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Gutenberg > Guy de Maupassant >

Die kleine Roque

Guy de Maupassant: Die kleine Roque - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie kleine Roque
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume14
year1911
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid0aff1248
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Der alte Amable

I

Der graue feuchte Himmel schien auf der weiten traurigen Ebene zu lasten. Der Herbstduft, der Dunst der kahlen Erde, der welkenden Blätter, des toten Grases machte die bewegungslose Abendluft dick und schwer. Die Bauern arbeiteten noch hier und da auf den Feldern, das Vespergeläut abwartend, das sie auf die Gutshöfe rufen sollte, deren Dächer man hier und da durch die Zweige der entblätterten Bäume sah, durch Apfelbaumreihen, die sie vor dem Winde schützten.

Am Wegesrand saß auf einem Kleiderbündel ein ganz kleines Kindchen. Es hatte die Beine auseinandergespreizt, spielte mit einer Kartoffel, die es ab und zu in den Schoß fallen ließ, während fünf Frauen auf dem Nebenfeld gebückt Raps pflanzten. Mit langsamer regelmäßiger Bewegung gingen sie in der Ackerfurche hin, die der Pflug eben ausgehoben und bohrten ein spitzes Holz in die Erde, um dann in das Loch das schon etwas welke Pflänzchen, das den Kopf hängen ließ, zu stecken. Darauf deckten sie die Wurzel zu und gingen ein Stück weiter.

Ein Mann schritt vorüber, die Peitsche in der Hand, Holzschuhe an den Füßen, blieb bei dem Kind stehen, nahm es auf und küßte es. Da erhob sich eine der Frauen und näherte sich ihm, ein großes rotwangiges Mädchen, breitschultrig und untersetzt, eine starke, normannische Dirne mit gelbblondem Haar und hellem Teint.

Sie sagte sehr sicher:

– Na Cäsar, da bist de ja nu.

Der Mann, ein großer hagerer Bursche mit traurigem Gesicht brummte:

– Nu ´s is noch nischt, ´s is egal dasselbe.

– Er will nich?

– Er will nich.

– Was wirschte denn nu machen?

– Das wees ich noch nich.

– Geh doch zum Pfarrer.

– Nu, mir soll´s recht sein.

– Aber Du machst sofort hin.

– Nu ja.

Nnd sie blickten sich an. Er hielt immer das Kind im Arm, küßte es wieder und setzte es auf die Kleidungsstücke zurück.

Am Horizont sah man zwischen zwei Bauernhöfen einen Pflug kommen, den ein Pferd zog und ein Mann schob. Ganz langsam kam das Tier, dann die Pflugschaar und der Pflüger über den farbigen Abendhimmel gezogen.

Das Mädchen fragte:

– Was hat denn der Vater gesagt?

– Er meent, da giebt´s nischt.

– Nu, was hat er denn?

Der Bursche deutete mit einer Handbewegung auf das Kind, das er eben zu Boden gesetzt, dann mit dem Blick auf den Mann, der drüben pflügte und sagte:

– Nu, weil Dei Kind von dem da is.

Das Mädchen zuckte die Achseln und meinte wütend:

– Nu, Gott verdamm mich, das wees doch jeder, daß es Victorn seiner is. Nu un was is denn da dabei? Ich habe eben ´ne Dummheit gemacht. Ich bin doch nich die eenzige. Die Mutter hat ooch ne Dummheet gemacht, ehe se mich geboren hat, un Deine ooch, ehe se Deinen Vater geheuert hat. 's giebt doch gar keene im Lande, die das nich gemacht hat. Ich hab's eben mit Victorn gemacht, weil er mich in der Scheune überfallen hat, als ich schlief, das is richt'g, nu un denn ging's weiter, wie ich nich mehr schlief. Ich hätte ihn sicher geheuert, wenn er nich Knecht gewesen wäre. Bin ich deswegen schlechter?

Der Mann antwortete einfach:

– Nu, ich will Dich ja ooch wie De bist mit oder ohne Kind, 's is doch nur der Alte, der nich will. Mer wern schon die Sache deichseln.

Sie meinte:

– Geh mal gleich zum Herrn Pfarrer.

– Nu ja, ich mache hin.

Und er setzte sich mit schwerem Bauernschritt in Gang, während das Mädchen die Hand auf die Hüften stemmte und wieder Raps pflanzen ging.

In der That wollte der Mann, der da fortlieft Cäsar Houlbreque, der Sohn des alten Amable Houlbreque, gegen den Wunsch seines Vaters Cölestine Levesque heiraten, die ein Kind hatte von Victor Lecoq, einem gewöhnlichen Knecht, der bisher auf dem Bauernhof ihrer Eltern gedient hatte und nun deswegen hinausgeschmissen worden war.

Auf dem Lande giebt es übrigens kein Kastenwesen, und wenn der Knecht sparsam ist, wird er, sobald er einen Bauernhof übernimmt, dasselbe wie sein früherer Herr.

Cäsar Houlbreque ging also seines Weges, die Peitsche unter dem Arm, über seinen Ideen brütend, indem er die schweren Holzschuhe, an denen Erdballen klebten einen nach dem anderen aufhob. Gewiß wollte er Cölestine heiraten mit dem Kind, weil sie die Frau war, die er brauchte. Er hätte nicht sagen können, warum, aber er wußte, daß es so war und war seiner Sache sicher. Er brauchte sie nur anzublicken, dann fühlte er sich ganz eigen, ganz dumm vor Befriedigung. Es machte ihm sogar Spaß, das Kind zu küssen, Victors Kind, nur weil es von ihr kam.

Und ohne Haß im Herzen sah er in der Ferne die Gestalt des Mannes sich vom Himmel abzeichnen, der dort hinter dem Pfluge ging.

Aber der alte Amable wollte von der Heirat nichts wissen. Er widersetzte sich ihr eigensinnig, wie eben ein stocktauber Mann, geradezu wütend.

Cäsar konnte ihm, so viel er wollte, in das Ohr, das noch etwas hörte, brüllen:

– Mir werden Dich gut pflegen, Papa. Ich sage Dir, 's is e famoses Mädel und sparsam und arbeitsam, huje!

Wer Alte antwortete:

– So lange ich lebe wird nischt da draus.

Und nichts konnte ihn überzeugen, nichts konnte seinen Nacken beugen. Für Cäsar gab es nur noch eine einzige Hoffnung. Der alte Amable hatte, da er den Tod nahen fühlte, Angst vor dem Pfarrer. Er fürchtete sich weiter nicht, weder vor Gott noch Teufel noch Hölle noch Fegefeuer von denen er keine rechte Vorstellung hatte, aber er fürchtete den Pfarrer, der für ihn das Begräbnis darstellte, so wie man sich vor dem Arzt fürchten könnte, aus Angst vor Krankheit. Seit acht Tagen quälte Cölestine, die des Alten Schwäche kannte, Cäsar, zum Pfarrer zu gehen. Aber Cäsar zögerte immer, weil er die Leute in den langen schwarzen Röcken auch nicht mochte, da sie für ihn immer die mit dem Klingelbeutel ausgestreckte Hand oder das Sakrament bedeuteten.

Aber er hatte sich dennoch entschlossen und ging zum Pfarrhof, immer überlegend, wie er am besten die Sache machen könne,

Der Abbé Raffin, ein kleiner, beweglicher, hagerer, niemals rasierter Priester wartete auf das Essen, indem er am Küchenfeuer saß und sich die Füße wärmte.

Sobald er den Bauer eintreten sah, fragte er und wendete dazu nur den Kopf:

– Nun Cäsar, was giebt's denn?

– Ich möchte mal mit Sie reden, Herr Pfarrer.

Verschüchtert blieb der Mann stehen, die Mütze in der einen, die Peitsche in der anderen Hand.

– Na, da sprich doch.

Cäsar warf einen Blick auf die Köchin, ein altes Weib, das schlürfend den Tisch in einer Ecke am Fenster für ihren Herrn deckte, und stammelte:

– Nu, 's is nämlich so ne Art Beichte.

Da musterte Raffin genau den Bauer, er sah ihm die Verlegenheit an, die umherwandernden Augen, und befahl:

– Marie, geh mal fünf Minuten auf Dein Zimmer, ich muß mit Cäsar sprechen.

Die Köchin warf einen wütenden Blick auf den Mann und ging brummend davon.

Der Priester sagte:

– Na, nu bete mal Deinen Rosenkranz.

Der Bursche zögerte noch immer, blickte auf seine Holzschuhe, drehte die Daumen, dann entschied er sich plötzlich:

– Nu, ich möchte nämlich die Cölestine Levesque heuern.

– Lieber Freund, was hindert Dich denn?

– Der Vater will nich.

– Dein Vater?

– Ja, mei Vater.

– Was hat denn Dein Vater dagegen?

– Er meent, sie hat schon ee Kind gehabt.

– Nun, sie ist ja die erste nicht, der das passiert, seit unserer Stammutter Eva.

– Ja, aber ee Kind von Victorn, Victor Lecoq, dem Anthime Loisel sei Knecht.

– Ach so. Also er will nicht?

– Nee, er will nich.

– Er will wirklich nicht?

– Nee, er is stätsch wie 'n Esel, wenn Sie erloben.

– Was hast Du ihm denn gesagt, daß er's erlauben soll?

– Na, ich habe gesagt, 's is ee gutes Mädel, fleißig un sparsam.

– Und das nützt nichts? Du willst wohl, daß ich mit ihm reden soll?

– Das 's richtig!

– Ja, und was soll ich denn Deinem Vater sagen?

– Nu, alles was Sie in der Kirche sagen, daß was in den Klingelbeitel kommt.

Für den Bauer bestand der ganze Witz der Religion dann, dem Geldbeutel etwas zu entlocken, die Taschen der Menschen zu leeren, um die himmlischen Kästen zu füllen. Die Sache kam ihm vor wie ein riesiges Handelshaus, in dem die Pfarrer die Kommis waren, gerissene listige Kerls die zum Schaden der Landleute Gottes Geschäfte besorgten.

Er wußte sehr wohl, daß die Priester Dienste leisteten, große Dienste an Armen, Kranken oder Sterbenden, daß sie kamen, trösteten, zuredeten, rieten, aber doch alles aus Geschäftsrücksichten, gegen blinkende Silberstücke, schönes glitzerndes Geld, mit dem man Sakrament und Messe bezahlen mußte, Ratschläge und Schutz, Sündenvergebung und Duldung, Fegefeuer und Paradies, je nach Vermögen und Freigebigkeit des Sünders.

Pfarrer Raffin, der seinen Mann kannte und nie ärgerlich wurde, begann zu lachen:

– Nun, da werde ich Deinem Vater mal so ne kleine Geschichte erzählen. Aber Du, mein Junge, wirst hübsch zur Messe kommen.

Houlbreque hielt die Hand hin, um es zu bekräftigen:

– So wahr ich hier stehe, wenn Sie das thun, mei Wort.

– Nun 's is gut. Wann soll ich denn zu Deinem Vater gehen?

– Nu, so schnell als meglich, gleich, wenn Se können.

– Also nach dem Abendessen, in einer halben Stunde?

– In 'ner halben Stunde.

– Also auf Wiedersehn, mein Junge.

– Gehorsamster Diener, Herr Pfarrer. Ich danke ooch scheen.

– Ist nicht der Mühe wert.

Und Cäsar Houlbreque kehrte heim. Ihm war eine große Last vom Herzen gefallen.

Sie hatten einen kleinen Hof gepachtet, sehr klein, denn weder er noch der Vater waren reich, und sie schlugen sich mit einer Magd und einem Mädchen von fünfzehn Jahren, das ihnen die Suppe kochte, für die Hühner sorgte, die Kühe molk, Butter machte, notdürftig durch, obgleich Cäsar ein guter Landwirt war. Aber sie besaßen weder genug Land noch genug Vieh, um mehr als das Notdürftigste zu erschwingen.

Der alte Mann arbeitete nicht mehr. Er war traurig, wie alle Tauben, krumm gezogen lief er hin auf seinen Stock gestützt und sah mit bösen Blicken Tiere und Menschen an. Manchmal setzte er sich an einen Grabenrand und blieb da bewegungslos stundenlang sitzen, dachte an all das, was ihn sein Leben hindurch beschäftigt, an den Preis der Eier und des Getreides, an Sonne und Regen, die den Ernten schaden oder sie wachsen lassen. Und seine alten Glieder, die vom Rheumatismus geplagt wurden, sogen die Feuchtigkeit des Bodens ein, wie sie seit siebzig Jahren den Mauerdunst des niedrigen Hauses eingesaugt, das mit feuchtem Stroh gedeckt war.

Wenn es dunkel wurde, kehrte er heim, nahm seinen Platz ein am Ende des Tisches in der Küche, und wenn man den irdenen Topf vor ihn gestellt, der die Suppe enthielt, umschloß er ihn mit den Fingern, die die runde Form des Gefäßes beibehalten zu haben schienen und wärmte sich die Hände Winter wie Sommer, ehe er zu essen begann, daß ihm nichts abginge, weder ein wenig Wärme vom teuren Feuer, noch ein Tropfen Suppe, in der Fett und Salz, noch eine Brotkrume, die aus ihrem Getreide gewonnen.

Dann kletterte er über eine Leiter auf den Boden, wo sein Strohsack lag, während der Sohn unten schlief in einer Art Nische am Herd und die Magd sich in einem Kellerloch einschloß, das früher dazu gedient hatte, die Kartoffeln aufzubewahren.

Cäsar und sein Vater sprachen fast nie etwas. Nur ab und zu, wenn die Ernte verkauft werden sollte oder ein Kalb erhandelt, fragte der Junge den Alten um Rat, bildete mit den Händen ein Sprachrohr und brüllte ihm seine Ansicht ins Ohr. Und der alte Amable billigte sie oder bekämpfte sie mit langsamer hohler Stimme, die aus den Tiefen seines Leibes zu kommen schien.

So hatte sich ihm Cäsar eines Abends genähert, und als hätte es sich um einen Pferde- oder Kuhkauf gehandelt, hatte er ihm mit voller Lungenkraft seinen Entschluß ins Ohr gebrüllt, Cölestine Levesque zu heiraten.

Da war der Vater wütend geworden. Weshalb? Aus Sittlichkeit? Nein, gewiß nicht, die Tugend eines Mädchens hat auf dem Lande kaum Wert. Aber sein Geiz, der wütende Sparsamkeitsteufel, der in ihm saß, empörte sich beim Gedanken, daß sein Sohn ein Kind aufziehen wollte, das nicht seines war. Im selben Augenblick hatte er an die viele Suppe gedacht, die das kleine Kind bekommen müßte, ehe es sich erst auf dem Hofe nützlich machen konnte. Er hatte jedes Pfund Brot berechnet, jeden Liter Apfelwein, die es verzehren und trinken würde bis zu seinem vierzehnten Jahr. Und eine Wut packte ihn gegen Cäsar, der sich alles das garnicht überlegte.

Und er hatte mit ungewohntem Stimmaufwand geantwortet:

– Du bist wohl besoffen.

Da hatte Cäsar alle Gründe aufgezählt, alle guten Eigenschaften Cölestines, um zu beweisen, daß sie hundert Mal mehr einbringen würde als das Kind kostete. Aber der Alte zweifelte an ihren Vorzügen, während er an dem Vorhandensein des Kindes nicht zweifeln konnte. Und er antwortete Schlag auf Schlag, ohne darauf einzugehen:

– Ich will nich, ich will nich. So lange ich lebe, wird nischt draus.

Drei Monate lang war es dabei geblieben. Einmal wöchentlich mindestens wurde das Thema wieder aufgenommen mit denselben Gründen, denselben Worten, denselben Bewegungen, derselben Erfolglosigkeit.

Und nun hatte Cölestine Cäsar geraten, den Pfarrer zu Hilfe zu rufen.

Als der Bauer heimkehrte, fand er seinen Vater schon am Tisch sitzen, denn er war wegen des Besuches beim Pfarrer zu spät gekommen.

Sie aßen schweigend einander gegenüber, schmierten nach der Suppe etwas Butter auf ihr Brot und tranken ein Glas Apfelwein. Dann blieben sie unbeweglich auf den Stühlen sitzen in dem Zimmer, das kaum erleuchtet ward durch ein Licht, das das Mädchen mitgenommen hatte, um die Löffel zu waschen, die Gläser auszuwischen und die Butterbemmen zum Frühstück am anderen Morgen im voraus zu schmieren.

Es klopfte an der Thür, und sie öffneten. Der Pfarrer erschien. Der Alte blickte ihn verdächtig, beunruhigt an. Er sah ein Unglück kommen und wollte schon auf seine Leiter klettern, als Pfarrer Raffin ihm die Hand auf die Schultern legte und ihm ins Ohr brüllte:

– Ich muß mit Ihnen reden, Vater Amable.

Cäsar hatte sich durch die offene Thür gedrückt. Er wollte nicht zuhören, so sehr hatte er Angst. Er wollte nicht, daß bei jeder verzweifelten Abwehr seines Vaters seine Hoffnung in Trümmer sank. Er wollte lieber die Wahrheit auf einmal erfahren sei sie gut oder böse. Und er ging in die Nacht hinaus. Es war eine dunkle Nacht ohne Mondschein, ohne Sterne, einer jener nebligen Abende, an denen die Luft mit Wasserdunst gesättigt erscheint. Ein unbestimmter Duft von Äpfeln zog um die Höfe, denn es war die Zeit der Obsternte.

Die Ställe strömten, wenn Cäsar an ihnen hinging durch die winzigen Fenster den warmen Geruch der Tiere aus, die auf dem Mist schliefen. Er hörte das Hin- und Hertreten der stehen gebliebenen Pferde und das Geräusch, das sie machten, wenn sie aus den Krippen Heu zogen und fraßen.

Er ging seines Weges und dachte an Cölestine.

In seinem einfachen Verstand, in dem die Gedanken nur Bilder waren, geradenwegs von den Gegenständen ausgestrahlt, bestand sein Begriff von Liebe nur darin, daß ein großes, rotbäckiges Mädchen vor ihm in einem Hohlweg stand und lachend die Hände in die Seite stemmte.

So hatte er sie an dem Tage, als er sie zuerst begehrt, gesehen und doch kannte er sie von Kindheit auf; aber er hatte sie nie wie an diesem Morgen beachtet. Sie hatten ein paar Minuten geschwatzt, dann war er fortgegangen, und während er ging, sagte er sich: »Gott vertanneboom, das is ee scheenes Mädchen. 's is doch schade, daß se mit dem Victor Dummheeten gemacht hat.« Und bis an den Abend dachte er an sie und auch noch den folgenden Tag.

Als er sie wiedersah, fühlte er einen Kitzel in der Kehle, als ob man ihm eine Feder in den Hals gesteckt hätte. Und von nun ab wunderte er sich jedesmal über dieses merkwürdige nervöse Krabbeln, das immer anfing, wenn er vor ihr stand.

Nach drei Wochen war er entschlossen, sie zu heiraten, so gefiel sie ihm. Er hätte nicht sagen können, woher die Gewalt, die sie auf ihn übte, kam, aber er bezeichnete sie mit den Worten: »Sie hat mich verhext.«

Als wäre die Gier nach diesem Mädchen in ihm so mächtig gewesen, wie eine Gewalt der Hölle. Er kümmerte sich weiter nicht um ihren Fehltritt, das war ja ganz gleich, das schadete ihr nichts, und er war Victor Lecoq nicht böse.

Aber wenn es nun dem Pfarrer nicht glückte, was sollte dann geschehen? Er wagte nicht daran zu denken, so quälte ihn die Unruhe.

Er war bis an den Pfarrhof gegangen und hatte sich an den kleinen Holzzaun gesetzt, um die Rückkehr des Priesters abzuwarten.

Dort saß er etwa eine Stunde, da hörte er Schritte kommen und unterschied bald, obgleich es sehr dunkel war, den dunklen Schatten des Priestergewandes.

Er stand auf mit zitternden Knieen, wagte nicht zu sprechen, aus Furcht, das Ergebnis zu erfahren.

Der Geistliche sah ihn und sagte heiter:

– Nun, mein Junge, das wäre im reinen.

Cäsar stotterte: – Im reinen? Is doch garnich meglich.

– Ja, mein Junge. Aber leicht war es nicht, dein Vater ist ein stätscher alter Esel.

Der Bauer wiederholte: – 's is nich möglich.

– Ja, doch, doch. Komm mal morgen mittag zu mir, wegen des Aufgebotes.

Der Mann hatte die Hand seines Pfarrers ergriffen, er drückte sie, schüttelte sie, preßte sie und stotterte: – Wirklich wahr? Wirklich wahr, Herr Pfarrer? Mei Wort druf, nächsten Sonntag geh' ich zur Messe!

II

Die Hochzeit fand gegen Mitte Dezember statt. Sie war einfach, da das Paar kein Geld hatte. Cäsar trug einen neuen Anzug und erschien um acht Uhr morgens, um die Braut abzuholen und sie zum Ortsvorstand zu führen. Aber weil es noch zu zeitig war, setzte er sich an den Küchentisch und wartete, bis die Familie und die Freunde kämen, die ihn abholen sollten.

Es schneite seit acht Tagen, und die braune Erde war unter dem weißen Eistuch eingeschlafen.

Es war kalt in den, mit der weißen Haube gekrönten, Bauernhäusern, und die runden Apfelbäume auf den Höfen sahen aus, als ob sie blühten, mit Puder bestäubt, wie in der schönen Jahreszeit.

An diesem Tag waren die dicken Winterwolken, die grauen, die den Schnee mit sich tragen, verschwunden, und der blaue Himmel spannte sich über die weiße Erde, auf welche die aufgehende Sonne Silberblitze warf.

Cäsar starrte vor sich hin durchs Fenster, gedankenlos, glücklich.

Die Thür ging auf, zwei Frauen traten ein, Bäuerinnen im Sonntagsstaat, eine Tante und eine Cousine des Bräutigams, dann drei Männer, seine Vettern, und eine Nachbarin. Sie setzten sich auf Stühle und blieben unbeweglich und schweigend sitzen, die Frauen auf der einen Seite der Küche, die Männer auf der anderen, plötzlich verlegen, in jener peinlichen Traurigkeit, die Leute ergreift, die sich zu einer Feierlichkeit versammeln. Einer der Vettern fragte:

– Ist's noch nicht bald Zeit?

Cäsar antwortete:

– Ich glaube ja.

– Na, da wollen wir doch gehen, – sagte der andere.

Sie erhoben sich, und dann kletterte Cäsar, etwas beunruhigt, die Leiter zum Boden hinauf, um zu sehen, ob der Vater fertig wäre. Der Alte, der sonst immer zeitig aufstand, war heute noch garnicht erschienen. Sein Sohn fand ihn auf dem Strohsack liegen, in die Decke eingewickelt, mit offenen Augen und bösem Blick.

Er rief ihm ins Ohr:

– Na, Vater, steh uf, die Hochzeit geht los.

Der Taube brummte lässig:

– Ich kann nich, ich habe so ne Kälte in' Rücken gekriegt, daß 'ch ganz steif bin. Ich kann mich nich bewegen.

Der junge Mann blickte ihn entsetzt an, er erriet seine Niederträchtigkeit.

– Nu, Vater gebt Euch mal nen Stoß.

– Ich kann nich.

– Weeßte, ich werde mal helfen.

Und er beugte sich nieder zu dem Greise, zog ihm die Decke fort, nahm ihn in die Arme und hob ihn auf. Aber der alte Amable begann zu stöhnen:

– Au! au! au! O jesses nochmal, ich kann nich. Mei Rücken is ganz kaput. Das is der Wind, der durch das verfluchte Dach 'rein bläst.

Cäsar sah ein, daß es nichts helfen würde und, zum ersten Mal wütend gegen seinen Vater, brüllte er ihn an:

– Gut, da kriegst du nischt zu fressen, denn wir machen die Hochzeit im Wirtshaus bei Polyten. Das kommt davon, wenn man seinen Kopp ufsetzt.

Und er kletterte die Leiter hinab und ging seines Wegs, von den Verwandten und Eingeladenen gefolgt.

Die Männer hatten die Hosen aufgekrempelt, um sie in dem Schnee nicht naß werden zu lassen, die Frauen hoben die Kleider hoch, daß man ihre mageren Knöchel sah, die grauwollenen Strümpfe, die knochigen Besenstiel-gleichen Beine, und die ganze Gesellschaft ging in wiegendem Gang hintereinander hin, ohne ein Wort zu reden, ganz langsam, vorsichtig, um nicht vom Wege abzuweichen, der unter der gleichmäßigen, ununterbrochenen Schneedecke verborgen lag.

Als sie sich den ersten Bauernhöfen näherten, sahen sie schon ein oder zwei Personen stehen, die auf sie warteten, um sich ihnen anzuschließen, und die Prozession wurde unausgesetzt länger, schlängelte sich hin, den unsichtbaren Biegungen des Weges folgend, wie ein lebendiger Rosenkranz mit schwarzen Perlen, der in Wellenlinien auf der weißen Fläche lag.

Vor der Thür der Braut stand eine große Menschenmenge und trat, den Bräutigam erwartend, hin und her. Man rief ihn an, als er erschien, und bald kam Cölestine aus dem Zimmer in einem blauen Kleid, einen kleinen roten Shawl über den Schultern und den Orangenkranz im Haar.

Aber alle fragten Cäsar:

– Wo ist denn dein Alter?

Der antwortete verlegen:

– Er kann sich nich bewegen, weil er Schmerzen hat.

Und die Bauern schüttelten ungläubig mit listigem Ausdruck den Kopf.

Es ging zum Ortsvorstand. Hinter dem Brautpaar her trug eine Bäuerin Victors Kind, als hätte es sich um eine Taufe gehandelt. Und die Bauern gingen nun, zu zweien untergehakt, durch den Schnee hin, schwankend wie ein Schiff auf der See.

Nachdem der Ortsvorstand die Brautleute in dem kleinen Gebäude des Standesamtes zusammengegeben, that sie nun seinerseits der Pfarrer in dem bescheidenen Haus des lieben Gottes zusammen. Er segnete ihren Bund, verhieß ihnen Fruchtbarkeit, dann setzte er ihnen die ehelichen Pflichten auseinander, endlich die einfachen gesunden Tugenden des Landes: Arbeit, Eintracht, Treue, während das frierende Kind hinter dem Rücken der Braut wimmerte.

Sobald das Paar wieder auf der Kirchenschwelle erschien, ward im Kirchhofgraben geschossen; man sah nur die Gewehrläufe, aus denen Dampfwolken stiegen. Dann kam ein Kopf zum Vorschein und blickte dem Brautzuge nach. Es war Victor Lecoq, der die Hochzeit seiner Geliebten feierte, ihr Glück wünschte, indem er seinen Gefühlen durch Pulverdetonationen den rechten Ausdruck gab. Er hatte seine Freunde, fünf oder sechs Knechte, zu dieser Schießerei aufgefordert, und man fand, daß er sich sehr passend benähme.

Die Mahlzeit fand im Wirtshans des Polyte Cacheprune statt.

Im großen Saal, in dem an Markttagen gegessen wurde, waren zwanzig Couverts aufgelegt und der Duft des riesigen Hammels, der sich am Spieße drehte, des Geflügels, das in seinem Saft briet, der Fleischwurst, die auf dem hellen offenen Feuer stand, erfüllte das Haus mit dichten Rauchwolken, dem Geruch derber schwerer Landkost.

Um zwölf Uhr setzte man sich zu Tisch, und sofort floß die Suppe in die Teller, die Gesichter erheiterten sich, die Münder gingen auf, man rief, man machte Witze, die Augen glänzten listig. Verflucht nochmal! Heute wollte man sich aber mal amüsieren.

Die Thür sprang auf, und der alte Amable erschien. Er sah böse und wütend aus, schleppte sich an seinem Stock hin und stöhnte bei jedem Schritt, um sein Leiden bemerklich zu machen.

Als er kam, schwieg alles. Aber plötzlich legte der alte Malivoire, sein Nachbar, ein Witzbold, der alle Schwächen der Leute kannte, einem Sprachrohr gleich, wie Cäsar zu thun pflegte, die Hände an den Mund und brüllte:

– Na, alter Krüppel, Du mußt aber eine Nase haben, daß Du das Essen bis zu Dir rüber gerochen hast.

Brüllendes Gelächter ertönte. Malivoire, den der Beifall freute, fuhr fort:

– Wenn eener Schmerzen hat, giebt´s nischt Besseres, als so nen Wurschtumschlag, der hält den Bauch warm, und dazu ein paar hinter die Binde.

Die Leute brüllten, schlugen mit der Faust auf den Tisch, knickten zusammen, lachten und erhoben sich wieder, als hätten sie eine große Feuerspritze in Gang bringen wollen. Die Frauen schauten wie Hennen drein, die bedienenden Mägde wanden sich nur so, an der Mauer lehnend. Nur der alte Amable lachte nicht und wartete, ohne ein Wort zu sagen, daß man ihm Platz machen sollte.

Man setzte ihn mitten an den Tisch, der Schwiegertochter gegenüber, und sobald er saß, begann er zu essen. Sein Sohn bezahlte, da mußte er jedenfalls sein Teil verzehren. Mit jedem Löffel Suppe, der ihm in den Magen lief, bei jedem Bissen Brot oder Fleisch, den er kaute, bei jedem Glas Apfel- oder Rotwein, der ihm durch die Kehle rann, meinte er einen Teil seines Besitzes zurück zu verdienen, ein wenig von dem Gelde wieder zusammen zu kratzen, das diese Schweinebande hier versoff, kurz, von seinem Gelde, und wäre es noch so wenig, etwas zu ersparen. Und schweigend, mit der Beharrlichkeit eines Geizigen, der sein Geld vergräbt, mit der Zähigkeit, mit der er früher gearbeitet hatte, aß er jetzt.

Aber plötzlich erblickte er am Ende des Tisches Cölestinens Kind auf den Knieen einer Frau, und nun wendete er kein Auge mehr davon ab. Er fuhr fort zu essen, immer den Blick auf den Kleinen gerichtet, dem seine Wärterin manchmal etwas zum Knabbern in den Mund steckte. Und der Alte litt unter den paar Bissen, die das Wurm zu sich nahm, mehr, wie unter allem, was die übrige Gesellschaft aß.

Die Mahlzeit dauerte bis an den Abend, dann ging man nach Haus.

Cäsar half dem alten Amable aufstehen.

– Na, Vater, wir müssen heem!

Er gab ihm seine beiden Stöcke in die Hände, Cölestine nahm ihr Kind auf den Arm, und sie gingen langsam davon in der fahlen, schnee-erleuchteten Nacht. Der alte Taube war dreiviertel betrunken und ward durch die Trunkenheit noch bösartiger. Er wollte durchaus nicht vorwärts gehen, ein paar Mal setzte er sich sogar hin, in der Hoffnung, seine Schwiegertochter könnte sich vielleicht dabei erkälten, und er stöhnte, ohne ein Wort dabei zu sprechen, und stieß lange schmerzliche Klagelaute aus.

Sobald sie nach Haus gekommen waren, kletterte er auf den Boden hinauf, während Cäsar für das Kind ein Bett machte neben der tiefen Nische, in die er sich mit der Frau legen wollte. Aber da die Jung-verheirateten nicht gleich einschliefen, hörten sie lange Zeit den Alten sich oben auf dem Stroh bewegen. Er sprach sogar ein paar Mal laut, sei es, daß er träumte, sei es, daß ihm, ohne daß er es wollte, die Gedanken entschlüpften, immer in seiner fixen Idee befangen.

Als er am nächsten Morgen die Leiter herabstieg, sah er die Schwiegertochter im Haus wirtschaften.

Sie rief ihm ins Ohr: – Nu aber schnell Vater, hier is scheene Suppe!

Und sie stellte einen runden irdenen Topf mit der dampfenden Flüssigkeit an das Ende des Tisches. Er setzte sich, ohne etwas zu sagen, nahm das heiße Gefäß in die Hand und wärmte sich wie gewöhnlich daran die Hände. Da es sehr kalt war, preßte er es sogar an die Brust, um seinem alten, von der Winterkälte erstarrten Leib etwas von der lebendigen Hitze des kochenden Wassers mitzuteilen.

Dann suchte er seine Stöcke und ging bis Mittag, bis zur Essensstunde in die eisige Luft hinaus, denn er hatte in einer großen Seifenkiste Cölestines Kind gesehen, das noch schlief.

Er kümmerte sich nicht darum, er lebte wie früher im Hause hin. Aber es war, als ob er garnicht mehr vorhanden wäre, er nahm an nichts teil, und er betrachtete die anderen, den Sohn, die Frau und das Kind, als Fremde, die er nicht kannte, mit denen er nicht sprach.

Der Winter ging hin, er war lang und hart. Dann kam der Frühling in's Land, es begann zu grünen, und die Bauern brachten wieder, gleich fleißigen Ameisen, ihre Tage draußen auf den Feldern zu, arbeiteten von früh bis abends, in Wind und Regen, in den Furchen der braunen Erde, die der Menschen Brot gebiert.

Das Jahr schien sich für das junge Paar günstig anzulassen, die Ernte gedieh reichlich und gut. Es gab keine Spätfröste, und die blühenden Apfelbäume ließen ihren rosa und weißen Schnee ins Gras niederstäuben, der für den Herbst reiche Ernte versprach.

Cäsar arbeitete wie ein Pferd, stand früh auf, kehrte spät heim, um das Geld für einen Knecht zu sparen.

Seine Frau sagte manchmal zu ihm:

– Du wirst Dir noch 'nen Schaden thun.

Er antwortete:

– Nee, das bin ich mal gewehnt.

Und doch kehrte er eines Abends so müde zurück, daß er sich legen mußte, ohne gegessen zu haben. Zur gewöhnlichen Stunde stand er am anderen Morgen auf, aber er konnte nichts zu sich nehmen, trotz seines Fastens am Abend vorher, und nachmittags mußte er heimkehren, um sich wieder auszuruhen. Nachts fing er an zu husten, warf sich fiebernd, mit glühender Stirn und trockener Zunge, durstgequält auf seinem Stroh hin und her.

Aber er ging doch im Morgengrauen bis an die Felder. Indes mußte am nächsten Tag der Arzt geholt werden, der ihn sehr krank fand und eine Lungenentzündung feststellte.

Jetzt verließ er das dunkle Loch nicht mehr, das ihm als Lager diente, und man hörte ihn aus der Tiefe der Nische keuchen, husten und sich bewegen. Um ihn zu sehen, um ihm Arzenei zu geben, mußte man mit einem Licht hineinleuchten. Dann gewahrte man einen eingefallenen Kopf, durch den langgewachsenen Bart verändert, unter dichtem Schleier von Spinnennetzen, die herabhingen und sich im Lufthauch hin und her bewegten. Die Hände des Kranken sahen wie erstorben aus auf der grauen Decke.

Cölestine pflegte ihn mit unruhiger Geschäftigkeit, gab ihm Arzeneien ein, ging und kam im Haus, wahrend der alte Amable am Bodenrand sitzen blieb und in das dunkele Loch hinüberspähte, in dem sein Sohn im Sterben lag. Er näherte sich ihm nicht, aus Haß gegen die Frau, denn er schmollte wie ein eifersüchtiger Hund.

Wieder gingen sechs Tage vorüber, da sah eines Morgens Cölestine, die jetzt auf der Erde auf zwei Schütten Stroh schlief, nach, ob es ihrem Mann nicht besser ginge, und hörte plötzlich seinen kurzen Atem nicht mehr aus der Tiefe des Lagers. Erschrocken fragte sie:

– Nu, Cäsar, wie geht's Dir denn heite?

Er antwortete nicht.

Sie streckte die Hand aus, ihn zu betasten und traf das eisige Fleisch seines Gesichtes. Sie stieß einen langen Entsetzensschrei aus. Er war tot.

Bei diesem Schrei erschien der alte Taube oben an seiner Leiter, und als er sah, daß Cölestine hinaus rannte, um Hilfe zu suchen, kletterte er schnell hinab, befühlte seinerseits das Gesicht seines Sohnes, begriff plötzlich, was geschehen, schloß die Thür von innen, um die Frau zu hindern, hereinzukommen, weil er Besitz von seiner Wohnung ergreifen wollte, da doch sein Sohn tot war.

Dann setzte er sich in einen Stuhl neben den Toten.

Nachbarn kamen, riefen, klopften, er hörte nicht. Einer zerbrach eine Fensterscheibe, stieg ins Zimmer, andere folgten, die Thür öffnete sich wieder, Cölestine erschien, weinte heiße Thränen, die ihr über die geröteten Wangen herabliefen. Da fühlte sich der alte Amable überwunden und kletterte, ohne ein Wort zu sagen, wieder auf seinen Boden hinauf.

Das Begräbnis fand am anderen Morgen statt, dann waren nach der Feier Schwiegervater und Schwiegertochter mit dem Kind wieder allein im Haus.

Es war die gewöhnliche Essensstunde. Cölestine steckte Feuer an, bereitete die Suppe, stellte die Teller auf den Tisch, während der Alte, auf einem Stuhl wartend, garnicht that, als ob er sie sähe.

Als die Mahlzeit fertig war, brüllte sie ihm ins Ohr:

– Nu, Vater, essen, essen!

Er erhob sich, setzte sich quervor an den Tisch, leerte seinen Topf, kaute seine Butterstulle, trank seine zwei Gläser Apfelwein, dann ging er fort.

Es war einer jener lauen köstlichen Tage, an denen es anfängt, sich in der Natur zu regen, wo es beginnt zu keimen, und alles blüht und sproßt auf der ganzen Erde.

Der alte Amable ging einen Fußweg durch die Felder. Er besah das junge Getreide, den jungen Hafer, und dachte daran, daß sein Kleiner jetzt unter der Erde lag, sein armer Kleiner. Er ging mit seinem humpelnden Schritt hin und zog das Bein nach. Und da er ganz allein auf der weiten Ebene war, allein unter dem blauen Himmel, mitten zwischen den reifenden Ernten, allein mit den Lerchen, die er über seinem Kopf in der Höhe stehen sah, ohne ihr Schmettern zu hören, begann er, während er so hinschritt, zu weinen.

Dann setzte er sich an einen kleinen Tümpel und sah bis zum Abend den kleinen Vögeln zu, die trinken kamen. Als es dann Nacht wurde, kehrte er heim, aß, ohne ein Wort zu sagen, die Suppe und kletterte auf seinen Boden.

Und sein Leben ging fort, wie es früher gewesen, nichts hatte sich geändert, nur daß sein Sohn Cäsar auf dem Kirchhof schlief.

Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm die Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er. Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrt er heim.

Und sein Leben ging fort, wie es früher gewesen, nichts hatte sich geändert, nur daß sein Sohn Cäsar auf dem Kirchhof schlief.

Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm seine Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er. Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrte er heim.

Aber in Cölestines Geist tauchten Pläne auf. Zur Feldarbeit war durchaus ein Mann nötig, der überwachte und mitarbeitete. Es mußte immer jemand auf dem Felde sein, nicht ein Knecht, sondern der Herr, der etwas davon verstand, sich um die Landwirtschaft kümmerte und Interesse daran besaß. Eine Frau allein konnte die Feldarbeit nicht besorgen, sich nach dem Preise des Getreides erkundigen, die Verkäufe leiten und Vieh kaufen. Da kamen ihr alle möglichen Gedanken, einfache, praktische Gedanken, und die Nacht hindurch überlegte sie hin und her. Vor einem Jahr konnte sie sich nicht wieder verheiraten, und es mußten doch alle möglichen dringenden Dinge erledigt werden.

Da konnte nur ein einziger Mensch helfen: Victor Lecoq, der Vater ihres Kindes. Er war fleißig und wohlbewandert im Feldbau, er hätte mit etwas Geld in der Tasche einen ausgezeichneten Bauern abgegeben. Sie wußte es genau, denn sie hatte ihn ja bei ihren Eltern arbeiten sehen.

Als sie ihm also eines Morgens auf der Straße begegnete mit einem Mistwagen, den er fuhr, näherte sie sich ihm, um mit ihm zu reden. Als er sie sah, hielt er die Pferde an, und sie sagte, als ob sie sich erst am Tage vorher gesehen:

– Guten Tag, Victor. Geht's gut?

Er antwortete: – Mir geht's gut. Und wie geht Sie's?

– Na, bei mir ging's so, wenn ich nich ganz alleene im Hause wäre, und das is ne verfluchte Geschichte wegen die Felder.

Da schwatzten sie lange Zeit, an die Räder des schweren Wagens gelehnt. Der Mann kraute sich ab und zu das Haar unter der Mütze, dachte nach, während sie mit roten Wangen lebhaft auf ihn einsprach, ihre Gründe auseinandersetzte, ihre Gedanken und Zukunftspläne. Und endlich brummte er:

– Ja, das kennte schon sein.

Sie hielt ihm die offene Hand hin, wie ein Bauer, wenn er einen Handel abschließt, und fragte:

– Sein mir einig?

Er schlug ein:

– Mir sein einig.

– Also nächsten Sonntag, nich wahr?

– Gut, nächsten Sonntag.

– Na, da adjee, Victor.

– Adjee, Frau Houlbrèque.

III

An diesem Sonntag war das Dorffest, das jährliche Fest des Schutzheiligen, eine Art Kirmeß, die man in der Normandie zu feiern pflegt.

Seit acht Tagen schon sah man auf allen Straßen mächtige Wagen kommen, von Apfelschimmeln oder Braunen gezogen, in denen die Zugvogelfamilien der Jahrmarktsleute wohnen, Inhaber von Schießbuden, Karrussells, Menagerien und allerlei Monstrositäten und Merkwürdigkeiten.

Auf dem großen Platz vorm Hause des Ortsvorstandes hatten die schmutzigen Wagen mit den wehenden Vorhängen, die ein trauriger Hund, der mit gesenktem Kopf zwischen den Rädern lauerte, bewachte, Station gemacht. Dann war vor jedem der rollenden Häuser ein Zelt errichtet, und in diesem Zelt sah man durch die Löcher der Leinwand Dinge glänzen, die die Neugierde und Lust der Dorfjugend erregten.

Schon am Morgen des Festtages waren alle Buden geöffnet worden, und man gewahrte ihre Schätze an Glas und Porzellan. Die Bauern, die in die Kirche gingen, betrachteten die bescheidenen Buden mit zufriedenen, neugierigen Blicken, obgleich sie doch jedes Jahr wieder dasselbe sahen.

Schon im Beginn des Nachmittags sammelte sich eine große Menschenmenge auf dem Platz. Aus allen Nachbardörfern kamen die Bauern an, mit Frau und Kindern durchgerüttelt in den zweirädrigen Karren, deren Eisenteile klapperten, wenn die Räder sich drehten. Bei Freunden wurde ausgespannt, und die Höfe standen voll seltsamer grauer, hoher, krummer Rollwagen, die aussahen, wie merkwürdige Seetiere mit langen Flossen.

Und die einzelnen Familien kamen nun, die Kinder voran, die Erwachsenen hinterdrein langsam zum Jahrmarkt, lächelnden Gesichts, die Hände ausgestreckt, große, rote, knochige Hände, arbeitsgewöhnt, mit denen sie jetzt nichts anzufangen wußten.

Ein Kunstreiter blies auf der Trompete, die Drehorgel am Karrussell sandte ihre jämmerlich heulenden Töne hinaus, das Glücksrad rasselte wie Stoff, den man zerreißt, Schüsse klangen von Sekunde zu Sekunde, und die Menge bummelte langsamen Schrittes vor den Buden hin, wie ein bewegter Teich, zurückflutend gleich einer Herde, ungeschickt wie große, ungeschlachte Tiere, die zufällig die Freiheit erlangt haben.

Die Mädchen hatten sich in Ketten zu sechs oder acht untergehakt, und gröhlten Lieder, die Burschen folgten ihnen lachend, die Mütze schief auf dem Kopf, in den frisch gesteiften blauen Blusen, die aufgebläht waren wie Luftballons.

Die ganze Gegend war gekommen, Herr, Knecht, Magd.

Sogar der alte Amable hatte seinen alten grünlichen verschossenen Rock angezogen und wollte den Jahrmarkt mitmachen, denn er fehlte niemals dabei.

Er sah das Glücksrad schwingen, stand bei der Schießbude, um zu beobachten, was sie trafen, interessierte sich für das einfache Spiel, das darin besteht, eine große Holzkugel in den offenen Mund einer Figur zu werfen, die auf einem weißen Brett gemalt ist.

Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter, und der alte Malivoire brüllte ihn an:

– Nu, Alter, kommen Se, ich stoße Sie uf 'nen Schnaps.

Und sie setzten sich an einen Kneiptisch unter freien Himmel. Sie tranken einen Schnaps, dann einen zweiten, einen dritten. Und der alte Amable begann dann wieder auf dem Jahrmarkt hin und her zu rennen, die Gedanken verwirrten sich ihm, und er lächelte vor sich hin, lächelte angesichts des Glücksrades, lächelte vor dem Karrussell und dann beim Schießen. Und lange stand er da und fühlte sich glückselig, wenn einer den Gendarm oder den Pfarrer niederknallte, zwei Gewalten, vor denen er sich aus Instinkt fürchtete. Dann setzte er sich wieder in die Kneipe und trank ein Glas Apfelwein, um sich zu erfrischen. Es war spät, die Nacht kam, ein Nachbar sagte zu ihm:

– Na, Alter, nu gehen Se aber heem!

Und er ging zum Hofe.

Langsam sank süße Dämmerung, das warme Dunkel eines Frühlingsabends auf die Erde nieder.

Als er an seine Thür gekommen war, meinte er durch das erleuchtete Fenster im Haus zwei Leute zu erblicken. Er blieb erstaunt stehen, trat dann ein und gewahrte Victor Lecoq, der am Tisch saß vor einer Schüssel mit Kartoffeln, und zwar gerade dort, wo sein Sohn immer zu sitzen pflegte.

Da plötzlich drehte er wieder um, als wollte er fortlaufen. Die Nacht war jetzt ganz schwarz. Cölestine hatte sich erhoben und rief ihn an:

– Kommen Se schnell, Vater, 's giebt schenes Jahrmarktsragout.

Er gehorchte, setzte sich, blickte abwechselnd den Mann, dann die Frau und das Kind an, und begann langsam zu essen, wie alle Tage.

Es war, als fühle sich Victor Lecoq ganz zu Haus, er sprach ab und zu mit Cölestine, nahm das Kind auf die Kniee, küßte es, und Cölestine gab ihm immer wieder etwas zu essen, schenkte ihm ein und schien glücklich zu sein, mit ihm zu sprechen. Der alte Amable folgte ihnen mit starren Blicken, ohne zu hören, was sie sagten. Als er mit essen fertig war, und es war ihm so elend zu Mute, daß er kaum gegessen hatte, öffnete er, statt auf den Boden hinauf zu klettern wie jeden Abend, die Thür und ging hinaus.

Nachdem er fort war, fragte Cölestine etwas beunruhigt:

– Was macht er denn?

Victor antwortete gleichgiltig:

– Ach, kümmre Dich doch nich drum, der wird schon wieder 'reinkommen, wenn er müde ist. – Da versorgte sie ihre Wirtschaft, wusch Teller, wischte den Tisch ab, während der Mann sich ruhig auszog. Dann legte er sich in das dunkle tiefe Loch, wo sie einst mit Cäsar geschlafen hatte.

Die Hofthür öffnete sich, der alte Amable erschien. Sobald er im Zimmer stand, blickte er sich nach allen Seiten um, wie ein alter Hund, der etwas wittert. Er suchte Victor Lecoq. Da er ihn nicht sah, nahm er das Licht vom Tisch, näherte sich der dunklen Nische, in der sein Sohn gestorben war. In der Tiefe sah er unter der Bettdecke einen Mann liegen, der schon schlief. Da wendete sich der Taube langsam um, setzte das Licht wieder auf den Tisch und ging nochmals auf den Hof hinaus.

Cölestine war mit ihrer Arbeit fertig geworden, hatte ihren Sohn zu Bett gebracht, alles an seine Stelle gelegt und wartete nun, um sich ihrerseits neben Victor zu betten, bis ihr Schwiegervater wiedergekommen wäre.

Sie blieb auf einem Stuhl sitzen; die Hände im Schoß, starrte sie vor sich ihn.

Da er aber nicht heimkehrte, brummte sie ärgerlich:

– Der alte Nichtsthuer kostet uns bloß noch vier Pfen'ge Licht.

Victor antwortete aus der Tiefe des Bettes:

– Jetzt is er schon eene Stunde fort. Du solltest doch mal nachsehen, ob er nich auf der Bank vor der Thür eingeschlafen is.

Sie sagte: – Ich gehe schon! – erhob sich, nahm das Licht und ging hinaus, um in der Dunkelheit sehen zu können, indem sie die Hand vor die Augen hielt gegen die Blendung.

Vor der Thür sah sie nichts, weder auf der Bank, noch auf dem Mist, wohin sich der Alte manchmal, um es warm zu haben, setzte.

Aber wie sie wieder ins Haus gehen wollte, blickte sie zufällig zum großen Apfelbaum auf, der seine Äste über die Thür ausstreckte und gewahrte mit einen Mal zwei Füße, zwei Männerfüße, die etwa so hoch hingen wie ihr Gesicht.

Sie brüllte fürchterlich: – Victor! Victor! Victor!

Im Hemd lief er herbei, sie konnte nicht mehr reden, wandte den Kopf ab, um es nicht zu sehen, und deutete nur mit ausgestrecktem Arm nach dem Baum.

Er begriff nicht, was los war, nahm das Licht, um genauer hinzusehen, und entdeckte unter dem von unten erleuchteten Blätterwerk den alten Amable, der sich hoch am Baum mit einer Stallhalfter erhängt hatte.

Eine Leiter lehnte noch am Stamm des Apfelbaumes.

Victor lief davon, um eine Sichel zu holen, kletterte auf den Baum und schnitt den Strick ab. Aber der Alte war schon kalt und streckte entsetzlich, mit fürchterlichem Grinsen, die Zunge heraus.

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