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Die Königinnen von Kungahälla

Selma Lagerlöf: Die Königinnen von Kungahälla - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDie Königinnen von Kungahälla
printrunZweite Auflage
publisherAlbert Langen Verlag
year1904
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Königin auf der Ragnhildsinsel

Es war einmal ein König, der von Osten den Nordre Ülf entlang geritten kam, um hinab nach Kungahälla zu ziehen. Das Jahr neigte sich seinem Ende zu. Die Luft war schwer und der Himmel grau, so wie es um diese Zeit oft ist.

Der Pfad, über den der König ritt, schlängelte sich über hügelige Strandwiesen. Hier und dort guckten Erlengebüsche aus den Riedgrashügeln hervor, und längs des Weges hatten sie sich so gehäuft, als wären sie neugierig, den zu sehen, der vorüberritt. Sie drängten sich sogar hinaus über den Weg, so daß es dem König schwer wurde, sein Pferd zwischen ihnen durchzuführen.

Die Jahreszeit war so vorgerückt, daß alles entlaubt war und alles Leben aufgehört hatte in Wiese und Wald. Auf dem Boden lagen die Sommerblätter blaß und verwelkt, und von dem langen Herbstregen waren sie zu einer fahlen Decke zusammengedrückt worden, unter der zahllose Spinnen und Erdschnecken im Winterschlaf lagen.

Grau und neblig war es ringsumher, und der König dachte: »Das ist just kein schöner Weg für einen König, um darauf zu reiten.« Aber gerade empor von dem sumpfigen Strandweg, fast dicht am Wegesrande, erhob sich der schöne Fontinsberg.

Ganz unten am Fuße ward er von einem Rande klargelben Sandes umgürtet, dann erhob sich lotrecht ein Stück nackte Bergwand, hierauf lief eine Reihe blaugrüner Fichten um einen schmalen Vorsprung. Höher hinauf kam zersplittertes Gestein, von kleinen blinkenden Rinnen übersät, dann eine Reihe Birken mit weißen Stämmen und rotbraunem Geäst, dann wieder ein Sandrand. Aber oberhalb des Sandes erhob sich ein Berg mit mächtigen, nackten, grauroten Felsenwänden bis hinauf zu dem tiefgrünen Tannenwald, der dicht und kräftig oben auf der flachen Bergeshöhe wuchs. – Aber der König hatte keine Freude daran, dem schönen Berg so nahe zu sein, denn Nebelzipfel strichen über die Bergwand, und Wolkenzapfen hingen über sie hinab, und aus allen Klüften und Gehölzen stieg grauer Regenrauch auf. Und so kam es, daß der vielfarbige Fontinberg den König ebenso grau dünkte wie alles andere.

Der König seufzte tief und schwer, indes er durch die Erlenbüsche ritt, die auf ihn und sein Pferd einen ganzen Regen von großen Tropfen schüttelten.

Mit einem Male wurde ihm so betrübt zu Mute, wie er da ritt, daß er kaum je solchen Kummer gefühlt. »So ergeht es mir immer,« dachte er, »alles ist grau und regnerisch, wohin ich auch komme. Segle ich auf dem Meere, so steigt der Nebel auf, so daß ich die Hand vor dem Auge nicht sehe, und reite ich eines Nachts aus, so hüllt der Mond sich in die schwärzesten Wolken, um mir nicht leuchten zu müssen.«

»Ich glaube, selbst wenn ich zum Himmel führe,« sagte der König, »würden alle Sterne erloschen sein, bis ich hinkomme.«

»So ist es mit allem, was ich unternehme,« rief er aus und ballte die Faust, wie er so ritt. »Anderen Königen wurde Pracht und Ehre und Ruhm und Glanz, aber ich bin ein richtiger König Nebelwetter. Ich habe nur an Aufruhr zu denken, und ein großer Teil des Landes verweigert mir den Gehorsam. Da ging es den alten Königen anders, die saßen in Upsala und regierten das ganze Reich. Denen konnte es freilich gefallen, König zu sein.«

»Gott hat es wohl bestimmt, daß es mir allezeit so ergehen soll,« sagte er bei sich selbst.

Aber gleichzeitig kämpfte er dagegen an und wollte es nicht glauben. Er hielt das Pferd an und horchte auf Vogelgezwitscher. Das wäre ihm ein Zeichen gewesen, daß er sich täuschte.

Aber der Himmel war glattgrau, und der Berg stand in Nebel gehüllt, und alle Vögel waren von dannen gezogen. Der einzige Laut, den man in der sumpfigen Gegend hörte, war der leichte Klang von Wassertropfen, die so weit auf den Erlenzweigen vorgerollt waren, daß sie sich nicht länger zurückhalten konnten, sondern zu Boden fielen.

Und das Haupt des Königs sank immer tiefer.

»Ich möchte etwas sehen, das brennend rot ist,« sagte er. »Etwas Rabenschwarzes wollte ich sehen, das Goldglanz in der Tiefe hat, ich möchte klaren Gesang und klingendes Lachen hören.«

Wieder sah er sich um, aber alles war unverändert, und er merkte, daß selbst der sonst so glitzernde Fluß dunkel wie die Nacht zwischen den Schilfgestaden dahinfloß.

Da wurde er so niedergeschlagen, daß alles, was er sein Eigen nannte, ihn häßlich und wertlos dünkte. Er dachte an seinen schönerbauten Königshof so, als wäre er eine elende Köhlerhütte. All seine Siege verwandelten sich in Niederlagen, und all seine Untertanen schienen ihm schmähliche Schurken oder arme Bettler.

»Aber gegen all das ließe sich noch ankämpfen,« dachte er, »wenn ich nicht meine Königin hätte. Das ist das Härteste von allem. Es ist doch ohnehin schon schwer genug zu leben, ohne daß ich noch damit gequält werde, an eine Frau zu denken. Die Sorge, die ich für das Reich trage, ist so groß, daß sie mir keine ruhige Stunde läßt. Und doch verlangen die Menschen von mir, daß ich mir eine neue Last aufbürde.«

Denn es verhielt sich so, daß der König mit einer norwegischen Königstochter vermählt war, und es war eine reiche und mächtige Prinzessin, die seine Königin hieß, aber das Unglück wollte es, daß man sie dem König schon angetraut hatte, als sie noch ein Kind war.

Man hatte das so einrichten müssen, damit kein anderer kam und sie wegschnappte, aber nun dünkte es den König, daß er viel lieber ihrer verlustig gegangen wäre.

Schon seit dem Hochzeitstage hauste die Königin auf einer kleinen felsigen Insel, die im Nordre Ülf gerade gegenüber von Kungahälla lag und Ragnhildsinsel genannt wurde. Dort hatte man einen Turm aus Stein gebaut, damit sie wohlbehütet dort aufwuchs, bis sie so alt wurde, daß ihr Gatte sie an seinen Hof führen konnte. Aber der König hatte all die Zeit über daheim in seinem Reich gesessen, und sie hatten sich gar nicht getroffen. Und obgleich der König wohl wußte, daß die Königin herangewachsen war, und obgleich viele ihn daran erinnerten, daß er sie nun heimführen sollte, konnte er sich doch kein Herz fassen, sie an seinen Hof zu bringen.

Er schützte schwere Zeiten und er schützte Aufruhr vor, und Jahr um Jahr ließ er die Königin in dem grauen Turme mit ein paar alten Frauen, die ihr aufwarteten, und sie bekam nichts anderes zu sehen als den grauen Fluß.

Nun war er endlich auf dem Wege, um die Königin zu holen. Aber während er so an sie dachte, war ein solcher Mißmut über ihn gekommen, daß er sich von seinem Gefolge getrennt hatte, um allein zu reiten und ungestört gegen seinen Kummer ankämpfen zu können.

Er kam nun aus den Erlen heraus und ritt über eine weite Wiese. Wenn Sommer gewesen wäre, hätte er hier große Herden von Kühen und Schafen gesehen, aber nun war es gänzlich öde, nichts anderes zu erblicken, als aufgewühlter Boden und abgeweidete Grashügelchen. Und der König gab seinem Pferde die Sporen und ritt, so rasch er konnte, über die Wiese, um nicht noch mißmutiger zu werden, als er schon war.

Er war ein tapferer Mann, und hätte die Königstochter in einem verzauberten Schlosse gefangen gesessen, von Riesen und Drachen bewacht, er wäre spornstreichs geritten gekommen, um sie zu befreien, aber nun wollte es das Unglück, daß sie wohlverwahrt in ihrem Turm saß und auf ihn wartete, und daß niemand auf der ganzen weiten Welt sie ihm streitig machte.

Er bereute es bitter, daß er sich schon mit ihr vermählt hatte.

»Alles, was groß und stolz und schön ist, das bleibt mir verweigert,« sagte er. »Nicht einmal das ist mir beschieden, mir mein Weib erkämpfen zu können.«

Und er ritt immer langsamer und langsamer, denn nun lief der Weg einen steilen Hügel hinan, und unterhalb desselben fing die lange Straße von Kungahälla an.

Aber von der Spitze des Hügels sah der König deutlich die kleine Ragnhildsinsel vor sich, wo seine Königin saß und auf ihn wartete.

Er sah, wie düster sie mitten in dem schwarzen Ülf lag, er sah die grauen Torfwälle über den fahlen Erdboden laufen, er sah die grauen Steinwände des Turmes. Alles dünkte ihn unheimlich und abschreckend.

Da war kein Heidekrauthügelchen, das ihm entgegenglühte, kein grünes Hälmchen leuchtete auf der Weide. Der Herbst hatte alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet, als er über Land gezogen.

Aber wonach der König sich sehnte, das war blitzendes Rot, ein scharfes Schwarz, das in Gold spielt, und er glaubte zu sehen, daß hier nicht der rechte Platz war, um das zu finden. Je länger er den Turm ansah, desto klarer wurde es ihm, daß er aus dem Felsen selbst hervorgewachsen sein mußte. Es schien ihm unmöglich, daß er auf gewöhnliche Weise von Menschen errichtet sein sollte. Der Berg selbst war es, der einmal hatte wachsen wollen, sowie die Erde zu Wald und Gras wächst, und so war der Turm entstanden. Und er begriff, wie er so schwer und grauenvoll und bedrückend geworden.

Wie er nun an seine Königin dachte, die dort aufgewachsen war, schien es ihm, daß sie einem grob behauenen Steinbild gleichen müsse, wie er es über dem Eingangstore einer Kirche gesehen. Er dachte sie sich nicht anders als eine graue Gestalt mit langem unbeweglichen Gesicht und plattem Körper und mit Händen und Füßen, die zweimal länger und breiter waren, als die irgend eines Menschen noch je gewesen.

»Aber das ist mein Schicksal,« dachte der König und ritt weiter. Und er kam der Fähre so nahe, daß der Wächter auf der andern Seite das Horn zu den Lippen hob, um seine Ankunft zu verkünden, und die Zugbrücke aufgezogen wurde und das Tor des festen Turmes für ihn aufglitt.

Aber da erhob der König das Haupt und hielt das Pferd an. »Ich bin ja doch noch König,« sagte er, »und kein Mensch kann mich zwingen, das zu tun, was ich nicht will. Niemand auf der ganzen Welt kann mich bewegen, diesem Steinbilde zu begegnen. Ich muß doch wohl irgend etwas davon haben, daß ich ein König bin.«

Damit drehte er sein Pferd herum und ritt denselben Weg zurück, den er gekommen. Er ritt in stürmender Eile, gleichsam als hätte er Angst, gefangen zu werden, und er verlangsamte den Trab seines Pferdes nicht eher, als bis er in das Erlengebüsch auf den Strandwiesen unter dem Fontinsberge gekommen war.

Und die Königin mußte weiter in dem Turm sitzen und trauern und sich sehnen, und sie hatte zarte Wangen, und brennende rote Lippen, sie hatte wallendes, rabenschwarzes Haar, golddurchsponnen, sie hatte eine Stimme klar wie Gesang und ein klingendes Lachen.

Aber was half das dem König? Er ritt fort, über den schmalen Weg zwischen den Erlen.

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