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Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
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Gudnatz

Erster Teil.

Daß auch in der Welt der Schieber die moralischen Götter noch manchmal regieren, ja sogar der hohe Himmlische mit schimmerndem Hauch über einen solch unedlen Menschen Gewalt gewinnt, selbst wider den Willen des also Betroffenen, das hätte die ganze Welt in den Tagen des ausgehenden Leidensjahres 1919 zum Trost kennenlernen können, wenn der, dem ein solches Schicksal bereitet wurde, ein anderer als Anton Gudnatz gewesen wäre.

Der hatte in – ich will es unbestimmt lassen – in einem Ort Schlesiens mitten im Kriege, nachdem er vor Warschau ziemlich krumm geschossen worden war, so ein kleines Handelchen angefangen, das mit Zwinkern eingeleitet, mit Schmieren betrieben wird, durch Bestechen nicht stirbt, das Unverschämtheit und Betrug segnet, ja, das selbst den Diebstahl duldet. Mit zwanzig Pfund Weizenmehl im Rucksack und einem Huhn im Schnupftuch fing das Geschäftlein an und mit Doppelgespannen durch die Nächte, gekauften Beamten, erlösten Exzellenzen segelte es in die Höhe und als es recht florierte, verschwanden auf seinen Wink ganze Wagen aus den Güterzügen, als seien es Schraubenmuttern und alle obrigkeitlichen Personen des Ortes und der weiten Umgebung segneten im geheimen die Umsicht Anton Gudnatzens, weil er sie am Leben erhielt, wenn sich dieser selbst und seine Abnehmer auch nicht um die tausend Kinder der Ärmsten kümmerten, die am Hunger dahinsiechten und die unzähligen Männer und Weiber nicht sahen, die es nicht über sich brachten, den Bissen, den sie brauchten, anderen Bedürftigen vom Munde wegzustehlen.

Vor dem Kriege betrieb Gudnatz einen Grünkram, der während seiner üppigsten Zeit in einem Spreukorb Platz gehabt hätte und dessen Leben, wenn's hoch herging, mit einem Taler erhalten wurde, so daß sich jemand lieber prügeln ließ, als dem Gudnatz und seiner Frau fünfzig Pfennige zu borgen.

Und nun besaß er ein Haus in Sch., hatte seinem Sohne im L.er Kreise eine Wirtschaft gekauft, und wenn er die Guthaben in den verschiedenen Sparkassen und seinen baren Besitz zusammenzählte, so machte das gut eine Viertelmillion aus. Zu zählen, zu überschlagen, was mit dem Gelde geschehen solle, Pläne in alle Wolken hinaufzubauen und dann, wenn er von all dem Spielen müde war, im Dunkeln zu liegen und über sich dem Tanz von bunten, goldenen und silbernen Kugeln zuzusehen, darin bestand das eigentliche Glück Anton Gudnatzens, wenn man die heimliche Flasche Kognak nicht rechnet, die nie leer wurde und die Zigarre, die nie erlöschen durfte. Denn Gudnatz unterschied sich darin von den anderen Schiebern: Er protzte nur in sich hinein und fuhr in seiner kammerartigen Hinterhausstube zwischen dem Gerümpel aus seiner Armenzeit mit zwei Hengsten und einem Kutscher auf dem Bocke.

In der letzten Zeit, als das Reichsnotopfer immer näher rückte, als er die Einlagen von den Sparkassen abgehoben hatte, als sein Schatz in Strümpfen, im Bettstroh, in alten Stiefeln immer mehr anschwoll, betrieb er dies Spiel mit bunten, phantastischen Einbildungen leidenschaftlicher, länger in die Nacht hinein, mit reichlicherer Unterstützung der Flasche als sonst und zwischen dem herrischen »Hott« und »Hüh,« das er seinen Traumhengsten und dem »Esel«, das er seinem Luftkutscher zuschrie, hörte sein Weib ihn manches Böse grummeln, das allemal mit »verfluchter Schweinerei« begann und mit einem gehörigen Fladen Speichel endete, den er neben sich hinspedierte, daß es nur so klatschte.

Und einmal, als er so lag, müde und überreizt von dem Luftkutschieren, aufgeregt über die Schamlosigkeit und Undankbarkeit des Staates, der nur allein durch ihn und seinesgleichen noch notdürftig bestand, ein wenig benommen von dem geistigen Zuguß aus der Flasche, als er so lag, ganz im Finstern und auf das Schlagen der Uhr des benachbarten Kirchturmes horchte und eben in Gedanken »zehn, eilf« gesagt und dabei gedacht hatte, was er nun anfangen sollte, wenn man ihm seinen sauer und mühsam verdienten Gewinn wegnähme, kam eine solche Aufregung über den Anton Gudnatz, daß er sich aufsetzen mußte. Seine Frau schlief und es hörte sich an, als ob sie in einem fort geruhig die Suppe bliese, so, daß er sie schon ärgerlich wecken wollte. Doch gerade als er den Atem zu dem Ruf in der Lunge zusammengerissen hatte, ging drunten die Haustür und vorsichtig kamen Schritte die Stiege herauf, hielten auf dem zweiten Flur und fingen dann an, die Treppe zu seiner Stube heraufzusteigen. Gudnatz ließ den Atem fahren und überlegte, wenn es die Polizei wäre, die ihn verhaften wollte, so bliebe ihm nichts übrig, als den Mann zur Seite zu schlagen und dann, »haste nicht, kannste nicht,« über die Treppe hinunter, zum Hause hinaus zu laufen. Also wand er sich leise aus dem Bett, denn er schlief seit Wochen angekleidet wie im Schützengraben, sein Vermögen in allen Taschen und griff im Finstern zwischen Säcken voll Reis und Kaffee nach einem Prügel oder einem Eisen. Aber wie er so klopfenden Herzens und mit geworfener Hand leidenschaftlich bald da und dorthin langte, indes sein Ohr auf der Lauer lag, erschrak er auf eine ihm unbegreifliche Weise noch tiefer als vorher, da er sicher war, die Polizei schleiche die Treppe herauf, um ihn auf Nummer Sicher abzuführen, denn die Schritte, mit denen es die Stiege emporkam, wurden immer peinvoller, immer undeutlicher, und es klang am Ende ganz so, als habe den Menschen, der sich da draußen mühte, die Kraft verlassen, daß er auf allen Vieren die Treppe heraufkrieche, und ein Wimmern und Schluchzen war zu vernehmen, wie es nur ein Kind ausstößt, das in Todesangst ist. »Herr Gudnatz! Lieber, guter Herr Gudnatz!« hörte er es leise rufen, aussetzen und dann unter Uchzen und Wimmern wieder beginnen und weiterkriechen. Nun war es oben und Gudnatz hörte deutlich, wie es sich erschöpft an seine Tür lehnte. Nach einer Weile, als es sich erholt hatte, sagte es mit erbarmungswürdig dünner Stimme zum Schlüsselloch herein: »Ich bitte, geben Sie uns etwas Brot oder Mehl oder was Sie haben. Wir wissen uns vor Hunger keinen Rat. Mutter liegt krank im Bett und mein kleiner Bruder schreit nach Essen und wenn ich nach Hause komme und nichts mitbringe, muß er sterben. – Lieber, guter Herr Gudnatz.«

Da fing es in der Brust des Mannes an wie mit Fäusten zu stoßen, und seine Hände suchten nicht mehr nach einem Prügel.

»Wer bist du denn?« fragte er leise und mit einem Gemüt, das wie ein barmherziger Taumel über ihm lag. Mit Schluchzen und Wimmern antwortete es, daß nichts zu verstehen war. Und da dem Gudnatz bei dem Greifen ein Papiersäcklein unter die Finger geraten war, begann er es mit Reis bis oben hin zu füllen, knipste das Licht an und öffnete die Tür.

Die Helle geisterte auf den Flur hinaus. Aber niemand stand da. Der Treppenschacht gähnte aus dem finster« Hause herauf, und nichts rührte sich in der Totenstille.

Da trat Gudnatz bis ins Herz betroffen in seine Stube zurück, stellte das Säcklein Reis neben die Ballen auf die Diele, drehte das Licht aus und kroch vorsichtig ins Bett zurück.

Aber kaum hatte er sein Ohr in die Kissen gedrückt, so hörte sein Weib mit dem Suppeblasen auf, fuhr in die Höh und fragte mit unwirscher Stimme, was in aller Welt er denn in einem fort herumzutrappen habe und weswegen er immerwährend das Licht auf- und abzwicke. Genau so fragte sie, als habe sie durch den Schlaf hindurch, wie durch einen Scheinschleier, alles belauert, was ihm eben widerfahren war. Gudnatz wußte nicht, was seinem Weibe von dem zu sagen war, das er selbst nicht begriff, begann alsofort ein grobes Schnarchen und wälzte sich stöhnend im Bett hin und her, als liege er in schwerem Traume und war nicht davon abzubringen, ob seine Ehehälfte auch noch manches redete, bis sie endlich umsank und nach einigen Augenblicken wieder behaglich an ihrem Schlummergericht zu blasen begann.

Für Gudnatz wäre es nun ein leichtes gewesen, nach diesem geheimnisvollen Anruf auf den richtigen Weg zu finden. Aber die Männer, die bei Gorlice und Tannenberg in die Mord- und Donnerschule gegangen sind, denen sitzt eher der Affe des Aberglaubens auf der Achsel, als daß ihnen im tiefen Herzen das Türlein des rechten Glaubens aufgegangen ist. Das heißt, je nachdem sie sind. Gudnatz aber war von dem eisernen Besen inwendig so kahl und leergekehrt worden, daß er gar nicht auf den Gedanken kam, in einem Kämmerlein seiner Brust könnten die Engel einen Schimmertanz angefangen haben, von dem seine alten Sünderohren auf der Erde den geheimnisvollen Vorgang mit dem armen Kinde bemerkt hatten. Nachdem er das Begegnis in dem Nebel von allerhand Vermutungen hin- und hergewälzt hatte, beruhigte er sich bei einer Überzeugung, die darauf hinauslief, der heilige Geist, der Schiebern bei ihren gefährlichen Geschäften hilft, habe ihn gewarnt, und es sei nichts als ein Anzeichen von daher, daß eine große Gefahr auf ihn losmarschiere. Da er nun soweit damit gekommen war, griff er unters Bett, tat aus der Flasche einen kräftigen Schluck und schlief dann mit der lächelnden Sicherheit ein, daß die Hand noch erst geboren werden müsse, die ihm den Hut vom Kopf schlagen könne, daß Hören und Sehen mit vor die Füße fliege.

Am anderen Morgen lag der Vorgang der vorigen Nacht nicht anders in ihm wie eine Hexengeschichte aus seiner längst vergessenen Kindheit, und er verbarg das Säcklein mit dem Reis in dem dunkelsten Winkel seiner Stube. Seiner Frau, die beim Erwachen ihr Aufschrecken während der Nacht sogleich im Kopfe und auf der Zunge hatte, erzählte er irgend etwas von der Vorsicht, die jetzt für jeden ehrlichen Menschen die Hauptsache sei. Denn seit dem Gendarm keine Helmspitze mehr aus dem Kopfe wachse, halte sich jeder Lümmel für einen Angestellten des Staates und stecke seine Nase in Dinge, die ihn nichts angingen. Und so sei es wohl möglich, daß er, durch irgend etwas beunruhigt, aufgestanden wäre und Licht gemacht hatte. Was es ihm aber vorgegaukelt, das wisse er nicht mehr genau. Darauf pfiff er davon und trällerte sich über die Treppe hinunter.

Eben gingen die Kinder zur Schule, als er auf den kleinen Platz des Ortes einbog und im Gehen überlegte, wenn das Rind und das Schwein, das für ihn unterwegs war, glücklich in seine Hand gelange, so wären dreitausend Mark wieder sicher in seinem Sack. Er war ganz in sich versunken und da er aus dem noch ungewissen Licht dieser Hoffnung wieder bei sich war, sah er ein kleines dürftiges Mädchen auf sich zukommen, das so welk und blaß war, als sei es ohne Abendessen in die Nacht und ohne Frühstück in den Tag gegangen und als schleiche es ohne Freude seit Jahren durch sein junges Leben. Nein, es ging nicht, wie es Kindesart ist, daß jeder Schritt mehr einem Flügelschlagen gleicht, sondern wirklich wie ein Maschinlein, das im Stehenbleiben ist, bewegte es gleichgültig die dünnen Beinchen. Die wächsernbleichen durchsichtigen Zeigefingerchen umeinander drehend, mit gepreßten dünnen Lippen und gesenkten Lidern diesem Spiel zuschauend, so kam es weltverloren auf Gudnatz zu, daß es eher einem wandernden Leichlein, denn einem lebendigen Menschenkind glich. Das war der zweite Stoß, den es Anton Gudnatz versetzte, so heftig, daß er nicht bloß die verzweifelte Stimme des Kindes von gestern nacht, sein Schluchzen und Treppenschleichen wieder erlebte, als käme alles von dem bleichen Mädchen da vor ihm, sondern die Furcht vor einem nahenden Unheil befiel ihn gleich einem inneren Schauer noch stärker als gestern nacht.

Am liebsten wäre Gudnatz umgekehrt, um diesem »Anzeichen« nicht noch mehr Fug auf sich einzuräumen. Wegen der Leute konnte er es aber nicht tun. So ging er wenigstens mitten auf die Straße, daß er die Kleider des Unglückskindes nicht berühre. Einige Schritte weiterhin drückte er sich freilich Courage in den Rücken, fing wieder an abwechselnd zu pfeifen und zu trällern, spuckte die halbe Zigarre aus, zündete sich eine neue an und brachte es auch wirklich fertig, daß er nach kurzer Zeit wieder mit all seinen Gedanken in seinem Geschäft werkte.

Trotz alledem! In der vorigen Nacht hatte es ihm die Pferde aus dem Wagen gespannt und statt der beiden Traumhengste, die auf »Hott« und »Hüh« spielend über jede Gefahr hinweggekommen waren, spürte er bald zwei hartmäulige Mähren vor seinem Geschäftsgefährt, die keinem anderen Drang folgten, als bald in dem einen, bald im anderen Graben abzuladen.

Das sollte er denn auch sogleich erfahren. Der Bauer, zu dem er unterwegs war, den Handel um zehn Sack Weizen abzuschließen, tat wie ein eingetrockneter Brunnenstock, weil er das Getreide indessen an einen andern Schieber um einen beträchtlich höhern Preis losgeschlagen hatte. Und da Gudnatz über diese Untreue in die Wolle geriet, ließ ihn der Bauer mit verstellten Worten an der Wahrheit schmecken, daß das Wort Gauner auch im republikanischen Deutschland mit »G« geschrieben würde und wer mit Schelmen tanze, es sich gefallen lassen müsse, wenn der Staatsanwalt das Tanzgeld einkassiere. Ihm seien dreckige Hosen lieber als dreckiges Geld. Bei wem aber beides beieinanderhocke, die sehe er je eher je lieber vor als in dem Hofe. Damit stand der Fläz von dem Tische auf, machte Augen wie Pflugräder und ging in einer Art der Tür zu, daß Gudnatz seine Hand schon um Rockkragen spürte. Vor dem Tor aber ermannte sich Gudnatz und fragte, ob es wahr sei, daß in dem Bauernhimmel jeder Hund selig gesprochen werde.

»Ja ja,« war des andern Antwort, »solange die Schieber in der Sch ... e Halleluja singen, kann's wohl sein.«

Dazu lachte er breit heraus und ließ ihn stehen. Nun, wenn man auch nicht mit seinen Beinen in Gudnatz' dreckige Hosen hineingeboren ist, so wird man es doch verstehen, daß der Mann nach diesem Abschied des Bauern die Gasse hinuntersah, als sei sie ein Feuerloch. Denn jeder Mensch hat seine Ehre, wenn sie hinter manchem auch nur herläuft, wie ein herrenloser, stinkender Pintscher. Gudnatz also stand und überlegte, daß dieses Pack von Bauern es wahrhaftig nicht wert sei, sich so zu plagen. Denn sie allein würden bei dem Handel speckfett, während die armen Schieber immer wie im Trommelfeuer von Granatloch zu Granatloch springen müßten. Damit setzte er sich in Bewegung und nahm sich vor, da sein Geschäft doch nicht so mir nichts dir nichts an den Nagel zu hängen sei, den nächsten Bauern, der ihm unter die Finger gerate, ein Gericht zu kochen, daß ihm und seiner Familie die Augen wochenlang nicht trocken werden sollten. Dieser gute Vorsatz richtete das niedergedrückte Gemüt Gudnatzens auf, und an der nächsten Straßenecke machte er schon wieder Augen, als sei er von Gott eingesetzt, die ganze Welt auszuverkaufen.

Deswegen achtete er auch kaum eines Burschen, der die Mütze in der Hand, in atemlosen Schritten den Weg herauf kam, und, seiner ansichtig werdend, mit beiden Armen zu winken begann. Er trug Langschäfter und sah einem Knecht ähnlich. Gudnatz schwenkte mit einem halben Blick nach ihm um die Ecke und ging fürbaß. Auch als er seinen Namen hinter sich rufen hörte, drehte er sich nicht um, weil er noch zu giftbitter war, schon wieder einen Handel mit so einem vermaledeiten Bauern zu beginnen. »Herr Gudnatz!« keuchte es hinter ihm drein, »Herr Gudnatz!« »Presch' dir die Lunge aus,« dachte der Schieber höhnisch und machte seine Schritte eher noch eine handbreit länger.

Endlich kam ihm doch die Stimme bekannt vor und wie er sich herumdreht, steht der Kutscher schweißgebadet vor ihm, dem er die Heranschaffung des Rindes und des Schweines übergeben hatte, von denen ihm heute morgen ein solch fröhliches Gewinnlicht aufgegangen war, und machte ein Gesicht, als habe er stundenlang unter Toten gelegen, richtig zum Erbarmen.

Aber was ihm widerfahren war, das brachte er in der Aufregung nicht zusammen. Um den Leuten, die auf- und zugingen, nicht den Lästerstecken in die Hand zu geben, stellte sich Gudnatz, als kenne er den Menschen nicht, ging eine Weile neben seinem Gestotter her und bog bei dem nächsten Rain ins Feld hinaus. Wie sie so, der Schieber voraus, der Knecht immer drei Schritte hinter ihm, zwei, drei Ackerbreiten, an Rüben, Hafer und Gerste vorbei, über ein Hübelchen hinaus, hinter einige Felsbrocken gekommen waren, daß sie von dem Dorfe her nicht mehr gesehen werden konnten, blieb Gudnatz mit einem Ruck stehen, schob die Mütze über den Kopf und fragte protzig:

»Na, also, was gibts?«

Aber da das Knechtlein den dreckigen reichen Schieber so donnerdick auf sich losfahren sah, verfing sich seine Zunge an den Zähnen wie an ebensoviel Häkchen und seine Worte schoben, Hase und Hund, als sei Treibjagd in seinem Munde, durcheinander, daß dem Gudnatz, der sowieso noch nicht abgekocht hatte, die Geduld riß.

»Quatsch' dich nachher aus!« schrie er. »jetzt sag' mal, Esel, ob sie dich gekappt haben oder nicht.« Denn er merkte wohl, daß mit der Schieberfuhre des Knechtes nicht alles wie das Amen in der Kirche gegangen war.

Der Bursche aber, der das Unglück, das ihm widerfahren war, dem Schieber gern Brocken um Brocken von hinten in die Rocktasche geschoben hätte, stotterte noch etwas von Tiefhartmannsdorf und Spiller, von Chausseebäumen und Pechfinsternis, wurde vor Verlegenheit und Angst immer wütender und schrie endlich, eher noch lauter als Gudnatz vorher:

»Jawohl, kaputt! Alles zum Teufel, alles hat der Hund von Gendarm geschnappt. Rind und Schwein, die fünf Ballen Mehl, den ganzen Wagen. Geschossen haben die Kerle auch noch, der Gendarm und die anderen ...«

»So so,« sagte Gudnatz tonlos, setzte sich auf einen Stein, knipste die Asche von der Zigarre, sah eine Weile ins Gras und fragte dann mühsam:

»Und Du?«

»Ich?«

»Ja.«

»Ich. Haha?«

»Ja Du.«

»Na, da hört doch alles auf! Ich? Denken Sie, ich werd' mich umknallen lassen oder einsperren? Nee, da bin ich nicht dumm genug. Den Schwung hätten Sie sehn sollen, sag' ich Ihn! Schwupp aus der Kelle in einem Satz über den Graben und dann langschoß mitten durchs hohe Korn. Eenmal, zweemal knallts noch hinter mir her. Dann war's stille. Jawoll.«

»Und die Pferde?«

»Ja die Pferde? Die haben die Kerle ebens auch.«

Gudnatz war aufgestanden, räusperte sich und rückte die Mütze in die Stirn. Das »Anzeichen« heute nacht stimmte also.

Mechanisch langte er in die Brusttasche nach den Banknoten. Zog aber die Hand zurück und spie verächtlich neben sich hin.

»Sage mal, Mensch, Kerl, Schubiak elender, Drosel, verfluchter ...« er konnte nicht weitersprechen, spuckte wieder aus, rieb sich die Hände und schüttelte fassungslos mit dem Kopf. – »Himmelhund!« vollendete er nach einigem Sinnen aus tiefster Brust.

»Und das Wagenschild? Ist natürlich auch dran geblieben, nich?« fragte er spöttisch und mit Überwindung weiter.

Der Knecht senkte verdutzt die Augen, drehte die Mütze in den Händen und wischte den Schweiß heraus.

»Ach was geht mich die ganze Schweinerei an, die Sie und Wille da treiben. Nee, da geh ich doch lieber ... lieber und fahre Jauche. Nee, nee«, sagte er ohne Aufsehen, immer in die Mütze hinein. »Das nich, Herr Gudnatz, das nich. Das Schild ist zu Hause geblieben. Wissen tut niemand was, wo ich hergekommen bin, auch nich. Nee. Aber Wilke läßt Ihn' sagen, die Pferde kosten zehntausend Mark und wenn er das Geld nich bis morgen abend hat, geht er und zeigt die ganze Geschichte an. Nu wissen Sie's.«

Damit hatte er seinen Mut wieder, warf sich die Mütze über die Ohren und ging in langen Schritten davon. Gudnatz blieb stehen wie mitten in einer Ohrfeigenschule und das Feld tanzte um ihn.

»Das hat man davon, wenn man den Leuten hilft, daß sie nicht verhungern,« murmelte er, sog an seiner Zigarre, sah, daß sie ausgegangen sei, und warf sie weg. »Aber Anton Gudnatz ist kein Guter, und noch lange kein Natz.«

Darauf ging er in einem großen Bogen durch die Felder, als komme er aus Martinsbach, in sein Haus zurück.

Fröhlich, wie er am Morgen ausgegangen war, pfeifend und zwischenein trällernd, als habe er in jedem Mundwinkel ein Grammophon, stieg er die Treppe zu seiner Stube empor. Seine Frau spürte nicht das mindeste von dem, was ihm widerfahren war.

»Na, Anton, alles gedeichselt?« fragte sie, mitten in der babylonischen Verwirrung des Zimmers stehend, das Schlaf-, Wohnzimmer, Küche, Verkaufsraum und Warenremise war, trocknete sich die Hände an ihre beschmutzte Schürze und steckte dann deren Zipfel hinter den Taillenbund.

»Alles gedeichselt,« antwortete Gudnatz neben sie hintretend und sah sich in dem Zimmer um, indem er seine Mütze tändelnd an den Oberschenkel schlug. »Und wie, Selma! – gekappt und geschnappt. Alles. Haha.«

Damit setzte er sich auf einen Stuhl und warf die Mütze auf den Tisch. »Ein Durchzieher, sag' ich dir.«

»Mit dem Weizen?«

»Jaaa, mit dem Weizen auch. Alles überhaupt gekappt und geschnappt, haha!«

Und dabei gingen seine Augen immer in der Stube umher, wieselnd und stöbernd.

Endlich merkte seine Frau doch etwas und fragte, eine Hand energisch über ihre vollen Hüften stemmend:

»Na, paßt dir etwan wieder was nich?«

»Ist der Reis schon weg?«

»Freilich, alles, wie du siehst.«

»Doch sieben Mark das Pfund.«

»Nu, doch nicht etwan anders?«

»Hmhm. Und der Kaffee?«

»Ach nu. Zweiundzwanzig wollen eben die wenigsten geben.«

»Ja, da werden sie halt in vierzehn Tagen wieder dreißig geben müssen.«

Gudnatz gab sich den Anschein, dieses geschäftliche Gespräch mit der alten Hingabe zu führen, setzte aber währenddessen unauffällig das Gilieren mit den Augen fort, ohne den Gegenstand zu entdecken, um den es ihm zu tun war.

Darum erhob er sich faul, schob die Arme hinter den Kopf und gähnte laut.

Und nachdem er sich so aus der Schlinge des Mißtrauens seiner Frau gezogen hatte, fragte er beiläufig:

»Hast du etwan den Beutel Reis auch verkauft, der hinter den Ballen stand?«

»Nee, ich kann doch den Mäusereis nicht verkaufen.«

»Mäusereis is gut, Selma, wahrhaftig! Ja – Nee und was haste denn gemacht damit?«

»Was werd ich denn gemacht haben? Weggeschenkt Hab ich 'n.«

»So?« fragte Gudnatz und machte große Augen.

»An wen denn?«

»Das is doch ganz egal. Wenn ich 'n wegschenk', schenk ich 'n weg und wenn's Mäusereis is, is Mäusereis. Denkst du etwan, man darf kee Herze mehr haben, wenn's einem besser wie früher geht? Das kleine Mädel von der Paulitschken, du kennst's ja, mit den großen braunen Augen. Die hatte es doch mit der Lunge im Frühjahr.«

»Drehte sie denn die Finger umeinander?« fragte Gudnatz leise und, hätte seine Frau gut gehört, fast furchtsam. So aber glaubte sie, ihr Mann, der sich wieder gesetzt hatte, verspotte sie nur. Darum brach sie los:

»Finger drehn? Was? Ich glaube bei dir drehts. Aber nich in den Fingern, sondern im Koppe.«

Gudnatz gab keine Antwort, zog die Mütze über den Tisch heran und erhob sich, bei ernstem Gesicht, einen Fleck an der gegenüberliegenden Wand starr ansehend.

»Hm,« sagte er nach einigem Sinnen. »Ja, ja. Ich weiß schon. Ich kenne sie, das Mädel. Gelt, sie konnte kaum über die Stiege rauf. Als wenn sie auf allen Vieren käm, war's. Jaja. Und gewimmert und geschluchzt hat sie.«

Er nickte gedankenvoll, mit verfinsterter Stirne, befühlte alle seine Taschen in Hose und Rock und vollendete dann dumpf:

»Ich weiß, aber ob es das Mädel der Paulitschken is. Das is eine andere Frage.«

Ohne auf seine Frau zu achten, verließ er das Zimmer und ging unbeirrt die Treppe hinunter, obwohl ihm seine Ehehälfte nachrief, daß das Essen jeden Augenblick auf dem Tische stehen werde.

Er verließ in der fatalistischen Sicherheit das Haus, das Mädchen der Paulitschken, dem der Reis geschenkt worden war, sei nur eine Täuschung seiner Frau. In Wahrheit habe niemand andres den Reis empfangen, als jenes rätselhafte Spukkind, das ihn die vorige Nacht aus dem Bett getrieben hatte. Und weil es keinen Weg gab, diese geheimnisvolle Verflechtung zu lösen, deswegen war er wehrlos in sie verstrickt, so wehrlos, daß er auf dem Wege in die Wohnung der Arbeiterwitwe Paulitschke in der Mühlgasse mit ironischem Lächeln plötzlich halt machte, sich über das Geländer der kleinen Brücke lehnte und nach langem Starren aufs Wasser herunterspuckte. Denn wenn das Mädchen der armen Frau auch wirklich den Reis empfangen hatte, geholt war er doch nur von jenem Wesen, das ihm um Mitternacht erschienen war. Über so was können nur Leute lachen, die den Krieg nicht mitgemacht haben. Haha! Das war doch genau dasselbe, was ihm vor Olita passiert war, wo ihn ein Kamerad im Schützengraben von seinem Platz zu sich gerufen hatte, um ihm das Bild seines ältesten Jungen zu zeigen. Kaum war er von der Stelle weggekrochen, als eine Granate dort einschlug und alles zu Brei hieb. »Es« hatte sich eben des Kameraden bedient, ihn zu retten, genau so, wie »es« jetzt durch das Mädchen der Paulitschken sein Ziel der Warnung vor Unheil verfolgte. Auch in dem Schulmädchen auf der Straße hatte »es« gesteckt.

Mit jenen lässig-krampfhaften Schritten wie kugelgehärtete Soldaten zum Sturm übers Feld dem Feinde entgegengehen, sobald sie aus dem Graben gesprungen sind, bewegte sich Gudnatz über die Holzbrücke des kleinen Flusses, an einer Konditorei linker Hand, einem schmucken Schulhaus rechter Hand vorbei, das Gesicht zusammengerissen, aus Beklemmung von Zeit zu Zeit durch die verstopfte Nase schniebend, ganz so, als zwitschere es ihm von Flintenkugeln um den Kopf, meckere mit Schrapnells in der Luft, brumme, heule und berste auf der ganzen Erde. Auf etwas, das noch nicht zu sehen war, haftete er seine ganze Aufmerksamkeit mit der Entschlossenheit, sich auf keinen Fall unterkriegen zu lassen. So geheizt von einer verborgenen Glut und gelähmt von ungefährer Furcht, ging er über den unbenutzten kleinen Friedhof, der, nur noch als Schaustück der Todeseitelkeit gehegt, um die evangelische Kirche lag und schaute so gleichgültig über die gepflegten Hügel und Grabsteine, wie es nur ein Mann kann, dem durch Kriegsübung Sterben als ein gewöhnliches Geschäft und der Tod im sicheren Bett als ein behaglicher Vorgang erscheint und konnte es doch nicht verhindern, daß seine ein wenig einwärts gekehrten Füße noch etwas latschender als sonst weiter kamen, sein krumm geschossener Oberleib noch mehr nach der Seite hing und sein mühseliges Gesicht von dumpfem Kummer noch ausdrucksloser gemacht wurde. Und als er bei dem Hotel, das an den Friedhof grenzte, am Ausgange des Totengartens, angekommen war und mit dem nächsten Schritt auf die Straße unter die Menschen treten sollte, fiel ihn eine unerklärliche, aber nicht zu bezwingende Zaghaftigkeit an, daß er sich gegen die Ecke der Mauer lehnte und, wie pensioniert vom Leben, auf das kleine Gewimmel schaute, das da vor ihm hin- und herschob.

Und während er genau alles beobachtete, wie die Passanten vom Bürgersteig in die Mitte des Straßendammes schritten, einander auswichen, sich grüßten, Pakete trugen, den Hut nach hinten schoben, Mütter Kinder leiteten, wie die Fuhrleute die Pferde antrieben, wurde Gudnatz so verlegen, ja beschämt, so lebensunsicher, daß er in einer förmlichen Angst fortwährend Flüche murmelte, aber so wie Fromme in der Seelennot ihre Heiligen anrufen.

»Verflucht! – Verflucht! – o verflucht ...«.

So kaute es Gudnatz zwischen den Zähnen und kratzte mit dem Nagel des Zeigefingers währenddessen eine tiefe Rinne in den Bewurf der Mauer, an der er lehnte.

Das dauerte an die fünf Minuten, eine lange Zeit für einen, der inwendig mit kurzen, jagenden Schritten läuft. Dann kamen zwei alte Männer von den entgegengesetzten Seiten der Straße, einer von der Kirche, einer von der Post her aufeinander zu. Der von oben Herschreitende mit einem weißen Kuchenbart auf dem Rock, einer breiten Tolstoinase und zwei langgekauten gelben Zähnen im Oberkiefer seines großlippigen, offenen Mundes. Der von unten Kommende mit einem kurzen und einem langen Bein, eilfertig zuckelnd, das glattrasierte Gesicht ein einziges mißtrauisches Zwinkern.

Gerade vor dem Schieber stießen sie fast aufeinander, lachten in einem kurzen Stößlein, unmotiviert, wie ausgeleierte Greise es öfter tun, einander an und saßen im Handumdrehen nach dem gewöhnlichen Wortschnuppern in einem Gespräch fest, das von den teuern Mohrrüben des einen, dem sündhaften Tabakpreis des andern begann und dann eine Weile zornig an allen »niederträchtigen Verhältnissen dieser Sauzeit« hin- und herschnob. Gudnatz, der drei Armlängen entfernt an seiner Hotelecke lehnte, achtete nicht sonderlich auf die beiden, verlegte nur sein Gefluch aus dem Munde in sich hinein und kratzte mit dem Zeigefinger in seiner Rinne weiter. Denn das Geschimpf solcher »alten Säcke« kannte er zur Genüge, und es rührte ihn auch nicht sonderlich, obwohl die Klagen der Greise nichts als eine einzige Beschimpfung seines Gewerbes waren. Bis sich ihr Gespräch in Betrachtungen verlor, was geschehen wäre, wenn die Deutschen gesiegt hätten. Der Kurzbeinige klemmte auch da manches »wenn« und »aber« hinein, zwinkerte mißtrauisch und stach mäkelnd mit der Spitze seines Stockes zwischen die Steine. Der andere aber pfiff in asthmatischer Begeisterung zwischen seinen beiden blonden Zahnen die höchsten Lobeserhebungen der Zustände nach einem deutschen Sieg.

»Ich kann Ihnen sagen,« sprach er, sich immer wieder von dem versetzten Atem erholend, »es mußte gehen. Mußte, sag' ich. Sag' ich nicht. Behaupt' ich. Behaupt' ich nicht. Beweis' ich. Jawohl. Nehmen wir nur die Schlesier, speziell die Oberschlesier, die man zu Unrecht Polaken nennt. Preußen sind's. Preußen wie aus dem Ei gepellt. Ja. Wenn alles gerissen ist. Die haben's geschafft. Und wissen Sie wie? Die Besinnung haben sie einfach verloren. So wie es der geborene Held tun muß, wenn's letzte Wasser tropft. ›Pieronna‹, kann ich Ihnen sagen. Wenn das losging, dann schlotterte jeder französische Hosenknopf. Und aus war's. Fort liefen die Schufte.« Der Mann sprach immer mehr in dem harten Akzent, der den Oberschlesiern eigen ist.

Gudnatz begriff nicht, inwiefern ihm das wie eine Erleuchtung kam, nein, wieso er geradezu erschüttert wurde.

Noch ehe sich der Ausgepumpte zu neuem Losbruch erholen konnte, trat Gudnatz auf ihn zu, nahm die Mütze ab und frug:

» Co povidal pane?«

Der Große strich sich den Bart, sah an dem krummen Schieber in gereizter Belustigung hinab und rief unter breitem Herauslachen:

»Sie sind wohl meschugge, Mann?«

Gudnatz entschuldigte sich und ging wie nach einer Ohrfeige davon, überschritt den Straßendamm, hörte die Greise hinter sich herlachen, begann wieder stoßgebetartig vor sich hin zu fluchen und drückte sich zwischen den Häusern aufs Feld hinaus. Einmal während seiner Kriegszeit in Rußland war Gudnatz in einer dunstverhangenen Sternennacht mit mehreren Kameraden in einem gebrechlichen Boot über ein großes Wasser gefahren, er wußte nicht mehr zu sagen, war es ein Fluß oder ein See gewesen. Doch das Wanken und Schaukeln bis in die Gedärme, bis ins Hirn, bis in die Fingerspitzen hinein, vergaß er nicht mehr und erinnerte sich noch manchmal, daß er hatte beide Hände zu Fäusten ballen müssen, um einen Halt in sich zu haben.

Und merkwürdig. Kaum, daß er vor den Ort getreten war und seine Augen über die tellerflache Ebene gehen ließ, aus der das Gebirge wie in einem jähen Sprung sich in die Höhe schleuderte, überkam ihn das Schaukeln und Wanken, das ihn in jener Dunstnacht auf dem See gepackt hatte, wieder so heftig, als sei die ganze feste Erde, auf der er stand, nur ein schwankes, tanzendes Brett, von dem er jeden Augenblick ins Bodenlose geschleudert werden konnte. Wohl kämpfte er einen Augenblick gegen diesen Anfall, ballte die Hände wie damals und fluchte ein paarmal inbrünstig und kräftig. Aber es hörte nicht auf. Deswegen machte er schnell kehrt und schlüpfte die schmalen Gäßchen zwischen den Häusern auf demselben Wege in den Ort zurück, den er bei seinem Ausgange vorhin benutzt hatte. Als er auf die belebte Hauptstraße trat, sah er die beiden greisen Männer noch immer vor der Hotelecke stehen und eifrig plaudern. Vielmehr der Große, mit dem weißen Kuchenbart, fegte über den Kopf des Kleinen leidenschaftlich in der Luft und vermochte doch nicht, das mißtrauische Zwinkern und Mäkeln von seinem Gesicht zu vertreiben. Da fiel es Gudnatz ein, daß er vergessen hatte, den beiden eine Erklärung abzugeben, warum er sie vorhin tschechisch gefragt habe. Eilfertig setzte er sich auf die beiden zu in Bewegung, um das Versäumte nachzuholen. Aber als er in der Mitte der Straße angekommen war, wandten beide, wie auf einen Stoß hin, das Gesicht nach ihm, gaben sich schnell die Hand zum Abschied und gingen fluchtartig nach entgegengesetzten Richtungen, starr vor sich in die Luft sehend, auseinander. Gudnatz steuerte gleichwohl unbeirrt auf die Stelle zu, auf der sie gestanden hatten, und als er dort angekommen war, sah er enttäuscht und ratlos zu Boden.

»Ich bin doch aus Tscherbeney bei Kudowa. Meine Mutter war eine Böhmin und stammte aus Nachod und als mein Vater gestorben war, zog sie mit mir tiefer ins Böhmische hinein nach Auercin zu ihren Verwandten. Aber ich hielt es unter den Böhmaken nicht aus und lief nach einem Jahre wieder zu dem Bruder meines Vaters nach Tscherbeney ins Deutsche zurück.« Er sprach alles, was er zu den beiden Männern hatte sagen wollen.

Anklagend, bitter murmelte er sich das vor die Füße, und ihm war zumute wie einem, der, von seiner Kindheit an, um Deutschland gelitten hatte und zum Lohne dafür nun verfolgt, nein gehetzt wurde und zuletzt noch um sein unter tausend Gefahren zusammengerafftes Vermögen gebracht werden sollte.

Vielleicht hätte er noch länger gestanden und in sich hineingebohrt. Aber er erhielt unversehens einen derben Schlag auf die Schulter und eine ungefüge Männerstimme rief lachend:

»Na, altes Ranft! Steine gehen nicht zu schieben!«

Beim Aufschrecken sah er in das herumgewandte, rote Gesicht des Arbeiters Mautschke aus der Maschinenfabrik, eines Bekannten von früher her, der im ununterbrochenen Weitergange ihm lustig zunickte, eine bezeichnende Handbewegung des Schiebens machte und auf sein verdutztes Gesicht hin noch schrie: »Schiebe ruhig weiter, bis der Mastbaum bricht.«

Dann klapperte er mit langen Schritten davon, ohne sich noch einmal umzuwenden. Nur seine Schultern ruckten noch einige Mal, als lache er in sich hinein.

»Esel«, sagte Gudnatz verächtlich und setzte sich nun wieder in Bewegung.

Aber er war doch durch diesen Vorgang aus dem inneren Einnebeln soweit herausgerissen, daß ihm die Augen für seine Lage wieder etwas freier geworden waren. Mit einem Griff in seine Taschen versicherte er sich der Gewißheit, noch im Besitze seines Vermögens zu sein, steckte sich eine neue Zigarre an und beschloß, vor der Hand so zu handeln, als ginge ihn die ganze Geschichte gar nichts an. Und obwohl er spürte, daß ihm dieser Vorsatz nicht sozusagen ruhig von der Leber floß, ließ er sich nicht stören, ging den Weg über den Friedhof, an der Konditorei und Schule zurück, überschritt die Brücke, stockte zwar ein wenig in der Mühlgasse vor dem Hause, in dem die Paulitschken wohnte, drückte sich aber gewaltsam weiter und fand, als er auf der anderen Seite aus dem Orte herausgekommen war und den Bahnhof hinter der geknickten Allee liegen sah, daß es höchste Zeit sei, sich nach dem Waggon Fett und Fleisch zu erkundigen, der, seit acht Tagen überfällig, von Dresden her für seine und eines Breslauer Schieberkollegen Rechnung unterwegs war.

Es ging schon auf die siebente Abendstunde los.

Das Licht nahm die glasige Erschöpftheit des sinkenden Tages an. Der Bahnhof lag still, wie ausgeraubt, da. Hier und dort war eine Scheibe zerschlagen, wie von heimlichen Einbrüchen. Die gelben Fahrpläne hingen halb heruntergefetzt an den Wänden, überall lag Staub und Schmutz, und beim Durchschreiten des Flures fiel sein Blick wieder auf die mit blauer Kreide in großen Kinderbuchstaben an die Wand geschriebenen Worte: Hoch die Republik! Hoch Ebert und Scheidemann!

Auf dem verödeten Perron kam ein Eisenbahnarbeiter in faulem Hintrödeln das kleine Holztreppchen aus dem Güterschuppen herab, die Hände in den Hosentaschen, eine kurze Pfeife lässig im rechten Mundwinkel hängend. Das ganze Personal der kleinen Station stand unter Gudnatzens Schmiere. Als der Mensch des Schiebers ansichtig wurde, erhellte sich etwas sein mißmutiges Gesicht.

»Na, 'n Tag, Herr Gudnatz!« sagte er an ihn herantretend. »Sie gehn spazieren und wir müssen noch schuften. Eine vermaledeite Schweinerei: Halb sieben und noch kein Feierabend! Aber nächstens schmeißen wir den Krempel hin.«

»Na, na! 's wird ja wieder kleckern!« antwortete mit aufmunterndem Zwinkern Gudnatz und reichte ihm eine Zigarre. »Wo ist er denn?« Damit meinte der Schieber den Vorsteher.

»Drinne wird er sein,« murmelte der Arbeiter wieder in seine bittere Trägheit verfallend und ging schnaufend weiter, nachdem er durch eine gleichgültige Kopfbewegung nach der Tür zu dem Stationsbureau gewiesen hatte.

Gudnatz mußte, um in das Zimmer des Vorstehers zu gelangen, einen Vorraum durchschreiten, in dem neben der Fahrkartenausgabe die Güterabfertigung und die Ablage des Handgepäcks untergebracht war. Die längliche Stube war verödet, die beiden Schreibpulte sahen aus, als seien sie seit langem unbenutzt. Irgendwo trappte jemand mit schweren, schlaftrunkenen Schritten zwecklos und faul umher. Der Schieber zog aus einer dicken Banknotentasche einen Fünfzig- und nach kurzem Überlegen noch einen Hundertmarkschein, steckte jeden gesondert in eine andere Tasche und klopfte dann an die Tür des Vorstehers.

Als er eintrat, saß der ihm bekannte Mann über einen Bogen gebeugt, eifrig schreibend vor seinem Tisch, die Stirne in Falten und bewegte lautlos die Lippen. Noch eine lange Weile fuhr er in seiner Arbeit fort, ohne sich um den Eingetretenen zu kümmern.

Gudnatz erkannte, wo das hinauswollte und steckte seine Hand griffbereit in die Tasche, in der er den Hundertmarkschein untergebracht hatte. Endlich legte der Beamte unwirsch die Feder weg, hob seinen kleinen eckigen Kopf mit dem verdrossen-melancholischen Gesicht, blickte den Schieber durchdringend an und sich den ergrauten Spitzbart zupfend, sagte er:

»Sie kommen wieder wegen Ihrem Dresdener Wagen, he? Ja, das ist eine miserable Geschichte, wissen Sie. Nehmen Sie Platz.«

»Nun ja,« antwortete Gudnatz höflich, »einmal, denk' ich, muß er doch kommen.«

Der Beamte lachte höhnisch heraus.

»Nun ja, sagen Sie und, denk' ich!«

Dann sprang er vom Stuhle auf und griff erregt in seinem Schreibgerät umher.

»Das lungert ja alles bloß so von Dieben und Räubern und Gesindel. Richtig Gesindel! Da sagen Sie, denk' ich, mein lieber Gudnatz.«

»Eigentlich, Herr Vorsteher, komme ich nicht deswegen. Denn vor der Hand brauch ich ja den Wagen noch nicht so notwendig. Aber wie mir eingefallen ist, sind wir mit unserer vorigen Abrechnung noch nicht ganz im Reinen. Ich bin Ihnen noch hundert Mark schuldig. Da hart' ich keine Ruhe. Hier sind sie.«

Gudnatz schob den Schein auf den Tisch und der Beamte kehrte sich zum Fenster und sah auf den Platz vor dem Bahnhof.

Als er sich wieder herumwandte, begann er die in Unordnung geratenen Papiere auf dem Tisch zusammenzulegen und spedierte dabei den Geldschein unauffällig unter einen Bogen.

Darauf setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und rieb sich aufgeräumt die Knie.

»Wissen Sie schon, Gudnatz, daß ich vorige Nacht bestohlen worden bin?« fragte er.

»Nein.«

»Ja ja. Bestohlen, beraubt eigentlich. Hinter dem Güterschuppen hab' ich doch meinen Stall. Zwei Ziegen, drei Kaninchen, vier Hühner. Die Tür mit Eisen beschlagen, zwei Vorhängeschlösser davor. Alles was in dieser Zeit eben notwendig ist. Und da, denk' ich doch, kann man ruhig schlafen. Ja, hast du die Meese! Heute morgen, als ich hinkomme, ist alles leer. Alles, sag' ich. Auch kein Haar und keine Feder mehr da. Ziegen, Karnickel, Hühner, alles weg! Das ist ja ein Leben wie unter Zuchthäuslern!«

Damit sprang er wieder auf und begann in dem kleinen Räume, vor dem Schreibtisch und hinter Gudnatzens Stuhl, erregt und unter Verwünschungen hin- und herzulaufen, die auf das Bedauern Gudnatzens hin sich nicht mäßigten, sondern immer aufs neue losbrachen.

Endlich fühlte der Schieber den Sinn dieser Erregung des Beamten, langte in die andere Tasche und sagte scherzhaft:

»Na wissen Sie, Herr Vorsteher, legen Sie das Pflaster da auf die Wunde.« Damit drückte er ihm den Fünfzigmarkschein in die Hand.

»Ach nu, freilich. Ja. Haha. Weg ist weg.«

Verlegen lachend kehrte er an seinen Platz zurück. Vor dem Hinsetzen fuhr er aber wieder auf, lief an die Tür und sah in den Vorraum. Er war noch leer.

Befriedigt kehrte er zurück und unter Zwinkern begann er mit halbem Ton weiterzusprechen.

»Als was ist der Wagen denn deklariert?« fragte er.

»Fettes Eisen,« antwortete Gudnatz in dem Rotwelsch, das sich zwischen Schiebern und Eisenbahnbeamten herausgebildet hatte.

»Bloß fettes Eisen?«

»Nu und das übrige Flora.« Das bedeutete Fleisch.

»Flora? Au, der Teufel! Das wird ja stinkig, wenn's nicht schnell geht.«

»Na eben, Herr Vorsteher. Das ist ja eben die Schwerenot! Sechzigtausend, ach was sag ich, achtzigtausend Mark die ganze Geschichte. Sie sagten doch gestern, es sei in G. angekommen. Sie hätten den Beamten angerufen. Na und ich hab' ihm daraufhin doch sofort tausend Blättchen gesandt.«

»Tausend?« fragte erstaunt der Beamte.

»Ja. Kriegen Sie natürlich auch, wenn der Wagen erst da ist,« beruhigte ihn Gudnatz.

Darauf saß der Vorsteher lange in tiefen Gedanken, finster vor sich hinsehend.

»Na, werd' ich Ihn was sagen, Gudnatz. Wir sind alte Freunde Im Vertrauen, verstehn Sie. Ja und eigentlich bloß meine Meinung. Hier hat Möller, Ihr Konkurrent in G., die Hand im Spiele.«

»Na, hören Sie,« fuhr der Schieber erregt auf.

»Ich habe dem Kerl von G. doch schon die tausend Blättchen in den Rachen geworfen.«

»Was denn, lieber Herr? Dann hat ihm Möller eben dreitausend gegeben und der Wagen ist verschwunden. Da ist dann nichts zu machen.« Gudnatz saß eine Weile still, wie vernichtet.

»Halten Sie das für möglich?« fragte er mit Anstrengung dumpf.

»Nicht bloß für möglich. Nein, es ist sicher so,« antwortete der Beamte und Gudnatz glaubte sogar etwas wie spöttischen Hohn in seiner Stimme zu vernehmen, erhob sich ruhig und ging stumm hinaus.

Unter der Tür ruckte es ihn. Er wandte sich um, nickte dem Beamten zum Abschiede freundlich zu und sah ihn dann lange von oben bis unten an, so musternd, so durchdringend, daß der Vorsteher endlich lachend rief:

»Na, was hat's denn noch.«

Gudnatz schüttelte den Kopf. »Nein, das geht doch nicht,« murmelte er.

»Was geht nicht?« fragte der Beamte betroffen. Aber da kehrte der Schieber schon schnell zurück, trat zu dem Mann und begann eilfertig, mit der rechten Hand über die Achseln und die Brust seiner Montur zu bürsten^ indem er sagte:

»Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber so können Sie doch nicht unter die Leute gehen.«

»Warum denn nicht? Sie sind komisch. Was hat's denn?«

»Na sehn Sie nicht? Sie sind ja über und über voll Schweinerei.«

Und ehe sich der Beamte von dem unvermuteten Schlag gefaßt hatte – war Gudnatz mit ein paar springenden Schritten schon wieder jenseits der Schwelle. Er hörte gerade noch den Anfang amtlicher Empörung: »Nu, Sie dreckiges, unverschämtes Aas, Sie ...«

Dann schlug der Schieber die Tür zu und verließ fluchtartig den Bahnhof.

Als er die Allee erreicht hatte, mäßigte er wohl seinen Gang. Doch lief er noch immer mit Schritten, die er sich förmlich aus dem Leibe riß, lachte bald befriedigt in kurzen Stößen, bald spürte er es wie einen würgenden Griff an der Gurgel, daß er laut zu schreien versucht war und trieb sich dann, um nicht in ein Toben der Wut verfallen zu müssen, noch heftiger in fast fressende Schritte hinein. Das Einnebeln von vorhin war wieder über ihn gekommen, doch nun als ein heißes brodelndes Kochen.

Der Abend stand schon wie ein dichter, grauer Rauch um alles. Gudnatz achtete nicht, wohin er ging. Er hörte nur immerfort die Worte des asthmatischen Greises über die Polen vor seinen Ohren: »Sie haben's geschafft. Und wissen Sie wie? Sie haben die Besinnung verloren,« und sog aus ihnen auf unerklärliche Weise etwas wie Sicherheit und Befriedigung.

Endlich ließ seine Erregung etwas nach. Er nahm die Mütze ab, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und sah sich um, wo er hingeraten sei. Rechts und links wogten mächtige Baumkronen wie zwei schnurgerade Reihen von Fesselballons in dem fledermausgrauen Dunkel über ihm und weißgekalkte Steine kauerten zwischen den Stämmen. Er erkannte, daß er auf der pfeilschußgeraden Chaussee hinlaufe, die vom Bahnhof aus nach Reißendorf führte. Mit schwerfällig ermüdeten Schritten ging er auf einen der Steine zu, um sich dort niederzusetzen und alles zu überlegen, was zu tun sei. Aber da er sich einem dieser Steine näherte, kam der ihm plötzlich wie ein Kind vor, das sich im Hemdchen aus dem Hause geflüchtet hatte und hier, vor Hunger und Erschöpfung zusammengekauert, im Dunkel unter den Bäumen schlafe. Deswegen brachte er es nicht über sich, auf einem Stein Platz zu nehmen, sondern lehnte sich an einen Baumstamm. Wohl lächelte er in einer Art von gramvoller Verwunderung, daß er so einem dummen Gedanken in sich Raum gebe, brachte es aber doch nicht fertig, dagegen zu handeln, blieb also an dem Baume lehnen und wurde schon bald so vollkommen in den Strudel der widersprechendsten Überlegungen und leidenschaftlichsten Empfindungen gerissen, daß sein Sinnen ihm keine Beruhigung, sondern nur immer stärker die Überlegung brachte, er kämpfe als ein Ertrinkender mit Aufbietung seiner letzten Kräfte um sein Leben und erreiche doch nichts anderes, als sich von Zeit zu Zeit an die Oberflache zu schlagen und gellend zu schreien.

Trotzdem brach Gudnatz in diesem Trubel nicht zusammen, sondern rettete sich am Ende soweit aufs Trockene, daß er einsah, es sei noch nicht alles verspielt und verloren. Freilich der Waggon Fett und Fleisch war in den Wicken, entweder daß ein feindlicher Schieber durch höhere Bestechungssummen die Beamten auf seine Seite gebracht hatte, oder daß diese selbst den Wagen geräumt und die Ware verhökert hatten. Wahrscheinlicher war nach der Haltung des Vorstehers das letztere und Gudnatz freute sich, diesem uniformierten Gauner den eigenen Gestank so dicht unter die Nase gehalten zu haben. Natürlich war sein Bahngeschäft damit für immer unten durch. Denn die Luderglocke, die er heute abend auf dem Bahnhofe geläutet hatte, klang innerhalb acht Tagen in den Ohren aller geschmierten Eisenbahner der ganzen Provinz. Auch wenn er sein Geschäft an einen anderen Ort verlegte, half es ihm nichts. Außerdem, sollte er denn sein Leben lang gleichsam mit tollen Hunden Skat spielen oder nach Kuchen immer in der Jauche fischen? Wenn er ehrlich sein wollte, so galt er den meisten Menschen doch bloß als eine unentbehrliche Art von Dieb, Räuber und Betrüger und wurde auch von denen, die einen Nutzen von ihm hatten, wie dieser Hund von Vorsteher, unter das Gesindel und die Zuchthäusler gerechnet.

Wozu? Wozu das alles? Einmal mußte ein Ende gemacht werden. Er war für immer aus der Armut heraus und jetzt, gleich, von heut abend ab schloß er den Handel, zog in sein bequemes Haus nach Sch. und drehte die Daumen behaglich umeinander, bis an sein seliges Ende, mochte die ganze Welt die Narrenpolka weiter tanzen. Er mischte sich von heut an nicht mehr unter sie.

So! – Basta! –

Anton Gudnatz hatte sein Leben zugeschnitten. Fix und fertig, daran war auch nicht mehr im Traume zu tippen.

Der Schieber stieß sich mit beiden Händen, die er hinter seinem Rücken gefallet hatte, vom Stamm aus der lehnend zusammengesunkenen Haltung auf und begann in einer Art aufgeräumter Eilfertigkeit die schnurgerade Reißendorfer Chaussee zurückzuwandern, und wenn ihn einer seiner Bekannten oder Neider beobachtet hätte, wie er, leise auf beiden Mundwinkeln abwechselnd trällernd und pfeifend, im latschigen Spiel seiner langen Entenfüße durch das tiefe Dunkel dem Orte zuschlenderte, er wäre sicher auf die Vermutung verfallen, der schiefe Mann kehre von einem besonders gewinnbringenden, Geschäfte zurück. In Wahrheit aber betrieb Anton Gudnatz, wahrend er sich mit fröhlichster Musik vorwärts brachte, eine Subtraktion, die ihm sonst in seiner gewohnten Gemütsverfassung das Wasser nicht bloß in die Augen, sondern unter die Fingernägel getrieben hätte. Er zog einfach die vierzigtausend Mark, um die er durch den verschobenen Waggon fettes Eisen und Flora ärmer geworden war, von seinem Vermögen ab und strich, da eben die Tonne für immer umgekippt wurde, die zehntausend Mark für das Wilkesche Gespann mit ins Kehricht. Es war in einem Aufwaschen. »Hast du, da kannst du und hast du nich, da kannst du nich,« sagte Gudnatz in ausgelassener Galgenvogelstimmung, als er mit dröhnendem Poltern über die Holzbrücke in den Ort einzog, und begann mit halbem Ton rechts den Dessauer Marsch zu pfeifen und auf dem linken Mundwinkel die kleine Trommel zu schlagen. Er kam in sein gewohntes Musikwerken, da die Glocke auf dem Kirchturme eben die volle Stunde zu verkünden anfing.

Sie rührte sich mit einem Klang, wie ihn Gudnatz in seinem Leben noch nicht gehört hatte. In der klaren nächtlich hohen Luft zerflossen die Töne gleich einer himmlischen Musik, so als spielten Engel auf silbernen Steinenflöten die Begleitung zu des Schiebers Dessauer Marsch mit linkem Trommelschnurren. Es schlug neun und da nun der Turm schwieg, fiel auch dem krummen Gudnatz seine Musik wie von selbst aus den Mundwinkeln, und er stand neben der Kirche und horchte mit angespanntem Atem dem Verhauchen des Stundenschlages zu. Dabei wurde ihm so leicht im Geblüt, als fasse ihn was geisterhaft unter den Achseln und führe mit ihm durch die Luft, dem hohen Gebirge entgegen, dessen machtvoll verklärtes Warten er auf unbeschreibliche Weise in der Ferne vernahm.

Das Schluchzen und Wimmern des Kindes war erloschen, das ihn vorige Nacht aus dem Bette getrieben und seitdem eigentlich noch nicht ganz in ihm verstummt war, nirgends ein Unmündiges, das verzweifelt die Finger umeinander drehte, rundum keins, das vor lauter Hunger in der Nacht schlief, kalt, weiß und still wie ein Stein. Aus alledem entnahm Gudnatz die Überzeugung, daß er auf dem rechten Wege sei und daß vielleicht auch der wohl mit ihm zufrieden sein könnte, der die Millionen Steine wie eine Handvoll goldener und silberner Murmeln in die blaue Luft geworfen habe, Gott selber, wenn es eben so etwas in der Welt gab, was ja immerhin noch möglich war. Und verhielte sich das alles so, dann tat er am besten, gleich im Zuge zu bleiben, den hellen Wind auszunützen, der für ihn über die Erde strich und bei dem Sakramenter von Wilke die zehntausend Mark für das Gespann abzuladen, um sich für immer von aller halben und ganzen Spitzbüberei loszukaufen und den Halunkendienst endgültig aufzukündigen.

Des Teufels Fiedelstrich verdüstert im Nu das Herz des Menschen, aber auch der göttliche Harfenton huscht nur als kurzes Hauchlein durch unsere Brust, und selbst bei dem hartgesottenen Gudnatz dauerte es nicht länger, als wenn einer den Arm beugt, da war er eins mit dem guten Entschluß, schlug sich beteuernd auf die banknotengepolsterte Brust und nahm sogleich den Weg zu seinem Schieberfuhrmann unter die platten Füße.

Die Häuser standen wie in einer ausgeplünderten Ortschaft, als seien sie menschenleer, im Dunkel und sahen mit erloschenen Fensteraugen auf die ausgestorbene Straße, die zwecklos an ihnen vorüberlief. Nur da und dort gloste ein Lichtschein heimlich wie aus einer Diebslaterne und einige Mal huschten, geräuschlos und eilig gleich Schatten, Menschen an Gudnatz vorüber.

Da klangen seine Schritte hohl, als ginge er über eine riesige Tonne. Er war schon auf der Sandbrücke. Drei Häuser weiter bog der Weg rechts ab zu der Wilkeschen Wirtschaft, die etwas draußen im Felde lag.

Indem er in der Finsternis der überhängenden Obstbäume auf der Zufuhr etwas langsamer vorwärts kam, überlegte er noch schnell, daß er dem Kujon von Fuhrmann das eine oder andere Tausend abzukneifen versuchen müsse und beileibe nichts von seinem Entschluß riechen lassen dürfe, aus dem Geschäft Hals über Kopf herauszuspringen, weil ihm dann Wilke den Bohrer neuer Forderungen rücksichtslos bis ins Gekröse trieb. »Ich werd' ihm schon die Flötentöne beibringen,« sann Gudnatz. Denn was ein richtiger Schieber ist, der hat immer noch irgendwo in einer Tasche ein heimliches Teufelchen und wenn er auch geradenwegs auf die Seligkeit losmarschiert.

In diesem Augenblick stieß er an einen Menschen, der lautlos mitten auf dem Wege gestanden haben mußte.

»Na, wer ist denn da?« fragte Gudnatz aus seinen Gedanken auffahrend.

Aber nichts war zu sehen. Wie ein Schatten war er verschwunden. Nach der Berührung zu urteilen, mußte es ein Weib gewesen sein. Weiterhin hörte er es vorsichtig durch das Gezweig streichen und wenn er sich nicht täuschte, klang es zwischen den katzenleisen Bewegungen wie unterdrücktes Schluchzen.

Gudnatz stieß ein verächtliches Lachen durch die Nase, da er der Meinung war, es handele sich um eine »Kälberliebe« der Dienstboten, griff sich weiter an die Tür, klinkte und fand sie verschlossen.

Nun, überlegte er, schlich wer um das Höflein, so mußte irgendwo auch noch Licht im Hause sein. Also tappte sich der Schieber, der in solch nächtlichen Geschäften Übung besaß, durch den Garten und sah auch richtig, als er um die Mauerecke gekommen war, einen Plan Licht im finstern Grase liegen.

Vorsichtig zog Gudnatz seine Schritte durch das weiche Grün. Aber kaum, daß er einen Blick durch das unverhangene Fenster in die Stube geworfen hatte, sprang ihm der Schrecken wie ein Hund gegen die Brust, und er duckte sich, jäh auf den Kopf gehauen, ins Finstere hinunter. Da saß ja der Gendarm am Tische, den blitzenden Helm neben sich, ein Notizbuch vor sich!! Wille mit verbissenem, grimmigen Gesicht ihm gegenübersitzend und der Knecht, einen Schritt weiterhin stehend, kalkweiß und jammervoll. »Der Teufel,« fuhr es Gudnatz durch den Kopf, »sie haben uns!« Und mit eins sauste gedankenschnell dem Schieber sein langes Sündenregister durch den Kopf; sein ganzes sauer erworbenes Vermögen zerstob wie Staub in der Luft; er saß hinterm Gitter des Gefängnisses und trat nach zwei, drei Jahren lumpenarm wieder auf die Straße.

Sein Atem kochte wie Siedeluft in seiner zusammengedrückten Brust. Aha, deswegen hatte er was schluchzen hören vorhin, von niemand anders als von Wilkes Frau, die von der Angst aus dem Hause getrieben worden war.

Auch dem Schieber stand der Schweiß auf der Stirn. Aber vielleicht lief es doch nicht so schlimm ab. Wilke war schon durch breitere Pfützen gekommen und ehe er sich einquetschen ließ, winkte er eben mit einem braunen Lappen oder zweien. Dann beruhigten sich alle Haare unter dem Helme.

Fadenleise zog sich Gudnatz wieder auseinander, um dem Fuhrmann einen Wink zu geben, auf keinen Fall mit dem Gelde zu geizen.

Doch da nun der Schieber stand und vom Rande des Lichtkegels wieder einen Blick in die Stube werfen konnte, sah er, wie der Gendarm, es war der Oberwachtmeister, nach einem abwehrend-spöttischen Grinsen gegen Wille hin, die Schließeisen aus der Tasche zog, um sie dem Knecht anzulegen, der, vollkommen zusammengeklappt, ergeben die Hände hinstreckte.

Da war es mit der Widerstandskraft Gudnatzens vorbei. Wie man einen Stein durchs Geäst schleudert, daß alles knackt, klatscht und bricht, so flog der Schieber den Garten hin, riß sich um die Ecke des Hauses und sprang geduckt den kurzen Wirtschaftsweg hinunter, auf die Straße zu. Eben als er die ersten Schritte auf dem festen Pflaster getan hatte und nun erst recht alles zusammenriß, um wie ein wahnsinniger Hase fortzukommen, hörte er die Wilkesche Haustür knarrend gehen. Am ganzen Leibe bebend, mit wankenden Knien blieb er wie blöde einen Augenblick stehen und eigentlich ohne recht zu wissen warum, sprang er geräuschlos über die Straße und warf sich dort platt in den Graben.

Kaum aber lag er stockstill und unterdrückte mit aller Macht das Pfeifen seines Atems, so ärgerte er sich schon über seine Dummheit. Sein Herz ging wie eine Pauke, daß er es vor seinen Ohren durch die Nacht dröhnen hörte. Und das hier dem Wilkeschen Zufahrtsweg gerade gegenüber, kaum zehn Schritte entfernt, daß der Wachtmeister beim Betreten der Straße unter allen Umständen auf ihn aufmerksam werden mußte, wenn er nicht eben Ohren aus Pappendeckel hatte! Hart an den Boden gedrückt, mit allen Vieren wie eine Eidechse, begann er von der gefährlichen Stelle weg, vorwärts zu kriechen. Das alte Laub raschelte leise, zwei Steine knirschten aufeinander. Er fluchte in Gedanken. Da wurden Schritte auf dem Wilkeschen Wege laut. In diesem Moment wußte Gudnatz, warum er sich in den Graben geworfen hatte. Wenn der Wachtmeister mit dem geschlossenen Knecht den Ort hinaufging, dann war es klar, daß ihn Wille verraten hatte und der Landjäger sich auf den Weg machte, um auch ihn an die Lumpenkoppel zu nehmen. Dann galt es, sobald die beiden um die Straßenbiegung verschwunden waren, aufzuspringen und sich nach der entgegengesetzten Seite, nach der Stadt hin, in Sicherheit zu bringen. Er hatte ja an hundert Orten in der Stadt und in jedem Dorfe willige Verbindungen. Das alles überlegte Gudnatz, während er totenstill lag, das Gesicht mit aller Gewalt auf den Boden gedrückt, um das Geräusch seines Atems zu dämpfen.

Jetzt klapperten die Schritte der beiden, des Gendarmen und seines Häftlings, auf der harten Straße, und Gudnatz rauchte einen Augenblick feuerheiß aus allen Poren seines Leibes, daß sich alles um ihn drehte. Als er wieder zu sich kam, hörte er die beiden Männer schon ganz fern gehen, konnte jedoch vor Aufregung fürs erste nicht entscheiden, welche Richtung sie genommen hatten. Alle Vorsicht außer acht lassend, sprang er deshalb auf und lief mitten auf die Straße. Da sah er die beiden nach der Stadt zu abschwenken. Für heute nacht wenigstens war er also vielleicht gerettet. Denn vor dem Ortsgendarm hatte er keine Furcht, weil der von oben bis unten drei- und viermal gesalbt und geschmiert war, daß er mehr Angst vor ihm, dem Schieber, haben mußte, als er vor dem Beamten. Trotz alledem blieben Gudnatz nur noch wenige Stunden übrig, dann mußte die Flucht fortgesetzt werden, wollte er sich nicht wehrlos den Sack über den Kopf ziehen lassen. Unter allen Umständen mußte er noch einmal in seine Wohnung zurückkehren, um seine Frau von der Gefahr zu unterrichten und sie zu instruieren, welche Aussagen sie der Behörde gegenüber zu machen habe.

Sicher war der Ort voll von seiner Geschichte. Vielleicht hatte es schon den ganzen Tag hinter ihm hergebrannt und das Betragen des Bauern am Morgen, der spöttische Zuruf des Fabrikarbeiters auf der Straße und die höhnische Frechheit des Bahnhofvorstehers erschienen Gudnatz nun in einem neuen Lichte. Daß man ihn nicht mitten aus dem Verkehr heraus am Kragen genommen und in den Schatten transportiert hatte, war ein wahres Wunder.

Um nicht gesehen zu werden, lief er geduckt und leise nicht die Hauptstraße entlang, sondern auf zehn Winkelgassen durch den Ort, sich jedesmal wie ein Pfahl in eine Ecke drückend, wenn irgendwo Menschenschritte in der stillen Nacht aufklangen. Endlich, nach kaum viertelstündlichem Dauerlauf bog er auf den engen Federmarkt ein, der im Schutze der katholischen Kirche lag und nicht viel größer als ein Hof war. Dort lag das Haus, in dem er wohnte. Ehe er wagte, das Plätzlein zu überschreiten, stand er in der Finsternis des engen Gäßchens still und vigilierte mit den Augen den ganzen Federmarkt ab, um sich zu vergewissern, ob das Haus bewacht werde. Nichts Verdächtiges zu sehen. Kein Laut rührte sich. Sein Haus lag finster, in den Fenstern seiner Wohnung kein Licht. Also schlief sein Weib schon. Behutsam schlüpfte er über das Plätzchen, drückte geräuschlos die Türklinke, fand mit einem inneren Jubelgefühl das Haus noch unverschlossen und schlich leise die zwei Treppen empor. Jedesmal, wenn das Holz der Stiege knackte oder ein Traillenstab des Geländers schwach schnurrte, erhielt er einen eiskalten Stoß durch seinen Körper und stand einen Augenblick wurzelstill.

Dann begann er wieder sich weiter zu winden. Bei jedem der lautlosen Schritte, mit denen er höher kam, sann er mit verzweifelter, fast irrer Inbrunst fortwährend nur den einen Ausruf: »Nur nicht wieder arm werden! Nur kein Bettler mehr! Gudnatz, rette dein Geld!« Jetzt schlug ihm die muffige Luft seines Flures ins Gesicht. Er streckte die Arme aus und tastete sich an der Wand hin. Da hatte er die Klinke seiner Tür in den Händen. Die Tür war verschlossen. Vorsichtig drückte er. Nichts rührte sich. Leise, den Mund hart auf den Spalt gedrückt, rief er den Namen seiner Frau. Niemand antwortete.

Vielleicht war schon die Wohnung in seiner Abwesenheit polizeilich versiegelt und seine Frau abgeführt worden.

Er riß ein Streichholz an und leuchtete die Tür ab. Sie war unversehrt.

Mit einemmal sah er alles ein: Seine Frau, ein tätiger Mensch wie kein zweiter auf der Welt, deren Ausatmen Arbeit und deren Einatmen Raffen war, mit keiner faulen Ader am ganzen Leibe, schluckte manchmal, und zwar oft aus den geringfügigsten Anlässen, unversehens einen vergifteten Quengelstecken in sich hinein und ritt dann tagelang mit ihm auf dem widerborstigsten Bock, warf alles um sich, schnauzte, wenn sie nur angerührt wurde, lief zu den unmöglichsten Leuten, um über ihr Elend klagen zu können und kam Tag und Nacht nicht nach Hause, bis sich alles in ihr wieder zurechtgerast hatte. Und Gudnatz erinnerte sich, daß sie heute morgen schon ins Schroten gekommen, zu Mittag bei der Unterredung über den Reis ins Lodern geraten war, und durch sein Fortgehen vor dem Essen und Nichtwiederkommen wahrscheinlich es vollends mit der Wildheit gekriegt hatte. Was war da zu machen?

Vielleicht, wenn sie diese ganze Nacht ausblieb, sah er sie nie mehr in seinem Leben. Denn was ihm nun alles aufhocken konnte, das wußte kein Mensch. Da war reinweg nichts unmöglich, selbst das Schlimmste nicht, weil er entschlossen war, sein Geld zu verteidigen und müßte er einen Totschlag riskieren. Mit einer bitter-dumpfen Trauer, nein, einer richtigen Abgeschlagenheit langte er den Schlüssel aus dem Hosensack und öffnete vollkommen geräuschlos.

Aber kaum, daß er eingetreten war und das Gefühl des Raumes im Dunkel auf ihn eindrang, überfiel den krustenharten Mann eine solch schmerzlich verzweifelte Seligkeit, daß er, mochte kommen was wollte, einen Augenblick das Licht aufdrehen mußte. Eine Sehnsucht nach dem Anblick seiner Stube drängte ihn dazu, gleich der Gier des Burschen nach dem Gesicht der Geliebten. Und als er nun die babylonische Verwirrung des Raumes mit seinen Blicken umfing, tanzte alles wie ein verklärtes, buntes Paradies um ihn. Es erschütterte ihn dermaßen, daß er versucht war, wie ein gepeinigtes Tier aufzuschreien. Um diesen Ausbruch zu verhindern, schnappte er schnell das Licht aus, stürzte sich vornüber in sein Bett, raffte mit beiden Händen die Kissen unter sein Gesicht und wurde von einem richtigen Krampf geschüttelt. Ohne zu wissen, was er tat, stotterte er das wildeste Zeug in die Betten: »Sie nehmen uns alles ... Selma, warum reit' dich gerade heut der Teufel ... unser Geld ... alles weg ... aus dem Rinnstein sollen wir wieder essen und ... aus der Traufe trinken ... Selma, du Vieh ... verfluchter Wilke ... Bahnhofsaas ...«

Endlich hatte sich sein Toben ausgewildert. Er lag still, sah stier in ein Gebrodel roter und finsterer Wolken tief unter sich, hing murmelnd im Raumlosen und sann, was nun werden, wohin er fliehen solle, um sein Geld und sich in Sicherheit zu bringen. Allein er fühlte sich nur wie auf einem Flugzeug durchs Bodenlose sausen und fand keinen Ausweg. Endlich löschte er vor Betäubung und Schwindel aus. Eine halbe Stunde lag er, ohne sich zu rühren, in tiefem Schlafe.

Da schlug es vom Turme der katholischen Kirche die elfte Stunde, genau die elfte Stunde, wie gestern Nacht.

Die Töne drangen wie geisterhafte Schläglein gegen die Scheiben der Fenster, die davon ganz leise erzitterten.

Anton Gudnatz fuhr aus dem Schlafe wie geweckt auf, richtete sich zur Höhe und begann mit vollkommen verwandelter Stimme, mit wahrhaft der Stimme eines zwölfjährigen Knaben, monoton singend, in tschechischer Sprache folgende Geschichte vor sich hin in die Nacht zu sagen, ohne aber vollkommen zu erwachen:

Liška, vidĕla kachna, na ribnice a mluvila kni: Kacičko, proč placeš tak daleko od brĕhu? nevidim te dobře; chei se te nĕco ptáti, pojd sem bliže! Kachna lisce odvĕtila: O, pani lisko, vy jste sama chytrá dosti a umite si poradit; vy jste opatrna, ma rada jest chatrna. – Proc zŭstala kachna pri te nahodĕ daleka na vodĕ

Das heißt auf deutsch etwa:

Ein Fuchs traf eine Ente auf dem Teich. Entchen, warum schwimmst du so weit vom Ufer weg? Es tut dir nicht gut. Komm zu mir herüber.

Die Ente sagte: Du bist ein schlimmer Gesell. Die Mutter warnte mich vor dir. Der Fuchs war ärgerlich und sagte: Ich dachte, die Enten seien dümmer.

Und während Anton Gudnatz das mit einer klagend-schwebenden knabenjungen Stimme sprach, war er nicht der ergrauende, krummgeschossene Schieber, und saß nicht auf dem Bettrande in dem finsteren Hinterhauszimmer, sondern er lag als Zwölfjähriger mit seiner tschechischen Grammatik hinter dem kleinen Häuslein in Auercin im Grase, eine weiße Wildnis blühender Pflaumenbäume im strahlenden Frühlingslichte über sich und traumfern durch die weißen Blütenwolken blaute unendlich tief der Himmel Böhmens. Und da er fertig war und verloren mit der Hand durch das weiche Gras fuhr, hörte er seine Mutter aus dem Hause rufen:

Antoně, kde pak seš? Pojd sem

Da schrak er zusammen, erwachte vollkommen und sah sich verwundernd, aber mit einem erlösten Lächeln in der Finsternis um.

Der schwache Nachklang der Glockenschläge bebte noch um ihn, und Gudnatz war es, als schwinge der Ton der Stimme seiner Mutter geisterhaft im Raum, die eben durch den halluzinatorischen Traum so lebensdeutlich nach ihm gerufen hatte.

» Pojd sem« komm! klang es dringend.

Und statt der Finsternis seiner verzweifelten Gegenwart sah er auf einmal nur den besonnten Frühlingsgarten seiner böhmischen Monate in dem Dorfe Auercin und das ganze fruchtbarfriedliche Hügelland dahinter als lockende Zuflucht vor sich, ein geborgenes Paradies, das nur darnach verlangte, ihn seinen Verfolgern für immer zu entziehen.

Alle Unsicherheit war vollkommen aus ihm gefegt. Er sprang von seinem Bettrand auf. Denn er wußte jetzt, was zu tun sei und war verwundert, daß er nicht gleich heute nachmittag die Deutung des seltsamen Einfalls gefunden hatte, die beiden Greise auf der Hauptstraße tschechisch, in einer Sprache anzureden, die mehr als dreißig Jahre fast vollkommen vergessen in ihm geruht hatte. War das nicht die Sprache seiner Mutter, die ihn geboren hatte? Das Land des Vaters, für das er jahrelang gekämpft hatte und zum Krüppel geworden war, das ihn immer wie Spülwasser durch allen Schlamm der Armut und der Not geschwemmt hatte und nun gierig nach dem sauer verdienten Wohlstand seines nahen Alters griff, dies zerstörte Land, in dem jeder Bruder ein Feind und jeder Mensch ein Raubtier geworden war, stieß ihn aus, trieb ihn von sich. Gut! So wollte er in das Land seiner Mutter zurückkehren. Sind nicht überall Menschen? Und weshalb, in aller Welt, mußten die Tschechen schlechter sein als die Deutschen? O, nein, er hatte auf seinen Kriegszügen zu viele Völker kennengelernt, um noch den Kinderglauben in sich aufrecht erhalten zu können, daß ein Mensch nur deswegen schon niedrig stehe, weil er anders sei. Diese Gedanken, ohne sein Zutun in ihm geklärt und gesammelt, überwältigten Anton Gudnatz im Nu, daß er, jeder Bedenklichkeit überhoben, sogleich die umsichtigste Vorbereitung seiner sofortigen Flucht begann. Er vertauschte seinen Arbeitsanzug mit einem besseren, packte seine Banknoten aus allen Taschen und Verstecken in ein Hemd, daß es wie ein Wäschebündel aussah, steckte das in einen geräumigen Rucksack, fügte noch einige Würste, ein Brot, eine Flasche Kognak hinzu und schnürte und schnallte dann alles zusammen. Mehr wollte er nicht mitnehmen. Denn für Geld findet man überall alles, was man braucht.

Dann setzte er sich an den Tisch und schrieb mit Bleistift auf einen Papierfetzen, was er seiner Frau zu sagen hatte:

»Ich reise nach Jauer und komme erst in Tagen zurück. Du weißt von nichts etwas. Was Du brauchst, findest Du im Buch. Das mußt Du wegräumen, weil unser Geschäft niemand was angeht. Hab' keine Angst. Du bekommst bald Nachricht. Auf Wiedersehn. Anton Gudnatz.«

Er rechnete damit, daß seine Frau, wie es ihre Gewohnheit nach überstandenem Rappel war, vor Anbruch des Tages in die Wohnung zurückkehre. Deswegen ließ er den Zettel mitten auf dem Tische liegen. Dann steckte er ein Päckchen mit fünftausend Mark in das schmierige Geschäftsbuch und klemmte es wieder an den gewohnten Ort, in einen tiefen, geräumigen Krauttopf im unteren Fach des Küchenschrankes. Etwas nach ein Uhr verließ er geräuschlos, wie er gekommen war, das Haus, einen festen Stock in der Hand, den Rucksack über den Achseln, nicht anders aussehend wie ein Arbeitsmann, der sich vor Tag nach der entfernten Arbeitsstelle auf den Weg macht oder wie ein Wanderer, der das Heraufkommen des Morgens in Gottes freier Natur erleben will. Seine Absicht war, sich nach Böhmen über sein Heimatsdorf Tscherbeney in der Grafschaft Glatz einzuschmuggeln, weil dort schon in Nachod, der ersten kleinen Stadt der Tschechei, seine Bekanntschaft in den Orten begann. Durch seine Verbindungen zu den Beamten des Landratsamtes des Kreises, in dem er durch fünfzehn Jahre gewohnt hatte, war er im Besitz eines ordnungsmäßigen Passes für die Tschechei, da er als Schieber für die Kreisgenossenschaft im Schmuggel manches besorgte und manches vertrieben hatte. Aber nur in der Not, erst wenn er »drüben« war, durfte er von diesem amtlichen Ausweis Gebrauch machen und hatte ihn deshalb im Schaft eines Stiefels verborgen. Sobald er die Grenze hinter sich hatte, wollte er als Anton Gudnatz von der Erde verschwinden und als Sohn seiner Mutter, als Drbochlav aus Auercin, Bezirk Reichenau, weiterleben. Dies alles zurechtrückend und klärend, näherte er sich auf Wiesenwegen Martinsbach, durchschritt das Dorf in der Nacht, wanderte in stetem Wechsel durch Waldstreifen, Buschwerk und Feld, benützte nur ausnahmsweise außerhalb der Ortschaften die Chaussee und stand nach drei Stunden im ersten Morgengrauen mitten im Walde des Käferberges, einer der vielen Kuppen, die in durcheinanderlaufenden Zügen sich weit ab von dem hohen Gebirge regellos, wie ausgelassen durch das Land tummeln.

Von hier waren noch drei Stunden Weges nach der Station Branitz, wo er den von der Kreisstadt um sieben Uhr abgehenden Zug zu besteigen gedachte. So hoffte er der Spürnase des Oberwachtmeisters zu entgehen, der immerhin möglicherweise den abgehenden Zug beobachten ließ, und vermied auch das Zusammentreffen mit manchen unerwünschten Bekannten. Gefährlich war die Fahrt ja immerhin. Er mußte Augen und Ohren und nicht zum wenigsten die Zunge höllisch zusammenhalten, um sich durchzubringen. Aber sein Einzug übers Gebirge wäre noch um vieles bedenklicher gewesen, weil schon eine Stunde hinter der Grenze für ihn jede Bekanntschaft mit der Gegend und den Bewohnern aufhörte. Zudem hatte ihn seine verstorbene Mutter ja nur von seiner Heimat aus gerufen und in seinem abergläubischen Gemüt versprach sich Gudnatz mit traumhaft undeutlichem Ahnen die kräftigste Förderung seiner Flucht, wenn er, gleichsam in die Fußstapfen der Seligen tretend, genau den Weg innehielt, auf dem sie nach dem Tode seines Vaters mit ihm nach Böhmen zurückgewandert war. Um halb acht bestieg er in Branitz den Zug, der ihn über Dittersbach und Glatz weiterführte. Alles ging ohne Störung. Er kam glücklich in ein Abteil vierter Klasse, in dem ihn niemand kannte, machte sich dünn und geräuschlos in eine Ecke und nickte dort ein wenig ein.

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