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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sturm.

Wieder floß der Tage Gleichmaß durch die Lamplgasse. Nur hie und da war ein stärkerer Wellenschlag zu spüren.

Die dienende Weiblichkeit war von dem verheirateten Herrn Janko nicht mehr so entzückt wie von dem ledigen; ein kritischer Geist kam auf.

»Er is lang nimmer so freundlich wie früher, der Herr Janko . . .«

»Ja, die Alte paßt damisch auf auf ihn, da gibt 's kane Gspaß mehr . . .«

»Er derfat schon bald kane mehr anschaun . . .«

»Ja, wann ana amal vaheirat is!«

Diese und jene trat bereits einen Rückzug an; man fand, daß andere Greisler in anderen Gassen bessere Sachen hätten – auf einmal hieß es: »A so a fade Greislerei!«

98 Aber noch blühte der Jour. Herr Simonics nährte das Flämmchen gelegentlich mit Neuigkeiten.

»Der Józsi, was is mein Freund vom Schwarzenberg, hats altn Kutscher kennt, was war früher bei Kretschmann, der waß alles! Ja, hat er früher kan Bart ghabt, war er ganz glatt am Gsicht wie Pfarrer, hats dann Gschicht ghabt mit Madl, hats dann Bart wachsn lassn und Hoor aa – so wie sein Masta hats ghabt, war der aa so an Bartete . . .«

»Jessas, dös is ja a ganzer Roman!« wunderte sich die Blumenmacherin und man erwog eifrig die Beweggründe, die Herrn Kretschmann zur Entwicklung einer so erstaunlichen Haarfülle veranlassen konnten.

Als das Gespräch verflachte, zog Frau Simonics eine neue Walze auf: »Jetzt war aber die Fräuln Tini schon lang net da, sie laßt sich ja gar nimmer anschaun – Frau Direktorin, was is denn mit ihr? Neulich hab ich s' auf der Wiedner Hauptstraßn gsehn mit an ganz an neuchn Kleiderl und an schön Huterl, sehr fesch hat s' ausgschaut«, sie blickte lauernd auf die Lange, die sprach jedoch so obenhin: »Ja, sie hat sich was erspart, sie war vielleicht grad bei der Schneiderin – ja, sie hat schon immer herkommen wolln, aber dann hat s' wieder Kopfweh ghabt.«

»Wird halt schlecht schlafn bei Nacht«, warf Herr Simonics anzüglich hin, aber die Frau Direktor wehrte kühl ab: »Nicht, daß ich wüßt . . .«

In traulicher Zwiesprach vor dem Einschlafen berührte Frau Simonics einmal leise tastend das Thema »Tini« und da berichtete ihr Gatte, was er in jener entscheidenden Nacht gesehen hatte. »Aber nix redn, sunst kummts Tratsch auße, geht uns nix an . . .«

99 Schwer lastete die Wucht des Geheimnisses im Busen der Frau Simonics. Sehr vorsichtig und vorerst auch nur allgemein andeutend »und daß ja nix weiter austratscht wird«, träufelte sie Tropfen ihres Wissens in vertraute Ohren . . .

Die Frau Direktor war auf einmal fortwährend in gehobener Stimmung. Sie schwebte nur noch so dahin, ein wundermildes Lächeln auf den Lippen, die blaßblauen Augen voll verklärten Schimmerns. Ihre Redeweise wurde immer blumiger, ihr ganzes Wesen atmete Poesie.

So kam sie auch einmal zum Jour herangeschwebt, zu jenem Jour, der der letzte sein sollte . . .

»Ach, das war heut ein Tag voll Lerchensang und Sonnenglanz, der Himmel so blau und die Luft so lau, so ein Schwärmen im Schatten grüner Matten – ach, da hab ich einmal in einem Stück gespielt, ich glaub, es war in Troppau, da war ein herrliches Gedicht, das ist mir heute wieder eingefalln: Durch Nacht zum Licht die Seele dringt, die Brust erfüllt ein Drängen und wie aus weiter Ferne klingt ein Chor von Engeln – – nein, von Chorgesängen von Engeln oder so was, ich weiß es nicht mehr genau, aber wunderschön war es – und heute bin ich in derselben Stimmung – darum seid gegrüßt, traute Freunde, Gott zum Gruß in der Runde, ihr lieben Getreuen, lasset uns die Becher füllen, dieser Tag sei den Göttern geweiht!«

»Ja, schöner Tag war heut«, bestätigte Herr Janko, seine Gattin aber sah ängstlich auf die Schwärmende.

Die Trafikantin dämpfte den Seelenaufstieg: »Wenig san ma heut, die Fräuln Tini kummt net und die Frau Wotruba is aa no net da – wia-r-i 'n Schurl äußerln gehn hab lassn, is s' mit der Kathi gstandn und wia-r-i jetzt herganga bin, 100 is s' no allerweil mit der Kathi auf an und denselben Fleck pickt . . .«

Frau Simonics horchte peinlich berührt auf, aber noch schwelgte die Lange: »Klein ist der Kreis, aber gewählt! Wo treue Herzen in Freundschaft schlagen, da sollst Du keinen Kummer nicht tragen – ich sage nur: Sein oder Nichtsein, das ist die Frage! Das kommt auch in einem Stück vor, in Othello, da hat mein Mann einmal den Mortimer gespielt . . .«

»Na, was schreibt er denn, der Herr Gemahl? fragte Frau Simonics recht teilnehmend; ein Schatten zog über das Antlitz der Langen, aber dann sagte sie recht nachdrucksvoll: »Oh, es geht ihm recht gut, er hat jetzt ein Kurtheater an der Ostsee, aber im Herbst kommt er nach Villach, wahrscheinlich, da zieh ich dann hin . . .«

»Da gehn S' also dann weg von uns? Ja, wär net aus! Das könnten S' übers Herz bringen?« klagte die Greislerin.

»Scheiden und meiden ist der Menschen Los – dann werd ich sagen wie die Maria Stuart: Lebet wohl, ihr lieben Täler, Triften, Auen . . .« Sie war just im schönsten Zug, als Frau Wotruba eintrat.

Ein düsteres Ahnen strömte vor ihr her. Der schiefe Zahn dräute in unheimlicher Starrheit. Für die Grüße der Runde hatte sie nur ein scharf abgestimmtes »Gunnamd« und blieb funkelnden Blickes vor dem Tische stehen. Noch versuchte Herr Janko zu scherzen: »Ja, was is denn, Frau Wotruba? Sie schauns ja aus wie polnisches Dunnawetter!«

»Kunnt leicht sein, daß ans niedageht!« kam es drohend zurück.

101 »Aber, was is denn, Frau Wotruba? Setzn S' Ihna do nieda!«

»I wer ka Zeit habn zum Niedasetzn – i bin nur einakumma, daß i Ihna sagn kann, Sö könnan Ihna Ihnan Schur am Huat steckn, habn S' ghört? – redn S' nix, i waß, warum i das sag – – was erfahrt ma denn bei Ihna, han? Der Bartete is gar ka Baron, sei frühera Masta is jetzt in da Vasurgung – gar nix wissn S', und das, was S' wissn, dös sagn S' denen andern, aber uns net, oder habn S' vielleicht net gsagt, daß die Fräuln Tini a paarmal in da Wochn zum Barteten auffigeht und bis in da Fruah obn bleibt, han? Der Mali habn S's zuapfiffn, geln S' ja, aber daß nur ja nix die alte Schuastazangen erfahrt, dös is ja a so a große Tratschn – i dank Ihna recht schön, Frau Hammerer, für die guate Manung, oh, i waß jetzt alles, mir d'rzähln Sö nix mehr! – Und daß die Direktarin a Gschiedene is, dös habn S' d'r Pepi erzählt, und daß die Klempa beim Brautbuschn damisch draufghaut hat, dös habn S' vielleicht aa net gsagt, han?

Aber daß Ihna Janko nur a Markthelfer war und ka Beamter, das habn S' neamd d'rzählt, was? So, jetzt wissn S' alles und i hab gnua von Ihna, auf mi brauchn S' nimmer z' wartn, mi sehgn Sö da herin net mehr – unterhaltn S' Ihna nur recht guat – – Pfirt Ihna Got!«

Wie sie gekommen, so zog Sie ab, einer Norne gleich. Den 102 Oberkörper fast im rechten Winkel abgebogen, folgte ihr im Eumenidenschritt die Frau Direktor. Die anderen saßen wie niedergedrückt von der Gewalt des Wotrubaschen Ungewitters. Frau Simonics rang nach Luft, Herr Janko strich sich den Schnurrbart mit beiden Händen, die Blumenmacherische verlor die Herrschaft über ihren Unterkiefer, nur die Trafikantin sagte mit freudiger Genugtuung: »Merkwürdi, heut hab i a jeds Wort ghört von der Wotruba!« und aß befriedigt ihren Leberkäs weiter.

Aber nun griff Herr Simonics ein: Aufgeregt ging er hin und her, zeitweilig vor seiner Gattin Halt machend; aus deren Augen stürzten Tränenbäche, aber mitleidslos donnerte der Syrmier: »So, da hast jetzt, weilst blöde Guschn net haltn kannst – jetzt is Vadruß da! – I kunt Dir glei zwa owihaun – so an Bißgurn! Kannst Dir Gschäft selber führn – i pfeif ich drauf! Plag i mi da wie Hund und dann so was! Häng Di auf mit Greislerei – Madln sull i aa net anschaun, sans alle nur wegn mi kumman, hab i Gschäft vastandn, muß ma Gspaß machn, habns Madln gern, aber net Tratsch außebringen! Jetzt wird dolkete Kuhlnhandler lachn! Kriegst glei Watschn!«

103 »Guate Nacht, Frau Hammerer, i geh«, sagte nun die Blumenmacherin und entschwand eiligst.

Die Trafikantin aber saß wie verankert und goß lindernd Öl in die sturmgepeischten Wogen: »Aber Herr Janko, wer wird denn glei so schiach sein, dös is ja alles net der Müh wert, die Wotruba redt ja viel z'samm, wann der Tag lang is! No, Frau Hammerer, nehman S' Ihna das net so zu Herzn, a bisserl dunnern muaß in ana jedn Eh' – der Herr Janko mant 's net so bös, er is ja sunst a guata Mensch – – ja, Herr Janko, und Sie habn a brave Frau – – wanen S' net, Frau Hammerer, wanen S' net, dös is no lang net 's Argste, wann d'r Mann a bisserl resch is – also lassn S's guat sein . . .«

Frau Simonics schluchzte in die aufgestützten Hände, daß der Tisch erzitterte. Der zürnende Gatte hätte die Trösterin am liebsten mit roher Gewalt entfernt, aber er erwies sich doch als Diplomat: »San S' so gut, gengan S' ham, mir gengans schlafn!«

»Recht habn S', gengan S' schlafn, dös is das Allergscheiteste, was tuan könna, i geh schon, gute Nacht!«


Eine düstere Stimmung war über die Lamplgasse gekommen.

Frau Simonics stand mit rotgeränderten Augen im schwachbesuchten Geschäft, der Herr Gemahl war »auswärts«.

Stolzerhobenen Hauptes zog Frau Wotruba ihre Straße, der schiefe Zahn blinkte wie ein Kriegsbeil.

Ihrem Töchterchen hatte sie befohlen: »Von heut an kaufst in da Sterndlgassn beim Seidenberg, das neuche Gschäft 104 nebn'n Friseur – der Jud is sehr freundli und sagt immer ›Küß d' Hand, gnä Frau!'‹ und hat recht schöne Sachn . . .«

Dem Herrn Franz wurde berichtet: »Ja, denkn S' Ihna, ohgwatschnt hat er s' – ja, die Klempa war dabei!«

Als er dann allein war, schüttelte er traurig das Haupt und sprach ganz wehmütig vor sich hin: »So schön, jetzt hat s' die krowotische Krot umasunst gfressn!«

 

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