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Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6

Trinker geraten bei übermäßigem Alkoholgenuß durch den Rausch in den zweiten Zustand der Nüchternheit, in eine grelle, fast hektische Überklarheit des Denkens, in einen Zustand, in dem von den Bewegungen ihrer Überlegung der letzte Schatten des Mitleids und der Parteinahme auch gegen sie selbst verschwindet.

So etwa erging es dem Professor Weitfeld in den ersten Augenblicken, als ihn seine Frau verlassen hatte und er sich, von dem Gipfel seiner höchsten Begeisterung gestürzt, allein im Zimmer sah.

Das ganze Haus war von dem Knall, mit dem Manja die Tür hinter sich zugeworfen hatte, wie von einem Schuß mitten ins Herz getroffen, plötzlich getötet worden, und er stand in dem atemlosen Schweigen einer Totenkammer, ohne zu begreifen, wie alles das gekommen und vorübergegangen war. Er hörte ihre Schritte die Treppe hinauffliegen, droben auf dem Flur stolpern, sich aufraffen, weiterhuschen und hinter einem abermaligen Türenknall, wie mit einer Explosion verschwinden.

Darauf betastete er mit der Hand die Mitte seiner Brust, wo ihn der Stoß seiner Frau getroffen hatte, nickte sich schwer und wie in einem Wissen zu und trug dann den Stuhl, an dem Manja weinend gekniet hatte, in die dunkelste Ecke der Stube. Das Taschentuch, das sie im Krampf des verzweifelten Schluchzens zerrissen auf den Boden hatte fallen lassen, rührte er nicht an. »Mag es als corpus delicti liegenbleiben. Denn wenn ich sie morgen auf ihre Exaltation aufmerksam mache, wird sie es wieder nicht Wort haben wollen. Und alles war wieder nichts, als ›seniler Einsamkeitskram von mir‹, so sprach er leise vor sich hin, als er von dem Winkel seiner Stube in deren Mitte zurückkehrte und lächelte höhnisch, blassen Gesichtes und unendlich bitter. So übersah er sein großes Zimmer in einer Art hilfloser Überheblichkeit, als stehe er in einer Wüste mit unendlichem, verdämmerndem Horizont an allen Seiten.

Und bei all dieser bitteren, höhnischen, überheblichen Ruhe lag ihm ein wilder, furchtbarer, nein, ein bestialischer Schrei im Halse, gegen dessen Ausbruch er mit Anstrengung kämpfte, weil er sicher fühlte, daß er sich dann zunächst mit den Fäusten und Füßen auf die geschlossene Tür stürzen, sie einschlagen müsse und dann gezwungen sei, wie ein Wahnsinniger im Hause zu toben, auf die Straße zu laufen, das ganze Dorf in Aufruhr zu versetzen, »die ganze verfluchte, besudelte Welt geiler Menschenhunde zu vernichten – zu vernichten – vernichten ...«

Ohne es zu wissen, waren seine Gedanken zu lauten Worten geworden, deren Nachhall er jetzt, jäh aufschreckend, nicht anders als falle er eine Strecke durch die Luft, in der Stube nachklingen hörte, und sich selbst fand er wie im Kochen atmend, mit geballten Händen auf die Tür starren.

Er schüttelte mit mißbilligendem Lächeln den Kopf über seine »innere Fessellosigkeit« und fuhr sich mit der Rechten von der Stirn her über das Gesicht, um die Verzerrung eines bösen Krampfes wegzuwischen.

»Es ist ja lächerlich,« sagte er dabei in plötzlich ausbrechender Lustigkeit, »totaler Unsinn, mich so aufzuregen.«

Aber da gewahrte er den Malkittel seiner Frau auf der Diele und mit eins brach die Wildheit wieder los:

»Dieser verfluchte, verfluchte Malkittel liegt auch noch da und sie weiß es doch, daß mich die Unordnung rasend machen kann.«

Weitfeld stürzte sich auf das Kleidungsstück, hob es auf, warf es gegen die Diele, daß die Knöpfe klirrten, stieß es mit den Füßen vor sich hin und schrie fortwährend: »So eine Schweinerei! So eine verfluchte Schweinerei dulde, dulde ... dulde ich ... un .. ter... kei.. nen ... Umstän .. den ...«

Über das ganze Zimmer schubste er mit den Füßen den Malkittel Manjas, bis er ihn unter sein Bett geschleudert hatte.

Er taumelte vor Zorn, daß er sich mit der Hand auf das Nachttischchen stützen mußte.

Dann streckte er seine Hand aus, betrachtete lange aufmerksam ihre innere Fläche und murmelte, sich mit aller Macht zu seiner alten Sanftmut zwingend, leise, fast weinerlich gütig:

»Das ... das geht doch nicht ... Weitfeld ... nein ... nein ...«

Er mußte aber den unbestimmten Gedanken der Beruhigung, zu dem er herfinden wollte, unterbrechen, denn er hörte draußen auf dem Flur vorsichtige Männerschritte sich seiner Tür nähern, sah an sich hinunter, merkte, er sei noch in Strümpfen und horchte mit einer kleinen Beklemmung, ob es an die Tür klopfe. Dann wollte er auf den Zehen in sein Studierzimmer gehen und lautlos die Tür hinter sich zuziehen.

Aber das Klopfen unterblieb.

Nachdem er noch einen Augenblick gewartet und die Überzeugung gewonnen hatte, daß niemand draußen stehe, holte er sich seine Schuhe von der Schwelle herein, setzte sich auf den Stuhl am Bett, auf dem seine Kleider zu liegen pflegten und begann, sie sich gebückt anzuziehen, eine unpraktische Gewohnheit, die er aus seiner Knabenzeit behalten hatte. Das heißt, er stellte seine Schuhe nicht auf den Stuhl, sie zuzuschnüren, sondern besorgte auf viel mühseligere Weise das Geschäft, indem er, bis zum Boden gebeugt, eilig die Senkel durch die Ösen schlang, nachdem er die Schuhe an die Füße gezogen hatte. Als er die Arbeit am rechten Fuß zu Ende gebracht hatte, mußte er sich aus der gebückten Haltung aufrichten, denn er bekam einen Schwindelanfall. Ja, schon als er mit gerecktem Oberkörper und geschlossenen Augen eine Weile gesessen hatte, schwankte und huschte das ganze Zimmer noch immer um ihn.

»Das ist die ungewöhnliche Aufregung,« dachte der Professor, »der ganze Knäuel unaustragbarer Halbwahrheiten, in die ich nur geraten bin, weil ich mich wieder in diesen Relativitätsschwindel des Denkens eingelassen habe.«

Damit öffnete er abermals die Augen, um zu erkunden, ob sich die Kongestion verzogen habe.

Ja, das stimmte nun alles wieder. Das Muster der Tapete stand sicher auf dem graublauen Grunde. Keines der dunklen Pünktchen rührte sich mehr. Die Portiere vor der Tür in sein Studierzimmer hing wieder regungslos. Daneben, auf der Radierung von Aust, »Die Landecker Bielebrücke,« sah er scharf den heiligen Nepomuk auf der Mauereinfriedigung des Brückenweges thronen.

Aber als er so untersuchend mit den Blicken immer weiter nach links rückte und an die dunkle Ecke gekommen war, in die er vorhin den Stuhl Manjas gestellt hatte, mußte er wegsehen und wieder die Augen schließen.

Da saß ja ein Feldgrauer im Mantel auf dem Stuhl, die Beine auseinandergeworfen, mit herausfordernd gerecktem Oberkörper und die eingeknickte Rechte aufs Knie gestemmt.

»Eine Selbstsuggestion,« dachte Weitfeld und verharrte mit geschlossenen Augen eine Weile.

»Öffnen Sie die Augen, Herr Professor,« redete ihn eine Stimme an, deren höflicher Ton höhnisch-verächtlich klang.

Weitfeld zuckte jetzt erschreckt zusammen, erinnerte sich aber, gelesen zu haben, daß bei Wachsuggestionen auch Gehörstäuschungen vorkommen können, nahm die rechte Hand über die Augen, lehnte sich im Stuhle zurück und beschloß, in Ruhe den Anfall vorübergehen zu lassen.

Aber da begann die Stimme wieder zu sprechen:

»Herr Professor, Sie haben vorhin Ihre verehrte Frau, die es am längsten gewesen ist, auf die niedrigste, gemeinste Weise behandelt. Dazu besaßen Sie den traurigen Mut. Ja. Aber jetzt, da ich gekommen bin, um dafür Genugtuung von Ihnen zu fordern, bedecken Sie feig Ihre Augen und tun, als sei ich nur eine Erscheinung.«

Es war unverkennbar das überheblich schnurrende Organ des Assessors Körten, das er da hörte.

»Da hol doch alles der Teufel,« fuhr es wütend in Weitfeld in die Höh', so als sei die Stimme und das Bild nicht das Gespenst seines überreizten Wesens, sondern wirklich der verhaßte Liebhaber seiner Frau, der auf unbegreifliche Weise, da er sich die Schuhe von der Schwelle hereingelangt hatte, hinter ihm ins Zimmer geschlüpft war.

Der Professor spreizte ein wenig die Finger der Hand, mit der er seine Augen bedeckt hatte und lugte durch die Spalten, um zu sehen, ob die Gestalt noch immer auf dem Stuhle vorhanden sei.

Der Assessor saß in der gleichen Haltung, noch eher herausfordernder wie vorher, dort. »Es ist ja purer Blödsinn am helllichten Tage,« murmelte Weitfeld. »Ich habe schlecht geschlafen, dazu die aufregende Unterhaltung mit Manja und der leere Magen. Das ist alles.«

Damit erhob er sich, kehrte dem gefährlichen Winkel den Rücken, setzte den linken Fuß auf den Stuhl und begann, den anderen Schuh zuzuschnüren. Kaum hatte er damit begonnen, so fing der Assessor hinter ihm an, wieder auf ihn einzureden, aber nun mit so verletzendem Hohn, daß es Weitfeld schon nach den ersten Worten vor Zorn den Atem versetzte.

»Haha! Lächerlich! Sie wenden sich ab. So machen Sie, Herr, lieber innerlich kehrt. Lassen Sie diesen Schwindel der Internationalität, diesen Hokuspokus mit der Überpersönlichkeit des Menschen. Ziehen Sie richtige deutsche Stiebeln an die Füße und marschieren Sie los. So machen Sie sich selber und die ganze Nation lächerlich.

Was ist denn das für ein Saft für Säuglinge, den Sie da in dem Johnsbach zusammengebraut haben?

Zum Speien! – Und wegen dieses Lutschers gaben Sie Ihre Professur auf. Sie, die Hoffnung und der Stolz der deutschen Philologie, Sie, der Autor des epochalen, dreibändigen Werkes ›Das Tal der Sprachen‹.«

»Donner und Doria!« schrie Weitfeld in höchster Aufregung, schnellte in die Höh', packte den Stuhl mit beiden Händen an der Lehne und hieb ihn auf den Fußboden, daß es dröhnte. Dann schritt er langen Ganges auf die Tür seines Studierzimmers zu, ohne einen Blick nach dem Stuhl zu werfen, aber immerhin so wuchtig und verachtungsvoll, daß es nicht ohne Eindruck bleiben konnte, wenn ja das schlechterdings Unfaßbare dennoch Tatsache war, daß dieser Körten sich hinterrücks hereingeschlichen hatte und dort saß.

Der Professor riß die Portiere auseinander und verschwand in seinem Studierzimmer.

»So ein Unsinn! So eine Verrücktheit,« murmelte er fliegend, fast atemlos. »Und das muß mir passieren? Mir! In diesen Exkrementen muß ich wühlen! Ich?«

Er begann sofort mit fiebernder Eile um den Schreibtisch zu traben. »Weiß ich, daß alles aus ist. Soll sie auch haben. Mit Haut und Haaren soll er sie haben ... mit Haut und Haaren. – Gott sei Dank, daß es so gekommen ist. Jawohl. Ich Hab' einen Engel gehabt, sozusagen. Von gestern morgen ab. Von der Krähe ab. Gesegneter Vogel. Wahrhaftig! – Welche tiefe Symbolik, auf einem Düngerhäufchen saß sie. – Ja, wirklich prophetisch. – Moder ist nun alles, auf das ich gebaut habe. – ... Moder ... Unrat ...«

Er setzte sich auf den Schreibtischstuhl und fuhr fort, nur die zwei letzten Worte zu sprechen. Die Ellenbogen auf die Armlehnen gestützt, den Kopf zur Erde gekehrt, prägte er sich den Zusammenbruch seiner Existenz ein, indem er immer langsamer und leiser nur die zwei Worte sprach. Ohne daß er wußte, was mit ihm geschah, liefen ihm die Tranen über die Wangen.

Dann versank er in stummes Brüten.

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