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Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2

Anfangs war sein Gang unruhig, sein Schritt ungleich. Er fuhr sich oft mit der Linken an seinen leicht ergrauten, ehemals blonden Spitzbart und zog ihn bis zu dem letzten Härchen durch die bebenden Finger seiner schmalen, durchsichtigen Hand.

Allgemach wurde sein Schritt lang und leise und sein schlanker Körper beugte sich jedesmal ein wenig, wenn der Fuß den Boden verließ.

Nachdem er so wohl eine Stunde in seinem Zimmer hin- und hergeschritten war, blieb er so langsam stehen, wie eine Uhr, die ausgelaufen ist. Die Schwünge des Perpendikels werden kleiner, müder und endlich haucht die Unruhe das letzte kaum vernehmliche Knacken aus. Weitfeld bedeckte seine hohe zergrübelte Stirn mit der Hand, wie um sie durch einen kühlen Umschlag zu beruhigen und schloß dabei die Äugen, als gelte es, das Minieren eines geheimen Schmerzes zu stillen und murmelte nach langem Besinnen: »Es gilt, sich loszuringen von der Vergewaltigung durch das Äußere. Denn das Problem des Lebens dreht sich darum, die Tätigkeit immer tiefer in uns selbst zu verlegen. Das ist der einzige Weg zur Freiheit, die einzige Möglichkeit, daß diese ewige Grundforderung des Menschen endlich zur Tatsache wird.«

Dann ließ er die Hand sinken und sah in einer Art verblüfften Staunens ins Wesenlose, wobei er den Mund wie zum Pfeifen spitzte und so große, starre Augen machte, daß seine Brauen fast in die Hälfte der Stirn hinaufgeschoben wurden.

»Ja a a a,« sagte er, den angehaltenen Atem auslassend, »einer auf dieser verwirrten Erde muß doch damit den Anfang machen. Und warum in aller Welt soll ich nicht derjenige sein?«

Darauf sah er an den Wänden seines Zimmers entlang, die bis nahe an die Decke mit Bücherregalen vollgestellt waren. bekam davon ein spöttisches Lächeln in seine Züge, ging langsam hin und zog vor die bunten goldbedruckten Bände die graugrünen Vorhänge. Die Messingringe glitten schwirrend über die Eisenstäbe und er wiederholte sich fortwährend leise die Mahnung: »Aber um Gottes willen, nicht wieder denken. – Nicht – wie – der den – ken.«

So ging er murmelnd von einem Regal zum andern. Zuletzt zog er auch noch die leichten Vorhänge an der Balkontür und allen Fenstern zusammensetzte sich in dem gelbgrünen Dämmern an den Schreibtisch und vertiefte sich in den Anblick eines Blattes, auf das er einen Kreis gezeichnet hatte, an dessen innere Peripherie ein Fünfeck und darin wieder ein Dreieck gelegt war. Die erste Figur war mit blauer Farbe, die zweite mit brauner, das Dreieck mit grüner Farbe ausgetuscht. Es war die Art, wie er sich seit Monaten auf die Neumelodie, auf die menschlichen Universalkräfte stimmte. Er saß in seinen Stuhl zurückgelehnt, die Unterarme mit flach ausgestreckten Händen auf den Oberschenkeln liegend. So sah er unverwandt mit versinkendem Gesicht auf die Zeichnung. Von Zeit zu Zeit schloß er lange die Augen, um die Vorstellung der Figuren »bis zur vollkommenen Präponderanz in die Tiefe einzusaugen.«

Nach etwa einer Stunde hörte er vorsichtig an die Tür klopfen, und das Dienstmädchen rief, als er geantwortet und dann das Klopfen wiederholt hatte: »Herr Professor, die gnädige Frau lassen sagen, es ist angerichtet.«

Weitfeld rührte sich nicht.

Eine Weile darauf trippelten Kinderschritte über die hölzerne Stiege, kamen auf den Zehen an die Tür, hielten auf der Schwelle an und nach einem Atmen durchs Schlüsselloch und unterdrücktem Kichern, klopfte es wieder zaghaft und eine Knabenstimme sagte furchtsam: »Vater, die Suppe wird kalt.«

Weitfeld zog die Brauen unwillig zusammen, erhob sich und sagte:

»Mädi und Bubi!«

»Ja,« gab es von draußen doppelstimmigen Bescheid.

»Sagt der Mutter, ich meditiere und will nicht gestört sein, bis ich mich selbst melde. Hast du's verstanden, Jörg?«

»Ja, Vater.«

»Bis ich mich selbst melde und vergeßt mir nach dem Essen nicht die Befestigung.«

»Nein, Vater.«

»Gut. Also auf Wiedersehen.«

Die Kinder wirbelten befreit den Flur hin über die Stiege hinauf und er hörte bald im Eßzimmer über sich die Stühle rücken.

Er aber ging, streckte sich auf dem Liegesofa aus und schloß die Augen.

Ein traumleises Sausen war in seinem Kopfe, so wie er es während seiner Orientreisen in den Tropen oft erlebt hatte, wenn er schlaflos zur Nacht in der Wüste den seinen Sand gegen die Wände seines Zeltes treiben hörte.

Nach langem wurden die Stühle über ihm wieder gerückt. Dann war es still und Weitfeld wußte, daß seine Kinder nun die von ihm gedichtete Befestigung sprachen, die er ihnen mit viel Mühe beigebracht hatte. Und als sitze er bei ihnen und müsse ihnen über die schwierigen Stellen hinweghelfen, sprach er halblaut und mit pedantisch genauer Akzentuierung die Worte seiner Verse, über sich ins grüne Dunkel:

»Durch die Speise neu entzündet,
führt es uns zu neuer Wandlung.
Weiter werde stets gerundet
unser Leben durch die Handlung.

Das Geschaffne sei geschaffen
abermals in unserm Geiste,
bis das tätige Erraffen
mündet in das Allerfreiste.

Niemals darf in eignen Grenzen
fangen sich des Menschen Streben,
denn zu immer höh'rem Glänzen
drängt es rastlos unser Leben.

Schwinge also neuentzündet
immer weiter mich, Genoßnes,
bis das Dasein leicht sich bindet
frei in heut noch Unerschloßnes.«

Droben ging es dann hin und wieder, bald mit schweren Schritten, daß die Deckenlampe leicht klirrte, wohl die Dienstmädchen; bald mit leichtem Hüpfen, vermutlich die Kinder. Er lauschte den Schritten und sann dabei dem Inhalt der Verse nach. Als es ganz still geworden war, richtete er sich halb auf und sagte fast laut wie ein strenges Gebot die letzten beiden Zeilen in die Totenstille seiner Stube:

»Bis das Dasein leicht sich bindet
frei in heut noch Unerschloßnes,«

sann lange gegen die Diele, nickte sich ernst entschlossen zu, legte sich wiederum und war nach einigen Augenblicken eingeschlafen.

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