Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Stehr >

Die Krähen/Gudnatz

Hermann Stehr: Die Krähen/Gudnatz - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/stehr/kraehen/kraehen.xml
typenovelette
authorHermann Stehr
booktitleDie Krähen
titleDie Krähen/Gudnatz
publisherS. Fischer / Verlag / Berlin
printrunErste bis vierte Auflage
year1921
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111114
projectide1b9e7c5
Schließen

Navigation:

Drittel Teil

Stundenlang trieb Anton Gudnatz auf dem abgrundtiefen Strome, den die Menschen am Ende ihres Lebens Tod und während des Daseins auf der Erde Schlaf nennen. Er hat keinen Anfang und kein Ende, und wohin seine Wogen reisen, wissen wir auch nicht. Die unbegreiflichen Wunder einer jenseitigen Welt spiegeln sich in seinen Fluten, und Wahrheiten raunen um sein Gestade, die wir nicht mitnehmen können, wenn wir in ein neues Leben oder einen neuen Tag auf die Erde wiederkehren. Niemand auch hat noch den Engel gesehen, der den Menschen in den Schattenstrom des Todes, noch den, der ihn in die Ewigkeitsdämmerung des Schlafes führt. Aber immer ist es eine himmlische Gewalt, der wir gehorchen müssen. Ob unser Leben oder unser Tag will, wir folgen ihm, wenn er winkt. Und je nachdem unser Wesen und unsere Taten beschaffen sind, sinken wir in den Tod und in den Schlaf: Die Guten lächelnd wie in ein Meer von Glanz, die Hartfäustigen und Steinherzigen widerstrebend, mit tiefem Grauen und schwerer Angst.

Anton Gudnatz hatte es nach der Pein und Folter von Tag und Nacht mit einem Schlag in die unterirdischen Wasser gestürzt, und da er nun ihren Fluten übergeben war, nahm der hohe Himmlische das Floß seines Schicksals ganz in seine Gewalt und führte es weit weg von den verfluchten Gestaden seines bisherigen Lebens.

Als auch kein Hauch mehr von dort zu spüren war, nichts mehr von seinem Teufelsglanz, kein Laut seiner Hexenlieder, wogte ihn das Fluten nach Stunden wieder ans Ufer des Erwachens, und Anton Gudnatz träumte, er kehre als Knabe aus dem böhmischen Dorfe Zdiarek in seinen Heimatsort Tscherbeney zurück. Die Sonne stand wie ein lachendes Gesicht über den Felderwellen und dem Wiesenweg, der spielend und friedsam über die Grenze führte. Die hohe grünästige Espe rechts, die verwitterte Erle links des kleinen Grabens, der Deutschland von Böhmen schied, rauschten bei seinem Nahen glückhaft mit ihren Kronen, und drüben auf den lichtweißen Höhen der Nachoder Berge spielten die Häuser des Dorfes Baby wie bunte Käfer durch das traumferne, besonnte Grün. Der kurze dicke Turm seiner ungefügen Heimatskirche, mehr ein riesiger Bombenofen, denn ein seliger Himmelsweiser, winkte schon seit langem zu ihm her und trat, wie er langsam schlendernd Welle um Welle überwand, immer deutlicher über den Häusern hervor, und nun er aus der letzten Bodeneinmuldung auf der letzten Erhöhung angekommen war, erblickte er deutlich im dichten Obstbaumschatten auch sein väterliches Häuslein, das aus seiner kurzen Esse einen quirligen Faden Rauch hoch in die Luft hinaufschmauchte und mit seinen beiden Giebelfenstern wie mit zwei hellen Augen zu ihm herflinkerte.

Kaum aber, daß ein, zwei Schimmellichter aus den kleinen Fenstern ihn getroffen hatten, stürzte sich eine solche Springflut von Sehnsucht nach seinem Vater über ihn, daß ihn die übermenschliche Spannung dieses Gefühls auseinandertrieb, dergestalt, daß er nach der Sprengung seines Wesens als Mensch nicht mehr vorhanden, wohl aber, und zwar als Doppelperson, sich an zwei getrennten Orten deutlich erlebte.

Die eine saß unter der kleinen Porzellanuhr vor dem Webstuhl zu Hause in der großen Stube, war Anton Gudnatz und zugleich auf eine zwar geheimnisvolle, nichtsdestoweniger höchst natürliche Weise sein Vater. Die erhob sich nun, um ans Fenster zu treten und nach seinem Jungen, dem Anton auszuschauen, der von Zdiarek her jeden Augenblick eintreten mußte. Aber da er mit der Hand nach der Stirne greifen wollte, um die heraufgeschobene Brille vor die Augen zu ziehen, mußte er mit dem Arme hoch und immer höher langen, über das Dach hinaus, sogar über den Baum daneben und noch viel, viel weiter hinauf. Aber das Gesicht rückte immer mehr in den Himmel hinein, daß es nicht zu erreichen war, und den Träumer fiel eine unbezwingliche Angst an, was werden solle, wenn er als Anton aus Zdiarek in die Stube trete und er als Vater habe kein Gesicht auf der Erde.

Da knarrte schon die Haustür und kleine Schritte von bloßen Füßen, wie das Hauchen schnellen Atems, waren zu hören.

»Wenn ich dastehe und habe keinen Kopf,« schoß es dem Träumer durch die Seele, »so läuft er nach Böhmen zurück und kommt nie mehr wieder.«

Und wie er das eben gedacht hatte, ging wirklich die Stubentür auf und eine kleine Kinderhand erschien an deren Rand.

Vor unausstehlicher Angst erwachte der Schläfer in der Kirche und erblickte durch das Dunkel hindurch drüben an der Wand wirklich eine hohe Tür, die von einer kleinen Hand halb offen gehalten wurde, genau wie im Traume.

Aber, um Gottes willen, dachte Anton Gudnatz, wo bin ich denn? Das ist doch keine Stube, das ist ja eine Kirche?

Weiter kam er nicht.

Denn die Tür ging weiter auf und am liebsten hätte Gudnatz die Augen geschlossen, weil er fürchtete, sich nun selbst als Knabe eintreten zu sehen. Und im halben, taumelnden Traumgrauen klappte er wirklich einen Moment die Augen zu.

Als er sie wieder öffnete, war er ganz wach geworden, wußte, wo er war, sah ein etwa neunjähriges Mädchen vollends in die Kirche treten und zögernd die Hand von der Tür lösen, die knarrend zurückfiel und nach einigem Schwanken lautlos still war, wie das ganze hohe Kircheninnere, in dem das geneigte Licht des Nachmittags stand. Gudnatz verfolgte alles mit atemloser Aufmerksamkeit, denn er fühlte, dies sei der Ausgang, den ihm Gott geschickt hatte. Das Mädchen hatte ein ausgewaschenes Kattunkleidchen an, das ihr nur wenig über die Knie der braunen, mageren Beine reichte. Die halbwollene Jacke, ehemals schwarz und rot gestreift, wie das Kleid abgetragen und zu klein, ließ unter einem lehmigfuchsigen Farbenton wenig von dem ursprünglichen Muster wahrnehmen und zugleich die äußerste Armut des Kindes erkennen, das auf eckigen, hageren Schultern einen merkwürdig ausdrucksvollen, aber im Verhältnis zu dem zarten Körper viel zu großen Kopf trug. Ihr rotes Kopftuch war ihr, wohl vom schnellen Lauf, in den Nacken gefallen. Die braunen Haare hingen nicht kindlich in Zöpfen auf den Rücken, sondern waren ihr fraulich ernst aus der Stirne gestrichen und hinten in eine Acht geschlungen. Und jetzt, da sie das Erschrecken überwunden hatte, und mit großen dunklen Augen alle Räume der Kirche abzusuchen begann, wendete sie auch ihr bekümmertes, frühaltes Gesicht dem Dunkel zu, in dem Anton Gudnatz saß und kaum zu atmen wagte, weil das Kind zu lebendig in seinem Traum verflochten war, so blutwarm, daß es eher aus seinem inneren Leben, denn von draußen her vor ihn in die Kirche getreten war. Ist das vielleicht gar das Kind, das vorgestern nacht über die Stiege herauf an meine Tür geschlichen ist, dachte Gudnatz leidenschaftlich und er wartete gespannt darauf, daß sie aufs neue nach dem Orte sehe, wo er saß. Und wirklich warf sie bald den Kopf wieder nach ihm hin, aber nur auf einen Augenblick, daß er flüchtig ihre breite Stirn, die platte, kurze Nase und einen Mund wahrnehmen konnte, dessen Lippen in höchster Entschlossenheit fest aufeinandergepreßt waren. Das Kind machte den Eindruck eines stadtfremden, verlaufenen Wesens, das nach seiner Begleitung sucht. Einen Moment schien es, als wolle es sich wieder der Tür zuwenden und lautlos, wie es gekommen war, davonschlüpfen.

Aber da verwandelte sich plötzlich das böse Funkeln des göttlichen Auges im hohen Fenster der Altarnische in einen goldigen, gütigen Schimmer, der die ganze wolkenstille Kirche geheimnisvoll erfüllte. Das schwang nicht nur den Mann in eine zauberhafte Verklärung, sondern löste auch das Zögern des fremden Mädchens an der Tür, daß sie erst langsam, dann immer schneller und gefaßter den Mittelgang hin nach dem Hauptaltar zu ging. Zuletzt flog sie förmlich zwischen den Bankreihen hin und stürzte vor den Stufen zum Heiligtum in ekstatisch ausbrechender Andacht auf die Knie. Mit einem Male hatte sie alle Scheu und Angst verlassen und mit einer Inbrunst, die sogar etwas von Vergewaltigung an sich hatte, warf sie sich mit verschlungenen Händen über die Steinstufen hinauf und begann keuchend und röchelnd zu beten. Sie rang förmlich zu Gott, und als ihr gepeinigtes Herz so eine Weile beschwörend gekämpft hatte, löste sich das Delirium ihrer Not.

In seliger Bewußtlosigkeit, die Gewährung ihrer erstürmten Bitte glückhaft vorgenießend, richtete sich das Kind jetzt auf, breitete in einer unendlich rührenden und zugleich ergreifenden Gebärde die Arme aus und rief, sicher ohne zu wissen, daß es laut geschah, mit traumseliger, verzückter Stimme: »Du! Ja, bitte, schick' ihn uns wieder, lieber, lieber Herrgott. Du weißt's ja, er muß jetzt kommen, denn sonst stirbt die kranke Mutter ... ach lieber Gott... uns hungert so oft und wir haben fast gar nichts anzuziehen.«

Erschöpft sank sie darauf wieder nach vorn und blieb, nach neuen Kräften ringend, mit steifen Armen auf den zweiten Stufen gestützt, noch eine Weile unbewegt in knieender Haltung.

Dann erhob sie sich, wandte noch einmal den Kopf und überflog mit ihren Augen die ganze Kirche, zog schnell aus der Tasche ihres Kleidchens einen Zettel und stieg auf den Zehen zum Altartisch empor. Dort schob sie das Papier unter das Linnen am Tabernakel, drückte einen beschwörenden Kuß auf die Stelle, wo sie das Brieflein an den Ewigen hingelegt hatte und lief dann scheu und furchtsam, wie nach einem Raub über die Stufen herab und zur Tür hinaus. So reißend schnell geschah ihre Flucht, daß Gudnatz, hingenommen von der Schönheit dieses einzigen Erlebnisses, nichts als das schwache Geräusch ihres Kleidchens und das auch nur so hörte, als rühre es von dem Gefieder eines davonfliegenden Vogels.

Sowie aber die Tür knarrend hinter ihr zufiel, kam er zu sich, raffte Mütze und Stock vom Boden und lief ihr nach.

»Das ist sie. Jetzt ist alles gut,« murmelte er und war schon draußen auf dem engen Kirchplatz. Ihr rotes Kopftuch funkte eben um die Ecke des kurzen Gäßchens, durch das er selbst hergeführt worden war. Auf leichten Füßen, als habe er sein ganzes Leben nur diesem Ereignis entgegengeruht, folgte er dem roten Fähnlein, das in das leichte Gewühl der Schwedeldorfer Straße einbog und dann in der Grünen Straße so schnell davonflatterte, daß es dem lieben, krummen Gudnatz beim besten Willen doch den Atem zu versetzen begann. Aber er ließ nicht nach und holperte aus Leibeskräften hinter ihr drein, an der Post vorbei, wo die Uhr eben die fünfte Stunde zeigte, immer weiter gerade aus, bis er in der Gegend, wo die Häuser immer mehr einschrumpfen, wirklich mit seinem Atem am Ende war«

»Mädel,« rief er die fallende, stille Gasse hinunter, »heda, du! Mädel, da wart' doch schon.«

Das Kind drehte sich wirklich um, sah ihn mit dem Stock winken, stutzte aber und fing dann wieder an davonzulaufen, und das eher schneller als vorher. Ersah ihr rotes Tüchlein noch einmal aufleuchten und dann im Grün niedrigen Gesträuchs zwischen zwei kleinen Wirtschaften verschwinden. Denn so weit, bis an das dörflich geartete Ende der Stadt, hatte ihn diese letzte Jagd nach seiner Erlösung schon gefühlt. Trotzdem trieb sich Gudnatz nicht in neues Hetzen hinein, sondern, stark ausgreifend und zuversichtlich, ging er der Stelle zu, wo das Mädchen verschwunden war. Mochte sie in eines der kleinen Häuser gegangen, mochte sie ins Feld abgebogen sein, das er hinter den Kronen der Obstbäume in einer gemächlichen Welle ansteigen sah, auf keinen Fall, das fühlte er sicher, konnte ihm das Kind entwischen, das auf so wunderbare Weise in sein Leben getreten war. So oder so war seine letzte Reinigung und der Anfang eines neuen Daseins mit ihrem Geschick verflochten.

Als er an dem Gesträuch angekommen war, das sie scheinbar verschluckt hatte, sah er einen tief eingefahrenen Wirtschaftsweg zwischen hohen Rändern ins Feld hinausklimmen. Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, nahm er ihn unter die Füße und war nach kurzer Zeit auf der sanften Höhe angelangt, von wo aus er den freien Ausblick in eine der stillbewegten, stundenweiten Ebenen hatte, wie sie dem breiten Talkessel der Grafschaft Glatz eigen sind. Linker Hand tummelte sich, nicht allzuweit von ihm, ein regelloser, vielzerstreuter Haufen magerer Fichten um einige tiefe Sandlöcher; geradeaus in der Ferne lagerte eine Reihe großer Gehöfte massig im Wogen der halbgeschoßten Ahrenfelder. Eine Chaussee schnitt noch weiter draußen gerade durch sie hin auf die Stadt zu und rundum, überall den Horizont abschließend, pilgerten Waldgebirge in geruhigen, großen Wogen der gütigen Sonne des späten Nachmittags entgegen. Manchmal knarrte schwach ein Wagen auf der fernen Chaussee vorüber, da und dort richtete sich ein arbeitender Bauer aus dem Grün der Felder auf, rückte an der Mütze und bückte sich wieder emsig zu Boden. Lerchen schössen singend in die Höh, und der versonnene heiter-tiefe Himmel hörte ihren Liedern mit regungslosen weißen Wolken zu, die davon immer verklärter wurden.

Gudnatz war träumend durch das Tor seiner Kindheitsseele in seine Heimat zurückgekehrt, nun umfing er sie mit den aufgeschlossenen Sinnen – und fühlte sich in einem solchen Glück, als ginge er nicht auf der Erde, sondern schritte geradezu über blühende Abgründe durch die Lust in die strahlende Sonne hinein, die hoch vor ihm stand.

Und als er endlich von diesem Jubel seines Wesens die Augen wieder dem Wege zuwandte, um des Kindes habhaft zu werden, sah er an einer scharfen Biegung des zerfahrenen Feldstrüßleins durch die Halmenwand eines Roggenfeldes das rote Tuch leuchten, und da er in Beglückung schnell die paar Schritte um die leise wogende Uhrenmauer getan hatte, saß die Gesuchte ruhig auf dem niedrigen Wegrand im kurzen Grase vor ihm, die Hände auf den Schoß gefaltet, so als ob sie ihn längst erwarte. Sie hatte tiefe große Augenhöhlen mit sanften braunen Augen und einen großen, geraden Mund, um den ein stilles, zäh-verwundertes Lächeln spielte.

Alles, was Menschen an vorbereitenden Worten sonst zu sagen für nötig finden, wenn sie, vom Schicksal geführt, sich das erstemal gegenüberstehen, fiel zwischen den beiden weg. Dem Gudnatz war das Mädchen durch die Erscheinung des Kindes in der Nacht, den Traum in der Kirche und den langen Weg seiner vielfältigen Folterung so vertraut, als habe er einzig, um dieses Madchens halber, das still lächelnd vor ihm saß und verwundert zu ihm aufschaute, alle Pein der Tage und Nächte erlitten.

Und nachdem er sie lange stumm betrachtet und ein paarmal gehustet hatte, weil er nicht wußte, wie das herausgelassen werden sollte, was als ein seliges Brennen in seiner Brust umging, nickte er ermunternd und fragte:

»Gelt, Mädel, du bist aus dem Dorfs dort, das man mit den Bäumen und dem Turme aus dem Grünen gucken sieht?«

Ja.«

»Hm, hm. Deine Mutter ist krank, gelt?«

»Ja.«

»Wie lange denn schon?«

»Ach, die hat's über der Brust. Schon drei Wochen. Sie kann nich mehr zu Hofe gehn und mein Bruder kriegt doch bloß fünfundzwanzig Mark auf die Woche.«

»Wie lange ist denn dein Vater fort?«

»Schon fünf Jahr.«

»Wo is er denn?«

Das Mädchen senkte den Kopf und griff erregt und krampfhaft mit den Händen ineinander.

»Die Mutter sagt, in Rußland,« antwortete sie endlich zaghaft mit Tranen in der Stimme, »mein Bruder meint in Sibirien und die Leute sagen, er ist ganz tot.«

»Wenn hat er denn das letztemal geschrieben?«

»Geschrieben? – Ja, die Mutter sagt im November neunzehnhundertvierzehn. Einer sagt, die Kanonen haben ihn zerrissen und in der Zeitung hat's gestanden, er ist vermißt. Und wie sie alle wiedergekommen sein und unser Vater nicht, da sagte die Mutter, sie könnte nimmer gehn, sagt sie.«

Anton Gudnatz setzte sich, streifte den Rucksack von den Schultern und legte ihn zwischen sich und das Mädchen, das verstummt war und betroffen und verlegen auf seine Hände sah.

»Red' du ruhig, liebes Mädel,« sagte Gudnatz. »Sieh ich hab' in der Kirche gesessen und gesehn, wie du dem lieben Herrgott hast einen Brief auf den Altar gelegt. Ich bin auch in Rußland gewesen und bin ...«

»Habt Ihr meinen Vater gesehn?« unterbrach ihn das Mädchen jäh.

»Gesehn? Ach, vielleicht ja. Weißt du, liebes Mädel ...« Aber wieder ließ ihn das Kind nicht ausreden, weil es, wohl das erstemal von seiner Scheu befreit, den Mut hatte, aus der heimlichsten Seele zu sprechen.

»Nein, nein. Ihr müßt ihn gesehn haben. Ich weiß, mein Vater lebt noch. Wie könnt ich ihn denn sonst immerfort im Traume sehn? Und auch sonst, wenn ich geh und die Augen zumach', ist er da. Vor mir oder neben mir.«

»Wie ich?«

»Na, ja, wie Ihr, Das weiß der Herrgott in unser Kirche auch nich. Sonst hätt' er längst geholfen und den Vater nach Hause gelassen.«

Und nun goß der Strom ihres Kummers unaufhaltsam alles aus, was seit Wochen sich in ihr und mit der Mutter zugetragen hatte, alle Not und Armut der kleinen Familie. Nach ihren Worten zu urteilen, litt die Mutter wie eine Frau, die sich in Sehnsucht nach ihrem Manne still und wortlos verzehrt, das letzte verschleißt, das Hemd sich vom Leibe stehlen fühlte, die Kleider in Lumpen zerfallen, das karge Wohlergehen vermodern sah und nicht mehr hoffte, nicht mehr glaubte, nicht mehr arbeitete, kaum mehr sprach, sondern nur im Bett lag, über sich auf die Decke blickte und sich sehnte und sehnte. Der Bruder aber war wie ein treues Tier, hatte scheinbar weder Gedanken noch Gefühl, sondern arbeitete von früh bis abends, daß er oft kaum die Treppe heraufkonnte vor Abgeschlagenheit. Aber alles nutzte nichts, die Schulden wuchsen, die Not stieg und der Vater, der allein helfen konnte, kam und kam nicht. In dieser Finsternis war das Mädchen, die einzige Seele, die ruhelos an dem Glauben und Vertrauen wie an einem überirdischen Schimmer hing, der sie zu immer neuen Wagnissen trieb. »Wißt Ihr,« fuhr sie in Überstürztheit und abgehetzt fort, »und vorgestern Nacht, da war ich im Traume in einem fremden Hause, das in einer Stadt ist, die ich noch nie gesehn habe. Ich war einen ganzen Tag gelaufen und kam so müde an dem Hause an, in dem mein Vater wohnte, daß ich auf allen Vieren die Treppe hinaufkriechen mußte ...«

»Wieviel Treppen waren es denn? Drei etwa?« fragte Gudnatz erschüttert.

»Drei? Ich weiß nicht. Es kann sein. Und wie ich oben an Vaters Tür war, war sie verschlossen, und er machte nicht auf und ich hab' zum Schlüsselloch hinein gebeten. Aber wie ich gesprochen hab', fing eine tiefe Kirchenglocke zu läuten an, daß ich mein Reden nicht mehr hörte. Da bin ich aufgewacht.

Aber es war nicht unsere Glocke, die gesummt hat und ich kriegte es nicht heraus, welchem Herrgott die Glocke gehört, die mir helfen wird.«

Anton Gudnatz sah sich in der Finsternis seiner heimatlichen Stube liegen und hörte deutlich die machtlose Stimme des Traumkindes durch die Tür klingen. Geradeso wie dieses Mädchen hatte es gesprochen. Vielleicht war sie es gar gewesen. Aber wie war es möglich, daß sie aus der Grafschaft bis zu ihm ans schleiche Gebirge kam? Und wie wußte sie von ihm und er von ihr?

Wie in einem leibhaftigen Spuk saß er und hing mit allen Sinnen an den Lippen des ekstatisch sprechenden Kindes, das plötzlich schwieg, blaß wurde und krampfhaft den großen Mund aufeinanderpreßte.

»Sprich. Sprich weiter, Nabel. Du!« drängte Gudnatz, um dem Gespinst seiner hintersüchtigen Ahnung noch mehr auf die Spur zu kommen.

Aber ihre Augen in den großen Höhlen verloren plötzlich allen Glanz, ihr Leib fing zu beben an und unter machtlosem Weinen sagte sie hauchend:

»Mich hungert. Ihr, Ihr ... mich hungert so sehr. Ich bin ohne Essen in die Schule gegangen ... und auf dem Heimwege ... da ... da ... hör ich die Glocken lauten ... in Glatz ... die große Domglocke ... das ist ja die Glocke aus meinem Traum, denk ich ... und da hab ich den Brief in der Kammer geschrieben ... und bin fortgelaufen ... ach mich hungert ... ich kann nicht mehr ... lieber Herrgott ... Ihr ... habt ... Ihr nicht ... was zu essen ...«

Sie sank um und lag still im Gras, als lösche sie wirklich aus. Das zerriß Anton Gudnatzens abergläubische Wolkenfahrerei vollends, und im Nu hatte er die Vorräte seines Rucksacks ausgepackt, und nachdem er dem Mädchen einen Schluck Kognak eingeflößt hatte, nötigte er ihr auf, so viel sie essen konnte, bis sie bald wieder ganz beisammen war.

Und als sie aufrecht saß und befriedigt die Krumen von ihrer Schürze gestrichen hatte, unterdrückte Gudnatz alles, was noch geheim in ihm minierte, ob sie Paulitschke hieße oder ob ihre Mutter eine geborene Paulitschke sei und noch vieles andere.

Das Mädchen war ihm sozusagen aus dem Himmel geschickt. So sollte alles auch dort aufgehoben bleiben. Mochte sie heißen, wie sie wollte. Es war eine von den Tausenden, die er heimlich bestohlen hatte.

Und da sie nun stand und sich zum Fortgehen anschickte, leerte er alle Eßvorräte seines Rucksackes in ihre Schürze und hieß sie vorsichtig gehen, damit sie die Flasche nicht zerbreche. Denn das sei besonders für die Mutter.

Das Mädchen hielt die Zipfel der prall gefüllten Schürze krampfhaft gegen den Magen gepreßt und sah Gudnatz mit glückseliger, fast fassungsloser Verwunderung an.

Der aber bückte sich nach kurzem überlegen aufs neue zu seinem Rucksack nieder, aber so, daß das Mädchen nicht sehen konnte, was er krame und nahm aus seinem Banknotenbündel eine ganze Handvoll Hundertmarkscheine, dreißig, vierzig, vielleicht noch mehr, er zahlte sie nicht, schlug sie in Papier und gebot dem Mädchen dann den Hals zurückzubiegen und in den Himmel zu sehen, bis er auf drei gezahlt habe.

»Eins ... zwei ... drei« sprach er und stotterte vor Glück.

Da war das Päcklein unter dem Leibchen des Mädchens verschwunden. Und als das Kind ihm danken wollte, gab er ihr einen leichten Klaps auf die Hand und hieß sie, lieber das festzuhalten, was er ihr unters Kleid gesteckt habe, als solchen Krimskrams zu machen und ja nicht nachzusehen, bis sie zu Hause bei ihrer Mutter sei.

»Sag' ihr, der Herrgott zu Glatz läßt sie grüßen und der Mann, der sein Vaterland wiedergefunden hat,« sprach er noch, »und nun geh langsam und fall mir nicht, sonst geht die Flasche entzwei.« Doch das Mädchen stand wie angewachsen, ward rot und weiß, und die Augen liefen ihr über. Denn sie wollte danken, hatte aber keine Hand frei und wußte nicht, wie es zu machen sei. Und nachdem sie noch ein Weilchen so hilflos an dem Danksturm ihres überströmenden Herzens gelitten hatte, ging sie selig schluchzend davon.

Gudnatz sah ihr rotes Tüchlein weiter und weiter ins Grüne fortrücken und je mehr es sich von ihm entfernte und je eigener er sehen mußte, um es zu bemerken, desto mehr floß das Rot von dem Pünktlein über die Felder, immer weiter über das ganze Land, und als er seine Augen zum Himmel erhob, brannte die Abendglut wie ein loderndes Feuer über den ruhigen Waldbergen, als juble der ganze Himmel über seine Tat. Dann wandte sich der beglückte Mann und kehrte in die Stadt zurück.

 

Einige Tage nach dieser Seligkeitsfahrt Anton Gudnatzens auf den Glatzer Feldern erhielten der Glatzer Landrat und der des Kreises, in dem Gudnatz an zwanzig Jahre gewohnt hatte, »von einem ungenannten Schieber« je 120 000 Mark zur Speisung und Bekleidung armer Kinder zugesandt.

Von Anton Gudnatz hörte die Welt seitdem nichts mehr. Er ist in die unabsehbare Schar der Namenlosen untergetaucht, die weder toben noch klagen, sondern ruhig und mit ehrlichen Händen arbeiten, weil sie wissen, daß so Deutschland weder im Himmel noch auf Erden verloren sein kann.

 << Kapitel 10 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.