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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Ibsen.

Das war natürlich nicht der nordische Dichter, sondern ein etwa zwölfjähriger Junge, dem jedoch die gelben Haare in derselben Art wie dem großen Norweger auf- und wegstanden, außerdem trug der Kleine auch noch Augengläser und war der Sohn der Frau Radlinger, der Hausfrau vom Zwölferhause.

Den literarischen Decknamen hatte ihm die Frau Direktorin gegeben und der Herr Franz hatte lebhaft zugestimmt: »Jawol, das is der richtige Nam für den tepperten 16 Strohschädl, der is halt ja a Ibsen«, wobei er sicher nicht in mißbilligender Weise an den ihm unbekannten Verfasser von Peer Gynt dachte, sondern eher an eine Lautverwandtschaft mit »Mapsen«, ein Fachausdruck, der ebenfalls eine ungewöhnliche Kopfbildung bezeichnet.

Immerhin war der Radlinger Dolfi ein ganz merkwürdiges Kind, wenigstens nach der Ansicht seiner Lehrer. Der außerordentlichen Gründlichkeit, die der Junge zum Erfassen des gesetzlich vorgeschriebenen Lehrstoffes verwendete, standen sie machtlos gegenüber. Der Dolfi war eine durch und durch seßhafte Natur, daher kam er auch vier Jahre lang aus der ersten Klasse nicht heraus.

Frau Radlinger faßte diese Tatsache nach ihrer Art auf: »Mein Gott, der arme Bub braucht halt eine andere Behandlung als die andern Kinder, alle Kinder sind halt nicht gleich, aber das sehn die Herrn Lehrer nicht ein und sind gleich da mit ihrem »zurückgeblieben« – möcht wissen, warum mein Dolfi zurückgeblieben sein soll, er ist doch ein so gutes Kind – – ich werd den Buben aus der Schul herausnehmen und ihn in eine Anstalt geben . . .«

17 Bald ging es wie ein Lauffeuer durch die Lamplgasse. Die Schulbuben riefen es sich zu: »Habts es schon ghört? D'r Großvater von der erstn Klass' kummt weg!«

Der Herr Franz sagte: »No also, jetzt kummt d'r Ibsn in a Teppnschul.«

In der Anstalt bekam der Radlinger auch die Augengläser und die Mutter war selig. »Wie ein junger Doktor schaut er aus, ich hab ja gwußt, in dem Buben steckt was, nur die hopertatschigen Herrn Lehrer habn's nicht glaubt . . .«

Als der Ibsen das erstemal mit den Augengläsern in der Lamplgasse gesehen wurde, war das Staunen groß. Bei der Greislerin wurde einen ganzen Nachmittag darüber gesprochen.

»Was ma heutzutag alles erlebt! In an halbn Jahr is der Bua scho so gscheit, daß 'r Augengläser tragn muaß!«

Der Herr Franz aber sagte: »Hiatzt schaut 'r aus wia-r-a Uhudl – hiatzt wird ma bald kan Spatzn mehr in d'r Gassn sehgn.«

Später einmal wispelte Frau Wotruba der Greislerin ins Ohr: »Zum scheangln hat 'r angfangt, drum habn s' ihm d' Augngläser aufgsetzt, was dö Gnauschn deßwegn alles mit dem Buam treibt, dös is scho aus der Weis'! A so a z'sammpatzter Semmelschmarrn von an Buam! I war totunglückli, wann ans von meine Kinder Augngläser tragn müassat . . .«, wobei sich die Greislerin im Stillen dachte: »Dö schauatn aber aa guat aus, d'r Papp-Schani, das alte Gfrieß und d'r Menzl mit Augngläser!«, aber laut sagte sie: »Na halt ja!«

Was man aber auch alles über ihn sagen mochte, das eine stand doch fest: der Ibsen war ein Meister auf der 18 Ziehharmonika. Da entwickelte er eine schier unheimliche Begabung, er spielte alles nach dem Gehör und zeigte außerdem auch in seiner Kunst jene gewaltige Ausdauer, die den Grundzug seines Wesens bildete. Das mußte auch der Herr Franz anerkennen: »Alles, was recht is, wia der Bua auf'n Maurerklavier spielt, das is schon a Genuß.«

Hat der Ibsen Ferien, dann ist er von Menzel unzertrennlich. Da stehen die beiden seltsamen Freunde vor dem Tore des Zwölferhauses, Menzel mit dem Zeigefinger in der Nase, ernst und schweigsam, Ibsen mit vorgerecktem Kopfe, unheimlich mit den Brillen funkelnd. Und jetzt geschieht, auf was sie still und beharrlich gewartet. Ein Dienstmädchen kommt des Weges und denkt an gar nichts, bleibt traumbefangen vor dem Zwölferhause stehen und schaut leeren Blickes die Mauer hinauf. Allsogleich ertönt es zweistimmig: »Schaun S', daß weita kumma! Bleibn S' vor Ihnan Haus stehn, net vor unsan! Da gibts gar nix z'schaun!«

Die beiden ungleichen Hüter des Zwölferhauses haben sich auch noch einen anderen Lebenszweck gesetzt. Wenn der Schurl mit hellem Gekläffe der Trafik entweicht, dann ziehen sich der Menzel und der Ibsen hinter einen Torflügel zurück. Trotz häufiger Witzigung kann Schurl dem Drange nach einem der beiden Prellsteine des Zwölferhauses nicht widerstehen, 19 streicht wohl geraume Zeit leise winselnd davor auf und ab, schließlich aber wagt er doch den Satz, hebt freudvoll ein Hinterbein – aber da fahren die Lauernden pfauchend und zischend aus ihrem Versteck und Schurl stiebt mit Quieken und Heulen davon, belfert aus wohl abgeschätzter Entfernung noch lange auf die beiden hin, bis er endlich ein ungefährdetes Plätzchen findet.

 

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