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Die Königinnen von Kungahälla

Selma Lagerlöf: Die Königinnen von Kungahälla - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDie Königinnen von Kungahälla
printrunZweite Auflage
publisherAlbert Langen Verlag
year1904
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Waldkönigin

Markus Antonius Poppius war ein angesehener römischer Kaufmann. Er trieb Handel mit entlegenen Ländern, und vom Hafen in Ostia sandte er wohlausgerüstete Dreiriemer nach Spanien, nach Britannien und auch nach Germaniens Nordküste. Das Glück war ihm günstig, und er sammelte unermeßliche Reichtümer, die er sich freute, seinem einzigen Sohne als Erbteil hinterlassen zu können. Leider hatte dieser Sohn nicht seines Vaters Tüchtigkeit geerbt. Ach, die ganze Welt kennt solche Verhältnisse! Eines reichen Mannes einziger Sohn! Braucht man mehr zu sagen? Es ist stets dasselbe gewesen.

Man könnte glauben, daß die Götter den reichen Männern diese unleidlichen Faulenzer, diese stumpfen, blassen, müden Toren zu Söhnen geben, um den Menschen zu zeigen, welche grenzenlose Narretei es ist, Reichtümer anzusammeln. Wann werden die Menschen ihre Augen öffnen? Wann werden sie anfangen, die Lehren der Götter zu beherzigen?

Der junge Silvius Antonius Poppius war im Alter von zwanzig Jahren so weit, daß er alle Genüsse des Lebens erprobt hatte. Er gab auch gerne zu verstehen, daß er ihrer aller müde war, aber dessenungeachtet merkte man kein Erkalten in dem Eifer, mit dem er ihnen nachjagte. Im Gegenteil wurde er ganz verzweifelt, als ein hartnäckiges wunderliches Mißgeschick, das auf einmal anfing ihn zu verfolgen, störend in sein Genußleben eingriff. Seine numidischen Pferde wurden lahm am Tage vor dem vornehmsten Wettfahren des Jahres, seine unerlaubten Liebesverbindungen wurden entdeckt, sein geschicktester Koch starb am Sumpffieber. Dies war mehr als genug, um eine Sinnesstärke zu brechen, die sich nicht in Mühen und Anstrengung gestählt hatte. Der junge Poppius fühlte sich so unglücklich, daß er beschloß, sich des Lebens zu berauben. Er schien zu glauben, daß er in keiner wirksameren Weise jene Götter des Mißgeschickes prellen konnte, die ihn verfolgten und ihm das Leben zur Qual machten.

Es gibt Unglückliche, die Hand an sich legen, um den Verfolgungen der Menschen zu entfliehen, doch nur ein Tor wie Silvius Antonius kann sich eines solchen Auswegs bedienen wollen, um den Göttern zu entfliehen. Dies läßt einen an die berühmte Erzählung von dem Manne denken, der vor dem Löwen floh und gerade in seinen aufgerissenen Rachen sprang. Der junge Poppius war allzu weich gesinnt, um einen blutigen Tod zu wählen. Ebensowenig sagte es ihm zu, durch ein qualvolles Gift zu sterben. Nach reiflicher Überlegung beschloß er den sanften Tod in den Wellen. Aber als er hinab zum Tiber kam, um sich zu ertränken, konnte er sich nicht überwinden, seinen Körper dem schmutzigen, schwer dahingleitenden Flußwasser anzuvertrauen. Eine gute Weile stand er unentschlossen und starrte in den Strom. Da ward er von der Zaubermacht ergriffen, die über den Flüssen liegt und träumt. Er empfand das große heilige Sehnen, das diese unruhigen Wanderer der Natur beseelt, er wollte das Meer sehen.

»Ich will in einem klarblauen Meer sterben, das bis hinab zu seinem Grunde von Sonnenlicht durchrieselt wird«, sagte Silvius Antonius. »Mein Leib soll auf einem roten Bett von Korallen ruhen. Die Schaumwellen, die ich emporjage, wenn ich in die Tiefe versinke, sollen schneeweiß und frisch sein, sie sollen nicht den rußbefleckten Schaumblasen gleichen, die hier am Flußrande stehen und zittern.«

Er eilte sogleich heim, ließ einspannen und fuhr hinaus nach Ostia. Er wußte, daß eines von seines Vaters Schiffen segelfertig im Hafen liegen würde. Der junge Poppius trieb seine Pferde zur äußersten Eile an, und es glückte ihm, an Bord zu kommen, gerade als die Anker gelichtet wurden. Es ist leicht zu begreifen, daß er keinerlei Gepäck oder Ausrüstung zu brauchen vermeinte. Er ließ es sich nicht einmal beifallen, den Schiffer zu fragen, wohin er steuerte. Es ging ja auf alle Fälle hinaus ins Meer, und das war genug für ihn.

Es währte auch nicht lange, so erreichte der junge Selbstmörder das, was er wünschte. Der Dreiriemer hatte die Tibermündung hinter sich gelassen, und das Mittelmeer breitete sich vor Silvius Antonius aus, blau, schaumglitzernd und sonnenbeglänzt. Das Meer war so, daß es Silvius Antonius der Behauptung der Poeten Glauben schenken ließ, das wallende Wasser sei nur eine dünne Hülle, die die schönste Welt verberge. Er mußte ihren Worten glauben, daß der, der mutig die Wasserdecke durchdringt, sogleich das Perlenschloß des Meeresgottes erreicht. Der junge Mann beglückwünschte sich, diese Todesart gewählt zu haben. Eigentlich konnte man es nicht so nennen, es war unmöglich zu glauben, daß dieses schöne Wasser töten konnte. Es war nur ein Weg in eine Welt, deren Genüsse nicht trügerisch sein und nicht nur Müdigkeit und Ekel hinterlassen würden.

Mit Mühe nur konnte er seinen Eifer zügeln. Doch das Verdeck rings um ihn war von Seeleuten erfüllt. Selbst Silvius Antonius konnte einsehen, daß, wenn er jetzt ins Meer sprang, die Folge ganz einfach die sein mußte, daß einer von seines Vaters hurtigen Seeleuten sich ins Wasser stürzte und ihn auffischte.

Inzwischen kam der Schiffer, nachdem die Segel gehißt und die Ruderer recht in Fahrt gekommen waren, mit der größten Höflichkeit auf ihn zu.

»Du willst mir also nach Germanien folgen, mein Silvius,« sagte er. »Du erweisest mir eine große Ehre.«

Der junge Poppius erinnerte sich mit einem Male, daß dieser Mann nie von einer Reise heimgekehrt war, ohne ihm als Angebinde irgend einen seltenen Gegenstand aus den Barbarenländern mitzubringen, die er besucht. Er hatte ihm Holzstücke gegeben, aus denen die Wilden Feuer hervorlocken konnten, große Ochsenhörner, die sie als Trinkgefäße benutzt hatten, und ein Halsband aus Bärenzähnen, das eines großen Häuptlings Vorrechtszeichen gewesen war.

Dieser prächtige Mann strahlte vor Befriedigung darüber, seines Herrn Sohn an Bord seines Schiffes zu haben. Er sah es als einen neuen Beweis der Klugheit des alten Poppius an, daß er den Sohn in entlegene Länder sandte und ihn nicht länger unter den trägen jungen Männern umhergehen und Weichlichkeit lernen ließ.

Der junge Poppius riß ihn nicht aus seinem Irrtum. Er fürchtete, daß der Schiffer sogleich mit ihm umkehren würde, wenn er etwas von seiner Absicht verriet.

»Wahrlich, Galenas,« sagte er, »wollte ich dich nur zu gerne auf dieser Reise begleiten; allein ich fürchte, daß ich dich bitten muß, mich in Bajae ans Land zu setzen. Ich habe meinen Entschluß zu spät gefaßt. Hier siehst du mich ohne Gepäck, ohne Geld.«

Aber Galenas beteuerte ihm, daß er um eines so leicht abzuhelfenden Mangels willen nicht von der Reise abzustehen brauche. Befand er sich nicht auf seines Vaters wohlausgerüstetem Schiff? Er brauchte weder warme pelzgefütterte Kleider zu entbehren, wenn das Wetter rauh wurde, noch leichte Gewänder aus syrischen Geweben, so wie Seeleute sie anzulegen pflegen, wenn sie bei gutem Wetter in irgend einem freundlichen Archipel kreuzen.

*

Drei Monate nach der Abfahrt von Ostia ruderte Galenas' Dreiriemer durch eine felsige Inselgruppe. Weder der Schiffer noch irgend jemand aus der Mannschaft wußte genau, wo sie sich befanden, aber sie waren froh, für eine Weile vor den Stürmen geschützt zu sein, die draußen auf dem offenen Meere rasten.

Man hätte wirklich glauben können, Silvius Antonius habe recht mit seiner Behauptung, daß eine Gottheit ihn verfolge. Niemand auf dem Schiffe hatte je eine solche Reise erlebt. Die unglücklichen Seeleute sagten einander, daß sie nicht zwei Tage lang schönes Wetter gehabt, seit sie Ostia verlassen hatten. Der eine Sturm hatte den andern gejagt. Unglaublichen Leiden hatten sie sich unterwerfen müssen. Hunger und Durst hatte sie gequält, während sie Tag und Nacht, ermattet und beinahe krank vor Schlaflust, Ruder und Segel hatten bedienen müssen.

Es erhöhte den Mißmut der Seeleute, daß sie keinen Handel treiben konnten. Wie hätten sie einer Küste nahen sollen, um ihre Waren auf dem Strande auszubreiten und Tauschgeschäfte abzuschließen, bei solchem Wetter! Im Gegenteil, sowie sie eine Küste aus dem hartnäckigen, regenschweren Nebel, der sie umgab, auftauchen sahen, hatten sie hinaus ins Meer steuern müssen, aus Furcht vor ihren schaumumsprühten Klippen. Eines Nachts, als sie auf einer Schäre aufgelaufen waren, hatten sie die halbe Ladung ins Meer werfen müssen. Und an die andere Hälfte wagten sie kaum zu denken; denn war es nicht zu befürchten, daß auch sie gänzlich verdorben sein würde, nach all den Sturzwellen, die das Schiff überflutet hatten?

Aber wenn Galenas und seine Männer gewußt hätten, warum der junge Poppius an Bord gekommen war, würden sie es ganz gewiß bitter beklagt haben, daß er seine Absicht nicht ausführte; denn sie waren alle überzeugt, daß es seine Anwesenheit sei, die dieses Mißgeschick verschuldet hatte. In mancher dunklen Nacht hatte Galenas gefürchtet, die Seeleute würden sich auf den Sohn des Reeders stürzen und ihn ins Meer werfen. Mehr als einer von ihnen erzählte, daß er in den schauerlichen Sturmnächten dunkle Hände gesehen, die sich aus dem Wasser emporreckten und nach dem Schiffe griffen. Und man glaubte kein Loos unter der Schiffsmannschaft werfen zu müssen, um den zu finden, den diese Hände hinab in die Tiefe reißen wollten. Sowohl der Schiffer als die Mannschaft erwiesen Silvius Antonius die große Ehre, zu glauben, daß um seinetwillen all diese Stürme die Luft durchbrausten und das Meer aufpeitschten.

Wenn Silvius Antonius sich in dieser Zeit wie ein Mann betragen, wenn er seinen Teil an der Arbeit und dem Nachdenken auf sich genommen hätte, würde vielleicht einer seiner Begleiter Mitleid für ihn gefaßt haben, als für einen Unglücklichen, der sich den Zorn der Götter zugezogen. Aber der junge Mann hatte es nicht verstanden, ihr Mitgefühl zu erwerben. Er hatte an nichts anderes gedacht, als sich gegen den Wind zu schützen und Pelzwerk und Decken aus der Ladung hervorzusuchen, um sich vor der Kälte zu bewahren.

Doch für den Augenblick waren alle Klagen über seine Gegenwart verstummt. Sowie es dem Sturm gelungen war, den Dreiriemer in die erwähnte Inselgruppe zu treiben, hatte er aufgehört zu rasen. Er betrug sich wie ein Schäferhund, der verstummt und sich Stille hält, sowie er die Herde auf dem rechten Weg heim zum Stalle sieht. Die schweren Wolken rollten vom Himmel fort. Die Sonne schien. Zum erstenmal auf dieser Reise fühlte die Schiffsmannschaft, wie sich das Wohlbehagen des Sommers über die Natur breitete.

Auf diese sturmgejagten Männer wirkte der Sonnenschein und die Wärme fast wie ein Rausch. Anstatt sich nach Ruhe und Schlaf zu sehnen, fühlten sie sich munter wie morgenfrohe Kinder. Die Hoffnung loderte aufs neue in ihnen empor. Sie vermuteten, daß sie ein großes Festland hinter dieser Menge von felsigen Schären finden würden. Sie erwarteten, Menschen zu finden, und, wer konnte wissen! An dieser fremden Küste, die vielleicht noch nie zuvor ein römisches Schiff besucht hatte, würden ihre Waren höchstwahrscheinlich guten Absatz finden. Es würde ihnen vielleicht doch zum Schlusse glücken, einen vorteilhaften Tauschhandel abzuschließen, die Schiffsräume mit großen Häuten von Bären und Elentieren zu füllen, mit großen Mengen von weißem Wachs und goldschimmerndem Bernstein.

Während der Dreiriemer fortfuhr, sich seinen Weg durch die Schären zu suchen, die immer höher wurden und immer reicher an saftigem Grün und Wald, eilte man ihn zu schmücken, auf daß er die Blicke der Barbaren auf sich ziehe. Das Schiff, schon ohne alle Zieraten das schönste aller Menschenwerke, lag bald auf den Wellen, an Fracht mit dem herrlichstbefiederten Vogel wetteifernd. Eben erst sturmgetrieben und verheert, trug es nun auf seinem Maste eine goldene Spitze und herrliche purpurgeränderte Segel. Im Kiel erhob sich ein strahlendes Neptunbild, und im Hintersteven ein Zelt aus vielfarbigen seidenen Tüchern. Und man darf nicht glauben, daß die Seeleute es verabsäumten, die Schiffseiten mit Teppichen zu behängen, deren Fransen auf dem Wasser schleiften, oder die schweren Ruder mit Goldbändern zu umwinden.

Auch behielt das Schiffsvolk nicht die salzgetränkten Kleider an, die es während der Reise getragen, und die in Lumpen zu verwandeln, das Meerwasser und die Stürme ihr Bestes getan. Sie warfen sich in weiße Gewänder, schlangen Purpurschärpen um den Leib und drückten sich blinkende Ringe ins Haar. Selbst Silvius Antonius raffte sich aus seiner Dumpfheit auf. Er sah aus, als ob er sich freute, daß er nun endlich etwas zu tun bekam, worauf er sich verstand. Es ließ sein Haupthaar scheren und seinen ganzen Körper mit duftenden Essenzen einreiben. Dann warf er ein bis zum Boden reichendes Gewand um, befestigte einen Mantel auf seinen Schultern, drückte sich einen breiten Goldreif ins Haar, und aus dem großen Schmuckschrein, den Galenas für ihn öffnete, entnahm er Ringe und Armbänder, eine Halskette und einen goldenen Gürtel. Als er fertig gekleidet war, rollte er die Purpurgardinen des Seidenzeltes zurück und legte sich auf ein niedriges Ruhebett in der Zeltöffnung, um von den Bewohnern der Ufer gesehen zu werden.

Während dieser Zurüstungen war das Schiff durch einen immer engeren und engeren Sund geglitten, und endlich merkten die Seeleute, daß sie in die Mündung eines Flusses geraten waren. Man segelte in Süßwasser. Das Festland breitete sich zu beiden Zeiten des Schiffes aus.

Der Dreiriemer glitt langsam auf dem glitzernden Ülf dahin. Das Wetter war das herrlichste, die ganze Natur strahlend ruhig. Aber wie lieblich ward nicht die große Einsamkeit durch das prachtvolle Kauffahrteischiff belebt!

Auf beiden Ufern des Flusses wuchs hoher, dichter Urwald. Die dunklen Nadelbäume standen bis zum Wasser hinabgedrängt. In seinem ewigen Lauf war es dem Ülf gelungen, die Erde zwischen ihren Wurzeln zu entführen, und noch mehr als durch den Anblick der uralten Bäume wurden die Seeleute durch die nackten Wurzeln, die Riesengliedern ähnelten, ehrfürchtig gestimmt. Hier, dachten sie, wird es dem Menschen niemals glücken, Saat zu bauen, nie wird hier Raum für eine Stadt oder auch nur für ein Landgut bereitet werden können. In meilenweitem Umkreise ist ja der Boden von diesem Netzwerk stahlharter Wurzeln durchwoben. Dies allein ist genug, um des Waldes Macht ewig, unveränderlich zu gestalten.

Den Fluß entlang standen die Bäume so dicht und ihr Astwerk war so ineinander verflochten, daß es feste und undurchdringliche Mauern bildete. Diese Mauern von stechenden Nadeln waren so stark und hoch, daß keine befestigte Stadt sich eine gewaltigere Verschanzung hätte wünschen können.

Aber hier und dort fand sich doch eine Öffnung in der Nadelmauer. Das waren die Mündungen der Pfade, auf denen die Tiere hinab zum Ülf zu kommen pflegten, um zu trinken. Durch diese Öffnungen konnten die Fremdlinge einen Blick in den Wald werfen. Nie hatten sie etwas Ähnliches gesehen. In sonnenloser Dämmerung wuchsen Bäume, deren Stämme mächtiger waren als die Türme an Roms Pforten. Da war ein Gewühl von Bäumen, die miteinander um Luft stritten. Bäume drängten sich und kämpften, Bäume verkümmerten und wurden von anderen Bäumen zu Boden gebeugt. Bäume wurzelten in anderer Bäume Ästen. Bäume stritten und wetteiferten, als wären es Menschen.

Aber wenn Tiere oder Menschen in dieser Baumwelt ihr Wesen trieben, dann mußten sie andere Weisen besitzen, vorzudringen, als die Römer kannten; denn vom Boden bis hinauf zu den Wipfeln war der ganze Wald ein Netzwerk von steifen, starren Zweigen. Von diesen Zweigen flatterten ellenlange Zipfel grauer Moosflechten herab, die die Bäume in Zauberriesen mit Haar und Bart verwandelten. Aber unter ihnen war der Waldboden mit modernden Stämmen bedeckt, und der Fuß wäre in dem vermorschenden Holz eingesunken wie in schmelzendem Schnee.

Aus dem Walde heraus drang ein Duft, den alle auf dem Schiffe als etwas hold Betäubendes empfanden. Es war der starke Duft von Harz und wildem Honig, der sich mit dem moderigen Geruch von faulenden Stämmen und roten und gelben Riesenpilzen vermischte.

Ohne Zweifel lag in alledem etwas Erschreckendes, aber es war auch erhebend, der Natur in ihrer ganzen Macht zu begegnen, ehe noch Menschen in ihre Gewalt eingegriffen hatten. Es währte nicht lange, so begann einer der Seeleute eine Hymne an den Waldesgott zu summen, und unwillkürlich fiel alle Mannschaft mit demselben Sange ein. Es war nicht mehr so, daß sie erwarteten, Menschen in dieser Waldwelt zu finden. Ihre Herzen wurden von frommen Gedanken aufgelöst, sie dachten an den Waldesgott und seine Nymphen. Sie sagten sich, daß Pan, aus Hellas' Wäldern verscheucht, in den äußersten Norden geflohen war. Mit frommen Gesängen zogen sie in sein Reich ein.

Während jeder Pause im Gesang hörten sie eine stille Musik im Walde. Die Nadeln hoch oben in den Baumwipfeln, die in der Mittagshitze zitterten, spielten und sangen. Immer häufiger hielten die Seeleute im Gesange inne, um zu horchen, ob nicht auch Pans Flöte bald erklingen wollte. Immer langsamer wurde das Schiff von den Rudern dahingetrieben. Die Seeleute spähten hinab ins Wasser, das goldgrün und schwarzviolett unter den Tannen floß. Sie spähten in das hohe Schilf, dessen Blätter in der Strömung bebten und raschelten. Es war eine solche Erwartung über ihnen, daß sie beim Anblick einer irrenden Libelle zusammenzuckten, beim Anblick der weißen Wasserrosen, die in dem schönen Dunkel tief zwischen den Schilfhalmen leuchteten. Und wieder ertönte der Sang: »Pan, du, des Waldes Beherrscher!«

Sie hatten jeden Gedanken an Kauf und Handel aufgegeben. Sie fühlten, daß sie an der Pforte zu den Wohnstätten der Götter standen. Alle irdische Sorge war von ihnen gewichen.

Da mit einem Male an der Mündung einer dieser Tierpfade –

Da stand ein Elenn, ein königliches Tier mit breiter Stirn und einem Wald von Geweihenden.

Auf dem Dreiriemer entstand atemloses Schweigen. Die Ruder, gegen das Wasser gespannt, hemmten die Fahrt, Silvius Antonius erhob sich von seinem Purpurbett.

Aller Augen waren auf den Elennhirsch gerichtet. Man glaubte etwas zu gewahren, das er auf seinem Rücken trug, doch das Waldesdunkel und die herabhängenden Zweige machten es unmöglich, deutlich zu sehen.

Das gewaltige Elenn stand lange und witterte mit erhobener Schnauze gegen den Dreiriemer. Endlich schien er einzusehen, daß es kein feindlicher Gegenstand war, er machte einen Schritt hinab ins Wasser. Noch einen. Hinter den breiten Hörnern schimmerte immer deutlicher etwas Helles, Rosiges hervor. Trug vielleicht das Elenn auf seinem Rücken eine ganze Ernte von wilden Rosen?

Die Schiffsmannschaft machte einige vorsichtige Bewegungen mit den Rudern. Der Dreiriemer kam dem Tiere entgegen. Er glitt gleichsam wie von selbst immer näher an die Schilfkante heran.

Der Elennhirsch schritt sachte hinaus ins Wasser, setzte behutsam den Fuß auf, um nicht in den Wurzeln am Grunde des Ülfs hängen zu bleiben.

Nun sah man deutlich über den Hörnern ein Mädchenantlitz, von hellem Haar umgeben. Der Elenn trug auf seinem Rücken eine jener Nymphen, die man erwartet hatte, die sich naturnotwendig in dieser Urwelt befinden mußten.

Das Volk auf dem Dreiriemer ward von heiliger Verzückung ergriffen. Einer aus ihrer Mitte, der aus Sicilien stammte, entsann sich eines Gesanges, den er in seiner Jugend gesungen, als er auf den blumenreichen Ebenen um Syracusa spielte.

Er begann zu summen.

»Nymphe, Arethusa genannt, Nymphe,
                aus Blumen geboren,
Du, die durch Wälder und Flur wandeltest
                mondscheinweiß.«

Und als die sturmfesten Männer die Worte erfaßten, suchten sie das orkangleiche Brausen ihrer Stimmen zu dämpfen, um zu singen:

»Nymphe, Arethusa genannt, Nymphe,
                aus Blumen geboren.«

Man lenkte das Schiff immer näher und näher an die Schilfkante. Man wollte nicht darauf achten, daß es schon ein paar Male auf dem Grunde gescharrt hatte.

Aber das junge Waldwesen saß und spielte verstecken hinter dem Geweih des Elennhirsches. Bald verbarg sie sich, bald lugte sie hervor. Sie hielt das Elenn nicht an, sie trieb es weiter hinaus ins Wasser.

Als das hochbeinige Tier ein paar Ellen vorwärts gekommen war, liebkoste sie es, um es aufzuhalten. Sie beugte sich hinab und riß ein paar Wasserrosen ab. Die Männer auf dem Schiffe sahen einander beschämt an. Die Nymphe war also einzig und allein gekommen, um die weißen Teerosen zu pflücken, die sich auf dem Ülfwasser schaukelten, sie war nicht um der römischen Seeleute willen gekommen.

Da zog Silvius Antonius einen Ring vom Finger, stieß einen Ruf aus, der die Nymphe aufblicken ließ und warf ihr den Ring zu.

Sie streckte die Hand vor und fing ihn auf. Ihre Augen begannen zu glänzen. Sie streckte die Hand nach mehr aus. Silvius Antonius warf noch einen Ring. Sie warf mit einem Male die Wasserrosen zurück in den Fluß und trieb den Elennhirsch weiter hinaus ins Wasser. Zuweilen hielt sie ihn, da kam ein Ring von Silvius Antonius und lockte sie vorwärts.

Plötzlich wich alles Zaudern von ihr. Die Farbe auf ihren Wangen stieg. Sie kam dem Schiffe näher, ohne daß man sie zu locken brauchte. Das Elenn ging bis zum Buge im Wasser, sie kam ganz unter den Schiffsbord.

Und da beugten sich die Seeleute über die Brüstung, um der schönen Nymphe an Bord zu helfen, für den Fall, daß sie das Verdeck des Dreiriemers besteigen wollte.

Doch sie sah keinen anderen als Silvius Antonius, der ringgeziert und perlgeschmückt dastand, prächtig wie ein Sonnenaufgang. Und als der junge Römer merkte, daß die Augen der Nymphe auf ihn gewandt waren, beugte er sich weiter vor als jeder andere. Man rief ihm zu, sich zu hüten, nicht festen Fuß zu verlieren und ins Wasser zu stürzen.

Aber diese Warnung war vergeblich. Ungewiß ist es, ob die Nymphe durch einen heftigen Ruck Silvius Antonius an sich zog oder wie es sonst zuging, genug, er war über Bord, ehe jemand daran denken konnte, ihn zu ergreifen.

Doch war keine Gefahr, daß Silvius Antonius ertrank. Die Nymphe streckte ihre rosigen Arme aus und fing ihn auf. Er hatte kaum den Wasserspiegel berührt. Im selben Augenblicke machte ihr Traber kehrt, stürzte durchs Wasser fort und verschwand im Walde. Und laut vernahm man das Lachen der wilden Reiterin, als sie Silvius Antonius entführte.

Galenas und seine Mannen standen einen Augenblick lang schreckgeschlagen. Wie bei einem Unglück zur See warfen etliche die Kleider ab, um ans Land zu schwimmen. Galenas gebot ihnen Halt.

»Zweifelsohne ist dies der Götter Wille«, sagte er. »Um dessentwillen haben sie Silvius Antonius Poppius durch tausend Stürme hin zu diesem unbekannten Lande gejagt. Lasset uns froh sein, daß wir ein Werkzeug ihres Willens waren. Aber lasset uns auch nicht suchen, ihn zu hindern!«

Und die Seeleute nahmen gehorsam ihre Ruder wieder auf und fuhren den Ülf hinan und zu dem taktmäßigen Schlage der Ruder summten sie leise den Sang von Arethusa's Flucht.

*

Wenn man nun diese Erzählung beendet hat, muß ja der Reisende die alte Felsenzeichnung verstehen. Er muß den Elennhirsch mit dem vielverzweigten Geweih sehen können und den Dreiriemer mit den langen Rudern. Man verlangt nicht, daß er Silvius Antonius Poppius sehe und die schöne Urwaldkönigin, denn um sie zu sehen, ist es notwendig, daß man mit den Augen der alten Sagenerzähler sieht.

Und er wird auch verstehen, daß die Felseneinritzung von dem jungen Römer selbst herrührt und daß es sich mit der alten Erzählung ebenso verhält. Silvius Antonius hat sie Wort für Wort seine Nachkommen gelehrt. Er wußte ja, daß es sie freuen würde zu wissen, daß sie von den weltberühmten Römern abstammten.

Aber natürlich braucht der Fremde nicht zu glauben, daß eine von Pans Nymphen an diesem Flußufer gewandelt. Er kann ja begreifen, daß ein wilder Menschenstamm im Urwalde umherzog und daß des großen Elennhirsches Reiterin die Tochter des Königs war, der diese armen Menschen beherrschte. Und daß das Mädchen, als sie Silvius Antonius entführte, nur seinen Schmuck an sich reißen wollte! Und daß sie gar nicht an Silvius Antonius selbst dachte, sie wußte wohl kaum, ob er ein Mensch war wie sie!

Und der Reisende kann ja verstehen, daß Silvius Antonius' Name nicht noch heute an diesen Ufern in Erinnerung wäre, wenn er immer fortgefahren hätte, derselbe Tor zu sein. Er kann hören, wie der junge Römer durch das Unglück und die Not erhoben wurde und daß er, nachdem er der verachtete Sklave der Wilden gewesen, ihr König ward. Er war es, der auf den Urwald mit Feuer und Stahl losging. Er errichtete den ersten festgezimmerten Hof. Er baute Schiffe und säte Saat. Er legte den Grund zu der Herrlichkeit des großen Kungahälla.

Und wenn der Reisende dies hört, wird er mit froheren Blicken über die Fluren sehen, als früher. Denn obgleich der Stadtgrund sich in Felder und Wiesen verwandelt hat, und der Ülf leer an Seglern ist, ist es doch dieser Boden, der ihn Bilder aus dem Verflossenen sehen und ihn die Luft der Träume atmen ließ.

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