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Gutenberg > Heinrich Kruse >

Die kleine Odyssee

Heinrich Kruse: Die kleine Odyssee - Kapitel 6
Quellenangabe
typeepos
booktitleDie kleine Odyssee
authorHeinrich Kruse
year1892
firstpub1892
publisherS. Hirzel
addressLeipzig
titleDie kleine Odyssee
pages149
created20150327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Buch.

Abenteuer des Odysseus.

                Also erzählt' ich dem Volke des Schiffs die Eroberung Trojas.
Wenn mir erblaßt die Erinnerung war an Homer, so ersann ich
Eins und das Andere selbst und flickte das Ganze zusammen,
Wie ich es eben vermochte, der letzte von allen Rhapsoden.
Als am folgenden Tage die Dämmerung wieder herankam,
Fand sich Jeder am Platz, um meiner Erzählung zu lauschen.
»Heinrich, Du wolltest ja nach dem trojanischen Kriege berichten
Ueber die Abenteuer zu Wasser und Land des Odysseus.«
»Freilich! Odysseus war ein vielerfahrener Seemann,
Der so gut wie wir selber die Tücke des Meeres erprobte.
Zehn Jahr hatt' er gestritten um Ilion, aber es währte
Noch zehn andere Jahre, bis daß er die Heimath erreichte.
Priamus heilige Stadt war in rauchende Trümmer gesunken,
Und die Eroberer brachten die Beute zum Ufer des Meeres.
Wie ein geschäftiges Volk Ameisen, die mächtige Haufen
Sich im Walde gethürmt aus Fichtennadeln, in langen
Reih'n lastweise sich schleppen mit Körnern und allerlei Vorrath,
Also zogen die Griechen zum Strand mit dem Raube von Troja.
Priamus Königsschatz ward auch auf die Schiffe geladen –«
»Oho!« rief Fritz Runge. »Wir wollen das lieber so schroff doch 54
Nicht hinstellen. O nein! Das wissen wir besser durch Schliemann
»Schliemann? Schliemann?« fragten die Leute. »Wer war das?« Da hatte
Denn Fritz Runge die beste Gelegenheit, uns zu beweisen,
Daß er voraus uns sei in Bildung und Lesen der Blätter.
»Schliemann«, sagt' er uns, »hat ein Vermögen erworben als Kaufmann.
Und nachdem er ins Trockne gebracht sein Schäfchen, so reist er
Viel umher in der Welt in Asien und in Europa
Und gräbt aus. So ist er denn auch auf dem Hügel gewesen,
Wo einst Troja stand. Jetzt weiden da Ziegen und Schafe,
Böcke bekämpfen sich dort, anrennend die Köpfe, wo einstmal
Hektor gekämpft mit Achill. Er hatte den einzigen Glücksfall,
Aufzufinden den Schatz vom König Priamus weiland.
Goldene Schalen und Schmuck und Trinkgefäße und Vasen.
Alles das fand sich noch heut' in der nämlichen eisernen Kiste.«
»Ei, wie konnte der Schatz denn entgehen der griechischen Habsucht?«
Wandt' ich bescheidentlich ein. Er entgegnete sicher wie immer:
»O, nichts leichter als das! Denn Priamus wurde so plötzlich
Bei der Erob'rung erschlagen, er hatte nicht Zeit zu verrathen,
Wo er versteckte den Schatz. So ist er vergessen geblieben,
Bis ihn die Wünschelruthe von Schliemann glücklich gefunden.
Und jetzt stehet der Schatz in Berlin, wo ich selbst ihn gesehen.«
»Wie, Herr Runge? Sie glauben im Ernst an alle die Dinge?
Dazu, däucht mir, gehört ein Glaube so groß und noch größer
Als das trojanische Pferd. Wer's glaubt, der bezahlet 'nen Thaler.«
Sei's wie's wolle, so haben die Griechen doch Troja geplündert,
Und das Geraubte geschleppt in ihre geräumigen Schiffe. 55
Darauf zogen sie ab, zur eigenen Heimath ein Jeder,
Doch viel hatten sie noch auf dem stürmischen Meere zu dulden.
Ajax litt Schiffbruch und rettete sich auf die Klippen,
Doch der gyräische Fels ward von Neptunus zerschmettert
Und mit dem Felsen zugleich Ajax in die Tiefe geschleudert.«
»Nämlich Poseidon war, wie die Römer ihn nannten, Neptunus«,
Schaltete hier Fritz Runge mir ein. Claus Babbe, er nickte
Freundlich dazu mit dem Kopf. »Neptunus, Capitain Aden,
Also bemerkt' er bestätigend, führt' am Bug als Gallione
Vorn so 'nen bärtigen Kerl mit einem gewaltigen Dreizack.«
»Damit beherrscht' er die Wogen als Gottheit des Meeres«, belehrte
Ihn Fritz Runge. »Jawohl«, sprach Claus und nickte von Neuem
»Und mit dem Dreizack kommt er noch heut' aus dem Meere gestiegen,
Wenn ein Schiff passiret die Linie, wissen wir Alle.«
Ich, nach diesem gelehrten Gespräch, fuhr fort zu erzählen:
»Selber die Helden, die glücklich die Heimath wieder erreichten,
Fanden, ans Ufer gestiegen, in anderem Stande die Dinge,
Als damals, wo sie zogen ins Feld, den Atriden zu rächen.
Klytaemnestra, ein heftiges Weib voll Stolz und Begierden,
Grollte dem hohen Gemahl seit Iphigeniens Opfer,
Und sie lebte vertraut mit dem Buhlen, dem schlimmen Aegisthus.
Beide beriethen den Mord Agamemnons gleich nach der Landung.
Als sich der König zu Tisch im eigenen Hause zum ersten
Mal nach unendlicher Zeit hinsetzte, vor Freude gesprächig,
Schlugen sie ihn mit dem Beil, wie den Ochsen man schlägt an der Krippe. 56
Aber Orestes entfloh, Agamemnons Sohn, noch ein Knabe,
Der, zum Jüngling gereift, heimkehrte zur hohen Mykene,
Um zu erschlagen das schuldige Paar und den Vater zu rächen.
Welch' ein anderes Weib war Penelope, unsers Odysseus
Treue und liebende Gattin, Ikarius sittsame Tochter!
Als er nach Troja zog, war eben ihr Söhnchen geboren,
Telemach, und sie erzog es, ihm viel vom Vater erzählend,
Und wenn Thränen ihr füllten das Auge, des Gatten gedenkend,
Zieht sie den Knaben an sich, der in jeglichem Zug des Gesichtes
Glich dem verschwundenen Vater, und herzt ihn, und fühlt sich getröstet.
Als das Gerücht nun erscholl, daß Troja zerstört und die Griechen
Kehrten mit Beute beladen zurück, da hoffte und harrte
Auch Penelope täglich, den lieben Gemahl zu begrüßen.
Aber die Wochen verstrichen und Monde und Jahre: er kam nicht.
Schon fing manch ein dürftiges Weib zu betrauern den Mann an,
Der mit Odysseus nach Troja zog, als sei er gestorben,
Und da die Kinder zu nähren und aufzubringen ihr schwer ward,
Gab sie dem Manne Gehör, der sich um die Wittwe bemühte.
Auch auf Ithakas Herrin, die schöne Penelope, fingen
Männer aus edlem Geschlecht nun an die Blicke zu lenken.
Und von der Insel ein Mann, nach dem Könige selber der reichste,
Wagt' es und warb um die Hand Penelopes; doch sie verschmäht' ihn.
Aber die stattliche Frau, die reich an Gehöften und Heerden,
Reizte der Freier gar Manchen aus Ithaka oder dem Festland, 57
Auch von Same, Zathynthos, Dulichion, allen den Inseln.
Aber sie blickte die Männer nicht an und nicht ihr Besitzthum,
Sondern sie sagte, sie wäre das treue Weib des Odysseus,
Welchem der Heimkehr Tag noch könnten die Götter verleihen.
Da nun die Zahl anwuchs der zurückgewiesenen Freier,
Wurde der Unmuth laut und ergoß sich in kränkenden Reden.
Aber im siebenten Jahre versammelten sämmtliche Freier
Sich in Odysseus Haus und verlangten von seiner Gemahlin,
Welche sie Wittfrau nannten, aus ihnen den Gatten zu wählen,
Der an Odysseus Statt auf Ithaka führe das Scepter,
Denn längst ruhe sein bleiches Gebein im Schooße des Meeres,
Wenn es ein Spiel nicht sei von Ebb' und Fluth an dem Strande;
Und nicht länger ertrage das Volk die Herrschaft des Weibes.
Aber sie weigerte sich, an den Tod des Gemahles zu glauben.
Darauf wurden sie Rathes, die übermüthigen Freier,
Nicht zu verlassen das Haus und dort Einlager zu halten,
Hundert Männer und mehr, und täglich zu zechen und schmausen,
Bis aus der Mitte von ihnen Penelope Einen derselben,
Sei's Antinous oder Eurymachus, wählte zum Gatten.
Täglich trieben die Hirten des Königs die Rinder und Schweine,
Ziegen und Schafe zur Stadt zur Bewirthung der prassenden Freier.
Euryklea, die Schaffnerin, gab mit Kummer im Herzen
Wein und Brod und Speise dahin, stets mindernd den Vorrath.
Hatten die Freier am Mahl sich erfreut und am Liede der Sänger,
Brachen sie auf aus dem Saal, sich im Vorhof lärmend mit Brettspiel 58
Oder mit anderem Zeitvertreib bis zur Nacht zu ergötzen,
Wo mit den zuchtlosen Mägden sie dann ihr Wesen noch trieben.
Seufzend ließ es die Herrin geschehn, denn es war nur ein schlanker
Knabe ihr Telemach noch; ihm fehlte die Kraft und das Ansehn,
Um aus dem Hause den Schwarm der schwelgenden Freier zu treiben.
So ward täglich das Gut und die Habe des edlen Odysseus
Aufgezehrt, indessen er selbst an fernen Gestaden
Abenteuer bestand und Gefahren und endlose Leiden.
Klein war Ithakas felsiges Reich, und er hatte zur Flotte
Nur zwölf Schiffe geführt; jedoch von den Königen allen
War Odysseus geehrt, denn der mächtigste Herrscher auf Erden
Ist doch der Geist. Es gehorchten im Rath dem Odysseus die Ersten.
Als er die Rhede verließ von Tenedos, waren die Schiffe
Alle mit Gütern gefüllt, so daß kaum Platz für die Rudrer;
Und so begann er die Fahrt, frohmuthig bei heiterem Himmel.
Doch er umwölkte sich bald, und ehe die Sonne gesunken,
Lag auf den Wassern die finsterste Nacht. Mit Donnern und Blitzen
Brach ein furchtbares Wetter dann aus. Es zerstreute die Flotte,
Und zwei Schiffe verlor mit köstlichen Schätzen Odysseus.
Als zehn Schiffe, der Rest, sich wieder zusammengefunden,
Hatten die Richtung der Fahrt sie verloren. Sie hatten Euböa
Sich zum Ziele gesetzt und waren verirrt und verschlagen,
Und sie flogen dahin, wie der Sturm, nicht sie selber, es wollte.
Als sie so neun Tage gekämpft mit dem Wind und den Wellen,
Stiegen am zehnten sie aus ans Gestad', um Wasser zu schöpfen.
Niemand kannte das Land, wohin sie getrieben der Nordsturm, 59
Doch die Bewohner empfingen sie gut und gastlich; sie gaben
Ihnen vom Lotos zu essen, von welchem sie täglich sich nähren,
Eine gar herrliche Frucht, die lieblicher mundet als Honig,
Doch wer sie ißt, der begehret nicht mehr nach der Heimath zu kommen,
Sondern er wünschet sich nichts, als im Volke der Lotophagen
Lotos pflückend in Freuden und Ruh auf immer zu bleiben.«
»Lotos kann man nicht essen!« berichtigte ruhig der Bootsmann.
»War ich doch in Calcutta und muß das wissen. Der Lotos
Schwamm auf dem Ganges herum, wie Mümmelchen, gelbe und weiße,
Auch Teichrosen genannt, auf unseren stillen Gewässern.
Aber den Lotos kann man so wenig verspeisen, wie Tulpen.
Darum flunkere nicht!« Ich sagte: »Vielleicht, daß man früher
Lotos andere Pflanzen genannt, als heutigen Tages.
Wenigstens ist das die Meinung von großen, berühmten Gelehrten.«
»Ach was, Lotos ist Lotos!« so schnitt Claus Babbe den Streit ab.
»Aber Odysseus trieb aus dem Lande der Lotosesser
Seine verweichlichten Leute heraus, so sehr sie sich sträubten,
Band im Schiffe sie fest an die Bank und zwang sie zu rudern,
Denn ein heilsamer Zwang ist oft für Menschen das beste.
Und so fuhren sie hin und kamen ins Land der Cyklopen.
Das ist ein rohes Geschlecht, sie halten nicht Rath, noch Versammlung,
Sondern sie leben ein Jeder allein, sich nicht kehrend an Andre,
Pflügen und Ackern und Pflanzen verschmähen die wilden Cyklopen.
Aber der Himmel ist mild und fruchtbar die Erde; sie bringet
Korn und Oel von selber hervor und rankende Reben 60
Voll großtraubiger Frucht. Sie kümmern sich nur um die Heerden,
Aber sie bauen nicht Häuser noch Ställe und wohnen in Grotten,
Wo sie das Vieh heimtreiben am Abend.« »'ne saubere Wirthschaft!«
Sprach Fritz Runge, sich schüttelnd. »Und wenn ich mich richtig besinne,
Hatten sie nur Ein Auge.« »So ist's! Ein Aug' auf der Stirne,
Groß und rund wie ein Kreis.« Da schwoll Fritz Runge bei dieser
Guten Gelegenheit wieder die philosophische Ader.
»Warum wir zwei Beine besitzen, das läßt sich begreifen,
Hätten wir blos Ein Bein, so könnten wir immer nur hüpfen,
Und wir könnten nicht ordentlich gehn, nicht tanzen und klettern,
Aber warum sind auch zwei Augen dem Menschen gegeben,
Da er mit Einem der Augen so viel sieht als mit den beiden?
Dafür werden den Grund wir Sterblichen nimmer entdecken.«
»O, ich kenne den Grund!« rief listig lächelnd der Bootsmann.
»Schämt Euch!« rief da ergrimmt Fritz Runge, der leichte Matrose,
»Nehmt es nicht übel, Ihr habt da geredet beinah wie ein Schafskopf,
Wenn Ihr glaubt, zu ergründen die Tiefen der göttlichen Weisheit!«
So sprach selbstbewußt Fritz Runge; wir sagten dagegen:
»Lasse Dich nicht einschüchtern vom Weisheitskrämer, dem Runge.
Weißt Du wirklich den Grund, warum zwei Augen wir haben,
Bootsmann, sag' es nur dreist. Wir halten Dir Alle den Daumen.«
Und Claus Babbe darauf mit seinem verschmitztesten Lächeln: 61
»Wenn wir das eine verlieren, so haben wir jetzt noch das andre!«
Und wir jubelten laut und klatschten vergnügt in die Hände.
»Claus, Du siegtest mit Glanz! Fritz Runge, Du zogest den Kürzern!«
»Doch nun wieder zurück zu Odysseus und den Cyklopen.
Dunkel bedeckte den Strand und die lang anrollenden Wogen,
Als sie in sicherer Bucht sacht stießen ans sandige Ufer.
Da nun das Frühroth leuchtete, sah'n sie das Ufer, an dem sie
Nächtlich gelandet; es war ein kleines bewachsenes Eiland,
Nur von wilden Ziegen bewohnt, die nimmer durch Jäger
Wurden gestört und dreist anliefen die Menschen, als leichte
Beute der rasch von den Schiffen zur Jagd entnommenen Spieße.
»Frisches Fleisch thut gut, wenn man lang nichts hatte, als Schiffskost«,
Warf ein Matrose dazwischen. »Jawohl!« so riefen sie Alle.
»Jenseits aber zu schaun war Trinakrias felsige Küste,
Sitz der Cyklopen, von Wäldern bedeckt, mit wallendem Rauche.
Und sie vernahmen die Stimmen des Volks und der Schafe und Ziegen.
Aber Odysseus beschloß, sich bekannt mit den Menschen zu machen,
Ob sie den Fremdlingen hold und ob sie die Götter verehrten.
Also stieg er aufs Schiff, und es folgten, nachdem sie die Seile
Hatten gelöst, die Gefährten ihm nach und ergriffen die Ruder« –
»Riemen!« verbesserte Claus. »Nun ja, so spricht man am Lande.
Als sie landeten, lag ein hochaufsteigender Felsen
Hart am Strand, auf dem Gipfel von Lorbeerbäumen beschattet. 62
Eine gewaltige Grotte mit hohem Gewölbe und schmalem
Eingang zeigte sich ihnen, davor ein Hof, der mit Mauern
Aus Bruchsteinen umfaßt, wo nächtigen konnten die Heerden.
Dort nun hauste ein Mann von Riesengestalt, der die Heerden
Einsam pflegte zu weiden und nicht mit Menschen verkehrte.
Auch war menschliche Sitte ihm fremd, ein gottloses Scheusal,
Polyphemus genannt. Sie trafen den Mann nicht zu Hause,
Sondern er war mit den Heerden am Morgen gezogen zur Bergtrift.
Mit Odysseus ging ein Dutzend von seinen Gefährten
Dreist in die Höhle und waren erstaunt ob dem, was sie sahen,
Ringsum strotzten die Körbe von leckerem Käse, in Eimern
Stand frisch schäumende Milch und in Kübel und Bütten geschüttet
Ruhte die gestrige Milch, schon bedeckt von goldener Sahne.
Und sie lockte der süße Geruch, sie schmausten vom Vorrath,
Bis Polyphemus am Abend erschien mit den blökenden Heerden.
Eine gewaltige Tracht von gespaltenem Holz auf dem Rücken,
Trat in die Höhle der Riese, so zottig behaart wie ein Bär fast,
Und ließ fallen das Holz, daß die Wölbungen krachten im Nachhall,
Und daß die Schiffer erschreckt in den hintersten Winkel entflohen.
Darauf trieb er die Schafe und Ziegen hinein in die Felskluft,
Während er draußen die Widder und Böcke beließ in dem Vorhof.
Hierauf nahm er zur Hand ein graues gewaltiges Felsstück,
Schob's vor den Eingang hin, und so waren die Griechen gefangen.
Zwanzig Wagen vermöchten den Fels hinweg nicht zu schleppen.
Und dann molk der Cyklope die Schafe und meckernden Ziegen,
Ließ zur Hälfte gerinnen die Milch, mit dem Lab sie vermischend, 63
Und dann preßt' er sie ein in geflochtene Körbe zum Ablauf.
Aber die andere Hälfte der Milch verwahrt er in Kübeln,
Um sie zur Hand zu haben zum Trinken, wenn Abends er schmauste.
Und nachdem der Cyklop so seine Geschäfte beendigt,
Macht' er ein Feuer sich an und sah nun die zitternden Leute.
»Fremdlinge«, sprach er sie an, »Ihr seid wohl Schiffer? Das seh' ich!
Streift Ihr vielleicht seeräubernd umher und setzet das Leben
An den Gewinn?« So sprach der Cyklop. Sie entsetzten sich Alle
Ueber das rauhe Gebrüll und ihn selber, das gräßliche Scheusal.
Aber Odysseus faßte sich doch und gab ihm zur Antwort:
»Wir sind Griechen und kommen von Troja, das wir erobert.
Kriegsvolk nennen wir uns von Atreus Sohn, Agamemnon,
Der jetzt rings auf der Erde sich Ruhm bei den Menschen erworben.
Als wir, sobald wir beendet den Krieg, wegschifften nach Hause,
Wurden wir weit von der Heimath verschlagen und nahen uns Deinen
Knieen und flehen Dich an, ob Du uns Fremdlingen eine
Gabe bewilligen willst, Du reicher Fürst der Gebirge,
Wie man Gästen sie schenkt, die viel in der Fremde bedürfen.
Doch wer Fremde verletzt, hat Zeus und die Götter zu scheuen.«
Aber der wilde Cyklop entgegnete grausamen Herzens:
»Thöricht bist Du, mich so zu mahnen zur Scheu vor den Göttern;
Denn wir sind weit besser als sie und bedürfen nicht ihrer.
Sage mir nun, wo hast Du Dein Schiff am Strande gelassen?«
Ihm antwortete klüglich der listige Sohn des Laertes:
»Ach, mein Schiff, das zerbrach mir der Erderschüttrer Poseidon, 64
Der auf die Klippen es warf von Eurem Gestade. Wir sind nur
Mühsam entgangen dem Tod, schiffbrüchige, elende Leute.«
Nichts antwortete drauf der gewaltige Oger. Er packte
Zween von Odysseus Gefährten und schleuderte sie auf den Boden,
Daß rings Blut und Hirn floß um die zerschmetterten Schädel,
Glied vor Glied sie zerhackend, verzehrt' er die Armen zur Nachtkost,
Und schlang ganz sie herab mit Eingeweiden und Knochen.
Aber nachdem er den Wanst sich gefüllt und mit köstlicher Milch dann
Alles heruntergespült, so legte der wilde Cyklop sich
Unter die Heerde und schlief und schnarchte mit offenem Maule,
Sich um die Fremdlinge gar nicht kümmernd, als wären es Zwerge.
Aber Odysseus, der gern sein Schwert ihm gebohrt in die Seite,
Wagte sich nicht an ihn, denn sie wären verloren gewesen.
Niemand vermochte den Fels, der den Eingang sperrte, zu rücken.
Also seufzten sie nur und harrten des dämmernden Morgens.
Als der Cyklop nun erwacht und gegähnt, daß schallte die Wölbung,
Macht' er ein Feuer sich an und melkte die blökende Heerde,
Wie ein sorgsamer Hirt, und die Säuglinge legt' er ans Euter.
Doch dann packt' er von Neuem ein Paar von Odysseus Genossen,
Schmetterte sie auf die Erd' und verzehrte die Leiber zur Frühkost.
Darauf trieb er die Heerden hinaus, indem er den Felsblock
Leicht vom Eingang hob, und nachdem ihm die Heerde gefolgt war, 65
Schob er den Block vor die Kluft, wie den Deckel man stülpt auf den Köcher.
Aber erfindungsreich, so wurde der Sohn des Laertes
Und nicht vergebens genannt. Ihm fiel in die Augen die Keule
Grün von des Oelbaums Stamm, die Polyphem sich gehauen,
Um sie, nachdem sie gedörrt, zu gebrauchen als furchtbare Waffe.
Diese war hoch wie ein Mast. Odysseus behieb sie und spitzte
Unten sie zu und ließ von den Freunden sie brennen und härten,
Und sie wandten den Pfahl und brannten ihn hart in der Flamme.
»Seht«, so rief er, »wir wollen dem Ungeheuer den Oelbaum
Bohren ins riesige Auge, sobald er vom Schlafe befallen.
Auf! Wer wagt es mit mir?« Von den muthigsten seiner Gefährten
Wählt' er sich Vier und sann, wie sie könnten entschlüpfen der Höhle
Trotz Polyphems und des Blocks. Sie hatten den Pfahl in dem Miste,
Welcher den Boden bedeckte, versteckt. Am Abende kam er,
Und trieb Alles hinein, nicht blos die zu melkenden Thiere,
Sondern die Böcke zugleich, die gewöhnlich er ließ in dem Vorhof,
Grad als wenn es ein Gott ihm zur Rettung der Schiffer geheißen.
Darauf schob er den Fels vor die Thür und trieb nach der Reihe
Seine Geschäfte. Er melkte zuvörderst die Ziegen und Schafe,
Ließ dann gerinnen die Milch und preßte sie ein in die Körbe,
Stellte die übrige Milch umher in Bütten und Kübeln,
Und dann packt' er sich zwei der Gefährten, sie jämmerlich tödtend,
Und er verschlang sie als Kost für den Abend. Da naht' ihm Odysseus, 66
Eine hölzerne Kanne mit dunkelem Wein in den Händen,
Denn ihm hatte den Wein als köstliche Gabe ein Gastfreund
Einst vor Jahren verehrt, und er war so kräftig und feurig,
Daß man zähmen ihm mußte die Gluth mit reichlichem Wasser,
Und ein würziger Duft strömt' aus dem entsiegelten Kruge.
Aber Odysseus sprach, indem er die Kanne ihm reichte:
»Nimm, o Cyklop, und trink! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut,
Den ich als Gastgeschenk im ziegenledernen Schlauche
Mitgebracht, auf daß Du die Heimkehr gütig gewährtest;
Aber Du bist unfreundlich und wüthest ja ganz unerträglich.«
Doch der Cyklop, durch den Duft schon erfreut, trank gierig den Wein aus.
»Ei«, so rief er, »das schmeckt ja wie Nektar! So fülle die Kanne
Mir noch einmal, o Fremdling, und sage mir, wie Du Dich nennest,
Daß ich auch ein Geschenk als Gastfreund könne Dir reichen.«
Aber Odysseus, der List nicht vergessend, entgegnete also:
»Niemand heiß ich!« »Das ist Dein Name?« so fragte der Riese.
»Niemand werd' ich genannt von Vater und Mutter und Allen.«
Dreimal trank der Cyklop und ließ dreimal sich die Kanne
Wiederum füllen, und wurde betäubt von dem edlen Getränke.
»Niemand«, lallt' er, »Dein Wein ist gut! Ich will Dich von allen
Leuten zuletzt auffressen, das soll zum Dank mein Geschenk sein.«
Also sprach er und taumelte hin ungeschlacht auf die Erde.
Und schon schloß er das Auge zum Schlaf, doch er rülpste noch einmal 67
Und brach Stücke von Menschenfleisch zugleich mit dem Wein aus.
Jetzt nun säumte Odysseus nicht mehr. In die glimmende Asche
Steckt' er den Oelbaumstamm, so daß aufflammte die Spitze
Und dann trug er ihn rasch zum Cyklopen, im Schlafe vergraben,
Stieß ihn von oben hinein in das Auge der Stirn, und er drehte
Schleunig den spitzigen Pfahl, wie Tischler den Bohrer herumdrehn.
Vier Mann halfen den Pfahl ihm drehn in dem zischenden Auge,
Wimpern und Brauen versengten, das Blut sprang siedend am Pfahl auf.
Graunvoll brüllt' aus dem Schlaf auffahrend der wilde Cyklope,
Kreischte vor Schmerz laut auf und riß sich den Pfahl aus dem Auge,
Den er, triefend von Blut, wegschleuderte, tobend vor Unsinn,
Doch sie flüchteten bang' in die äußersten Winkel der Höhle.
Aber geblendet, des Lichtes beraubt, schrie: »Hülfe! zu Hülfe!«
Laut Polyphem und rief die benachbarten Felsenbewohner
Durch sein Toben herbei. Sie kamen heran bis zum Eingang,
Und sie fragten hinein: »Was ist, Polyphem, Dir geschehen,
Daß Du so brüllst und uns aufweckst und störst in der Nachtruh?
Sind denn Räuber bei Dir und wollen die Heerden Dir stehlen,
Will Dich Jemand ermorden mit Arglist oder Gewalt? Sprich!«
Drauf antwortete so Polyphem mit stöhnender Stimme:
»Niemand tödtet mich hier mit Gewaltthat! Niemand durch Arglist!«
»Wenn, Polyphem, Dir Niemand denn etwas zu Leide gethan hat, 68
Und Du Krankheit nur und Schmerzen erduldest, so können
Wir Dir nicht helfen. Drum flehe Du nur zum Vater Poseidon,
Der Dich erzeugt, Polyphem, damit er die Schmerzen Dir lindre.«
Und so verließen sie ihn. Da lachte das Herz in dem Leibe
Unserm Odysseus, dieweil ihm die List mit dem Namen gelungen,
Doch der Cyklop fuhr fort zu stöhnen und winseln. Er tappte
Viel mit den Händen umher und nahm am Morgen den Fels weg,
Setzte sich aber dabei an die Pforte mit prüfenden Händen,
Daß kein Fremder heraus mit den Schafen zu kommen versuche.
Da war theuer der Rath, aus der Höhle zu schlüpfen des Unholds.
Je drei Widder von stattlichem Wuchs und lockigem Vließe
Flocht Odysseus zusammen und ließ je einen Gefährten
Rund um den mittleren Bock mit beiden Händen sich klammern.
Diesen, so gut es nur ging, anbinden und über den Rücken
Hieß er die Hände ihn schlingen und fest an der Wolle sich halten.
Rechts und links ging gleichsam zum Schutz ein lediger Widder,
Aber den stattlichsten Bock, der weit vor den anderen ragte,
Hatt' er sich selber erwählt und hing ihm unter dem Leibe,
Wenig bequem für Beide, doch um sich das Leben zu retten,
Nimmt man mit jeglicher Lage vorlieb, auch am Bauche des Widders,
Und so schritten die Widder hinaus am Riesen vorüber.
Als sein Liebling, der größte, nun kam zum Cyklopen, betastet
Stirn und Nacken sein Herr, doch nicht entdeckt' er Odysseus.
Und so sprach er zum Widder, der schwer belastet vorbeizog:
»Lieber Alter, Du pflegtest doch sonst an der Spitze zu gehen, 69
Warum kommst Du denn jetzt im Nachtrab träge geschritten?
Bist Du betrübt um mich, daß der schändliche Grieche, nachdem er
Mich mit starkem Getränke vergab, mir das Auge geraubt hat?
Hätt'st Du doch menschliche Stimme, um mir zu verrathen, mein Lieber,
Wo sich der Frevler versteckt, bald sollt' er mir büßen die Unthat,
Und am Boden verspritzen das Hirn, der zerschmetterte Niemand.«
Selbst nicht in Todesgefahr enthielt sich des Lächelns Odysseus,
Da der Cyklop ihn so vorbeiziehn ließ mit dem Widder.
Als er ein wenig entfernt von der Höhle gelangt in dem Vorhof,
Macht' er vom Widder sich los und löste die Bande der Freunde,
Und dann trieben sie rasch zu dem Schiffe die stattlichen Böcke
Steil zum Ufer hinab in häufiger Krümmung des Weges.
Froh empfingen sie dort, die Geretteten, ihre Gefährten,
Fragten den Uebrigen nach, doch war jetzt Zeit nicht zur Antwort,
Sondern sie warfen nur rasch in das Schiff die erbeuteten Böcke,
Und dann ruderten sie aus Leibeskräften von dannen.
Als sie so weit sich hatten entfernt, daß die Stimme noch hörbar,
Rief zum Wüthrich, der oben am Ufer erschienen, Odysseus:
»Wie Du bewirthet uns hast, so wurde bezahlt Dir die Zeche!
Höre, Cyklop, wenn Jemand Dich fragt, wer das Auge Dir raubte,
Sage, der Städteverwüster Odysseus hat mich geblendet,
Sohn des Laertes, und Fürst auf Ithakas felsigem Eiland.«
Und der ergrimmte Cyklop brach ab vom Felsen den Gipfel,
Nahm ihn und schleuderte mächtig den Block in der Wuth nach dem Schiffe. 70
Drüber hinweg flog wirbelnd der Fels, und es schwoll das Gewässer
Hochauf, daß von dem Strudel das Schiff ward wieder dem Strande
Näher gerissen; sie ruderten nun um so eifriger seewärts.
Und sie hörten nur noch, wie Polyphemus zu seinem
Vater Poseidon flehte, er mög' an Odysseus ihn rächen,
Mög' ihn tödten, wo nicht, ihm doch sämmtliche Schiffe zerstören,
Daß er auf fremdem Gefäß anlanden in Ithaka müsse.
Und sein Vater vernahm in der Tiefe das Flehen des Sohnes.
Aber sie kehrten zur Insel zurück zu den übrigen Schiffen,
Und sie verließen, dem Tod entflohn, das cyklopische Ufer.
Schweigend saßen wir da; uns gruselte Allen ein wenig,
Gleichsam, als ob wir selbst dem Cyklopen entronnen. Ich sagte:
»Bootsmann, nun, was sagt Ihr zu Polyphem und zu seiner
Wirthschaft? Laßt darüber doch Eure Gedanken vernehmen.«
»O, das kann ich Euch sagen mit einem einzigen Worte:
Br!« Und er stieß so kräftig das Br! aus dem Munde, dem breiten,
Daß wir Alle an seiner Beredsamkeit uns ergötzten.
Darauf brachte die Fahrt sie zum Aeolus, Herrscher der Winde,
Der sie freundlich empfing auf seinem gesegneten Eiland
Und vier Wochen im Hause bewirthete, manches erforschend
Ueber den Krieg und Trojas Eroberung, auch zu der Heimkehr
Ihnen zu helfen versprach, und leistete, was er verheißen.
Denn im Schlauche verschlossen, erhielt Odysseus die Winde,
Die, zur richtigen Zeit entfesselt, ihn trügen zur Heimath.
Und er verbarg ihn im Schiff sorgfältig vor seinen Gefährten.
Aber das Göttergeschenk verdarb ihm die Thorheit der Freunde,
Denn sie waren mit günstigem Wind, den Aeolus mitgab, 71
Nahe der Heimath gelangt, da ward er ermüdet vom vielen
Stellen der Segel und sank in einen erquicklichen Schlummer.
Aber die Freunde beriethen, was doch wohl wär' in dem Schlauche,
Hegend den Wahn, ein Ehrengeschenk und goldene Schätze
Hätt' ihm Aeolus mit auf die Reise gegeben. Die Thoren!
Als sie öffnen den Schlauch neugierig, da fahren die Winde
Brausend hervor und fassen das Schiff und drehn es im Wirbel
Dreimal und viermal im Kreise herum und schleudern es heftig
Wieder zurück zu der Insel des Aeolus, die sie verlassen.
Wiederzukehren, wenn schon man Abschied hatte genommen,
Das ist peinlich ja stets, nun vollends mit solcher Beschämung.
Zwar Odysseus versuchte die Schuld auf die Freunde zu wälzen,
Aeolus aber entgegnete ihm: »Längst wärst Du zu Hause,
Wenn Du gethan, so wie ich Dir rieth. Fort! Gehe von hinnen!
Wem nicht zu rathen ist, Mensch, dem ist nicht zu helfen. Verlaßt uns,
Denn Euch zürnen die Götter.« So zogen sie traurig von dannen.
Mühsam ruderten sie, von günstigen Winden verlassen,
Ueber die Fluthen dahin bis zu einem geräumigen Hafen,
Links und rechts von Bergen beschützt, wo sicher die Schiffe
Lagen vor Winden, doch nicht vor frevelnden gräulichen Menschen,
Denn sie waren zum Lande der Laestrygonen gekommen.
Das sind Menschen, so groß, wie die Erde sie zeugte zu Anfang,
Als sie bevölkert noch war von Ungethümen und Drachen,
Und die Giganten den Himmel zu stürmen versuchten. Die Flotte
War kaum eingelaufen, so warfen die Laestrygonen
Riesige Steine herab und zerschmetterten Schiffe und Mannschaft, 72
Und neun Schiffe von zehn vernichteten grausam die Wilden.
Nur sein eigenes Schiff zu retten, gelang dem Odysseus;
Rasch mit dem Schwerte das Seil abkappend, entkam er ins Freie.
Ja, die Laestrygonen sind übel beläumdete Leute,
Kannibalen, die nichts von Menschlichkeit wissen und Mitleid,
Und doch war in Rom ein Geschlecht, das sich rühmte, es stamme
Ab vom König der Laestrygonen.« »Ja«, brummte der Bootsmann
Still vor sich hin. »Man will sehr gern von Königen stammen,
Wenn sie auch Menschenfresser gewesen. So sind sie, die Menschen,
Immer nach oben hinaus! ›Mein Onkel, der Schneider‹, so spielt sich
Gerne die Dienstmagd auf. Und die vornehm adlige Dame
Sagt mit dem nämlichen Stolz: ›Mein Onkel, der erste Minister.‹«
»Einsam fuhr Odysseus nun auf dem einzigen Schiffe.
Und noch lange beweint' er das Schicksal der armen Genossen,
Deren Wehegeschrei er nicht zu vergessen vermochte.
Endlich gelangte das Schiff zu der Insel der reizenden Circe,
Welche das Zaubern verstand. Sie hatten so Schlimmes erfahren,
Daß sie kaum sich getrauten, ans Land zu gehn. Doch sie mußten
Sich mit Trank und Speise versehn für die weitere Seefahrt,
Und Odysseus theilte die übrig geblieb'nen Gefährten
In zwei Haufen, den einen, geführt von ihm selber, Odysseus,
Aber den anderen führte Eurylochus, welchen das Loos traf,
Auszuforschen die Insel und nach dem Palaste zu gehen, 73
Welcher, in Waldung versteckt, sich verrieth durch Rauch, der emporstieg.
Als sie nahten der Wohnung der Circe, da trafen sie Wölfe,
Löwen und and'res Gethier; allein – ein seltsamer Anblick! –
Nicht losstürzend auf sie, wie ein Raubthier pfleget. Sie standen
Harmlos da, aufrecht auf den Hinterfüßen und wedelnd.
Circe sang im Palast mit melodischer Stimme, das Webschiff
Rastlos werfend, ein seidnes Gewirk zu vollenden beschäftigt.
Aber sie trat aus der Pforte hervor, als nahten die Fremden,
Lud sie freundlich herein und nöthigte gastlich zum Sitzen.
Und sie bewirthete sie mit Kuchen und feinem Gebäcke
Und mit prasischem Wein, doch gemischt mit schädlichen Säften.
Darauf nahm sie den Stab, und wer von den Männern berührt war,
Ward an Haupt und an Leib und an Stimme verwandelt in Säue.
Und sie sperrte sie ein in die Kofen. Sie grunzten wie Schweine,
Nur ihr Geist war bewußt und menschlich geblieben den Armen.
Circe schüttelte drauf in den Trog Bucheckern und Eicheln
Ihnen zum Fraß, das Futter der erdaufwühlenden Schweine.
Nur Eurylochus war mißtrauisch nicht näher getreten
Und lief hurtig zurück, um das traurige Wunder zu melden,
Und doch vermocht' er es kaum, so beraubte die Angst ihn der Worte.
Welch ein neues Geschick! Odysseus gürtet mit Muth sich
Und mit dem Schwert, das häufig ihn schon auf Gefahren gerissen.
Doch nichts hätt' es genutzt ihm gegen die Zauberin Circe,
Wenn ihm die Gnade der Götter nicht hülfreich wäre genahet.
Hermes trat ihm entgegen, noch eh' er die stattliche Wohnung
Hatte der Circe erreicht, wie ein blühender Jüngling gestaltet,
Dem erst keimte der Bart, im holdesten Reize der Jugend, 74
Faßt' ihm freundlich die Hand und redete, also beginnend:
»Armer, wohin? Du willst die verwandelten Freunde erlösen,
Aber Du selbst wirst leicht vom Stabe der Circe verwandelt.
Da, nimm dies Heilmittel, und wenn sie Dir reichet das Weinmus,
Das sie mit Zaubersäften gemischt, wird dies Dich erretten.«
So sprach Hermes und reichte Odysseus das heilsame Kraut dar.
Schwarz war die Wurzel zu schau'n, und milchweiß blühte die Blume,
Moly wird's von den Göttern genannt, schwer ist es zu finden.
Als Odysseus zur Circe gelangt, so öffnete diese
Freundlich die Thür und ließ ihn niedersitzen und hoffte,
Leicht wie seine Gefährten vorher, ihn selbst zu verzaubern.
Doch da den Zaubertrank, den goldenen Becher mit Weinmus,
Tückisch die Circe ihm gab in die Hand, da mischt' er das Moly
Unter den Trank, der jetzt unschädlich die Kehle herabglitt.
Aber sie nahm schon den Stab und schlug ihn und redete also:
»Komm und geh in den Kofen als Schwein zu Deinen Gefährten!«
Aber Odysseus blieb unverwandelt. Er riß von den Hüften
Rasch sein blitzendes Schwert und drang, als wollt' er sie morden,
Wüthend auf Circe ein. Sie fiel ihm zitternd zu Füßen.
»Niemals hat noch des Zaubers ein sterblicher Mann sich erwehret!
Bist Du«, sprach sie, »Odysseus, von dem mir Hermes verkündet,
Daß ihm, von Troja kommend, hierher zu gelangen bestimmt sei?
Stecke das Schwert denn ein und laß uns schließen ein Bündniß,
Daß wir, in Liebe vereinigt, gemeinsam des Lebens uns freuen.«
Das war ein Zauber, den läßt sich ein Jeder gefallen. Odysseus 75
Widerstand ihr jedoch, bis daß sie ihm heilig geschworen,
Daß kein neuer Verrath in ihren Umarmungen drohe.
Indeß trugen die Mägde der Circe ein köstliches Mahl auf,
Aber Odysseus wollte nicht Trank und Speise berühren,
Bis aus dem Banne des Kofens ihm Circe befreit die Genossen.
Und sie führte ihn hin zu den Zaubergeschöpfen im Kofen,
Wie neunjährige Eber zu sehn. Das waren die Freunde!
Jeden bestrich sie mit Saft, und sie streiften die borstige Hülle
Rasch ab, freudig und leicht sich wieder in Menschen verwandelnd
Und zu schöneren Männern, denn als vorher sie gewesen.«
»Ei, das war ja 'ne Hexe, 'ne richtige Hexe, die Circe!«
Sprach Fritz Runge. »Man denkt an Märchen und Kindergeschichten.
Welch ein seltsamer Trank, der Menschen in Schweine verwandelt!
Solch ein Kunststück brächte man heut zu Tage nicht fertig!«
»O, ich kenne den Trank, der Menschen in Schweine verwandelt!«
Sprach Claus Babbe, doch ward er zur Ruhe verwiesen von Runge.
»Claus, was schwatzest Du wieder? Hast Du das Geheimniß der Circe
Etwa entdeckt und den Trank, der Menschen in Schweine verwandelt?«
»Ja, ich kenne den Trank«, so sprach Claus Babbe mit Schmunzeln,
Dabei blieb, halsstarrig wie ein Bulldogge der Bootsmann.
Und wir lachten bereits, obgleich wir noch nicht es erkannten,
Wohin wohl Claus steure. »Was ist es denn, Claus, für ein Trank? Sprich!« 76
»Branntwein!« brummte er laut. Da lachten wir All' um die Wette.
»Claus hat immer doch Recht, sobald man ihn richtig verstehet.«
Aber Odysseus lebte mit seinen Gefährten bei Circe
Tag für Tag gar herrlich in Freuden und froher Erwartung,
Denn sie hatte versprochen, ihn wohl mit Allem versehen,
Ehe des Jahrs Kreislauf vollendet, nach Hause zu senden.
Als nun das Jahr umkam, so mahnte Odysseus die schöne
Tochter der Sonne an ihr ihm freundlich gegebnes Versprechen.
Circe sagte zu ihm: »Ich will mit Gewalt Dich nicht halten,
Willst Du indessen zurück nach der Heimath fahren, so mußt Du
Zeigen Dir lassen den Weg von Tiresias, welcher im Hades
Wohnet mit vollem Verstand, doch die übrigen Seelen sind Schatten.«
Als Odysseus die Worte der lockigen Circe vernommen,
Ward er es müde am Leben zu sein und die Sonne zu schauen.
»Ist es genug noch nicht, ihr Götter, durch Länder und Meere
Umgetrieben zu sein, soll nun ich sogar von dem Lichte
Scheiden der Sonne und gehn in die dunkele Wohnung des Hades?
Und wer zeigt mir den Weg zu der schrecklichen Persephoneia?«
Als er so jammerte, sprach ihm Circe, die Zauberin, Muth ein:
»Sei doch, Odysseus, getrost und verzage nicht, herrlicher Dulder!
Richte Dich auf wie ein Mann, ich sende Dir günstige Winde,
Daß Du zum Ocean kommst, zum Strom, der rings um die Welt fließt,
Und von dort eingehst zum Hades, dem Reiche der Schatten,
Dort, wo der Phlegethon brennt und der Styx und der Acheron fließet,
Dort wird Dir Tiresias sagen, der Seher aus Theben,
Wie Du nach Ithaka kommst, zu der Heimath und zu den Deinen.« 77
Seufzend schiffte Odysseus sich ein, doch ohne Beschwerde
Kam er zum Ocean und bis zum cimmerischen Lande,
Welches in Nebel und Schnee und Dunkelheit immer gehüllt ist.
Und dort gehet man ein in das Land der geschiedenen Seelen.
Dort, wo ihm Circe gesagt und die Stelle ihm hatte bezeichnet,
Grub er, bis daß ins Gevierte von Ellenweite die Grube,
Opfernd ein schwarzes Schaf, und das Blut lief ab in die Grube;
Doch stumm schwirrten umher die abgeschiedenen Seelen,
Nur, wenn Blut sie getrunken, vermochten die Schatten zu reden,
Mit dem gezogenen Schwert hielt ab Odysseus die Andern,
Aber Tiresias ließ er trinken des Blutes und sprechen.
Und der thebanische Seher erkannte sogleich den Odysseus
Und weissagte, er käme nach Ithaka, wie er begehrte,
Wenn er nicht auf der Insel des Helios seinen Genossen
Zuließ, daß sie die Rinder des Sonnengottes verzehrten,
Denn dann würd' er verlieren das Schiff und alle Gefährten,
Mit fremdländischem Schiff einsam nach Ithaka kommen
Und dort Elend finden und schreckliche Arbeit im Hause.
So weissagte der Seher, und also ward es vollendet.
Aber Odysseus wehrte den übrigen Schatten, zu trinken,
Antiklea nur ließ er herbei, die geliebteste Mutter,
Die er nach Troja schiffend verließ im rüstigsten Alter.
»Mutter«, so rief er betrübt, »wie bist Du dem Leben entrissen?
Hat Dich Krankheit verzehret? Das Alter zu früh Dich entkräftet?«
Ihm antwortete drauf Antiklea: »Nicht Krankheit, nicht Alter
Hat mich dem Leben entrafft, nur Sorg' um Dich, mein geliebter
Sohn, und Verlangen nach Dir und Deinem gefälligen Wesen.
Auch Dein Vater, Laertes, ist stets in Sorgen und Kummer. 78
Zog sich zurück auf ein einsames Gut und lebt wie ein Knecht dort,
Dürftig gekleidet und gönnet sich kaum zum Schlafen ein Lager.
Aber Penelope ist Dir treu geblieben und will nichts
Wissen von anderer Eh', und Telemach blühet, Dein Sohn, auf
Und wird ähnlicher stets Dir an Zügen und Bildung und Wesen.«
Also sprechend erregte sie in ihm unendliche Sehnsucht.
Dreimal wollt' er die Mutter umarmen und fand, daß er dreimal
Nur hingriff durch die Luft; denn wesenlos sind ja die Schatten.
Haben doch wir in uns Allen ein Schattenreich, wo so viele
Eltern, Geschwister und Freunde, mit denen wir lebten und strebten,
Nun hinwandeln, die ewig Geliebten, wie Schatten und Träume.
Während Odysseus die Wacht mit dem Schwert hielt über dem Blute,
Kamen zu ihm der Gestalten noch viel aus dem Kriege vor Troja:
Agamemnon, der Fürst, den Klytaemnestra gemordet,
Ajax hohe Gestalt, Antilochus und, mit Patroklus
Nun auf immer gesellt, Achilles, der erste der Griechen,
Der auch jetzt noch die Geister im Reiche des Hades beherrschte.
Aber da glücklich ihn pries Odysseus, seufzte Achilles:
»Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen,
Als die sämmtliche Schaar der geschiedenen Todten beherrschen!«
Doch da der Ithaker ihm Neoptolemos Thaten erzählte,
Seines im Heere gepriesenen Sohnes, da wandelte freudig
Mächtigen Schrittes Achilles dahin die Asphodeloswiese,
Ueber die Tugend erfreut, die vom Vater vererbt auf den Sohn war.
Aber Odysseus sah auch die Strafen vollstreckt an den Frevlern. 79
Sisyphus, wälzend den Stein, der immer vom Gipfel herabrollt,
Tityus, welchem die Leber zerhackt ein gefräßiger Geier,
Und im Wasser, das ihm bis zum Kinn reicht, aber zurückfließt,
Wenn er zu trinken versucht, stand Tantalus, dürstend auf ewig.
Schauerlich ward es zuletzt Odysseus im Reiche der Dämm'rung,
Rasch enteilt' er zum Schiff, und es lösten das Seil die Gefährten,
Maßen den Weg zurück zu der lieblichen Insel der Circe.
Von dort sollte die Fahrt nach der Heimath endlich beginnen.
Und ihn versah mit Rath für die Reise die Tochter der Sonne:
»Erstlich kommt Ihr ans Ufer, wo singen die schönen Sirenen,
Jungfraun, welche mit holdem Gesang anlocken die Fremden
Doch ins Verderben. Da bleicht gar manches Gebein der Verführten.
Darum verklebe mit Wachs den Gefährten die Ohren, so rath ich.
Willst Du selbst gern hören die süßen Sirenengesänge,
Nun, so laß an den Mast Dich binden mit Stricken. Doch wenn Du
Hingerissen verlangst, sie sollten die Bande Dir lösen,
Mußt Du ihnen befehlen im Voraus, daß sie nur stärker
Dich festbinden am Mast, da Du sonst einbüßest das Leben.
Das sind die süßen Gefahren, von denen die Jugend bedroht ist,
Und sie hat nur zu offen die Ohren und läßt sich nicht binden,
Und sie wird in den Tod von den schönen Sirenen gesungen.
Seid Ihr glücklich vorüber geschifft, so kommt ihr zu Felsen,
Scylla der eine genannt, und der andere heißet Charybdis.
Scylla verbirgt in dem Schooß ein schreckliches Ungeheuer
Mit sechs Hälsen versehen. Aus jedem der langen und schlangen- 80
Aehnlichen Häls' ist ein Kopf mit scheußlichem Rachen. Es starren
Drei Reihn Zähne darin, und weh dem, welcher erhascht wird!
Auswärts reckt sie die Hälse hervor und schnappet nach Beute.
Und so rasch ein Segel vorbeizufahren bemüht ist,
Wird ein Mann doch gefaßt von jeglichem Halse der Scylla.«
»Weh uns!« rief Odysseus erschreckt. »Du darfst es den Leuten
Gar nicht sagen!« So rieth wohlmeinend ihm Circe, »Du darfst auch
Nicht zu nahe gerathen dem anderen Felsen, Charybdis.
Niedriger ist er, es wächst aus der Mitte ein schattiger, großer
Feigenbaum, darunter Charybdis lauert. Sie sprudelt
Dreimal täglich das Wasser hervor und schluckt es auch wieder.
Schiff und Mannschaft ist; in den Schlund ihr gerathend, verloren,
Darum halte Dich, Freund, an der Seite der Scylla, so rath' ich,
Besser ist, sechs der Genossen, als alle zugleich zu verlieren.
Darauf wirst Du zur Insel des Helios kommen, Odysseus,
Dort sind Heerden von Rindern. Dem über uns wandelnden Gotte
Sind sie, der Sonne, geweiht, und Tiresias hat Dir gerathen
Und Dich gewarnt, ja nicht zu berühren die heiligen Rinder.«
Also berieth ihn Circe, die liebliche Tochter der Sonne,
Und gab scheidend ihm günstigen Wind noch mit für die Reise,
Glücklich gelangte Odysseus ans Ufer der schönen Sirenen,
Deren Gesängen, gebunden am Mast, mit Entzücken er lauschte.
Ihn vom Maste zu lösen, verweigerten streng die Gefährten,
Und sie ruderten rasch den gefährlichen Nymphen vorüber,
Doch sie vermochten es nicht, zu entgehen dem Rachen der Scylla, 81
Sechs Mann schnappte sie weg und entführte sie hoch in die Lüfte,
Die, nach Odysseus schrei'nd, ausstreckten die Arme gar kläglich;
Aber er mußte sie zappeln seh'n und konnte nicht helfen.
Und der Charybdis entflohn und dem Ungethüme, der Scylla,
Kamen sie bald zu der Insel, wo weiden die göttlichen Rinder,
Welche dem Helios waren, dem Gotte der Sonne, geheiligt.
Sehr gern wär' er vorüber geschifft, denn ihn hatten ja Circe
Und Tiresias Beide gewarnt vor der Helios-Insel;
Doch die Gefährten verlangten, die Nacht am Ufer zu ruhen,
Und kaum waren ans Land sie gestiegen, erhob sich ein Wetter.
Furchtbar zuckten die Blitze, und endlos rollte der Donner,
Während ein wilder Orkan anfing, auf dem Meere zu wüthen,
Der drei Wochen und vier anhielt und die Wogen empörte.
Und so waren sie denn auf der Insel zu bleiben gezwungen,
Bis daß die Kost ausging, die Circe dem Schiffe gespendet;
Schmälere Bissen vertheilte der Koch und hatte zuletzt nichts,
Und sie schossen, vom Hunger geplagt, sich Vögel am Strande,
Oder sie fischten im Fluß. Doch warfen sie gierige Blicke
Oft auf die prächtigen Rinder, die kauend ruhten im Grase.
Aber Odysseus hatt' aufs Strengste verboten und dreimal
Ihnen und viermal gesagt, nicht anzutasten die Rinder,
Doch als einmal Odysseus der Sorgen vergaß und zum Schlummer
Sich hinlegte, da wurden sie Raths, die bethörten Gefährten,
Nicht sich zu kehren an ihn und den quälenden Hunger zu stillen.
Und sie erschlugen ein Rind mit der Axt, das schön wie der Stier war,
Welcher den Rücken geboten Europa, der lieblichen Jungfrau,
Und sie hüllten die Schenkel in Fett und verbrannten sie opfernd
Helios selber, dem Gott, ihn so zu besänftigen hoffend.
Aber der Bootsmann hielt ein Zwiegespräch mit sich selber: 82
»Ochsenbraten ist gut. Ich freue mich immer, sobald ich
Sehe von ferne die Thürme, die fünf, aufragen von Hamburg.
Alles was kommt vom Rind ist dort vollkommen zu finden.
In Sanct Pauli, der Wirth, bei welchem ich speiste, er setzte
Mir ein Rindfleisch vor – ich glaube, die Rinder der Sonne
Tragen es saftiger nicht am göttlichen Leibe. Das ist nun
Meine Schwäche. Ich glaube, ich wäre der erste gewesen,
Trotz des Verbots sie zu tödten und sie zu rösten am Spieße.«
»Bootsmann«, sagt' ich, »das glaub' ich Euch nicht. Ihr verläumdet Euch selber;
Wenn der Captain was befiehlt, so ist Claus Babbe der letzte,
Ungehorsam zu sein. Ihr sagtet mit eigenem Munde:
»Insubordination ist das schlimmste der Laster.« »Nun freilich!
Hm! Ja so! Ich habe ja nur quantsweise gesprochen.«
Als nun Odysseus erwachte, da war schon geschehen das Unglück,
Und er zerraufte vergeblich das Haar beim Dufte des Opfers.
Helios klagte beim Zeus und schwur, wenn ihm Rache nicht würde,
Wollt' er zum Hades gehn und leuchten den Todten da unten.
Doch es erhörte die Klage der Herrscher im Donnergewölk, Zeus.
Und als das Schiff nun versuchte die Fahrt, und Meer nur und Himmel
Rings war zu sehn, da schleuderte krachend den Blitz er herunter,
Daß mit Schwefelgeruche der Mast sich entflammte, die Taue
Wurden wie Faden verzehrt und zerschmettert das sinkende Fahrzeug.
Während Odysseus Gefährten im Meer rings schwammen wie Krähen,
Bis sich erschöpfte die Kraft und sie in die Tiefe versanken, 83
Hielt sich Odysseus am Mast, und als daneben der Kiel schwamm,
Band er, auf Rettung bedacht, den schwimmenden Kiel an den Mast fest,
Setzte sich seufzend darauf und trieb wie der Sturm ihn umherwarf,
Bis er erschöpft ankam am Strand der Ogygischen Insel,
Wo ein göttliches Weib, Kalypso, erbarmend ihn aufnahm,
Ihn, von Allem entblößt, leblos an der Küste gestrandet,
Sorgsam pflegte und dann ihm Kost und herrliche Kleidung
Gern darreichte, so daß dort Nichts entbehrte der Dulder,
Und so schwanden die Wochen für ihn und die Monde und Jahre,
Und er lebte dahin wie die seligen Götter. Die Nymphe
Liebt' ihn, streichelte ihn und bat ihn mit schmeichelnden Worten,
Sich zu vermählen mit ihr und an Ithaka nicht mehr zu denken.
Aber der Bootsmann strich mit dem Daumen bedächtig die rechte
Und mit den übrigen Fingern die linke Backe und sagte:
»Also hat er sponsirt mit Kalypso; er ließe das besser
Unterwegs, denn man kennt ja der Frauenzimmer Gewohnheit.
Ja, sie bilden sich leicht was ein, und kommt dann ein Freier,
Welcher es ernstlich meint und ernähren sie könnte, so sind sie
Spröde und maulen und heulen zuletzt, denn sie denken, der Andre
Werde noch kommen, der sie, wer weiß schon wie lange, vergessen.«
Also sprach Claus Babbe. Er wußte gar wohl, wie es zugeht,
Und wie sauer ihm einst sein süßes Hannchen es machte,
Eh' sie ihn nahm, die jetzt ihn regiert als strenge Johanna.
»Nun, Odysseus, ward von Kalypso gehegt und gehätschelt;
Aber wenn nichts ihm fehlte, die Heimath fehlte Odysseus. 84
Und so saß er am Strand und sehnte sich, ach! von dem theuren
Ithaka nur aufsteigen zu sehen den Rauch aus der Ferne.
Da er so standhaft blieb, so fühlten die Götter Erbarmen,
Und sie sandten Mercur, damit er Kalypso verkünde,
Jetzt im zwanzigsten Jahr in die Heimath zu senden Odysseus.
Und sie mußte gehorchen dem Zeus und dem göttlichen Rathschluß.
Also trat sie zum Manne, von welchem die Trennung ihr schwer ward,
Während er saß am Ufer und Thränen im Blick auf das öde
Meer hinstarrte, und sagte: »Getrost! Jetzt gehst Du nach Hause!
Da Du das sterbliche Weib vorziehst, obgleich ich als Göttin
Nicht nachstehe der Gattin Penelope, ziehe von dannen.
Fälle Dir Bäume zum Floß und bereite Dir Balken und Bretter,
Um sie geschickt zusammenzufügen, Du wirst es verstehen;
Denn Du verstehest und weißt ja Alles. Ich gebe Dir Werkzeug,
Doppelaxt und ein Beil und Hammer und Bohrer und Nägel,
Und Du kennst das Gehölz mit den himmelanragenden Tannen.«
So begann er die Bäume zu fällen und was ihm die Göttin
Aufgetragen, getreu und mit rühriger Hand zu verrichten.
In zehn Tagen war Alles gemacht, und es brachte sie selber
Speis' und Trank auf das Floß, ein Gefäß voll röthlichen Weines
Und ein größeres Faß mit Wasser, den Durst ihm zu stillen.
Darauf schied er mit Dank von der Nymphe Kaypso, die gern ihn
Immer behalten und lang von der Höhe des Ufers ihm nachsah.
Und so fuhr er dahin mit dem schwankenden Floß auf das Weltmeer.
Siebzehn Tage schon währte die Fahrt, bis endlich die Küste 85
Ihm wie ein Schild aufstieg; schon erkannt' er die Wälder und Häuser.
Aber Poseidon, der nicht ihm verziehn, was Odysseus an seinem
Sohn Polyphemus gethan, sah ihn hinschiffen im Meere;
Und er ergrimmte, daß ihm von den übrigen Göttern die Heimkehr
Wurde gewährt; denn er nahte bereits sich dem Land der Phäaken,
Die ihn, so war es bestimmt, nach Ithaka sollten geleiten.
Und Poseidon bezog mit düsteren Wolken den Himmel
Und ließ stürmen den Nord- und den Süd- und den Ost- und den Westwind
Alle zugleich, daß brauste das Meer, wie ein siedender Kessel.
Und dem Odysseus schlug bald eine gewaltige Woge
Ueber das Floß von oben herab, das der Wirbel herumriß,
Und schon war er ins Wasser geschleudert. Es dauerte lange,
Bis er von Neuem zum Vorschein kam und das bittere Wasser
Von sich spie, und es troff ihm zugleich vom Haupte herunter.
Doch er vergaß nicht das Floß, das allein noch Rettung ihm darbot,
Schwang sich hinauf und ließ von Wind und Wellen sich treiben,
Steuer und Mast war zerbrochen.« Da sprach Claus Babbe voll Mitleid:
»Mit 'nem erbärmlichen Floß auf See zu fahren – ich danke!
Zwar auf dem Rhein mit dem Bau aus Schwarzwaldtannen, das geht schon.
War in Delft gut Freund mit dem Steu'rmann, welcher ein Floß fährt
In rothfriesener Jacke. Was glaubt Ihr wohl, daß der Mynheer sich
Hatte zusammengespart? An die zwanzigtausend Dukaten.
Aber ein Floß auf offenem Meer! Und nun Alles zerbrochen! 86
Wirklich, mir scheint's an der Zeit, daß Einer sich seiner erbarme.«
»Ja, so geschah es denn auch. Leucothea, Göttin des Meeres,
Stieg aus dem Strudel empor und setzte sich auf das Gebälk hin,
Und mit Erbarmen in Blick und Stimme begrüßt' ihn die Göttin:
»Aermster, verlasse das Floß, für Wind und Wellen ein Spielball.
Rette Dich, Freund, mit schwimmender Hand!« »Mich verlassen die Kräfte!«
Sagte Odysseus matt. »Nimm dieses Gewebe, den Schleier,
Leg ihn unter die Brust und verachte die Schrecken des Todes.
Aber sobald Du gerettet ans Land steigst, wirf mir den Schleier
Wieder zurück in die Fluth mit abgewendetem Antlitz.«
Also sagte die Göttin Leucothea, gab ihm den Schleier –
»Schleier? Zum Schwimmen? Das muß ich gestehn«, so versetzte der Bootsmann,
»Schleier sind gegen die Sonne gemacht, nicht gegen die Winde,
Ein Schwimmgürtel, wie ich in Geestemünde mir kaufte
Bei Freund Leuß, ist besser dafür.« »Ja, man war noch so weit nicht«,
Sprach Fritz Runge, der stolz darauf war wie Ovidius Naso,
Daß er geboren erst jetzt in den fortgeschrittensten Zeiten.
Aber Odysseus zögerte noch zu gebrauchen den Schleier,
Denn er war immer gewohnt, an List zu denken und Vorsicht.
»Will mich das Weib vielleicht nur locken, das Floß zu verlassen.
Nein, ich bleibe darauf, so lange noch halten die Balken.«
Kaum gesagt, so fällt von oben herunter die Sturzsee,
Schrecklich und hoch und übergewölbt, auf den armen Odysseus.
Auseinandergesprengt ward plötzlich das Floß, doch der Schiffer 87
Schwang sich auf einen der Balken und saß wie ein Reiter zu Pferde,
Zog dann aus das Gewand, ihm geschenkt von der hehren Kalypso,
Und umgürtend sich unter der Brust mit dem Schleier der Göttin,
Sprang er hinab in die Fluth. Ausbreitend die kräftigen Arme,
Schwamm er im Meere dahin. Zwei Tage noch mußt' er sich mühen,
Aber am dritten besänftigten sich mit dem Winde die Wellen,
Und so glitt er heran zu der Küste. Doch lautes Getöse
Schreckte von fern ihn schon. Da starrten ihm Klippen entgegen
Und wild brach sich das Meer an dem Felsen mit furchtbarer Brandung,
Zwar er versuchte, sich fern dem gefährlichen Ufer zu halten,
Aber es faßt' ihn die Woge und schleudert' ihn gegen die Klippe,
Die er umarmt, bis zurück vom Ufer der schäumende Schwall prallt
Und ihn hinaus in das Meer fortriß. Nun schwamm er bedächtig,
Seitwärts, der Küste entlang, ob ein sanft abfallendes Ufer
Rettend sich zeige, zum Landen bequem. Da öffnet ein Busen
Sich in Wiesen hinein, wo still ein Fluß sich ergießet.
Flach und glatt ist der Bord. Dort steigt er mit fröhlichem Herzen
Unter den Binsen ans Land und küsset die rettende Erde.
Aber das salzige Wasser entströmte dem Mund und der Nase,
Und so sank er, der Kräfte beraubt und des Athems, zu Boden.
Als ihn die Ohnmacht wieder verließ und die Seele zurückkam,
Nahm er Leucotheas Schleier und warf ihn, gewendet das Antlitz, 88
Ihr in die Tiefe zurück, Dank sagend der helfenden Göttin.
Aber es dunkelte schon, und blieb er da, nackt und entkräftet
Während der Kälte der Nacht und während der Kühlung des Aufgangs,
Mocht' es das Leben ihm kosten. So stieg er hinauf in die Waldung
Und dort sucht' er sich zwei Oelbäume zusammengewachsen,
Welche das dichte Gezweig so hatten verschränkt, daß der Regen
Nicht hindurch zu dringen vermochte, noch Stürme, noch Schloßen.
Dorthin bettet' er sich, geschützt vor den reißenden Thieren,
Und sich bedeckend mit Laub, das am Boden in Fülle herumlag,
Und kaum hatt' er die Wimpern, die müden, geschlossen, umfing ihn
Tiefer und köstlicher Schlaf, die verlorene Kraft ihm ersetzend.

 


 

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