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Die Kommune. Band 1

Victor Margueritte: Die Kommune. Band 1 - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorPaul und Viktor Margueritte
titleDie Kommune. Band 1
publisherBuchhandlung »Volksstimme«, Maier & Co.
printrun3.-23. Auflage
year1912
translatorU. Fricke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080120
projectid65cd0945
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II.

»Die Herren vom Komitee haben also ihre famosen Wahlen um drei Tage aufzuschieben geruht?« sprach Du Breuil.

»Die Realisierung von Picards Gesetzvorlage, den 1. April abwarten, pfui!« spottete Herr von Grandpré. Und mit sarkastischer Miene seinen Schnurrbart streichend, setzte er hinzu: »Wenigstens drei Tage gewonnen!« ...

Im Salon des Hotels Grandpré, dessen Vorhänge zugezogen waren, und der von dem Lichte mehrerer Lampen freundlich erhellt wurde, saßen die beiden Männer vor dem Diner einander in ernstem Gespräche gegenüber. Sie freuten sich dieser traulichen Stunde, des lustig knisternden Kaminfeuers und ihrer beginnenden Sympathie. Du Breuil fühlte sich in diesem Hause von einer köstlichen Atmosphäre liebevoller Freundschaft umgeben. Als er gekommen war, um seine Verdauungsvisite zu machen, war er von Frau von Grandpré zurückgehalten worden: »Sie können hier unsere liebe Anina bequemer sehen als im Park, wo Sie – mein kleiner Finger hat es mir verraten – gestern abend mit Herrn Bersheim spazieren gegangen sind ...«

Ein Lichtstrahl fiel auf die vergoldete Ecke eines an der Wand hängenden Landschaftsgemäldes. Du Breuil warf einen heimlichen Blick auf die Tür, des Erscheinens des geliebten Wesens harrend. Fürwahr, hier war gut sein!

»Die Verschiebung der Wahlen«, fuhr Herr von Grandpré fort, »der Widerstand der Bürgermeister gegen das Komitee, überhaupt alles, was die Ereignisse aufzuhalten und Paris zu verhindern vermag, gegen uns zu marschieren, ist ausgezeichnet. Schon gewinnen die Regimenter, in der Hand ihrer Chefs isoliert, besser genährt und anständiger equipiert, Form und Gestalt. Bald werden die Gefangenen aus Deutschland eintreffen und mit den ehemaligen Kadres schnell wieder kriegstüchtige Truppen bilden. Schon blickt Thiers der Möglichkeit eines Überfalls von Versailles durch die Föderierten ruhiger ins Auge. Man spricht nicht mehr von jenem von ihm vollständig ausgearbeiteten Plane, die Nationalversammlung und die Armee in eine im Innern des Landes gelegene Stadt zurückzuführen. Nicht mehr eine Nachhut, sondern eine Vorhut bewacht die Straßen. Mit Geduld und Klugheit die Armee, moralisch wie physisch, neu organisieren, um das aufrührerische Paris wieder einzunehmen, das ist jetzt der einzige Gedanke. Thiers will nichts überhasten. Um diese militärische Erziehung zu vollbringen, wird man einen, zwei, vielleicht drei Monate brauchen. Das Werkzeug muß fest und widerstandsfähig sein.«

»Je solider es ist«, bemerkte Du Breuil, »je weniger wird man vielleicht nötig haben, es zu gebrauchen. Jeder wird sich dann zweimal bedenken. Die Vorstellung eines solchen Krieges kann auch die Gewalttätigsten schaudern machen.«

Herr von Grandpré spann seinen Dithyrambus fort:

»Und in seinem Alter! Er ist wahrhaftig bewundernswert. Das Regieren verjüngt ihn. Von Tagesanbruch auf, immer frisch und rüstig, unaufhörlich mit den Ministern, den Generälen, den Intendanten, den Abgesandten der Provinz in Beratung. Kaum ein kurzes Ausruhen vor dem Diner und wieder bis Mitternacht tätig und auf den Beinen. Er ist es, der jeden Abend die Berichte und Befehle an die Präfekten verfaßt. Eine solche Tatkraft ist geradezu wunderbar. Sie hat doch auch Sie in Erstaunen gesetzt, als er Sie empfing und sich von Ihnen über den Tag von Montmartre berichten ließ, nicht wahr?«

Du Breuil nickte zustimmend. Er sah in dem mit Landkarten bedeckten Kabinett den berühmten Zwerg wieder vor sich mit dem maliziösen Auge hinter den goldgefaßten Brillengläsern, der breiten, faltigen Stirn unter dem dichten weißen Haar. Er hatte sich gewundert, ihn nicht mehr als den großen Staatsmann wiederzufinden, der von der Tribüne herab mit seiner klaren, trockenen Beredsamkeit die Zuhörerschaft beeinflußt hatte, vielmehr als ein eigenwilliges altes Kind, das Napoleon spielte. »Sie haben bei der Artillerie gedient, Herr Major?«... Und in schier unversiegbarem Redefluß hatte er seine Ansichten über die Schußweite der Geschütze zu äußern begonnen, hatte Beispiele aus der Geschichte zitiert, dabei immer wieder auf seine eigenen strategischen Kombinationen zurückkommend... Im Vorzimmer hatten indessen mehrere Generäle gewartet.

Du Breuil hatte im Fortgehen einige ehemalige Chefs gegrüßt und war auf der Treppe dem Marschall Canrobert begegnet, der ihn mit großer Herzlichkeit umarmt hatte. Immer neue Persönlichkeiten trafen ein, Auferstandene von Sedan, aus deutscher Gefangenschaft entlassene Offiziere; sie alle wurden empfangen, und er dachte an die schrille, schwache Stimme, die dort oben endlos perorierte... Thiers hatte ihm in leutseliger Weise einen Platz im Generalstab der neuorganisierten Armee versprochen.

Sie umfaßte vorläufig erst drei Infanterie- und drei Kavalleriedivisionen mit einem in Saint-Germain detachierten Korps. Er dachte an d'Avol, der am Sterbebett seiner Mutter zurückgehalten wurde. Bei dem Gedanken an das, was sein einstiger Freund leiden mußte, an ein gleiches Unglück, das ihn selbst treffen konnte, empfand er tiefes Mitgefühl. Wieder blickte er verstohlen nach der Tür. Wie lange doch Anina ausblieb!

Herr von Grandpré, der an diesem Abend die ersten Stunden der Freiheit nach der Arbeitslast dieser stürmischen fünf Tage genoß, sprach mit sichtlichem Behagen von den Dingen, die allein sein Interesse beschäftigten und ihn in seinen eigenen Augen erhöhten: von allem, was in Thiers' unmittelbarer Umgebung geschah, von diesem Chaos von Arbeiten und Geschäften, von denen das Schicksal des Landes abhing, und an denen er, unter der Leitung Bartélemy-Saint-Hilaires, einen bescheidenen Teil an Arbeit und einen bedeutenden Anteil an Verdienst sich beimaß. Als Mann standesgemäßer Ideen und gemäßigter Überzeugungen besaß er Bildung und Feinheit und jenen mit einer Rente von fünfzigtausend Pfund gefütterten Skeptizismus, der sich mit dem Unglück anderer auszusöhnen und aus dem unabänderlichen Lauf der Dinge sich eine elegante Philosophie zurechtzuzimmern versteht.

Einem wappengeschmückten Etui entnahm er, nachdem er es Du Breuil gereicht, eine leichte Zigarette. Das Zündhölzchen krachte, und nach zwei langen Zügen nahm er das Gespräch wieder auf:

»Der Nachteil dieser Zeiten der Verwirrung ist, daß, viele nicht sogleich wissen, auf welche Seite sie sich stellen sollen. Können Sie glauben, daß nicht wenige Ihrer Kameraden, und zwar gerade die Besten unter ihnen, – ich spreche von jenen, die die weiße Feder tragen –, im ersten Augenblick gezaudert haben. Wo war die künftige Macht?... Ich kenne manche, die eine wahre Angst davor hatten, sich zu kompromittieren. Ganz gewiß. Warum hatte ich nicht die Ehre, den neunzehnten mit Ihnen zu dinieren? Weil Thiers mich nach Paris geschickt hatte, um drei Generäle zu holen. Ein einziger, Galliffet, ist gekommen. Die beiden anderen erklärten, mir nicht folgen zu können, da sie nicht wüßten, welches die wirkliche Regierung sei. Die Couloirs des Kriegsministeriums waren am Nachmittag des achtzehnten voll von Leuten, die nur ein Verlangen hatten: sich der Notwendigkeit einer Parteinahme zu entziehen... darunter befanden sich Generäle, sogar ein Marschall von Frankreich... Glücklicherweise werden einige Offiziere sich in so kategorischer Weise entschieden haben wie Rossel, ein Oberstleutnant vom Generalstab, der beim Minister seine Demission eingereicht hat mit der Erklärung, er stelle sich auf die Seite »jener Partei, die den Frieden nicht unterzeichnet hat und in ihren Reihen keine an der Kapitulation mitschuldigen Generäle zählt...«

»Rossel?« fragte Du Breuil. »Ich lernte ihn in Metz kennen.«

Die Erinnerung an die Todeskämpfe der Armee krampften ihm das Herz zusammen. Wie d'Avol war auch Rossel einer von jenen, die sich nicht ergeben hatten. Noch glaubte er die glühenden Augen, die hohlen Wangen, den Ausdruck verzehrender Verzweiflung in seinen Zügen zu sehen.

»So auch Cremer!« sprach Grandpré. »Man hat ihn im Rathaus empfangen und akklamiert. Wird er zu den Aufständischen übergehen? Indessen – die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen, – verwendet er sich für die Befreiung Chanzys... Was die Subalternoffiziere betrifft, hat man mehrere von ihnen nach der Füsillade auf dem Vendômeplatze an der Spitze föderierter Bataillone gesehen. Die Soldaten und Marinemannschaft sind, dem kommunardischen Officiel zufolge, zum großen Teile der Nationalgarde einverleibt worden... Ob sie zur Rückkehr werden bewogen werden können?... Sehen Sie«, schloß er mit einem Lächeln, »alles Zaudern und Schwanken kommt von diesem bedauernswerten modernen Geiste, der die schützende Kraft der Religion leugnet, von dieser Zweifelswut, welche die Grundlagen unserer alten Gesellschaft untergräbt. In der Politik gibt es nur eine Regel: an der Gesetzlichkeit festhalten, wenn diese mit den Prinzipien, welche das Frankreich der Vergangenheit so groß gemacht hat, vereinbar ist! Das ist der Rettungsanker... Legalität, Grundsätze, darin liegt der Kern der Sache!«

Er streifte die Asche von seiner Zigarette ab:

»Und dann, die Seele des Krieges ist das Geld! Was sollen diese Herren Pariser mit ihren leeren Taschen beginnen? Die städtische Steuer bringt wenig ein, und die Börse – er blies eine kunstvolle Rauchspirale in die Luft – die Kapitalien zerstoben, verschwunden! Keine Quote mehr. Ohne Umsatz von Millionen, ohne große Bankiers und unternehmende Geschäftsunternehmer ist eine Regierung ein totgeborenes Kind...«

Er dämpfte die Stimme:

»Wohl ist die Bank da, von der sie weitere 350 000 Francs verlangt haben... Sie glauben sie halb geleert. Da irren sie jedoch sehr. Wenn sie sie in Beschlag nähmen, hätten sie uns in der Hand.«

Du Breuil blickte ihn mit solcher Überraschung an – auch er hatte die Bank geleert geglaubt –, daß Grandpré bereute, zuviel gesagt zu haben und sich in die Lippen biß:

»Das bleibt selbstverständlich unter uns.«

In diesem Augenblick trat Anina mit ihrer Cousine ein. Du Breuil küßte beiden die Hand. Das junge Mädchen trug im Gürtel einen Veilchenstrauß, dessen süßer Duft das behaglich durchwärmte Zimmer erfüllte. Während Anina sich unter der Lampe über ein Photographiealbum neigte, das Claire von Grandpré ihr zeigte, bewunderte Du Breuil die feinen, dunkelgoldigen Löckchen, die auf dem leuchtend weißen Nacken zitterten. Aninas Anmut verschmolz mit dem Duft der Blumen. Sie fühlte seinen Blick voll heißer Liebe auf sich ruhen, hob errötend die Stirn und lächelte ihm zu. In diesem Augenblick verlangte er nichts mehr vom Leben, als daß dieser selige Moment ewig dauern möchte.

»Dein Vater verspätet sich«, sagte Claire.

Gleich darauf ließ sich Bersheims lebhafte Stimme vernehmen, und er trat hinter Frau von Grandpré ein. Sofort setzte man sich zu Tische. Der Metzer kam von der Nationalversammlung, immer noch vor Erregung zitternd. Obgleich ohne Sitz und Stimme, nahm er an den Sitzungen, die er nur selten versäumte, ein schmerzliches Interesse, verfolgte sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit und der Verzweiflung seiner blutenden Seele. Er konnte sich nicht entschließen, nach Metz zurückzukehren, nach der kleinen, hingeopferten Heimat, wohin keine höhere Pflicht mehr ihn rief; gegen das Drama, das ihn hier festhielt, wo Frankreich selbst um sein Schicksal kämpfte, traten die Bande der Familie und alter Gewohnheiten völlig in den Hintergrund. Von Tag zu Tag verschob er seine Abreise, durch die Briefe seiner Frau auf dem Laufenden gehalten. Großmutter Sophia ging es gut. Auch von Maurice, der noch in Köln in Gefangenschaft war, liefen beruhigende Nachrichten ein. Bald schlug die Stunde seiner Befreiung...

Ein Bedienter servierte auf einer silbernen Platte ein Gratin de soles. Die alte Frau von Grandpré erkundigte sich:

»Nun, war die Sitzung wieder sehr aufregend?«

Bersheim lehnte die angebotene Speise ab, wieder ganz im Banne seiner Erregung:

»Sprechen Sie mir lieber gar nicht davon! Wir hatten gelegentlich jenes fatalen Gesetzes, welches die Freiwilligenbataillone aus der Provinz zum Beistand der Nationalversammlung beruft, eine wundervolle Intervention Tolains ...«

»Des Ziseleurarbeiters!«... Und Herr von Grandpré schnitt eine Grimasse, als hätte er eine Gräte geschluckt.

»Er sprach zum Steinerweichen! Man mußte nur hören, mit welch begeisterter Beredsamkeit er die Versammlung beschwor, auf diese Maßregel zu verzichten, die einzig und allein den Bürgerkrieg in Frankreich zu entfachen geeignet ist.«

»Und das Gesetz ist durchgegangen?« fragte Herr von Grandpré.

»Mit 449 gegen 79 Stimmen! Dann trat Bérenger auf mit der Forderung, eine Delegation der Nationalversammlung möge sich nach Paris begeben, um die von den Bürgermeistern versuchten Bemühungen zur Beruhigung oder Unterdrückung zu unterstützen; und da die Tagesordnung erschöpft war, beschloß die Versammlung, sich sofort in ihren Bureaus zur Beratung über diese Vorlage zurückzuziehen: da besteigt Arnaud de l'Ariège die Tribüne und macht die Mitteilung, daß die Bürgermeister von Paris eingetroffen seien und sich mit der Nationalversammlung in Verbindung zu setzen wünschen. Die Rechte widersetzt sich dieser Forderung. Beratungen werden gepflogen, es fehlt an Präzedenzfällen: warum nicht gleich die Schranken des Konvents? Arnaud de l'Ariège läßt nicht nach: die gesamte Bevölkerung von Paris könne sehen, daß nicht auf einer Seite Frankreich, auf der anderen die von dem Lande losgelöste Hauptstadt stehe. Grévy sucht nach einem Mittel, die Feindseligkeiten zu versöhnen: die Bürgermeister-Deputierten mögen das Wort führen; die Bürgermeister, die nicht Abgeordnete sind, können als Zuschauer der Sitzung beiwohnen. Kaum hat Baze, der Quästor, gemeldet, daß er »die vornehmsten Plätze... in den ersten Tribünen« – ein Murren des Unwillens – habe vorbereiten lassen, als die Bürgermeister mit ihren über der Brust gekreuzten Binden langsam ihren Einzug in die erste Loge rechts vom Präsidenten halten. Aller Augen sind auf sie gerichtet. Es ist, als hätte man Paris auftreten gesehen!... Die Versammlung, das Publikum geraten in Erregung. Die ganze Linke erhebt sich, bricht in einen Beifallssturm aus. Man hört einen donnernden Ruf: »Es lebe die Republik«!, welchen die Bürgermeister mit den Rufen: »Es lebe Frankreich! Hoch die Nationalversammlung! Hoch die Republik!« erwidern... Ah, meine Freunde, in meinem ganzen Leben habe ich einen solchen Tumult nicht gesehen. Die ganze Rechte war in Aufruhr, stampfte mit den Füßen, schüttelte die Fäuste in einem einzigen Geheul: »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« Immer wieder übertönen die Hochrufe auf die Republik den Lärm. Die einen überschütten die Bürgermeister mit Drohungen, Anklagen und Schimpfworten, andere verlassen den Saal und kehren mit dem Hut auf dem Kopfe zurück; sie rennen umher wie Besessene, dringen in den Präsidenten, sich ebenfalls zu bedecken. Ich hörte Castellane brüllen: »Das können wir nicht ertragen!« Die Linke schreit: »Herunter die Hüte! Achtet den Präsidenten! Achtet euch selbst!« Endlich ergibt sich Grevy der Gewalt des Sturmes und erklärt die Sitzung für aufgehoben... Ein Wunder, daß es in den Couloirs nicht zu Tätlichkeiten gekommen ist.«

»Das ist ernst«, sprach Herr von Grandpré.

»Das ist abscheulich!« betonte Bersheim. »Wie, das ist der Empfang, welchen man den Männern bereitet, die sich mit Leib und Seele in den Dienst einer undankbaren Aufgabe stellen! So also lohnt man ihre Hingebung!... Solche Parteilichkeit gereicht einer Partei nicht zur Ehre. Und der Beweis dafür ist, daß man jetzt eben, in der Nachtsitzung, eine Bemäntelung versuchen will; Arnaud de l'Ariège soll den Vorschlag der Bürgermeister entwickeln: sie sollen autorisiert werden, im Notfalle die durch die öffentliche Gefahr dringend geforderten Maßregeln unter ihre Verantwortung zu nehmen; die Wahl des Oberbefehlshabers der Nationalgarde soll am achtundzwanzigsten, diejenige des Gemeinderates, wenn möglich durch die Bemühungen der Bürgermeister und der Adjunkte, vor dem 3. April stattfinden...«

Herr von Grandpré, den diese Maßregeln kalt ließen, trommelte nachlässig mit den Fingern auf dem Tischtuch. Er hörte Bersheim mit jener weltmännischen Höflichkeit zu, hinter welcher der vollkommene Mangel an Verständnis sich verbarg. Seine Mutter lächelte voll Sympathie; sie hatte die Regierungszeiten Karl X., Louis Philipps, das stürmische Jahr von 1848 und das Kaiserreich miterlebt und so viel erfahren, daß ihre Empfindungen jetzt nur noch die einer wohlwollenden Gleichgültigkeit waren, die das hohe Alter mit einem Hauch von Anmut verklärte. Anina und Du Breuil saßen sich schweigend und doch so beredt in ihren Blicken gegenüber.

Bersheim kam wieder auf die famosen Freiwilligenbataillone zu sprechen und wandte sich direkt an seinen Wirt:

»Sie finden vielleicht, daß ich ungerecht gegen Ihren großen Mann bin... Den großen Mann!... Aber der Einfall, friedfertige Franzosen gegen Paris ins Feld zu führen, ist doch wahrhaftig sonderbar genug! Sonderbar und traurig! ... Ja, wenn ihr diese Armee gleich Zu Beginn schon gehabt hättet! ... Dann hätte sie euch wenigstens dazu gedient, den Mont-Valérien zu behalten, den Ihr Stratege in seiner Furcht vor Mangel an Leibgarden mit solcher Eile von Truppen entblößt hat! Der Schlüssel von Paris! Hahaha!«

Er lachte mit seinem behaglichen, herzlichen Lachen. Herr von Grandpré erwiderte etwas pikiert:

»Thiers war der Meinung, der Mont-Valérien wäre mit seinen Kanonen und einem entschlossenen Kommandanten wie Oberst Lockner wohl imstande, einer lärmenden Demonstration jener Leute zu widerstehen. Ein regelrechter Angriff war nicht sogleich zu befürchten...«

»Natürlich!« spottete Bersheim. »Er fürchtete nur für seine eigene kostbare Person! Der Mont-Valérien, Kleinigkeit!... Deshalb widersetzte er sich auch am neunzehnten den ganzen Tag den dringenden Vorstellungen der Deputierten, die ihn beschworen, die Festung neu besetzen zu lassen. Vinoy scheint es gewesen zu sein, der ihn endlich in der Nacht zum Nachgeben bestimmt hat. Und euch dann mußte Thiers noch eine Stunde mit seiner Frau in der Nachthaube parlamentieren...«

Man lächelte.

»Und Sie wissen, es war höchste Zeit! Kaum waren unsere Truppen im Fort, als zwei Nationalgardebataillone anrückten ... Die Schlösser sämtlicher Poternen waren erbrochen ... Eine halbe Stunde lang hatte die Garnison bloß aus einem Posten von achtundzwanzig Chasseurs bestanden, von denen nur zwanzig bewaffnet waren. Das war alles, was auf dem Mont-Valérien an Gewehren zu finden war!... Ach ja, Herr Thiers ist ein großer Feldherr!«

Bersheim konnte ihm die Unterzeichnung des Vertrages, welcher die Zerstückelung Frankreichs bedeutete, nicht verzeihen. Der Metzer weigerte sich, den Mann zu bewundern, indem er weniger den übrigens geschickten Liquidator des Bankrotts, als den egoistischen Politiker erblickte, dessen willkürliche Apathie und offenkundige Feindseligkeit den Bestrebungen der Verteidigungsregierung geschadet hatte. Sein Groll verriet sich bei jeder Gelegenheit, und da man als die Triebfeder desselben seinen schwerverwundeten Patriotismus erkannte, vermied man es, ihm zu widersprechen.

»Sie bedenken nicht«, wandte Grandpré ein, »die Schwierigkeiten, denen er begegnet, die Verantwortlichkeit, die auf ihm lastet. So zum Beispiel den Deutschen gegenüber... Es ist eine beständige Angst, ein Damoklesschwert, das über uns hängt. Gestern war es der kommandierende General Fabrizius, der Favre drohte, das Feuer auf die Stadt wieder zu eröffnen, wenn Paris in irgend einem Punkte den Verträgen entgegenhandelt und nicht unverzüglich die abgeschnittene Telegraphenverbindung nach Pantin wieder herstellt. Heute ist es Schlotheim, der Kommandant des III. Armeekorps, der das Zentral-Komitee benachrichtigt, daß er eine freundliche und passive Haltung bewahren wird, wenn Paris seinerseits sich strenge an den Wortlaut des Präliminarvertrages hält...«

»Doppeltes Spiel!« sagte Du Breuil. »Ihr Zweck ist einzig und allein die Sicherung der Milliarden! Anmaßend gegen diejenigen, die zu zahlen verpflichtet sind, schonungsvoll gegen die anderen, die die Zahlung verhindern könnten. Unterordnung und Verwirrung so viel man will, wenn nur gezahlt wird!«

Wie ein kalter Hauch, strich es über die Anwesenden. Und doch schlugen aller Herzen im Einklang. Über dem tiefen Schweigen lastete der Gedanke an die Sieger. Frau von Grandpré gab ihrem Sohn ein Zeichen: die Tafel wurde aufgehoben.

Zwei Tage später befanden sich die Poncets in der kleinen Wohnung der Thédenats, wo sie zum Diner geladen waren. Die beiden Frauen saßen plaudernd beisammen im Speisezimmer, Frau Thédenat damit beschäftigt, die Zeitungsausschnitte der Woche in ein Register zu ordnen, während Agathe Poncet die Stricknadeln in ihren knochigen Fingern, denen man eine solche Behendigkeit gar nicht zugetraut hätte, bewegte.

Durch die offene Tür drangen die Stimmen der drei Männer. Thédenat, nach alter Gewohnheit an den Kamin gelehnt, hörte dem Chemiker zu. Martial, der den Arm noch in der Binde trug, betrachtete lächelnd den mit seinem siegreichen Arm das Medusenhaupt schüttelnden Perseus. Er dachte an die Loggien dei Lanzi, an den mit Steinfliesen belegten Platz des Palazzo Vecchio. Bald, sobald die Dinge sich zum Besseren wandten, wollte er in der sanften Anmut florentinischer Kunst und Natur, in Roms Schönheit seine Seele reinbaden ...

»Nun«, sprach Thédenat, »es ist also alles arrangiert? Der böse Traum zerstreut sich, man ist über das Datum der Wahlen einig? ... Nun gut, so haben Sie das Richtige getroffen: die Bürgermeister tun recht daran, daß sie nachgeben.«

Am Morgen hatte Poncet nach Ranc und einigen Unabhängigen eine Kundmachung unterzeichnet, welche an die Bürgermeister die dringende Aufforderung stellte, sich nicht lange bei leeren Form- und Legalitätsfragen aufzuhalten. Da die Abstimmung allen dringend notwendig erschien, sollten sie selbst, und zwar sofort, Paris einberufen und an alle Republikaner die Aufforderung ergehen lassen, sich zu diesem Werke der Beschwichtigung und der Versöhnung zu vereinigen; damit würde alles sich beruhigen. Von Picard in der provisorischen Verwaltung akkreditiert, durch Thiers gedeckt, der tags vorher erst in einem Briefe an einen von ihnen im voraus »die Maßregeln der Begnadigung, die sie ergreifen zu müssen glaubten«, in formeller Weise ratifizierte, waren die Bürgermeister durchaus berechtigt, der Nationalversammlung entgegenzutreten, die ungeachtet ihrer Feindschaft es nicht wagen würde, sie angesichts des Landes zu verleugnen. Als von den Verhältnissen eingesetzte Schiedsrichter waren sie die einzigen möglichen Unterhändler des Friedens. Und, wer sollte nicht aus der Tiefe seines Herzens den Frieden wünschen?

»Wie ist das alles zugegangen?« fragte Thédenat. »Ich habe nur flüchtig etwas durch Jacquenne erfahren. Und er pflegt jedes Ding immer nur von seinem Standpunkte aus zu beleuchten! ... Ich hätte gestern abend in Versailles sein mögen. Nicht bei der Sitzung, in der wahrscheinlich die von Arnaud de l'Ariège eingebrachten Vorlagen besprochen worden sind, da ihr Verlauf in so merkwürdiges Dunkel gehüllt wird, sondern in den Bureaus und den Couloirs.«

»Ich war dort«, erzählte Poncet. »Und es war noch verworrener, als Sie es sich vorstellen ... Doch ich will beim Anfang beginnen, um den Knäuel abzuwickeln. Primo, vorgestern die Note des Komitees, welche den »General« Bergeret mit der Ausführung sämtlicher militärischer Ämter betraut. Sie werden fragen: Und Lullier? – Eingesperrt, der Rückkehr zur Ordnung verdächtig, mit einem Male ein gefährlicher Irrsinniger. Man kann es ihm nicht verzeihen, daß er den achtzehnten die Armee ruhig hatte ausziehen, daß er sodann den Mont-Valerien sich hatte entgehen lassen, den er mit solcher Leichtigkeit hätte einnehmen können. Dann gestern eine zweite Note, welche den Generälen Brunel, Eudes und Duval – die sind schnell zu Ehren und Würden gekommen! – bis zur Ankunft Garibaldis, der nie kommen wird, alle militärischen Vollmachten erteilt. Allzu schlau! Überdies eine Sündflut von Plakaten und Kundmachungen, welche verkünden, daß der Moment gekommen sei, zu handeln und allen Widerstand zu brechen ... Nicht, als ob dieser Widerstand besonders furchtbar gewesen wäre, trotz etlicher getreuer Bataillone, welche die Bürgermeister endlich zusammengebracht hatten. Und auch die Kugel, die dich getroffen hat, mein Junge, – er blickte Martial an, – spielt dabei eine Rolle. Denn wenn auch das Scharmützel vom Vendômeplatz einen Haufen erschreckter Feiglinge nach Versailles getrieben hat, haben dafür andere Saissets kleine Armee in der Umgebung der Mairien, in Saint-Germain l'Auxerrois, in der Rue de la Banque, der Rue Druot verstärkt. Durch den Zuzug einiger hundert isolierter Soldaten, einer Anzahl Mobilgardisten und Freiwilliger erreichte sie eine Stärke von nahezu achttausend Mann. Außerdem hat auch die Schuljugend ihr Kontingent geliefert ... Ihr Manifest, in der Mitte zwischen dem Komitee und der Nationalversammlung, ist doch vortrefflich, nicht?«

»Jules hat dazu beigetragen«, rief Frau Thedenat dazwischen. »Die jungen Leute sind gekommen, ihn um Rat zu fragen: »Die Republik voll und ungeteilt aufrecht erhalten ...« Sie haben seine Worte reproduziert ...«

»All das«, fuhr Poncet fort, »vermochte dem armen Saisset, dem – zu seiner Ehre sei es gesagt, – die auf den Straßen sich abspielende Aktion wenig behagt, seine Illusionen nicht wiederzugeben. Er erklärte jedem, der es hören wollte, daß der Kampf unmöglich sei. Etwas anderes ist es, eine Eskadron gut zu führen und ein Fort tapfer gegen die Preußen zu verteidigen, als sich zum Unterdrücker eines Aufstandes aufzuspielen. Beweis dafür seine Kundmachung, die, zweifelsohne in bester Absicht verfaßt, nur dazu beigetragen hat, die Ereignisse zu beschleunigen, ohne einen Menschen zu überzeugen ...«

»Welche Kundmachung?« fragte Martial.

Seit seiner Verwundung hatte er das Interesse für die Ereignisse verloren und sich wieder seinen Neigungen und künstlerischen Projekten zugewandt. Er hatte seinen Unfall benutzt, sich seiner Leutnantsfunktionen zu entledigen, bevor man sie ihm entziehen konnte, denn er war zu lau geworden für das immer mehr unter den Einfluß des Zentral-Komitees geratende Bataillon, aus dem beinahe alle Freunde der Ordnung sich zurückgezogen hatten.

»Eine Kundmachung, welche goldene Berge verheißt! Die Nationalversammlung gewährte darin nichts Geringeres als die städtischen Freiheiten, die Wahl des obersten Kommandanten, die Verlängerung des Wechselverfalltermins, den Nachlaß der Mietzinse unter 1200 Francs! Das wäre allzu schön!«

»Ich kann mir nicht erklären«, sprach Thédenat, »welches Motiv den Admiral dabei geleitet hat.«

»Wer kann wissen? ... Vielleicht will er dadurch einen Druck auf die Nationalversammlung ausüben? ... Es scheinen mehrere Entwürfe verfaßt und im voraus unterzeichnet worden zu sein. Saisset hatte es Tirard überlassen, aus diesen Varianten die ihm geeignetste scheinende zu wählen. Gewiß ist, daß im Zentral-Komitee diese leeren Versicherungen keinen zu entwaffnen vermochten und in Versailles die Bombe zum Platzen gebracht haben. Die Rechte hat Verrat geschrien, hat sich tausend Unmöglichkeiten ausgemalt: den Admiral an der Spitze des Zentral-Komitees, Thiers mit den Aufständischen paktierend, versuchend, die Pariser Bewegung zu seinem Vorteil zu leiten!«

»Das ist Wahnsinn!« rief Thédenat.

»In einem ihrer Bureaus sich versammelnd, hat sie darüber beraten, ob sie ihn nicht in Anklagestand versetzen sollte, während einer der Prinzen von Orléans alle Vollmachten der Regierung übernähme.«

»Weiter nichts!« spottete der Geschichtsschreiber.

»O ja! Und das Geheimnis dieser merkwürdigen, nach zehn Minuten aufgehobenen Sitzung ist: die Diskussion wird auf einen anderen Tag verschoben, Thiers beschwört die Nationalversammlung, ihre Worte und ihre Handlungen zu wägen und ihre Leidenschaften zu zügeln. Ein unglückliches Wort könnte Ströme von Blut entfesseln! Er war bleich, seine Züge verzerrt. Doch das Geheimnis ist durchgedrungen, hat sich natürlich nach Paris fortgepflanzt und die Willenskraft der Bürgermeister gebrochen, die seit vierundzwanzig Stunden einen erbitterten Kampf gegen das Zentral-Komitee wegen des Datums der Wahlen führten ... Die Unglücklichen! Heute morgen begegnete ich einem von ihnen, wie er ganz erschöpft nach dem Kompromiß die Rue de la Banque verließ ... Ganz unkenntlich! ... Was für eine Existenz führen sie seit dem achtzehnten! Fast alle aus ihren Ämtern vertrieben, in den drei Arrondissements des Zentrums zusammengepfercht! Sitzungen bei Tag, bei Nacht, zwischen der Nationalversammlung und dem Komitee schwankend, von einer Versprechung zur anderen, von einer Treulosigkeit zur anderen hin und her geschüttelt ...«

»Ach ja!« sprach Thédenat sinnend. »Jetzt begreife ich. Sie haben das weiße Gespenst gesehen, die Wiederaufrichtung der Monarchie, und haben nachgegeben, um Schlimmeres zu verhindern! ... Doch erzählen Sie mir das ausführlich.«

»Nun also! Gestern nachmittag nach der kategorischen Note hat Brunel mit zwei Delegierten des Komitees – Protot und einem anderen –, vier Bataillonen, Garibaldianern und Kanonen die Mairie des Louvre umzingelt und Méline befohlen, ihm den Platz zu übergeben und die Einberufung für den sechsundzwanzigsten zu unterzeichnen. Nach langen Verhandlungen kommt ein Ausgleich zustande, und sie beschließen, die Wahlen auf den dreißigsten festzusetzen. Sie erscheinen gemeinsam auf der Freitreppe der Mairie, um sich in die des II. Arrondissements zu begeben, wo die Vereinigung der Bürgermeister in Permanenz tagt. Die Bravo- und die Vivatrufe vermischen sich. Bataillone de l'ordre und Föderierte, eine Minute vorher zum Angriff bereit, heben die Kolben und verschmelzen miteinander. Eine Last fällt allen vom Herzen. Rings umher bricht die Menge in Jubelgeschrei aus. In der Rue de la Banque wiederholt sich die Debatte. Hier ist man über das Datum einig, aber streitet sich wegen des Modus der Abstimmung. Endlich verständigt man sich, Delegierte und Bürgermeister unterfertigen den Vertrag: die Festsetzung der Wahlen für den dreißigsten, die Wiedereinsetzung der Bürgermeister in sämtlichen Arrondissements mit der Verpflichtung, selbst das Structinium zu überwachen ... Allgemeiner Jubel.«

»Bei Gott«, warf Martial ein, »selbst mein Bataillon ist unter den Rufen: »Keinen Bürgerkrieg mehr! Es lebe die Arbeit! Vivat der Friede!« durch die Straßen gezogen.«

»Warte nur«, fuhr Poncet fort. »Bald zeigte es sich, daß es ein blinder Jubel gewesen. Als die Bürgermeister von ihren Ämtern Besitz ergreifen wollten, begegneten sie energischem Widerstand. Empört kehren sie in die Rue de la Banque zurück, wo spät in der Nacht erst Arnold und Ranvier erscheinen und im Namen des Komitees erklären, daß Brunel seine Vollmacht überschritten habe und die Wahlen, man mag nun wollen oder nicht, auf den sechsundzwanzigsten angesagt blieben. Die Bürgermeister verfassen einen Protest, verschanzen sich in der Mairie. Mitrailleusen, Chassepots, man wehrt sich tapfer... Heute morgen um elf Uhr hatten die Unermüdlichen – sieben Bürgermeister und siebenundzwanzig Adjunkte – die Sitzung wieder eröffnet, als aus Versailles die Deputierten eintreffen. Es sind ihrer sechs, Clemenceau, Lockroy, Floquet, Schoelcher, Tolain und Greppo. Sie kramen die trostlosen Nachrichten aus: D'Aumale oder Joinville. Bald nachher kehren Arnold und Ranvier zurück: willigen die Bürgermeister in das Datum des sechsundzwanzigsten, so wird man ihnen ihre Ämter zurückgeben, und die Wahlen werden unter ihrer Leitung stattfinden ... Donnerwetter! mag man noch so fest sein Recht behaupten, ein wenig Legalität würde nicht schaden! ... Die Bürgermeister, all dieses Handelns und Feilschens müde, widerstreben anfangs, wie aber schwanken, wenn man zwischen zwei Parteien steht, von denen die eine bereit ist, den Bürgerkrieg mit der Monarchie dem Lande aufzudrängen, die andere, dank den Wahlen, ohne Zweifel davor zurückscheuen wird, ihn zu entfesseln? Sie unterzeichnen die endgültige Einberufung für morgen und rufen ganz Paris zur Abstimmung. Daß die Urnen sich in ihren Händen befinden, ist eine Bürgschaft für die Gesetzlichkeit der Wahlen ... Versailles wird nachdenken ... So also liegen die Dinge, lieber Freund.«

Er zog seine Uhr:

»In dieser Stunde ist Louis Blanc im Begriffe, die Entscheidung der Bürgermeister der Nationalversammlung zu unterbreiten und dieselbe mit der Erklärung, daß sie als gute Bürger gehandelt haben, um die Sanktionierung des Beschlusses zu bitten.«

Thédenat verzog das Gesicht:

»So stehen wir denn am Fuße der Mauer ... Kann man jedoch diejenigen, die seit sechs Wochen nicht aufhören, Paris aufzureizen und zu verwunden, die in der loyalen Mitwirkung der Bürgermeister nichts als ein Manöver zugunsten der Republik gesehen haben, einer guten Regung für fähig halten? Sie verdächtigen sie, sie hassen sie und haben sich ihrer nur bedient, um den Truppen Zeit zu geben, sich zu festigen. Das ist ihr Zweck, der sich in allen ihren Handlungen und ihren Gedanken verrät ...«

Poncet brummte:

»Wer weiß, ob sie es, wenn die Wahlen erst vorbei sind, wagen werden, sie für ungültig zu erklären und ihre Maske zu lüften? Dunkel und drohend liegt die Zukunft vor uns.«

Traurig, in trostlosem Zweifel blicken sie sich an, auch sie dieser ewigen Ungewißheit müde, hoffnungslos und im geheimen doch noch hoffend.

Es klingelte. Frau Thédenat, die sich erhoben hatte, um zu öffnen, rief leise ihren Mann:

»Lieber Freund ... Herr Simon ist da und möchte dich sprechen.«

Thédenat trat ins Vorzimmer hinaus, um ihn zu empfangen. Verlegen, den dicken, struppigen Kopf entblößt, zog der Schuster hastig eine in Papier gewickelte Rolle aus der Tasche; es war das Geld, das Thédenat vergangene Woche ihm geliehen hatte. Nein, er brauchte es nicht mehr, es waren Zahlungen eingegangen, und da jetzt alle Welt einig war, die Verfalltermine um einen Monat zu prolongieren ... Die Nationalversammlung nach der Kommune ... Er lächelte maliziös: es hatte sich also damals gar nicht der Mühe gelohnt, mit dem Ruin so vieler Menschen gedroht zu haben! Mit der Zahlung seines Mietzinses eilte es also nicht mehr ... Und diesmal verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln des Triumphes ... Das Zentral-Komitee hatte den Hausbesitzern den Mund gestopft ... Sie hatten aber auch zu lange Zähne gehabt! Und doch war es nur gerecht, daß man, nachdem man gemeinsam gelitten, auch gemeinsam die Verluste trug ...

»Zu Ihren Diensten, Simon«, sagte Thedenat.

Und als der Schuhmachermeister Miene machte, fortzugehen, setzte er hinzu:

»Aber nein, bleiben Sie doch noch einen Augenblick. Es ist jemand da, den Sie kennen, Martial Poncet ...«

Und die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnend drängte er den sich Sträubenden hinein. Poncet und Martial drückten ihm die Hand. Und doch war es nicht mehr so wie in den Zeiten der Belagerung, wo die Gemeinsamkeit der Gefahr und der Entbehrungen Bürger und Arbeiter einander näher brachte und die Klassenunterschiede verwischte.

Während Martials und seines Vaters Händedruck ohne Hintergedanken war, hatte Simon ihnen seine knochigen Finger nicht ohne ein Gefühl des Unbehagens gereicht. Eine undefinierbare Empfindung, durch die Ungewißheit der Situation und den daraus sich ergebenden Verrückungen erzeugt, gab seinem Benehmen etwas Gezwungenes – das deutliche Bewußtsein der sozialen Kluft, die ungeachtet der republikanischen Überzeugungen und des wohlwollenden Charakters der beiden Männer zwischen ihm und ihnen lag. Dazu kam der dumpfe Rausch der nach einem Leben demütigender Unterdrückung von Angehörigen seines Standes an den Mächtigen genommenen Revanche! Und vor allem eine gewisse Befangenheit, hier im Arbeitszimmer des Gelehrten mit seinen groben Schuhen und dem Lederschurz dem durch einen Flintenschuß der Föderierten verwundeten jungen Künstler gegenüber zu stehen.

Wohl hatte dieser ihn heiteren Tones beruhigt:

»Bah, das war meine Schuld. Warum ging ich dort vorüber!«

Und doch, obgleich er Bedauern über diese Verwundung empfand – ein Zufall, allerdings, aber immerhin ein trauriger Zufall, – vermochte der Arbeiter sich gegen seinen Gefährten von Buzenval, gegen den Leutnant, mit dem er am Abend der Bastille und der Kanonen Seite an Seite marschiert war, wegen dessen Demission eines leisen Grolles nicht zu erwehren.

Er hatte im Bataillon, wo man von Martials Abdankung als von gemeiner Fahnenflucht, von bürgerlicher Feigheit sprach, seine Verteidigung ergriffen. »Nein, Herr Poncet hat seine guten Seiten!« Und doch sah er in dem Rückzug des zu seinem Meißel und seinen Träumen zurückkehrenden Künstlers die unvermeidliche Entfremdung, den Kastenunterschied. Und ohne daß sie es wollten, ohne daß sie sich dessen bewußt wurden, schlich sich ein Gefühl der Verstimmung in ihre oberflächliche Kameradschaft.

»Nun, Simon«, sprach Thédenat, »alles geht gut, wir bekommen endlich die Wahlen!«

»Nicht ohne Schwierigkeiten, Herr Thedenat!«

Sein Blick verdüsterte sich, in ironischem Tone fuhr er fort:

»Wenn sie nachgegeben haben, ist's doch nicht gern geschehen ... Wie die Bürgermeister sich haben bitten lassen! ... Die Bürgermeister, – das ist nur so eine Redensart, denn gut zwei Drittel von ihnen haben sich aus dem Staube gemacht ... Wie unsere Abgeordneten: von vierzig stehn nur sechs auf unserer Seite! Und alle die übrigen Herren wischen sich den Mund ab ... Ich habe soeben unten den Aufruf des Zentral-Komitees für die morgigen Wahlen gelesen und daneben den anderen von den Bürgermeistern, »einzig authentischer Text«, wie sie erklären ... Und wissen Sie, was der Unterschied ist? In dem ersteren steht: »Das Zentral-Komitee, dem die Deputierten sich angeschlossen haben, beruft ...« Und im zweiten: »Die Deputierten, die Bürgermeister und die Mitglieder des Zentral-Komitees berufen ...« Nichts als Eitelkeit, wer der erste sein soll! ... Bei einer solchen Gelegenheit! ... Ich finde das kleinlich. Entschuldigen Sie, wenn Sie anderer Meinung sind.«

Thédenat lächelte:

»Hauptsache ist, daß gewählt wird, da haben Sie recht. Doch ist bei einem Vertrage nicht nur die Sache selbst von Wichtigkeit; die Ehrlichkeit fordert, daß jedermann in jeder Einzelheit seine Verpflichtung in der gebührenden Form einhalte.«

Simon schüttelte den Kopf:

»Das ist ja wahr. Aber wenn man die Macht hat, ist man leicht versucht, über diese Kleinlichkeiten hinwegzusehen. Wer der Herr und Meister ist, der schert sich nicht darum! Wir haben genug gezahlt, um das zu wissen. Man hätte schlimmer sein können.«

Thédenat versank in ernstes Sinnen. Und Simon, dieses Schweigen den Vorgängen zuschreibend, die seit dem achtzehnten ihn so oft in seinen Grübeleien gequält hatten, sprach lebhaft, wenn auch mit ein wenig Zögern:

»Sie denken an die Generäle vom Montmartre? Ja, das ist ein großes Unglück, aber es ist doch nicht unsere Schuld! Verbrecher hat es unter allen Regimes gegeben. Wenn es nur auf mich ankäme, nach den Mördern zu forschen und sie zu bestrafen! ... Aber Sie müssen doch zugeben, meine Herren, wenn die Soldaten geschossen hätten, wie sie Anno 48 geschossen haben, – er rieb sich die Hüfte an der Stelle, wo damals die Kugel eingedrungen war, – ja wenn statt der beiden man weiß nicht von wem getöteten Generäle einige Tausende von Arbeitern im Namen des Gesetzes erschossen worden wären, wäre man dann in der Nationalversammlung über diese Niedermetzelung armer Leute ebenso entrüstet gewesen, wie man es über die Ermordung von Lecomte und Clément Thomas war? ... Von Ihnen will ich das nicht behaupten, Sie sind Männer von Herz und Geist. Aber ich kann nicht umhin, einerseits an alle die vergessenen Gräber, an das Massengrab der Junimärtyrer, andererseits an die Sühnkapelle des Generals Bréa zu denken. Um dieses Opfer trauert die ganze Gesellschaft. Das ist ein Mord, der sie rührt. Die anderen, die zählen nicht ...«

Diese schlicht und ohne Bitterkeit gesprochenen Worte enthielten zuviel Wahrheit, als daß Thédenat und Poncet etwas hätten entgegnen können. Mit einem Schlage hatten sie den Kern, die uneingestandenen Wahrheiten bloßgelegt, die durch die soziale Lüge verhüllt werden. In Simons Augen leuchtete ein düsteres Feuer. Er hatte recht, das erkannten sie alle an, und dieses Verständnis machte sie einigermaßen befangen. Gern lenkte man das Gespräch auf andere Dinge. Der Schuster fuhr mit festerer Stimme fort:

»Man kennt uns zu wenig! Es ist wie mit der Löhnung, unseren dreißig Sous, und den Unterstützungsgeldern... Gewiß, es gibt Leute, die nichts anderes zum Leben haben, und ihrer sind es genug! Es gibt auch andere, Nichtstuer, die die Werkstätten scheuen ... Auf diese rechnete Tirard, als er in der Meinung, das Komitee habe kein Geld mehr, verkündigen ließ, daß er die Löhnung auf der Börse auszahlen werde ... Aber ich schwöre Ihnen, daß Hunderte und Hunderte von uns lieber hungern möchten als vom Komitee abzulassen, weil wir deutlich fühlen, daß das Komitee die ganz von selbst durch die Macht der Dinge entstandene Revolution ist! Das Komitee im Rathaus, da ist es unsere Sache, unsere Stimme zu erheben, um ein wenig Gerechtigkeit zu erlangen! Was würde aus uns ohne das Komitee? Die Bürgermeister waren nicht imstande, uns aus der Patsche zu ziehen, in die sie unter Trochu und Thiers uns getrieben haben. Es heißt, daß der König nach Versailles kommen wird; daß man in Boulogne Rouher und seine Sippe verhaftet hat... Der Alte möchte gern wieder in den Kuchen beißen! Es kommt nur darauf an, wer uns zuerst unterkriegt. Heißt es nicht, daß Ducrot – auch einer, der uns mit Vergnügen in die Falle locken möchte! – den Oberbefehl über die Armee erhalten hat, um gegen Paris zu marschieren? Wenn das Komitee nicht wäre...«

Thédenat und Poncet wechselten einen Blick: Das Zentral-Komitee und jene, deren Namen morgen aus der Urne gezogen würden, waren nicht alles. Nicht mit ihnen allein hätte die Nationalversammlung zu rechnen. Sie waren nur der Kopf. Unter ihnen bewegte sich ein unförmlicher, schwerfälliger Körper, dessen Arme zermalmend niederschlagen konnten, und in dessen Herzen unausgesprochene Wünsche und Bestrebungen und die ewige Hoffnung wiedererwacht waren.

Frau Thédenat brachte eine Platte mit mehreren Gläschen und einer Flasche Muskateller, die sie für den Nachtisch aufbewahrt hatte. Doch es dünkte ihr besser, in einem solchen Augenblick gemeinsam ein Glas zu leeren. Thédenat erriet die zartfühlende Absicht und dankte ihr mit einem Blicke. Schweigend stießen die vier Männer mit ihren Gläsern an. Thédenat sprach:

»Auf die morgigen Wahlen und die künftige Eintracht!«

Gerührt setzte Simon das Glas an die Lippen und fügte, bevor er austrank, mit einem Blick auf alle Anwesenden hinzu:

»Und auf Ihre Gesundheit!«

Linkisch stellte er das geleerte Glas auf die Platte zurück und wollte sich eben verabschieden, als von neuem die Klingel ertönte ... Es war Mutter Villoir, die in großer Aufregung eintrat. Sie kam aus dem Zorn und dem Jammern nicht heraus, seit der wiedergenesene Stadtsergeant am zweiundzwanzigsten sich zu seinen Kameraden nach Versailles begeben hatte, den Abmarsch eines durch den Aufstand am achtzehnten im Luxembourg eingeschlossenen Regiments benutzend, das, Lulliers Drohungen trotzend, mit wehender Fahne abmarschiert war, Waffen und Bagage mit sich führend. Auf dem Schloßplatze war es von einer Deputation der Nationalversammlung feierlich empfangen worden.

Sie stellte ihren Handkorb auf den Speisetisch und rang die Hände:

»Ach Gott, ja, wenn auch Herr Simon da ist, ich kann es doch sagen! Diese unseligen Komitees lassen einen ja nicht zur Ruhe kommen. Man muß nur das Geschrei auf dem Panthéonplatz hören! Sie wollen jetzt den Adjunkten, die gekommen sind, um für morgen alles vorzubereiten, die Mairie dort nicht übergeben! Und man hat es doch geschworen, wie die Leute wenigstens behaupten...«

Poncet, über diesen neuerlichen Wortbruch empört, rief:

»Das ist zu stark! Ich will im Zentral-Komitee nachsehen.«

»Gehen wir zuerst in die Mairie,« schlug Thedenat vor.

»Erlauben Sie, daß ich Sie begleite,« bat Simon ärgerlich. »Das muß ein Irrtum sein.«

»Und das Essen?« stöhnten die beiden Frauen.

»Wir kommen bald zurück. Fangt nur immerhin mit Martial an.«


Um zehn Uhr nach einer beschleunigten Mahlzeit von der Mairie des V. Arrondissements, wo der Bürgermeister Régère sie in höflicher Weise abgewiesen hatte, zurückkehrend, verließen Thédenat und Poncet die lange Rue Saint-Jacques und überschritten den Petit-Pont Notre-Dame. Klar zeichneten sich die harmonischen Linien der mächtigen Kathedrale mit den beiden hohen Türmen vom blauen Nachthimmel ab. Die Steine glitzerten gleich fernen goldenen Flämmchen, von einem Lufthauche bewegt. Die Luft war mild, fast warm. Thédenat wunderte sich über die Ruhe, die über Paris gebreitet lag; in tiefem Schlummer dehnten sich die dunklen Straßen.

Sie erreichten den Rathausplatz. Da plötzlich ein anderes Bild. In dem tanzenden Schein der Biwakfeuer glitzerten über den Barrikaden die Bajonette. Die Kanonen waren von Wachen umgeben. Auf dem Boden lag laut schnarchend ein Haufe von Föderierten. In dem monumentalen Gebäude, dessen Fenster hell erleuchtet, dessen Mauern bis zu Mannshöhe mit gelben und roten Zetteln bedeckt waren, herrschte reges Leben. Poncet las im Vorübergehen die Namen der Kandidaten; Thédenat deutete mit dem Finger auf das an der Tür angebrachte Plakat:

Französische Republik

Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit – Gerechtigkeit

Tod den Dieben!

»Jedes auf frischer Tat des Diebstahls ertappte Individuum wird sofort erschossen.«

»Sie wünschen, Bürger?« redete ein Nationalgardist sie barschen Tones an. Ein Offizier löste sich aus einer Gruppe. Sie mußten sich näher erklären. »Bürger Fernol? ... Dort!« Der Offizier deutete auf eine breite Treppe. »Zum Zentral-Komitee, passieren lassen!«

Sie mußten über Schläfer hinwegsteigen. Eine aus menschlicher Ausdünstung, aus Tabak-, Wurst- und Weingerüchen gemischte Atmosphäre stieg ihnen erstickend in die Kehle. Sie überwanden ihren Widerwillen: essen, trinken und schlafen, damit befriedigten diese armen Leute doch nur die gemeinsten Bedürfnisse. Thédenat sprach mit gedämpfter Stimme: »Die Cervelatwurst kann doch nichts dafür, daß sie nicht so gut riecht wie die Trüffel!« Sie durchschritten einen ungeheuren Saal, in dem ein wildes Gelage stattfand; Wachen sangen vor sich hin, eine betrunkene Kellnerin hielt zwei Männer eng mit ihren Armen umschlungen, so daß die beiden Krausköpfe an ihrem Busen wackelten. Sie irrten durch andere Säle; überall auf den Tischen, den Bänken schlafende, schreibende oder spielende Beamte. Keiner kümmerte sich um sie.

Sie wollten eine mit goldenen Leisten verzierte Türe öffnen; ein Mann in Bluse, der die Wache hatte, hielt sie an: »Hier ist das Zentral-Komitee.« Poncet war im Begriffe, nach Fernol zu fragen, als die Tür sich öffnete. Der Lärm heftiger Diskussionen drang herein. Sie hatten Zeit, einen Blick in einen geräumigen, gelben Salon zu werfen, wo im Lichtschein der Lampen eine Gruppe von Uniformen einen ovalen Tisch umgab; sie erblickten fieberhaft erregte Gesichter, gestikulierende oder herabhängende Arme, in Fauteuils zurückgelehnte Gestalten.

Die Tür hatte sich wieder geschlossen; zwei Männer standen vor ihnen, ein rotes Abzeichen im Knopfloch.

»Fernol!« rief Thédenat.

Der Zimmermann, mit aufgeknüpfter Krawatte und, wie immer, in blauem Samtrock, erkannte sie. Doch sein Gruß war unfreundlich, er witterte Vorwürfe, und sein abweisender Blick schien sagen zu wollen: »Was wollen Sie denn noch von uns!« Bei Poncets ersten Worten verzerrte sich sein bärtiges Gesicht, seine Augen rollten: »Die Mairien? Was ist's damit? waren sie Eigentum von Paris oder nicht? Man hatte sie, und man behielt sie! Das würde doch keinen abhalten, morgen seine Stimme abzugeben, nicht wahr? Die Guten kämen, und auf die anderen könnte man verzichten.«

Er schlug sich auf die Brust:

»Wenn Paris gerecht ist, wird es die Reinen wählen!« ...

Das andere Komiteemitglied stimmte bei.

»Diejenigen, die nach erfüllter Pflicht es nicht für notwendig gehalten haben, ihre Namen auf die Listen zu setzen und sich darin auf die Weisheit und die Dankbarkeit ihrer Mitbürger verlassen!«

»Entschuldigen Sie uns,« sagte Fernol, »dringende Arbeiten rufen uns.«

»Nur ein Wort noch,« bat Thédenat. »Erlauben Sie, daß ich Sie an Ihr Versprechen erinnere: Chanzy!«

Er hatte wiederholt sich für die Enthaftung des Generals eingesetzt. Fernol entgegnete mit großartiger Geste:

»Seien Sie beruhigt! Das Komitee hat einstimmig beschlossen, ihn aus der Gefangenschaft zu entlassen. Er wird sogleich mit seinem Kollegen Langourian hier erscheinen. Wir verlangen von ihnen nur, daß sie die Waffen nicht gegen ihre Brüder gebrauchen. Babick und General Cremer sind im Begriffe, die Gefangenen aus ihrer Haft zu befreien. Das ist die Großmut des Volkes.«

Und mit einem Gruße voll olympischer Hoheit verließ er sie, um so schneller, da er Jacquenne gewahrte, in dem er bereits einen der morgigen Gewählten haßte.

»Schöne Großmut,« flüsterte Poncet seinem Freunde ins Ohr. »Sie haben ihre Beute erst freigegeben, als das Kompromiß mit den Bürgermeistern unterzeichnet war, – als sie keine Garantien mehr benötigten.«

Jacquenne kam raschen Schrittes auf sie zu und streckte ihnen seine hagere Hand entgegen:

»Was tun Sie hier? Womit kann ich Ihnen dienen?«

Er fühlte sich hier schon als Herr und Gebieter.

»Uf!« machte er. »Es ist Zeit, daß diese Schwätzer uns den Platz überlassen! Welch ein Jammer! seit dem zweiundzwanzigsten sollten die Wahlen bereits geschehen, Paris in seinem Palast installiert und gemeinsam mit Frankreich von den jetzt wutschnaubenden Memmen von Versailles befreit sein! Wäre man gleich den ersten Tag gegen sie losgegangen, so hätte man sie alle ohne einen Flintenschuß hinwegfegen können. Adieu dann, antinationale Nationalversammlung! ... Das Löschhorn über Thiers! ... Sämtliche Städte hatten die Kommune proklamiert. Sehen Sie Lyon ... Ah! diese Kühnheit! ... Keiner wagt es. Die Internationale Arbeiter-Föderation zum Beispiel hat fünf Tage gebraucht, ehe sie sich entschloß, dem Komitee zu Hilfe zu kommen.«

Er zuckte die Achseln:

»Ich las neulich Ihre Kundmachung, Poncet! Sich auf Seite der Bürgermeister stellen ... Sie scherzten wohl? ... Doch im Ernst: konnte ein Mann von Ihrer Intelligenz denn wirklich glauben, daß Bürgermeister und Deputierte für die Nationalversammlung etwas anderes sein könnten als ein Spielball ihrer Launen? Beweis dafür ist die Wut, welche heute nachmittag den Ministerrat ergriffen hat – o, ich bin gut berichtet! – als er erfuhr, daß Saisset den unnützen Plunder: Grand-Hotel und Bahnhof Saint-Lazare, im Stiche gelassen und die drei Glatzköpfe und den Pfaffen, die ihm geblieben sind, laufen gelassen hat... Sie, die trotz aller Bitten des Admirals sich nie entschließen konnten, Passy und Levallois zu besetzen. Als hätte es ihnen unter diesen Umständen mit seinen bei Batignolles abgeschnittenen Kommunikationen, isoliert und in Paris verschwindend, noch irgendwie von Nutzen sein können ... Aber nein, sie hätten es gern gesehen, daß es sich ganz allein vierzehn Tage lang gehalten hätte. So lange brauchten sie, um ihre Soldaten wieder aufzufrischen. Thiers hat es heute zu Tirard gesagt. Jawohl! und zwar vor Zeugen: ›Unterzeichnen Sie den Kompromiß, wenn Sie wollen! Für einige Tage muß das Blutvergießen verhindert werden ...‹ Mit anderen Worten: Paris soll sich gedulden, bis ich es zu der mir geeignet erscheinenden Stunde zur Ader lasse! – Und zu vielen anderen hat er sich geäußert: ›Ich werde ein furchtbares Exempel statuieren!‹... Haha! Louis Blancs Vorschlag! ... Die Bürgermeister werden schon sehen, wie die Nationalversammlung ihre Unterschriften sichern... zu ihnen sagen wird: ›Die Komödie ist aus, Sie können gehen!‹ Das wird der ganze Dank sein, den sie davon haben werden...«

Von Jacquennes tiefer Überzeugung fortgerissen, von ihren eigenen Befürchtungen bewegt, betrachteten der Historiker und der Chemiker dieses Antlitz, das den Stempel einer unbeugsamen Willenskraft trug, diese harten, kalten Augen. Jacquenne fuhr fort:

»Glauben Sie mir, Thédenat, der Sie die Geschichte schreiben und sich weigern, die Geschichte richtig zu lesen! Die Gemäßigten glauben, dem Fortschritt zu dienen, und sie verzögern ihn. Es ist das ein ehernes Gesetz: der Fortschritt der Menschheit vollzieht sich nur sprungweise, in blutigen Erschütterungen. Eine dieser Stunden schlägt jetzt. Seit zwanzig Jahren hoffe ich auf sie, harrt ihrer eine entehrte, gedemütigte Menge. Nun nützt kein Diskutieren und kein Stöhnen mehr. Nun heißt es handeln!«

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