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Die Königinnen von Kungahälla

Selma Lagerlöf: Die Königinnen von Kungahälla - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDie Königinnen von Kungahälla
printrunZweite Auflage
publisherAlbert Langen Verlag
year1904
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Astrid

I

Zwischen den niedrigen Häuschen des alten Königshofes zu Upsala stand der Jungfernturm. Der war auf Pfosten erhoben, so wie ein Taubenschlag, man kam hinauf über eine Treppe, so steil wie eine Leiter, und trat ein durch eine Türe, so niedrig wie eine Luke. Die Wände dort drinnen waren mit Runen bedeckt, die Liebe und Sehnsucht bedeuten sollten, an den engen Gucklöchern sah man kleine runde Gruben in die Holzverschalung gedrückt, denn dort pflegten die Mägdlein zu stehen mit aufgestützten Ellenbogen und hinab auf den Hofplan zu schauen.

Seit einigen Tagen beherbergte der Königshof den alten Hjalte, den Skalden, als Gast, und er kam jeden Tag hinauf in den Jungfernturm zu Prinzeß Ingegerd und sprach mit ihr vom König in Norwegen, Olaf Haraldson. Und jedesmal, wenn Hjalte kam, saß Ingegerds Magd Astrid da und hörte auf seine Rede mit ebenso großer Freude wie die Prinzessin. Während Hjalte sprach, lauschten die beiden Jungfrauen so eifrig, daß sie die Arbeit in den Schoß sinken ließen und die Hände stille hielten. Wer sie sah, hätte nicht geglaubt, daß da im Jungfernturm irgendwelche Frauenarbeit verrichtet wurde. Man würde gar nicht geglaubt haben, daß sie Hjaltes Worte aufsammelten, als wären es Seidenfäden, und daß sie daraus jede ihr Bild von König Olaf formten. Man hätte nicht geglaubt, daß sie in Gedanken jede die Worte des Skalden zu einem strahlenden Wandbehang zusammenwebten.

Aber auf alle Fälle war es so, und das Bild der Prinzessin war so schön, daß sie jedesmal, wenn sie es vor sich sah, voll Verehrung auf die Knie hätte sinken mögen. Denn sie sah den König hoch und kronengeschmückt auf seinem Thron sitzen; sie sah einen rot- und goldgestickten Mantel von seinen Schultern bis hinab auf seine Füße wallen. Sie sah kein Schwert in seiner Hand, sondern heilige Schriften, und seinen Thron sah sie von einem unterjochten Troll getragen. Weiß wie Wachs schimmerte sein Antlitz ihr aus langen, glatten Locken entgegen, und seine Augen leuchteten von Frömmigkeit und Frieden. Ach, ach, sie erschrak beinahe, als sie die übermenschliche Kraft sah, die aus diesem bleichen Angesicht leuchtete. Sie begriff, daß König Olaf nicht allein ein König war, sie sah, daß er ein Heiliger war und der Engel Gleichen.

Aber so war keineswegs das Bild, das Astrid sich vom König schuf. Die blondhaarige Magd, die Kälte und Hunger gekostet und viele Mühe ertragen hatte, aber dennoch diejenige war, welche den Jungfernturm mit Scherz und Gaukelspiel erfüllte, dachte sich den König ganz anders. Sie konnte sich nicht helfen, aber jedesmal, wenn sie von ihm sprechen hörte, mußte sie den Jungen des Holzhauers vor sich sehen, der des Abends aus dem Walde kommt, mit der Axt auf der Schulter. »Ich sehe dich, ich sehe dich so gut,« sagte Astrid zu dem Bilde, ganz als wäre da wirklich jemand gewesen. »Hoch bist du nicht, aber schulterbreit und leicht und geschmeidig, und nachdem du den ganzen gottlieben Tag im Waldesdunkel gegangen bist nimmst du das letzte Stück mit einem Satz und lachst und springst hoch, wenn du hinaus auf den Weg kommst. Da leuchten die Zähne, und das Haar fliegt, und das gefällt mir wohl. Ich sehe dich, du hast ein rotwangiges Gesicht und ein Joch aus Sommersprossen über der Nase. Und blaue Augen hast du, die dunkel und düster werden, drinnen im tiefen Wald, aber kommst du nur so weit, daß du das Tal siehst und dein Heim, da leuchten sie auf und werden milde. Sowie du deine eigene Hütte im Talgrunde siehst, schwenkst du die Mütze und grüßest, und da sehe ich deine Stirn. Sollte diese Stirn nicht einem Könige taugen? Sollte diese breite Stirn nicht Krone und Helm tragen können?«

Aber so verschieden diese Bilder auch waren, ist doch eines gewiß: ebenso tief wie die Prinzessin das heilige Bild liebte, das sie heraufgezaubert, ebenso tief liebte die arme Magd den kecken, jungen Gesellen, den sie aus dem tiefen Walde auf sich zukommen sah.

Und wenn Hjalte, der Skalde, die beiden Bilder zu sehen bekommen hätte, er würde sie gewißlich beide gepriesen haben. Er hätte gesagt, daß sie beide dem Könige glichen. Denn König Olafs guter Stern, würde er gesagt haben, hat es gewollt, daß er ein frischer, munterer Jüngling ist, und zugleich ein heiliger Held Gottes.

Denn der alte Hjalte liebte König Olaf und, obgleich er von Hof zu Hof gezogen und gar viele Menschen gesehen, hatte er doch niemals seinesgleichen finden können. »Wo finde ich einen, der mich Olaf Haraldson vergessen läßt?« pflegte er zu sagen, »wo soll ich einem trefflicheren Manne begegnen?«

Hjalte, der Skalde, war ein rauher, alter Mann von barschem Aussehen. So alt er auch war, hatte er doch schwarzes Haar, seine Gesichtsfarbe war dunkel, und seine Blicke scharf. Und sein Singen hatte immer gar wohl zu seinem Aussehen gepaßt. Nie waren andere Worte auf seine Lippen gekommen als Kampfworte. Er hatte niemals andere wieder gedichtet als Kampflieder.

Des alten Hjaltes Herz war bis dahin gewesen wie die Wildnis vor der Hütte des Waldbewohners. Wie eine große Steinhalde war es gewesen, aus der nichts anderes wachsen will, als mageres Schlangenkraut und hartes Felsengras.

Aber auf seinen Wanderungen war Hjalte an den Hof von Upsala gekommen und hatte Prinzeß Ingegerd gesehen. Er hatte gesehen, daß sie edler war als jedes andere Weib, dem er je begegnet. Wahrlich, war nicht die Prinzessin um so vieles holder als andere Frauen, als König Olaf herrlicher war als andere Männer?

Da entstand ganz plötzlich bei Hjalte der Gedanke, daß er es versuchen wollte, Liebe zwischen der schwedischen Prinzessin und dem norwegischen König zu wecken. Er fragte sich, warum sie, die zu oberst unter den Frauen stand, nicht König Olaf lieben sollte, der der trefflichste der Männer war.

Und nachdem dieser Gedanke in Hjalte Wurzel geschlagen hatte, dichtete er nicht mehr seine finsteren Heldengesänge. Er stand davon ab, Preis und Ehre bei den rauhen Kämpen am Hofe zu Upsala zu gewinnen, und er saß lange Stunden bei den Frauen im Jungfernturm. Und man würde nicht geglaubt haben, daß es Hjalte war, der sprach. Man würde nicht geglaubt haben, daß er so süße und milde Worte finden konnte, wie er sie jetzt anwandte, um von König Olaf zu sprechen. Niemand hätte Hjalte wiedererkannt. Seit der Gedanke an diesen Ehebund in ihm entstanden war, war er völlig verwandelt. Als der holde Gedanke aus Hjaltes Seele emporwuchs, war es, als wüchse eine farbenprächtige Rose mit duftenden, zarten Blättern aus einer Steinhalde empor.

*

Eines Tages saß Hjalte wieder bei der Prinzessin im Jungfernturm. Alle Jungfrauen waren fortgegangen, mit Ausnahme von Astrid. Hjalte dachte, daß er nun lange genug von Olaf Haraldson gesprochen. Er hatte von ihm alles Schöne gesagt, das er wußte. Aber hatte es nun etwas gefruchtet? Was dachte die Prinzessin von dem König? Hjalte begann der Prinzessin Fallen zu legen, um zu erfahren, was ihre Meinung über König Olaf war. Ich werde es an einem Blick sehen können oder an einem Erröten, dachte er.

Aber die Prinzessin war von hoher Abstammung, sie verstand es, ihre Gedanken zu verbergen. Sie errötete weder, noch lächelte sie. Ihre Augen nahmen keinen Strahlenglanz an. Sie ließ Hjalte nicht ahnen, was sie dachte.

Während der Skalde in ihr edles Antlitz blickte, begann er sich seiner selbst zu schämen. Sie ist zu gut, als daß man trachten sollte, sie, zu überrumpeln, dachte er. Man muß ihr im offenen Kampfe gegenübertreten. Und Hjalte sagte gerade heraus: »Königstochter, wenn Olaf Haraldson dich von deinem Vater begehrte, was würdest du dazu sagen?«

Der jungen Prinzessin Antlitz leuchtete auf, so wie die Gesichter von Menschen aufleuchten, wenn sie auf einen Berg kommen und das Meer schauen. Sie antwortete sogleich ohne Umschweife.

»Ist er ein solcher König und ein solcher Christ, wie du gesagt hast, Hjalte, dann wäre das für mich ein großes Glück.«

Aber kaum hatte sie dies gesagt, als der Glanz in ihren Augen dahinstarb. Man hätte glauben können, daß eine Nebelsäule sich zwischen ihr und dem großen schönen Bild in der Ferne erhoben hätte.

»Ach, Hjalte,« sagte sie, »du vergißt eines. König Olaf ist unser Feind. Krieg und nicht Freiersbotschaft haben wir von ihm zu erwarten.«

»Laß dich dadurch nicht betrüben,« sagte Hjalte, »wenn nur du es willst, so ist alles gut. Ich kenne König Olafs Willen in dieser Sache.«

Hjalte, der Skalde, war so vergnügt, daß er lachte, als er dieses sagte, aber die Prinzessin wurde immer niedergeschlagener.

»Nein,« sagte sie, »weder von mir, noch von König Olaf hängt dieses ab, sondern von meinem Vater Olof Schoßkönig. Und du weißt, daß er Olaf Haraldson haßt und nicht einmal gestatten will, daß jemand seinen Namen nennt. Nie läßt er mich einem Feinde seines Reiches folgen. Nie gibt er seine Tochter Olaf Haraldson.«

Als die Prinzessin dieses gesagt hatte, legte sie all ihren Stolz ab und begann vor Hjalte zu klagen, »was hilft es mir, daß ich nun Olaf Haraldson kenne,« sagte sie, »daß ich alle Nächte von ihm träume und mich alle Tage nach ihm sehne! Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte nie etwas von ihm gehört? Wäre es nicht besser gewesen, du wärest nie hergekommen, um mit mir von ihm zu sprechen?«

Als die Prinzessin dieses sagte, füllten sich ihre Augen mit Tränen, und als Hjalte diese Tränen sah, erhob er im Feuereifer die Hand.

»Gott will es,« rief er. »Ihr gehöret zusammen. Der Streit muß seinen roten Mantel mit den weißen Gewändern des Friedens vertauschen, auf daß euer Glück die Erde erfreue.«

Als Hjalte dieses sagte, neigte die Prinzessin zuerst ihr Haupt vor Gottes hohem Namen, dann erhob sie es in neuerwachter Hoffnung.

Als der alte Hjalte aus der niedrigen Türe des Jungfernturmes trat und über den schmalen Gang ging, der nicht durch das kleinste Geländer geschützt wurde, kam Astrid ihm nach.

»O, Hjalte,« rief sie ihm zu. »Warum fragst du nicht mich, was ich Olaf Haraldson antworten würde, wenn er meine Hand begehrte?«

Es war das erste Mal, daß Astrid zu Hjalte sprach. Aber Hjalte warf bloß einen raschen Blick auf die goldhaarige Magd, die das Haar an den Schläfen und im Nacken lockig trug, die die breitesten Armbänder und die schwersten Ohrgehänge hatte, die den Rock mit Seidenschnüren gebunden trug und das Leibchen so mit Perlen bespickt, daß es steif war wie ein Harnisch, dann ging er weiter, ohne ihr zu antworten.

»Warum fragst du nur die Prinzessin Ingegerd?« fuhr Astrid fort. »Warum fragst du nicht auch mich? Weißt du denn nicht, daß auch ich des Sveakönigs Tochter bin?«

»Weißt du nicht,« fuhr sie fort, da Hjalte gar nichts erwiderte, »daß, obgleich meine Mutter eine Hörige war, sie doch des Königs Jugendbraut wurde? Weißt du nicht, daß, solange sie lebte, niemand wagte, sich ihrer Geburt zu entsinnen? O, Hjalte, weißt du nicht, daß erst, als sie tot war und der König eine Königin hatte, alle sich erinnerten, daß sie eine Unfreie war? Erst nachdem ich eine Stiefmutter bekommen hatte, fing der König an, daran zu denken, daß ich von niedriger Herkunft war. Aber bin ich nicht eine Königstochter, Hjalte, obgleich mein Vater mich für so gering und verächtlich ansieht, daß er mich hinab in den Gesindehaufen sinken ließ? Bin ich nicht eine Königstochter, wenn meine Stiefmutter mich auch in Lumpen gekleidet gehen ließ, während meine Schwester in Goldkleidern ging? Bin ich nicht eine Königstochter, trotzdem meine Stiefmutter mich Enten und Gänse hüten ließ und trotzdem ich mit der Gesindepeitsche gestraft wurde? Und wenn ich eine Königstochter bin, warum fragst du mich nicht, ob ich mich Olaf Haraldson vermählen will? Sieh, ich habe krauses Goldhaar, das so leicht um meinen Kopf steht wie Flaum. Sieh, ich habe schöne Augen; ich habe blühende Wangen. Warum sollte König Olaf mich nicht besitzen wollen?« Sie folgte Hjalte über den Hof bis zum Königshause. Aber Hjalte achtete ebensowenig auf ihre Klage, als ein gewappneter Kämpe der Steinwürfe eines Knaben achtet. Er lauschte der goldgelockten Magd nicht mehr, als wäre sie die schnatternde Elster der Baumwipfel gewesen.

*

Niemand darf glauben, daß Hjalte sich damit begnügte, daß er Ingegerd für seinen König gewonnen hatte. Nein, am folgenden Tag nahm der alte Isländer all seinen Mut zusammen und sprach mit Olof Schoßkönig von Olaf Haraldson. Aber Hjalte konnte kaum zu Worte kommen, der König unterbrach den Skalden, sowie dieser von seinem Feinde sprechen wollte. Hjalte sah ein, daß die edle Prinzeß recht hatte. Nie glaubte er größerem Hasse begegnet zu sein.

»Aber diese Heirat muß doch geschehen,« sagte Hjalte. »Es ist Gottes Wille, Gottes Wille.«

Und es sah ganz so aus, als hätte Hjalte recht. Nur ein paar Tage später kam ein Bote vom König Olaf von Norwegen, um Frieden mit den Schweden zu mitteln. Und Hjalte suchte diesen Sendboten auf und sagte ihm, daß der Friede zwischen den beiden Ländern nicht besser befestigt werden könne, als durch eine Heirat zwischen Prinzessin Ingegerd und Olaf Haraldson.

Der Sendbote glaubte wohl kaum, daß der alte Hjalte eines Mägdleins Sinn einem fremden Manne hatte zuwenden können, aber es dünkte ihm gleichwohl, daß sein Vorschlag gut war. Und er versprach Hjalte, daß er diesen Ehevorschlag Olof Schoßkönig auf dem großen Winterthing zu Upsala vortragen wolle.

Gleich darauf verließ Hjalte Upsala. Er zog umher von Hof zu Hof auf der weiten Ebene, er drang tief in die Wälder ein, er kam bis zum Meeresstrande.

Nie traf Hjalte einen Menschen, ohne von Olaf Haraldson und Prinzessin Ingegerd zu sprechen. »Hast du je von einem ausgezeichneteren Manne oder von einem holdseligeren Weibe gehört,« sagte er. »Sicherlich ist es Gottes Wille, daß sie zusammen durchs Leben wandeln sollen.« Hjalte kam zu alten Wikingern, die an der Meeresküste überwinterten und die ehemals an jedem Strande Frauen geraubt hatten. Er sprach mit ihnen von der schönen Prinzessin, bis sie aufsprangen und, die Hand am Schwertgriff, ihm gelobten, daß sie ihr zu ihrem Glücke verhelfen wollten.

Hjalte ging zu alten herrischen Bauersleuten, die nie den Klagen ihrer eigenen Töchter gelauscht, sondern sie so verheiratet hatten, wie es die Klugheit und die Ehre des Geschlechts erheischte, und er sprach mit ihnen so weislich von Frieden und Eheschließung, daß sie schworen, eher dem König das Reich zu nehmen, als daß eine solche Verbindung nicht zustande kommen sollte.

Aber zu dem jungen Weibervolk sagte Hjalte so holde Worte von Olaf Haraldson, daß sie gelobten, niemals mit Wohlgefallen auf einen Jüngling zu blicken, der nicht auf dem Thing dem Sendboten beistand und dazu half, des großen Königs Widerstand zu brechen. So ging Hjalte umher und sprach, bis der Winterthing sich versammeln sollte, und das Volk auf beschneiten Wegen hinabzog zu den großen Thinghügeln in Upsala.

Und als der Thing eröffnet wurde, da war der Eifer des Volkes so groß, daß es war, als müßten die Sterne am Himmel erlöschen, wenn diese Heirat nicht beschlossen wurde.

Und obgleich der König zweimal ein barsches Nein zu Frieden wie zu Freierei sagte, was half das? Was half es, daß er König Olafs Namen nicht nennen hören wollte? »Wir wollen nicht Krieg mit Norwegen führen,« rief das Volk, »wir wollen, daß diese beiden, die alle am höchsten halten, gemeinsam das Leben durchwandern!« Und was konnte nun der alte Olof Schoßkönig tun, als das Volk gegen ihn losbrach mit Drohungen und harten Worten und Waffenlärm? Was konnte er tun, als er vor sich nichts anderes sah als gezückte Schwerter und rasende Menschen? Mußte er nicht seine Tochter versprechen, wollte er Krone und Leben behalten? Mußte er nicht schwören, im nächsten Sommer die Prinzessin nach Kungahälla zu schicken, um dort König Olaf zu begegnen? Seht, seht, auf solche Weise wurde Ingegerds Liebe von allem Volke gefördert. Aber niemand war da, der Astrid zu helfen suchte, ihr Glück zu erreichen, kein Mensch fand sich, der nach ihrer Liebe fragte. Und doch lebte diese, sie lebte wie das Kind der armen Fischerwitwe in Not und Entbehrung, aber sie wuchs doch froh und hoffnungsvoll heran. Sie wuchs und lebte, denn in Astrids Seele gab es wie am Meere frische Luft und Licht, und üppigen Schaum und Wogenschwall.

II

In dem reichen Kungahälla weit weg an der Grenze lag ein großer, alter Königshof, der war von einem hohen, torfverkleideten Wall umgeben. Vor den Toren standen gewaltige Grabdenkmäler Wacht, und drinnen wuchs eine Eiche, die dem ganzen Hof des Königs Schatten gab. Auf dem ganzen Gebiet innerhalb des Walles standen lange, niedrige Holzgebäude. Sie waren so alt, daß auf den Dachfirsten Moosflechten wuchsen, die Balken der Wände hatten sich im Urwald mächtig gewachsen und waren vor Alter silberweiß. Die Torfdächer standen grünend und blühend da, der Hauslauch saß so dicht wie die Schuppen auf einem Fisch, das Riedgras fand kaum Raum, ein paar vereinzelte Halme dazwischen hervorzustecken.

Zu Beginn des Sommers kam Olaf Haraldson nach Kungahälla, und in dem großen, alten Königshofe sammelte er alles ein, was erforderlich war, um Hochzeit zu feiern. Die lange Straße hinauf zogen da ein paar Wochen hindurch lange Reihen von Bauern, die auf ihren kleinen Pferdchen Butter in Butten brachten und Käse in Säcken, Hopfen und Salz, Rüben und Mehl.

Als diese Fuhren endlich aufhörten, kamen durch ein paar Wochen die Hochzeitsgäste über die Straße gezogen. Da kamen hochgewachsene Männer und Frauen zu Pferde, mit großem Gefolge von Dienern und Knechten. Hierauf folgten Scharen von Gauklern, von Liedersängern und Sagenerzählern. Kaufleute kamen aus dem fernen Venda Der altnordische Name für Norddeutschland. und Gårdarike Rußland, besonders die Gegend um Nowgorod, die Holmgård hieß. um den König zu verlocken, Brautgaben zu kaufen.

Nachdem diese Züge zwei Wochen durch die Stadt gerauscht waren, wartete man nur noch auf den letzten Zug, den der Braut.

Aber der Zug der Braut säumte und säumte. Jeden Tag erwartete man, daß sie an der Königsbrücke ans Land steigen würde, um dann, geführt von Pfeifern und Trommlern, von fröhlichen, jungen Knappen und ernsten Priestern, die Straße zum Königshofe hinanzuschreiten. Doch der Brautzug kam nicht.

Als die Braut so lange auf sich harren ließ, suchten aller Blicke König Olaf, um zu sehen, ob er von Unruhe gequält wurde. Aber der König zeigte allen ein ruhiges Antlitz. »Wenn Gott will,« sagte der König, »daß ich dieses schöne Weib besitzen soll, dann muß sie wohl kommen.« Und der König wartete, indes das Gras auf den Wiesen gemäht wurde und die Kornblume im Roggenfeld erblühte.

Der König wartete noch, als der Flachs aus der Erde gerissen wurde und als die Hopfenranken auf den hohen Stangen sich gelb färbten.

Er wartete noch, als die Brombeeren in den Felsenspalten schwarz wurden, und als die Hagebutte auf den nackten Zweigen des Dornbusches rot zu leuchten begann.

*

Den ganzen Sommer war Hjalte unten in Kungahälla umhergegangen und hatte auf die Hochzeit gewartet. Niemand konnte die Prinzessin eifriger erwarten als er. Er sehnte sich sicherlich mit viel größerer und quälenderer Unruhe als König Olaf selbst.

Auch jetzt wurde es Hjalte unter den Kämpen im Königshause nicht wohl. Aber weit unten am Flusse fand sich eine Brücke, zu der die Frauen Kungahällas zu gehen pflegten, um ihren Männern und Söhnen nachzublicken, wenn sie auf weite Fahrt auszogen. Hier pflegten sie sich auch den ganzen Sommer über zu versammeln, um den Fluß hinab nach Segeln auszulugen und den Fortgefahrenen nachzuweinen. Hinab zu dieser Brücke kam nun Hjalte alle Tage. Er liebte es, sich unter jenen aufzuhalten, die trauerten und sich sehnten.

Ganz sicherlich hatte keine der Frauen, die je auf der »Tränenbrücke« gesessen und gewartet hatte, den Lauf des Flusses mit ängstlicheren Blicken hinabgeschaut als Hjalte, der Skalde. Es gab niemanden, der mit größerer Erwartung seine Blicke auf jedes vorübergleitende Segel heftete.

Zuweilen schlich sich auch Hjalte in die Marienkirche. Er betete nie um etwas für sein eigen Teil. Er kam nur herein, um die Heiligen an diese Heirat zu erinnern, die geschehen mußte, die Gott selbst gefördert hatte. Am allerliebsten von allen sprach doch Hjalte ganz allein mit Olaf Haraldson. Es war ihm eine Freude dazusitzen und ihm jedes Wort der Königstochter zu erzählen. Er schilderte jeden ihrer Gesichtszüge.

»König,« sagte er zu ihm, »bitte Gott, daß sie zu dir kommt. Jeden Tag sehe ich dich auf die Jagd ausziehen gegen das alte Heidentum, das wie ein Uhu in dem Schatten des Waldes und der Klüfte verborgen liegt. Aber dein Falke, König, wird niemals den Uhu überwinden. Eine Taube allein kann es, allein eine Taube.«

Der Skalde fragte den König, ob es nicht wahr sei, daß er alle seine Widersacher niederwerfen wollte. War es nicht so, daß er allein Herr sein wollte im Lande? Aber nie würde ihm das glücken. Nie würde es glücken, bevor er die Krone besaß, die Hjalte ihm auserwählt eine Krone, die so mit Adel und Glanz geschmückt war, daß ihm, der sie besaß, alle Menschen gehorchen mußten.

Und zuletzt fragte er den König, ob er nicht die Herrschaft über sich selbst gewinnen wolle. Aber es konnte ihm niemals gelingen, des eigenen Herzens Widerstand zu überwinden, wenn er nicht ein Schild gewann, das Hjalte im Jungfernturm des Königshofes zu Upsala gesehen. Das war ein Schild, von dem des Himmels Reinheit strahlte. Das war ein Schild, der vor aller Arglist und aller Fleischeslust schützte.

*

Aber der Herbst kam, und noch immer säumte die Prinzessin. Einer nach dem anderen von den tapferen Helden, die um des Hochzeitsfestes willen Kungahälla besucht hatten, mußte von dannen ziehen. Zuletzt von allen fuhr auch der alte Hjalte, der Skalde. Mit schwerem Herzen segelte er fort, mußte er doch vor dem Weihnachtsfeste sein Heim im fernen Island erreichen.

Der alte Hjalte war kaum zu den felsigen Schären hinter der Mündung des Nordre Ülf gekommen, als er einem Langschiff begegnete, sogleich gebot er seinen Mannen mit dem Rudern innezuhalten. Er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß das Fahrzeug der Drache war, der Prinzessin Ingegerd angehörte.

Ohne Zögern ließ Hjalte sich zu dem Drachen hinrudern. Er verließ seinen Platz am Steuer und stellte sich mit freudestrahlendem Antlitz ganz vorne in den Kiel. »Es freut mich, daß ich die schöne Maid noch einmal schauen darf,« sagte der Skalde. »Es freut mich, daß ihr holdes Antlitz das letzte ist, was mir vor der Islandsfahrt begegnet.« Da war kaum eine Runzel in Hjaltes Antlitz zu sehen, als er an Bord des Drachen trat. Er grüßte die rüstigen Gesellen, die die Ruder führten, so freundlich, als wären es seine Genossen, und er gab dem Mägdlein, das ihn ehrfurchtsvoll zum Frauenzelt im Hintersteven des Schiffes geleitete, ein goldenes Ringelein.

Hjaltes Hand zitterte, als er den Vorhang hob, der vor der Zeltöffnung herabhing. Dieser Augenblick dünkte ihn der schönste seines Lebens.

»Nie habe ich für eine größere Sache gekämpft,« sagte er. »Nie habe ich etwas so eifrig erstrebt wie diese Verbindung.«

Aber als Hjalte in das Zelt kam, wich er erschrocken einen Schritt zurück. Sein Gesicht drückte die größte Verwirrung aus.

Ein hohes, schönes Weib hatte er dort drinnen gesehen. Sie war ihm mit ausgestreckter Hand entgegengekommen. Aber das war nicht Ingegerd. Hjaltes Augen irrten suchend in dem engen Zelt umher, um die Prinzessin zu finden. Wohl sah er, daß sie, die dort drinnen stand, eine Königstochter war. Nur eine Königstochter konnte ihn mit so stolzen Blicken ansehen und ihn mit solcher Würde begrüßen. Und sie trug fürstlichen Stirnreifen und königliches Gewand. Aber warum war sie nicht Ingegerd?

Hjalte begann die Fremde heftig auszufragen. »Wer bist du?« fragte er. – »Kennst du mich nicht, Hjalte, ich bin die Königstochter, mit der du von Olaf Haraldson gesprochen.« »Ich habe mit einer Königstochter von Olaf Haraldson gesprochen, aber sie nannte sich Ingegerd.« – »Ich nenne mich auch Ingegerd.« – »Du magst dich nennen wie du willst, aber du bist nicht die Prinzessin. Was will all dies heißen? Will der Sveakönig König Olaf hintergehen?« – »Mit nichten hintergeht er ihn. Er sendet ihm seine Tochter, so wie er es versprochen.«

Es fehlte nicht viel, und Hjalte hätte sein Schwert gezogen, um die fremde Frau niederzuschlagen. Er hatte schon die Hand am Schwertgriff, aber dann besann er sich, wie übel es einem Kämpen anstand, einem Weibe das Leben zu nehmen. Aber mehr Worte wollte er nicht an diese Betrügerin vergeuden. Er wandte sich zum Gehen. Die Fremde rief ihn mit sehr sanfter Stimme zurück, »wohin gehst du, Hjalte, willst du nach Kungahälla fahren, um Olaf Haraldson zu warnen?« – »Jawohl, dies ist meine Absicht,« antwortete Hjalte, ohne sie anzusehen. – »Warum willst du mich dann verlassen, Hjalte? Warum bleibst du nicht bei mir? Ich fahre ja auch nach Kungahälla.«

Nun wandte sich Hjalte um und sah sie an. »Bist du das Weib, um Erbarmen mit einem alten Manne zu haben?« sagte er. »Ich will dir sagen, daß ich mein ganzes Herz darein gesetzt habe, daß diese Heirat zustande kommt. Laß mich nun mein ganzes Unglück wissen. Darf Ingegerd überhaupt nicht kommen?«

Da hörte die Prinzessin auf, mit Hjalte ihren Scherz zu treiben. »Komm herein und setze dich hier unter das Zelt,« sagte sie, »und ich werde dir alles sagen, was du wissen willst. Ich begreife wohl, daß es nichts nützt, die Wahrheit vor dir zu verbergen.«

Und sie begann ihm zu erzählen. »Schon neigte der Sommer sich seinem Ende zu,« sagte sie, »schon hatten die munteren Küchlein des Birkhuhns starke Federn in dem gespaltenen Schwanz und Festigkeit in den runden Flügeln, schon hatten sie angefangen, mit hurtigen, lärmenden Flügelschlägen in dem Astnetz des Tannenwaldes umherzuflattern.

»Da war der Sveakönig eines Morgens über die Ebene geritten gekommen. Er war von glücklicher Jagd heimgekehrt. Am Sattelknopf hing ein alter Birkhahn, dunkelglänzend und blauschwarz, ein grimmiges Kerlchen mit roten Augenbrauen, und vier seiner unerfahrenen Jungen in gesprenkeltem Kleid. Und der König war sehr stolz gewesen. Er dachte, daß es sich nicht oft zutrug, daß man mit Falke und Habicht an einem Morgen bessere Jagd machte als diese.«

Aber nun mußte Hjalte wissen, daß an diesem Morgen Prinzeß Ingegerd mit ihren Zofen im Burgtor gestanden war und den König erwartet hatte. Und unter den Jungfrauen war eine gewesen, die sich Astrid nannte und die ebenso wie Ingegerd eine Tochter des Sveakönigs war, obgleich von einer unfreien Mutter geboren und darum wie eine leibeigene gehalten. Und diese junge Maid war dagestanden und hatte ihrer Schwester gezeigt, wie die Schwalben sich draußen über dem Felde zusammenscharten und sich einen Führer wählten für den langen Flug. Sie erinnerte sie daran, daß der Sommer nun im Scheiden war, dieser Sommer, der Ingegerds Hochzeit hätte schauen sollen, und sie reizte sie auf, den König zu fragen, warum sie nicht zu König Olaf hatte fahren dürfen. Denn Astrid hatte diese Fahrt mit ihrer Schwester machen wollen. Sie dachte, daß sie alle Tage froh sein würde, wenn sie bloß ein einziges Mal Olaf Haraldson schauen durfte.

Aber als der Sveakönig die Prinzessin erblickt hatte, war er auf sie zugeritten. »Sieh, Ingegerd«, hatte er gesagt, »hier hängen fünf Birkhühner am Sattelknopf. An diesem einen Morgen habe ich fünf Birkhühner niedergestreckt. Wer, glaubst du, kann sich eines besseren Glückes berühmen? Hast du je gehört, daß ein König bessere Jagd machte?«

Aber da war die Prinzessin unwillig geworden, weil er so stolz kam und sein eigenes Glück pries, er, der ihr den Weg zum Glück versperrte. Und um der Angst, die sie seit Wochen verzehrte, ein Ende zu machen, antwortete sie: »Du, Vater, hast mit großen Ehren fünf Birkhühner niedergestreckt, aber ich weiß einen König, der in einer Morgenstunde fünf Könige fing, und das war Olaf, der Held, den du mir zum Gemahl erwählt.«

Da war der Sveakönig zornig aus dem Sattel gesprungen und mit geballten Fäusten auf die Prinzessin losgegangen.

»Welcher Troll hat dich gebissen?« hatte er gefragt. »Welches Kraut hat dich behext? wie konnte sich dein Sinn diesem Manne zuwenden?«

Da hatte Ingegerd nicht geantwortet, sie war erschrocken einen Schritt zurückgewichen.

Und der König war ruhiger geworden. »Süße Tochter,« hatte er ihr gesagt, »weißt du denn nicht, daß ich dich lieb habe? Wie kann ich dich dann dem schenken, den ich nicht ertragen kann! Ich möchte dich mit trauten Wünschen geleiten. Ich will in deinen Saal treten können. Ich sage dir, daß du deinen Sinn den Königen anderer Länder zuwenden mußt, denn Norwegens König wird dich niemals besitzen!«

Da war die Prinzessin so verwirrt geworden, daß sie dem König nichts anderes zu antworten wußte als:

»Ich bat dich nicht. Es war des Volkes Wille!«

Und der König hatte sie sogleich gefragt, ob sie meinte, daß der Sveakönig ein Knecht sei, der nicht über seine eigenen Kinder verfügen durfte, ob er einen Herrn hatte, der die Macht besaß, seine Tochter zu verschenken.

»Will der Sveakönig es gestatten, daß man ihn wortbrüchig nennt?« hatte die Prinzessin gefragt.

Der Sveakönig hatte laut gelacht! »Sei du ohne Sorge! Solches wird nicht gesagt werden. Warum fragst du darnach, du, ein Weib? Noch sitzen Männer in meinem Rat, für solches werden Männer Hilfe zu finden wissen.«

Und der König hatte sich den Kämpen zugewandt, die in der Jägerschar ritten. »Mein Wille wird durch dieses Gelöbnis gebunden,« sagte er. »Ich will frei sein von diesem Band.«

Aber keiner der Männer des Königs hatte ein Wort erwidert, keiner wußte ihm irgend einen Rat zu geben.

Immer größeren Zorn hatte da Olof Schoßkönig gepackt. Er war so wild geworden wie ein Wahnsinniger. »Wehe eurer Weisheit!« hatte er einmal ums andere seinen Mannen zugerufen. »Frei will ich sein! Warum preist man euere Weisheit?«

Aber während der König so getobt und gewütet hatte und weil niemand ihm etwas zu antworten wußte, trat Astrid aus dem Kreise der Jungfrauen heraus und brachte einen Vorschlag vor. Aber sie sprach ihn nur aus, das mußte Hjalte glauben und wissen, weil er ihr ergötzlich schien und ihr gleichsam kitzelnd auf der Zunge gelegen war, durchaus nicht, weil er ihr möglich oder ausführbar dünkte.

»Warum sendest du nicht mich?« sagte sie. »Ich bin auch deine Tochter. Warum schickst du nicht mich zu dem norwegischen König?«

Aber sowie Astrid dies gesagt hatte, war Ingegerd ganz blaß geworden. »Schweige still und geh von hinnen,« sagte sie erzürnt. »Geh von hinnen, du Plappermaul, du heimtückisches, böses Ding, das meinem Vater solche Schmach vorschlägt.«

Aber der König hatte Astrid nicht erlaubt zu gehen. Im Gegenteil, im Gegenteil! Er hatte die Hand ausgestreckt und sie an seine Brust gezogen. Er hatte gelacht und geweint und war ganz wirr gewesen vor Freude, wie ein ausgelassenes Kind.

»Ah,« hatte er gerufen. »Was für ein Einfall! Was für ein heidnischer Streich! Wir werden Astrid Ingegerd nennen! Wir werden den König Norwegens verlocken, sie zu ehelichen! Und wenn es dann kund wird rings im Lande, daß sie von unfreier Geburt ist, dann werden manche frohlocken. Überall wird man seinen Spott treiben mit diesem ehrenfesten Manne!«

Aber da war Ingegerd auf den König zugeeilt und hatte gefleht: »O Vater, o Vater, tu dieses nicht! Ich habe König Olaf von Herzen lieb, es macht mir großen Kummer, daß du ihn betrügen willst.« Und sie sagte, sie wolle in Geduld dem Befehl ihres Vaters gehorchen und von der Heirat mit Olaf Haraldson abstehen. Er sollte ihr nur versprechen, ihm das nicht anzutun, nicht das.

Aber der Sveakönig hatte gar nicht auf ihre Bitten gehört. Er hatte sich allein Astrid zugewandt, die er liebkoste, als wäre sie süß wie die Rache selbst. »Du sollst fahren, du sollst bald fahren, morgen schon,« hatte er zu ihr gesagt. »Wir müssen wohl irgend ein Schiff haben, das seetüchtig ist. Alles, was du an Heiratsgut brauchst, deine Kleider, liebe Tochter, und dein Gefolge, das kann in größter Eile beschafft werden. Der norwegische König denkt nicht an derartiges, er denkt bloß an die Freude, des Sveakönigs hochgeborenes Töchterlein zu besitzen.«

Als er dieses gesagt, hatte Ingegerd nur zu wohl verstanden, daß hier keine Änderung zu erhoffen war. Und da war sie auf die Schwester zugegangen, hatte ihr die Hand um den Hals gelegt und sie mit sich in ihren Saal geführt. Und auf ihre eigene Hochbank setzte sie sie, während sie selbst auf dem niedrigen Schemel zu ihren Füßen Platz nahm. Und sie hatte zu Astrid gesagt, daß sie nun dort oben sitzen sollte, um sich an den ersten Platz zu gewöhnen. Sie sollte dort sitzen, um zu wissen, welchen Platz sie als Königin einnehmen würde. Denn Ingegerd wollte nicht, daß Olaf sich seiner Königin schämen müßte.

Dann hatte die Prinzessin ihre anderen Jungfrauen zu Kleiderschränken und Vorratskammern gesandt, um den Brautschatz zu holen, den sie für sich selbst geordnet. Und das alles hatte sie ihrer Schwester geschenkt, damit Astrid nicht wie eine arme Magd zu Norwegens König kam.

Sie hatte auch aufgezählt, welche Diener und Zofen Astrid begleiten sollten, und zum Schlusse hatte sie ihr ihr schönes Langschiff gegeben.

»Sicherlich sollst du mein Langschiff nehmen,« sagte sie. »Du weißt, daß viele gute Gesellen dort das Ruder führen. Denn es ist mein Wille, daß du stolz zu Norwegens König kommst, so daß er sich geehrt fühlt durch seine Königin.« Und dann war die Prinzessin gar lange bei ihrer Schwester gesessen und hatte mit ihr von König Olaf gesprochen. Aber sie hatte so gesprochen, wie man von Gottes heiligen Männern spricht und nicht von Königen, und Astrid hatte nicht viel von ihrer Rede verstanden. Aber so viel hatte sie verstanden, daß die Königstochter Astrid alle guten Gedanken schenken wollte, die in ihr wohnten, nur damit König Olaf nicht so genarrt wurde, wie ihr Vater wünschte.

Und da hatte schließlich Astrid, die wohl doch nicht so böse war, wie alle glaubten, vergessen, wie oft sie gerade um ihrer Schwester willen hatte leiden müssen, und sie hatte gewünscht, daß sie die Freiheit besäße zu sagen: »Ich fahre nicht.« Sie hatte auch von diesem ihrem Wunsche zur Prinzessin gesprochen, und sie hatten beide geweint, und zum erstenmal hatten sie sich als Schwestern gefühlt.

Aber nun mußte Hjalte verstehen, daß Astrid nicht eine von denen war, die grübeln und trauern. Als sie hinaus auf das Meer gekommen war, da hatte sie alle Sorge und Furcht vergessen. Sie hatte als Herrscherin gebieten können, sie war wie eine Königstochter bedient worden. Zum erstenmal seit dem Tode ihrer Mutter war sie glücklich gewesen. Die schöne Königstochter schwieg einen Augenblick, als sie all dieses gesagt hatte. Sie sah hastig zu Hjalte auf, der sich, solange sie sprach, nicht geregt hatte. Sie erblaßte, als sie sah, welchen Schmerz sein Antlitz wiederspiegelte.

»Sage mir, was du glaubst, Hjalte,« rief sie. »Nun sind wir ja bald in Kungahälla. Wie wird es mir dort ergehen? Wird der König mich töten? Wird er mich zurückschicken, mit rotglühendem Eisen gebrandmarkt? Sag mir die Wahrheit, Hjalte?«

Aber Hjalte antwortete ihr nicht. Er saß da und sprach zu sich selbst, ohne daß er es wußte. Astrid hörte, wie er murmelte, daß es drüben in Kungahälla keinen gab, der Ingegerd kannte, und daß er selbst geringe Lust hatte, zurückzukehren.

Aber nun fiel Hjaltes düsterer Blick auf Astrid, und er begann sie auszufragen. Sie hatte sich ja die Freiheit gewünscht, um nein zu dieser Fahrt sagen zu können. Und wenn sie jetzt nach Kungahälla kam, war sie frei, was gedachte sie also zu tun? Gedachte sie König Olaf zu sagen, wer sie war?

Das war eine Frage, die Astrid gar sehr verwirrte. Sie schwieg lange. Aber dann hub sie an, Hjalte zu bitten, daß er sie nach Kungahälla geleite, um dem Könige die Wahrheit zu sagen, sie sagte Hjalte, daß ihre Schiffsleute und Zofen sich verpflichtet hatten zu schweigen. »Und ich selbst weiß ja nicht, was ich tue,« sagte sie. »Wie kann ich wissen, was ich tun werde? Ich habe ja alles gehört, was du Ingegerd von Olaf Haraldson erzählt hast.«

Als Astrid dies sagte, sah sie, wie Hjalte wieder in Grübeln versank. Sie hörte, wie er dasaß und murmelte, daß er nicht glaube, daß sie gestehen würde. »Aber ich muß ihr doch sagen, was ihrer wartet,« sagte er.

Und Hjalte richtete sich auf und sprach mit tiefem Ernst. »Höre noch eines, Astrid, was ich dir früher nicht von König Olaf erzählt habe.

»Es war zu der Zeit, als König Olaf nur ein armer Seekönig war, als er bloß einige gute Schiffe besaß und einige getreue Kämpen, aber keinen Teil am Reiche seiner Väter hatte. Das war damals, als er mit Ehren auf fremden Meeren stritt, als er die Wikinger verfolgte und Kaufleute schützte und sein Schwert christlichen Fürsten lieh.

»Da träumte der König einmal, daß ein Fürst des Lichts, ein schöner Engel Gottes nachts zu seinem Schiffe hinabstieg und alle Segel hißte und gen Norden steuerte. Und es dünkte den König, daß sie nicht längere Zeit segelten als ein Stern braucht, um eines Morgens zu erlöschen, als sie zu einem hohen felsigen Strande kamen, von Fjorden durchbrochen und von milchweißer Brandung bespült. Aber als sie dem Strande nahten, streckte der Engel die Hand aus und sprach mit seiner Silberstimme, die das Lärmen des Windes in den Segeln übertönte und das wilde Brausen der Wellen, die der Kiel in schwindelnder Fahrt durchschnitt. »Du, König Olaf,« so lauteten die Worte des Engels, »sollst dieses Land für ewige Zeit besitzen.« Und wie er dies sagte, war der Traum zu Ende.«

Aber nun suchte Hjalte Astrid zu erklären, daß ebenso wie die Morgenröte den Übergang von der Nacht zum sonnenblanken Tage mildert, so auch Gott nicht gewollt hatte, daß König Olaf sogleich faßte, daß der Traum ihm übermenschliche Ehre kündete. Der König hatte nicht verstanden, daß es Gottes Wille war, daß er von einem der Throne des Himmels für ewige Zeit alles Land Norwegens regierte, daß Könige kommen und Könige gehen sollten, aber der heilige König Olaf immer sein Reich lenken würde.

»Des Königs Demut brach des Lichtes volle Klarheit,« sagte Hjalte, »und er deutete die Worte des Engels so, daß er und die Männer seines Geschlechts immer das Land beherrschen sollten, das der Engel ihm gezeigt hatte. Und da er in diesem Lande das Reich seiner Väter wiederzuerkennen glaubte, so steuerte er hin und, vom Glücke begünstigt, ward er bald dessen König.

»Und so, Astrid, ist es in allem. Wohl deutet alles darauf, daß eine himmlische Kraft König Olaf innewohnt, doch zögert er noch und denkt, daß er nur zu einem irdischen König berufen ist. Er greift noch nicht nach der Heiligenkrone. Aber jetzt ist die Stunde nicht fern, wo die volle Klarheit über seine Aufgabe über ihn kommen muß. Jetzt ist die Stunde nicht fern.«

Und der alte Hjalte sprach weiter, während Seherlicht in seiner Seele und auf seiner Stirne strahlte.

»Gibt es wohl außer Ingegerd ein Weib, das nicht von Olaf Haraldson verworfen und von seiner Seite verstoßen würde, wenn er aufsteht und des Engels Worte faßt, daß er Norwegens König für ewige Zeiten ist? Gibt es eine, die ihm da auf seiner hohen Wanderung folgen kann, mit Ausnahme von Ingegerd?«

Und noch einmal wendete Hjalte sich an Astrid und fragte mit großer Strenge: »Antworte nun und sage mir, ob du nicht die Wahrheit sprechen willst vor König Olaf?«

Astrid war ganz verschüchtert. Sie antwortete sehr demütig: »Warum willst du nicht mit mir nach Kungahälla? Dann bin ich gezwungen, alles zu offenbaren. Siehst du nicht, Hjalte, daß ich nicht weiß, was ich will? Ich würde ja das geloben, was du heischest, wenn mein Sinn darnach stände, den König zu betrügen. Ich würde dich verlocken, weiter zu reisen, wenn ich das wollte, aber ich bin schwach. Ich bitte dich ja nur, daß du mir das Geleit gibst.«

Aber kaum hatte sie das erwidert, als sie sah, wie sich in Hjaltes Antlitz ein furchtbarer Zorn malte. »Warum soll ich dir dazu verhelfen, deinem harten Schicksal zu entgehen?« fragte er.

Er sagte, daß er ihr nicht Barmherzigkeit zu beweisen brauchte. Er haßte sie wegen ihrer Sünde gegen die Schwester. Ingegerds war der Mann gewesen, den sie sich erlisten wollte, Diebin, die sie war. Ein gestählter Kämpe wie Hjalte mußte vor Schmerz stöhnen, wenn er bedachte, was Ingegerd gelitten. Aber Astrid hatte nichts gefühlt. Mitten in den Schmerz der edlen jungen Maid war sie mit grausamer Verschlagenheit gekommen und hatte nur ihre Freude gesucht. O, weh, Astrid! Weh ihr!

Astrid hörte Hjaltes Stimme zu so düsterer Wildheit hinabsinken, als murmelte er einen Zaubergesang.

»Du,« sagte er zu ihr, »du hast mein schönstes Gedicht verzerrt. Denn das schönste Gedicht, das der Skalde Hjalte gedichtet, war das, daß er die frommste der Frauen mit dem vortrefflichsten der Männer zusammensingen wollte. Aber du hast das Gedicht verzerrt und es in ein Narrenspiel verwandelt. Und ich werde dich strafen, du Abkömmling der Hölle! Ich werde dich strafen, so wie Gott Vater den Versucher strafte, der die Sünde in seine Welt brachte. Ich werde dich strafen.«

»Aber bitte mich nicht,« fuhr er fort, »daß ich dir, Weib, folgen soll, um dich vor dir selbst zu schützen. Ich denke an die Prinzessin, wie sie leidet durch dieses Spiel, das du mit König Olaf treibst. Um ihretwillen mußt du gestraft werden, wie um meinetwillen. Und ich werde nicht mit dir gehen, um dich zu verraten. Dies ist meine Rache, Astrid. Ich werde dich nicht verraten. Du sollst in Kungahälla einziehen, du, Astrid, und wenn du nicht von selbst sprichst, magst du des Königs Braut werden. Aber dann, du Schlange, wird die Strafe dich ereilen. So schwer wird dein Leben werden, daß du dir den Tod wünschest, jeden Tag.«

Als Hjalte dieses gesagt, wandte er sich von ihr und ging.

Astrid saß lange still da und dachte über das nach, was sie gehört hatte. Aber dann kam ein Lächeln und zog über ihr Antlitz. Er vergaß, der alte Hjalte, daß sie alle Leiden gekostet, daß sie gelernt hatte, zu Qualen zu lächeln. Aber das Glück, das Glück hatte sie nie gekostet!

Und Astrid erhob sich und trat in die Zeltöffnung. Sie sah des grimmen Hjalte Schiff gen Westen steuern. Und weit, weit in der Ferne glaubte sie das nebelverhüllte Island zu sehen, das mit Hjalte und Finsternis seinen weitgereisten Sohn willkommen hieß.

III

Es ist ein sonnenblanker Tag im Herbste. Nicht die kleinste Wolke ist am Himmel. Es ist ein solcher Tag, an dem man denkt: die holde Sonne will der Erde alles Licht geben, das sie hat! Die holde Sonne, sie ist wie eine Mutter, deren Sohn fortreisen soll, und die nun in der Abschiedsstunde kein Auge von dem Geliebten verwenden mag.

In dem langen Tale, in dem Kungahälla liegt, erheben sich viele kleine, runde Hügelchen, die mit Buchenwald bekleidet sind. Und nun im Herbste haben die Bäume so prächtige Gewänder angelegt, daß man sich über sie verwundern muß. Es ist, als wollten die Bäume auf Freiersfahrt ausziehen. Es ist, als hätten sie sich in Gold und Scharlach gekleidet, um reiche Bräute zu gewinnen mit ihrer Herrlichkeit.

Die große Insel Hisingen am andern Ufer des Ülfs ist auch geschmückt. Aber auf Hisingen stehen weißgelbe Birken. Auf Hisingen stehen die Bäume hell gekleidet, als wären sie Mägdlein im bräutlichen Schmuck.

Aber den Fluß hinauf, der so stolz und ungestüm herab zum Meere stürzt, als hätte der Regen des Herbstes ihn mit brausendem Wein erfüllt, kommt Schiff auf Schiff der Heimat zugerudert. Und wenn die Schiffe in die Nähe von Kungahälla kommen, da werden ihre grauen Friessegel mit neuen, weißen vertauscht. Und man muß an Sagen von Königssöhnen denken, die in Bettlerlumpen auf Abenteuer ausziehen und sie abwerfen, sowie sie wieder in den hohen Königshof eintreten.

Aber alles Volk von Kungahälla ist unten an den Brücken versammelt. Alt und jung lädt Waren von den Schiffen ab. Sie füllen die Vorratshäuser mit Salz und Tran, mit kostbaren Waffen und schimmernden Geweben. Sie ziehen Fahrzeuge und Boote ans Land und fragen die Heimgekehrten nach ihrer Reise aus.

Aber plötzlich stockt alle Arbeit, und alle wenden die Blicke dem Ülf zu. Mitten zwischen den schweren Kauffahrteischiffen kommt ein großes Langschiff gerudert. Und das Volk wundert sich, wer es sein mag, der purpurgeränderte Segel hißt und ein goldenes Zeichen im Steven führt. Man möchte wohl wissen, was für ein Schiff das ist, das so leicht wie ein Vogel über die Wellen fliegt. Man preist feine Fährleute, die die Ruder so gleichmäßig führen, daß sie zu Seiten des Schiffes blitzen wie Adlerschwingen. »Es muß die schwedische Prinzessin sein, die kommt,« sagt man. »Die schöne Prinzeß Ingegerd muß es sein, die Olaf Haraldson den ganzen Sommer und Herbst hindurch erwartet hat.«

Und die Frauen eilen hinaus auf die Brücken, um die Prinzessin zu sehen, wie sie da der Königsbrücke zusteuert. Männer und Knaben springen hinaus auf die Schiffe und erklettern die Dächer der Bootshütten.

Als die Frauen die Prinzessin herrlich geschmückt auf dem Verdecke stehen sehen, fangen sie an, ihr zuzurufen und sie mit Willkommensworten zu grüßen. Und alle Männer, die ihr hold lächelndes Antlitz schauen, lüften die Mütze und schwenken sie hoch in die Luft.

Aber unten auf der Königsbrücke steht König Olaf selbst, und als er die Prinzessin sieht, strahlt sein Angesicht in Freude und seine Augen leuchten in sanfter Zärtlichkeit.

Und da es so spät im Jahre ist, daß alle Blumen dahin sind, pflücken die jungen Mädchen rotgelbes Herbstlaub von den Bäumen und streuen es auf die Brücke und die Straße. Und mit aller Hast eilen sie, die Hauswände mit glänzenden Vogelbeeren und dunkelroten Espenblättern zu verkleiden.

Die Prinzessin, die hoch auf ihrem Schiffe steht, sieht das Volk, das winkt und sie willkommen heißt, sie sieht das rotgelbe Laub, auf dem sie wandeln soll. Und ganz vorne auf der Brücke sieht sie den König, der ihr entgegenlächelt.

Und die Prinzessin vergißt all das, was sie sagen und beichten sollte. Sie vergißt, daß sie nicht Ingegerd ist. Sie vergißt alles, nur das nicht, daß sie Olaf Haraldsons Weib werden will.

*

Eines Sonntags saß Olaf Haraldson beim Mittagstische, und seine schöne Königin saß an seiner Seite. Er sprach eifrig mit ihr, stützte den Ellenbogen auf den Tisch und wendete sich so, daß er ihr Antlitz sehen konnte.

Aber als Astrid sprach, senkte der König den Blick, um nur an den Liebreiz ihrer Stimme zu denken, und als sie lange sprach, begann er, ohne daran zu denken, mit dem Messer an der Tischplatte zu schnitzen.

Alle Mannen König Olafs wußten, daß er dies nicht getan haben würde, wenn er sich erinnert hätte, daß es Sonntag war. Aber sie hatten zu viel Ehrfurcht vor dem König, als daß sie gewagt hätten, ihn daran zu erinnern.

Je länger Astrid sprach, desto unruhiger wurden die Kämpen. Die Königin sah wohl, daß sie verwunderte Blicke miteinander tauschten, aber sie wußte nicht, was die Ursache war.

Alle hatten aufgehört zu essen, und die Speisen waren fortgetragen, aber König Olaf saß noch immer still da, sprach mit Astrid und schnitt an der Tischplatte. Ein ganzer Haufe kleiner Späne lag vor ihm.

Da sprach endlich sein Freund Björn, Sohn des Ogur auf der Seehundsinsel: »Welchen Tag haben wir morgen, Eilif?« fragte er und wandte sich an einen Knappen.

»Morgen haben wir Montag.« antwortete Eilif mit hoher, klarer Stimme.

Da erhob der König sein Haupt und sah Eilif an. »Sagst du, daß morgen Montag ist?« frug er nachdenklich.

Ohne ein weiteres Wort sammelte er alle Späne, die er aus dem Tische geschnitten, in seiner Hand, ging zum Herde, nahm eine Feuerkohle hervor und legte sie auf die Späne, die allsogleich Feuer fingen.

Der König stand stille und ließ sie in seiner Hand zu Asche brennen. Da freuten sich alle Kämpen, aber die junge Königin wurde blaß wie eine Leiche.

Wie wird er mich richten, wenn er einstmals meine Sünde erfährt, dachte sie, er, der selbst so zarten Sinnes auch das geringste Vergehen meidet.

*

Acke von Gårdarike lag krank auf seiner Schute im Hafen von Kungahälla. Er lag unten in dem engen Schiffsraum und erwartete den Tod. Er hatte lange Zeit schlimme Schmerzen in seinem Fuße gehabt, es war nun eine offene Wunde geworden, in den letzten Stunden hatte der Fuß begonnen, schwarz zu werden. »Du mußt nicht sterben, Acke,« sagte Ludolf von Kungahälla, der in den Schiffsraum herabgekommen war, um nach Acke zu sehen. »Weißt du nicht, daß König Olaf in der Stadt ist und daß Gott ihm große Kräfte gegeben um seines heiligen Lebenswandels und seiner Frömmigkeit willen? Laß ihn bitten, daß er zu dir kommt und dir seine Hand auflegt, dann bleibst du am Leben!«

»Nein, ich kann nicht Hilfe von ihm begehren,« sagte Acke. »Olaf Haraldson haßt mich, weil ich seinen Pflegebruder totgeschlagen, Reor, den Weißen. Wenn er wüßte, daß ich mit meinem Schiffe hier im Hafen liege, er würde mich töten.«

Aber als Ludolf Acke verließ und hinauf auf die Straße kam, begegnete er der jungen Königin, die im Walde gewesen war und Nüsse gepflückt hatte.

»Königin,« rief Rudolf ihr zu, »sage König Olaf dieses: Acke von Gårdarike, der deinen Pflegebruder getötet, liegt auf den Tod in seiner Schute hier im Hafen.«

Die schöne Königin eilte heim und ging zu König Olaf, der im Hofe stand und sein Pferd wartete.

»Freue dich, König Olaf!« sagte sie. »Acke von Gårdarike, der deinen Pflegebruder getötet, liegt krank auf seiner Schute hier im Hafen, dem Tode nahe.«

Olaf Haraldson führte eilig das Pferd in den Stall. Dann ging er ohne Schwert und ohne Helm hinaus auf die Straße. Er eilte rasch zwischen den Häusern durch, bis er hinab zum Hafen kam. Dann suchte er die Schute, welche Acke gehörte. Der König stand unten im Schiffsraume bei dem Kranken, bevor seine Mannen daran denken konnten, ihn zu hindern.

»Acke,« sagte König Olaf, »gar manchesmal habe ich draußen auf dem Meere Jagd auf dich gemacht, und du bist mir immer entkommen. Nun bist du hier in meiner Stadt von Siechtum ereilt worden. Das ist mir ein Zeichen, daß Gott dein Leben in meine Hand gegeben.«

Acke antwortete nicht. Er war ganz machtlos, der Tod war ihm sehr nahe. Olaf Haraldson legte die Hände auf seine Brust und betete zu Gott. »Gib mir dieses meines Feindes Leben,« sagte er.

Aber die Königin, die den König ohne Helm und Schwert zum Hafen hatte eilen sehen, war in den Königshof gegangen, hatte seine Waffen geholt und einige seiner Mannen gerufen. Sie kam ihm nun auf das Schiff nach.

Aber als sie vor dem engen Schiffsraum stand, hörte sie König Olaf für den Kranken beten.

Astrid blickte zum König und zu Acke hinein, ohne zu verraten, daß sie da war. Sie sah, wie, während des Königs Hände auf Stirn und Brust des Sterbenden ruhten, die Todesblässe aus seinem Antlitz verschwand, er begann leicht und still zu atmen, er hörte auf zu stöhnen und endlich versank er in süßen Schlummer.

Astrid ging sachte zurück, dem Königshofe zu. Schwer schleppte sie des Königs Schwert über die Straße. Ihr Antlitz war fahler, als das des Sterbenden jüngst gewesen. Ihre Atemzüge waren so schwer wie Todesröcheln.

*

Es war am Morgen des Allerheiligentages, und König Olaf stand im Begriff, zur Messe zu gehen. Er kam aus dem Königshause und schritt über den Hof dem Tore zu. Mehrere Mannen standen draußen auf dem Hofe, um den König in die Messe zu begleiten. Als er nun kam, stellten sie sich in zwei Reihen auf, und der König ging zwischen ihnen durch.

Astrid stand oben auf dem schmalen Gang vor der Frauenkemenate und blickte auf den König herab. Er trug einen breiten Goldreif ums Haupt und war in einen langen Mantel aus rotem Samt gekleidet. Er ging sehr stille, Feiertagsfriede lag auf seinem Antlitz. Astrid erschrak, als sie sah, wie sehr er Gottes heiligen Männern und Königen glich, die in Holz geschnitzt über dem Altar der Marienkirche thronten.

Ganz unten am Tore stand ein Mann im Schlapphut, einen großen Mantel um die Schultern geworfen. Als der König sich ihm näherte, ließ er den Mantel fallen, zückte ein bloßes Schwert, das er darunter verborgen, hoch in die Luft und stürzte sich auf den König. Aber als er ganz nahe kam, fiel König Olafs Blick hell und milde auf ihn, und er hielt in seinem Laufe inne. Er ließ das Schwert zu Boden fallen und sank auf die Kniee.

König Olaf stand stille und sah den Mann mit demselben klaren Blicke an, und der Mann versuchte, die Augen von ihm zu wenden, aber er konnte nicht. Endlich begann er zu schluchzen und zu weinen.

»O, König Olaf, König Olaf,« klagte er, »deine Feinde sandten mich her, um dich zu töten, aber als ich deines Angesichts Heiligkeit sah, fiel das Schwert aus meiner Hand. Deine Augen, König Olaf, haben mich zu Boden gestreckt.«

Astrid sank auf die Knie, wie sie da auf dem Söller stand. »O Gott, hab' Erbarmen mit mir Sünderin,« sagte sie. »weh mir, weh mir, weh mir, daß ich mit Lüge und List dieses Mannes Weib geworden.«

IV

Am Abend des Allerheiligentages war klarer Mondenschein. Der König war rings um den Hof gegangen und hatte einen Blick in den Stall und den Viehhof geworfen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war, und er war auch in den Hütten gewesen, wo Leibeigene und Dienstleute wohnten und hatte gesehen, daß sie gut verpflegt wurden. Als er wieder zum Königshofe zurückkehrte, sah er, wie ein Weib mit schwarzer Kapuze über dem Kopfe sich hinab zum Hoftor schlich.

Er glaubte sie zu erkennen und folgte daher ihren Schritten. Sie ging durch das Tor, kreuzte den Marktplatz und huschte durch die engen Gäßchen zum Ülf hinab.

Olaf Haraldson folgte ihr, so leise er konnte. Er sah sie auf eine der hohen Brücken hinausgehen, dort stehen bleiben und hinab ins Wasser blicken. Gleich darauf streckte sie die Arme empor und ging, schwer seufzend, so weit auf der Brücke vor, daß der König deutlich sah, daß sie sich in den Ülf stürzen wollte.

Der König näherte sich ihr mit Schritten, die er in vielen Gefahren gelernt, unhörbar zu machen. Zweimal schon hatte die Frau den Fuß erhoben, um den Sprung ins Wasser zu tun, doch stets hatte sie sich wieder zurückgehalten. Bevor sie noch einen neuen Versuch machen konnte, hatte Olaf Haraldson den Arm um ihren Leib gelegt und sie von der Brücke zurückgerissen.

»Du Unglückliche,« sagte er zu ihr, »du willst das tun, was Gott verboten hat.«

Als die Frau seine Stimme hörte, schlug sie beide Hände vors Gesicht, wie um es zu verbergen. Aber König Olaf wußte, wer sie war. Das Rauschen ihrer Kleider, die Form ihres Kopfes, der Glanz der Ringe um ihre Arme hatte ihm schon gesagt, daß es die Königin war.

Im ersten Augenblick hatte Astrid gekämpft, um sich frei zu machen, aber dann wurde sie plötzlich stille und versuchte dem König den Glauben, daß sie sich hatte töten wollen, zu rauben.

»O, König Olaf, warum schleichst du dich so über eine arme Frau, die zum Flusse hinabgegangen, um zu sehen, wie sich der Mond im Wasser spiegelt? Was soll ich von dir denken?«

Astrids Stimme klang ruhig und scherzend. Der König stand schweigend. »Du hättest mich so erschrecken können, daß ich in den Fluß gestürzt wäre,« sagte Astrid. »Glaubst du vielleicht, daß ich mich ertränken wollte?« Der König antwortete: »Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Gott wird mich erleuchten.«

Astrid lachte laut auf und küßte ihn. »Tötet man sich, wenn man glücklich ist, wie ich? Tötet man sich im Paradiese?«

»Ich verstehe es nicht,« sagte König Olaf in seiner stillen Weise. »Gott wird mich erleuchten. Er wird mir sagen, ob ich schuld daran bin, daß du eine so große Sünde begehen wolltest.«

Astrid kam nun auf ihn zu und streichelte sein Antlitz. Die Ehrfurcht, die sie stets für König Olaf empfunden, hatte sie bis jetzt abgehalten, ihm die ganze Zärtlichkeit ihrer Liebe zu zeigen. Nun schloß sie ihn mit einem Male leidenschaftlich in ihre Arme und küßte ihn unzählige Male, dann begann sie mit einer Stimme zu sprechen, die süß und zwitschernd war.

»Höre nun, wie stark meine Liebe zu dir ist,« sagte sie. Sie vermochte König Olaf, auf einem umgestülpten Boote Platz zu nehmen. Sie selbst kniete zu seinen Füßen.

»König Olaf,« sagte sie, »ich will nicht länger Königin sein. Wer jemanden so lieb hat, wie ich dich, kann nicht Königin sein. Ich wollte, du zögest tief in den Wald und ließest mich deine Magd sein. Da könnte ich dir dienen, jeglichen Tag. Da würde ich dein Essen bereiten, dein Lager betten und deine Hütte bewachen, wenn du schläfst. Niemand außer mir dürfte dir dienen. Wenn du abends von der Jagd heimkämest, würde ich dir entgegengehen und mich vor dir auf dem Wege auf die Knie werfen und sagen: König Olaf, mein Leben ist dein!

Und du würdest lächeln und deine Lanze auf meine Brust senken und sagen: Ja, dein Leben ist mein. Du hast nicht Vater, nicht Mutter, du bist mein, und in meiner Hand ist dein Leben.«

Als Astrid dieses sagte, nahm sie spielend König Olafs Schwert aus der Scheide. Sie drückte den Griff in König Olafs Hand, doch die Spitze führte sie hinab, gegen ihr Herz.

»Sage nun dies zu mir, König Olaf,« sagte sie, »so, als wenn wir einsam im Walde gingen und ich deine Magd wäre. Sage dies: dein Leben ist mein.«

»Dein Leben ist Gottes,« sagte der König.

Astrid lachte leicht. »Mein Leben ist dein,« wiederholte sie mit großer Zärtlichkeit in der Stimme, und in demselben Augenblick fühlte König Olaf, daß sie das Schwert hinab auf ihre Brust drückte.

Aber der König hielt sein Schwert mit stetiger Hand, selbst im Spiele. Er raffte es an sich, bevor es Astrid gelungen war, sich etwas zuleide zu tun.

Und er sprang auf. Zum ersten Male in seinem Leben war er so erschrocken, daß er zitterte. Die Königin hatte durch seine Hand sterben wollen, und es war nahe daran gewesen, daß sie ihren Willen durchsetzte.

Aber im selben Augenblick kam ein Gedanke der Eingebung über ihn, so daß er begriff, worin ihre Verzweiflung begründet war. Sie hat sich vergangen, dachte er. Sie hat eine Sünde auf dem Gewissen. Er beugte sich über Astrid. »Sage, was du verbrochen hast,« sagte er. Astrid hatte sich in verzweifeltem Weinen auf die groben Planken der Brücke geworfen.

So weint keine Schuldfreie, dachte der König. Aber wie kann die edle Königstochter eine so schwere Angst auf sich herabbeschworen haben? fragte er sich. Wie kann der hohen Ingegerd Gewissen mit einem Verbrechen belastet sein?

»Ingegerd, sage mir, worin hast du gefehlt?« fragte er aufs neue. Aber Astrids Kehle wurde von Schluchzen zusammengeschnürt, und sie konnte nicht antworten. Anstatt dessen streifte sie die glimmenden Ringe und Armspangen ab und reichte sie mit abgewandtem Antlitz dem Könige hin.

Der König dachte bloß, wie wenig all dies der frommen Königstochter glich, von der Hjalte gesprochen. Ist das Hjaltes Ingegerd, die hier zu meinen Füßen schluchzt? dachte er.

Er beugte sich hinab und faßte Astrid an den Schultern. »Wer bist du, wer bist du?« sagte er und schüttelte ihren Arm. »Ich sehe, daß du nicht Ingegerd bist. Wer bist du?«

Noch immer schluchzte Astrid so, daß sie nicht antworten konnte. Aber um dem König Klarheit über das zu geben, was er zu wissen verlangte, ließ sie ihr langes Haar herab und schlang eine Locke davon um ihre Arme, streckte sie gegen den König aus und saß dann wartend da mit gebeugtem Rücken und gesenktem Haupte.

Der König dachte: Sie will bekennen, daß sie eine von denen ist, die Fesseln tragen. Sie will mir sagen, daß sie eine Magd ist.

Wieder kam eine Eingebung über König Olaf, die ihn den Zusammenhang begreifen ließ.

»Hat nicht der Sveakönig eine Tochter, die das Kind einer Magd ist?« fragte er plötzlich.

Er hörte kein Wort von Astrid, nur stets zunehmendes Wimmern.

»Hat der Sveakönig,« fragte nun König Olaf, »mir nicht das Kind seiner Königin gegönnt, sondern das der Magd zu mir geschickt?«

Auch jetzt bekam er keine Antwort, aber er hörte Astrid beben und zähneklappern, wie vor Kälte.

König Olaf tat noch eine Frage: »Hast du, die ich zu meiner Gattin gemacht,« sagte er, »hast du so schimpflichen Sinn, daß man dich dazu gebrauchen kann, die Ehre eines Mannes herabzusetzen? Bist du so niedrig, daß du dich darüber freutest, daß seine Feinde den Betrogenen verlachen würden?«

Astrid hörte an der Stimme des Königs, wie bitter er durch den Schimpf litt, der ihm zugefügt war. Sie vergaß darüber ihr eigenes Leid und hörte auf zu weinen: »Nimm mein Leben,« sagte sie.

Und König Olaf empfand eine schwere Versuchung. Stich die elende Magd tot, sagte der alte, sündige Mensch in ihm. Zeige dem Sveakönig, was es kostet, mit Norwegens König seinen Spott zu treiben!

Olaf Haraldson fühlte in diesem Augenblicke keine Liebe zu Astrid. Er haßte sie, weil sie ein Werkzeug seiner Demütigung war. Er wußte, daß alle ihn loben würden, wenn er Böses mit Bösem vergalt. Aber wenn er die Beleidigung nicht bestrafte, dann würden die Skalden ihn zum Gespött machen und seine Feinde aufhören, ihn zu fürchten.

Er hatte nur eine Sehnsucht: Astrid niederzustoßen, ihr Leben auszulöschen. Sein Zorn war ein solcher, daß er Blut begehrte.

Wenn nun ein Narr gewagt hätte zu kommen und ihm seine Schellenkappe aufs Haupt zu drücken, würde er sie dann nicht in Stücke reißen, sie auf den Boden schleudern und sie zertreten?

Wenn er Astrid als blutige Leiche auf ihr Schiff legte und sie ihrem Vater zurücksandte, würde man dann nicht von König Olaf sagen daß er ein würdiger Sprosse des großen Königs Harald Hårfager war?

Aber König Olaf hielt noch sein Schwert in der Hand, und unter seinen Fingern fühlte er den Griff, in dessen Gold er einmal hatte einritzen lassen: »Selig sind die Friedfertigen! Selig sind die Demütigen! Selig sind die Barmherzigen!« Und jedesmal, wenn er in der Angst der Stunde das Schwert hart umklammerte, um Astrid niederzustoßen, fühlte er diese Worte unter seiner Hand. Er glaubte jeden Buchstaben zu spüren.

Er entsann sich des Tages, an dem er zum ersten Male diese Worte gehört. »Dies soll mit goldenen Buchstaben auf dem Griff meines Schwertes stehen,« hatte er gesagt, »so daß die Worte die Hand brennen mögen, wenn ich mein Schwert mit heftigem Mute führen will oder für eine ungerechte Sache.«

Nun fühlte er, wie der Schwertgriff seine Hand brannte.

König Olaf sagte laut zu sich selbst: »Ehedem bist du vieler Gelüste Diener gewesen. Nun hast du nur einen Herrn, und das ist Gott.«

Mit diesen Worten steckte er das Schwert in die Scheide. Und er begann auf der Brücke auf und ab zu gehen. Astrid lag noch immer in derselben Stellung. König Olaf sah, wie sie sich in Todesfurcht zusammenduckte, jedesmal, wenn er an ihr vorbeiging.

»Ich werde dich nicht töten,« sagte er zu Astrid, aber seine Stimme klang hart vor Haß.

Noch eine Weile ging König Olaf auf der Brücke auf und nieder. Dann kam er auf Astrid zu und fragte mit derselben harten Stimme nach ihrem wirklichen Namen, und darauf konnte sie antworten.

König Olaf sah nun, wie dieses Weib, das er am höchsten geschätzt, auf der Brücke lag, wie ein zu schanden geschossenes Tier. Er sah auf sie herab, so wie eines toten Mannes Geist in Mitleid auf den armen Leib herabsieht, der ihn früher beherbergte.

»O, du meine Seele,« sagte König Olaf, »dahier hast du gewohnt in deiner Liebe, nun bist du so heimatlos, wie ein Bettler.«

Er kam Astrid näher und sprach, als hätte diese kein Leben mehr und könnte das nicht hören, was er sagte.

»Man hatte mir gesagt, daß es eine Königstochter gab, deren Herz so hoch und heilig war, daß sie jeglichem Frieden schenkte, der in ihre Nähe kam. Man hatte mit mir von ihrer Sanftmut gesprochen, die eine solche war, daß der, welcher ihrer ansichtig wurde, sich geborgen fühlte wie ein schutzloses Kind bei seiner Mutter. Und als dieses schöne Weib, das nun hier liegt, zu mir kam, da glaubte ich, sie wäre Ingegerd und sie wurde mir sehr teuer. Sie war hold und fröhlich, und sie machte meine schweren Stunden leicht, wenn sie auch zuweilen so sprach und handelte, daß es mich bei der stolzen Ingegerd wunder nahm, war sie mir doch allzu teuer, als daß ich an ihr hätte zweifeln können. Sie schlich sich in meinen Sinn mit ihrer Freude und mit ihrer Schönheit.«

Er schwieg eine Weile und dachte daran, wie lieb Astrid ihm gewesen und wie mit ihr das Glück in sein Haus gezogen.

»Ich könnte ihr verzeihen,« sagte er dann laut. »Ich könnte sie wieder zu meiner Königin machen, ich könnte sie in Liebe auf meinen Armen emporheben, aber das darf ich nicht tun, denn meine Seele würde doch heimatlos bleiben.« »O, du schönes Weib,« sagte er, »warum ist die Lüge in dir eingenistet? Bei dir keine Sicherheit, keine Traulichkeit!«

Er wäre noch länger mit seinen Klagen fortgefahren, aber nun erhob sich Astrid. »König Olaf, sprich nicht so zu mir,« sagte sie. »Ich will lieber sterben. Vergiß nicht, daß dies mein Ernst ist.«

Darauf versuchte sie einige Worte zu sagen, um sich zu entschuldigen. Sie sagte ihm, wie sie nach Kungahälla gefahren, nicht in der Absicht, ihn zu betrügen, sondern um ein paar Wochen hindurch Fürstin zu sein, um bedient zu werden, um auf dem Meere zu segeln. Aber sie gedachte zu gestehen, wer sie war, sobald sie Kungahälla erreicht hatte. Dort erwartete sie, Hjalte zu finden und andere Mannen, die Ingegerd kannten. Es fiel ihr nicht ein, daß sie würde heucheln können, nachdem sie hingekommen war. Aber wie durch eine böse Macht waren alle fort, die Ingegerd kannten, und da war sie zur Lüge verlockt worden. »Als ich dich sah, König Olaf,« sagte sie, »vergaß ich alles andere, um dein zu werden. Und ich dachte, daß ich mich mit Freuden töten lassen wollte, wenn ich nur für einen Tag dein Weib gewesen war.«

König Olaf antwortete ihr: »Wohl verstehe ich, daß das ein Spiel für dich bedeutete, was für mich todesschwerer Ernst war. Nie hast du bedacht, was es war, zu kommen und zu einem Manne zu sagen: Ich bin die, die du am heißesten begehrt. Ich bin die hochgeborene Jungfrau, die zu gewinnen der größte Ruhm ist. – Und nun bist du nicht dieses Weib, du bist eine lügenhafte Magd.«

»Ich habe dich lieb gehabt, seit ich deinen Namen nennen hörte,« sagte Astrid stille.

Der König ballte seine Hand ingrimmig gegen sie. »Wisse es, Astrid, nach Ingegerd habe ich mich gesehnt, so wie kein Mann sich nach einem Weibe sehnte. An ihr wollte ich mich festhalten, so wie die Seele des Toten an den tragenden Engeln, um emporzusteigen. Ich glaubte, sie sei so fromm, daß sie mir helfen würde, ein schuldfreies Leben zu leben.«

Und er brach in wilde Sehnsucht aus, und er sprach davon, daß er nach der Gewalt schmachtete, die die Heiligen des Herrn besaßen, aber daß er zu schwach und zu sündig war, um die Vollkommenheit zu erreichen. »Aber die Königstochter würde mir geholfen haben,« sagte er, »sie, die heilig Holde würde mir geholfen haben.«

»O Gott,« sagte er, »wohin ich mich auch wende, sehe ich Sünder, wo ich gehe, begegne ich solchen, die mich zur Sünde verlocken. Warum ließest du nicht die Königstochter kommen, die keinen bösen Gedanken in ihrem Herzen trägt? Ihre milden Augen hätten den rechten Weg für mich erspäht. Sowie ich gegen dein Gebot hätte handeln wollen, würde ihre milde Hand mich zurückgehalten haben.«

Eine tiefe Ohnmacht und die Müdigkeit der Verzweiflung senkte sich über Olaf Haraldson. »Das war es, worauf ich gehofft hatte,« sagte er, »einen guten Menschen an meiner Seite zu haben. Nicht beständig einsam unter Wildheit und Arglist zu wandern! Nun fühle ich, daß ich unterliegen werde. Ich vermag es nicht länger zu streiten.«

»Habe ich nicht Gott gefragt,« rief er aus, »welchen Platz ich vor ihm habe? Wozu hast du, Herr der Seelen, mich erkoren? Ist es mir beschieden, der Apostel und Märtyrer Gleichen zu werden?«

»Aber nun, Astrid, brauche ich nicht mehr zu fragen. Gott hat mir nicht die Frau schenken wollen, die mir beistehen sollte auf meiner Wanderung. Nun weiß ich, daß ich niemals die Heiligenkrone erringen werde.«

Und der König schwieg in trostloser Verzweiflung.

Da trat Astrid näher zu ihm heran.

»König Olaf,« sagte sie, »das, was du nun sagst, haben mir sowohl die Prinzessin wie Hjalte schon längst gesagt, aber ich wollte nicht glauben, daß du etwas anderes seist als ein guter, tapferer Held und ein edler König. Erst seit ich in diesen Wochen unter deinem Dache gelebt habe, hat meine Seele angefangen, dich zu fürchten. Ich habe gefühlt, daß es schlimmer ist als der Tod, mit einer Lüge auf der Zunge vor dich hinzutreten.«

»Nie hat etwas mich so erschreckt,« fuhr Astrid fort, »als da ich begriff, daß du ein Heiliger bist, als ich dich die Späne in deiner Hand verbrennen sah, als ich gewahrte, daß die Krankheit auf dein Geheiß floh und daß das Schwert aus deines Feindes Hand fiel, sowie er dir gegenübertrat. Es hat mich zu Tode erschreckt, daß du ein heiliger Mann bist. Und ich beschloß zu sterben, bevor du wußtest, daß ich dich betrogen.«

König Olaf antwortete nicht. Astrid sah zu ihm auf. Seine Augen waren zum Himmel gewendet. Sie wußte nicht, ob er sie hörte.

»O, diesen Augenblick, den wir nun erleben,« sagte sie, »den habe ich gefürchtet, jeden Tag und jede Stunde, seit ich herkam. Lieber wollte ich sterben, als ihn erleben.«

Noch immer schwieg Olaf Haraldson.

»König Olaf,« sagte sie, »ich wollte etwas für dich tun, dir mein Leben geben. Ich wollte mich in den grauen Ülf stürzen, auf daß du keine Lügnerin an deiner Seite haben mögest. Je mehr ich von deiner Heiligkeit sah, desto deutlicher erkannte ich, daß ich von dir gehen mußte. Ein Heiliger Gottes konnte keine lügnerische Magd zum Weibe haben.«

Noch immer schwieg der König, aber nun erhob Astrid die Augen zu seinem Angesicht und sie rief:

»König Olaf, dein Antlitz strahlt!«

Während Astrid sprach, war es König Olaf, als wären seine Augen einer Erscheinung geöffnet.

Alle Sterne des Firmamentes sah er ihre Plätze verlassen und um den Himmel fliegen, wie schwärmende Bienen. Aber plötzlich hatten sie sich alle über seinem Haupte vereint und eine glanzumflossene Krone gebildet.

»Astrid,« sagte er mit bebender Stimme. »Gott hat zu mir gesprochen. Es ist so wie du sagst. Ich soll Gottes Heiliger werden.«

Seine Stimme zitterte vor Rührung und sein Antlitz leuchtete in die Nacht.

Aber als Astrid das Licht sah, das sein Haupt umstrahlte, erhob sie sich. Die letzte Hoffnung war für sie erloschen.

»Nun will ich gehen,« sagte sie. »Nun weißt du, wer du bist, niemals kannst du mich mehr an deiner Seite dulden. Aber denke meiner in Milde. Ohne Glück und Freude lebte ich all mein Leben. Denke, ich bin geschlagen worden, ich bin in Lumpen gegangen. Verzeih mir, wenn ich fort bin. Meine Liebe hat dir nicht geschadet!«

Als Astrid in schwerer Verzweiflung über die Brücke fortschritt, erwachte Olaf Haraldson aus seiner Verzückung. Er eilte ihr nach.

»Warum willst du gehen?« sagte er. »Warum willst du gehen?«

»Muß ich nicht gehen, jetzt, wo du ein Heiliger bist?« flüsterte sie kaum hörbar.

»Nimmer sollst du um dessentwillen gehen, gerade jetzt dünkt es mich, daß du bleiben kannst,« sagte König Olaf. »Ein geringer Mann war ich zuvor und mußte zittern vor allem Bösen. Ein armer, irdischer König war ich, zu arm, um dir meine Gnade zu schenken. Doch nun ist mir des Himmels Kraft gegeben. Wenn du schwach bist, so bin ich stark durch den Herrn. Wenn du fällst, so kann ich dich aufrichten. Gott wird mich schirmen, Astrid, du kannst mir nicht schaden, aber ich kann dir beistehen. – Ach, wie ich spreche! In dieser Stunde hat Gott so überreich seine Liebe in mein Herz ergossen, daß ich nicht weiß, ob du gefehlt hast.«

Und in großer Milde hob er die bebende Gestalt empor, und sie, die noch immer schluchzte und sich kaum aufrecht halten konnte, zärtlich stützend, kehrte er mit Astrid zurück in den Königshof.

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