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Die kleine Roque

Guy de Maupassant: Die kleine Roque - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie kleine Roque
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume14
year1911
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid0aff1248
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Rosalie Prudent

Es war wirklich etwas Geheimnisvolles dabei, das weder die Geschworenen, noch der Präsident, noch selbst der Staatsanwalt begreifen konnten.

Die unverehelichte Rosalie Prudent, Dienstmädchen bei dem Ehepaar Varambot in Mantes, die schwanger geworden war, ohne daß ihre Herrschaft etwas davon wußte, hatte während der Nacht in ihrem Mansardenzimmer ein Kind zur Welt gebracht, dasselbe dann getötet und im Garten verscharrt.

Es war die gewöhnliche Geschichte wie bei allen Kindesmorden durch Dienstmädchen. Aber eins war dabei nicht zu erklären. Die Durchsuchung des Zimmers der Rosalie Prudent hatte zur Entdeckung einer ganzen Baby-Ausstattung geführt, die das Mädchen selbst hergestellt, indem es drei Monate hindurch nachts zugeschnitten und genäht.

Der Kaufmann, bei dem sie zu ihrer nächtlichen Arbeit Kerzen gekauft hatte von ihrem Monatslohn, war als Zeuge aufgetreten. Und dann war es Thatsache, daß die Hebamme durch das Mädchen von ihrem Zustand in Kenntnis gesetzt worden und ihr praktische Ratschläge und Verhaltungsmaßregeln gegeben, für den Fall, daß das Ereignis sich zutrüge in einem Augenblick, wo sie nicht beistehen konnte. Außerdem hatte die Prudent, die ihre Dienstentlassung voraussah, weil das Ehepaar Varambot in so etwas keinen Spaß verstand, sich schon in Poissy eine andere Stelle gesucht.

Da standen nun vor Gericht Mann und Frau, kleine Rentner aus der Provinz, wütend gegen diese Person, die ihr Haus beschmutzt. Am liebsten hätten sie es gesehen, wenn man ihr sofort ohne Richterspruch den Kopf abgeschlagen hätte. Sie bestürmten sie mit gehässigen Aussagen, die in ihrem Mund zur Anklage wurden.

Die Schuldige, ein großes, schönes Mädchen aus der Nieder-Normandie, die für ihren Stand ziemlich gebildet war, weinte unausgesetzt und antwortete nicht.

Es blieb nur die Möglichkeit, daß sie die grauenvolle That in einem Augenblick von Verzweiflung und Geistesstörung vollbracht, weil alles darauf deutete, daß sie gehofft hatte, ihren Sohn am Leben zu erhalten und groß zu ziehen.

Der Präsident versuchte noch einmal, sie zum Sprechen, zum Geständnis zu bringen. Nachdem er ihr mit großer Weichheit zugeredet, erklärte er endlich, daß alle diese Männer, die hier versammelt waren, um sie abzuurteilen, ihren Tod nicht im Entferntesten wollten und sogar Mitleid mit ihr hätten.

Da entschloß sie sich zu reden.

Er fragte:

– Nun sagen Sie uns mal, wer der Vater des Kindes ist – Bis dahin hatte sie es beharrlich verborgen.

Sie antwortete plötzlich und blickte ihre Herrschaft an, die sie eben wütend verdächtigt:

– Es ist der junge Herr Josef, der Neffe des Herrn Varambot.

Die beiden Gatten fuhren auf und riefen wie aus einem Munde:

– Das ist nicht wahr, das ist gelogen! Das ist eine Unverschämtheit!

Der Präsident wies sie zur Ruhe und sagte:

– Fahren Sie ruhig fort und erzählen Sie uns, wie das gekommen ist.

Da begann sie plötzlich mit unendlicher Redeflut zu sprechen, indem sie ihr bis dahin verrammeltes, einsames, gebrochenes Herz erleichterte, ihre ganze Qual ausschüttete vor diesen ernsten, Männern, die sie bis dahin für ihre Feinde und unbeugsamen Richter gehalten:

– Ja, Herr Josef Varambot ist's gewesen. Bei seinem letzten Urlaub vergangenes Jahr.

– Was ist denn Herr Josef Varambot?

– Unteroffizier bei der Artillerie, Herr Präsident. Er blieb zwei Monate im Haus, zwei Sommermonate. Ich dachte weiter nichts, wenn er mich anguckte und mir schöne Sachen sagte, und dann hat er mich den ganzen Tag über verfolgt, und ich habe mich bethören lassen, Herr Präsident. Er sagte, ich wäre ein schönes Mädchen, und ich wäre nett... Ich gefiele ihm... und mir gefiel er allerdings... Ja, was kann man dafür? Man hört so was an, wenn man ganz allein ist, ganz allein wie ich. Ich stehe ganz, allein auf der Welt, Herr Präsident, ich habe niemand, mit dem ich reden, niemand, dem ich meine Bedrängnisse mitteilen könnte. Ich habe keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester, keinen Menschen. Das war so etwa, wie ein Bruder, der wiedergekommen war, wenn er so mit mir sprach. Und dann hat er mir eines Abends gesagt, wir wollten doch einmal an den Fluß hinuntergehen, um uns zu unterhalten, daß man es nicht hören sollte. Na, und da bin ich mitgegangen. Ja, und ich weiß nicht, ich weiß nicht, da hat er mich umfaßt.... Ich wollte gewiß nicht, nee, nee, sicher nicht. Ich konnte nicht... Ich hatte Lust, zu weinen, es war so schwül.... und Mondschein.... Ich konnte nicht, nee, ich schwör's Ihnen, ich konnte nicht. Da hat er gethan, was er wollte..... Das dauerte drei Wochen, so lang er da war..... Ich wäre ihm bis ans Ende der Welt nachgelaufen ... er ist fortgemacht.. Ich wußte nicht, daß ich ein Kind hatte... das merkte ich erst einen Monat darauf.

Sie begann so zu weinen, daß man ihr Zeit lassen mußte, sich erst wieder zu erholen. Dann sagte der Präsident, mild wie der Geistliche im Beichtstuhl: – Nun fassen Sie sich, erzählen Sie weiter.

Und sie fuhr fort:

– Als ich merkte, daß ich ein Kind hatte, habe ich Frau Boudin, die Hebamme, gefragt, die doch dafür da ist, habe gefragt, was ich machen soll, wenn es kommt und sie wäre nicht da. Und dann habe ich Nacht um Nacht bis ein Uhr morgens die Ausstattung gemacht. Dann habe ich eine andere Stelle gesucht, denn ich wußte ja, daß sie mich fortschicken würden. Aber ich wollte bis zuletzt im Haus bleiben, um das Geld noch mitzunehmen, denn ich habe doch nischt und ich brauchte doch welches für das Kleene.

– Sie wollten es also nicht töten?

– Aber nee, Herr Präsident.

– Ja, warum haben Sie es denn getötet?

– Ja, das ist doch gerade so. Das ist früher losgegangen, als ich dachte. Als ich in der Küche Geschirr aufwusch, da ging's los.

Herr und Frau Varambot schliefen schon. Ich gehe also hinauf, schwer wurde mir's, zog mich am Geländer und legte mich auf die Erde, um mein Bett zu schonen. Es hat vielleicht eine Stunde gedauert, vielleicht zwei, vielleicht drei, das weiß ich nicht, so weh hat's mir gethan. Dann habe ich alle Kraft zusammengenommen und fühlte, es war da und hab's aufgenommen.

Ach, ich war doch so glücklich, sicher! Ich habe alles gethan, was Frau Boudin gesagt hat, dann habe ich's auf mein Bett gelegt. Und da kriegte ich wieder Schmerzen, aber daß ich gleich dachte, ich sollte sterben. Wenn ihr das wüßtet, wie das ist, ihr würdet euch schon in Acht nehmen. Ich bin auf die Kniee gesunken, dann auf den Rücken auf die Erde gefallen, und da packte mich's wieder eine Stunde, vielleicht zwei. Und ich ganz allein. Und dann hatte ich noch eins, ein anderes Kleenes, – zwei, ja zwei. Dann habe ich's genommen, wie's erste und hab sie beide nebeneinander auf's Bett gelegt. Nun sagen Sie mal, ist das bloß möglich, zwei Kinder. Ich mit zwanzig Franken monatlich. Nun sagen Sie mal, ist denn das möglich? Eins, ja das geht noch, wenn man sein Geld zusammenkratzt, – aber zwei, das hat mich verrückt gemacht, ich weiß, nicht wie. Nun sagen Sie, konnte ich denn da wählen?

Ich weiß nicht, wie das war, ich dachte, mit mir ist's aus. Da habe ich's Kopfkissen draufgelegt, ohne es zu wissen, dann habe ich mich darauf gelegt, habe mich hin und hergewälzt im Bett und habe geweint, bis ich's durchs Fenster sah, daß es hell wurde. Sie waren unterm Kopfkissen gestorben, ganz sicher. Da habe ich sie unter den Arm genommen, bin die Treppe 'runter in den Gemüsegarten. Dann habe ich die Hacke vom Gärtner genommen und habe sie eingescharrt, so tief ich nur konnte, einen hier, einen da, nicht zusammen, damit sie nicht über ihre Mutter reden, wenn die kleenen Toten sprechen, ich weiß es nicht.

Na und dann ist mirs in meinem Bett so schlecht geworden, daß ich nicht mehr aufstehen konnte. Da haben sie den Arzt gerufen, der hat alles gesehen. Das ist die Wahrheit, Herr Präsident. Thun Sie, was Sie wollen, mir ist alles eins.

Die Hälfte der Geschworenen schnaubte sich unausgesetzt, um nicht zu weinen.

Frauen im Zuschauerraum schluchzten.

Der Präsident fragte:

– Wo haben Sie denn das andere Kind verscharrt?

Sie fragte:

– Ja, welches haben Sie denn gefunden?

– Nun, das in den Artischocken.

– Na, das andere liegt in den Erdbeeren am Brunnen.

Und sie begann, so laut zu schluchzen und zu stöhnen, daß es einem durchs Herz schnitt.

Die Rosalie Prudent wurde freigesprochen.

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