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Die Kommune. Band 1

Victor Margueritte: Die Kommune. Band 1 - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorPaul und Viktor Margueritte
titleDie Kommune. Band 1
publisherBuchhandlung »Volksstimme«, Maier & Co.
printrun3.-23. Auflage
year1912
translatorU. Fricke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080120
projectid65cd0945
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II.

Es war der 10. April, Ostermontag. Martial stand auf der Schwelle seiner Tür und gähnte in den Sonnenschein hinaus. Wie öde erschien ihm dieser Feiertagsnachmittag! Seltsame Ostern, ohne Glocken, ohne das sonst in den Straßen herrschende Leben ... Im Atelier herrschte wüste Unordnung, das Bett war zerwühlt, die Delfter Vase stand zerbrochen auf dem staubbedeckten Schreibtisch, der ganze Raum verriet die Traurigkeit seines wieder einsam gewordenen Junggesellenlebens. Unter den verhüllenden Schleiern standen verlassen die unvollendeten Skizzen ...

Im Besitze des Passierscheins – Martial betastete ihn in der Tasche – fühlte er sich fast versucht, alles hier im Stiche zu lassen ... Doch den Stadtteil einfach wechseln und nach Montmartre gehen, das hieße – von der Freude, den Seinen näher zu sein, abgesehen, – nur das Gefängnis mit einem anderen vertauschen. Heute entzog man den Widerspenstigen mit ihrer Waffe und der Löhnung auch ihre bürgerlichen Rechte ... Großer Verlust! Das Chassepot berührte er nicht mehr, die dreißig Sou hatte er nie bezogen, und die bürgerlichen Rechte unter diesem Regime der Gewalttätigkeit und der gemeinen Demagogie, bah! ...

Kein Abend verging, ohne daß man von neuen Verhaftungen, von der Schließung irgend einer Kirche hörte ... Notre-Dame, das in Gefahr gewesen, seiner Schätze beraubt zu werden, Saint-Vincent-de-Paul, Saint-Martinau-Marais, Saint-Jean-Francais, die Kirche Mariä Himmelfahrt ... Gegen oder ohne Empfangsschein scharrte man den Inhalt der Opferstöcke zusammen, schleppte die kostbaren Gefäße ins Münzamt ...

Von bartlosen, zu Polizeikommissären ernannten Gassenjungen unterstützt, spielte Rigault die Rolle des Schreckgespenstes für wehrlose Leute, unternahm einen Feldzug gegen die Kirche und glaubte die Idee zu treffen, indem er auf die der Idee dienenden Männer losschlug. Vom ersten Tage an wütete seine freche Tyrannei und warf Unschuldige, die ihm lästig waren, ohne weiteres ins Gefängnis. Mazas, die Conciergerie, das Depôt, die Santé sahen ihre Zellen mit einer ungewohnten Bevölkerung sich füllen.

Die Exzesse mußten wohl empörend sein, da die Exekutivkommission, darüber aufgebracht, Befehl gab, ihr über die Zahl und die Ursache der Verhaftungen zu berichten, und die Justizkommission beauftragte, sich unverzüglich damit zu befassen. Wahrhaftig, es war höchste Zeit, zu erkennen, daß man »eines der größten Prinzipien der Republik« hatte angreifen können!

Als wäre die Freiheit nicht täglich von neuem geschändet worden! Die Schreibefreiheit: man konfiszierte die Zeitungen wie zu Vinoys schönen Zeiten. Die Redefreiheit: wegen eines am Kaffeehaustisch gesprochenen, zu offenen Worte wurde man als Aristokrat behandelt und zum Polizeiwachtposten geschleppt. Die Denkfreiheit: die Priester wurden in den Kerker geworfen, die Widerspenstigen denunziert und verfolgt ...

Gewiß, Martial hatte die Fäuste der Häscher Napoleons III., das übergoldete, drückende Joch des Kaiserreiches gehaßt; doch die schmutzigen Hände und der nach Wein riechende Atem der Föderierten erschienen ebensowenig angenehm. Er verabscheute die Unterdrückung in jeder Form ... Unbewußt jedoch fand sein künstlerischer Schönheitssinn, sein bürgerliches Gefühl, diese letztere Form als die abstoßendere, und er empfand einen instinktiven Widerwillen gegen diese neuen Herren, an denen noch der Geruch des Elends, der Geruch von Wurst und Fett haftete, und deren mürrische oder rohe Gesichter den Ausdruck brutaler Rachsucht trugen.

Seine Pfeife stopfend, betrachtete er das Gärtchen, wo die jungen Fliedersträuche sich mit bleichem Laub bedeckten, den stillen Hof, die geschlossenen Türen von Blacourts Stall und Remisen und dachte ergötzt an die Wut Tinets, der, nachdem er die Pferde fortgeführt, wiedergekommen war, um auch die Wagen zu holen.

Zu spät! Sie waren verschwunden, von einem Freunde des Besitzers, einem Obersten, einem dürren, blonden Polen mit blassen, unheimlichen Augen, in Sicherheit gebracht. Seine Geliebte, ein schönes Mädchen mit blendendem Teint, als Zirkusheldin gekleidet, mit aufgestülptem Filzhut, einem Revolver im Gürtel und einer Peitsche in der Hand, wand sich vor Lachen angesichts der Wut des hintergangenen Arbeiters. Der aus der Scheide fliegende Säbel, die Drohung des Polen, »ihm den Schädel zu spalten«, hatten Tinet still gemacht und die Debatte geschlossen ... Doch Blacourt täte gut daran, auf seiner Hut zu sein! man würde ihn das entgelten lassen!

Unterm Haustor hallten rhythmische Schritte. Martial wandte sich um. Eine Abteilung von etlichen Nationalgardisten näherte sich dem Atelier. An ihrer Spitze gewahrte er Louis Simon mit neuen Sergeantenlitzen. Während die Leute lärmend eindrangen, erklärte der junge Mann höflich:

»Befehl der Mairie, wir müssen auch bei Herrn Blacourt Hausdurchsuchung halten. Übergeben Sie uns Ihr Chassepot.«

Und leise setzte er hinzu:

»Ich ließ mich designieren, um Ihnen Unannehmlichkeiten zu ersparen.«

Mit einem Augenzwinkern deutete er auf die Portierloge, auf deren Schwelle Louchard mit gleichgültiger Miene stand:

»Sie erraten, wem Sie das zu verdanken haben!«

Schweigend übergab Martial Gewehr, Bajonett und Patronentasche. Nun, da er sich von diesen lange Zeit, wenn auch nutzlos getragenen Waffen trennen sollte, empfand er doch ein leises Bedauern bei der Erinnerung an die fruchtlosen Tage von Champigny, Le Bourget, Buzenval, an jene Augenblicke des Abschieds, da Nini sich mit ihren frischen Armen um seinen Hals geklammert hatte und er mit den Kameraden ausgezogen war ...

Vielleicht, daß auch Louis Simon in diesem Moment sich jener Stunden erinnerte, denn in dem Blicke, den sie tauschten, lag eine bei Louis mit Artigkeit und leisem Vorwurf, bei Martial mit Dankbarkeit gemischte Sympathie.

Nach beendeter Hausdurchsuchung entfernten sich schweigend die Gardisten und stiegen ins erste Stockwerk hinauf. Bald darauf vernahm Martial den Lärm von Rufen und Kolbenschlägen an eine Tür und sah Louchard mit einem Schlüsselbund herbeieilen. Blacourt war seit zwei Tagen abwesend, mit dem Polen und dessen Freundin abgereist, wohl zu irgend einer flotten Gasterei ... Indem Louchard die Dienste eines Schlossers versah, schonte er den Besitz des Hauseigentümers und lieferte denjenigen des Mieters aus. Doppelter Vorteil! Der dicke Schlemmer würde bei seiner Heimkehr schon Vernunft annehmen.

Eine Viertelstunde später sah Martial, den die Neugier bis in den Treppenflur gelockt hatte, das Detachement wieder herabkommen, unter einer Last von Waffen keuchend. Sie hatten eine vollständige Rüstung von der Wand genommen und trugen nebst mehreren vortrefflichen Jagdgewehren einen Ritterhelm, türkische Kandjaren und einen Bogen mit Pfeilen von den Sandwichsinseln mit sich fort. Dem Träger dieser letzteren Waffen und dem Manne mit dem Ritterhelm suchte Louis vergeblich begreiflich zu machen, daß diese Dinge sie nichts angingen. Er mußte sich ihrem Eigensinn fügen und kommandierte: »Rechts um, marsch!«

Um seiner Erregung Luft zu machen, kletterte Martial zu Thédenat hinauf. Er fand den Gelehrten an seinem Tische sitzend, damit beschäftigt, mit blauem Bleistift einige Randbemerkungen auf die Dokumente zu werfen, die sich seit einigen Tagen angehäuft und die er, von seinen im Interesse des Gemeinwohls versuchten Schritten in Anspruch genommen, nicht angesehen hatte. Nun hatte, zugleich mit seinem Vertrauen auf Erfolg, sein Tateneifer nachgelassen. Er fühlte nur noch die Last seiner sechsundsechzig Jahre, seine hellsehende Ohnmacht. Und, von tiefer Schwermut erfasst, entschlossen, Poncet allein fortan die Vertretung der Liga zu überlassen, kehrte er zu seiner vernachlässigten Arbeit, zu der Aufgabe des schmerzlichen Zeugen der Geschichte zurück.

Mit seiner scharfen Scheere zerschnitt er die Zeitungen, in denen die Gegenwart lebendig vibrierte. Während seine Feder in flüchtigen Stichworten die Ereignisse notierte und registrierte, lebte er sie alle im Geiste noch einmal mit. Ewig wiederholte sich doch das alte Spiel! Er sah seine Hoffnungen von 1848 zerstört, zerflattert, eine nach der anderen. Und auch jetzt wieder standen seine liebsten Ideen auf dem Spiel, die Republik in Gefahr, im Blut zu ersticken. Bei Martials Bericht schüttelte er den Kopf und strich sich das schneeweiße Haar hinter die breiten Schläfen zurück:

»Ja, das Unglück ist da, eine Revolution durch die Verhältnisse geschaffen und erzwungen, fast unwillkürlich aus der verhängnisvollen Verkettung unglaublicher Ursachen geboren, Krieg und Belagerung! Eine unreife, in einem Tage gewachsene, bei aller Heftigkeit hinfällige Revolution, ohne einen Mann, ohne klare Ideen ... Und über uns allen der unwiderstehliche Sturmwind der fliehenden Zeit! ... Versailles unerbittlich, in nichtigen Diskussionen die so kostbaren Stunden vergeudend; das Mietzinsgesetz, das Gesetz der Munizipalwahlen von der Tatenlosigkeit der Kommissionen, zur Zusammenhanglosigkeit der Tribüne geschleppt ... Ein wenig spät! Ein Ableitungsgeschwür auf ein Holzbein! Man findet nur noch Spannkraft für Projekte wie die Vereinfachung der summarischen Prozedur der Kriegsgerichte! Eine wahre juridische Mitrailleuse. Ah! bis hierher höre ich, was Thiers zu den Delegierten der Vereinigung der Syndikatskammern sagt! – Andererseits die verirrte, ungeschickte Kommune, die selbst die Ruten für die Streiche liefert, die man ihr versetzt, die in ihrem terroristischen Geschrei alle guten Absichten ertränkt und sich die wenig tapfere, gestern noch günstige oder gleichgültige, heute schon feindselige Meinung verscherzt – die Meinung von Paris, wohlverstanden, denn in der Provinz ...

Er deutete auf das Blatt, auf das er soeben den Aufruf an die Departements geheftet hatte, ein kurzes, von Emissären verbreitetes Manifest, in welchem das Rathaus sich ein beruhigendes Ansehen gab und sich von Verleumdungen und Schmähungen reinzuwaschen suchte: Niemals seien die Straßen von Paris ruhiger gewesen, ohne einen Diebstahl, ohne einen Mordversuch; die Kommune führte nur gezwungen den Krieg fort und sehnte den Tag herbei, da sie, von royalistischen Drohungen befreit, vor neuen Wahlen zurücktreten könne ...

Tote Worte. Die Provinz hört viel mehr auf die Depeschen, in denen Thiers den Sammelruf ergehen läßt, indem er Paris als ausgeplündert, unter den Wahnwitzigen stöhnend, Versailles hingegen als fröhlich und siegreich schildert. Die Provinz ist eine Masse, die sich durch nichts rühren läßt, und die nur einen Wunsch kennt: in Frieden leben und ihre Geschäfte wieder aufnehmen zu können. Der nationale Krieg hat sie nur für einige Zeit und nur halb aus ihrer Lethargie aufgerüttelt. Der Bürgerkrieg wird nur einen Schrei wecken: »Genug!« ...

Und ein anderes Blatt ergreifend, fuhr er fort:

»Haben Sie den von Malon und Madame André Léo verfaßten Aufruf gelesen? Es finden sich darin ergreifende und starke Akzente. Der Arbeiter beschwört seinen Bruder in der Provinz, sich mit ihm zu erheben, den Augenblick wahrzunehmen. Doch der gute Provinzler wird taub bleiben wie im Jahre 48; er wird weiter seinen Kohl pflanzen und sein Feld bebauen, das Leben ist kurz, und man lebt nur einmal; auch muß man zahlen, damit der deutsche Eindringling das Land verlasse! ... Bleiben die Städte, die Industriezentren. Doch auch dort ist die Erregung der ersten Tage längst verraucht. In Marseille, in Narbonne, in Limoges herrscht wieder Ordnung. Überall Todesschweigen, bange Erwartung des Lärms vor Paris, dessen Kanonen wie ehemals um Beistand rufen, ohne daß ein Echo ihnen antwortete ...«

In Narbonne hatten am 31. März Digeons Anhänger ihren Führer beim Nahen der aus Toulouse herbeigeeilten Truppen verlassen. In Limoges, wo die Nationalgardisten auf dem Bahnhof ein nach Versailles abgehendes Detachement Soldaten entwaffneten, war die Präfektur besetzt, der Kürassieroberst Billet war an der Spitze seiner Eskadron getötet worden; in derselben Nacht räumten die Aufständischen die Präfektur und zerstreuten sich. In Marseille, wo die Bewegung am heftigsten gewesen war, erschien am 1. April General Espivent wieder mit seiner kleinen, durch Zuzüge verstärkten, von Marinetruppen unterstützten Armee. Die von allen Seiten zurückgedrängte Kommune schloß sich in der Präfektur wie in einer Festung ein, wurde aber bald durch die dreihundert Granaten, womit Espivent sie van Notre-Dame-de-la-Garde herab bombardierte, daraus vertrieben. Die Marinesoldaten stürmten das leere Gebäude: »Und wissen Sie, auf welche Weise?« hatte Thiers in der Nationalversammlung gerühmt ... »Mit dem Enterhaken!« (Große Sensation.) Die Bewegung wurde erbarmungslos unterdrückt, viele mit summarischer Exekution bestraft, hunderte in die Kasematten geworfen.

Unwillkürlich richteten sich Martials Blicke dem Fenster zu und schweiften über den sonnüberglänzten Horizont bis zu dem fernen Gürtel der Hügel und der Wälder, von wo sie einst die Hilfsarmeen, die Provinz anrücken zu sehen gehofft hatten. Thédenat erriet seine Gedanken und murmelte:

»Die Provinz ist nicht gekommen! Und gebe Gott, daß sie nicht mehr kommt, denn jetzt erschiene sie nicht mehr als Befreierin, sondern als Feindin.«

Mit energischem Schnitt trennte er von einem Blatte eine lange Kolonne, an deren Ende neun Pariser Deputierte von Versailles aus ihre Betrachtungen und Ratschläge mitteilten. Männer, die seinem Herzen nahe standen und deren liberale Gesinnung über jeden Zweifel erhaben war, Louis Blanc, Quinet, Edmond Adam, Dorian, Langlois erteilten, gleichsam um ihr Gewissen zu beruhigen, jeder der beiden Parteien eine Rüge. Doch von der Atmosphäre der Reaktion, in der sie lebten angesteckt und in Gefahr, sich als Deserteure behandelt zu sehen, sagten sie sich, ausdrücklicher als Thédenat, von Paris los, dessen Bestrebungen und Neigungen ihr Ideal ebenso, wie die Interessen ihrer Sache zu gefährden schien.

Der Geschichtsschreiber saß in Gedanken vertieft: keine Basis, kein Streben nach Lösung in alledem! Nichts als eine Art betrübter Bestätigung. Ungeachtet der Zuneigung, die er für einige der Unterzeichneten empfand, fragte er sich doch, ob eine energischere Haltung auf Seiten der Vertreter von Paris nicht hätte Eindruck auf Thiers machen und Versailles zur Überlegung bringen können. Eine Bußpredigt, die an die gemessenen Reden, die Lamentationen der Greisenchöre in den antiken Schicksalsdramen gemahnte. Schoelcher hatte, tapferer als jene, nicht gefürchtet, sich eine Blöße zu geben, indem er einen Vergleich vorschlug, der die beiden Mächte vereinigt hätte. Andere, noch kategorischere, wie Millière und Lockroy, gingen so weit, alle Schuld auf die Nationalversammlung zu wälzen, die wütend ihre Verfolgung forderte. Auf vorgeschobenem Posten verlorene Parlamentäre, blinder Alarm!

Er wandte das noch von Gummi feuchte Blatt um und legte es auf die anderen, ein von Pierre Denis im Cri du Peuple veröffentlichtes Projekt, Paris zu einer »freien Stadt« zu machen, ein von freimaurerischen Würdenträgern unterzeichnetes, zur Versöhnung aufforderndes Manifest, endlich eine von ihm im Verein mit einigen Persönlichkeiten des V., VI. und VII. Arrondissements an den Chef der Exekutivgewalt gerichtete Adresse, in welcher, dem berühmten Ausspruch gemäß, die Bestätigung der Republik als der »uns am wenigsten trennenden Regierungsform« gefordert wurde. Er hatte in seiner bescheidenen Sphäre getan, was er hatte tun können.

Bitteren Tones setzte er, das Bündel von Ausschnitten beiseite schiebend, hinzu:

»All das sind Worte, nichts als Worte. Ich fürchte sehr, daß Ihr Vater, trotz all seiner Bemühungen ...«

Es klingelte; gleich darauf trat Poncet ein, noch ganz aufgeregt von den Nachrichten, die er brachte:

»Die Föderierten besetzten Asnières. Die Panzerwaggons haben ihre Operationen begonnen, und von Sèvres aus schießen die Kanonenbote auf Meudon!«

Thédenat hob die Hände zum Himmel:

»Und da wurde man nicht müde, zu versichern, daß dieses Volk nicht fähig sei, sich zu schlagen!«

Poncet fuhr fort, über die Ereignisse in seinem Stadtteil zu berichten: Saint-Pierre de Montmartre dem Kultus verschlossen, der Beschluß von dem Polizeikommissär Le Moussu unter dem Kirchentor angeschlagen:

»Hier, nehmen Sie«, sagte er zu Thédenat, ihm ein aus seinem Taschenbuch gerissenes Blatt reichend, »das da habe ich für Sie kopiert: »In Anbetracht dessen, daß die Priester Banditen sind und die Kirchen die Räuberhöhlen, in denen sie die Massen moralisch morden, indem sie sie unter die Klauen der infamen Bonaparte, Favre und Trochu beugen, ordnet der Delegierte bei der Ex-Polizeipräfektur de Carrières an, daß besagte Kirche von Saint-Pierre geschlossen werde und dekretiert die Verhaftung der Priester und der Ignorantiner.«

Verächtlich zuckte Thédenat die Achseln und legte das seltene Schriftstück zu den übrigen Alten. Poncet berichtete nun über die letzten Schritte der Liga, über die tags zuvor in der Kreis-Schule von den Entschlossensten der Partei, Lockroy, Bonvalet, Loiseau-Pinson und mehreren Mitgliedern der Kommune Lefrançais, Vallès, Avrial, Langevin abgehaltene Versammlung. Man war übereingekommen, daß eine Proklamation der Liga Versailles zur Einstellung der Feindseligkeiten auffordern und erklären sollte, daß im Falle der Weigerung sämtliche Deputierte der Seine zur Abdankung entschlossen seien. In diesem Falle würde die Liga ihre Anhänger zur Verteidigung von Paris rings um die Kommune berufen ...

»Oh! Oh!« wandte Thédenat ein.

»Du weißt doch, Papa, ich bin kein Anhänger«, bemerkte Martial.

Der Chemiker rückte seine goldene Brille zurecht:

»Es ist ja nur eine leere Drohung! Ein abenteuerlicher Vorschlag kopflos gewordener Patrioten! Bei kühlerer Überlegung werden wir zu dem Entschlusse gelangen, uns weislich an unser ursprüngliches Programm zu halten. Morgen begeben sich drei Delegierte – ich begleite sie –, nach Versailles. Thiers wird uns empfangen müssen, wie er die Abgesandten der »Nationalen Vereinigung« empfangen mußte.«

»Glaubst du«, fragte Martial lächelnd, »daß er sich verändert hat, seit du mir sein Porträt entworfen hast?«

»Nein«, seufzte Poncet, »aber wenigstens werde ich mein möglichstes getan haben oder vielmehr: nichts als meine Pflicht.«

»Wie beneide ich Sie um die Wärme Ihres Glaubens!« sprach Thédenat, ihm die Hand drückend, »wie freue ich mich Ihrer Tatkraft!«

Spät am Abend – Frau Thédenat hatte sie nicht vor dem Diner fortlassen wollen – schritten Poncet und Martial dem Boulevard Saint-Michel zu, ganz getröstet durch den herzlichen Empfang, den sie bei ihren Freunden gefunden. Welcher Genuß, zu hören, wie Thédenat aus dem reichen Schatze seiner lebensvollen Erinnerungen schöpfte, in das von Güte und Milde strahlende Gesicht seiner Frau zu blicken. Es war eine trauliche Stunde, die sie dort unter der freundlichen Lampe, rings um die von Marthe servierte dampfende Schüssel verbracht hatten.

Die Villoir hatte ihren Humor wiedergefunden, seit die Armee begonnen hatte, »diese Kerle von der Kommune durchzuprügeln!« Den Löwenanteil an diesem Ruhme schrieb sie ihrem Manne zu, der dort drüben diente; jetzt war an ihm die Reihe, ihnen die Faustschläge zurückzuzahlen! Die Herrschaft dieser Dummköpfe konnte nicht lange dauern. Beweis dafür die Liebenswürdigkeit, mit welcher Frau Louchard und der Bataillonchef-Portier seit einigen Tagen sich ihr gegenüber benahmen. Sie beurteilte die politischen Ereignisse einzig in dem Maße, in dem sie sie berührten.

»Wenn man mir sagte, daß Louchard morgen seine alten Freunde verraten werde, ich wäre nicht überrascht«, sagte Martial. »Wer weiß, ob unter seiner Gewalttätigkeit sich nicht ein Doppelspiel verbirgt. Ich glaube, er ist zu allem fähig.«

Sie ließen das Rondel Medicis und den in tiefem, nur in der Ferne von einzelnen Lichtern unterbrochenen Dunkel liegenden Luxembourg zur Linken. Aus dem großen Garten, in dem der Frühling aller Verwüstung zum Trotz in voller Pracht sich entfaltete, aus den üppigen Massen des jungen Laubwerks strömte ein kräftiger Duft von Saft und Erde. Vor ihnen lag das belebte, lärmende Boulevard Saint-Michel mit seinen glänzend erleuchteten Kaffee- und Bierhäusern. Die Menge freute sich der Milde der Nacht nach dem Frohsinn des Tages. Unter übermütigem Scherzen schlenderte ein Haufe junger Bursche übers Trottoir. Die weinseligen Stimmen sangen in vollem Chor den Vers:

»C´est le sire d´Fich-Ton-Kan,
Qui s'en va-t-en guerre ...«

An den Tischen von d'Harcourt lachte man und liebkoste die Mädchen. Die Biergläser wurden nicht leer.

»Jedenfalls«, fuhr Martial fort, »scheint Louchard seit der Trennung in ansässige und Marschbataillone sich zu den ersteren schlagen zu wollen. Du kennst ja seine Angst vor dem Schießen! Seine Bestürzung mag nicht gering gewesen sein, als Cluseret, auf sein erstes Dekret zurückgreifend, angeordnet hat, daß die verheirateten Gardisten bis zu vierzig Jahren, gleich den ledigen, den Marschbataillonen zugeteilt werden sollen. Plötzlich hat der Narr sich besonnen, daß er schon einundvierzig zähle.«

Poncet deutete auf die durch die Straße wogende Menge von Nationalgardisten in allen möglichen Uniformen, bis zu den Zähnen bewaffneten und von Goldlitzen strotzenden Offiziere und müßigen Spaziergänger, die sich beim Anblick eines nur mühsam das Gleichgewicht bewahrenden und sich an den Hals des Pferdes klammernden Estafettenreiters vor Lachen wanden.

»Ich denke wohl«, versetzte er, »daß die ansässige Nationalgarde anders besetzt ist, als die ins Feld ziehende! Die wirkliche Armee der Kommune ist nicht so zahlreich, wie man hätte glauben können.«

Engverschlungene Paare wandelten an ihnen vorüber. Die sorglose Stadt, die von Lebenslust berauschte Jugend gab sich der Wonne der Liebe hin und genoß in vollen Zügen die Pracht des funkelnden Sternenhimmels, des köstlichen Frühlings. Die Kanonen waren verstummt. Viele glaubten an einen Waffenstillstand. Die meisten dachten an nichts und kümmerten sich nach all den Entbehrungen und Leiden nicht mehr um die Nähe des seit langem schon ihnen vertrauten Todes. Man vergaß ihn und dachte seiner nur, um in einem tieferen Schluck die Freude des Augenblicks zu trinken. Martial stieß seinen Vater mit dem Ellbogen an:

»Tue, als ob du nichts sähest!«

Auf den Arm eines schönen jungen Mannes gestützt, in den Zügen den Ausdruck seliger Extase, schritt mit jener Anmut, die das Glück den Liebenden verleiht, ein schlankes junges Mädchen vorüber. Es war Rose mit ihrem Cousin Louis. Barhaupt, eine Blume im dunklen Haar, wandte sie ihm ihr ernstes, leuchtendes Antlitz zu. In ihren schwarzen Augen lag die Hingabe ihrer Seele und schrankenloses Vertrauen. Frei und verheißungsvoll lag ihr schlichtes Dasein vor ihnen. Von ihrer Liebe, ihrer Zärtlichkeit strömte ein so mächtiger Zauber aus, daß Vorübergehende lächelnd sich nach ihnen umwandten. Man beneidete sie.

»Ach! diese beiden ...« sagte Martial.

Poncet, den sein Sohn für die Familie Simon interessiert hatte, fragte nach dem Alten.

»Er muß doch mit dem heute morgen erlassenen Dekret, das allen Lebensgefährtinnen der in der Schlacht gefallenen Föderierten eine Pension zusichert, zufrieden sein?«

»Sicherlich«, erwiderte Martial, »und es ist ein guter und glücklicher Einfall, zwischen legitimen und nicht legitimen Witwen, die im Unglück alle gleich sind, keinen Unterschied zu machen. Heißt Therese auch nicht Frau Simon, so gibt die Würdigkeit ihres Lebens ihr doch gleiches Recht auf Achtung, wie anderen, die gesetzlich verheiratet sind. Vorläufig jedoch setzt dieses Dekret ein siegreiches Paris voraus, das imstande ist, den mageren Rückstand dieses Blutpreises zu zahlen. Eine sofortige Entschädigung wäre sicherer!«

»Und dann«, bemerkte Poncet, »bei der neuen Organisation, welche die Alten aus den Reihen ausscheidet, ist Simon ja in den Ruhestand versetzt ...«

»Ja wohl«, versetzte Martial, »er war wütend bei dem Gedanken, nicht mehr an der Seite seiner Söhne marschieren zu dürfen. »Will man mich als einen Siechen behandeln?« schrie er vor seiner Tür. Du kannst sicher sein, er wird weiter dienen, als gäbe es kein Dekret. Und er wird ein tüchtiger Freiwilliger sein.«

»Cluseret hat sich getäuscht«, sagte Poncet. »Die Alten taugen in kritischen Momenten oft mehr, als die Jungen. Sie haben mehr gelitten, bringen mehr Überlegung und große Todesverachtung in die Sache mit.«

Martial war nachdenklich geworden ... Die Simons! Ja, die gehörten unter die Besten in dieser so seltsam gemischten Armee der Kommune!

Der riesige Rahmen, innerhalb dessen ganze Einheiten seit dem Waffenstillstand Tag für Tag total verschwunden waren, in dem die Mehrzahl, um alle jene verringert, die die Rücksicht auf die Löhnung nicht zurückhielt, trotz der Einheitlichkeit der Interessen nur noch in verstreute Gruppen zerfiel – diese wirre Masse der Bataillone war durch den Ausfall vom 3. April vollends in Auflösung geraten.

Auf dem Papier zählte die Infanterie wohl noch einen Effektivbestand von 145 000 Mann, von denen jedoch kaum ein Viertel das Verlangen empfand, sich zu schlagen. Das Ganze schlecht bewaffnet, schlecht equipiert und in einem Zustand erschreckender Anarchie: ein Gewimmel von Komitees und Subkomitees, die Legionen und die Behörden in beständigem Konflikt; das Zentralkomitee kaum imstande, dieses Chaos zu entwirren, das durch die Autorität der Kommune noch kompliziert wurde. 5600 Artilleristen, einem besonderen Komitee unterstehend, das auf seine Prärogative ebenso eifersüchtig war, wie das andere auf die seinen, ausgezeichnete Stückrichter, die ihre Geschütze wie lebende Wesen liebten, aber nur auf den Wällen oder in den Forts dienen wollten; Kanonen mehr als man brauchte, die jedoch in den unbeschreiblichen Durcheinander von Munitionen mangelhaft approvisioniert waren. Einige mittelmäßige Geniekompagnien. Keine Artillerie, die wenigen Pferde von den zahllosen Offizierstäben in Anspruch genommen. Kein Train, kein Sanitätsdienst. Die Intendanz in ein ausgebreitetes Netz kleiner Ämter umgewandelt.

Das war die Verwirrung, die Cluseret vorgefunden hatte und gegen die er seit einer Woche mit seinem Yankeephlegma ankämpfte. Ehemaliger aus der regulären Armee entlassener Hauptmann, Oberoffizier in Amerika während des Sezessionskrieges, hierauf der Internationalen affiliierter Publizist, Reisender der Militärdiktatur, der das Zentralkomitee unablässig mit Anerbietungen quälte, brachte der Kriegsdelegierte in sein neues Amt einen endlich befriedigten Ehrgeiz und wirkliche praktische Vorzüge mit. Der fünfundvierzigjährige stattliche Mann mit dem weißen Teint, dem bärtigen, regelmäßiges Gesicht und dem schwarzen, schon ergrauenden Haar trug in der Ironie seines Lächelns und der Nonchalance seiner Bewegungen eine ruhige Verachtung seiner Mitmenschen und eine hohe Meinung vom eigenen Ich zur Schau. Bravour und Gewandtheit, doch durch die lässigste Sorglosigkeit annulliert. Stets in bürgerlicher Kleidung, mit dem weichen Filzhut auf dem Kopfe, affektierte er inmitten dieser militärischen Maskerade eine puritanische Einfachheit, während er in Wahrheit nicht eben der anspruchsloseste dieser Komödianten war.

Man konnte sich keinen schrofferen Gegensatz denken, als den zwischen dem Kriegsdelegierten und seinem Generalstabschef, Rossel, dem ehemaligen, aus Metz entwichenen Geniehauptmann, der von Gambetta zum Oberstleutnant und Kommandanten des Lagers von Nevers ernannt worden war. Der junge Offizier, berühmt durch die revolutionäre Entschlossenheit, mit der er nach dem 18. März sich unter die Fahne von Paris gestellt und mit siebenundzwanzig Jahren mit einer schönen militärischen Vergangenheit und einer noch schöneren Zukunft gebrochen hatte, war eine Erscheinung von merkwürdiger Energie.

Mittelgroß, schlank gebaut, eine jener Gestalten, die, ganz Muskeln und Knochen, den Stempel zäher Willenskraft tragen, mit hoher Stirn, hinter der man die Seele leuchten und träumen sah, stolzen Augen unter gefurchten Brauen, die eine seltene Selbstbeherrschung verrieten, war er der ausgesprochene Typus einer des Befehlens gewohnten Natur. In ihm glühte patriotischer Glaube und das wütende Verlangen, dem Deutschen die in Metz ausgelieferte Fahne wieder zu entreißen und in der Zukunft das durch den Friedensvertrag beschmutzte, von der Nationalversammlung geknechtete republikanische Frankreich wieder aufzurichten. Erbittert über die unter Bazaine erduldete Schmach, hatte er vergeblich versucht, den unseligen Führer niederzuwerfen und die Armee aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Über die Fehler der Nationalverteidigung empört, von dem Kampf bis aufs Messer gleichsam hypnotisiert und immer noch und trotz alledem daran glaubend, hatte er der Hauptstadt alle Kräfte seines Wesens zur Verfügung gestellt, eine mögliche Wiederaufnahme des Kampfes voraussehend! Und der greisenhaften Sache der Vergangenheit das vorziehend, was das Morgen zeitigen konnte, die Revolution. Er glaubte damit nur, einem strengen Gebote der Pflicht zu gehorchen: immerhin noch Soldat, doch vor allem Bürger.

Seit seiner Ankunft Legionchef, bei der ersten Affäre, einem Marsch von der Brücke von Asnières gegen Courbevoie, mit Malon und Girardin, von seinen Truppen im Stiche gelassen – zwei Bataillone waren betrunken, die anderen fünf ließen sich auf den Böschungen nieder, – gefangen genommen, als er versuchte, sie Disziplin zu lehren, war er bereits zur Erkenntnis gelangt, mit was für Männern das Schicksal ihn verknüpft hatte. Doch mit seinem hugenottischen Starrsinn, seinem hochmütigen Stolze klammerte er sich, wie an ein Rettungsseil, an den enttäuschten Ehrgeiz, an die Hoffnung auf irgend eine Wandlung schaffende Schicksalswendung ... Hinter sich hatte er alle Brücken abgebrochen. Er hatte zu hoch, zu fern geblickt, er konnte nicht mehr zurück. In den Augen aller schien er einem ihm voranblinkenden Stern zu folgen, und unter den Mitgliedern der Kommune betrachteten ihn die einen schon mit beginnendem Mißtrauen als den zu fürchtenden Diktator, während die anderen ihm als dem möglichen Retter zulächelten.

Auf diesen beiden schon durch die Macht der Exekutivkommission und der Militärkommission gelähmten Männern lastete noch eine dritte eifersüchtige Überwachung, eine Macht von hundert tastenden Händen: das Zentralkomitee, das, gekränkt darüber, nicht mehr in Wirklichkeit seine Herrschaft ausüben zu können, sich bemühte, sich in den Hintergrund der Bureaus zu drängen und auf diesem Wege das Ministerium zu füllen. Das bekannteste seiner Mitglieder, Moreau, den seine Amtstätigkeit – die Analyse der Information und das Referat der Presse – in beständige Berührung mit Cluseret brachte, übte über diesen tatsächlich eine Kontrolle aus.

Von einem blindlings zusammengestellten Generalstab unterstützt, der nicht genügte, um die unglaubliche Masse von albernen Reklamationen, maßlosen Ansprüchen, sinnlosen Erfindungen zu bewältigen, mühten sich Rossel und der Delegierte, den Augiasstall zu reinigen. Schon hatte die Kommune eigenmächtig die Verhaftung Assis, des früheren Militärkommandanten des Rathauses, sowie seiner Tafelrunde – die eine peinliche Erinnerung an die schönen Tage des Zentralkomitees bildeten – vorgenommen. Man mußte im Ministerium selbst aufräumen, wo die Generalin Eudes sich breit machte, während ihr Gatte die Verteidigung der südlichen Forts leitete. Mit flatternden Haaren, im Amazonenkostüm mit der roten Schärpe, so hatte man sie von ihrem weich ausgepolsterten Neste zu den Wällen galoppieren gesehen. Man suchte für sie ein anderes Palais, um sie zu bewegen, ihr mit blauem Atlas ausgeschlagenes Schlafzimmer und die Salons, in denen sie die Ehrentrunke kredenzte, zu verlassen.

Ebenso mußte man das Platzkommando leeren, indem man Bergeret selbst verhaftete, der dort ein flottes Leben führte, auf seinen Lorbeeren ruhte und die von schwarzbefrackten Lakaien servierten feinen Gastmähler verdaute. Auf diese Weise tröstete sich der unfähige Ex-Sergeant über seine mißglückte Generalslaufbahn.

Ein Slave, Jaroslaw Dombrowski, war sein Nachfolger. Klein, mager, mit einem Gesicht voll Schlauheit und Energie, geborener Soldat wie alle Polen, entwickelte der neue Chef im Feuer eine tolle und dabei kaltblütige Bravour und bewegte sich darin wie in seinem eigensten Element. Gestern noch ein unbekannter Abenteurer, wußte er sich mit Kühnheit und Unverfrorenheit in seine neue hohe Stellung zu finden. Um diejenigen zu beruhigen, die die Berufung eines Fremden zu einer so wichtigen Aufgabe mit scheelen Blicken betrachteten, umgab die Kommune ihn mit einer Legende: als Haupt und Führer des letzten polnischen Aufstandes sollte er mehrere Monate hindurch der russischen Armee Widerstand geleistet, außerdem den Krieg im Kaukasus mitgemacht haben. Wahres an diesen Gerüchten war, daß er von Garibaldi sehr geschätzt wurde, und daß dieser sich ihn sogar von Trochu ausgebeten hatte, um ihn in der Vogesenarmee zu verwenden. Sein erstes Erscheinen unter dem mörderischen Hagel der Geschosse wirkte verblüffend und fanatisierend auf die Föderierten.

So verteilte sich die Verteidigung von Paris folgendermaßen: Dombrowski auf der Rechten, Neuilly besetzt haltend, bis Saint-Quen von seinem Bruder Ladislav, weiterhin von einem Ex-Hauptmann der Franctireurs, Oberst Okolowicz, und bis zum Point-du-Jour von Oberst Laporte unterstützt. In der Mitte, von der Seine bis zur Bièvre, hinter den Südforts, Eudes, unterstützt von La Cecilia, einem Franzosen mit italienischem Namen, der unter Lipowski während des Krieges tapfer mitgestritten hatte und trotz seines kalten Mathematikergesichtes mit Leib und Seele Soldat war. Von der Bièvre bis Charenton ein anderer Slave, Wrobleski, weniger gefeiert als sein Landsmann, doch nicht weniger tapfer.

Unter diesen aus dem Orkan hervorgegangenen Führern, und um die letzten außerhalb der Umfassungsmauer liegenden Dörfer Schritt für Schritt den Gegnern streitig zu machen, die halb demolierten, unter dem beständigen feindlichen Feuer zusammenbrechenden Forts zu besetzen, ungefähr vierzigtausend Kombattanten, ein fester, aus der weichen Schale, den Untauglichen, den Ansässigen, den Widerspenstigen gelöster Kern. Während in Paris die Eitlen und die Unfähigen sich in die Brust warfen, die Ärzte sich mit ihren Ehrenzeichen brüsteten und die Portiers in der Uniform höherer Offiziere durch die Straßen stolzierten, während jedes militärische Etablissement, jedes Monument, jede Kaserne und jeder isolierte Posten seinen Kommandanten besaß, der wiederum einen Offiziersstab, oft auch einen Wachtposten hatte, waren es außerhalb Paris und den Wällen immer dieselben, die sich schlugen und sich totschießen ließen.

Die Offiziere waren sehr gemischt; es gab unter ihnen einige tapfere Freiwillige, viele ehemalige Unteroffiziere der Armee, die es satt hatten, unter dem Kaiserreich auf der Stelle zu treten und glücklich waren, endlich die Epauletten zu erringen, deren sie sich würdig hielten und die sie bis dahin vor allem den Intriganten verliehen gesehen hatten; noch mehr Maulhelden und in der Schule der Weinstuben und der Klubs erzogene Narren.

Die Soldaten bildeten ein buntes Amalgam, in dem man neben von feuriger Überzeugung beseelten Männern, grauköpfigen Alten, jungen Brauseköpfen eine große Anzahl von Arbeitern sah, die vielleicht lieber zur Arbeit zurückgekehrt wären, jedoch in Ermangelung eines anderen Brotherrn hier für ihre dreißig Sous wie auf einem Bauplatz arbeiteten. Deklassierte, Verbitterte aller Professionen, zu Grunde gegangene Kaufleute, Leute, die durch ihren Charakter oder ihre Instinkte, durch die Härte der Sitten und der Gesetze von der großen Heerstraße abgeirrt waren und die, da sie nichts zu verlieren hatten, in diesen Tagen erhöhten Lebens wenigstens Zeit gewannen.

Ein Abschaum strömte von allen Seiten hier zusammen, Sträflinge und dunkle Existenzen, die unvermeidliche Hefe jeder Gesellschaft, die in Stunden der Verwirrung auf die Oberfläche zu kommen pflegt. Die Deutschen, so hieß es und so hatte man es Thiers versichert, schickten ganze Schübe solchen Gesindels her. Die Kommune, weniger ängstlichen Gewissens als das Zentralkomitee in seinen Anfängen, hatte am 2. April die Petite-Roquette geleert.

Außerdem sah man eine Schar von Nachahmern mit engem Gehirn, von Ignoranten, die nicht wußten, wofür, noch gegen wen sie kämpften, Leuten, deren Willenskraft durch Alkohol, Neurose und Krankheiten aller Art gelähmt oder gebrochen war; Abtrünnige vom 18. März, Soldaten oder Matrosen, Strandgüter nach dem Schiffbruch. Nahezu fünfzehnhundert Mann, die keinen Entschluß fassen konnten, die als Nichtstuer in der Kaserne Prince-Eugen lebten, wo die Kommune sie nährte, tränkte und bezahlte.

Viele Kinder, abseits getriebene, unschuldige Existenzen, denen die Straße kein Gewissen und kein Brot beschert hatte. Frauen, Krankenpflegerinnen, Marketenderinnen, Amazonen, fast alle verängstigt und exaltiert oder von sanftem Fanatismus, wie jene Laienpriesterin Louise Michel, schöne Abenteuerinnen wie die Dmitrieff, von der man behauptete, daß sie eine Fürstin sei, dicke Vorstadtbürgerinnen, zahnlose Alte, wahre Hexengestalten.

Endlich die Wildlinge der alten gallischen Erde, Söhne einer kriegerischen Rasse, in denen das unzähmbare Blut des Urmenschen noch wallt, stets zum Dreinhauen bereit – große Kinder, die mit dem Morden und Sterben spielen. Und über all dieser Menge lagernd eine Wolke von Fremden, die sich gleich Raubvögeln der allgemeinen Revolution an den Konvulsionen Frankreichs weideten.

Ein einziger Wahn, eine Trunkenheit der Wut, der Begierden, der aufstachelnden Worte, berauschenden Weins und glühenden Glaubens verband in der Trostlosigkeit unerhörter Verhältnisse all diese Menschen, die, ohne daß ein Gefühl der Einigkeit sie aneinander knüpfte, doch wie Ein Mann gegen den Feind, gegen »die Preußen von Versailles« standen.

Eine im Hotel des Reservoirs auf einer mit Mühe nur eroberten Matratze verbrachte Nacht befreite Poncet von seiner Müdigkeit.

Den ganzen gestrigen Tag, den 11. April, hatte er mit allen möglichen Bemühungen und Vorstellungen bei der Kommune zugebracht, die, um sich zu nichts zu verpflichten, sich weigerte, einen gemeinsamen Passierschein auf den Namen der Liga auszustellen und sich nur zur Ausfertigung von persönlichen Passierscheinen herbeiließ; dann die lange Wagenfahrt von Saint-Denis an!

Noch immer dröhnten Poncet die Ohren von dem betäubenden Geschrei der Kutscher: »Versailles! Saint-Germain! Noch ein Platz! Abfahren!« Dann die Traurigkeit der Ebene von Gennevilliers, die von Blitzen durchzuckte Dämmerung, der Donner der Batterien und des Mont-Valerien, die Vorposten von Colombes, Nanterre, Rueil mit Kanonen und Pulverkasten überfüllt, die Mauern der Malmaison, die die Spuren der Belagerung trugen, die Celle mit ihren von den Preußen verwüsteten Wäldern ...

Bei eintretender Nacht war man angelangt und fiel plötzlich, beim Ausgang der großen, finsteren Avenuen, in eine Stadt voll Leben und Licht, deren Schloß, deren Restaurants und Kaffeehäuser von Gästen wimmelten. Im Hotel des Reservoirs, dessen sämtliche Fenster erleuchtet waren wie zu den schönen Zeiten des deutschen Großen Generalquartiers, nicht ein freier Winkel zu finden: hier hatte die Politik, die Finanzwelt, die Hautevolee ihr Lager aufgeschlagen. In einem Seitengebäude der ehemaligen Präfektur hatte der Jockey-Klub seine Speisetafeln und Whisttische aufgestellt. Überall bildeten sich, wie ebensoviele winzige Verschwörungsherde, kleine Cercles, in denen liebenswürdige Frauen, kleine und große Damen, sich bewegten und sich über all die Intriguen, Galanterie und den Krieg amüsierten.

Freunde, Bekannte, – man begegnete ihnen in jedem Winkel der überfüllten Stadt, vor den Hoteltüren, an den Straßenecken, – erschienen ihm als Fremde, Menschen einer anderen Rasse. Besonders ein Journalist, ein Kollege aus der Studienzeit, mit dem er in Tours und in Bordeaux wieder zusammengetroffen war, – merkwürdig, wie das geschwätzige, bewegte, müßige und neugierige Publikum der Rue des Reservoirs dem der Alleen von Tourny glich! – stieß ihn durch die kalte Leichtfertigkeit ab, mit der er von den geringfügigsten Ereignissen, von den Vergnügungen Versailles, erzählte.

Da war zum Beispiel neulich, zu Ostern, die große Militärmesse auf dem Lager von Satory: rings um einen unter freiem Himmel errichteten, mit Kriegstrophäen geschmückten Altar haben die Truppen mit ihren in der Sonne blitzenden Kanonen Aufstellung genommen: Vinoy, Maudhuy, sämtliche Generäle und Oberoffiziere, »die nicht durch ihre Pflicht vor dem Feinde abgehalten sind«, haben sich hier versammelt. Ein herrliches Schauspiel, des »Herrn der Heerscharen« würdig ...

Oder die Ankunft der Gefangenenkolonnen inmitten einer Staubwolke. Man ruft: »Da sind sie! Da sind sie!« Und man rennt herbei, um diese zerlumpte, geschmähte Herde besser zu sehen, man möchte sich auf sie stürzen, sie in Stücke reißen. Man lacht über die, die sich mit Mühe nur, in tiefster Erschöpfung, weiterschleppen, über die Greise in Holzschuhen oder mit bloßen Füßen, über die bis zur Unkenntlichkeit zerlumpten Uniformen; man fürchtet sich vor denen, die mit wehendem Bart, flatternden Haaren und stolzer Miene einherschreiten; man schreckt zurück vor den Frauen mit pulvergeschwärzten Gesichtern oder den ehrwürdig aussehenden alten Jungfern mit den glatten Scheiteln und einfachen schwarzen Kleidern. Ihnen folgt ein Wagen mit einer Ladung blutigen Fleisches, arme Geschöpfe, die unterwegs zusammengebrochen waren, die eine zornige Aufwallung, eine Klage mit einem Säbelstich, einem Kolbenschlag hatten büßen müssen.

Wehen Herzens mußte Poncet vor den Grandes und Petites-Ecuries vorübergehen. Bei ihrer Ankunft wurden die Gefangenen zu Hunderten in die großen, kahlen Erdgeschoßräume, in die Keller geworfen, wo sie tagelang bei Wasser und Brot auf ihren elenden Strohbündeln kauerten oder ihre scheuen, verängstigten Gesichter an den Kellerlöchern, an den hohen Fenstern zeigten. Im ersten Stockwerk funktionierten zahlreiche Polizeikommissäre, expedierten nach kurzem Verhör die Frauen in das Quartier des Chantiers, die Männer – da die Gefängnisse bereits voll waren – in die Orangerie oder in die Gefängnisse. Man kannte kaum ein größeres Vergnügen, als diesen Verhören beizuwohnen und sich an der Qual der Opfer zu weiden. Bekannte Literaten und Karrikaturenzeichner, ein Dramatiker bildeten das Stammpublikum.

Angesichts solcher Sitten und Gebräuche glaubte Poncet sich in eine völlig andere Welt versetzt. Gesichter, Worte, Gesten, alles mutete ihn so fremdartig an, als befände er sich in New-York oder in Peking.

Um zehn Uhr sollten die drei Delegierten von Thiers empfangen werden. Poncet begab sich in den Ballspielsaal, wo ein Dutzend Deputierter der Pariser Linken versammelt war, um mit den Vertretern der Versöhnungsliga bei deren Verlassen der Präfektur zu konferieren. Zu seiner Überraschung mußte er erkennen, wie sehr diese Republikaner seit ihrer Übersiedlung nach Versailles von der republikanischen Majorität von Paris abwichen. Von dem fait accompli, der Notwendigkeit, Versailles zu verlassen, um sich zu verständigen und dem Blutvergießen ein Ende zu machen, von alledem wollten sie nichts wissen und erklärten sich mit der von dem Haupt der Exekutivgewalt den Delegierten der Nationalunion der Syndikatskammern gegebenen Antwort zufrieden.

Verpflichtete sich denn Thiers nicht, alles in allem, so lange er am Ruder war, darüber zu wachen, daß der Bestand der Republik nicht angegriffen werde? Die Nationalversammlung konnte sie doch nicht votieren, da sie keine konstituierende war. Man mußte sich mit dem Versprechen des großen Mannes zufrieden geben! – »Als wäre diese Republik – so dachte Poncet – nicht nur dem Namen nach eine republikanische, als wäre sie nicht mit ihrer Unterwürfigkeit unter die Tradition, ihrer zentralisierenden Tyrannei eine verkappte Monarchie ... Und wenn einmal Thiers fiel, dann würde man sehen, ob die Nationalversammlung sich nicht in eine konstituierende verwandeln und Frankreich einen Herrn geben würde!«

Er wunderte sich darüber, wie völlig die Deputierten der Linken dem Einflusse des Alten gehorchten. Ja, sie billigten es sogar, daß er Paris in bezug auf munizipale Freiheiten nur das »gemeine Recht« bewilligen wollte. Wie hübsch, »das gemeine Recht!« ... Er wiederholte sich die Phrase, die Thiers mit seiner scharfen, gebieterischen Stimme jedem gegenüber, der es hören wollte, ableierte: »Paris wird wie ein Weiler mit hundert Einwohnern der Gewalt des Staates unterworfen werden!«

An demselben Tage, an dem die »Syndikats-Union« empfangen worden war, hatte man in einer Anwandlung von Liberalismus in der Kammer wo sich seit einer Woche die Diskussionen über das die Munizipalwahlen betreffende Gesetz hinschleppten – eine Verbesserung votiert, welche allen Gemeinden das Recht gab, ihre Bürgermeister selbst zu wählen, während die Vorlage der Regierung dieses Recht nur für die Gemeinden unter 6000 Seelen stipuliert hatte. Es war ein berechnender Liberalismus, der, indem er sich die Masse der Wähler verpflichtete, mittelst eines dezentralisierenden Gesetzes die befriedigten Landgemeinden und Städte dem Drucke der eventuellen zukünftigen Herren entzogen und dieselben fortan für die geträumte Restauration gewonnen hätte ... Der Referent der Kommission, als Interpret von Thiers' Ideen, eröffnete von neuem die erschöpfte Diskussion mit dem Vorschlage, dieses Recht auf die Gemeinden von unter 20 000 Seelen zu beschränken; plötzlich war Thiers selbst auf der Tribüne aufgetaucht, wie der Teufel aus der Schachtel, und hatte mit seiner sofortigen Demission gedroht, wenn die Nationalversammlung das Recht der Bürgermeisterwahl nicht auf die »vom Referenten genannte Ziffer« beschränkte. Und die Nationalversammlung hatte ihren Beschluß geändert und nachgegeben.

Den großen Städten, die die Fähigkeit besaßen, in voller Erkenntnis der Sache ihre Wahl zu treffen, das verweigern wollen, was man den kleinsten Dörfern gewährte, hieß das nicht, die kommunalistische Insurrektion in ihrem Prinzip rechtfertigen und den Abgrund, welcher Land- und Stadtbevölkerungen trennte, erweitern? Hieß das nicht, den unwiderruflichen Bruch zwischen Paris und Versailles verkünden und erklären, daß man um keinen Preis eine Versöhnung wollte? ... Außerdem geruhte Thiers, der Hauptstadt die Verpflichtung aufzuerlegen, ihre Nationalgarde zu entwaffnen, sich ohne Garantien zu ergeben – gegen das Versprechen, daß nur die Mörder der Generäle gerichtlich verfolgt werden sollten, – und die Armee, »das Erhabenste und Reinste, das gegenwärtig das Land besitze, in bescheidener, aber genügender Anzahl« in ihren Mauern aufzunehmen ...

Ach ja, wie weit waren diese Vertreter von Paris von der Stadt entfernt, die sie zur Verteidigung ihrer Rechte ernannt hatte!

Das Erscheinen seiner Gefährten von der Liga, der Bericht, den der eine von ihnen, Dessonnaz, über die Zusammenkunft mit Thiers erstattete, die unklaren Kommentare, in welche die Deputierten sich verwickelten, bestärkten Poncet in seiner traurigen Überzeugung. Von diesen Männern, die, in ihrer Eigenliebe, ihren veralteten Anschauungen versteinert, von dieser wütenden Bewegung, die zu leiten sie ohnmächtig waren, umhergeworfen wurden, war nichts zu hoffen. Und noch weniger von dem hochmütigen, rachsüchtigen Staatsmanne, der es Paris nicht verzeihen konnte, daß es ihn hatte flüchten gesehen, und nicht ruhen würde, bis er nicht als Sieger mit der Armee wiederkehren dürfe, zur glänzenden Revanche und zur furchtbaren Sühne!

Einige Details, welche Dessonnaz unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihm anvertraute, rechtfertigten die schlimmsten Befürchtungen. Als er Thiers zu bedenken gab, daß die »heute so reine und erhabene« Armee nichts anderes sei, als die Dienerin des 2. September, und daß sie den ehrenwerten Herrn Thiers selbst ins Gefängnis gesteckt hatte, da hatte der Zwerg, sein Mähne schüttelnd, geantwortet, das alles habe sich geändert.

Der Geist der Truppen hänge von der sie führenden Hand ab. Lasterhaft unter einem lasterhaften Regime, konnten sie unter einer von den besten Absichten beseelten Regierung nicht anders als vortrefflich sein ... ›Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sanft, wie liebenswürdig, wie anhänglich diese Soldaten sind!‹ Ich sagte ihnen: »Ihr sollt gut genährt und gut besoldet werden, aber ihr müßt mit eueren Offizieren, eueren Generälen unter Zelten kampieren«; und sie kampieren! Ich selbst bin ja kein Kriegsmann; aber täglich, jeden freien Augenblick, gehe ich zu ihnen hinaus, spreche zu ihnen und sie hören mir zu. Sie werden in Paris einziehen!«

Dieser unerschütterliche Entschluß verriet sich in jedem seiner Worte. Als Dessonnaz ihn fragte, welches die Grundlagen eines Waffenstillstandes sein könnten, verweigerte Thiers jede diesbezügliche Unterhandlung. »Die Nationalversammlung und die legale Gewalt könnten mit den Aufständischen nicht verhandeln ... Höchstens eine momentane, gegenseitige Waffenruhe. Die Kommune möge zu schießen aufhören, dann täte die Armee desgleichen ...« bis die Regierung es geboten erachte, den Krieg wieder zu beginnen.

Poncet verglich diese Erklärungen mit verschiedenen Zügen. In dem Officiel und den mit wachsendem Unbehagen und aufgeregter Neugier gelesenen Versailler Blättern hatte er gewisse untrügliche Zeugen des die Sitzungen einzig beherrschenden Gedankens gefunden ... Thiers und die Nationalversammlung, trotz ihrer gegenseitigen Kälte und ihrer Zwistigkeiten, in dem gemeinsamen Ziele vereinigt: Paris wiederzugewinnen und es zu züchtigen! Um dieses Zieles willen verschwendeten sie alle Sorgfalt, alle Schonung, alle Rücksicht an das unentbehrliche Werkzeug, die täglich umschmeichelte, gestreichelte, mit Kreuzen und Medaillen belohnte, mit Verleihung von Pensionen und Avancements bei guter Laune erhaltene Armee, deren wachsende Kraft, deren in Blut und Feuer sich stählende Energie sie mit atemlosem, bangem Interesse beobachteten.

So hatte am Tage des großen Ausfalls von Paris ein Deputierter der nervösen Nationalversammlung, die sich im Geiste schon überwunden sah und beim Eintreffen der beruhigenden Nachrichten in unendlicher Erleichterung aufgeatmet hatte, den Vorschlag gemacht, in corpore den siegreichen Truppen entgegenzugehen, um ihnen auszusprechen, wie glücklich und zufrieden sie mit deren Verhalten war! ... In der Abendsitzung war schleunigst eine Abordnung von fünfzehn Mitgliedern, mit Vize-Präsidenten, Quästor und Sekretären, ernannt worden, welche die Verwundeten in den Spitälern besuchen sollten; die ganze Regierung stritt sich um die Ehre, sich dieser Deputation anschließen zu dürfen. Nur war man um das Wann? und Wo? verlegen, da die Verwundeten, der Gegenstand all dieser Fürsorge, eben erst von dem Schlachtfelde fortgetragen wurden ... Und wenige Tage später beklagte sich die Kammer bitterlich darüber, nicht rechtzeitig einberufen worden zu sein, um durch ihre feierliche Gegenwart die Totenfeier für General Besson zu verherrlichen, was zu skandalösen Streitigkeiten zwischen Grévy und Le Flô führte, die die Schuld an diesem unpolitischen Versehen sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben suchten.

Poncet gedachte der pompösen Beerdigungen der Kommune, der aus allen Ambulanzen zusammengetragenen Leichen, die eiligst in die Särge verschlossen wurden, um den feierlichen Leichenzug des bei Neuilly gefallenen Oberst Bourgoin zu vergrößern. Ach! hier wie dort machte man sogar den Tod zum Gegenstand der Ausbeutung!

Denselben Tag noch reisten Poncet und seine Freunde wieder ab. Von neuem begann die langsame Reise, noch trauriger gemacht durch die Bitterkeit des Mißlingens, durch pessimistische Ahnungen. Um der gefährlichen Zone zwischen Issy und Neuilly auszuweichen, beschrieb der Wagen einen weiten Umweg und fuhr kilometerweit die Lager der Truppen entlang. Beim Anblick des Gewimmels der roten Hosen, der biwakierenden Pferde und parkierten Kanonen durchzuckte Poncet ein Gefühl heißen Schmerzes. Er dachte an die Scharen all dieser hohlwangigen, bleichen, zerlumpten jungen Soldaten, die in der Nacht des 18. März sich die Straße dahingeschleppt hatten, die ihre Führer insultierten und nach den Leiden und Strapazen der Feldzüge an der Loire und im Norden ihren Widerwillen vor einem neuen Kampfe gegen die eigenen Brüder äußerten.

Die Armee, die er heute sah, war eine andere, festgefügte, von martialischem Aussehen. Die Ordnung der Lager, der Märsche, jenes undefinierbare Etwas, das sich im Ausdruck der Gesichter, im Rhythmus der Bewegungen ausprägt und das lebendige Zeichen der Disziplin ist, frappierte ihn. Man fühlte, wie all diese Truppen mit jedem Tage williger sich in das Joch fügten. Unter anderen Umständen hätte diese schnelle Verwandlung ihn mit Freude, mit Bewunderung erfüllt. In diesem Augenblick jedoch verursachte diese Erkenntnis ihm Schrecken und Grauen. Wie, diese Kräfte, die vor dem Feinde zusammengebrochen waren, sie standen so gleich nachher, neu belebt und gestärkt, zum Kampfe gegen die alten Kriegs- und Leidensgefährten bereit! Drei Wochen der Trennung, der guten Nahrung, der regelmäßigen Löhnung hatten genügt, die Körper zu härten, die Herzen fühllos zu machen. Ah! die menschliche Bestie!

Aus tiefster Seele fluchte er den Wahnsinnigen, die von beiden Seiten sich aufeinander stürzten. Bei dem betäubenden Donner der Kanonade faßte er die Zukunft ins Auge. Heißer Zorn erfaßte ihn gegen das wirkliche Haupt dieser Armee, gegen den Greis, dessen Hand in ihr nur das blutige Werkzeug seiner Rache streichelte. Mit mehr Trauer als Zorn dachte er an die neulich über die ganze reorganisierte Armee abgenommene Revue, von der Louis Blanc ihm erzählt hatte.

In einem entlegenen Winkel des Parkes, gegen Petit-Trianon zu, war der neue Generalissimus den Truppen vorgestellt worden. In einem für seine Wunde bequemen, von zwei Paßgängern gezogenen Wagen war er die Front entlang gefahren, ohne daß sich aus den Reihen eine der gefürchteten Kundgebungen erhoben hätte. Schweigend hatten sie vor dem Besiegten von Sedan, dem Sieger von Magenta, die Waffen präsentiert. Poncet fühlte tiefes Mitleid in sich aufsteigen für diese Generäle, für diese Soldaten, die die Notwendigkeit, die Gewohnheit des Gehorchens an ihre so grausame Aufgabe fesselte. Die anderen aber, die Verantwortlichen! Wo eine umsichtige Politik alles Unglück verhütet hätte, wo ein einfach menschlicher Wunsch nach Versöhnung auch jetzt noch das Schlimmste hätte abwenden können ...

Stumm, in die Kissen des Wagens gelehnt, die Phantasie erfüllt mit dem Bilde dieser in ihren Lagern, ihren Biwaks, ihren Parks kauernden Armee, die mit ihren Batterien und ihren Vorposten die kaum erst von der preußischen Umzingelung befreiten Plätze besetzt hielt, von denselben Stellen aus, von wo Bismarck Paris bombardiert hatte, ihr Feuer entsandte und bald vielleicht ihrerseits mit offener Gewalt ihren Einzug hielt, furchtbarer, als die Deutschen es gewesen – so rollte Poncet dem von Frankreich getrennten, von dem Gürtel seiner Forts und seiner Wälle umschlossenen, gleichsam von seiner Vereinsamung und Aufregung berauschten Paris entgegen.

Diese so geduldig, so sorgfältig von Thiers reformierte und geschaffene Armee zählte heute unter dem Oberkommando des Marschalls und des Geschichtsschreibers, des Nacheiferers Napoleons, drei Armeekorps zu drei Divisionen, wovon das 1. dem General von Ladmirault, einem der tapfersten Chefs der tapferen und unglücklichen Rheinarmee, das 2. dem General von Oissey, der durch sein Verhalten bei Rezonville und seinen Anteil an den Unterhandlungen wegen der Übergabe von Metz bekannt geworden war; das 3., ganz aus Kavallerie bestehende, dem glänzenden Reitergeneral Du Barail anvertraut war. Zwei weitere Korps, das 4. und 5., aus den aus Deutschland zurückgekehrten Gefangenen zusammengestellt und in Cherbourg, Cambrai und Dijon organisiert, waren im Begriff, zur Armee zu stoßen; das 4. war der Führung des ehemaligen Korpskommandanten der Armee von Chalons, General Douay, unterstellt, das 5. dem General Clinchant zugeteilt, dem die traurige Ehre gebührte, den letzten Tagen der Rheinarmee präsidiert zu haben, während eine, drei Divisionen starke Reservearmee unter dem Befehle Vinoys stand, der überdies zum Großkanzler der Ehrenlegion ernannt worden war.

Der Operationsplan – eine regelrechte Belagerung –, an dessen Entwurf Thiers den Löwenanteil hatte, wies den Platz auf der Linken, vor Neuilly, dem Korps Ladmirault an, das mit der Aufgabe betraut war, durch tägliche Scheinmanöver die Aufmerksamkeit von Paris nach dieser Seite zu lenken. Der Punkt, auf den man im geeigneten Augenblick die Attacke konzentrieren sollte, war der vorspringende Winkel des Point-du-Jour. Ihn beherrschten im Zentrum die Reserve-Divisionen Vinoys, während zur Rechten das durch regelrechte Laufgräben und ein heftiges Bombardement vordringende Korps Cissey die südlichen Forts, deren mörderisches Feuer schwächer wurde, einzunehmen im Begriffe stand. Auf der äußersten Rechten breitete sich die Kavallerie Du Barails gegen Longjumeau aus, den Schienenweg nach Orleans abschneidend und den Föderierten das Terrain zwischen Bièvre und Seine verrammelnd.

Nahezu hunderttausend Mann, morgen ihrer noch mehr. Ein ungeheueres Gefüge der verschiedenartigsten Elemente, mit den tausend Fesseln der Hierarchie in der Strenge der Kadres festgehalten. Ein einziges, riesenhaftes Bündel, in dem die Uniform die Verschiedenheit der Abstammung des Gefühls, der Begabung verwischte: Generäle des 2. Dezember oder der kaiserlichen Kriege; im Sattel ergraute oder eben aus der Schule entlassene, aus dem aktiven Dienst zurückberufene oder aus der Mobilgarde improvisierte Offiziere; Unteroffiziere und Soldaten der jungen Verteidigungsarmeen oder, der alten Armeen Napoleons III.

Die Führer, noch von dem Gefühl der Demütigung über die Niederlage entmutigt, in ihrem Patriotismus wütend darüber, jetzt, unter den Augen des Siegers, gegen das Volk kämpfen zu müssen, und doch einen traurigen Stolz darein setzend, einstweilen auf diese Weise sich rächen zu dürfen. Viele nur widerwillig ins Feld rückend, lediglich durch bittere Gewissensskrupel veranlaßt, das zu vollbringen, was sie in ihrem an passive Disziplin gewohnten Geiste als ihre Pflicht betrachteten. Einige wenige, die so weit gingen, sich zu fragen, auf welcher Seite das Recht war. Andere hingegen, die, von Geburt oder durch Erziehung blind, instinktiv oder mit Überlegung ihre Pflicht erfüllten und im Pariser nur einen Feind mehr, wie den Deutschen, den Italiener, den Russen, erblickten. Endlich eine allzu große Anzahl jener, die, in Kastengeist und Vorurteilen aufgewachsen, in der republikanischen Kapitale die Bannerträgerin der Ideen, die Feindin in der Vergangenheit, die drohende Zukunft haßten – wie jener krautjunkerliche Offizier, den Du Breuil bei Chatillon mit frechem Hohnlachen zu den Gefangenen hatte sagen hören: »Euer Paris! Nicht einen Stein werden wir davon stehen lassen!«

Die Masse der Soldaten, junge Gesichter, deren Wangen sich wieder zu färben begannen, wetterharte alte Gesichter, viele noch abgemagert von den Leiden und Entbehrungen der Gefangenschaft, wenig oder gar nicht über ihre Lage nachdenkend, allen Haß und Groll gegen jene richtend, von denen man, als sie voll Verlangen nach der Ruhe und dem Wohlleben der Garnisonen heimgekehrt, ihnen gesagt hatte: »Das sind diese Strolche, diese Sträflinge, diese Briganten, die uns zwingen, euch neue Anstrengungen und Entbehrungen aufzuerlegen! ... Sie hassen euch! Für euch, für euere Familien, euere Felder müßt ihr wieder zu den Waffen greifen! Ihr rettet die Gesellschaft!« Und zu jenen anderen, die nichts besaßen, redeten die neuen Kleider, die gefüllte Feldflasche, die Kriegszulage, die zu erwartenden Belohnungen eine nicht minder beredte Sprache.

Von heroischen Worten eingewiegt, fügten sich alle gehorsam ins neue Joch; winkte nicht nach überstandenen Gefahren ein Avancement, eine Pension, ein Kreuz? Man trug alles in allem doch seine Haut zu Markte. Nachher jedoch nahm man das normale Leben wieder auf. Wie in Paris, so kochte auch hier das alte, gallische Blut in vieler Adern, das gallische Blut und auch der nervenaufregende Alkohol, der Branntwein der Kantinen, der Absinth der Kaffeehäuser. Man hatte Schläge erhalten, nun konnte man Schläge austeilen! Der Anblick der verwundeten Kameraden, die Berührung mit diesen Kämpfern, die Verbrechern mehr, als Soldaten ähnlich sahen, mit diesen Gefangenen, die so schuldbeladen waren, daß man sie vor der Wut des Volkes schützen mußte, all das steigerte den Zorn, die Rachgier, erstickte alle Gewissensbisse in dem sorglosen Vorwärtsstürmen des Soldaten, der bei dem Klang der Trompeten das Bajonett kreuzte oder das Chassepot schulterte.

Eine Berufsarmee, in der zwar die Herzen nicht im Einklang schlugen, hoch die Schultern sich in Reih und Glied berührten, ein Riesenautomat, durch die Disziplin geregelt, von einer harten Greisenhand vorwärts getrieben, stand im Begriffe, die Offensive gegen den Feind, den »Pariser Preußen«, zu ergreifen.

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