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Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
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8

Als der Professor schnellen Schrittes sich dem Rande des Dorfes genähert und nach Überschreitung der Chaussee das geneigte Wiesengelände betreten hatte, das sich schnell gegen die Vorberge hob, war es gerade jene höchste Zeit der abendlichen Schönheit, in der manchmal das gesamte Land zu Füßen des Riesengebirges nur noch von dessen Schimmer durchleuchtet, von dessen Verklärung wie unwirklich gemacht wird. Wie eine magische, überirdische Exaltation glühte es grell und glasig hinter einem rötlichen Duft, der gleichwohl nicht wie der Reflex der schon hinter dem Hochstein sinkenden Sonne, sondern wie der Atem des Bergzuges selbst wirkte, der einmal in seiner selbständigen Schönheit sich zeigte, während er sonst immer von der Gnade des Tagesgestirnes lebte.

Weitfeld blieb, als dieser Zauber der Höhe eintrat, auf dem schmalen Steige, den er unter die Füße genommen hatte, wie auf einen Anruf aus den Lüften stehen, stürzte sich mit inbrünstigem Schauen in diese tausendfarbige Phantasmagorie über sich, schwang mit einer fast jubelnden Wildheit seinen Stock über dem Kopfe und rief wie erlöst ganz laut: »Jawohl! Jawohl! Nun drauf und dran.«

Ein paar Holzfäller, die mit Knüppeln auf den Achseln einen benachbarten Steig aus dem Walde niederstiegen, sahen nach ihm hin, tauschten ein paar spöttische Bemerkungen und trennten sich dann, jeder einem anderen Holzhüttchen zustrebend, die unter einigen Obstbäumen versteckt lagen. Weitfeld achtete nicht auf sie, sondern setzte mit langen, gierigen Schritten seine Flucht fort. Er war bald in dem Walde über der Mathildenhöh verschwunden und trat kaum nach dreiviertel Stunden auf die kleine wiesige Hochfläche, in die, nach dem Hochgebirge zu, das Dörfchen Wiesenfeld sich verliert.

Ohne Rast überschritt er schon im Dämmern und dem blassen Geistern des aufgehenden Vollmondes den kleinen, waldumfriedeten Plan, betrat den Leiterweg und stürmte dann unaufhaltsam dem Kamme in der Gegend der großen Schneegruben zu.

Damit erlosch eigentlich die Spur, ich meine die sichere Spur dieses bedeutenden Gelehrten im Riesengebirge für lange Zeit. Mit seinem Eintritt in den Hochwald an diesem Abende verschwand er aber nicht von der Erde. Doch ist es nicht zu entwirren, durch wieviel innere und äußere Wandlungen, Dunkelheiten und Verzerrungen er bedrückt, verfinstert und entstellt wurde, bis zu dem Zeitpunkte, an dem er in der grellen Glut wilder, fesselloser Ereignisse öffentlich auftauchte und für Wochen die Aufmerksamkeit ganz Deutschlands auf sich zog. Aber es ist sicher nicht wahr und auf das Konto aller üblen, leidenschaftlichgehässigen Enthüllungen und böswilligen Aufschlüsse über das Wesen und die Lebensgewohnheiten Weitfelds zu setzen, womit die aller Mittel entblößte und verlassene Frau des Professors gleichsam überall zu Markte ging; es ist nicht wahr, daß er, kaum aus dem Hause getreten, sich unter einen Schwarm Arbeiter gemischt habe, die aus der nahen Papierfabrik kamen, um durch aufreizende Reden ihren ohnedies vorhandenen politischen Radikalismus noch zu erhitzen, ja sie geraden Weges zum tätigen Widerstände gegen die endlose Fortsetzung des sinnlosen Blutvergießens aufzustacheln. Die Arbeiterschaft dieses voll- und industriereichen Bergdorfes stand immer im Rufe verwegener Widersetzlichkeit. Tatsache ist es, daß in der Nacht dieses Tages, an dem die Flucht des Professors Weitfeld aus seinem Hause und seinem bisherigen Leben stattfand, es war ein Sonnabend gegen Ende des Monats August 1918, in der Nähe des Gasthauses »Zum blauen Helm« ein wildes Johlen, Schreien und Pfeifen entstand. Unter den Rufen: »Schlagt sie tot, die Kriegsgewinnler und Menschenschinder,« ergoß sich ein Haufen meist junger Arbeitsburschen in die Gassen vor die Häuser der Vornehmen und Reichen, überall heulten die Trupps dieselbe Parole: »Nieder mit dem Krieg!« und begannen dann Fenster und Türen mit Steinen zu bombardieren. Der herbeigeeilte Gensdarm wurde verprügelt, man zerbrach ihm das Seitengewehr, entriß ihm den Revolver, ehe er schießen konnte, knallte johlend die Waffe leer, warf sie in den Zacken und spedierte unter Gelächter den armen Sicherheitsmann über die hohe Ufermauer und gerade an einer tiefen Stelle nach, daß er pudelnaß wieder heraushumpelte. Aber mit dem plumpsenden Aufschlagen seines Körpers auf den Wasserspiegel, schnitt Geschrei und Aufruhr jäh ab und die Unruhstifter waren in der finstern Mitternacht wie vom Erdboden verschwunden.

Der gestäupte Gensdarm behauptete nun, die Anführer der Tumultanten seien zwei Soldaten des Grenzschutzes gewesen, Landstürmer bayrischer Nationalität, die wirklich an diesem Tage nicht in ihr Quartier zurückkehrten, sondern spurlos verschwanden.

Es waren dieselben Soldaten, die am selben Tage nach der Ablösung von ihrem Postengange auf dem Kamm etwas nach zehn Uhr nachts mit Geschrei und Kolbenstößen an die Tür in dem Gasthaus »Zur großen Linde« in Wiesenfeld Einlaß gefordert hatten. Der Besitzer des Anwesens war seit zwei Jahren in Rußland gefallen und der einzige Sohn stand vor Verdun in der kronprinzlichen Armee. So führte die Witwe mit ihrer einzigen Tochter und einer Magd allein die Wirtschaft. Als sie das Andringen der Männer hörten, das mehr einem Überfall von Räubern glich, kamen die drei fraulichen Wesen überein, noch einigen Widerstand zu leisten, zu versuchen, die Erregten in Güte zum Weitergehen zu bewegen und vor allem auszukundschaften, wer sie seien und was sie wollten.

Das pfiffige Dienstmädchen übernahm die Verhandlung mit den Männern und hatte es schon bald heraus, daß es die beiden biederen Bayern seien, die immer über den anderen Tag, bald auf dem Wege nach dem Kamm, bald auf der Rückkehr vom Dienst auf dem Gebirge auf ein Weilchen in die Linde einkehrten und ob ihrer raunzigen Gutmütigkeit und der ehrlichen Wut über das »sakrische verfluchte Saubier« allen ein spaßiges Vergnügen bereiteten. Kaum, daß die Dienstmagd erfahren, wer die beiden Räuber seien, als sie lachend ihnen die Tür öffnete, weil sie sicher war, die Erregten schon bald wieder in ihr altes knurriges Schmunzeln zu scherzen. Allein sie täuschte sich. Die Soldaten benahmen sich nicht etwa wie Trunkene, nein, eher wie Übergeschnappte, aufs höchste gereizte Irrsinnige und begannen sofort ein drohendes Kauderwelsch »von der Herrschaft des Menschen,« »dem Unsinn aller Gewalt und aller Könige,« »dem Fluch des Krieges« und noch vielem anderen, hieben mit den Seitengewehren auf den Tisch und verlangten sofort Wein und Essen, soviel im Hause sei, widrigenfalls sie »dös ganze Gerümpel« kurz und klein schlagen würden und wer Miene zum Widerstand mache, den schössen sie bei Gott sofort über den Haufen. Dabei fuchtelten sie bald mit den Faschinmessern, bald hantierten sie an den Flinten herum. Das Dienstmädchen mußte bald einsehen, daß mit ihrer Schlauheit nichts auszurichten sei und schleppte in der Angst alles herbei, was die Wütenden forderten. Aus der dunklen Ecke neben der Tür achtete sie indes auf ihr erregtes Gespräch, in dem immer und immer »die Korallensteine,« eine Felsgruppe auf dem halben Wege nach dem Kamm und ein langer, »geduldeter« Herr eine Rolle spielten. Es sei alle. Das Volk müsse das Heft in die Hand nehmen. Nicht eher, bis alles von der alten Ordnung zerschlagen sei, könne an das neue Reich der neuen Menschen gedacht werden, solche und ähnliche Reden führten die beiden, lachten zwischenhinein aus vollem Halse, tranken einander, sich gegenseitig anfeuernd, zu und stapften, ohne sich um das Madchen und die Bezahlung zu kümmern, mit der Beteurung davon, schon heute mit dem Umschmeißen des ganzen Krempels zu beginnen. Unter der Tür kehrte sich einer um und schärfte dem Mädchen noch ein, niemand etwas von dem zu verraten, was hier geschehen sei, sonst kämen sie wieder und machten »die ganze Bagasche einen Kopf kürzer.« Im Garten schlugen sie ihre Gewehre an einem Baum kurz und klein und rannten dann den Berg hinab nach Johnsbach zu, daß die Steine des Weges ihren Schritten nachrollten.

Um die Mitte derselben Nacht brach der Tumult in Johnsbach aus und als der Amtsvorsteher dieses Ortes Kenntnis von dem Vorgänge in dem »Gasthaus zur Linde« erhalten hatte, bildete sich bei ihm die Überzeugung, ein fremder Agitator unterwühle die Gesinnung der Grenzsoldaten und gleich darauf stieg der dringende Verdacht auf, dieser Unruhstifter sei niemand als der Professor Weitfeld, der seit langem sich so seltsam betragen, dem Konsul Griepenstein und anderen Personen gegenüber verfängliche und direkt umstürzlerische Ansichten geäußert und seine Frau verlassen habe. Durch ihre freiwilligen Aussagen über seine Ideen, die allem Hohn sprachen, was nicht nur den Deutschen, sondern jedem Menschen als heilig galt, wurde es vollends zur Gewißheit, daß es niemand als Weitfeld gewesen sei, der in der Nacht an den Korallensteinen die Grenzsoldaten zum öffentlichen Aufruhr und zur Fahnenflucht beredet habe.

Um das bis in die Tiefe mürbe Volk nicht noch mehr zu erschrecken und dem geheimen Loderri in so mancher Brust nicht zum Ausbruch zu verhelfen, vertuschte der Amtsvorsteher möglichst den nächtlichen Radau und stellte ihn als die kindische Lärmsucht knabenhafter Rüpel hin. Im stillen betrieb er das Vigilieren nach dem entwichenen Professor und veranlaßte den Kommandeur des Grenzschutzes zu einer verstärkten Streife nach dem mutmaßlichen Übeltäter den ganzen Kamm hin, von Schmiedeberg angefangen bis zur Senke hinter dem Reifträger. Aber man wurde seiner nicht habhaft, obwohl es sicher ist, daß sich Weitfeld noch in den folgenden Tagen auf dem Gebirge aufgehalten hat.

Denn der Wirt der Schneegrubenbaude hörte am Tage nach dem Johnsbacher Rummel gegen Morgen, aber noch in der Finsternis, stolpernde Schritte um das Gebäude, wie den Gang eines Übermüdeten, und war schon daran, aufzustehen, um den Verlaufenen hereinzuholen. Bald darauf fing es an zu reden, wie es ihm war, bald eine hohe, bald eine tiefe Männerstimme, bald näher, bald ferner, und dann löschte der stärker einsetzende Wind das Stimmengemurmel ganz aus.

Deshalb glaubte er, es handle sich um einen Trupp Schmuggler von Böhmen her, die fast jede Nacht auf Schleichwegen hier vorüberkamen und, einmal über die Grenze, zu kurzem Verschnaufen ihre hochgeladenen Hucken absetzten. So schlief er wieder beruhigt ein, wenn es auch nicht zum vollständigen, tiefen Traumversinken kam, sondern nur gleichsam ein Schlafschwirren war, das ihm das Hirn benebelte und allerhand halbe Bilder an ihm vorüberriß.

Im ersten Morgendämmern erwachte er wieder. Und als er den Kopf hob, empfand er es wie den Nachhall schwachen Klopfens in seinem Ohr. Er stieg aus dem Bett, zog sich die Hosen an, ging ans Fenster, um einen Blick nach dem Wetter zu tun und sah einen grämlichen Morgen frostige Nebelfetzen vorüberblasen. Deswegen warf er noch eine Jacke um und stieg dann, etwas unwirsch und schlafbenommen, vorsichtig über die Treppe hinunter.

Richtig, als er die Tür öffnete, wäre er fast auf eine Menschenhand getreten. Denn über die drei Stufen war ein Mann heraufgeworfen in der Haltung eines zu Tode Erschöpften, den seine Kräfte verlassen hatten, wohl als er mit letzter Anstrengung am Zugang zur Baude angekommen war und gerade die Hand nach dem Türgriff ausstrecken wollte. Er trug einen graugrünen Sportanzug, sein Kopf, von dem der kleine Filzhut abgeglitten war, ruhte auf dem vollgepackten Rucksack, und der Wettermantel war oberflächlich über den Körper gezogen worden. An den langen, weißen Händen und dem mageren, scharfgemeißelten Kopf, dem Schuhwerk und dem herabgefallenen Hornklemmer, der auf der taunassen Steinschwelle neben der dünnen etwas geknickten Nase lag, erkannte der Wirt, daß es sich um einen Mann der besseren Stände, vielleicht um einen Gelehrten, handelte.

»Heda!« rief er nun gedämpft, beugte sich und rüttelte den Fremden sanft an der Achsel. Der rührte sich nicht. Deswegen sagte der Wirt sein »Heda!« noch lauter, noch näher an den Ohren, rüttelte noch kräftiger an ihm und schrie fast: »Wo wollen Sie denn hin? Sie können doch nicht hier in der Kälte liegenbleiben. Was is Ihnen denn, heda! Da hören Sie doch. Sie! Sie sind ja auf der Schneegrubenbaude!« Da stieß der Mann ein langes, schmerzvolles Ächzen aus, richtete langsam seinen Oberkörper auf, schauerte zusammen, starrte abgewandten Gesichtes lange in den Nebel, der aus den Gruben brodelte und oben von dem Winde auseinandergerissen wurde, und kehrte dem Wirt dann ein so gramverwüstetes Gesicht zu, mit so in die Höhlen gestoßenen Augen, daß er nicht wie ein Schlaftrunkener, sondern eher wie ein Irrsinniger aussah. Und was er sagte, deutete der Wirt auch auf Verstandesverrückung.

Denn nachdem der Fremde den Gutmütigen eine Weile dringend, als müsse er sich mit den Blicken durch eine Dunstschicht arbeiten, angesehen hatte, brach er in ein höhnisches, grelles Lachen aus.

»Schämen Sie sich, Sie,« sprach er darauf mit zusammengezogenen Brauen, »schämen Sie sich, daß Sie ein Mensch sind! Da stehen Sie hier dick und feist und schlafen in warmen Betten und drunten in aller Welt sterben die Menschen in Blut. Rasen wie Bestien. Betrügen einander, machen die Städte zu Kehrichthaufen. Warum packen Sie nicht soviel Felsenstücke, wie Sie erraffen können und wälzen sie hinunter, werfen alles in Trümmer. Denn diese Welt muß untergehen. Diese Ordnung stammt aus der Hölle. Haben Sie den Mut zum letzten in Ihrer Brust, zur Anarchie des Himmels, den Sie in sich tragen ...?«

Der Fremde sprach mehr in Konvulsionen, mit heiserer, ausgeschriener Stimme.

Langsam trat der Wirt von dem Unheimlichen weg ins Haus zurück und eilte die Treppe hinauf, um mit Hilfe seines Sohnes sich des offenbar Irren zu bemächtigen, damit er nicht etwa in feinem Wahn in den Grubenabgrund gerate.

Was er laufen konnte, sprang er über die zwei Treppen unters Dach, rüttelte den Burschen und schrie: »Auf Gustav! raus und zieh dich schnell an. Drunten vor der Tür liegt ein Wahnsinniger.« Aber es war ein schweres Stück Arbeit, den Schlafenden wach zu kriegen.

Und als die beiden endlich herunterkamen, waren die Stufen leer und trotz langen Suchens und Rufens fand man keine Spur des seltsamen, unheimlichen Fremden.

Da glaubten sie, er habe sich in die Schneegruben gestürzt.

Doch als in der vollkommenen Helle alles abgesucht wurde, entdeckte man auch hier nichts.

Der Wirt wurde von dem am andern Tage heraufgeeilten Kommandeur des Grenzschutzes vernommen, die Wachsamkeit der verstärkten Truppe erhöhte sich und nach einigen Tagen sahen zwei Soldaten, die auf dem Plan vor der Spindlerbaude standen, einen langen, hageren Mann durch die Latschen an der großen Sturmhaube ziellos hin- und hergehen. Sie riefen ihm zu, stehenzubleiben und einer riß sogar das Gewehr schußfertig an die Backe. Kaum aber, daß den Mann der Laut des Rufes getroffen hatte, duckte er sich und lief in langen Sätzen kreuz und quer durch das Knieholz, aber immer in der Richtung nach der österreichischen Grenze. Die Soldaten rannten ihm zwar unter Aufbietung aller ihrer Kräfte nach, den Berg hinauf. Als sie aber an die Stelle kamen, wo er sich unter den Latschen noch eben bewegt hatte, war rundum nichts zu sehen und zu hören. Nur ein Steinschmätzer stieg nicht weit davon mit seinem kurzen schrillen Triller in das urweltliche Kammschweigen hinauf und im Weißwassergrunde siedete es traumhaft aus dem Tannendunkeln wie leises Wellengeriesel. Zuletzt, eine Woche später, will ihn eine Touristin gesehen haben, deren Beobachtungen sich allerdings nur im Rahmen des Bildes bewegen konnten, das sich die Leute im Laufe der Tage von dem »wilden Professor« geschaffen hatten.

Sie kam im Abenddämmern aus dem Tale der Mummel von Harrachsdorf her an der Wossekerbaude vorüber und schritt tapfer zu, um noch vor dem Einfinstern in der alten Schlesischen Baude zu sein.

Als sie die Kammhöhe erreicht hatte, tat sie noch einen Blick nach dem Krkonosch zurück, der im Dunst des Abends wie ein riesenhaftes wiederkäuendes Tier auf einer rauchenden Wiese lag. Während sie so die Gegend übersah, aus der sie gekommen war, begann in der Richtung auf die sanfte Einsattelung nach dem Reifträger hin, eine Männerstimme »Deutschland, Deutschland über alles« zu singen. Der Gesang klang wie schneidender Spott, brach schon nach den beiden ersten Verszeilen ab und ging in ein grelles Hohngelächter über. Als sie den Kammweg hinschaute, gewahrte sie einen hohen schlanken Mann, der zwischen rüstigem Ausschreiten alle Augenblicke stehenblieb und die Knieholzstauden mit wütenden Stockschlägen bearbeitete, als wären es seine Feinde.

So mit Singen, gellem Lachen, Anhalten und Kämpfen trieb er es eine ganze Weile, bis er Hut, Stock und Rucksack von sich warf und erschöpft in die Latschen sank.

Die Frau wurde von Grauen und Mitleid ergriffen, und als gar aus der Gegend, wo er sich niedergelassen hatte, ein paarmal lautes Schluchzen und Aufstöhnen erklang, würgte es die Horchende in der Kehle und voll Furcht und Angst rannte sie ins Tal hinunter.

Das war das letztemal, daß der Professor Weitfeld auf dem Gebirge gesehen worden ist. Dann verschwand er aus jener Gegend und aus Schlesien.

Nach dem revolutionären Novemberzusammenbruch Deutschlands in demselben Jahre tauchte er in Berlin als Führer jenes linken Flügels der unabhängigen Sozialdemokratie auf, die im Fortschreiten der nationalen Auflösung zu Kommunisten wurden.

Es ist noch im Gedächtnis aller, die jene Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgt haben, welche verderbliche Rolle er als Führer in den Berliner Kämpfen um den Schlesischen Bahnhof, in den Monaten der Blüte des Braunschweiger Kommunismus und während der blutigen Rätediktatur in München gespielt hat. Sein fanatischer Idealismus war so rein und so verbrecherisch wie der Eisners und Landauers.

Er fand auch ein ähnliches Ende wie diese Männer. Bei dem Kampfe der roten Armee gegen die in München eingedrungenen Truppen der Reichswehr, die Weiße Garde, focht er an der Spitze der Kommunisten, die sich verzweifelt am Sendlinger Tor gegen die Übermacht wehrten. Dort hat er auch durch eine Kugel den Tod gefunden und ist in einem Massengrab verscharrt worden.

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