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Die Leartragödie Ernst Haeckels

Adolf Heilborn: Die Leartragödie Ernst Haeckels - Kapitel 2
Quellenangabe
authorAdolf Heilborn
titleDie Leartragödie Ernst Haeckels
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Arbeitszimmer Ernst Haeckels im Zoologischen Institut zu Jena (s. a. S. 15)
Phot. G. Friedrich, Leipzig

Apologie als Vorwort

Von der Tragödie eines Großen handelt diese Schrift. Von dem Martyrium des Mannes, dessen Schaffen, wie das kaum eines zweiten unsrer Tage, deutsche Wissenschaft in aller Welt berühmt und hochgeehrt gemacht hat. Der Kampf, den ich hier mit dem Urheber des tragischen Geschickes Haeckels führe, ist gleichsam nur die Kulisse des Dramas. Im Vordergrunde steht die ehrwürdige Gestalt des greisen Forschers und großen, edlen Menschen, dem alle, die ihn wirklich kannten, in herzlicher Bewunderung und Liebe anhängen.

Als ich die Kunde von Haeckels jähem Scheiden erhielt, schrieb ich dem Lehrer und Freunde ein Wort des Abschieds. Ich schrieb es in der Nacht des Todestages, ich schrieb es in der herzlichen Verehrung, die ich seit mehr als einem Menschenalter für ihn hatte. Es ward mir unter der Feder zur bittren Anklage Plates, der Haeckel das letzte Lebensjahrzehnt zu beispiellosem Martyrium gestaltet hat. Acht Tage später erst erschien mein Nachruf im »Berliner Tageblatt« (17. August 1920), und er entfesselte einen wahren Sturm der Entrüstung gegen Plate.

Einen vollen Monat darauf, am 19. September, erhielt ich nachstehendes Schreiben aus Jena:

»Sehr geehrter Herr Doktor! Sie haben mich im ›Berliner Tageblatt‹ in so beleidigender Weise angegriffen, daß Ihre Vorwürfe entweder öffentlich von Ihnen zurückgenommen werden oder vor dem Strafrichter zur Sprache kommen müssen. Sie sind vollständig falsch unterrichtet und hätten, ehe Sie den Versuch machten, mich in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, den Grundsatz audiatur et altera pars berücksichtigen sollen. Prof. H. Schmidt, der ganz ähnliche Vorwürfe gegen mich erhoben hatte, hat diese jetzt vollständig zurückgenommen. Wenn Sie sich nun hierher bemühen wollen, so bin ich bereit, Ihnen einen Einblick in die Verhandlungen zu gewähren, die vor dem Universitätskurator zwischen Haeckel und mir stattgefunden haben, und die damit endeten, daß Haeckel sein Unrecht zugab und dasselbe wieder gutzumachen versprach. Ich war zu diesem Vorgehen als Direktor des Zoologischen Instituts direkt verpflichtet, was auch von dem Universitätskurator anerkannt wird. Wenn Haeckel darüber Ärger empfunden hat, so war er selbst daran schuld. Ich selbst möchte einen Prozeß gern vermeiden, weil man dadurch unnötig Zeit verliert und weil dadurch das Ansehen Haeckels sehr leiden wird; denn ich bin dann gezwungen, alle die Verfehlungen Haeckels rücksichtslos aufzudecken. Dann aber sind die Gegner der Entwicklungslehre die Tertii gaudentes. Brieflich läßt sich diese Angelegenheit nicht aus der Welt bringen. Sie müßten sich schon hierher bemühen, daß ich Sie vollständig aufklären kann. Sollten Sie es vorziehen, bis Ende dieses Monats auf dieses Schreiben nicht zu antworten, so wird die Klage gegen Sie beim hiesigen Strafgericht eingeleitet. Nach Rücksprache mit drei Rechtsanwälten bin ich sicher, daß Ihr Angriff einen beleidigenden Charakter hat, die Klage also nicht zurückgewiesen werden kann.

Hochachtungsvoll
gez. Prof. L. Plate.«

»Haeckel war selbst daran schuld«, »Haeckels Ansehen wird dadurch sehr leiden«, »Ich bin dann gezwungen, alle die Verfehlungen Haeckels rücksichtslos aufzudecken«, und »Nach Rücksprache mit drei Rechtsanwälten« ... So so ...

Ich ließ mir Zeit – nein, ich will's lieber ehrlich heraussagen: ich ließ ihm Zeit, die Sache nochmals zu erwägen. Was ich erwartete, geschah nicht. Er bestand also auf seinem Verlangen (mußte schließlich – das sehe ich heute ein – auch wohl darauf bestehen), und da er bis zu der mir von ihm gestellten Frist sich's nicht besser überlegt hatte, schrieb ich ihm am 29. September, ich wäre leider nicht in der Lage, die gewünschte Erklärung abzugeben. Nach Jena zu kommen, wäre nur Zeitvergeudung gewesen, da ich die Akten der Verhandlungen vor dem Herrn Universitätskurator zur Verfügung hätte. Ich sei der Ansicht, das in meinen Händen befindliche Material reiche völlig aus, urbi et orbi zu beweisen, wie tief sich Haeckel verletzt fühlen mußte. Auf das Andenken Haeckels sei bereits unverdienter Makel gefallen; diesen zu tilgen, würde ich alles daran setzen, daß unser Streit gegebenenfalls in breitester Öffentlichkeit verhandelt werde.

Ende Oktober ging mir durch das Amtsgericht in Jena die Klage zu. Plate sorgte dafür, daß die Presse von dieser Tatsache Kenntnis nahm, und so sah ich mich gezwungen, zu meiner Verteidigung einige Briefe Haeckels in der »Vossischen Zeitung« (21. Dezember 1919) zu veröffentlichen. Er antwortete dort und in der »Umschau« (6. Januar 1920) mit einem Aufsatz voll so unerhörter Schmähungen des Gedächtnisses seines einstigen Lehrers, daß es mir nunmehr an der Zeit erscheint, der ganzen Welt zu zeigen, wie recht ich hatte, Plate des krassesten Undanks gegen Haeckel zu zeihen und ihm vorzuhalten, er habe den Lebensabend des genialen Forschers zu einer wahren Leartragödie gestaltet.

Es sind bisher unveröffentlichte Briefe und handschriftliche Aufzeichnungen Haeckels, sowie offizielle Akten, auf die sich meine Darstellung im wesentlichen stützt. Für Überlassung wertvollen Beweismaterials bin ich manchem Freunde Haeckels zu aufrichtigem Dank verpflichtet.

Wenn der Stil meiner Anklage Herrn Plate nicht immer gefallen sollte, so möge er bedenken, daß ich ja mit der Waffe kämpfen muß, die er mir aufgezwungen hat.

Friedenau-Berlin, am 5. März 1920.
Dr. Adolf Heilborn.

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