-Aufsatz, »den Vorwurf ableiten kann, ich hätte Haeckel ein zehnjähriges ›Martyrium‹ bereitet und ihn zu einem König Lear gemacht, das ist Heilborns Geheimnis«.

Mein Geheimnis dürfte jetzt wohl genügend enthüllt und ein allgemeines geworden sein. Der »Leartragödie« Haeckels fehlte aber noch die Schlußszene, wollte ich nicht Plates Grabrede noch mitteilen, den würdigen Schluß seiner pietätvollen Auslassungen.

»Der Leser wird glauben, daß ich nach diesen unangenehmen persönlichen Erfahrungen kein gutes Haar an Haeckel ließe. Davon bin ich weit entfernt. R. Hertwig schrieb neulich sehr richtig über Haeckel, ›große Männer müssen als ein Ganzes betrachtet und hingenommen werden‹ [das schrieb er freilich in ganz anderm Sinne als hier Plate]. Das ist auch mein Standpunkt. Haeckel hat mich tief in die Falten seines Herzens sehen lassen, und was ich da gesehen habe, war gewiß nicht immer erfreulich. Er war kein Heiliger, und wer jeden Satz und jede Tat von ihm als Ausfluß unfehlbarer Weisheit und Tugend ansieht, der wird schwere Enttäuschungen erleben und nur Haeckels zahlreichen Gegnern die Waffen in die Hand drücken. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Seine Untugenden sind aber nach meiner Überzeugung nur kleine störende Flecke auf einem sonst großartigen färben- und figurenreichen Gemälde. Sie vermögen Haeckels größtes Verdienst, mit beispiellosem Erfolg für die Ausbreitung naturwissenschaftlichen Denkens gewirkt zu haben, nicht zu verdunkeln. Deshalb habe ich auch über Haeckels Verhalten gegen mich, welches die schmerzlichste Enttäuschung meines Lebens bildet, geschwiegen.« – –

Ave, pia anima!

*

Ernst Haeckel starb und lebt und wird noch leben, wenn Plates Name und Werk längst Schall und Rauch sind, wenn von ihm vielleicht nichts mehr übrig ist, als die dunkle Erinnerung an das Martyrium, das er einem Größten der Großen bereitet.

*

Mag ich auch aus irgendwelchen formaljuristischen Gründen wegen Beleidigung Plates verurteilt werden: vor dem Richterstuhl der ganzen Welt wird Plate für alle Ewigkeit gerichtet sein, und durch das Gewinnen des Prozesses gegen mich wird er nur einen traurigen Ruhm gewinnen. Denn nicht für mich führe ich diesen Kampf, sondern um des Gedächtnisses Ernst Haeckels willen, des großen Forschers und edlen Menschen, der so viel Unrecht von Plate erdulden mußte.

.

Ernst Haeckel auf dem Totenbette. (Phot. Bischoff, Jena)

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