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Die Kommune. Band 1

Victor Margueritte: Die Kommune. Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorPaul und Viktor Margueritte
titleDie Kommune. Band 1
publisherBuchhandlung »Volksstimme«, Maier & Co.
printrun3.-23. Auflage
year1912
translatorU. Fricke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080120
projectid65cd0945
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II.

»Nehmen Sie alles fort, Martha«, sagte Thédenat zur Aufwartefrau, auf einen Haufen entfalteter, zerknitterter Zeitungen deutend, die unter seinem Schreibtisch lagen.

Als artiger Mann bückte er sich gleichzeitig selbst und half ihr, die verstreuten Blätter aufzuheben. Täglich durchflog er deren wenigstens zwanzig und schnitt in leidenschaftlichem Interesse für die lebendige Weltgeschichte, die vor seinen Augen die Stunden schrieben, die markantesten Stellen als künftige Zeugen heraus. Seine Frau heftete sie pietätvoll auf breite, mit Anmerkungen versehene Blätter. Aus ihnen sollte später, wenn ruhigere Zeiten ein ruhigeres Urteil gestatteten und die Wunde zu bluten aufhörte, eines jener Bücher hervorgehen, in denen der große Gelehrte mit jener Divination, die seine Vorlesungen im College de France durchleuchtete, ein so feines und richtiges Gefühl vereinte.

Brummend sammelte Martha die Zeitungen in ihrer Schürze – ein Gewirr von Meinungen, ein mißtönendes Konzert, in denen schrill und falsch alle Noten sich vernehmen ließen, vom Figaro und dem Paris-Journal bis zum Vengeur und zum Cri du Peuple ... »Na«, sagte sie, »das möchte ich nicht um ...«

Mit ausdrucksvoller Miene seufzte sie:

»Ach! wenn der Kaiser doch da wäre!«

Thédenat lächelte. Gattin eines Stadtsergeanten, huldigte Martha dem Fetischdienst einer Zeit, da ihr Eheherr mit gewichstem Schnurrbart à la Napoleon auf den Straßen des Viertels herrschte. Schöne, längst entflohene Tage! ... Jetzt ließ er seinen Bart wachsen und hatte die schöne Uniform mit dem unansehnlichen Zivil vertauscht ... Wieder ein Seufzer, während sie den Haufen Papier forttrug.

»Wegen so einer Lügengeschichte ist Villoir gestern erst mit einem geschwollenen Aug' nach Haus gekommen! ... Sie brauchen jetzt nichts mehr? Das Essen steht auf dem Feuer. Ich gehe. Schön guten Abend!«

Die Dämmerung brach herein; trübsinnig gedachte Thédenat der unheimlichen Traurigkeit dieser Tage, in denen die Furcht vor der Zukunft sich zu der Bitternis der Vergangenheit gesellte. Keine andere Zuflucht, als die furchtbare Qual der Gegenwart. Und nun sollte der Leidensbecher bis auf die Neige geleert werden: morgen schändeten die Preußen Paris mit dem frechen Triumph ihres Einzugs ...

Mit der Ohnmacht seiner fünfundsechzig Jahre, die das Gefühl seines Alters und seiner Schwäche ihm nur noch demütigender erscheinen ließ, litt er in seinem Mannesstolz, in seiner Liebe zum Vaterlande, dessen leuchtende Größe er, der Erforscher des heimatlichen Bodens, der Erklärer der Rasse, klarer als jeder andere begriffen, begeisterter als jeder andere gefeiert. Er durchlebte die grausamste Zeit seines Lebens, er empfand für alle die Schmach und Erniedrigung. So sollten denn zweimal – als Kind und als Greis – seine Augen Das erblickt haben, was seit zwei Jahrhunderten Frankreich nicht gesehen hatte. Und nun waren die Schatten um ihn her schon zu tief, als daß er hätte hoffen dürfen, noch einmal die Sonne der Revanche aufgehen zu sehen.

Frau Thédenat war auf den Fußspitzen eingetreten und blieb stehen, da sie ihn so nachdenklich auf seinen Schreibtisch gestützt sitzen sah; ob er arbeitete? Er schüttelte den Kopf. Sie versuchte, ihn mit einem Lächeln zu trösten. All ihr Dasein freundlicher Zweisamkeit, all die Jahre liebenden Vertrauens und tiefer Verehrung lagen in dem Blicke, den sie miteinander tauschten. Mit mütterlicher Zärtlichkeit strich sie sanft über die weißen Locken ihres Mannes. Sie deutete auf die Abendsonne, die einer zarten Seide gleich sich über die Riesenstadt spannte, deren trüber Hauch bis in ihr stilles Zimmer drang. Jenseits des noch schwarzen Luxembourggartens, in dessen Bäumen und Sträuchern leise sich der Saft schon regte, breitete sich der bläuliche Horizont. Über dem todwunden Frankreich sollte ein neuer Frühling aufgehen.

»Hier«, sagte sie, »zwei Briefe!«

Der eine, mit dem Poststempel Mainz, war vom Major Pierre Du Breuil. Seit der Postdienst wieder eröffnet war, hatte der Gefangene von Metz schon zweimal an den Gelehrten geschrieben. Er hatte ihn an seine Prophezeihungen vor Beginn des Krieges erinnert, ihn zum Vertrauten der moralischen Krisis, in der er sich befand, und all seiner Zweifel gemacht und bei dem alten Freunde seines Vaters wie bei einem Seelenarzte Rat und Trost gesucht. Thédenat malte sich das Bild des jungen Mannes, die elegante Gestalt in der kleidsamen Gardeuniform, die breite Stirn, die braunen Augen, den weichen Schnurrbart, die heitere Miene ... Ach ja, Gravelotte, der Donnerschlag von Sedan, der Kot von Metz, die Gefangenschaft – genug, um die Leichtherzigsten ernst zu machen. Du Breuil sprach von seiner Hoffnung auf baldige Heimkehr.

Der andere Brief kam aus Bordeaux, von dem Chemiker Poncet. Martials Vater kam aus dem Zorn über die Bestrebungen und den Geist der Nationalversammlung nicht heraus; er erzählte, daß der Herzog von Aumale und der Prinz von Joinville, in Libourne gelandet, erwartet wurden und ihre Wahl durchzusetzen hofften ... Weiter berichtete er den Entschluß der Kammer, für den Präliminarvertrag, den Thiers ihr brachte, zu stimmen. Jedes seiner Worte verriet seinen Zorn über diesen feigen Frieden, sein Bedauern, nicht mehr mit der Delegation an der ungeheuren Verteidigungsarbeit beteiligt zu sein.

Schwermütigen Sinnes betrachtete Thédenat, die Augen ins Freie gerichtet, diesen Horizont, über den während der Belagerung so oft sein Blick forschend geschweift, der Hilfsarmeen, der befreienden Provinz harrend, die dort hinter dem Kreise der feindlichen Batterien auftauchen sollten ... Doch ach! die Provinz war nicht gekommen!

Da durchschrillte plötzlich der scharfe Ton der Türklingel das in dem kleinen Gemach herrschende Schweigen. Thédenat zuckte zusammen, seine Frau erhob sich erschreckt, um zu öffnen. In diesen Monaten der Aufregung und der Unsicherheit, die ihr regelmäßiges Dasein in Schwanken gebracht, konnte man nie wissen, welch neues Unheil ein neues, unbekanntes Gesicht bringen konnte. Doch schnell beruhigt, rief sie aus:

»Sie sind es, Herr Martial?«

Seit Ninis Tod sah sie ihn stets mit einem Gefühle liebevollen Mitleids kommen; diesen Abend jedoch, da er so erschöpft, so leichenblaß, so nur mit Mühe sich aufrecht haltend vor ihr stand, vermochte sie die besorgte Frage: »Mein Gott, was ist Ihnen denn?« nicht zurückzuhalten.

Thédenat hingegen brauchte nicht erst zu fragen; mit seinem durchdringend forschenden Blick erriet und beklagte er seinen jungen Freund auch ohne Worte.

Stumm hatte Martial sich in den neben dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl sinken lassen. Hier hatte er einen Augenblick der Ruhe und des Aufatmens zu finden gehofft. Wie mutete ihn in dem bescheidenen Zimmer doch alles so vertraut an, die mit abgenützten Büchern angefüllten Regale, der Perseus aus Gips auf dem Kamin, die Haufen von Manuskripten, – wie rief ihm alles die schreckliche Vergangenheit zurück mit ihrer fieberhaften Aufregung, ihre Gespräche beim Eintreffen neuer Unglücksnachrichten, bei dem furchtbaren Pfeifen der Granaten ... Er vermochte den Druck nicht abzuschütteln, mit dem die Erinnerung an die Schrecken der Belagerung, der Gedanke an das morgige Ende auf ihm lastete. In seinen Adern kochte noch das Blut, das die vorgestrige Nacht in ihm entzündet.

Trotz seiner tödlichen Müdigkeit, mit der er am frühen Morgen, nach dem vergeblichen Harren auf den Wällen, in seine Behausung zurückgekehrt war; trotz des bleiernen Schlafes, der seiner Erschöpfung gefolgt war; trotz der anstrengenden Arbeit, mit der er diesen Nachmittag seine Erschlaffung abzuschütteln versucht hatte, fühlte er noch immer den Taumel dieses sinnlosen Marsches. Wie ein Schwindel war's, der seine Erschöpfung noch trostloser machte, ihn in einen Zustand dumpfer Verzweiflung versetzte. Es ekelte ihn vor allem, er hatte einen bitteren Geschmack im Munde, seine Willenskraft war wie erstorben. Er wunderte sich fast, als Thédenat ihn fragte:

»Wissen Sie, was vorgeht?«

Nein, er wußte es nicht. Was konnte noch geschehen? ... Die Preußen? ... Ach ja! Beim Verlassen des Hauses hatte er die zweite Ankündigung der Regierung gelesen, den Tagesbefehl Vinoys, zur Ruhe mahnend.

Thédenat fuhr fort:

»Man hat recht. Vorgestern war ich mit ganzem Herzen bei eurer Sache ... Die Erregung des ersten Augenblicks ... Aber man muß gerecht sein. Jede Gewalttat, vorgestern noch begreiflich, wäre heute beklagenswert und verhängnisvoll. Wir müssen das Lösegeld für Belfort zu zahlen wissen. Daß das heroische Städtchen uns erhalten bleibt, das muß uns über die Schmach trösten, ein Stadtviertel von Paris für einige Tage in den Händen der Deutschen zu sehen... Es liegt in diesem teilweisen, auf die Zeit der Ratifizierung der Präliminarien beschränkten Eindringen des Feindes etwas Unvollkommenes und Flüchtiges, das im Grunde genommen den Besiegten mehr als den Sieger ehrt.«

Martial hob abwehrend die Hand. Ihn konnte nichts von seiner Überzeugung abbringen.

»Mein armer Junge«, sprach Thédenat weiter, »alles stimmt darin überein. In der Corderie haben die Überbleibsel der Volkskomitees sich gerührt. Die Delegierten der 20 Arrondissements, die Internationale Arbeiterverbindung, die Syndikatskammern – und daß ihr Patriotismus keinen Zweifel gestattet, das haben sie während der Belagerung bewiesen, – sie alle haben es gefühlt, wie der sinnlose Mut der Nationalgarde Paris dem Abgrund entgegentrieb. Sie haben das provisorische Zentralkomitee beschworen, auf der schiefen Ebene innezuhalten ... Sehen Sie hier das Manifest, das letzteres, sich ihren Vernunftgründen fügend, veröffentlicht hat...«

Er reichte dem jungen Manne einen Zeitungsausschnitt, der, schwarz umrandet, die gebieterische Ankündigung enthielt: »Jede aggressive Handlung würde als Vorwand zum Sturze der Republik dienen ... Die vom Feinde besetzten Stadtteile sollen durch Barrikaden isoliert werden ... Die Nationalgarde, im Verein mit der Armee, soll jede Kommunikation mit der übrigen Stadt verhindern...« Thédenat verlas die neunundzwanzig unbekannten Namen dieser aus der Erde gestampften Gewalt.

Kennen Sie darunter noch andere, als Fernol?« fragte er Martial ... »Jacquenne hat mir ziemlich übellaunig gesagt – dieser Veteran der Republik mißtraut dem Eifer und der Unerfahrenheit dieses Nachwuchses – daß es Kleinbürger, Krämer, Handelsangestellte seien, sämtlich außerhalb ihres Viertels völlig unbekannte Leute ... Sie besitzen und sind die anonyme Kraft des Volkes ... Die reaktionären Blätter sprechen von einem Komplott, einer organisierten Revolution. Und doch sehe ich keinen, der die Führung hätte. Die Komitees der Corderie möchten vielleicht. Doch sie sind voller Auflösung ... Wer also dann? Nicht aus sich selbst, noch aus ihrem Komitee schöpft die Nationalgarde ihre furchtbare Macht, sondern aus der Menge der Fehler, welche die verantwortlichen Machthaber, von Trochu bis Vinoy, von Favre, bis zur Nationalversammlung, angehäuft haben und immer noch anhäufen. Gestern nacht hat man das Gefängnis von Saint-Pelagie erbrochen, Brunel und Piazza, die Führer des letzten Aufstandes, befreit. Dieser Aufstand jedoch, der letzte Wutausbruch der Stadt bei der Verkündigung des Waffenstillstandes – wer anders hat ihn provoziert als jene, deren Unverstand Paris preisgegeben hat? Die Munitionen der für die Okkupation designierten Sektoren werden regellos weggebracht. Warum hat man sie dort gelassen? Und diese Sektoren selbst, von denen die ganze Belagerung abhing, hat man sie nicht der Zerstörung preisgegeben, hat man nicht jeden Moment die Chefs, die Aufstellung gewechselt? Niemand kennt sich mehr darin aus! Ja, ich weiß, Martha hat es mir gesagt, die Mobilgarden der Seine sind im Begriff, die Kaserne de la Pepiniere zu stürmen, sie versuchten, die Marinesoldaten zur Desertion zu bewegen und führen sie am Arm in die Bastille. Die Klubs toben; auf Montmartre werden Barrikaden errichtet; die Truppen haben Belleville und Menilmontant geräumt. An einigen Stellen hat man die Wälle neu bewaffnet ... Was steht uns morgen bevor?«

Sinnend schüttelte er den Kopf und fuhr fort:

»Ich weiß es nicht. Nur das eine weiß ich: daß nie ein Volk, niemals Paris sich in einem solchen Zustande der Verzweiflung befunden hat ... Nie auch hat unsere Stadt so sehr der Herren und Führer bedurft, die die nötige Größe der Auffassung, die Milde und die feste Hand besäßen, die es verständen, das Volk zu lieben, zu begreifen und geduldig seine Wunden zu heilen.«

Und Poncets Brief ergreifend, reichte er ihn Martial hin:

»Ihr Vater schreibt mir aus Bordeaux. Ich fürchte gleich ihm, daß man sich dort des Ernstes der Ereignisse nicht bewußt ist...«

Martial warf einen müden, zerstreuten Blick auf das Papier. Selbst die Freude, die Seinen bald wiedersehen zu dürfen, ließ ihn unbewegt. Wie leerer Schall drangen Thédenats Worte an sein Ohr. Das Feuer seiner Begeisterung war erloschen, und er versank in eine Niedergeschlagenheit, in der nur ein einziger Gedanke noch, die Folter der vollendeten Patrache ihm im Bewußtsein blieb. Nichts – er war nichts, er vermochte nichts, – nichts! Er lehnte Frau Thédenats Einladung ab. Nein, er wäre ein gar ungemütlicher Tischgenosse. Es drängte ihn jetzt, diese Hände zu fliehen, die sich freundschaftlich ihm entgegenstreckten, das Speisezimmer, das mit seiner altmodischen Traulichkeit, mit dem Geflatter der Kanarienvögel, mit dem gedeckten Tisch und den geblümten Tellern um so schmerzlicher seinen Drang nach Einsamkeit schürte ...

Im Finstern tappte er die Treppe hinab. Über sich hörte er das Geflüster von Stimmen – es waren MéIie und der Buchbindergehilfe. Tinet wehrte sich gegen seine Gefährtin, die ihn mit unsanften Worten ins Bett trieb. Er kam an der verschlossenen Tür der Delourmels vorbei, malte sich das Bild der beiden Alten aus, ihr friedliches Beisammensein. Fast beneidete er sie.

Im zweiten Stock ein anderes Ehepaar, glückliche Leute, die Noyers, ein Stadtrat und seine Frau. Während der Belagerung fern von Paris weilend, hatten sie bei ihrer Heimkehr voll Entsetzen ihre Wohnung von Landleuten aus Clamart, Pacaut mit Sippschaft und Tieren, besetzt gefunden ... Alles zerfetzt, beschmutzt, die ganze Wohnung in einen Stall verwandelt! Da sie aber wegen ihres unerträglichen Hochmuts im Hause wenig beliebt waren, wurden sie jetzt auch von niemand bedauert.

Im ersten Stock begegnete Martial dem Mieter, Blacourt, der in strohgelben Handschuhen und lichtem Überzieher seine Wohnung verließ. Er hatte in den Speisehäusern der Boulevards seine luxuriöse Lebensweise wieder aufgenommen, gerade so wie in den Zeiten des Kaiserreichs. Seine glänzend gestriegelten Pferde, vor ein neues Phaëton gespannt, standen ungeduldig stampfend vor dem Haustor. Martial tat, als bemerkte er Blacourts Gruß nicht und ging rasch an Frau Louchard vorbei, die, die Hände über dem von der, Wassersucht aufgetriebenen Leib gekreuzt, bewundernd von ihrer Loge aus dem sensationellen Abmarsch zusah. Sie rief den Bildhauer.

»Das geht doch nicht, gnädiger Herr, daß sie zu Hause bleiben? Alles ist ja auf der Straße. Es geht alles drunter und drüber! Mein Mann ist fort mit Herrn Thérould, der zu Ihnen hat wollen. Sie müssen in der Versammlung der »Marseillaise« Reden halten.«

Kopfschüttelnd erreichte Martial das Atelier und warf sich, ohne auch nur die Lampe anzuzünden, auf das schmale, nun viel zu breite Bett; von dem Gefühl furchtbarer Vereinsamung übermannt, sich in die Fäuste beißend, um nicht laut aufzuschluchzen, vergrub er das Gesicht in die Kissen, den Schlaf herbeisehnend und mit ihm die Bewußtlosigkeit, das Vergessen.

Den nächsten Morgen, Mittwoch den 1. März, spannte sich ein tiefblauer Himmel über die Stadt, leuchtete vergoldender Sonnenschein auf die Plätze und Straßen herab, die von wilderregten Menschenmassen wimmelten. Die glücklicherweise von den Deutschen abgewendet Revolte bebte in allen Gemütern nach. Bei der Mühle von La Galette waren Geschütze aufgepflanzt, die Mündung gegen den eindringenden Feind gerichtet. Hie und da ertönte das Sammelsignal; Kompagnien vom Montmartre stiegen bis Saint-Augustin herab, um den Feind zurückzudrängen; die in Permanenz erklärten Klubs spieen Gift und Galle; die Plünderung der Munitionen dauerte fort; die roten Bataillone zerstörten nach ihren eigenen Kanonen diejenigen ihrer Nachbarn; lärmend rasselten die Geschütze durch die Straßen; von Angst ergriffen, gab Binoy nach und erkannte offiziell der Nationalgarde das Recht zu, fortan ihre eigene Artillerie zu behalten.

Die Seele von Paris wandte sich ungeteilt dem preisgegebenen Stadtteil zu, dem weiten, von Barrikaden umgebenen Raume, der von einer doppelten Reihe von Posten bewacht und von berittenen Patrouillen durchstreift wurde. Die Seine, die Tuilerien, die Rue Saint-Honoré, die Avenue des Ternes umschlossen eine Wüste des Schweigens und der Trauer, deren Trostlosigkeit durch die geschlossenen Läden noch erhöht wurde. Der erste Kordon wurde durch das Militär gebildet; die anfangs wenig zahlreiche Nationalgarde mußte sich damit begnügen, den zweiten zu ziehen und als Barriere zwischen ihren bis zur Überspannung gereizten Kameraden und dem Feinde zu dienen.

Um acht Uhr erschienen in den Avenuen de la Grande-Armee und de I'Imperatrice die ersten Kolonnen. Die Spitze der Avantgarde erreichte im Galopp den Arc de Triumphe. Gewaltig, majestätisch hob das stolze Bauwerk sich vom klaren Azur des Himmels ab; Vögel umflatterten die Basreliefs. Die Umfassungsketten, die Haufen der aufgetürmten Pflastersteine füllten die Wölbungen und versperrten den Weg. Streng und doch voll stiller Ironie blickte der Riesenbogen von der Höhe seines Ruhmes herab; mit allen Stimmen seiner glorreichen Inschriften rief er dem deutschen Eroberer ein »Fort mit euch!« zu. Auf den Steinhaufen kauernde Gassenjungen pfiffen und heulten.

Bei der die Avenue de l'Imperatrice abschließenden großen Barrikade nahm die bayrische Artillerie Aufstellung, die hier zusammentreffenden Wege beherrschend. Einzelne Detachements besetzten rechts und links die ersten Häuser. Man jagten die acht Eclaireure der Tete mit verhängten Zügeln durch die Champs-Elysees. Es waren grüne Husaren, die Karabiner in der Faust. Sie voltierten und vollführten allerlei kühne Wendungen, sie machten an den Kreuzungen Halt und stürmten durch die Straßen bis zum Platz de la Concorde. Dann kehrten sie an die Tete der marschierenden Kolonne zurück. Der Weg war frei.

Den Offiziersstab und die Musik an der Spitze, rückten schweren und rhythmischen Schrittes, inmitten einer beklemmend lautlosen Stille, die Deutschen ein. Beim Industriepalast machten sie Halt, wahrend der Stab bis zum Platz de la Concorde vordrang. Die ausgetrockneten Fontänen, die Tuilerien, in denen kein Springbrunnen plätscherte, die von den Häusern wehenden schwarzen Fahnen verliehen dem Platze ein kahles, düsteres Aussehen. Im Schritt machten die Offiziere die Runde. Alle die Statuen der französischen Städte, die majestätisch auf ihren Piedestalen saßen, hatten das Haupt mit schwarzen Schleiern umhüllt. Die noch mit Flaggen und Kränzen geschmückte Statue von Straßburg trug, wie die anderen, eine Trauerbinde vor den Augen. Bei der linken Fontäne drängten sich sieben oder acht Männer bis dicht an die Köpfe der Pferde und liefen:

»Es lebe die Republik!«

Um halb zehn Uhr zog eine zweite bayrische Vorhut durch die verödeten Champs-Elysees. Erst um drei Uhr, nach der bei Longchamps durch Kaiser Wilhelm abgehaltenen Parade, erschien das Gros der Detachements. Ein Korps von dreißigtausend Mann, das unter dem Kommando des Generals von Kamecke ausgewählte Bruchstücke der gesamten Armee vereinigte, hielt unter den Klängen der Siegesfanfaren seinen Einzug unter Vorantritt der Menge der Generäle und Fürsten.

Martial, bei Tagesanbruch erwacht, hatte sich in sein Atelier eingeschlossen und seinen Arbeitskittel angelegt. Das helle Tageslicht, das durch die Fenster einfiel, das klare Blau des Himmels dünkten ihn ein neuer Hohn; wütend versuchte er, seine Gedanken und seinen Schmerz in den formlosen Ton einzukneten. Langsam vergingen die Minuten. Ein Pochen an der Tür riß ihn aus dieser freudlosen Arbeit. Es war Thédenat, der zu ihm kam, um ihn aus seinem qualvollen Brüten zu reißen. Lieber dem gemeinsamen Unglück ins Auge schauen, als hier sich in marternder Einsamkeit verzehren. Das geschichtliche Interesse überwog bei ihm das Gefühl. Dieses furchtbare, aber unvergleichliche Schauspiel durfte er sich nicht entgehen lassen. Er war der Geschichte, sich selbst seine Zeugenschaft schuldig.

Unterm Haustor begegneten sie Louchard, der jetzt erst von der Marseillaise heimkehrte. Obgleich gänzlich stimmlos, schickte er sich doch an, von seinen nächtlichen Heldentaten zu erzählen. »Mehr als viertausend, Herr Thédenat! Und was für Anträge? Wir haben beschlossen, die Tore zu besetzen, uns heute früh des Rathauses und der Polizeipräfektur zu bemächtigen; wir haben einen General ernannt: Darras heißt er. Zeitlich früh hat man Pulverfässer in den Saal gerollt. Nämlich, um den alten Wilhelm im Elysee in die Luft zu sprengen. Die Beratungen haben bis Mittag gedauert. Na, und was für eine schöne Gelegenheit mir hier fehlgeschlagen ist! Freunde von mir haben das Depot vom Pantheon gesäubert und hunderttausende von Kartätschen in Sicherheit gebracht. Die Preußen werden's schon zu fühlen bekommen.«

Und ihnen den Rücken kehrend, setzte er sich gewichtig in das große in der Loge befindliche Fauteuil. Schweigsam angesichts dieser Parodie des Patriotismus entfernten sich Thédenat und Martial. War das bloße Albernheit, war's tolle Überzeugung?

»Weder das eine, noch das andere«, sprach Thédenat, »Louchard ist einer jener wissentlich bösartigen Menschen, die auch die schönste Sache kompromittieren können. Glücklicherweise gibt es nicht viele seinesgleichen.«

Sie durchschritten den stillen Faubourg Saint-Germain, in dem alles Leben aufgehoben schien. Auf der Brücke de la Concorde hielten die Wachen nur die Leute in Uniform an. Sie betraten den Platz.

Inmitten einiger Neugieriger bewegten sich deutsche Offiziere zu Pferde in kleinen Gruppen auf dem Platze. Die Zigarre im Munde, betrachteten sie den Obelisk, die Statuen, besonders jene von Straßburg. Auf ihre lorbeergeschmückten Kanonen gestützt, standen einige Bayern vor den dort aufgestellten photographischen Apparaten; rechts und links von den Pferden von Marly reihten sich die Batterien.

Martial und Thédenat zweigten in eine der Seitenalleen der Champs-Elysees ab. Je näher man dem Rondel kam, je zahlreicher wurden die Zuschauer, die sich zumeist aus Bürgern und Leuten aus dem Volke rekrutierten: Frauen, Kinder, Greise. Sie bildeten eine lebendige Hecke und sahen unter Ausrufen und Gelächter den mächtigen Strom der Barbaren vorüberziehen. Man vernahm halblaute Schmähworte wie: »Ich möcht' es ihnen eintränken!« »Seht, seht, diesen Kopf! Diese Hosen! Wie im Karneval! Laß dir doch ein paar Zigarren von ihnen geben! Die Schweine!« Aus den Fenstern der Paläste neigten sich elegant gekleidete Damen und Dandys.

»Die Maulaffen!« seufzte Thédenat, »diese unverbesserliche und verächtliche Nachsucht! Was aber bedeuten einige hundert Narren gegen eine Million von Parisern, die jenseits der Barrikaden um uns her knirschend ihre Zügel zerbeißt und ihre Schmach mit Würde trägt?«

Der herrliche Tag neigte seinem Ende zu. Die hinter dem Triumphbogen untergehende Sonne beschien mit ihren letzten Strahlen die endlose Invasion. Seit einer Stunde, die sich ihnen zu einem Jahrhundert dehnte, betrachteten Thédenat und Martial, der eine von Betäubung übermannt, der andere voll schmerzlichen Interesses dieses Defilee, in dem alle Stämme Deutschlands sich vereinigt zu haben schienen, um sich hier in ihrem Glanz zu zeigen, und dessen Kraft und Präzision herzbeklemmend wirkten.

Endlos, unaufhörlich wälzte die Lawine sich weiter, die blauen Röcke der bayrischen Jäger, die strammen Reihen der preußischen Infanterie. In das mechanische Gedröhne der Schritte mischte sich der schrille Ton der Pfeifen, die heiteren Klänge der Musik. Über den stolz erhobenen Köpfen flatterte die gelbe Seide der Standarten, der gekrönte schwarze Adler. Gleich Sonnenblitzen funkelten von einem Ende der Avenue zum anderen die Spitzen der Bajonette, das Gold der Helme, der blitzende Stahl der Panzer. Mit besonderem Interesse betrachtete Thédenat die Totenhusaren, die blauen Dragoner, die Ulanen mit den fähnleingeschmückten Lanzen. Und angesichts dieser glänzenden Offiziere, die so fest und sicher auf ihren mit gestickten Schabracken geschmückten Pferden saßen, angesichts dieser Eroberer mit den eckigen Schultern und den blonden Bärten anerkannte er die germanischen Tugenden, den Geist der Einheit und der Ordnung, die fromme Vaterlandsliebe, all das, was in diesem wildesten der Kriege ihnen zum Siege verholfen hatte. So groß und unbestreitbar auch die Vorzüge Frankreichs blieben, jetzt konnte es von seinen Nachbarn lernen.

Sie wandten sich heimwärts. Der Abend war schnell hereingebrochen. Unter den Bäumen wurden die Feuer der Biwakküchen entzündet, die Pferde käuten ihr Futter. Die Champs-Elysees leerten sich. Thédenat und Martial beschleunigten ihre Schritte. Immer dichter wurden die Schatten. Gleich einem riesigen Gespenst bewegte sich die fremde Armee im Dunkel der Nacht. Die Luft war drückend weich. Thédenat nahm Martial untern Arm und zog ihn wortlos mit sich fort. All das Dunkel um sie her drang in ihr Inneres.

Nachtwandlern gleich schritten sie den Weg zurück, den sie vor Stunden gegangen.

Wenige Passanten nur schlichen noch die Mauern entlang. Man sprach mit leiser Stimme, wie bei einer Totenwacht. Mit einer Art heiligen Grauens durchlebte Martial, unfähig seine Gedanken abzuschütteln, noch einmal all die Qualen dieser letzten Tage. Er war wie zermalmt, ein armseliges, seelenloses, gedemütigtes, zu Boden geschmettertes Etwas. Thédenat dachte angesichts der finsteren Straßen: »Dies ist so recht das Herz Frankreichs, diese tapfere Stadt, die sich selbst zu bezähmen gewußt hat, dieses Paris, in dem der Sieger verwundert, an einen bestimmten Ort verwiesen, auf dem Qui-vive bleiben muß, dieses Paris mit den geschlossenen Schaufenstern, das heute morgen keine Zeitungen, heute nachmittag keine Börse und keine Gerichtsverhandlungen hatte, das seinen Atem anhält und dessen Blut ich unter der so würdigen Haltung beben und wallen sehe ...« In düsterer Trauer dehnte sich der Luxembourg. Der Pantheon glich einem Grabe.

Nicht den nächsten und nicht den zweitnächsten Morgen fand Martial den Mut, sich zu rühren. Man brachte ihm seine Mahlzeiten aus der »Roten Kuh«. Am Donnerstag abend brachte Delourmel, der ausgegangen war, um statt seiner erkrankten Frau Vorräte einzukaufen, die Nachricht mit, daß die Nationalversammlung in Bordeaux in feierlicher Sitzung den Präliminarvertrag ratifiziert hatte und die Preußen daher im Begriffe waren, ihr Bündel zu schnüren. Heute hatten sie das Invalidenhaus besuchen wollen, doch mit Rücksicht auf die Gefahren eines Spazierganges durch Paris sich auf den Louvre beschränkt.

Man hatte die Gitter der Tuilerien verhängt, um zu verhindern, daß die murrende Menge durch den Anblick der vorüberziehenden Feinde zur Wut gereizt würde. Vor dem Fenster der Apollogalerie, von wo aus die Offiziere die Stadt betrachtet, hatte das wütende Volk, ihren trotzigen Stolz und Spott mit Geschrei beantwortend, sie mit Schimpfworten überschüttet und mit den erstbesten Geschossen, ja sogar mit Geldstücken, bombardiert: »Der Beginn der fünf Milliarden!« – Von Saint-Germain – l'Auxerrois bis zur Brücke Saints-Pères brüllte ein Sturm von Verwünschungen und Schmähungen.

Am Freitag, als Martial die Tür seines Ateliers zuschloß, um sich zum Frühstück zu Mutter Groubet zu begeben, machte Louchard, ihn erblickend, ihm telegraphische Zeichen. Er fuchtelte mit den Armen durch die Luft, was bedeuten sollte: »Alles fort, keiner mehr da!«

Mit einem Gefühl wohliger Erleichterung betrat Martial die Straße, Freude belebte alle Gesichter. Die Restauration war mit Nationalgardisten gefüllt, die Spottlieder sangen und Glas auf Glas auf den Abzug der Deutschen leerten. Er stürzte sein Frühstück hinunter; schon hatte drückendes Unbehagen sich wieder seiner bemächtigt, und von neuem versank er in seine tiefe Verstimmung und seine Trauer, die zu jedem energischen Aufraffen unfähig machten. Was tun? Endlos dehnte sich vor ihm der Tag. »Ein Uhr. Soll ich auf einen Augenblick bei den Simons eintreten?« Er fand sie alle beisammen, Simon und Louis wie immer bei der Arbeit. Therese reinigte am Herd den Suppentopf, während Rosa den Deckel abtrocknete. Anatole war in lebhaftem Gespräch mit einem Greis begriffen, der ruhig auf dem besten Stuhle saß. An dem lockig auf die Schultern herabfallenden weißen Haar erkannte Martial seinen väterlichen Freund Thédenat.

»Sie sind's?« fragte er.

»Ich habe meinen Nachbarn ein Paar Schuhe gebracht, die sie die Freundlichkeit haben, mir sogleich auszubessern. Anatole, der heute morgen in den Champs-Elysees war, erzählt mir, was er gesehen.«

»Ist ein Plätzchen für mich frei? Lassen Sie sich nicht stören...«

Martial ließ sich auf einem Stuhle nieder, den Rosa ihm anbot, und erwiderte mit freundlichem Lächeln den herzlichen Blick, mit dem die beiden Simons ihn empfingen ... Sie begrüßten sein Kommen stets mit einer mit Hochachtung gemischten Freude; war er doch, obgleich ein Künstler, so gar nicht stolz. Es bestand zwischen ihnen ein Gefühl gegenseitiger Achtung. Diese vier Monate hatten sie beinahe zu Freunden gemacht ...

Schon waren ihre aufmerksam lauschenden Gesichter über die Arbeit gebeugt, während sie ernsten Blickes Anatoles Berichten folgten. Seit dem 27. hatten sie ihre Werkstatt nicht mehr verlassen. Von den Befestigungen heimkehrend, hatten sie Therese und Rosa wach und angekleidet gefunden; die beiden Frauen hatten die ganze Nacht gewartet, auf jedes Geräusch, jeden Schritt horchend ... Aufs tiefste erschöpft, hatten sie sich schweigend umarmt. Es war aus, – nichts vermochte mehr die Schmach und das Unheil zu verhindern? ... Kaum ausgeruht, hatten sie Krummmesser und Ahle wieder ergriffen, um ihren Schmerz, die Erniedrigung der Stadt in angestrengter Arbeit zu betäuben. Das war nach bewiesenem Opfermut ihre Art, Protest gegen das Geschehene einzulegen.

Spöttischen Tons fuhr Anatole fort:

»Die Infanterie marschierte in der Mitte der Straße; rechts und links die Wagen... Rückwärts, ganz allein, die blauen Dragoner. Denen hat man aber tüchtig durchgetreten! Kieselsteine hat man auf sie geworfen! ... Ein paar Offiziere mit Husaren sind mit geschwungenem Säbel gegen uns losgestürmt. ... Natürlich, man hat sie hübsch ablaufen lassen! Es scheint, daß einige von ihnen durch den Triumphbogen durch sind... Glückliche Reise! Schöne Grüße zu Hause!«

Nur die Frauen allein amüsierten sich bei diesen Worten. Dieser Anatole, ein rechter Spaßvogel! Therese hatte eine besondere Vorliebe für den großen Burschen mit der aufgestülpten Nase und den listigen Augen. Simon jedoch sprach:

»Nicht wahr, Herr Thédenat, auf einen solchen Ein- und Abzug braucht man nicht stolz zu sein... Ist das alles, Junge?«

»Noch lange nicht! Wie sie fort waren, haben manche das Stroh verbrannt, um die Luft auszuräuchern. Andere haben die Kaffeehäuser gestürmt, in denen die Preußen getrunken haben; man hat die Spiegel, die Gläser und die Möbel verbrannt ... Dummheiten! Ich hab' mich nicht hineingemischt. Dann erzählt man sich auch noch, daß man gestern eine leichtfertige Person, die die erste Nacht bei den Deutschen gewesen ist, ganz nackt ausgezogen und ausgepeitscht hat. Eine andere hat man unter Schimpf und Schande in den Louvre gebracht...«

Therese und Rosa blickten zu Boden; Simon wiegte mit mehr Traurigkeit als Mitleid das Haupt. Mach minutenlanger Stille erhob Thédenat die Stimme. Aller Blicke wandten sich ehrerbietig ihm zu:

»Einige meiner Freunde haben mir heute morgen erzählt, daß die Deutschen sehr überrascht und sehr verstimmt gewesen seien ... Sie hatten nicht an eine so baldige Ratifizierung der Präliminarien geglaubt. Heute sollte Kaiser Wilhelm seinen Einzug halten. Gestern hat man, damit mehr Preußen sich der Ehren rühmen können, das Schauspiel genossen zu haben, schnell diejenigen des Vortrabs durch andere ersetzt, wie in einem Theater ... Doch Sie haben recht, Simon, sie haben keine Ursache, stolz zu sein. Bismarck hat es am ersten Tage nicht für geraten gefunden, sich weiter als bis zur Hälfte der Avenue de la Grande-Armee zu wagen. Alles, was er eingeheimst hat, war ein: »Da schaut, das ist dieser schlumpige Bismarck!« gerade ins Gesicht. Er ließ es sich gesagt sein und machte Kehrt ... Wie anders war der Einzug Napoleon des Ersten in Berlin im Jahre 1806, inmitten seiner Garde! Voran kamen die Grenadiere und die Chasseurs zu Fuß, hinter diesen die Grenadiere und die Chasseurs zu Pferd. In der Mitte schritt Napoleon, von den Marschällen gefolgt. Aller Augen richteten sich auf seine schlichte Uniform inmitten all der goldstrotzenden Röcke und Mäntel. In den Straßen, auf den Balkons drängten sich die Einwohner. Die Behörden kamen ihm entgegen und überbrachten ihm die Schlüssel von Berlin. Napoleon begab sich in den Palast der Könige und empfing dort alle Würdenträger in Audienz.«

Die Arbeiter hatten ihr Werkzeug niedergelegt, ein Ausdruck des Stolzes erhellte ihre verdüsterten Mienen. Wohl wissend, welche Wohltat er ihnen mit seinen Worten erwies, fuhr Thédenat fort:

»Im Jahre 1814, als nun die Preußen in Paris ihren Einzug hielten, war ich noch ein Kind, neun Jahre alt. Wie oft hat mein Vater mir seitdem erzählt, welch ein Wahnsinn damals die Stadt erfaßt hatte. Das Paris von heute gleicht nicht mehr dem von damals. Wir sind seit fünfzig Jahren vorwärts gekommen. Man dachte an nichts anderes, als sich der Beendigung der Kriege zu freuen und über den Sturz dessen zu jubeln, der um solchen Ruhm so viel Blut hatte fließen lassen. In schamlosem Vergessen unseres Unglücks begrüßte ein Teil der Bevölkerung die Verbündeten; alle Royalisten schrien: »Es lebe Friedrich Wilhelm!« und »Hoch Alexander!« bis sie wieder rufen durften »Hoch die Bourbons!« In der Oper fand eine Galavorstellung zu Ehren der Souveräne statt. In den Champs-Elysees tanzte man mit den russischen Grenadieren. Die Gräfin von Perigord setzte sich hinter einen Kosaken aufs Pferd. Und Wahnwitzige, die in Napoleons Siegen nicht anderes als Niederlagen des Königtums erblickten, ein Sosthène de La Rochefoucauld, ein Marquis de Manbreuil und noch andere Adelige, versuchten die Statue der Vendômesäule zu stürzen. Sie dingten eine Anzahl Arbeiter, um die Zapfen zu zerbrechen und an den Seilen zu ziehen. Doch nur die Viktoria, die der Sieger von Jena in der Hand hielt, rollte auf das Pflaster. Da schwang sich einer dieser Besessenen auf die Schultern der Statue und versetzte ihr zwei Ohrfeigen. Die Russen, von dieser Szene angewidert, mußten Platz durch eines ihrer Regimenter räumen lassen. O ja, Paris hat sich verändert.«

In stummes Staunen versunken, vermochten die Simons sich eines lauten »Oh!« nicht zu enthalten. Therese und der Vater blickten sich gerührt an. Rosa ergriff Louis' Hand und behielt sie fest in den ihren. Thédenat schloß:

»Allzu lange hat man das Vaterland mit den Männern, die es leiteten, identifiziert ... Wir wollen es um seiner selbst, um des Glückes der meisten seiner Einwohner willen lieben ... Das Schauspiel, das Paris dieses Mal bietet, löscht jenes andere, aus. Es hat sich um Frankreich verdient gemacht.«

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