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Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
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3

Als Weitfeld erwachte, merkte er an dem angeröteten Licht, das durch das duftige Grün der Vorhänge fiel, daß es schon gegen den Abend hin gehe. Er setzte sich auf und als erhebe er sich vom Nachtschlaf und bedürfe, um in den Tag hineinzufinden, des Wissens um die Träume, die ihn durch den Schlaf geführt hatten, wandte er sich mit seinem Denken zurück. Aber er sah nichts als den Zwiespalt mit seiner Frau, überlegte sich ihr Betragen und seine Worte und merkte, daß die Argumente, die er vorgebracht hatte, in Rücksicht auf seine große, neugewonnene Überzeugung recht dürftig und etwas wirr ausgefallen waren und daß, gemessen an der Höhe seiner Idee, seine neue Lebensführung auf Außenstehende vielleicht komisch wirken konnte, ja, wer weiß, sogar mußte.

Allein es konnte doch nicht anders sein. Der Boden, auf dem er sich bewegte, war neu, deshalb war es nicht verwunderlich, daß er sich, vor sich selber sogar, vorerst etwas seltsam gebürdete. Denn um eine neue Menschenzeit heraufzuführen, war es ja wirklich nicht unbedingt notwendig und angemessen, das Mittagessen zu übergehen und dann den ganzen Nachmittag zu verschlafen. Die Exaltation seiner Frau, besonders ihr Schreien und Davonlaufen, das Gelächter seiner Kinder hinter der Tür, alles war ganz natürlich. Er erhob sich lächelnd und sagte sich, daß das Problem der vollkommenen Angemessenheit oder besser Kongruenz zwischen der inneren Welt und der äußeren Lebensführung für einen Menschen nie zu erreichen sei. Aus dieser Inkongruenz stammt überhaupt alle Denkbarkeit, alle Sichtbarkeit, alle Wahrnehmbarkeit, und das bildet den Grund für die Tatsache, daß jeder, auch noch so ehrwürdige Mensch, bei genauem Zusehen eine komische Figur sei.

Lachend dehnte er die Arme über sich und sagte laut: »Aber deswegen ziehen wir die Hand nicht vom Pfluge zurück!«

Dann öffnete er die Vorhänge an allen Fenstern, auch an der Balkontür, daß das volle Licht der geneigten Sonne ins Zimmer strömte, horchte ins stille Haus hinaus und trat dann an den Schreibtisch, um sich noch einen Augenblick in das Orientierungsblatt, die Zeichnung der drei geometrischen Figuren, zu vertiefen. Befriedigt legte er sie weg.

O nein, der Erfolg war unleugbar. Seit Wochen hatte er sich wieder in die Hand bekommen und war nicht mehr der Tummelplatz ewiger Unruhe, des Schreckens, grausigen Schmerzes und einer lastenden Sorge.

Er war einfach aus dem blutigen Kreis herausgetreten.

So muß es sein, murmelte er, schloß den Schub des Schreibtisches und verließ das Haus an der hinteren Seite. Beim Niederschreiten von den wenigen Stufen, die in den Garten führten, umnebelte ihn wohl ein leichter Schwindelanfall. Ein floriges Schwimmen zog über sein Hirn und die über den schmalen Kiesweg geneigten Büsche verloren ihre deutlichen Umrisse und sahen wie eine grüne Wasserwoge aus, die lautlos auf den gelben Sand niederfloß. Der Professor legte seine kühle Hand auf die Stirn, faßte den Weg mit festen Schritten an und trat, schon wieder ganz frei und sicher, durch das kleine Pförtchen auf den Dorfweg, der am Ufer des Zackens entlang lief. Er hatte die Empfindung, seine Frau sehe ihm von dem Fenster ihres Zimmers nach. Aber er drehte sich nicht um, sondern erinnerte sich, daß Manja ja heute Nachmittag zu Besuch bei der Forstmeisterin sei. Also hatte ihn dies rätselhafte Gefühl des Betastetwerdens auf seinem Rücken wohl getäuscht, und es war nur »ein dislozierter, vagierender Gedanke der Unruhe, der sich dort in der Täuschung eines sinnlichen Reizes manifestierte.« Mit einem merkwürdig von innen spürenden Blick, halb schon zum Weiterschreiten gewendet, betrachtete er das rote, hohe Ziegeldach der Forstmeisterei, das sich neben seiner Villa zwischen den weitästigen Kronen alter Laubbäume sehen ließ und blitzartig grell stand die Erinnerung an einen Vorgang vor seinem Geiste, der ein halbes Jahr zurücklag. Es war ein harter Vormittag gewesen mit unbarmherzig klarer, winterlicher Frostsonne. Bäume und Sträucher ein einziges weißes Wogen. Die Schritte der Fußgänger knirschten, unter den Kufen der Schlitten drang ein hohes Wimmern hervor und zog verhauchend hinter den Gefährten her. Am Fenster seines wohldurchwärmten Schlafzimmers stehend, hatte er in diesen neu beschneiten, bitterkalten Dezembertag hinausgesehen und nach einer Weile den alten Käse, den Allerweltsbastler von Johnsbach, bemerkt, der in den Häusern der Begüterten und bei den sommerlichen Erholungsgästen des Ortes das Amt eines Dienstmannes versah. Mit einem kleinen Schlitten, den er behutsam hinter sich herzog, wand er sich aus der hinteren Tür des forstmeisterlichen Gartens auf den Weg, schloß das Pförtchen, daß die Haspe laut klirrte, trat an das Schlittlein und betastete umständlich die Stricke, mit denen eine breite, flache Holzkiste darauf festgebunden war. Dann trottete er mit seinem rührigen Zuckeltrab den Zackenweg weiter wasserab, warf, bei Weitfelds Gartentürchen angekommen, einen Blick auf des Professors Haus, als habe er ein Anliegen, hielt sich aber kaum einen verlangsamten Schritt auf und ging dann geschäftig fürbaß. Durch irgendeine rätselhafte Wendung seines Innern war damals dem Professor dieses Betragen des Alten seltsam vorgekommen und wie auf der Lauer liegend, hatte er nun erst recht Posto gefaßt, um zu beobachten, was weiter geschehen werde. Nach Verlauf von kaum zehn Minuten war seine Frau in leidenschaftlicher Aufgeregtheit aus demselben hinteren Gartenpförtchen der forstmeisterlichen Besitzung getreten, durch die eben der alte Dienstmann Käse davongegangen war, hatte den Zackenweg hinuntergesehen, als luge sie dem hurtigen Greislein nach und dann, in ein übermütig wirbelndes Rennen verfallend, war sie förmlich durch den Garten in ihr Haus zurück geflogen, als sei sie ein toller Backfisch und nicht die seit zehn Jahren verheiratete Frau des Universitätsprofessors Josef Weitfeld. Auf der Stelle des weißbeschneiten Zackenweges aber, wo Käse gestutzt und an der seine Frau einen Augenblick hinter dem davongefahrenen Manne dreingeschaut hatte, dem Pförtchen gerade gegenüber, ließ sich eine kleine Weile darnach mit klammem, mißmutigem Flug eine Krähe nieder, blies ihre Federn zu einer grauschwarzen Kugel auf und äugte mit schiefem Kopfe bald auf die eine, bald auf die andere Seite nach Nahrung aus.

Die Erinnerung an diesen Vorfall bemächtigte sich des Professors blitzartig aus dem Hinterhalt und war mit einer so drohenden Wichtigkeit geladen, daß er kopfschüttelnd weiterging und sich vergeblich fragte, was das für einen Sinn habe.

Alls er an der ersten Brücke über den Zacken angelangt war, blieb er grübelnd stehen und die Vermutung fiel ihn an, daß dieser Vorgang möglicherweise der rätselhafte Grund sei, weswegen ihm heute vormittag bei dem Gespräche zwischen seiner Frau und der Forstmeisterin die Krähe auf dem Düngerhaufen weit draußen im Felde so merkwürdig erschienen sei. »Das können wir ja gleich sehen, was dahinter steckt,« sagte er zu sich und warf einen Blick über die Brücke, auf der, vom andern Ufer her, eben ein etwa zehnjähriges Mädchen auftauchte und auf ihn zukam.

Das Kind, wohl aus einem ärmlichen Hause stammend, hing schlank und welk wie ein lebendiges Leichlein in dem geflickten kurzen Röckchen und als sie bei ihm stand und seine Frage gehört hatte, ob nicht hier herum der alte Käse wohne, gab sie ihm mit einer so leisen, fröstelnden Stimme den gewünschten Bescheid, indem sie mit der ausgestreckten Hand über den Fluß in das Gewirr von kleinen Häusern wies, daß der Professor sein Herz in einer bitteren Klemme fühlte, weil er merkte, wie dies unschuldige Kind von den Folgen des Krieges ausgemergelt war. Deswegen setzte sich der überwüchsige, lange Körper Weitfelds nicht, wie es sonst seine Gewohnheit war, mit einem zerstreuten Nicken des Kopfes, ohne Dank und Gruß in der angegebenen Richtung in Bewegung, sondern er zog den ausgestreckten Arm des Kindes herab, drückte ihm zwei Zehnpfenniger in die Hand und sagte mit ausdrucksvoller Stimme dabei die ersten beiden Verszeilen seiner Befestigung:

»Durch die Speise neu entzündet
führt es uns zu neuer Wandlung,«

nickte ihr noch einmal bedeutsam zu und schritt dann über die Brücke, ohne sich um die Verblüffung des Mädchens zu kümmern, das bald dem hageren, langen Manne mit dem leicht tauchenden Oberkörper nachsehend, bald die beiden schwärzlichen Geldstücke betrachtend, eine leichte Lustigkeit ins Gesicht kriegte und dann lachend und singend den Weg am Flüßlein hinuntersprang.

Weitfeld ging das Gewirr der Hühnersteige zwischen den kleinen Häusern in umfriedeten Gärten hin, wich aus, wo es gar nichts auszuweichen gab, sah sich aufmerksam um, wo nichts Merkwürdiges zu sehen war, lächelte fremde Gesichter gewinnend an, maß gleichgültige Menschen mit drohenden Augen und hatte immerfort die Empfindung wieder näher an seinem wunden Herzen, daß er die Hand aus einem zermalmenden Getriebe ziehen müsse, das um ihn raste und mit tausend eisernen Zahnrädern nach ihm schnappte.

Endlich stand er vor dem Häuschen Käses, das wie eine große Schildkröte, breit und grau im Grün kauerte, wie die anderen Anwesen auch, mit altersschwachen Schindeln gedeckt, und nur einer Reihe Fenstern, kaum linderhoch über der Erde. Als er über das kleine Vorplätzchen schritt, das nicht größer war als eine ausgebreitete Reisedecke, dachte er: Wenn ich aber nicht will, bleibe ich heil trotz allem Unheil. Mit diesem Huschen im Kopf trat er schon in die einzige große Stube des Hauses, die, sehr geräumig, sehr niedrig und peinlichst sauber, ganz im grünen Dämmern der umbuschten Fenster lag. Der alte Käse, wohl eben von einem Gange zurückgekehrt, saß an dem weißgescheuerten riesigen Tisch, strich sich mit der einen Hand den Schweiß von der Stirn, mit der andern langte er in die Hosentasche nach seinem Geldbeutel, um seinen Tageserlös zu überzählen. Die grüne Tellermütze mit dem messingenen Dienstschild hatte er auf dem Tischblatt hingeschoben. Als der eintretende Professor in der Tür erschien, die aufstand, zog er die Hand, die nach dem Beutel fahren wollte, zurück, langte nach der Mütze, seiner Amtstracht, rückte an seinem schon recht eingehutzelten Körper, als wolle er sich erheben, und noch ehe Weitfeld gegrüßt hatte, sagte er mit einem dienstwilligen Lächeln: »Scheen gun Amd auch und was wär gefällig, mein Herr, wenn ich fragen dürfte?« Aber nun erkannte er den Eintretenden erst und fügte schnell hinzu: »Ach, Sie seins, Herr Professor?«

»Ja,« antwortete Weitfeld, »ganz recht. Ich bin's,« und trat an den Tisch, den kleinen Käse achtsam beäugend, der wie ein graues Menschenhäufchen auf seinem Stuhle hockte.

»Sie sind der Dienstmann Käse, nicht wahr? Ja. Ich seh's. Ganz recht. Wenn ich nun zu Ihnen komme, so ist es eigentlich nicht notwendig, daß ich zu Ihnen komme, weil es in einem Gedicht treffend heißt: ›Niemals darf in eignen Grenzen fangen sich des Menschen Streben.‹ Allein Sie haben vorigen Winter vor Weihnachten für meine Frau ein Paket nach Berlin auf die Post gebracht. Von Forstmeisters aus. Nicht wahr?«

Der alte Dienstmann war verblüfft. »Hmm. Wie meinen Sie? Ganz recht. Ein Paket. Nee, nee. Das stimmt. Vor Weihnachten. Nu freilich. Gell ja, Mutter, vor Weihnachten war's, wo ich das Bild ... Das is meine Frau.«

Frau Käse, auch klein, greisig, aber noch rundlich und rührig, war während des Gestammels ihres Mannes in der Stubentür erschienen und trat nun neben den Professor an den Tisch. Es begann sogleich zwischen dem alten Ehepaar ein langer Austausch von unwichtigen Nebensächlichkeiten, nur aus dem Grunde, weil beide befürchteten, die ganze Angelegenheit berge in irgendeiner Falte eine Gefahr oder wenigstens einen Nachteil für sie.

Weitfeld hörte eine Weile schweigend zu. Dann griff er in die Tasche, legte einen Fünfziger auf den Tisch und sagte bestimmt:

»Schon gut. Ich danke. Meine Frau hatte dazumal kein Kleingeld. Es waren noch fünfzig Pfennig Rest geblieben. Hier sind sie.«

Beim Anblick des Geldes ging ein Erhellen über das Gesicht des alten Dienstmanns.

»Nee nee, wenns aso is, da, of deutsch gesagt, Herr Professor, da stimmt alles. Freilich, freilich.« Mit diesen Worten nahm er das Geld geruhig unter seine Hand.

Weitfeld schloß die Augen und kehrte sein plötzlich blaßgewordenes, leidendes Gesicht gegen die Decke. Dann murmelte er: »Die Krähe.«

»Was sagten Sie?« fragte Frau Käse, die erstaunt sein seltsames Betragen betrachtete.

Aber Weitfeld hatte sich schon wieder in der Hand. »Die Sache stimmt also,« sagte er gramvoll. »Sie haben die fünfzig Pfennige für das Bild bekommen. Guten Abend.«

Er machte kehrt, bückte seinen langen Körper unter der niedrigen Tür und verschwand mit seinem tauchenden Gange im Gebüsch der Hühnersteige nach der Zackenbrücke zu.

Der alte Käse hatte sich erhoben und sah dem Davongehenden vom Fenster aus nach.

»Studiert is nich gut und überstudiert schon gar nich,« sagte er und kraute sich dabei am Hinterkopf. »Das is ein Pferd mit fünf Beinen, Mutter, der Professor aus Berlin,« setzte er, sich umdrehend, seine Bedenklichkeit fort.

»Was geht denn das dich an, he?« fragte seine Ehehälfte abweisend.

»Nee, nee, Mutter, ich zerbrech' mir auch den Kopp nich. Aber, verstehst du, bei mir stimmte es doch mit der Frau auf den Pfennig und nu kommt der Herr, legt mir 'nen Fünfziger her und macht sich wieder naus und zu alledem verführt er Reden und macht Augen, als wenn er reen een Rauchfang im Leibe hatte.«

»Ach Käse, das geht dich doch gar nichts an,« erwiderte die Frau. »Es is Krieg. Es geht draußen drüber und drunter, in jedem Dorfe und in jedem Koppe. Du bist Dienstmann und wenn dir jemand mehr gibt, da nimmst du's und hältst's Maul.«

»Nu nee. Freilich nich. Werd ich nich. Ha! Was der Professor und seine Frau mit'nander haben, geht mich nichts an. Nee, nee. Da hast du recht, Mutter. Freilich nich.«

Immer so mehr in sich hineingrummelnd, als zu seiner Frau sprechend, die auch schon gar nicht mehr nach ihm hinhörte, hatte sich der Alte über die Stube getrödelt. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und sagte: »Nee, nee, Mutter. Wenn der Putz von der Kirche fällt, so geht das den Glöckner nichts an. Weeß ich alleene.« Auflachend trat er aus dem Hause, lehnte sich über den Zaun und schaute nach dem Professor aus, den er eben über die Zackenbrücke gehen sah, den Kopf so geneigt, als sei die niedrige Balkendecke noch immer über ihm.

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