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Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Der Abend war indessen weiter vorgerückt. Das Riesengebirge, dieser wohlklingende, hohe, schöngeschwungene Zug von Bergen, lag in windstillem Lichte, das voll einer milden Verhülltheit und zugleich einer kränklichen Grelle war, einer Grelle, die man wie das sich nahende Fieber einer offenen Wunde nicht mit den Augen wahrnahm, sondern mit dem inneren Schauen empfand. Da und dort über den klaren Himmel verstreut standen opaleszierende Rundwolken in vollkommener Regungslosigkeit von schwachem Erröten überhaucht wie aufgeschreckte ratlose Gesichter, aus bösem Traum emporgefahren. Das Gebirge aber wechselte wie aus innerem Antriebe seine Farben, bald rauchgrau überhaucht, bald tiefblau versunken, bald von stumpfem Rot überlaufen, so daß es seine Festigkeit verlor, zu verschwinden, aufzutauchen und dann wieder unaufhaltsam fortzuströmen schien.

Weitfeld blieb auf seinem Wege einigemal stehen, wandte sich um und versank in die Empfindung dieser lautlosen Weltallsunrast der Höhe, schüttelte den Kopf und ging dann, wieder im Bohren sich nur vor die Füße sehend, weiter. »Seltsam,« murmelte er, »höchst seltsam.« Und dann sann er eine Strophe aus einer Befestigung:

Das Geschaffne sei geschaffen
abermals in unserm Geiste.

Damit trat er in einer Bewegung, die ebenso rastlos und gespenstisch wie die am Himmel in seiner Tiefe vor sich ging, von der Mitte des Weges an den Zacken, bog sich über das Geländer und starrte mit den zerflossenen Augen eines innerlich Aufgelösten auf das Wasser, das in leisen Wellen glänzend vorbeizog.

Ein feldgrauer Soldat, dessen eines Bein verkürzt und dessen andres steif war, schleppte sich an zwei Stöcken mühselig vorbei. Weil er den vornehmen Herrn so angestrengt auf das Wasser hinunterschauen sah, humpelte er auch heran, um herauszukriegen, was es denn Merkwürdiges da gebe. Als er eine Weile hinuntergeschaut hatte, bekam er solche Stiche in sein zweimal zerschossenes Bein, daß er leicht aufstöhnte. Da fuhr Weitfeld herum, sah sein schmerzverzogenes Antlitz und erbleichte, faßte sich aber und fragte gütig und sanft: »Sagen Sie mal, hören Sie auch das eigentümliche, dumpfe Rumpeln von Wellen? Es muß da unterirdisch sich ein Wasser in den Zacken ergießen. Denn solche Ströme unter der Oberfläche gibt es, die zudem oft stärker sind als die oberen, in die sie münden, die unsere Mühlen treiben und so und allen Krimskrams.«

Die letzten Worte hatte er schon wieder ganz für sich, ganz im Dunkel seiner inneren Aufgestörtheit gesprochen.

Der Soldat musterte ihn mit einem kritischen Blick, ruckte die Achseln, spuckte ins Wasser und sagte gleichgültig: »Ach nu.«

Weitfeld stierte gespannt auf die Wellen, fuhr nach einer ganzen Weile herum und fragte:

»Wie? – Und zu sehen ist doch nichts, rein nichts. Wenn man auch noch so genau aufpaßt. Kein Mensch bemerkt doch eigentlich etwas Verdächtiges. Seltsam, höchst seltsam, seltsam.«

Ohne auf den Soldaten weiter zu achten, ging er, den Kopf gesenkt, auf- und abtauchend weiter.

»He, Kamrad, he!« rief ihm der Feldgraue jetzt nach.

Der Professor blieb stehen und schaute vollkommen abwesenden Gesichts zurück.

»Gelt, Sie sind verschüttet gewesen?« fragte der Soldat und bemühte sich, eilig heranzuhumpeln.

Weitfeld, der vor Selbstbesessenheit die Worte des Feldgrauen nicht verstand, schüttelte den Kopf, winkte mit der Hand ab und ging, sofort wieder seinen Schluchten verfallend, weiter.

»Manja, meine Frau ... es hat mich offenbar alles nichts genutzt ... ja ... meine Frau ... haha... ich weiß es ... natürlich ... so und auch nicht ...« murmelte er lautlos vor sich hin.

Da trat er in eine kurze Straße, die sanft bergan stieg.

Nach wenigen Minuten stand er vor der Villa des pensionierten Konsuls Griepenstein. Als er in den kleinen Garten trat, sah er den sechsundsiebzigjährigen Greis in weit zurückliegender Haltung auf einem Stuhl sitzen und voll seliger Verlorenheit in die Krone des Ahornbaumes hinaufstarren, auf deren oberster Spitze eine Schwarzamsel in das Glühen des roten Abends flötete. Sein Gesicht war von einem kurz gehaltenen, völlig weißen Bart eingerahmt und trug weit vorgeschrittene Merkmale seniler Kindhaftigkeit. Mit der Spitze des rechten Fußes gab er den Takt zum Vogelliede und mit den Fingern beider Hände trommelte er auf dem Eisenblechblatt des Gartentischchens, das vor ihm stand, einen Militärmarsch.

Weitfeld war vorsichtig durch das Türchen eingetreten, warf einen Blick auf den entrückten Greis, der gerade hellauf lachte und lief dann mit den Augen überall umher.

Als er die Tochter Griepensteins nicht gewahrte, wollte er sich schon wieder zurückziehen. Aber beim Umstellen seiner Füße knirschte der Sand. Da fuhr der Konsul auf, sah den etwas verdutzten Professor und kam ihm mit ausgebreiteten Armen stürmisch entgegen.

»Ach. Hoho, welche Überraschung? Gehorsamster, allergehorsamster Diener, lieber, lieber Herr Professor!« sprudelte er überstürzt. »Scharmant, scharmant! Hören Sie doch bloß die lieben Vögelchen. Die wissen's. Die haben's gespürt. Gott, ich sitze schon eine halbe Stunde, lasse den Himmel über mir musizieren und denke an mein liebes Vaterland. Im roten Abendgold ... im roten Abendgold ... im roten ... ja ...«

Weitfeld kam so zu keinem Laut, wurde von dem lebhaften Greis an das Tischchen geführt und auf einen Stuhl gedrückt.

Das war nun anders, wie er es erwartet hatte. Der Greis achtete nicht im mindesten auf den Zustand des Professors, sondern begann sofort eine endlose, äußerst erregte Auseinandersetzung mit sich selbst über die Nöte und das Glück Deutschlands, besonders das gegenwärtige Glück und die Attacke in die Sonne, die hoffentlich alle halben und ganzen Waschlappen auf immer abtut, »evident mitten entzweireißt, auf Nimmerwiederzusammenflicken.« Dann machte sich der alte Soldat ingrimmig über den Fürsten Lichnowsky her, der gerade mit der Veröffentlichung über seine Londoner Gesandtentätigkeit den Mittelmächten so arge Verlegenheit bereitet hatte, nannte ihn einen diplomatischen Säugling, sprang von dem Grafen Beer mitten in die Strategie Clausewitzens, Moltkes und Schlieffens und plätscherte hier eine Weile zwischen veralteten Zitaten und Lehren umher. Zwischendurch unterbrach er sich immer, berührte Weitfelds Arm, lächelte ihn von untenher mit spitzbübischer Kindlichkeit an und fragte: »Nicht? Hab' ich nicht recht? Oder sind Sie anderer Meinung, sagen Sie es ruhig. Wer so alt wie ich geworden ist, der kann so leicht nicht umgeblasen werden, hahaha! Nein. Also, wie ich eben sagte ...« und dann ging es in der alten Art wieder weiter.

Der Professor saß ganz still, sah durch das Geblätter der Bäume den Himmel sich immer tiefer entzünden, fühlte sich bald wie schlafend und dachte: wenn doch bloß diese Malva käme, damit es sich entscheidet – der vermaledeite Griepenstein, der Idiot, ist die reine Salzsäure.

»Hab' ich nicht recht, Herr Professor?« fragte der Konsul eben wieder.

»Ja,« antwortete zur Verblüffung des Greises Weitfeld endlich, sah ihn gütig an und dachte, jetzt hab' ich's satt. Laut setzte er fort: »Vollkommen Ihrer Meinung, Herr Konsul. Es ist, wie Sie soeben richtig bewiesen haben, durchaus dasselbe, wenn ein Wahnsinniger schlägt, als wenn er von einem andern Wahnsinnigen geschlagen wird.«

»Erlauben Sie gütigst, Verehrter. Sie müssen sich verhört haben. Ich sprach eben von den Vorteilen der verkehrten Front,« warf Griepenstein ein.

»Eben deswegen. Und ich wandte nur das Faktum der Verkehrtheit auf ein anderes Gebiet an.«

Dem Konsul stand der Mund auf und ratlos lächelnd sagte er: »Ach so. Hmhm. Bitte sagen Sie es noch mal, Verehrter.«

Weitfeld aber saß schon wieder still mit unbeweglich gramvollem Gesicht, so, als hätte er sich noch nicht an Griepensteins eigner Unterhaltung beteiligt. Nach einigen Augenblicken jedoch fühlte er, daß der Greis zu ihm gesprochen habe und sagte:

»Recht gern, Herr Konsul. Sie wissen doch auch von dem perpetuierlichen Phänomen der seltsamen Bewußtseinsakustik gegen alle Laute des Schicksals. Trotzdem es allen denkenden Menschen bekannt ist, daß alle geistige Apperzeption nur ein Perfektum, nie, niemals ein Präsens ist, so überrascht es den Menschen doch immer aufs neue, und zwar nicht immer angenehm, das Schicksal erst wahrzunehmen, wenn es schon geschehen ist. Und wenn wir uns zur Wehr setzen, mein verehrter Krieger, so bekämpfen wir nicht ein gegenwärtiges Übel, sondern nur die Folgen eines schon vergangenen.«

Der Professor war, wahrend er dies sprach, aufgestanden, denn er hörte Schritte im Garten herkommen.

»Ja, ja. So ist die Sache, lieber Herr Konsul,« sagte er leise und klopfte ihn lachend auf die Schulter. Griepenstein blieb zusammengekauert und fragte stotternd: »Da meinen Sie, wir wüßten nicht, worum wir kämpfen. Oder wie? Ich versteh Sie nicht.«

In diesem Augenblick trat Fräulein Griepenstein aus dem Gebüsch. Weitfeld überhörte des Konsuls Bedenklichkeiten. »Ah, da ist ja Fräulein Malva!« rief er aus. »Guten Tag, Fräulein Griepenstein. Sie sehen ja ganz glühend aus. Sie kommen gewiß vom Malen. Ich kenne das von Manja. Ihr Gesicht ist dann auch immer, als sähe sie ins Abendrot,« und er ging ihr rasch entgegen.

»Guten Abend, Herr Professor,« sagte das alte Mädchen etwas schleppend. »Sehr angenehm, daß Sie uns mal besuchen. Ja. Malt Ihre Manja auch wieder mehr?«

In diesem Augenblick fuhr der alte Konsul, der bisher grübelnd dagesessen hatte, mit großer Entrüstung auf, zog seine Tochter zur Seite und flüsterte ihr ins Ohr: »Du, der Professor ist übergeschnappt.« Dann kehrte er sich zu Weitfeld, machte lächelnd einen tiefen Diener, winkte devot mit der Hand und sagte äußerst liebenswürdig: »Ergebenster Diener, verehrter Herr Professor!« Darauf verschwand er im Gebüsch, von wo bald darauf sein lautes Gelächter erscholl.

»Ja, mein Vater ist heute geradezu ausgelassen wegen der beispiellos großartigen Westoffensive,« sagte Malva Griepenstein, ihm nachsehend. »Er ist ordentlich jung geworden.«

»Da haben Sie recht, Fräulein, richtig jugendlich.«

»Nicht? Und dann ist er immer dankbar, wenn er sich zu jemand aussprechen kann. Denn ist er lange allein, spürt man's, daß ihm Egons Tod doch noch recht zu schaffen macht.«

Die Malerin lenkte, während sie in ihrer mehligen Art so sprach, ihre langsamen Schritte gegen den Gartenausgang, weil sie der Meinung war, Weitfeld wollte wieder nach Hause.

Der Professor folgte ihr, immer einen halben Schritt zurückbleibend, sah mit blassem Gesicht zu Boden und stach bei jedem der Schritte genau um die Sohle seines Stiefels mit dem Stock einige Löcher in den Sand.

»Wo ist Ihr Bruder gefallen?« fragte er halblaut, ohne den Kopf zu erheben.

»Bei Baranowitschi als Batteriechef,« antwortete die Malerin. »Ja. Eine glänzende Zukunft ... und nun? Wenn es nur Mutter nicht so geworfen hätte, möchte es noch hingehen.«

Sie standen vor dem Ausgangspförtchen. Der Professor hob jetzt sein Gesicht und fixierte Malva Griepenstein so scharf, daß sie, nach ihrer Gewohnheit, den großen immer speichelnden Mund schloß und mit ihren etwas geröteten wimperlosen Äugen neckisch blinzelte.

»Was wollten Sie sagen, Herr Professor?« fragte sie süß, weil er noch immer in ihr Gesicht starrte.

»Ich bin nämlich deswegen nicht hierhergekommen,« sagte Weitfeld endlich leise und erblaßte unter schwachem Zucken seines Gesichts noch mehr.

»Nicht? Ich dachte, Ihnen wäre vor patriotischer Freude auch das Haus zu eng geworden, und Sie hätten mit dem Freunde Ihres Vaters ...«

Weitfeld unterbrach sie fast rauh.

»Nein,« sagte er, »ich bin wegen Ihnen gekommen und nun Sie da sind, werfen Sie mich auf diese geräuschlose Art sofort wieder auf die Straße,« und lachte.

»Ach nein, Sie scherzen, Verehrter,« erwiderte das alte Fräulein errötend, »und dabei sagen Sie die Bosheit noch mit so todernstem Gesicht. Also bitte, sagen Sie mir ...«

Während Malva das etwas überstürzt sprach, schloß sie das Pförtchen und ging schnell in den Garten zurück.

Weitfeld folgte ihr.

»Ganz und gar keine Malicen, liebes Fräulein«, sagte er hinter ihr her.»Nein, wenn die Berliner Ihre Bilder bewundern, so ist es doch keine Bosheit, wenn ich als Johnsbacher sie auch mal sehen will.«

Jetzt blühte Malva auf. Ihre schlaffe Art verschwand. Sie ging elastisch dem Hausaufgang zu: »Ach, ich wußte gar nicht, wie reizend Sie sein können, und da sagt Manja immer, Sie scherten sich gar nicht um ihre Malerei. Sie gestatten, daß ich Ihnen vorangehe. Wir müssen schnell machen. Es ist gerade gutes Licht. Bitte, hier, Herr Weitfeld!«

Eifrig ging Malva voraus. Die letzten Worte sprach sie etwas gedämpft und schlüpfte dann auf den Zehen in ihr großes Malzimmer, eilte dort geräuschlos zur Tür ins nächste Zimmer und schloß sie vorsichtig.

»So,« sagte sie dann aufatmend, »Mutter sitzt nebenan im Lehnstuhl und gegen Abend schläft sie immer eine Stunde.«

Weitfeld legte Hut und Stock auf den Tisch und nahm auf einem Stuhl unter verstehendem Nicken Platz, während Malva Griepenstein die Staffelei mit dem großen Bilde aus der Abendglut rückte. Es war eine Parklandschaft bei Mondenlicht, im Hintergrund mit den schattenhaften Massen eines Schlosses, aus dessen Fenstern Klümpchen roten Lichtes stachen, im Ganzen ein aufdringlicher, fetter Schinken.

»Offen gestanden, Manja schätzt Sie ja sehr, Fräulein Malva, wie Sie selbst wissen,« sagte Weitfeld, und trat bald näher zu dem Bilde, bald fixierte er es, scheinbar scharf, aus der Ferne. Dabei sprach er gedämpft, gemessen und verbindlich. »Ja, wirklich famos, die verschwimmenden Baumkronen, die der Wind peitscht. Ja, was ich sagen wollte, Manja schätzt Sie doch sehr. Allein sie meint, wenn Sie ihre breite Malweise zugunsten eines präziseren, zusammengefaßteren Striches aufgeben würden, so würden sich Ihre Erfolge noch steigern.«

Er nahm den Kneifer ab und sah scharf zu ihr hinüber. Was er erwartet hatte, trat ein. Sie erbleichte und brach leise in höhnisches Lachen aus.

Denn seit sie Erfolge hatte, war die sonst so gleichmütige, fast indolente alte Jungfrau äußerst verletzlich geworden. Sie hielt ihre Bilder für Kunstwerke und behauptete, nur an erste Kenner zu verkaufen, obwohl durch Vermittlung betriebsamer Menschen, die neuen Reichen der Hauptstadt, die Kriegsgewinnler, allein ihre Abnehmerwaren. Über Ausstellungen rümpfte sie die Nase und fuhr fort, pompöse, bunte, romanhafte Landschaften zu malen.

»Ja, Manja, Ihre liebe Frau. Hahaha!« lachte sie beißend. »Da soll sie nur ihre Bilder mal vor richtige Kenner bringen und sie wird sehen, wer recht hat.«

»Eben deswegen, liebes Fräulein, bin ich hergekommen, um mir aus eigener Anschauung ein Urteil zu bilden. Ich finde Ihren Strich frisch, fast von furioser Leidenschaftlichkeit. So, daß man meint, ein anderes Wesen habe dieses Bild gemalt, nicht Sie, diese liebe, sanfte Malva.«

»Nicht? Und wie gefällt Ihnen das geisternde Mondlicht?« fragte sie geschmeichelt.

»Sehr gut und wie reich nuanciert! Nein. Da hat Manja unrecht. Aber sie ist nicht zu bekehren von ihrer Art. Außerdem gibt sie ihre Bilder immer nur an Freunde, die ihr dann aus Artigkeit und Höflichkeit auch nur schaden.«

Fräulein Griepenstein sah den Professor überrascht in das zerbohrte Gesicht, dessen Ausdruck immer leidender wurde.

»Ich meine es wirklich so, wie ich es sage,« sprach er ihr ungläubiges Stutzen beantwortend. Dann nahm er wieder am Tische Platz und fuhr fort: »Sie müssen wissen, daß ich für ernstes, organisches Arbeiten bin, wenn Manja die Malerei nun schon als Hauptaufgabe ihres Lebens betrachtet.«

Malva lachte boshaft.

»Darf ich Ihnen offen meine Meinung sagen?« fragte sie dann und setzte sich ganz nahe zu ihm.

»Ich bitte sogar darum,« antwortete der Professor, spürte, daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat, und fuhr sich leicht mit dem Taschentuch übers Gesicht.

»Sie haben vollkommen recht,« sagte Malva und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Dieser Anhang von Bekannten und Freunden mit ihrem Halleluja bei allem, was von Manja kommt, schadet ihr geradezu. Vor allem dieser Assessor Körten. Der Mann überschlug sich ja geradezu, als ich ihm zu Ostern auf dem Görlitzer Bahnhof das kleine Bild Manjas gab. Richtig wie unsinnig vor Glück war er. Ohne es nur gesehen zu haben, nannte er Manja und Liebermann und Klinger und Thoma und wer weiß wen, in einem Atem.«

Während Malva das in großer Erregung redete, sah sie den Professor automatenhaft lächeln, trotz dieser Heiterkeit aber sein Gesicht immer gramvoller werden. Dann erhob er sich geräuschlos und steif.

Fräulein Griepenstein sah, daß er in der Stube hingehen wollte, aber plötzlich wie gelähmt war.

Dazu lachte er in einer solchen Lustigkeit auf, daß sich Malva an den Verdacht ihres Vaters erinnerte, der den Professor übergeschnappt gefunden hatte, und rief: »Gott, was ist Ihnen denn? Sie taumeln ja, Herr Professor!«

In Angst steigerte sich ihre Stimme fast zum Schrei.

Weitfeld streckte den Arm aus und tat ein paar taumelnde Schritte nach dem Ofen hin, fortwährend tapfer lachend.

Aus dem Nebenzimmer erklangen kurze Schluchzlaute, wie das hohle Jappen eines abgetriebenen Jagdhundes: »hu – hu – hu – hu – hu.«

»Was ist denn das?« fragte Weitfeld, der den Ofen erreicht hatte und sich daran lehnte.

»Ach wissen Sie, das ist ja eben das Furchtbare. Sie ist gelähmt und seit Egons Tod nicht mehr bei Besinnung. Sobald sie erwacht, weint sie so machtlos und abgerissen Tag und Nacht um Egon. Aber was war Ihnen denn auf einmal?«

»Es ist weiter nichts,« antwortete er erheiternd. »Ich vertrage die Kriegskost nicht und werde eben manchmal hungermatt. Aber nun ist schon alles wieder gut. Schade, daß wir in unserer Unterhaltung so gestört worden sind. Nein, ich gebe ihnen vollkommen recht in Ihrer Ansicht über meine Frau. Ich danke ihnen und werde auf Manja zu wirken suchen.«

Während er sprach, jappte die arme Irre im Nebenzimmer fortwährend eintönig-schluchzend:

»Hu – hu – hu – hu –«

Der Professor nahm in sorgfältiger Achtsamkeit Stock und Hut an sich, horchte auf das Weinen der Greisin und ging mit gramvoller Mutlosigkeit auf dem Gesicht davon.

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