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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Frau Direktorin und die Fräuln Tini.

Die Frau Direktorin war lange das Rätsel der Lamplgasse. Man wußte nicht, woher sie kam, wes Art und Stammes sie war, man wußte nur, daß auf dem Meldezettel Helene Weghofer stand und unter der Rubrik »Charakter« die geheimnisvolle Angabe: Direktorsgattin. Das Geburtsjahr war nach Angabe der Hausmeisterin in »vergratschten Ziffern« angegeben, die jedem Auflösungsversuche widerstanden. Auch über ihr Körpermaß waren verschiedene Schätzungen im Umlaufe. So meinte der Herr Franz: »Dö lange Heugeign braucht ja a Lata, wann sa-si schneuzen will« – und der Papp-Schani behauptete: »Wann dö am Eck von der Lamplgassn niedafallt, fahrt ihr am andern Eck d'r Gfrornemann übern Schädl.« Das »alte Gfrieß« hingegen äußerte die bestimmte Überzeugung: »Dö kann in Schönbrunn ana jedn Schiraffn a Bußl gebn und muaß si dabei vielleicht no buckn.«

Frau Hammerer war eines Tages nicht schlecht erschrocken und schilderte das Begebnis einem lautlos horchenden Kundenkreise: »Auf amal läut's – i schau auf und bei d'r Tür kummt a Kopf eina, dann lang nix und erscht wia da Kopf 30 scho ganz bei mir war, kummt a 's Hintergstell nach – – und dann hat s' grad stehn wolln, aber i hab glei gschrian: Jessas, die Lampn! sunst hätt s' ma dö mit 'n Schädl owaghaut – – aber so is a recht a liabe Person – – a Direktorin is s' . . .«

»Ja, von was denn?« fragte die Wetti, die nachher zu Engel in den Dienst kam.

»Ja, das kann i Ihna net sagn – mein Gott, es gibt do so viele Sachn, von dö ma Direktorin sein kann . . .«

Aber die Begier, das Rätsel zu lösen, bohrte von nun an doch in Frau Hammerers weitläufigem Busen. So wendete sie sich einmal an das zuständige Orakel: »Sagn S' ma nur, Herr Franz, von was kann s' denn Direktorin sein?«

»No, vielleicht von an Flohzirkus . . .«

»Aber gengan S', redn S' gscheit – i will s' selber net fragn, denn das schauat ja aus, als ob ma gar so neugiri war – aber i hab glaubt, Sö werdn 's vielleicht wissn – Sö wissn ja sunst alles . . .«

»Was geht mi dö Gaslatern an mitsamt ihrn Kruzn von ana Freindin – – wer waß, wo dö Direktorin war oda no is, vielleicht von der Gsellschaft, dö 'n Stefansturm reibn muaß . . .«

Dann aber begab es sich, daß die Frau Direktorin von selbst einen Zipfel des Schleiers hob, indem sie zu Frau Hammerer einmal gesprächsweise erwähnte, daß ihr Mann Theaterdirektor sei.

»Ja gengan S', der Herr Gemahl lebt no? Daß ma 'hn aber gar nie siecht . . .«

»Ja, mein Mann hat ein Theater in Deutschland, da kann er nicht weg . . .«

31 »Aber, aber, da muaß Ihna do oft recht bang sein – so weit weg vom Mann – – – i waß, wia dös is, i bin scho fünf Jahr Witwe! – – – Und Sie besuchen den Herrn Gemahl gar nicht?«

»Ach Gott, ich kann nicht mehr reisen, ich bin schon so viel gereist in mein' Leben, ich hab es satt.«

»Ja, ja, dös glaub i gern, i möcht a net in da Welt umaradln! – Aber könnten S' net beim Herrn Gemahl wohnen?«

»Gewiß, aber ich vertrag das ausländische Klima nicht – – – Haben Sie mir schon das Viertelkilo Reis eingepackt? Schön, auf Wiedersehn . . .«

Bevor die Türe des Greislerladens noch dreimal auf- und zugegangen war, wußte es die ganze Lamplgasse: »A Theatadirektorin is s'! Ihr Mann hat a Theata, er schickt ihr 's Geld eina, denn sie kann das auswendige Klima net vatragn!«

Frau Wotruba schüttelte den Kopf: »Dös is a schlampate Wirtschaft, d'r Mann durt und 's Weib da, dös gfallt ma gar net – – – aber a Theatergredl is, dös siecht und hört ma ihr an, dö red't schon manchmal urndli gschwolln daher – – aber daß d'r Mann so lang weg is und si um sei Frau gar net umschaut, da is was dahinter, der wird schon sei Gspusi wo anders habn – i bitt Ihna, beim Theata!«

Frau Hammerer jedoch ließ über die Frau Direktorin als Gründerin ihres Jours nichts kommen.

Ein wunderbarer Zauber ging von der Langen aus. Sie erzählte von ihren Reisen, vom Theater und daß sie selber auch Schauspielerin gewesen. Ausgespannte Pferde, ungeheure 32 Triumphe, Beifallsstürme, Blumenregen, üppige Gastgelage, rauschende Feste, Offiziere, Gutsbesitzer, Barone, Grafen, Zweikämpfe . . . das alles blühte in schwüler Pracht zwischen Flaschenbier, Salami, Cervelat und Knackwürsten vor heiß erregten Zuhörern auf. Manche Geschichte mußte drei- und mehrmals wiederholt werden, »weil sie gar so schön und intressant is, wia a Roman im Extrablatt«.

Von der Frau Direktorin unzertrennlich war das Fräulein Tini.

»Meine Gesellschafterin und liebe Freundin«, sagte die Lange, aber der Herr Franz meinte nachher:

»A schöne Gsellschafterin, dö kochn und owaschn und a Bummerl machn muaß.«

Auch den Größenunterschied der beiden Frauen versuchte der Herr Franz zu kennzeichnen: »Dö klane Bunkerte geht dera Telegrafenstangen grad bis zum Mag'n, was dö ane z' lang is, is dö andere z' brat – – wann dö zwa nebn ananda gengan, glaubt ma, d'r an hängt d'r Sack aus, und der Kruz kann net gnua zwozln, daß er dera Himmelslata 33 nachkumma kann – drum hängen sa-si aa allaweil z'samm, daß kans in Valur geht . . .«

Sie gingen nämlich immer so, daß die Frau Direktorin ihren Arm um den Hals der Freundin und diese den ihren um der anderen Hüfte legte. So sah man sie immer schreiten, die Lange wiegend, die Kleine hopsend, beide aber immer freundlich lächelnd und gern mit Kindern plaudernd. Sie waren unzertrennlich und nur ab und zu war die Kleine einen Tag lang nicht zu sehen. Niemand wußte warum und die Frau Direktorin sagte nur: »Meine Freundin ist heute in die Stadt gegangen . . .«

Wenn einer aus der Lamplgasse einmal in die Stadt ging, war das immer ein großes Ereignis – ging aber jemand gar jeden Monat einmal hinein, dann war das schon beinahe ein Zeichen von Vornehmheit. Die »Stadt« ist eine ganz andere Welt, zu der die Leute aus der Lamplgasse die Brücke nur in scheuer Andacht suchen.

Selbst der Herr Franz ließ sich immer rasieren und zog seine »Sonntagsschäler« an, wenn er in die Stadt mußte, und der war gewiß kein Freund von Feierwesen und Umständlichkeit.

Nur eine wußte um das Geheimnis, aber sie schwieg zeitlebens; dieser Sonderfall im weiblichen Seelenleben betraf Frau Klempa, die Blumenmacherische. Die war eines Tages im »Dorotheum«, just beim dichtbesetzten Schalter des Versatzamtes unversehens an das kleine Fräulein gedrängt worden. In schreckvoller Verlegenheit hatten sich die beiden angeblickt, aber wie in blitzschnellem Übereinkommen fremd getan, und so zwang die beiderseitige »Schmach« sie zu unverbrüchlicher Wahrung des gemeinsamen Geheimnisses. 34

 

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