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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Tag des Gerichts.

Sanftbeizender Mischduft von Tabakrauch, W. C. und Angstschweiß, aus allen Winkeln halbdunkler Gänge dräuende Ungewißheit, stumpfes Herumsitzen verschiedener Volksschichten beiderlei Geschlechtes, die scheu, trotzig, angstvoll oder fiebrig zuversichtlich auf mißfarbige Türen blicken, einschüchternde Aufschriften in kraxigen Lateinbuchstaben, bewußt talentlos hingemalt, flüsterndes Raunen, an- und abschwellendes Murmeln, unerklärliches Hin und Her verbrauchter Uniformen, schreckendes Aufreißen von Türen, mächtig gellende Namensaufrufe, hie und da ein priesterlich wallender Talar, umwoben vom leisen Wohlgeruch nach heißen Würsteln oder zwiebelscharfem Gulaschsaft, über allem ein zu demütigem Verzichten zwingender Bann hoch über Menschlichem stehender Gewalten – – – das ist der Hort des Rechtes, das nicht mit uns geboren – – mit einem Worte: das k. k. Bezirksgericht!


Da saßen auf schmaler Bank Herr Simonics in ernstem Schwarz, die Gattin im zweckgemäß geänderten Silbergrauen, er düster, sie ergeben duldend.

Auch der Herr Franz war da und die Frau Klempa, sie waren samt dem Ehepaare Simonics als Zeugen in der Streitsache Radlinger contra Wotruba vorgeladen und sahen nun mit scharf geteiltem Fühlen dem großen Geschehen entgegen, zu dessen Klärung sie vor den Richterstuhl beschieden worden.

Es waren noch etliche da aus der Lamplgasse, hergetrieben von derselben grausamen Begier, die einst ihre Vorfahren 133 zu den Hinrichtungen bei der Spinnerin am Kreuz hinauszwang.

»Dera altn Schuastazangen vargunnat i 's, wann s' auf a paar Monat eingingat . . .«

»Wann s' dann im Tschumper sitzt, wachst ihr dar Keplzahnd eh bis in d' Oberliachtn . . .«

»D' Aufsag habn s' aa schon kriagt, im August müassn s' ausziagn . . .«

»Eigentli hat die blade Hammerer die ganze Soß aufgrührt – dö wird aa nix z' lachn habn, dö kann bei der Gschicht no gsund eingehn . . .«

»Mir tuat nur er lad; der stille Böhm hat ka Fliagn beleidigt, jetzt muaß er aus seiner Werkstatt außi, dös is wohl hart . . .«

»A was, warum is er so a Mamlaß und hat si sein Drachn net urndli dressiert, mei Alte sollt ma a so kumma, dera lernat i tanzn auf tausend . . .«

»Was nur i dabei z' tuan hab, i waß do von gar nix, i hab mi mei Lebtag mit kan Tratsch abgebn«, murrte der Herr Franz und Frau Klempa konnte vor Herzklopfen nur stottern: »So was – jetzt habn s' – jetzt habn s' mi a einizahrt – i waß no weniger – i war in mein Lebn – in mein Lebn war i net – war i no bei kan Gricht net – – –«


»Uijessas, die Schuastazangen!«

In den Lichtschein des mäßig erweiterten Warteraumes trat nun Frau Aloisia Wotruba, das Haupt mit dem schwarzen Strohhute hoch erhoben, der schiefe Zahn wie in machtvoller Abwehr grausam drohend. Hinter ihr, geduckt, 134 aber qualvoll freundlich grinsend, schlich der stille Böhm, ängstlich bestrebt, den knappen Anschluß an die Gebieterin nicht zu verlieren. Deren harter Blick glitt gleichgültig über Fremde, unmutvoll über Feinde, kaltgnädig über Freunde.

»Da kumm her, Wotruba, mir stelln uns daher . . .« und sie wählte einen Standpunkt abseits von Freund und Feind, aber übersichtlich und rückenfrei.

»Durt sitzt den Herr Franz und die Frau Direkta . . .«, flüsterte Herr Wotruba, frohbewegt ob der Möglichkeit, damit die quälende Starrheit der Absonderung einigermaßen mildern zu können.

Die allbereite scharfe Abweisung würgte die Gattin noch im letzten Augenblick mit einem nickenden Ruck des Hauptes hinunter, denn im gleichen Herzschlag trat nun Frau Radlinger in ihren Gesichtskreis. Ganz würdevolle Zurückhaltung und stilles Duldertum, schritt sie an der Seite eines Herrn in schwarzem Rocke, mit einer mächtigen Aktentasche unter dem Arme, die weit ausladende Nase von einem in dickes Schwarzhorn gefaßten rundglasigen Zwicker gekrönt, hinter dem unruhige Augen in lauerndem Suchen beständig hin und her zuckten. Der Mann blieb stehen, schnob durch die mächtige Nase, ließ die Schwarzaugen einen Kreislauf machen und zog sich dann mit Frau Radlinger ganz ans Ende des Ganges zurück.

Alle aus der Lamplgasse standen noch unter dem Eindruck dieser Erscheinung, als auf einmal ein erstauntes Flüstern durch die Reihen glitt: »Da schauts her, – d'r Baumerl! – was will denn der da . . .?«

Scheu und mürrisch, eine starke Erregung nur mühsam bändigend, schob sich der Baumerl an der Mauer hin in 135 eine Ecke. Heute zierte kein langstieliges Blümlein den verschossenen Hut und der pfeifenlose Mund blies in unbezwingbarer Gewohnheit von Zeit zu Zeit eingebildete Rauchwolken vor sich hin.

Drinnen im Verhandlungszimmer Nummer acht schloß Bezirksrichter Dr. Katzenbeißer die Verhandlung gegen Josef Seebald, zu drei Tagen strengen Arrestes verurteilt wegen Diebstahls eines von einem Wagen gefallenen, das Gewicht von drei Kilo überschreitenden Stückes Kohle, was den Verurteilten zu einem mißbilligenden Kopfschütteln und der mehr erstaunten als abwehrenden Äußerung veranlaßte: »Wegn so an Stückerl Kohln glei drei Täg!« Der Richter faßte das jedoch als Erklärung der Strafannahme auf und sagte noch freundlich warnend: »Also net vergessen und herkommen!«

Dann wühlte er sich in seinen Richterstuhl, zog die Talarärmeln nach vorne, sah scharf in ein Aktenstück und sagte: »Adele Radlinger – Aloisia Wotruba!« Der Justizsoldat bei der Türe schob lässig die rechte Ferse an die linke, riß die Tür auf und gellte hinaus: »Aloisia Radlinger – Adele Wotruba!«

Nun zogen sie ein; Frau Radlinger mit dem Schwarzgelockten, Frau Wotruba mit dem dichtauf folgenden Gemahl, den jedoch der Justizsoldat sofort rauh am Arm ergriff: »Sind Sie die Aloisia Radlinger oder die Adele Wotruba – han? – no also, dann gengan S' nur glei wieder außi und warten S', bis i Ihna ruaf – – Zeugen draußt bleibn!«

Nur Zuhörer durften vorläufig hinein und da saßen denn die Leute aus der Lamplgasse und freuten sich mit heimlichen Schauern auf das Walten der blinden Göttin.

136 Der Herr mit der Aktentasche hatte sich als Dr. Siegmund Feuergold, Hof- und Gerichtsadvokat, Klageanwalt der Frau Adele Radlinger ausgewiesen und bezog den Platz hinter dem Anklägerpult, vor dem sich nun auch Frau Radlinger in ernster Fassung niederließ.

Hochaufgerichtet und selbstbewußt stand aber Aloisia Wotruba vor ihrem irdischen Richter, der verblüfft den schiefen Zahn bewunderte und dann freundlich zum Klageanwalt hinüber fragte: »Ist kein Ausgleich möglich?«

137 Da schoß der Anwalt in die Höhe, die Rechte und die Linke beschrieben fortwährend abweisende Halbbögen und unter der großen Nase kam es machtvoll hervor: »Hohes Gericht! Meine Klientin ist beleidigt geworden mit so starker Macht, ist getroffen geworden in den heiligsten Gefühlen als Frau und als Mutter, daß soll die ganze Schwere des Gesetzes eintreten auf die Angeklagte!«

Der Richter dachte: »Die mit dem Zahn schaut auch nicht danach aus, als ob sie gern abbitten würde«, lehnte sich zurück und »ging in die Verhandlung ein«.

»Also, gebn Sie zu, Frau Wotipka . . .«

»Wotruba mein Name . . .«

Ein leichtes Stirnrunzeln, dann wieder freundlich: ». . . also gebn Sie zu, daß Sie die Frau Radlinger beleidigt habn?«

Stolz kam die Antwort: »I hab nur gsagt, was wahr is!«

Dr. Feuergold rollt die Augen und hebt beschwörend die Linke zum Richter. Der winkt ab und sieht in das Aktenstück vor sich: »Sie sollen gesagt haben: jetzt weiß man, wo der Sohn der Frau Radlinger die Haare her hat, und daß der Herr Radlinger davon nichts gewußt hat, daß er hat hineinspringen müssen – – Sie, Frau Wozelka . . .«

»Wotruba mein Name.«

»Sagen Sie mir einmal, was haben Sie denn damit gemeint mit dem Hineinspringen von dem Radlinger?«

»I hab gar nix gmeint, als was wahr is, das siecht a klans Kind, daß der Ibsen die Haar vom Barteten hat . . .«

Frau Radlinger fährt sich mit der Rechten ans Herz, Dr. Feuergold springt auf und läßt beide Hände kreisen: »Hohes Gericht! Ich bitte um den Schutz für meine Klientin, 138 es sollen nicht werden wiederholt die Beschimpfungen und Schmähungen . . .«

»Lassen S' das nur mir über, Herr Doktor! – Also Sie wollen damit sagen, daß die Frau Radlinger ein Verhältnis gehabt hat und dann den Herrn Radlinger geheiratet hat, weil – – – –?«

»Jawohl, das hab i sagn wolln, weil 's aa wahr is!«

Dr. Feuergold ist vernichtet, das Geständnis wirst ihm den ganzen Aufbau seiner Klagerede über den Haufen, er schüttelt mißbilligend das Haupt und sieht zum Richter hin mit der stummen Frage: »No was sagt man, jetzt macht die blöde Gans ein Geständnis!«

Der Richter aber beugt sich vor, sieht der Wotruba furchtlos auf den schiefen Zahn und in die giftigen Augen, dann legt er mit starker Stimme los: »Sie, Frau Wotoupal . . .«

»Wotruba mein Name!«

»Sind Sie ruhig, ich sag Ihnen nur das eine, daß das ganz gleichgültig ist, ob das wahr ist oder nicht, so was derf man nicht sagn, sonst geht man ein, habn S' mich verstanden?«

»Ah, das wär ja noch schöner, wenn man net sagn derfert, was wahr is, alle Leut in der Lamplgassn sagn 's, daß der Ibsen vom Barteten is – – –«

Die Zuhörer schaudert es, Frau Radlinger macht einen Versuch zu weinen, Dr. Feuergold denkt über eine andere Fassung seiner Schlußrede nach, der Richter aber donnert: »Ich hab Ihnen doch schon gesagt, daß man so was nicht sagen derf, auch wenn 's wahr ist; das geht keinen Menschen was an und das wär ja noch schöner, wenn sich ein Bezirksgericht mit solche Sachen befassen müßt. Da gibt 's gar 139 keinen Wahrheitsbeweis, das Beste ist, Sie bitten die Frau Radlinger um Verzeihung . . .«

Dr. Feuergold fährt auf und zeigt dem Richter die Innenseite seiner Hände: »Hohes Gericht! Jetzt, wo die schweren Beleidigungen sind wiederholt . . .«

»Schon gut, Herr Doktor, also gehn wir weiter: dann haben Sie auch zu der Frau Radlinger gemeine Person gesagt, was ist es da damit, Frau Wotawa?«

»Wotruba mein Nam! – aber gemeine Person hat sie zuerst zu mir gsagt, wie mein' Mann so schlecht war; er is beim Haustor gstandn und hat sich, mit Respekt z' sagn, übergebn wegn die altbachernen Schnitzln, dö uns die Hausfrau zum essn gebn hat, da hat sie gsagt zu mir: Sie gemeine Person, da hab i gsagt: Wer is a gemeine Person, da sind Sie eher eine . . .«

»Also Sie haben zu der Frau Radlinger gemeine Person gsagt?«

»Ja, aber erst, nachdem sie 's zu mir gsagt hat . . .«

Der Richter jubelt innerlich: »Gott sei Dank, die Gschicht geht glatt.«

Schier verschmitzt fragt er den Anwalt: »Herr Doktor, bestehn Sie noch auf die Zeugen?«

Der schießt in die Höhe, schnaubt durch die Nase und arbeitet sich mit den kreisenden Händen in eine mächtige Aufregung hinein.

»Hohes Gericht! Ich bestehe auf Einvernahme der Zeugen, denn ich werde durch sie beweisen, wie das Gift der Verleumdung ist ausgebreitet und getragen geworden durch die ganze Gass' . . .«

140 Der Richter zieht die Schultern hoch: »Wachmann, rufen Sie Herrn und Frau Simonics auf!«

»Herr und Frau Schimmernitz!« gellt es in den Gang hinaus und herein kommt zuerst der Herr Janko, dann die Gemahlin.

Vorher Förmlichkeiten, Ermahnung zur Wahrheit, Handschlag und dann das Verhör.

»Also Herr – – – Simonics, was wissen Sie von den Beschimpfungen der Frau Wokurka gegen die Frau Radlinger?«

»Gor nix waß i.«

»Haben Sie nicht gehört, wie die Frau da gesagt hat, jetzt weiß man, wo der Sohn von der Frau dort die Haar her hat und daß der Herr Radlinger hat hineinspringen müssen und daß sie eine gemeine Person ist?«

»Hob i gor nix ghört.«

»Ist nicht davon gesprochen worden?«

»Waß i net, wor schon finster, wie Frau Wotruba hat gschimpft, wor ich in Casa piccola, hob i zu Frau gsogt, geht uns nix on . . .«

»Also Frau Simonics, was wissen Sie?«

»Ich bitt, Herr kaiserlicher Rat, i weiß nur so viel, was so allgemein gredt is wordn, daß die Frau Wotruba gschimpft hat, aber was sie gsagt hat, hab i selber net ghört und auf an Tratsch gib i nix.«

Da greift nun Dr. Feuergold ein: »Frau Zeugin, sagen Sie uns, ob man hat in der Gass' gesprochen von einem unlauteren Verhältnis, das die Frau Radlinger gehabt haben soll mit einem Baron?«

141 »Mein Gott, es wird ja viel tratscht in so einer kleinen Gassn, da hätt ich viel z' tun, wenn ich auf alles aufpassert und mir merkert . . .«

»Also getratscht ist geworden – das genügt mir!« sagt Dr. Feuergold hochbefriedigt.

Herr und Frau Simonics setzen sich zu den Zuhörern und nun wird Frau Klempa aufgerufen. Sie ist schrecklich aufgeregt.

»Herr kaiserlicher Rat, ich war in meinem Leben noch nie nicht vor einem Gericht, ich kann gar nix sagn, es war damals ein solcher Wirbel, die Frau Wotruba hat mit der Frau Radlinger sehr laut gesprochen, aber was da alles gsagt is wordn, das weiß ich nicht mehr, ich hab nur soviel ghört, daß der Ibsen, das heißt der Dolfi, die Haar vom Barteten haben soll und daß die Frau Wotruba gsagt hat, sie ist keine gemeine Person nicht . . .«

»Also geredet ist von den Haaren geworden, gemeine Person ist auch gesagt, das genügt mir«, sagt Dr. Feuergold im Tone höchster Genugtuung.

»Herr Franz Simmetsberger!«

Der Herr Franz ist ganz Hoch- und Deutschmeister.

»Herr kaiserlicher Rat, ich meld ghorsamst, ich weiß gar nix, ich hab nur ghört, daß die Frau Wotruba an Attak mit der Frau Radlinger ghabt hat, daß dabei auch von die Haar vom Ibsen gredt wurdn is und daß der Herr Wotruba das ganze Haustor an – an – angmacht hat.«

»Hat man das laut ghört, was die Frau Wotruba gesagt hat, hat es hören können die ganze Gasse?«

»Ja, wer zughört hat, hat 's hören können, aber dazua hab i ka Zeit, i kümmer mi nur um mei Gschäft und um 142 kan Tratsch – – ja, die Frau Wotruba redt halt a bisserl scharf . . .«

»Ich habe keine Frage mehr an den Herrn Zeugen«, sagt Dr. Feuergold und sieht den Richter bedeutungsvoll an.

»Herr Johann Wotruba!«

Der stille Böhm kommt mit liebewerbendem, mildem Lächeln herein und muß zweimal aufgefordert werden, bevor er sich zum Richtertisch hinwagt, wo ihm das Kruzifix mit den zwei Kerzen daneben den Pulsschlag stocken macht.

»Sie können sich der Aussage entschlagen . . .«

Herr Wotruba lächelt den Richter an und zuckt mit den Schultern.

»Also wollen Sie aussagen oder nicht?«

Herr Wotruba hört nur den Schall, er begreift gar nichts.

»Ob Sie aussagen wollen, frag ich Sie!«

Herr Wotruba blickt im Kreise herum – da sieht er Dr. Feuergold und ein neuer Schreck packt die arme Schusterseele; durch das träge arbeitende Gehirn wälzt sich eine lähmende Erkenntnis: »Jeschisch Krischtopane, das is Höchster am Gericht!«

»Also wollen Sie aussagen? – – Also wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

Herr Wotruba starrt noch immer auf den Hof und Gerichtsadvokaten, der mit verschränkten Armen dasitzt und dem stillen Böhm aufmunternd zunickt. Da lallt dieser ein schüchternes »Ja«.

»Also haben Sie gehört, wie Ihre Frau geschimpft hat?«

»Hab ich gar nix ghört, hab ich nur gspiebn, bitt ich Ihnen . . .«

143 »Dabei kann man ja auch hören; Ihre Frau hat was von Herrn Radlinger gsagt?«

»War mi so schlecht, kann i Wein nit vertragen, hats aber Frau Radlinger zu meine Frau gsagt: gemeine Person, hat sich meine Frau nicht falln lassn . . .«

»Na, was hat denn dann Ihre Frau gsagt?«

»Hab i gar nix ghört, bitt ich Ihnen, war mi so schlecht . . .«

»Wenn Sie haben gehört, was gesagt hat die Frau Radlinger, müssen Sie doch auch haben gehört, was gesagt hat Ihnere Frau!«

Dr. Feuergold ist überzeugt, wienerisch gesprochen zu haben.

»Hab i gar nix ghört, is mi glei so schlecht worn, wie habn s' anfangen zum streiten, bitt ich Ihnen . . .«

Johann Wotruba war dem Dr. Feuergold gleichgültig.

»Ferdinand Klemenschitz!« ruft der Richter.

Da beugt sich Herr Simonics zum Ohr seiner Gattin und flüstert: »So hats Spenglermasta ghaßn.«

Herein kam der Baumerl.

»Was wissen Sie davon, was die Frau Wondruschka von der Frau Radlinger gesagt hat?«

»Gar nix.«

Dr. Feuergold: »Sie sind doch Straßenkehrer in der Lamplgasse, Sie müssen doch gehört haben, was die Leute reden?«

»I hör auf kane Leut net!«

»Sie können gehen!«

Und der Baumerl ging und ward nie mehr gesehen!

144 Ganz feierlich erhebt sich nun Dr. Feuergold, stützt sich vorerst auf die Arme, dann hebt er sie beschwörend hoch und die Hände beginnen bald wieder ihr kreisendes Spiel:

»Hohes Gericht! Hier vor uns steht die Angeklagte, von der das Gift ist ausgegangen, so daß jeder schon mit dem Finger gezeigt hat auf diese schwergeprüfte Frau (mit beiden Zeigefingern auf Frau Radlinger deutend; der Richter beginnt im Akt zu blättern). Von ihr ist es ausgegangen und fortgepflanzt worden, daß meine Klientin ein unlauteres Verhältnis gehabt, dessen Frucht sie untergeschoben, und das hat sie gesagt von einer Frau, die ihr Wohltaten gespendet, die in edler Aufwallung ihrer Frauenseele sich herabgelassen (die Arme bis zum Knie senkend; der Richter notiert sich etwas), in christlicher Demut nach den Worten des Erlösers: Lasset die Armen zu mir kommen, sie hinausgeführt hat aus Trübsal und Plage in den herrlichen Wienerwald, sie mit Speise und Trank erquickt hat; sie hat den schwerbetrunkenen Gatten der Angeklagten liebevoll in einen Wagen aufgenommen (Geste des zärtlichen Hineinhebens), und was hat sie geerntet? (Die Augen rollen, die Hände wirbeln, der Richter liest im Akt.) Schnöden Undank! Und nicht genug an dem, beschimpft, begeifert ist sie geworden – angegriffen im Heiligsten ihres Mutterherzens (beide Hände pressen sich an die Brust), besudelt ihre Frauenehre, geschmäht das Liebste, was sie auf Erden hat, das teure Kind, das sie unter dem schmerzdurchbohrten Mutterherzen getragen und dem liebenden Gatten hochbeglückt in die Arme gelegt (Wiegen eines Kindes – der Richter sieht einer Fliege zu, die aufs Kruzifix kriecht). Und nun steht hier die geschmähte Frau, die geschändete Mutter und fordert Gerechtigkeit für 145 Schimpf und Glimpf und der Hydra der Verleumdung soll mit einem Schlage das hundertköpfige Haupt abgeschlagen werden! Ich bitte im Namen meiner Klientin um ein gerechtes, aber strenges Urteil!« Er setzt sich, schnaubt und läßt die Augen rundum gehen.

Frau Radlinger weint still in ein Taschentuch, den Zuhörern klingen die Ohren, Frau Wotruba ist das erstemal in ihrem Leben sprachlos.

»Haben Sie noch etwas zu bemerken?« fragt der Richter die Versteinerte; die jappt ein paarmal mit dem schiefen Zahne, dann aber quillt es heiß in ihr auf: »I hab nur gsagt, was wahr is . . . !«

Da erhebt sich auch schon der Richter und bedeckt das Haupt mit dem Barett.

»Im Namen Seiner Majestät des Kaisers (Frau Radlinger durchfährt ein gelinder Schreck: Gott, wenn ich das gewußt hätt! Frau Wotruba aber lähmt ein furchtbarer Gedanke: Marrand Josef, jetzt waß der Kaiser aa schon!) findet das k. k. Bezirksgericht die Angeklagte (scharfer Blick auf den Akt, dann leuchtender Rundblick) Aloisia Wotruba im Sinne der Anklage nach Paragraph 487 und 489, desgleichen im Sinne der Paragraphen 491 und 496 schuldig des Vergehens der Schmähung und Ehrenbeleidigung, begangen durch die Worte: Jetzt weiß man, von wem das Kind die Haare hat – und: Der arme Radlinger hat hineinspringen müssen, sowie durch den Ausdruck: Sie sind eine gemeine Person – und wird die Angeklagte daher zu zwanzig Kronen Geldstrafe, im Nichteinbringungsfalle zu achtundvierzig Stunden Arrest und zur Tragung der Gerichtskosten verurteilt.«

146 Der Richter setzt sich und spricht ganz gleichgültig und rasch: »Als mildernd wird das umfassende Geständnis und die bisherige Unbescholtenheit, als erschwerend die Hartnäckigkeit und die Idealkonkurrenz der inkriminierten Vergehen angenommen – – Wenn Sie glauben, daß Ihnen Unrecht geschehen ist, können Sie binnen drei Tagen rekurrieren – die Verhandlung ist geschlossen.«

»I hab nur gsagt, was wahr is, da gibt 's ka Gerechtigkeit mehr in Österreich, wann ma das net sagn derf, da hört si ja schon alles auf . . .«, zetert Frau Wotruba, aber der Richter wettert: »Enthalten Sie sich jeder Äußerung und verlassen Sie den Verhandlungssaal – – Wachmann, rufen sie die Katharina Kletschka auf.«

Der Saal leert sich, voraus die Zeugen und Zuhörer, dann Frau Radlinger und, mächtig schnaubend, Dr. Feuergold, hohe Befriedigung in jedem Schritt, zuletzt Frau Wotruba, vom Justizsoldaten geschoben, giftige Blicke werfend und den Gemahl suchend, den der Strom der anderen schon auf den Gang getrieben; hinter ihr her gellt der Ruf: »Katharina Kletschka!«


Gerade biegen die letzten der vom Gerichtstag Heimkehrenden in die Lamplgasse, wo der Vortrupp noch vor Fenstern und Geschäftsläden das »Urtel« kündet: »Achtavierzg Stund hat s' kriagt!« – – als vom knallroten Haustor des Fünferhauses das Juckerzeugl des Barteten wegflitzt und das scharfe »Hoooop!« des Kutschers den Ibsen und den Papp-Schani zu hastigen Seitensprüngen zwingt.

147 Drinnen im Wagen, lässig hingelehnt, die weißbehandschuhte Rechte vornehm über den Wagenrand baumelnd, sitzt Herr Franz von Sales Kretschmann, erhaben gleichgültig über alles wegblickend, was da in der Lamplgasse leibt und lebt.

 

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