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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schlimmes Ende.

Es war eine trübselige Heimfahrt.

Frau Radlinger war wieder ganz Hausfrau. In ihr gärte es.

»Das ist ein schöner Aufzug, in dem wir z'haus kommen – wenn ich das gwußt hätt, um keinen Preis der Welt wär ich hineingangen – – vier Guldn hat der Wein ausgmacht – – und die Gsellschaft, mit der vergleich ich mich ja gar net – – so einen Rausch! der Mensch muß doch wissn, wann er gnug hat – – was nur der Wagn kostn wird? – – es ist nur ein Glück, daß 's schon finster ist! – – das wird so keine Wirtschaft werdn; Ihrn Mann da herunterz'bringen – er kann ja gar net stehn – – so betrunken –  – –«

Frau Wotruba würgte. Noch legte ihr das Ansehn der Hausfrau harten Zwang auf. »Mein Gott, er vertragt halt nix, er war 's erschte Mal in sein Lebn bei an Heurign – 129 die andern habn ihn vaführt – aber er wird si schon wieder z'sammkrabbeln bis ma z'haus kumma, er schlaft si schon aus bis durthin . . .«

Herr Wotruba lag leblos in der Ecke, das Haupt stark zur Seite geneigt, jeden Räderstoß rhythmisch auspendelnd. Seinen Hut mit dem Gamsbart hielt das Mariederl krampfhaft an die flache Brust gepreßt.

Im Schritt bog das Gefährte in die stille Lamplgasse. Der Schani stand vor dem Zwölferhaus und hielt besorgt Ausschau.

Frau Radlinger stieg zuerst aus und begann sofort die Verhandlungen mit dem Kutscher.

»Was kriegn S' denn?«

»Net z' viel und net z' wenig.«

»Was verlangen S' denn?«

»Sagn ma halt sechs Guldn . . .«

»Sind Sie verrückt? sechs Gulden?«

»No, was wolln S' denn hergebn?«

»Drei Gulden, nicht mehr . . .«

»I waß net, was i heut hab, i vasteh allaweil drei Guldn . . .«

»Ja, ja, drei Guldn . . .«

»Von Grinzing eina? und an Bärn-Affn . . . ?«

»Sind S' nicht gemein – da habn Sie drei Gulden . . .«

»Da habn ma an Gspaß ghabt, gnä Frau, vom Heurign is die Vergnügungstax, sechs Guldn und nix mehr redn, i bin ja ka Wolferl . . .«

Die anderen bis auf den Schlummernden waren ausgestiegen. Fenster wurden geöffnet, Leute kamen aus den Haustoren. Der Kutscher begann sehr laut zu reden.

130 »Zum Heurign fahrn, an Schwül kriagn, daß ma net in die Elektrische eini kann, und dann vom Anspanna ohdruckn, dös hab i gern! Sechs Leut in den leichtn Wagl – vielleicht is eh schon d' Federn hin! – Kruziadaxl, dös is a Gschäft!«

»Da haben Sie in Gottesnamen noch zwei Guldn, aber schrei'n Sie doch nicht so!«

»Da zahl ich wieder amal sauber drauf! D'r Teifl hat mit da vurbeizahrn müassn! Um fünf Stutz von Grinzing einatrappn! – – Also, was is denn, Sö Herr, Sö, i hab ka Zeit mehr für fünf Fleck, i kann net wartn, bis S' Ihnan Dampf ausgschlafn habn . . .«

Frau, Tochter und Sohn rüttelten, zerrten und zogen an dem Schlummernden und endlich stand Herr Wotruba, von drei Seiten gestützt, auf dem schmalen Bürgersteig mit dem unverkennbaren Bedürfnis nach sofortiger Ruhelage.

Frau Radlinger wollte rasch im Tor verschwinden, dort standen aber jetzt die Schusterischen und da begab es sich, daß Herr Wotruba den Kopf an den einen Torflügel stemmte und sein Magen den Grinzinger Heurigen, das Vogl-Futter und all das andere Gute mit würgender Gewalt zu verabschieden begann.

»So eine Schweinerei!« – Die Hausfrau konnte ihre Entrüstung nicht mehr meistern. Aber da brach nun auch aus Frau Wotruba ein Lavastrom mühsam gebändigter Qual. »Was is a Schweinerei? Wo is a Schweinerei? I siech da ka Schweinerei, wann an totübl is – wer waß, von was eahm schlecht is, wahrscheinli von die altbachenen Schnitzln, dö warn eh no vom vurign Sunntag, heut habn S' ja ka gmacht, dö habn eh schon kaslt und mir liegn s' 131 aa im Magn – mit dera Jausn habn S' Ihna net auszeichnt, auf dö brauchn S' net stolz z' sein – da is die Schweinerei ganz wo anders . . .«

»Sie gemeine Person . . . !«

»Wer is a gemeine Person? I vielleicht? Dös muaß i mir ausbittn, i bin gar net gemein, i hab meine Kinder in der Eh auf d' Welt bracht, i hab 's mit kan Baron z' tuan ghabt – nur stad sein, i waß jetzt alles, i kenn mi aus – umasunst habn S' Ihna net so intressiert für den Baron – – wo Ihna Bua die Wiedln her hat, dös waß ma jetzt aa, dö hat er vom Barteten, da kann d'r arme Radlinger nix dafür, der hat einihupfn müassn, weil 's schon höchste Zeit war, und mi haßn Sö a gemeine Person? Die ganze Fahrt eina nix als dö Stichlereien wegn dö paar Netsch, dö S' da amal außalassn müassn, und jetzt Schweinerei und Gemeinheit! Aber unserana is ja ka Fuaßtackn net, auf der si a jeder d' Füaß ohwischn kann – san a gemeine Person, net i – – ja, schaun S' nur, daß einikumma, und razn S' mi net, sunst red i no mehr . . . !«

Frau Radlinger hatte den Eingang gewonnen.

Wie ein Fels in der Brandung stand Herr Wotruba mit eingestemmtem Kopfe an dem Tore, wild umbraust vom Redesturm der empörten Gattin. Aber auch sein Übel linderte sich, Grinzings hetztolle Weingeisterchen gaben allgemach ihr Opfer frei und nach umsichtigem Walten der Frau Aloisia fand der nun vom grauen Elend befallene Gatte endlich die so sehr ersehnte Ruhe. 132

 

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