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Die kleine Roque

Guy de Maupassant: Die kleine Roque - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie kleine Roque
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume14
year1911
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid0aff1248
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Das Wrack

Gestern war Sylvester.

Ich hatte eben mit meinem alten Freund Georg Garin gefrühstückt, als ihm der Diener einen mehrfach gesiegelten Brief brachte, mit fremdländischen Briefmarken darauf.

Georg fragte mich: – Erlaubst Du?

– Natürlich.

Und er begann, acht Seiten einer großen englischen Handschrift zu lesen, die kreuz und quer nach allen Himmelsrichtungen geschrieben war. Er las langsam mit ernster Aufmerksamkeit, mit jenem Interesse, das man an Dingen nimmt, die unser Herz berühren.

Dann legte er den Brief auf die Kaminecke und sagte:

– Hör mal, das ist nämlich eine komische Geschichte. Ich habe sie Dir noch nie erzählt, und doch ist sie ganz packend. Das war damals ein sonderbarer Neujahrstag, es ist zwanzig Jahr her, denn ich war dreißig Jahr alt, und jetzt bin ich fünfzig.

Ich war damals Inspektor der See-Versicherungs-Gesellschaft, deren Direktor ich jetzt bin. Ich wollte den Neujahrstag in Paris verleben, da man nun mal den Tag zum Festtag gemacht hat, als ich einen Brief vom Direktor bekam mit der Weisung, mich sofort nach der Insel Ré zu begeben, wo eben ein Dreimaster aus Saint- Nazaire gescheitert, der bei uns versichert war. Es war acht Uhr morgens. Ich ging um zehn Uhr auf das Bureau der Gesellschaft, um meine Instruktionen zu holen, und noch am Abend fuhr ich mit dem Schnellzug davon, der mich am nächsten Tag, dem Sylvester, nach La Rochelle brachte.

Ich hatte noch zwei Stunden Zeit, ehe ich den Jean-Guiton, das Schiff, das mich nach Ré bringen sollte, bestieg. Ich machte also einen Spaziergang durch die Stadt; La Rochelle ist wirklich eine eigentümliche Stadt von großer Eigenart, mit den labyrinthisch durcheinandergehenden Straßen, deren Bürgersteige unter endlosen Galerien hinlaufen, arkadenartig wie in der Rue de Rivoli, aber niedrig. Diese Galerien und Arkaden, gedrückt und geheimnisvoll, scheinen wie gemacht für Schleichwege, wie für die früheren Kämpfe die heldenmütigen, blutigen Religionskriege. Es ist die richtige alte Hugenottenstadt, ernst, still, ohne großartige Bauwerke, ohne irgend eines jener wunderbaren Denkmäler, die Rouen so schön machen. Aber es ist bemerkenswert durch seine strenge Physiognomie, die auch etwas Heimtückisches hat, eine Stadt hartköpfiger Streiter, wo der Fanatismus lodern muß, die Stadt, wo die Calvinisten einst eiferten.

Nachdem ich einige Zeit durch die eigentümlichen Straßen geirrt war, bestieg ich ein kleines, schwarzes, bauchiges Dampfschiff, das mich zur Insel Ré bringen sollte. Stöhnend, fauchend, wie wutschnaubend, lief es aus zwischen zwei antiken Türmen, die den Hafen bewachen, über die Rhede, dann den riesigen Damm entlang, den Richelieu gebaut hat und dessen gewaltiges Mauerwerk die Stadt wie ein Bollwerk umschließt; dann bogen wir rechts ab.

Es war einer jener traurigen Tage, die auf uns lasten, die Gedanken lähmen, das Herz zusammenkrampfen machen und uns alle Kraft und Energie nehmen, ein grauer, eisiger Tag mit schwerem Nebel, feucht wie Regen, kalt wie Eis, unangenehm einzuatmen wie der Gestank der Kloaken.

Unter dieser niedrigen, traurigen Nebeldecke lag das gelbe, untiefe, sandige Meer dieser unendlichen, gestreckten Küste ohne Bewegung, ganz glatt da, ohne Leben wie ein fettiges, stagnierendes Gewässer. Der Jean-Guiton durchzog es ein wenig rollend, wie immer, durchschnitt dieses ebene, dunkle Tuch, ließ hinter sich einige Wellen, es brandete, ein paar Ringe zogen hinaus und beruhigten sich sehr bald wieder.

Ich begann mit dem Kapitän zu sprechen, einem kleinen Mann, rund wie ein Schiff, der fast keine Hände zu haben schien. Ich wollte ein paar Einzelheiten hören über den Schiffbruch, dessentwegen ich hier war. Ein großer Dreimaster von Saint-Nazaire, der Marie-Josef, war in einer Sturmnacht an den Dünen der Insel Ré gescheitert.

Der Sturm hatte das Schiff, wie der Rheder schrieb, so weit herangeschleudert, daß es unmöglich war, es wieder flott zu machen und daß man schleunigst alles hatte bergen müssen, was nicht niet- und nagelfest war. Ich mußte also die Lage des Wracks feststellen, abschätzen, in welchem Zustand es vor dem Schiffbruch gewesen sein konnte, und mein Urteil darüber abgeben, ob wirklich alles versucht worden war, es wieder flott zu machen. Ich kam als Beamter der Gesellschaft, um, wenn es nötig wurde, in dem etwaigen Prozeß mein Zeugnis abzugeben.

Der Direktor mußte, nachdem er meinen Rapport bekommen, alle Maßregeln ergreifen, die er für notwendig hielt, um unsere Interessen zu wahren.

Der Kapitän der Jean-Guiton wußte genau, wie die Geschichte sich zugetragen hatte, da er mit seinem Schiff herbeigerufen worden, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen.

Er erzählte es mir. Das Unglück war übrigens einfach von Statten gegangen. Der Marie-Josef war, von einem fürchterlichen Sturm erfaßt, in der Nacht auf dem Schaummeer, einer wahren Milchsuppe, wie der Kapitän sich ausdrückte, steuerlos hin und her geschleudert worden und so auf den unendlichen Sandbänken gescheitert, die die Küste in dieser Gegend bei Ebbe zu einer gewaltigen Sahara machen.

Wahrend wir sprachen, blickte ich um mich und vor mich. Zwischen dem Ozean und dem lastenden Himmel war ein freier Raum, wo das Auge in die Weite schweifen konnte. Wir fuhren an einem Landstreifen hin. Ich fragte:

– Ist das die Insel Ré?

– Jawohl.

Und plötzlich zeigte mir der Kapitän, indem er die rechte Hand ausstreckte, in der See etwas kaum zu Unterscheidendes und sagte:

– Sehen Sie, da liegt das Schiff.

– Der Marie-Josef?

– Ja, ja.

Ich war ganz erstaunt. Dieser schwarze Punkt, den man kaum entdecken konnte und den ich für eine Sandbank gehalten hätte, schien mir mindestens drei Kilometer von der Küste entfernt zu liegen.

Ich sagte:

– Aber Kapitän, an dem Punkt, den Sie mir zeigen, muß das Wasser doch mindestens hundert Klafter tief sein.

Er begann zu lachen:

– Hundert Klafter, lieber Freund, nicht zwei Klafter, sage ich Ihnen.

Er war aus Bordeaux. Nun fuhr er fort:

– Jetzt neun Uhr vierzig Minuten ist Flut. Gehen Sie mal nach dem Frühstück im Hotel du Dauphin über den Strand, und ich verspreche Ihnen, daß Sie um zwei Uhr fünfzig oder drei Uhr spätestens trockenen Fußes am Wrack stehen, lieber Freund. Eindreiviertel bis zwei Stunden können Sie darauf bleiben, länger auf keinen Fall, sonst könnte Sie die Flut erreichen. Je weiter die Ebbe zurückweicht, desto schneller kehrt die Flut wieder. Die Küste hier ist platt wie eine Wanze. Brechen Sie um vier Uhr fünfzig auf, glauben Sie mir's, dann sind Sie um sieben einhalb Uhr wieder an Bord des Jean-Guiton, der Sie am selben Abend noch in den Hafen von La Rochelle bringt.

Ich dankte dem Kapitän und setzte mich auf das Vorderdeck, um nach der kleinen Stadt Saint-Martin auszulugen, der wir uns schnell näherten.

Ich gewahrte einen kleinen Hafen, der den Knotenpunkt für die kleinen, längs der Küste hingestreckten Inselchen bildet. Es war ein großes Fischerdorf, halb in die See hinausgebaut, halb auf dem Festland, das von Fischen und Geflügel lebte, von Gemüse und Muscheln, von Radieschen und Miesmuscheln. Die Insel ist sehr niedrig, wenig bebaut und sieht doch stark bewohnt aus. Aber ich ging nicht in das Innere. Nachdem ich gefrühstückt hatte, überschritt ich den kleinen Wall vor dem Wasser und ging dann, da die Ebbe schnell eintrat, durch den Sand auf eine Art schwarzen Felsen los, den ich von weitem ganz fern, fern im Wasser sah.

Ich eilte schnell über diese gelbe Ebene, die elastisch war wie Fleisch und unter meinem Fuß zu schwitzen schien. Vor kurzem hatte noch das Seewasser da gestanden, jetzt gewahrte ich es weit entfernt, wie es in die Ferne zurückwich, und ich konnte die Linie, die den Sand vom Ozean schied, schon nicht mehr erkennen. Mir war, als wohnte ich einem gewaltigen, übernatürlichen Theaterschauspiel bei. Der Atlantische Ozean hatte vorhin noch vor mir gelegen, war dann am Strand verschwunden, wie die Dekorationen in der Versenkung, und jetzt schritt ich mitten durch eine Wüste, nur noch das Gefühl, ein Hauch von Salzwasser blieb in mir zurück. Ich roch den Seetang, den Duft der Wellen, die kräftige, gesunde Küstenluft. Ich eilte schnell hin, mir war gar nicht mehr kalt, und ich blickte auf das Wrack, das immer größer ward, je näher ich kam und jetzt aussah wie ein riesiger, gestrandeter Walfisch.

Es schien aus dem Boden heraus zu wachsen und nahm auf dieser gelben, unendlichen Ebene gewaltige Umrisse an. Endlich erreichte ich es, nachdem ich eine Stunde gegangen. Es lag auf einer Seite, war geplatzt, geborsten und zeigte, wie die Rippen eines Tieres, die gebrochenen Knochen, feine Holzglieder, die von mächtigen Nägeln durchbohrt waren. Der Sand hatte sich schon darüber hergemacht, war durch alle Ritzen eingedrungen, hatte davon Besitz ergriffen und würde das Wrack nie wieder hergeben. Es schien, als hätte es schon im Sande Wurzel geschlagen. Der Vordersteven war tief in diesen weichen, niederträchtigen Sand eingesunken, während das Achterdeck zum Himmel, wie einen verzweifelten Hilferuf, die beiden weißen Worte, die auf dem schwarzen Leib geschrieben standen, emporzurufen schien: Marie-Josef.

Ich erkletterte den Leichnam des Schiffes an der niedrigen Seite, gelangte auf das Deck und stieg in das Innere hinab. Durch die eingestoßenen Luken und durch die Ritzen an den Seiten fiel das Licht herein und beleuchtete nun traurig jene Art langen, dunklen Keller, der voll zerborstener Holzteile lag. Es war nichts mehr darin als Sand, der diesem unterirdischen Brettergewölbe zum Boden diente.

Ich machte mir einige Notizen über den Zustand des Schiffes. Ich hatte mich dazu auf ein leeres zerbrochenes Fäßchen gesetzt und schrieb beim Lichtschein, der durch den breiten Riß einfiel, durch den ich die unendliche, grenzenlose Küste übersah. Ein eigentümlich kalter Windhauch und das Gefühl der Einsamkeit lief mir immer ab und zu über die Haut, und dann hörte ich auf zu schreiben, um auf die unbestimmten, seltsamen Geräusche des Wracks zu achten: den Lärm der Krabben, die mit ihren spitzen Füßen am Bordrand hinkrochen, das Geräusch von tausend kleinen Seetieren, die sich in dem Leichnam bereits eingenistet hatten und auch den regelmäßigen, dumpfen Ton des Bohrwurmes, der unausgesetzt mit seinem bohrenden Knirschen alle alten Holzteile anfrißt, höhlt und verzehrt.

Aber plötzlich hörte ich ganz in der Nähe menschliche Stimmen. Ich fuhr auf, als wäre mir eine Erscheinung geworden, ich glaubte wirklich eine Sekunde hindurch, daß im Dunkel des düsteren Raumes zwei Ertrunkene erschienen, die mir nun von ihrem Ende erzählen wollten. Ich brauchte jedenfalls nicht lange Zeit, um auf das Deck hinauf zu klettern, indem ich rechts und links die Hände anstemmte. Und nun sah ich vorn auf dem Schiff einen großen Herren stehn mit drei jungen Mädchen, oder viel mehr einen großen Engländer mit drei Misses. Sie waren offenbar noch mehr erschrocken als ich, als sie auf dem verlassenen Dreimaster ein menschliches Wesen auftauchen sahen. Das jüngste der Mädchen lief davon, die beiden andern packten ihren Vater bei den Armen, er aber blieb mit offenem Munde stehen, der einzige Ausdruck seines Schreckens.

Dann begann er nach ein paar Augenblicken zu sprechen:

– Aoh, sein Sie der Eigentümer von diese Schiff?

– Jawohl.

– Können uir es mal ansehen?

– Bitte schön.

Er machte eine lange englische Redensart, von der mir nur das Wort » gracious«, das er mehrmals wiederholte, hängen blieb.

Da er eine Stelle suchte, um hinauf zu klettern, zeigte ich ihm die beste. Er stieg hinauf, dann halfen wir den drei, jetzt wieder beruhigten jungen Mädchen. Sie waren reizend, besonders die älteste, eine Blondine von achtzehn Jahren, frisch wie eine Blume und so fein und zart. Wirklich hübsche Engländerinnen sehen wie köstliche Früchte der See aus. Es war, als müßten diese Mädchen eben aus dem Sande empor gestiegen sein und als hätten ihre Haare noch die Farbe davon behalten. Man schaute sie gern an mit ihrer wunderbaren Frische, mit ihren zarten Farben wie rosa Muscheln und wie die seltenen, geheimnisvollen Perlen, die in den unbekannten Tiefen der Meere blühen.

Sie beherrschte unsere Sprache etwas besser, als der Vater, und half nun die Unterhaltung führen. Ich mußte mit allen Einzelheiten den Schiffbruch erzählen, den ich erfand, als ob ich dabei gewesen wäre. Dann stieg die ganze Familie in das Innere des Wracks hinunter. Sobald sie in den dunklen Raum getreten waren, in den kaum ein Lichtstrahl fiel, stießen sie Rufe des Erstaunens und der Bewunderung aus. Und plötzlich hatten Vater wie Töchter Skizzenbücher in der Hand, die sie offenbar in ihren weiten Kleidern versteckt gehabt, und begannen zu gleicher Zeit vier Bleistiftskizzen dieses selsamen, traurigen Raumes.

Sie saßen nebeneinander auf einem in der Schwebe hängen gebliebenen Balken, und die vier Skizzenbücher auf den acht Knieen bedeckten sich mit denselben schwarzen Linien, die den halb geöffneten Leib des Marie-Josef darstellen sollten.

Das älteste Mädchen sprach, während es arbeitete, mit mir, und ich setzte die Untersuchung des Schiffes fort.

Ich erfuhr, daß sie den Winter in Biarritz zubrächten und eigens nach der Insel Ré gekommen waren, um den gescheiterten Dreimaster zu sehen. Diese Leute hatten nichts an sich von englischer Steifheit, es waren einfache Menschen, Mitglieder jener umherirrenden Wanderkolonie, mit der England die ganze Welt bevölkert. Der Vater war groß, hager, sein rotes Gesicht war von einem weißen Barte umrahmt, die Mädchen gleichfalls groß, langbeinig, wie auf Stelzen, die noch wachsen sollen, auch mager, bis auf die älteste, und alle drei sehr nett, besonders aber die große.

Sie hatte eine so seltsame Manier zu sprechen, zu erzählen, zu lachen, etwas zu verstehen oder nicht zu verstehen, die Augen aufzuschlagen um mich zu fragen, blaue Augen, tief wie das Wasser, mit Zeichnen aufzuhören, um zu erraten, was ich sagen wollte, sich wieder an die Arbeit zu machen » Yes»« oder » No« zu sagen, daß ich immerfort sie anblicken und ihr zuhören mußte.

Plötzlich sagte sie:

– Ich habe gehört eine kleine Lärm auf die Schiff.

Ich lauschte und unterschied sofort ein leises, Ununterbrochenes, ganz eigenes Geräusch. Was war es? Ich erhob mich, um durch den Spalt hinaus zu blicken und stieß einen lauten Schrei aus. Das Meer hatte uns erreicht, es war im Begriff uns zu umfluten.

Wir kletterten sofort auf Deck. Es war schon zu spät, das Wasser rann schon um uns herum, eilte der Küste zu mit unglaublicher Schnelligkeit, es lief nicht, es glitt, kletterte, streckte sich aus wie ein Riesenfluß, der weiterfrißt. Kaum einige Zentimeter Wasser bedeckten den Sand, aber man sah schon die Linie des forteilenden Wasserstandes nicht mehr. Der Engländer wollte hinunterspringen, ich hielt ihn zurück. Eine Flucht war unmöglich wegen der tiefen Tümpel, die wir hatten umgehen müssen, als wir hergekommen waren, und in die wir auf der Rückkehr unzweifelhaft gefallen wären.

Einen Augenblick waren wir entsetzt, dann begann die kleine Engländerin zu lachen und flüsterte: – Jetzt sind wir die Schiffbrüchigen.

Ich wollte lachen, aber die Furcht hinderte mich, eine entsetzliche, feige, niedrige Furcht. Alle Gefahren, die uns bevorstanden, wurden mir klar in einem Augenblick. Ich hätte um Hilfe schreien mögen. Aber zu wem?

Die beiden kleinen Engländerinnen hatten sich an ihren Vater geschmiegt, der erschrocken die gewaltige Flut um uns herum betrachtete. Und es ward so schnell Nacht, wie das Wasser stieg, eine schwere, dumpfe, eisige, feuchte Nacht.

Ich sagte: – Uns bleibt nichts weiter übrig, als auf dem Schiff zu bleiben.

Der Engländer antwortete: – Oh, yes.

Und wir blieben eine Viertelstunde, eine halbe, ich weiß wirklich nicht wie lange, stehen, blickten in die Runde auf das gelbe Wasser, das immer gewaltiger wurde, um uns herum wirbelte und kochte und auf dem gewaltigen, jetzt wieder eingenommenem Strand zu spielen schien.

Eins der kleinen Mädchen fror, und der Gedanke kam uns, wieder hinunter zu steigen, um uns vor der leichten Brise zu schützen, die eisig daherkam und auf der Haut stach, wenn sie uns traf.

Ich beugte mich über die Luke. Das Schiff war voll Wasser. Wir mußten uns nun an den Bord des Achterdeck schmiegen, der uns etwas Schutz bot.

Jetzt umgab uns die Finsternis, und wir blieben dort, einer an den anderen gepreßt, stehen, von Dämmerung und Wasser umgeben. Ich fühlte die Schulter der kleinen Engländerin an meiner Schulter zittern, ihre Zähne schlugen ab und zu aufeinander, aber ich fühlte auch die süße Wärme ihres Leibes durch den Stoff ihres Kleides hindurch, und dies Wärmegefühl erschien mir köstlich wie ein Kuß. Wir sprachen nichts mehr, wir blieben unbeweglich stehen, wie Tiere in einem Loch aneinandergeschmiegt, wenn der Orkan dahergebraust kommt. Und trotz allem, trotz der sinkenden Nacht, trotz der immer steigenden Gefahr ringsum begann ich mich glücklich zu fühlen, glücklich hier zu sein, glücklich über die Kälte und die Gefahr, glücklich über die langen Stunden der Dunkelheit und Angst, die uns auf diesem Schiffsrumpf bevorstanden, glücklich in der Nähe dieses hübschen, reizenden Mädchens.

Ich fragte mich, warum dieses seltsame Gefühl von Wohlsein und Glück mich durchströme.

Warum? Weiß man es? Weil sie da war? Wer, sie? Eine kleine Engländerin, die ich nicht kannte? Ich liebte sie nicht, ich kannte sie nicht, und ich fühlte mich trotzdem ganz weich, ergriffen und in Fesseln geschlagen. Ich hätte sie retten, mich für sie opfern, tausend thörichte Streiche thun mögen. Seltsam, woher kommt es, daß die Gegenwart einer Frau uns so packt. Ist es die Gewalt ihres Liebreizes, die uns fesselt, ist es die Zauberkraft ihrer Schönheit und Jugend, die uns berauscht wie Wein?

Ist es nicht vielmehr etwas wie ein Hauch der Liebe, der geheimnisvollen Liebe, die unausgesetzt die Wesen zu einen sucht, die ihre Macht beginnt, sowie Mann und Frau einander gegenüber stehen, und die eine Bewegung über sie bringt, eine seltsame, geheime, tiefe Bewegung, wie man die Erde begießt, damit die Blumen sprießen.

Aber das Schweigen der Finsternis wurde entsetzlich, das Schweigen des Himmels, denn wir hörten unter uns nur unbestimmt ein leises, unausgesetztes Geräusch, das dumpfe Brüllen des Meeres, das stieg und stieg, und das immer gleichmäßige Anschlagen der Flut gegen das Schiff.

Plötzlich vernahm ich Schluchzen. Die kleinste der Engländerinnen weinte. Da wollte ihr Vater sie trösten, und sie begannen in ihrer Sprache zu reden, die ich nicht verstand. Ich erriet, daß er ihr Mut zusprach und daß sie sich immer fürchtete. Ich fragte meine Nachbarin:

– Frieren Sie auch nicht zu sehr, Miß?

– Oh ja, ich habe einen sehr großen kalt.

Ich wollte ihr meinen Überzieher geben, aber sie lehnte es ab. Doch ich hatte ihn schon ausgezogen und bedeckte sie damit trotz ihres Sträubens. Bei dem kurzen Streit berührte ich ihre Hand, und es überlief mich.

Seit ein paar Minuten wurde es kälter und das Branden der Fluten gegen die Schiffsränder stärker. Ich richtete mich auf, ein gewaltiger Windstoß blies mir ins Gesicht. Der Sturm kam.

Der Engländer bemerkte es im selben Augenblick wie ich und sagte einfach:

– Das sein sehr schlecht for uns.

Gewiß, das war sehr schlecht. Es war der gewisse Tod, wenn Sturzwellen, sogar nur schwache Sturzwellen das Schiff rüttelten und trafen, das Schiff, das schon so auseinander geborsten war, und das die erste hohe, etwas starke Welle ganz in Trümmer legen konnte.

Da wuchs unsere Angst von Augenblick zu Augenblick mit dem stärkeren Daherbrausen des Sturmes. Es war jetzt wenig Brandung, und ich sah in der Dunkelheit weiße Linien kommen und verschwinden, diese weißen Schaumköpfe, während die Wellen den Leib des Marie-Josef trafen und erschütterten, mit einem kurzen Schlag, der uns durch und durch ging.

Die Engländerin bebte. Ich fühlte sie an meiner Seite zittern, und eine wahnsinnige Lust überkam mich, sie in die Arme zu schließen.

Drüben in der Ferne vor uns, links und rechts, hinter uns leuchteten an den Küsten die Leuchttürme auf, weiße, gelbe, rote drehende Lichter, gewaltige Augen, wie die Augen eines Riesen, der nach uns blickte und spähte, gierig wartend, bis wir verschwunden wären. Nach einem der Lichter mußte ich vor allem immer sehen. Es erlosch alle dreißig Sekunden, um sofort wieder aufzublitzen; das mußte ein Auge sein, ein Auge, das mit seinem Lid sich unter dem Feuerblick unausgesetzt schloß.

Ab und zu strich der Engländer ein Streichholz an, um nach der Uhr zu sehen, dann steckte er die Uhr wieder in die Tasche. Plötzlich sagte er mir über den Köpfen seiner Töchter mit großartigem Ernst:

– Darf ich Ihnen eine glückliche neue Jahr wünschen.

Es war Mitternacht. Ich streckte ihm die Hand entgegen, die er drückte. Darauf sagte er etwas auf englisch, und plötzlich begannen die Töchter mit ihm: » God save the Queen« zu singen. Das stieg in der stummen dunklen Luft auf und verflog im weiten Raum.

Mir kam zuerst das Lachen, dann aber fühlte ich mich seltsam, mächtig bewegt.

Es war etwas wunderbar Trauriges und zugleich Stolzes in diesem Sang der Schiffbrüchigen, der zum Tode Verdammten, etwas wie ein Gebet, auch noch etwas Größeres, dem wundervollen Gladiatorenruf der Alten vergleichbar: Ave Caesar, moirituri te salutant.

Als sie fertig waren, bat ich meine Nachbarin, allein eine Ballade, eine Legende oder was sie wollte zu singen, damit wir über unsere Angst hinwegkämen.

Sie willigte ein, und ihre klare junge Stimme tönte in die Nacht hinaus. Sie sang wahrscheinlich ein trauriges Lied, denn sie hielt die Töne lang an, die langsam ihrem Mund entqollen und wie verwundete Vögel über die Wellen hinflatterten.

Das Meer wuchs und peitschte jetzt unser Wrack. Aber ich dachte nur noch an die Stimme, und ich dachte auch an die Sirenen. Wenn jetzt ein Schiff nahe an uns vorüber gekommen wäre, was hätten die Matrosen wohl gedacht? Mein gequälter Geist begann zu träumen. Eine Sirene! War sie nicht in der That eine Sirene, diese Tochter der See, die mich an dieses Schiff gefesselt hatte und die mit mir zugleich versinken würde in den Fluten?

Aber plötzlich fielen wir alle fünf heftig auf Deck, denn die Marie-Josef war auf die rechte Seite gekippt. Die Engländerin war auf mich gefallen, ich hatte sie in die Arme genommen und, ohne zu wissen oder zu verstehn, was ich that, in der Meinung das letzte Stündlein sei nahe, küßte ich mit verzehrendem Mund ihre Wangen, ihre Schläfen, ihr Haar. Das Schiff bewegte sich nicht mehr, auch wir rührten uns nicht.

Der Vater sagte: – Kate! – Die ich in den Armen hielt, antwortete: – Yes! – und machte eine Bewegung, um loszukommen. In diesem Augenblicke hätte ich gewünscht, das Schiff wäre auseinander geborsten, um mit ihr im Wasser zu versinken.

Der Engländer fuhr fort: – Eine kleine Sturz, das uar garnix. Meine drei Töchter sein lebendig.

Da er die Älteste nicht sah, hatte er sie zuerst für verloren gehalten.

Ich erhob mich langsam, und plötzlich erblickte ich ein Licht auf dem Meer, ganz nahe bei uns. Ich rief, man antwortete. Es war ein Boot, das uns suchte. Der Wirt des Hotels hatte unsere Unvorsichtigkeit kommen sehen.

Wir waren gerettet. Ich war verzweifelt darüber. Man nahm uns an Bord und brachte uns nach Saint Martin.

Jetzt rieb sich der Engländer die Hände und brummte: – Nun ein schönes Supper, ein schönes Supper.

Und wir aßen in der That. Ich war traurig, ich sehnte mich zurück nach dem Marie-Josef.

Am nächsten Tage mußten wir uns trennen, nachdem wir uns umarmt und versprochen, uns zu schreiben. Sie fuhren nach Biarritz zurück, und ich wäre ihnen beinahe gefolgt.

Ich war ganz von Sinnen, ich wollte um das Mädchen anhalten. Wenn wir acht Tage zusammen zugebracht hätten, hätte ich sie wirklich geheiratet. Wie unbegreiflich, wie schwach ist oft der Mensch!

Zwei Jahre verstrichen, ohne daß ich von ihnen wieder etwas hörte. Dann bekam ich einen Brief aus New-York. Sie hatte sich verheiratet und teilte es mir mit, und seitdem schreiben wir uns alljährlich am Neujahrstage. Sie erzählt mir, wie es ihr ergangen, spricht von ihren Kindern, ihren Schwestern, aber niemals von ihrem Mann. Warum? Warum nur? Und ich spreche nur vom Marie-Josef. Sie ist vielleicht die einzige Frau, die ich je geliebt habe, nein, die ich je geliebt haben würde. Ja, weiß man es schließlich? Die Ereignisse tragen uns, und dann? Und dann geht alles vorbei. Jetzt wird sie wohl alt sein, ich werde sie nie wiedersehen. Aber die von damals, das Mädchen vom Wrack, ach, die war schön, wunderschön. Sie schreibt mir, daß ihr Haar ganz weiß geworden ist. Das kommt einen so bitter an, – ihr blondes Haar. Nein, die, die ich einst träumte, ist nicht mehr. Wie traurig ist doch alles das!

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