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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Herr Franz.

Er war Prokurist, Geschäftsführer und Austräger der Holz- und Kohlenfirma Ignaz Janitschek.

Den Inhaber sah man nie. Er war ein schwerkranker Mann, der die Geschäftsführung schon seit vielen Jahren auf Treu und Glauben dem Herrn Franz überließ. In dessen Abschied von Hoch und Spleni stand: Franz Simetsberger, Korporal – und daß er treu und ehrlich gedient habe; das »tapfer« war ausgestrichen, weil zur Zeit, als der Herr Franz die »Gluft« der Wiener Edelknaben trug, im alten Kaiserstaate tiefster Frieden herrschte.

Im nichtuniformierten Veteranenverein von Hoch- und Deutschmeister war der Herr Franz Kassier der Zahlstelle im Bezirke. Zu Kaisers Geburtstag oder wenn ein »alter Kriegskamerad« zu begraben war, sah man den Herrn Franz im schwarzen Gehrock ausrücken, die »Glanzbuttn« auf dem Haupte, mit würdevoller Fassung und seines Eindruckes vollbewußt, von den Großen ernst, aber wohlwollend gegrüßt, von den Kindern ehrfurchtsvoll gemieden, von allen dienenden 35 Geistern weiblichen Geschlechtes aber mit schier lüsternen Blicken verfolgt.

»Man glaubt gar net, was der Herr Franz für a fescher Mann sein kann . . .«, sagte bei solcher Gelegenheit einmal die Pepi vom Achterhaus, was jedoch Frau Wotruba zu einer abfälligen Bemerkung über das Innenleben der Pepi im besonderen und der Dienstmädchen im allgemeinen veranlaßte: »Der Trampl glaubt aa, daß er no Kohlenhandlerin wird – – überhaupt dö Madln von heutzutag! wia narrisch san s' hinter an jedn Stückl Mannsbild her . . .«

Untertags lehnte der Herr Franz gewöhnlich am Türpfosten seines Ladens neben dem großen Schilde, auf dem ein brauner, klobnasiger Gnom eine gelbe Butte mit schwarzen Kohlen einen grünen Berg hinantrug. Da hatte der Herr Franz die Hemdärmeln aufgekrämpelt, einen blauen Schurz seitwärts aufgebunden, schmauchte eine »Wetschina« und grüßte die Vorbeigehenden in wohlberechneten Abstufungen: Geschäftsleute selbstbewußt auf gleich und gleich, Parteien, die einen Dienstboten hielten, mit einem werbenden »X'dhand«, solche, die zwei Dienstboten hielten, mit einem achtungsvollen »D'jehre«, ältere Dienstboten mit freundlichem »Servus« und jüngere schalkhaft fragend: »Na, wie geht 's denn, Schneckerl, was macht denn 's Herzerl?«

War eine Bestellung zu besorgen, sperrte der Herr Franz den Laden ab, schulterte mit leichtem Schwunge die Butte Kohlen auf eine Achsel und ging damit so leicht wie ein anderer mit umgehängtem Überzieher.

Die Pepi vom Achterhaus, der er so die Kohlen zutrug, äußerte darüber einmal ihre helle Bewunderung: »Jessas, Herr Franz, Sie sind aber stark . . .!« »Ja, Fräuln 36 Peperl, i bin halt a muschkulatöser Mensch, da is no a Irxenschmalz da, ka Papp in die Baner – i bin no allerweil da beim da sein – war ma lad, wann i dös Butterl Kohln net auf aner Achsl tragn kunnt – da können Sö Ihna no draufsetzen und i hab no allerweil a Hand frei . . .« und die freie Hand liebkoste die runden Reize der Köchin, deren leichter Abwehrschlag in einem schmeichelnden Streicheln auf dem Bizeps des Herrn Franz endete.

So spendete er und empfing Liebe und das zurückhaltendste Urteil über ihn in diesen Klassen der dienenden Menschheit lautete: »Er is a recht a netter Mann!«

Er genoß auch anderer Dinge wegen ein großes Ansehen in der Lamplgasse: er wußte nämlich alles, was in dieser vorging. Sein Kohlenladen war die einzig berechtigte Nachrichtenstelle, wo jedes Vorkommnis sein gehöriges Echo und seine weitreichende Verbreitung fand. »I, der i do in alle Häuser kumm . . .«, war die ständige Bekräftigung einer von Herrn Franz verkündeten Neuigkeit, falls diese mit zweifelndem Staunen aufgenommen wurde, was allerdings nur zumeist bei Neulingen vorkam.

Der Herr Franz galt auch als Autorität in politischen Dingen; das einschlägige Wissen schöpfte er aus einer großen Tageszeitung, die er als Zweitabnehmer allerdings immer erst einen Tag später aus einem Kaffeehause bezog, die dafür 37 aber den Vorzug einer Reichhaltigkeit und Ausführlichkeit hatte, die die Zweikreuzerzeitung nicht bieten konnte, die sonst in der Lamplgasse das Licht der Aufklärung verbreitete. Es gab keine Aufgabe, an die sich der Herr Franz nicht heranwagte. Die Balkanfrage löste er gleichsam aus dem Handgelenk, nicht minder leicht die österreichischen Schwierigkeiten. »I, wann i was z' redn hätt, i wussat ma die G'schicht schon z' richtn – i machert bald a Urdnung . . .«

Nach Ladenschluß ging er gewöhnlich in ein »Beisl« – »auf a Klanigkeit«, die nach einigen widersprechenden Angaben von Frau Wotruba einmal berichtsmäßig festgestellt wurde: »Da frißt 'r z'erscht a Gollasch, dann a Stelzn, zwa Paar Hasse mit Saft und sauft vier Krüagl Fensterschwitz und drei Viertel G'spritzte – aber ma siecht wenigstens, wo 's bei dem hinkummt, so an ausgfressanan Kohlnhandler gibt 's net amal auf da Mariahilferstraßn – i möcht den net in da Kost habn.«

Auch beim Binageln stellte der Herr Franz seinen Mann, aber gerade dieser Leidenschaft wegen geriet er in den Jour der Frau Hammerer. Da gab es einmal beim »englischen Gruß« über eine unklare Spielregel eine scharfe Auseinandersetzung, wobei der Herr Franz in der Minderheit blieb; verdrossen ging er aus der Runde und den noch ausständigen Teil des Abendtrunkes holte er sich im Greislerladen, wo just die Frau Direktorin ahnungslos den Keim zu den späteren Zusammenkünften legte.

An manchem Sommersonntag putzte sich der Herr Franz besonders heraus und machte Ausflüge in Gegenden, wo auf sanften, sonnigen Hügeln die Reben grünen und ein guter Tropfen fließt. Am Montag sah er dann mitunter recht blaß 38 aus und goß ein Krügel Wasser nach dem andern hinab, was dann von Frau Wotruba nach ihrer Art ausgelegt wurde: »Der muaß gestern wieda an urndlichn Hieb dawischt habn, der kann sein Brand net d'rlöschn – ausschaun tuat a wia-r-a g'schbiems Äpflkoch – – schau Dir 'n nur an, Wotruba, daß D' siehgst, wia-r-a B'suff ausschaut, und dank Dein Herrgott, daß D' a Weib hast, was auf Di schaut . . !«

Im schönen Gleichmaß floß so der Tage Lauf für den Herrn Franz dahin, als ihm mit einem Male ein gewaltiger Gegenpart in Herrn Janko Simonics erwuchs, der an dem gewissen Montag seinen Einzug als Zimmerherr bei Frau Hammerer hielt.

 

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