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Die Kommune. Band 1

Victor Margueritte: Die Kommune. Band 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorPaul und Viktor Margueritte
titleDie Kommune. Band 1
publisherBuchhandlung »Volksstimme«, Maier & Co.
printrun3.-23. Auflage
year1912
translatorU. Fricke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080120
projectid65cd0945
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Als am 1. September 1870 bei Sedan die Sache der napoleonischen Armee schon zu Dreiviertel verloren schien, suchte Mac Mahon mit einer letzten Kraftanstrengung die Umklammerung des eisernen Ringes zu sprengen: sieben Kavallerieregimenter ließ er auf den Höhen von Floing und Illy eine tollkühne, freilich vergebliche Attacke gegen die preußischen Linien reiten. Von den beiden Generalen, die diese Reitergeschwader dem Verderben entgegenführten, machte sich der eine, Gallifet, einen berüchtigten Namen als Schlächter der Kommune, der andere, Margueritte, starb dort den Soldatentod und hinterließ zwei Söhne, Paul und Viktor, die später mit ihrem Roman derselben Kommune ein weithin ragendes Denkmal setzen sollten.

Über das Wesen der Kommune herrschen noch heute vielfach verworrene Vorstellungen. Was von ihren einzelnen Köpfen gilt, läßt sich auch von der gesamten Erscheinung sagen: von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte. Auf der einen Seite sprüht bei ihrer Erwähnung die reaktionäre Internationale bis auf diesen Tag grimmen Haß und sieht in ihr nichts anderes, als ein wüstes Sammelsurium von Raub und Rache, von Blut und Brand. Auf der andern Seite ziehen Jahr für Jahr die Pariser Arbeiter in wimmelnden Massen auf den Friedhof Père Lachaise, um die teuren Toten des Blutfrühlings von 1871 zu grüßen und zu ehren – wie es der Revolutionssänger Pottier schildert:

Alljährlich legt Paris hier seine Kränze nieder
im treuen Angedenken an die Füsilierten.

Doch wäre es ein Irrtum, in der Kommunerebellion eine rein proletarische oder gar rein sozialistische Revolution zu sehen. Vielmehr dringt man zur Erkenntnis ihres Wesens nur vor, wenn man sie als die naturnotwendige blutige Krönung des zweiten Kaiserreichs betrachtet und all ihre Widersprüche aus den Widersprüchen des zweiten Kaiserreichs zu erklären unternimmt.

Das furchtbare Gemetzel, in dem General Cavaignac im Juni 1848 im Auftrag der französischen Bourgeoisie die hungernden Arbeiter von Paris abschlachtete, leitete eine Spanne der Reaktion für ganz Europa und im besonderen für Frankreich ein. Auf den Schultern der französischen Kleinbauern, die seit der Zertrümmerung des adligen und geistlichen Großgrundbesitzes in Kleineigen durch die große Revolution die zähesten Besitzfanatiker und mißtrauischsten Gegenrevolutionäre waren, stieg binnen kurzem ein politischer Glücksritter von nicht zweifelsfreier Herkunft erst auf den Präsidentenstuhl und dann auf den Kaiserthron. Doch war Napoleon III. nicht etwa ein Bauernkaiser, sondern sein Regierungssystem, der Bonapartismus, begünstigte gleichermaßen die Bourgeoisie, die sich, bei allgemeinem Aufschwung von Handel und Industrie, unter den tollsten Zuckungen im Kampf um das goldene Kalb drehte, und auch die Arbeiterklasse, noch geschwächt durch das Blutbad der Junischlacht, ward mit einigen Brocken abgespeist und im übrigen durch eine starke Faust und einen scharfen Säbel niedergehalten. Sa lavierte der Bonapartismus Jahre hindurch mit Geschick zwischen den verschiedenen großen Klassen der modernen Gesellschaft.

Aber je mehr die Erfolge Napoleons in der äußeren Politik, Krimkrieg 1854, österreichischer Krieg 1859, Expedition nach China 1860, durch Mißerfolge, Expedition nach Mexiko 1863, Luxemburgische Frage 1867, abgelöst wurden, desto kühner hob eine erstarkende Opposition im Innern ihr Haupt. Neben einer republikanischen Bewegung bürgerlichen Charakters lebte die Arbeiterbewegung wieder in mehreren Zweigen auf, wenn auch der moderne wissenschaftliche Sozialismus in Gestalt der von Marx und Engels geleiteten Internationale nur in einem kleinen Teil festen Fuß faßte. Immerhin war es bereits ein zermorschtes und verfaulendes Reich, das 1870 von Bismarcks Stoß getroffen wurde, in dessen Rechnung, die Einigung Deutschlands auf dem Wege einer Revolution von oben zu vollziehen, der Krieg gegen Frankreich den letzten und bedeutendsten Faktor bildete. Wie ein Kartenhaus brach bei Sedan das Kaiserreich zusammen, aber das weitere Vordringen der deutschen Heere entfesselte einen fanatischen Volkskrieg bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone.

Als man Napoleon nach Wilhelmshöhe abführte, wurde in Paris die Republik ausgerufen. Wie 1848 drängten Arbeiter dazu, wie 1848 eigneten sich Advokaten den Preis an. Aber die neue republikanische Regierung führte die Verteidigung nicht eben mit Energie und insbesondere die Hauptstadt, die seit dem 20. Oktober von den deutschen Heeren eingeschlossen war, wurde durch bonapartistische Generale von hochmütiger Unfähigkeit schlecht geschützt. Den meisten Elan und die meiste Energie unter den Pariser Truppen bewies die Nationalgarde. Das war, 400 000 Mann zählend, wirklich das Volk in Waffen, in ihrer Mehrzahl Proletarier und Kleinbürger, die, auf politischem Gebiet unzufrieden, auf sozialem Felde arbeitslos und hungernd, ein gefährliches revolutionäres Element darstellten, aber Ruhe hielten, solange der Feind vor den Toren stand. Freilich trug die Nachricht von jeder neuen Niederlage und die Kunde von jeder neuen Übergabe neuen Zündstoff in ihre Reihen, und als am 29. Januar 1871 die preußische Fahne auf den Forts wehte und die Kapitulation von Paris feststand, erhob sich zorniges Geschrei und ungestümes Waffenklirren.

Die Nationalversammlung aber, die unter unglaublichem Terrorismus zum größten Teil im feindlich besetzten Gebiet gewählt war, zu dem Zweck, den Frieden zu beschließen, und in Bordeaux zusammentrat, war nichts als ein großer reaktionärer Schutthaufen, auf dem Krautjunker, Bonapartisten, Orleanisten, Legitimisten und Anhänger sonst verfaulender Dynastien zusammengefegt waren. Sie und die Regierung mit dem boshaften Gernegroß Thiers an der Spitze, der sich durch alle möglichen Regierungen hindurchgemausert hatte und jetzt auf dem Gipfel seines Ehrgeizes stand, zielte auf ein monarchisches Regime oder eine kapitalistisch-junkerliche Diktatur unter republikanischen Formen ab. Dazu mußte aber erst Paris, das fieberte und hungerte, das Brot und Rechte verlangte, das Waffen trug und Widerstandslust besaß, zu Boden geworfen werden.

Diesen Gelüsten setzte die Pariser Bevölkerung den Ruf nach der Kommune entgegen. Kommune bedeutet ganz einfach Gemeinderat und hat mit Kommunismus auch rein gar nichts zu schaffen. Bismarck in seiner junkerlichen Schlauheit hat einmal gemeint, der ganze Kommuneaufstand sei der Sehnsucht nach der preußischen Landgemeindeordnung entsprungen. Wenn er gesagt hätte, daß aus dem Ruf nach der Kommune auch das Verlangen nach Selbstverwaltung herausgeklungen sei, wäre das nicht so unrecht gewesen. Die Zentralisation des bonapartistischen Kaiserreichs, das angefangen beim Seinepräfekten bis herab zum Feldhüter des kleinsten Nestes alle Gemeindeämter mit seinen Kreaturen besetzte und totfeind jeder Selbstverwaltung war, hatten besonders die großen Städte drückend empfunden. So gab es sicherlich geruhige Bürger, denen sich die Kommune mit dem Begriff der Selbstverwaltung erschöpfte.

Aber den Massen war die Kommune mehr. Die Erinnerung an die Kommune von 1792 wurde wach, an den revolutionären Gemeinderat von Paris, der in der großen Revolution die radikalste kleinbürgerlich-proletarische Körperschaft mit weitgehendem sozialem Programm gewesen war und auch durch seine Tatkraft die Revolutionsaufgebote beflügelt und die fremden Heere aus dem Land getrieben hatte. So knüpften sich an die neue Kommune die Hoffnungen all derer, die sozial benachteiligt waren und mit leerem Magen vor leeren Schüsseln saßen, aber auch all derer, denen die Wut über die Feigherzigkeit der Regierung, den schmachvollen Friedensschluß und die Abtretung zweier blühender Provinzen das Herz verbrannte. Den verschiedensten Schichten der Gesellschaft angehörend, Bürger, Kleinbürger, Arbeiter, aus den verschiedensten Gründen Anhänger der Kommune, waren sie doch alle gleich entschlossen, den Schlag abzuwehren, den Thiers mit der Entwaffnung der Nationalgarde plante.

Der Schlag mißlang. Als am 13. März Thiers vom Montmartre die zweihundertfünfzig Kanonen wegschaffen lassen wollte, die die Nationalgarde mit eigenem Gelde gegossen hatte, war das der Funke ins Pulverfaß. Die Nationalgarde widersetzte sich, die Linientruppen gingen zum Teil zu ihr über, mit dem Rest flüchtete Thiers nach Versailles, wo auch die Nationalversammlung hauste und Paris war in den Händen der Nationalgarde und ihrer selbstgewählten Leitung, des Zentralkomitees. Am 26. März ging dann aus allgemeinen Wahlen die Kommune hervor und zwei Monate lang, sich oft mit dem eifersüchtelnden Zentralkomitee und dem später gegründeten lächerlichen Wohlfahrtsausschuß über Machtbefugnisse streitend, übte sie die Herrschaft über Paris aus.

Wie in der Kommunebewegung mehrere Strömungen nebeneinander herliefen, so saßen in ihrem Rat auch die verschiedensten Geister, entschlossene Revolutionäre und hohle Schreier, reine Schwärmer und törichte Narren, bürgerliche Republikaner und Putschisten Bakuninscher Observanz, wissenschaftliche Sozialisten und soziale Konfusionsräte. Neben dem ernsten Willen, den Mühseligen und Beladenen ihre Last zu erleichtern, spreizte sich leerer, auf Tressen und Flitter erpichter Ehrgeiz, neben dem kühlen Blick, der die Wirklichkeit zu erfassen strebte, flackerte in unholdem Wahnsinn ein Auge, das den Traum der Weltrepublik erfüllt sah, neben der reinen Flamme echter revolutionärer Begeisterung zuckte manch Eines rebellisches Feuer nur wie ein Irrlicht über einem Sumpfe. Einem solchen Chaos von Ideen und Interessen konnte sich kein einheitlicher Willen entringen, und so lähmte sich die Kommune selbst durch Streitigkeiten und Zänkereien im Innern und just in den wichtigsten Ämtern folgte Demission auf Demission und jeder Nachfolger stieß das Werk seines Vorgängers radikal um. Dieser Mangel an einheitlichem Willen äußerte sich in einem unverzeihlichen Mangel an Entschlossenheit und Tatkraft, und wenn ihr die reaktionären Lügenbeutel ein Übermaß an Grausamkeit nachgesagt haben, so litt sie in Wahrheit am Gegenteil: sie deklamierte zu viel von allen möglichen Menschenrechten, die geschützt, gewahrt und verteidigt werden müßten und vernachlässigte darüber das Recht der eigenen Selbsterhaltung. Was jede kriegführende Macht tut, die Kassen des Gegners in Beschlag nehmen, versäumte die Kommune in schier sträflicher Großmut und ließ an die drei Milliarden in der Bank von Frankreich, mit denen sie den Lebensnerv der ganzen französischen Bourgeoisie in der Hand hielt, fast unangetastet. »Keine Regierung«, sagt mit Recht ein bürgerlicher Schriftsteller, Karl Bleibtreu, »sei sie reaktionär oder revolutionär, hat je die Schonung von Leben und Eigentum so lange als irgend möglich bis zum Äußersten getrieben wie die der verlästerten Kommune.«

Weniger sentimental als die Kommunards, die im Anfang gar nicht an einen Angriff der Stadt und an den Bürgerkrieg glauben wollten, war die Versailler Regierung. Für sie gab es nur eine Losung: den Aufstand schonungslos in Blut zu ersticken! Nachdem sich Thiers von Bismarck genügend Kriegsgefangene losgebettelt und sich auch des geheimen Beistandes der deutschen Truppen versichert hatte, die Paris zur Hälfte umschlossen hielten, ließ er Anfang April seine Regimenter vorrücken und die rebellische Hauptstadt mit einem Eisenhagel überschütten. Nie in der Weltgeschichte ist ein heldenhafterer Widerstand geleistet worden als von den Kommunekämpfern, und Züge eines wahrhaft großen, eines wahrhaft antiken Heroismus werden nicht nur von Männern, sondern auch oder eigentlich erst recht von Frauen und Kindern berichtet. Aber schließlich erlag, geschwächt durch die innere Desorganisation, aller Heldenmut der Übermacht, die Versailler drangen in der vorletzten Maiwoche in die Stadt und richteten ein so grauenvolles Blutbad unter der Bevölkerung an, wie es auch die Weltgeschichte nie gesehen. Ob Mann oder Weib, ob Greis oder Kind, ob Kämpfer oder Arzt, ob Kommunard oder Zuschauer, ganz gleich, ganz gleich – zu vielen Tausenden wurden die auf gut Glück Aufgegriffenen niedergeschossen, mit Mitrailleusen, als es mit dem Gewehrfeuer zu langsam ging. Ein Wahnsinn des Mordens hatte die Sieger gepackt, der Friedhof Père Lachaise war in ein Schlachthaus verwandelt, Leichenhaufen türmten sich an seiner Mauer und wurden in schnell fertige Massengräber versenkt und drei Tage lang zog sich über viele Kilometer hin mitten durch die Seine ein breiter roter Streifen: das Blut der Ermordeten, das hineingeflossen war. Nachdem aber der erste Rausch der Blutorgie vorbei war, traten die Kriegsgerichte in Tätigkeit, die summarischen Hinrichtungen folgten einander, und zu Tausenden wurden die Verhafteten nach den Fieberlöchern Neu-Kaledoniens verschleppt. Während so die rote Fahne der Kommune über der letzten Barrikade in Blutlachen sank, rief im deutschen Reichstag August Bebel, den sozialen Kern der Bewegung hervorhebend und über die Gemordeten das Fahnentuch der deutschen Sozialdemokratie breitend, den reaktionären Schreiern zu: »Das, was sich gegenwärtig in Paris ereignet, ist nur ein kleines Vorpostengefecht von dem, was einst ganz Europa bevorsteht: Krieg den Palästen, Friede den Hütten! Mit diesem Schlachtruf wird dereinst sich das gesamte europäische Proletariat erheben!«

Damals wurde noch seine Stimme übertönt, denn »wie lange«, ruft einer der Gebrüder Margueritte an anderer Stelle, »ist die Geschichte dieser Besiegten nur von den Siegern geschrieben worden!« Aber Paul und Viktor Margueritte haben in edlem Ehrlichkeitsdrang und kühnem Wahrheitseifer sich bemüht, der rechten Erkenntnis eine Gasse zu brechen: ihr Roman ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Geschichtsdokument! Freilich sehen sie, als bürgerliche Schriftsteller, nicht bis auf den letzten Grund der Dinge, und träumen von einer Versöhnung zwischen Kapital und Arbeit, die damals so unmöglich war wie heute, freilich packen sie manche Gestalt der Kommune zu hart an wie den großen Maler Courbet und den großen Journalisten Vallès, aber als Ideologen eines lauteren Patriotismus, der über den Klassen und den Parteien stehen möchte, beschönigen sie nichts und verschleiern sie nichts. Die Schuld der Sippe Thiers an dem Tod des Erzbischofs und der anderen Geiseln wird ebenso ins Helle gerückt wie die heillose Zerfahrenheit in der Kommuneregierung, und alles ist in diesem Buch durch das Mittel der Kunst zu einem unmittelbaren und ganz lebendigen Leben erwacht: die brausenden Hoffnungen des Märzmonats, der heroische Widerstand der Pariser, die Mißhandlungen der wehrlosen Gefangenen, die Bluttaten der Versailler Mordbuben, die Kampfzuckungen der letzten Tage, die Gemetzel und Delescluzes wundersamer Tod auf der letzten Barrikade.

In vielen tausend Exemplaren soll jetzt dieses Buch in einer billigen Volksausgabe verdeutscht ins Land gehen. Möge es in vielen tausend Herzen etwas von der hellen Flamme entzünden, die weder die Füsilladen noch die Massengräber an der Mauer der Föderierten ersticken konnten!

Frankfurt am Main, im August 1912.

Hermann Wendel.

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