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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schurl.

»I glaub net, daß 's im ganzn Bezirk an Hund gibt, der da net dabei war«, sagte der Herr Franz, als in bezug auf Schurl die Rassenfrage aufgeworfen wurde.

Goethe sagt: Jeder Mensch ist die Summe seiner Vorfahren – der Schurl ist es auch, er ist sogar eine sehr leicht erkennbare Summe von Pintscher, Pudel, Dackel und Foxel, nicht nur der Art, sondern auch dem Wesen nach.

Als braunen, wolligen Haarknäuel bekam ihn einmal eine alte, verhutzelte Französisch-Lehrerin von einem ihrer Schüler zum Geschenk und die hinterließ ihn der Trafikantin, als sie eine feste Stelle bei einem kleinen Gutsbesitzer in Ungarn bekam.

»Bon jour« hatte sie den Liebling genannt, aber die schwerhörige Trafikantin verstand nur das »jour« und wandelte dies in das zungenvertrautere Schurl, hütete aber den Pflegling mit liebevoller Sorgfalt. Ihrer Taubheit wegen blieb ihr viel Leid um Schurl erspart. Sie hörte sein klagendes Heulen nicht, wenn eine Rotte Korah hinter ihm her war, wenn ihn der Herr Franz mit dröhnendem Getrampel vom Holzbündel vor der Kohlenhandlung jagte oder wenn Frau Hammerer ihn mit schallendem Händeklatschen vom 20 Heringsfaß vertrieb, zu dem es ihn in unstillbarer Sehnsucht immer wieder hinzog.

Mit hellem Gekläffe schoß er aus der Trafik, wenn ihn die »Spangerltant« mit freundlichem Wohlwollen aufforderte: »Schön äußerln gehn, bravs Hunderl sein« – raste etliche Male die Gasse auf und ab, bevor er ein ruhiges Plätzchen fand und der Natur ihr Recht lassen konnte.

Trotz aller wiederholt erlebten Unbill zog es den Schurl dennoch stets mächtig zu den Kindern hin, er bellte, quiekte und quäkte in ihre Spiele hinein und stob hundertmal mit Mark und Bein durchdringendem Geheul davon, wenn er eine schroffe Abfuhr erlitt. Er belferte jedem Wagen und Radfahrer nach, war jedem Rauchfangkehrer und Rastelbinder kläffend an den Fersen und erheiterte die Jungmannschaft der Lamplgasse mitunter durch ein drolliges Schlittenfahren. Er war der Schrecken aller Werkelmänner, zu deren Darbietungen er aus voller Hundeseele heißfühlend und andauernd mitsang.

Er war der Hund der Lamplgasse und lebte alle ihre Freuden stets hoffnungsfroh und doch immer wieder rauh gestört und leidvoll mit. 21

 

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