Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Stehr >

Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/stehr/kraehen/kraehen.xml
typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111114
projectide1b9e7c5
Schließen

Navigation:

7

Das Starren mündete fast reißend, wie fallendes Wasser in einen Teich stürzt, in Schlaf. Auf den untergelegten Armen ruhend, den Mund wie in erstorbenem Schrei weit offen, die Hände vom Geifer der Müdigkeit übernäßt, so schlief er.

Das Mittagsgeläut weckte ihn nicht; das tobende Nachhausekommen seiner Kinder rührte nicht an ihn. Das Dienstmädchen klopfte. Erst kam der kleine Georg, pickte zaghaft und immer stärker an die Tür und rief sein: »Papa, essen kommen! Mama läßt sich entschuldigen. Sie hat Migräne, Papa!« Dann, als er keine Antwort bekam und sein Schwesterchen herzugeeilt war, wagten die Kinder sogar, die Tür einen Spalt zu öffnen und ihr Gesetzlein furchtsam hereinzuflüstern.

Als sie den Vater regungslos über den Tisch geworfen, wie tot schlafen sahen, rannten sie in wahnsinnigem Schreck zur alten Therese und meldeten, daß der Vater unten sitze und gestorben sei, denn er atme nicht wie ein Mensch, sondern bloß noch wie eine Maschine.

Therese, das alte, liebe Hausmöbel, trocknete sich die Hände an der Schürze, spedierte sie tapfer lächelnd ins Eßzimmer vor ihren Teller und stieg dann unter Kopfschütteln und bitterem Lächeln in das untere Stockwerk.

Ihr vorsichtiges Klopfen, behutsames Eintreten, alles half nichts. Der Professor lag wie mit abgeschlagenem Kopfe auf seinen Armen, der Mund stand wie im Schrei offen, der Geifer lief ihm von den Lippen und als die Alte endlich wagte, ihm lind die Hand auf die Schultern zu legen und zu flüstern: »Kommen Se och, Herr Professor. Oder legen Se sich wingste eis Bette,« erbleichte das Gesicht des Schlafenden noch mehr, verzerrte sich in verzweifeltem Gram, und ein leises Stöhnen, aber aus den letzten Tiefen der Brust, rang sich mit unverständlichen Worten vom Munde. Da merkte Therese wohl, daß hier ein Schicksal zurechtgerückt werde. Sie zog sich aufs tiefste bekümmert, behutsam zurück und schloß geräuschlos die Tür.

Weitfeld schlief weiter. Stunden um Stunden. Gegen vier Uhr nachmittags wurde sein Atem leichter. Der Ausdruck verzweifelten Grames verschwand von seinem Gesicht. Der Mund schloß sich.

Endlich richtete er sich auf, erblickte den Geifer auf seinen Händen, wischte ihn mit dem Taschentuch ab, sah sich in seinem Zimmer, wie in einem fremden Räume um, schüttelte den Kopf, legte sinnend die Fingerspitzen seiner beiden Hände aneinander und erhob sich dann mit einem zähen, wie schlaftrunkenen Ruck, trat in sein Schlafzimmer und sah nach dem Stuhl in der dunklen Ecke, wo der Assessor Körten vorhin gesessen hatte. Er war leer.

Schweigend schloß Weitfeld die Tür und trat zurück in sein Zimmer.

Ganz hoch im Unendlichen über sich hörte er etwas wie das schwache Brausen von Flügeln, die sich vorüberrissen, endlose Schwärme von Vögeln.

»Die Krähen. Immer die Krähen,« murmelte er leidvoll verwundert.

Dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm ein dickes, abgegriffenes Buch, das in rohes Leinen gebunden und oben und unten mit eben solchen Bändchen zugeknöpft war, entfaltete es und begann nach kurzem Überlegen folgendes einzutragen:

»Wir alle, die grau wurden im Grübeln, wissen endlich um die Relativität der letzten, logisch klar zu fassenden Gründe und können und dürfen es gleichwohl nicht lassen, uns von der Kausalität im Kreise treiben zu lassen. Denn solange Menschen leben, deren Herz nicht wie eine Kümmeldolde des Feldes von jedem Winde geplündert, sondern wie eine kostbare Glocke an verschwiegenem Ort nur von geläuterter Hand – von unserer, unserer reinsten Hand – zum Klingen gebracht werden kann, solange solch karge und reiche, solch sieghaft-zerstörte, zerstörende Menschen unter der Sonne leben, werden sie immer wie Sankt Augustinus am Ufer des Meeres gehen und mit Hartnäckigkeit versuchen, den Ozean des weltgeheimnisvollen Glückes mit der kleinen engen Hand ihrer Tage für diese Erde zu bewältigen.«

Dann strich er das letzte Wort aus und schrieb dafür das Wort »retten,« war auch damit nicht zufrieden, legte die Feder hin und murmelte dabei: »Nein, so geht's nicht!« und stützte einen Augenblick den Kopf in beide Hände.

Nach einigem Sinnen langte er abermals zur Feder, riß einen leidenschaftlichen Strich unter das eben Geschriebene und begann das Folgende in sein Tagebuch einzutragen:

»Alle Menschen haben wohl eine Ahnung, daß sie mit den andern auf eine tiefere, seelische Art als die von Handel und Geschäft, von Notdurft und Nutzen verbunden sind, geben es aber nur für den engen Kreis ihrer nahen Freunde und bei jenen Menschen zu, an die sie sich durch eine tiefe Leidenschaft der Liebe oder des Hasses gekettet fühlen. Auf welchen Kräften ihrer tiefsten Natur diese Allverbundenheit der Seelen beruht, das Eingehen auf diese Erkenntnis lehnen fast alle aus der sehr richtigen Empfindung ab, daß ihnen dann die Wahllosigkeit und Ungebundenheit des gewohnten Lebenswandels unmöglich gemacht würde. Und so begnügen sie sich damit, über wundersame Berückungen der Sinne, kuriose Träume und seltsame Anwandlungen des Gemütes angenehm oder schreckhaft zu erstaunen oder als gebildete Menschen sich eben mit Hamlet zu beruhigen. Aber auch tiefere, schwerere Naturen bemerken auf dieser Seite des Lebens nur selten die tausendfältigen Formen menschlicher Existenz, die so nach allen Richtungen geknüpft sind, daß sie auch dem großen, gelassenen Geiste das Gefühl der Unendlichkeit der irdischen Lebensgestalt beibringen.«

Weitfeld hatte immer langsamer und unwirscher geschrieben. Nun legte er die Feder weg und murmelte gelangweilt:

»Ach, wozu denn das jetzt noch?«

Dann schob er das Buch über den Tisch, legte sich auf die Arme und war nach einigen Sekunden wieder von dem totenähnlichen Schlaf befallen.

Gegen Abend erwachte er mit einem Auffahren wie stürmisch emporgerüttelt. Der Himmel war schwach gerötet, wie ein Auge, das zu lange ins grelle Licht gestarrt hatte.

Weitfeld sprang vom Stuhl, trat ans Fenster, warf einen jähen Blick hinaus, kehrte an den Tisch zurück, überlas das Geschriebene, lachte höhnisch, riß die Blätter aus dem Buch und stopfte sie sich mit den Worten in die Seitentasche: »Blech! Quatsch! Das ist vorbei. Ja, ja, mein Körten, nun marschieren wir.«

Darauf ging er ein paarmal durchs Zimmer. Das unentschiedene Tauchen war aus seinem Schritt vollkommen geschwunden. Er ging mit reißendem Federn und sein Gesicht hatte den Ausdruck, der fanatischen Asketen eigen ist. Mit einem Ruck unterbrach er plötzlich das Jagen vor der Tür zu seinem Schlafzimmer. »Schluß! Schluß!« rief er mit böser Entschiedenheit.

Dann nahm er aus dem Schreibtisch sämtliches Geld, steckte es zu sich und ging mit langen Schritten eilend ins Schlafzimmer, aus dem er nach kurzer Zeit in Wadenstrümpfen, im Sportanzug, den vollgepackten Rucksack über die Schultern heraustrat.

Auf dem oberen Flur traf er Therese, die gerade aus der Küche kam.

»Wo ist die gnädige Frau?« fragte er ruhig.

»Im Zimmer eingeschlossen,« antwortete sie zaghaft und erschreckt, wegen seines blassen Gesichts und seiner starren und doch flammenden Augen.

»Gut,« sagte er. »Geh ins Eßzimmer. Ich hab' mit dir etwas zu reden. Die Kinder sollen auch dort sein. Aber sofort.«

Dann blieb er stehen und zeichnete mit dem Stock irgend etwas auf den Fußboden.

Therese rief die Kinder aus ihrem Zimmer und ging mit ihnen bestürzt ins Speisezimmer.

Als der Flur ruhig war, holte Weitfeld tief Atem, trat an die Tür zum Zimmer seiner Frau, klopfte stark und als drinnen gerufen wurde: »Wer ist da?« sagte er mit bebender Stimme: »Manja, mach' auf.«

»Nein, niemals,« rief seine Frau jach, aber mit verquollener unförmlicher Stimme, »niemals! Du bist nicht mehr mein Mann. Du bist nur ein Zuhälter des Geistes, ein ... ein ...« Das andere ging in wehem Weinen unter, alles andere, das wie eine einzige lange Beschimpfung klang. Weitfeld biß sich auf die Lippen und sah zu Boden. Als es drinnen still geworden war, schaute er den Flur hin, neigte den Kopf nahe an die Tür und sagte: »Nun. Ich wollte dir auch nur melden, daß du für immer frei bist. Leb so wohl du kannst. Da du nicht mit mir gehst, muß ich ohne dich gehen. Leb wohl, Manja!«

Dann wartete er noch einen Augenblick.

Es blieb still im Zimmer und Weitfeld schritt langsam hinüber ins Speisezimmer.

Dort saßen die beiden Kinder furchtsam auf Stühlen und sahen ratlos und verscheucht auf ihren Vater, der nach dem Eintritt auf der Schwelle stehenblieb und sie lange mit seinen Augen umfing. Die Kinder senkten vor seinem Blick die Köpfe.

Als Weitfeld das bemerkte, nickte er in bitterem Sinnen und strich sich langsam mit der Hand über die Stirn.

»Ja,« sagte er dann wie aus langem, schwerem Traum erwachend. »Wißt ihr, Jörg und Sissi. Ich muß ins Gebirge. Ich bin überarbeitet und muß allein sein. Folgt der Mama recht gut und seid immer lieb. Vergeßt mich auch nicht ganz. Lebt wohl – einstweilen. Ich muß sehen, daß ich fortkomme. Ehe die Nacht einbricht, muß ich oben sein. Lebt wohl, lebt wohl, Kinder.« Damit umarmte er sie, als wolle er sie zerbrechen und küßte sie inbrünstig, die wie erstarrt alles mit sich geschehen ließen.

Als er von ihnen wegtrat, legten sie die Arme auf den Tisch und begannen leise zu weinen.

Weitfeld winkte Therese mit den Augen und sie folgte ihm auf den Flur.

Dort stand er und sah der Alten eine Weile überlegend, prüfend, vielleicht mit einem letzten Schwanken seines Entschlusses ins Gesicht.

»Weißt du, Therese,« sagte er dann leise und langsam, lachte aber plötzlich grell auf.

»Ach, was! Leb wohl und damit gut,« rief er übermütig, drückte ihr die Hand und sprang förmlich die Treppe hinunter, eilte durch den Garten und war bald verschwunden.

Als Therese aus ihrer Betäubung erwachte und wußte, was vorgegangen war, lief sie wohl die Treppe hinab, ihm nach und schrie förmlich: »Herr Professor! – Herr Professor!«

Aber der Garten war leer. Das Pförtchen stand auf und nichts, als nur die Spuren seiner Füße im Sande, war von ihm zu sehen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.