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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Verlobung.

Herr Simonics hatte bald darauf sein entscheidendes Erlebnis.

Er war in Geschäftsangelegenheiten der Firma Hammerer über Land gewesen, eine Dampftramway hatte versagt, der Anschluß an die letzte »Blaue« der Straßenbahn war versäumt worden und nach etlichen Stärkungen in nach und nach schließenden Kaffeehäusern war der einsame Wandler in die im letzten Morgenschlummer düsternde Lamplgasse gekommen. Da torkelte ein halbverschlafener Bäckerjunge mit dem Korbe voll duftenden Frischgebäcks auf der Schulter, das kleine Laternchen wie ein Irrlicht am Korbhenkel baumelnd, dort huschten Milchmädchen und Zeitungsausträgerinnen vorüber und verschwanden im Dunkel der halboffenen Haustore und just, als Herr Simonics den Rollbalken rasselnd in die Höhe zog, sah er ganz deutlich, wie sich aus dem knallroten Tor des Fünferhauses eine kleine, üppige weibliche Gestalt loslöste, in eiligem Trippeln dicht an die schattenden 83 Mauern gedrückt dahinglitt und dann wie ein Wiesel im Torflur des Neunerhauses verschwand.

Der Syrmier zerkaute einen Fluch in seiner Muttersprache.

Jetzt aber war er reif zur Sendung, für die ihn Frau Hammerer erkoren. Nach ganz kurzer Zwiesprach fügte er sich mit einer Nachgiebigkeit, daß seine Herbergerin selbst darüber staunte.

Dann kam der große Augenblick.

Ahnungslos saßen die Teilhaber am Greisler-Jour beisammen.

Die Frau Direktor erzählte von einem Triumphzug durch die südliche Steiermark.

»Oh, wenn Sie das gesehn hätten! Wie ich damals in Cilli die Jungfrau von Orleans hingelegt hab: Eilende 84 Wolken, Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte! Das war ein Applaus! Und dann hat mich das Offizierskorps eingeladen und der Herr Oberst hat gesagt, so was hat er im Burgtheater nicht gesehn! Ja, ich hätt damals leicht an die Burg kommen können, aber der Direktor hat mich nicht aus dem Angaschmah lassn . . .«

Später berichtete Frau Wotruba: »Die Radlinger is ganz narrisch, seit i ihr gsagt hab, daß der Bartete a Baron is und Salus haßt, sie fragt in anatur, ob i nix Näheres waß, sie redt so dergleichen, als wann s' amal an kennt hätt, der aa so g'haßn hat, aber der war ganz glatt rasiert, aber sie hat si net recht außatraut mit der Sprach –«

Man redete hin und her, dann gab die Blumenmacherin dem Gespräch eine andere Wendung. Sie hatte von einer Freundin der Pepi erfahren, daß diese bereits fleißig an ihrer Aussteuer arbeite. »Es war ja eh schon lang ka Hochzeit in der Lamplgassn, da mach i dann aa wieder a klans Gschäft . . .«

»Na, vielleicht is früher a Hochzeit, als Sie glaubn«, warf da Frau Hammerer schalkhaft ein und sah bedeutungsvoll auf Herrn Janko, der ihr freundlich zunickte.

»Ja gengan S', ja wer denn?«

Frau Wotruba winkte ab: »Wer soll denn in der Lamplgassn heiratn? I waß neamd . . .«

Da erhob sich Frau Hammerer und zugleich auch Herr Janko; die Greislerin legte die Rechte auf des Syrmiers Schulter, der strich seinen schwarzen Schnurrbart und ließ seine Feueraugen in die Runde gehen, sie aber neigte das Haupt, lehnte es an des Mannes Arm und sprach mit ganz 85 leisem Beben in der Stimme: »Am zehnten, zu mein Namenstag, werdn ich und der Janko ein Paar!«

Frau Wotrubas schiefer Zahn ragte starr ins Leere, auch der Mund der Blumenmacherischen stand offen; die Frau Direktor bewegte die Lippen wie im stummen Entsetzen, Fräulein Tini schnappte nach Luft und drückte beide Hände auf den unregelmäßig wogenden Busen, nur die Trafikantin, die zwar nichts gehört, aber aus dem lebenden Bilde vor sich sofort den richtigen Schluß gezogen hatte, jubelte in ehrlicher Erfreunis auf: »Dös is gscheit, wird 's also do was! bravo, Herr Janko! i gratulier! Na, warten S', Sie schlimme Frau Hammerer, a so a Überraschung! Aber i wünsch Ihna recht viel Glück und 'n Herrn Janko aa . . .«

Nun kamen auch die anderen allgemach zu sich, Frau Wotruba zuletzt. Mit ihrem Wortschwall deckte sie die Glückwünsche der anderen zu.

»Recht hab'n S', Frau Hammerer, das ledige Beinandersein hätt si ja eh net ghaltn, 's Gschäft braucht an Herrn – Jessas, mein Mann wird schaun und die ganze Lamplgassn – das wird a so nix werdn – a, da gfreu i mi schon drauf!«

In die Atempause hinein flötete die Direktorin: »Mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei . . .«

Aber Frau Wotruba war schon wieder bei Luft: »Ah, da reißt nix mehr, was pickt, das pickt, i wünsch Ihna alln zwa alles Guate und Schöne und daß recht lang lebn und gsund bleibn – jetzt werdn S' ja das Bett vom Herrn Janko einastelln, net wahr? – na ja, wann eh scho am 86 zehnten d' Hochzeit is – mir san ja kane junga Leut mehr – – –«

Frau Hammerers Augen entquollen zwei dicke Tränen, von denen die eine mit hörbarem Glucks auf die Tischplatte auffiel, während die andere zwischen Nasenflügel und Wangenfalte sich verfing und erst mit einem nachdrücklichen Strich des Zeigefingers entfernt werden konnte. Das aber gab der verschämten Braut zugleich die Haltung wieder. »Ich dank recht schön, ich weiß, Sie meinen es alle recht gut mit mir – – i kenn ja den Janko schon lang, i bin ganz allani in der Welt, er aa, no und da tun ma uns halt jetzt z'samm – – gel ja, Janko?«

»Werdn mir schon machn – – aber jetzt gib paar Flaschl Bier her und das Scherzl von Pariser, was liegt in Eiskastl . . .«

So ward die Verlobung in würdiger Art gefeiert.

Beim Abschied drückte die Frau Direktor der bräutlichen Witwe gar warm die Hand und sprach mit vornehmer Würde: »Was mich ganz besonders freut, Frau Hammerer, Sie bekommen jetzt einen schönen ausländischen Namen, Frau Simonics klingt viel besser als Frau Hammerer, ich werde auch schon von heut an nur immer Frau Simonics sagen, Sie Glückliche!«

Auch das Fräulein Tini zirpte: »Ja, die fremden Namen, die sind alle so hübsch, ich schwärm auch so dafür . . .«

»Mir fällt jetzt grad das herrliche Gedicht ein: Horch! die Glocken hallen dumpf zusammen und der Zeiger hat vollbracht den Lauf . . .«, deklamierte die Lange und Arm um Hals und Hüfte entschwebte das ungleiche Paar.

87 Zur Blumenmacherin aber sprach Frau Wotruba: »No, was sagn Sie dazua? Jetzt hat s' den armen Kerl do d'rwischt, aber i hab schon was gneist, wiar-r-a si die zwa Paar Lackschuach hat machn lassn, hab i mir schon mein Teil denkt – – na, jetzt braucht er aa net mehr an ihrn Bett vurbei z' gehn, dös hat si ja do net ghört . . .«

 

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