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Gutenberg > Heinrich Kruse >

Die kleine Odyssee

Heinrich Kruse: Die kleine Odyssee - Kapitel 4
Quellenangabe
typeepos
booktitleDie kleine Odyssee
authorHeinrich Kruse
year1892
firstpub1892
publisherS. Hirzel
addressLeipzig
titleDie kleine Odyssee
pages149
created20150327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.

Paris und Helena.

        Also es war mal ein König, der Agamemnon geheißen.
»Hm, das war wohl ein Türke?« so ließ Claus Babbe sich hören.
»Warum«, fragt' ich, »ein Türke?« »Ja«, sagt' er, »im Hafen von Smyrna
Hatt' ich einmal ein wenig gelärmt und 'nen Derwisch am Barte
Etwas gezupft, da faßten mich gleich die Kawassen und schleppten
In das Gefängniß mich weg. Nackt waren die Wände, der Boden
Ebenso nackt, doch schlief ich darauf, wie im Schooße der Houris;
Denn ich mußt' ausschlafen den Rausch, mehr wollt' ich ja gar nicht!
Aber am anderen Morgen da hieß es: »Nun kommst Du zum Aga.«
Und so ward ich gebracht vor den Aga Mustapha. Stolz saß
Auf dem Polster er da und kreuzte die Beine. Er fragte
Voller Würde mich so: »Christ, sage mir, was Du gethan hast.«
»Wenn ich das wüßte!« so gab kleinlaut ich dem Aga zur Antwort.
Doch die Kawassen bezeugten und fünf mißhandelte Türken,
Daß ich um mich gehauen und Iman geprügelt und Derwisch. 22
Federlesen zu machen, ist nicht die Gewohnheit des Aga,
Sondern er winkt', und es legten die Diener mich platt auf den Boden
Und so belehrten sie mich, was Bastonnade bedeutet.
Niemals haben die Sohlen der Füße gebrannt mir, wie damals,
Als ich vom Aga kam. Und solch ein Aga war auch wohl
»Aga Memnon?« Da mußt ich lachen. »Er war nicht ein Aga,
Sondern ein griechischer König, der mächtigste unter den Fürsten,
Welche nach Asien zogen, um Priamus Stadt zu zerstören.
Atreus Sohn, Agamemnon, war König von Argos und streckte
Weit sein Scepter hinaus, auch über die Inseln und Küsten.
Atreus anderer Sohn, der streitbare Held Menelaus,
War Lacedaemons König im fruchtbaren Thal des Eurotas.
Reich war dieser an Gold und Schätzen; als kostbarster Schatz galt
Aber sein Weib, für das schönste berühmt im Lande der Griechen.
Und als kaum sie gereist zur Hochzeit und zur Vermählung,
Kamen die Fürsten in Schaaren herbei zu dem Hofe des Vaters,
Die um Helenas Hand um die Wette sich eifrig bewarben.
Und Tyndareus wurde besorgt vor den mächtigen Freiern,
Wenn er sich einen zum Eidam erwählt, daß nicht die Verschmähten
Zürnten auf den, der die Braut heimführte, und auch auf ihn selber.
Darum ließ er sie schwören, sich nicht an dem Eidam zu rächen,
Sondern vereint ihn zu schützen, wenn Jemand ihm Helena raube.
Als sie geleistet den Schwur dem Tyndareus, wählt' er den reichsten,
Wie bis zum heutigen Tag bei den Vätern es Sitte geblieben.
Menelaus war ältlich bereits, und ließ er der Gattin 23
Auch an nichts es gebrechen, so liebt' er doch sehr schon die Ruhe
Und die Bequemlichkeit, so daß ich nicht gut dafür sage,
Daß von den Freiern er auch für die Tochter der liebste gewesen.
Nun kam einst ein Prinz aus Asien an zum Besuche,
Paris, des Priamus Sohn, des mächtigen Königs von Troja–«
»Halte das Maul, Claus Babbe!« so rief jetzt einer der Mannschaft.
»Nun, was giebt's da?« so fragt' ich. »O, Claus hat stets die Gewohnheit,
Laut vor sich hinzusprechen. Ich weiß nicht, was er schon wieder
Ueber den Paris brummt in den Bart und die Helena.« »Bootsmann,
Sagt, was habt Ihr denn, Freund, daß Ihr mit dem Kopfe so schüttelt?«
»All mein Lebtag hat man sonst doch Heléna gesprochen,
Und París, so sagt doch ein Jeder. Was soll denn das heißen,
Daß Du Páris sagst und Hélena?« brummte der alte
Ehrliche Claus. Ich drauf: »Das ist nun die Mode, die neuste,
Und man muß mitmachen die Moden. Wir sprachen von Paris.
Paris war jung und schön, und Venus hatt' ihm versprochen,
Ihm zum Lohne zu geben das schönste der irdischen Weiber.«
»Und wofür denn zum Lohne?« so fragten mich meine Matrosen.
»Wenn Ihr verlangt, es zu wissen, so muß ich es«, sagt' ich, »erzählen,
Ob es mich gleich ein wenig genirt.« Da lachten sie herzlich.
»Junge, Du siehst auch aus, als könntest Du blöd' und verschämt sein.
Nun, das verspricht etwas! Erzähle nur dreist!« Ich begann denn:
»Paris war unter den Söhnen des Königs von Troja der schönste, 24
Der, auf des Idas Höhen die Heerden des Priamus weidend,
Saß nachlässig gelehnt an den Felsblock, und auf der Flöte
Blies ein liebliches Lied, die Pan aus dem Rohre geschnitten.
Siehe, da kamen zum Hirten, der schlank wie Mercur auf dem Stein saß,
Strahlend im Morgenlicht drei hohe Gestalten geschritten:
Juno, die stolze Gemahlin des Herrschers im Donnergewölk, Zeus,
Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, die mit dem Helme
Wird und mit Schild und mit Lanze gebildet.« – »Ja, auf der Medaille,
Die ich in Quarta bekam«, so sprach Fritz Runge, »da steht sie
Also kriegerisch da. Allein, was hat denn die Weisheit,
Frag' ich, zu schaffen mit Krieg?« Claus Babbe sagte: »Ich soll nicht
Unterbrechen, mein Mund ist zu grob. Fritz Runge, der Feine,
Der darf schwatzen, so viel er nur will. Ihm hängt aus der Tasche
Sein ostindisches Tuch als hinten getragener Orden.«
Und wir lachten vergnügt, indeß Fritz Runge den Zipfel,
Sein ostindisches Tuch, in die Tasche des Rockes versteckte.
Endlich fuhr ich denn fort: »Fritz Runge, ich kann nicht erklären,
Welches der Grund sein mag, daß die Göttin der Weisheit man immer
Kriegerisch bildet, vielleicht weil stets die Gelehrten in Streit sind,
Und so streiten sie auch und zanken, wo Troja gestanden.
Hüben! sagen die Einen und: Drüben! so sagen die Andern.
Ein trojanischer Krieg ist darüber entbrannt bei den Herren,
Der nun länger bereits als nur zehn Jahre geführt wird.
Neben der Juno und Pallas, die auch Minerva genannt wird,
Beide gehobenen Haupts, ging Venus mit lieblichem Lächeln 25
Senkend die Stirne, mit sanfterem Schritt nachfolgend den Andern.
Paris erhob sich erstaunt und sprach: »Ihr göttlichen Frauen,
Denn ich weiß, Ihr seid nicht sterbliche Weiber, und kenn' Euch,
Weshalb beehrt mich Euer Besuch? Sagt, was Ihr begehret!«
Juno führte das Wort: »Wir kommen von Peleus und Thetis
Hochzeitsfest, wo die Götter und Göttinnen alle versammelt
Waren des hohen Olymps. Nur Eris wurde vergessen
Einzuladen. Es ward ein goldener Apfel von ihrer
Hand in die Halle geworfen und hatte »Der Schönsten!« zur Inschrift.
Als nun ein Streit sich erhob, wer unter den Göttinnen hätte
Anspruch wohl auf den Preis, sprach also der Ordner der Welt, Zeus:
»Ueber die schönste der Frauen entscheide der schönste der Männer,
Paris, des Priamus Sohn. Er sitzt auf des quellenreichen
Idas Gipfel und hütet die weidenden Heerden des Vaters.«
Darum sind wir gekommen, damit Du entscheidest und richtest,
Welche die Würdigste ist zu empfangen den goldenen Apfel.«
Paris, des Priamus Sohn, sprach drauf die verständigen Worte:
»Soll ich über die Leibesgestalt und die Formen der Glieder
Mich entscheiden und richten, so muß ich Euch sehen.« »Du siehst uns.«
»Nein! Ihr Göttinnen seid in Schmuck und Kleidern erschienen;
Aber im Diadem, in Schild und Lanze, und selbst in
Eurem gestickten Gewand, wo durch kaum schimmern die Glieder,
Steckt doch die Schönheit nicht, worüber Ihr wollt, daß ich richte!
Legt die Gewänder drum ab, damit ich Euch nackend erblicke.«
Schamhaft zögerten noch die Göttinnen; aber der Hirte 26
Sprach: »Wir sind allein auf der einsamen Höhe des Ida;
Zieht Euch aus; wer sich weigert, vertraut nicht den eigenen Reizen;
Wie man badet im Meer, so badet Euch jetzt in den Lüften
Dieses Frühlingsmorgens.« Die Göttinnen legten das Kleid ab.
Paris war wie geblendet vom göttlichen Reize der Leiber,
Und nachdem er darin zur Genüge geschwelgt, so versetzt' er:
»Eine Statue muß man von allen Seiten betrachten,
Darf ich bitten, so drehet Euch um!« Sie thaten es schweigend.
»Ach!« so rief er entzückt von der Wölbung des Nackens und Rückens,
Und nachdem er sich lange vom Knoten des Haars auf dem Scheitel
Bis zu den Knöcheln herunter die Glieder beschaut und verglichen,
That er den richtenden Spruch: »Ihr seid von vorne betrachtet,
Göttinnen, ganz Euch gleich an Wohlgestalt und an Reizen,
Aber vom Rücken gesehen, erringet sich Venus den Vorrang.
Ueppiger scheint sie an Wuchs und die hintere Rundung ist schöner.« –
Ja, Ihr lachet; doch wurde bereits von den Griechen die Venus
Kallipygos genannt. »Was heißt das?« fragten mich Alle.
»Nun – Wie soll ich es nur Euch verdeutschen? Die Venus mit schönem –
Sagen wir: Spiegel.« Da lachten sie All' unbändig. Ich konnte
Kaum noch weiter erzählen. So reichte der Göttin der Liebe
Paris den goldenen Apfel, und sie zum Danke versprach ihm,
Daß sie die schönste der Frauen verschaffen ihm wolle zur Gattin.
Das war Helena, wie Ihr schon wißt. Und er schiffte nach Sparta.« – 27
Aber ich konnte fast nicht fortfahren in meinem Erzählen,
Immer von Neuem erscholl und ließ sich gar nicht ersticken
Unter der Mannschaft Gelächter von wegen der hinteren Rundung.
Wahrlich der lustigste Witz von Voltaire oder von Heine
Wurde so sehr nicht belacht, wie meine gerundete Wendung.
»Seitdem wurde nun Paris der Liebling der Göttin der Liebe,
Und sie blieb ihm den Dank für den goldenen Apfel nicht schuldig.
Paris kam im Geleite der Venus zur Küste von Sparta
Im vielrudrigen Schiff, und er strahlte von Gold und von Purpur.
Heller noch strahlten die leuchtenden Augen des bräunlichen Hirten,
Und sein schwarzes Gelock, das unter der phrygischen Mütze
Ueppig und gleichend den Schlingen der edelen Reben hervorquoll.
Menelaus empfing mit Ehren und Freuden den jungen
Prinzen des Königs von Troja, mit dem er durch Freundschaft verknüpft war.
Und er bewirthete ihn drei Tage mit Opfern und Festschmaus,
Aber am vierten begann Menelaus zu Paris und sagte:
»Längst schon sollt' ich in Pylus sein, wo Nestor, der Alte,
Mir ein schönes Gespann aufzieht windfüßiger Renner.
Darum, Fremdling, verzeih, wenn ich hier Dich lasse und reise.
Magst Du des Tags Dich ergötzen mit Jagd auf Eber und Wölfe
Auf des Taygetus Höhn, wo Megapenthes, mein Sohn, Dir
Zeiget die Fährten des Wildes; am Abende mag Dich erfreuen
Harfenspiel und Gesang, worauf mein Weib sich verstehet.
Ich pfleg' einzuschlafen dabei, vom Jagen ermüdet.
Wiederzukommen gedenk' ich in sechs und höchstens in sieben
Tagen bereits.« So sprach arglos beim Scheiden der König, 28
Stieg auf den Wagen und winkte zurück nach der weinenden Gattin.
Und bald schüttelten fleißig das Joch vor dem Wagen die Mäuler.
Paris kam stets zeitig zurück von der Jagd auf den Bergen,
Und gleich scholl's in der Burg von Gesang und Saiten und Reigen.
Helena wußte zuweilen die dienenden Frau'n zu entfernen,
Um allein mit Paris zu sein, für den sie erglühte.
Wie auf dem nämlichen Ast zwei Turteltauben sich schnäbeln
Zärtlich ruckend, so hatten die Beiden sich eben umschlungen,
Als man Geräusch aus dem Gange vernimmt und der König hereintritt.
Kaum noch hatte das Pärchen die Zeit, auseinander zu fliegen.
Nämlich er war, Menelaus, gar nicht bis nach Elis gekommen;
Denn da der König so lange gesäumt, so hatt' ihm der Gastfreund
Hengst und Stuten entgegengeschickt mit den eigenen Knechten,
Und auf der Mitte des Wegs schon hatt' er getroffen die Sendung.
»Unverhofft kommt oft!« So sprach einsilbig und barsch er.
Helena lief auf ihn zu mit ihrem bezaubernden Lächeln,
Ihn zu begrüßen mit Lippen, noch warm vom Kusse des Andern;
Denn so sind sie, die Frauen.« »Jawohl! rief Alles, so sind sie.«
Denn ein bischen die Frau'n zu verlästern, ergötzet die Männer.
»O wie freut' es mich, Schatz, daß Du früher nach Sparta zurückkommst.
Lang ward hier mir die Zeit und ich zählte die Tage der Rückkehr.
Hättest Du nicht mir gesagt und aufgetragen, ich sollte 29
Unserm trojanischen Gaste die Zeit zu vertreiben versuchen –«
»Sage, was triebt Ihr denn eben?« so sprach stirnrunzelnd der König.
»Wir? wir wollten uns eben«, so sprach sie verlegen und stockend,
»Nur einüben den Tanz, der am neulichen Feste getanzt ward
Und uns Allen gefiel. Er geht nach der lydischen Weise –
So!« Und sie wollt' ihm schon vortanzen mit zierlicher Anmuth,
Aber der König, den Rücken ihr drehnd, zog schweigend und finster
Schon sich zurück, als wollt' er die Rache verschieben auf morgen.
Groß war nun die Bestürzung des Paars; sie beriethen sich heimlich,
Und sie beschlossen, sofort in der nämlichen Nacht noch zu flüchten.
Gold- und Silbergeräth und Schmuck und köstliche Kleider
Wurden geschafft auf das Schiff, und die schönste der griechischen Frauen
Ueber den Bord von Paris gehoben als köstlichstes Kleinod.
Hurtig stießen die Ruderer ab und holten mit Macht aus,
Tief einsenkend die Riemen, und selbst als ein günstiger Fahrwind
Schwellte die Segel bereits, nachhelfend dem Schiff noch mit Rudern.
Als nun Eos im Rosengewand aus den Fluthen emporstieg,
Schwamm schon mitten im Meere die schicksalschwangere Barke,
Steuernd nach Troja den Lauf, das der Helena Hochzeitsfackel
War in Brand zu stecken bestimmt und in Asche zu legen.
Doch wer beschreibt indessen den Zorn des Atriden zu Hause?
Schlaflos hatt' er sich lange gewälzt vor Rachegedanken
Und war spät entschlummert, als früh ihn weckte die Meldung,
Helena sei entflohn mit Paris, ihrem Verführer, 30
Und mit den kostbarsten Schätzen. Er machte sich ohne Verzug auf,
Um die erlittene Schmach Agamemnon, dem Bruder, zu klagen.
Groß war dessen Entrüstung; so waren auch sämmtliche Fürsten,
Durch den tyndarischen Eid, Menelaus zu schützen, verpflichtet,
Höchlich erzürnt und beschlossen, zunächst nach dem König von Troja
Abzuschicken Gesandte, damit er die Helena wieder
Gäbe heraus und den sämmtlichen Raub. Doch Helenas Zauber
Hatt' inzwischen auch Priamus schon und die übrigen Troer
Ganz umstrickt. Sie weigerten sich, sie mit den Gesandten
Wieder nach Hause zu schicken, und Priamus sprach zu den Männern:
»Helena ward nicht geraubt, sie ist freiwillig gegangen;
Will sie Euch folgen, nun wohl; uns ziemt es nicht, daß wir sie zwingen.«
Als mit solchem Bescheid zurückgekehrt die Gesandten,
Fühlten die griechischen Fürsten sich bitter gekränkt und es war jetzt
Nicht zum ersten Mal, daß Asien hatte gefrevelt
An dem hellenischen Land, und ein Kriegszug wurde beschlossen.
Rings durch Hellas reiste, begleitet vom klugen Odysseus,
Dem aus dem Munde die Worte so flogen, wie wirbelnde Flocken,
Menelaus umher, um die Herrscher zum Kriege zu werben.
Auch Achilles ward durch die List des Odysseus gewonnen,
Peleus göttlicher Sohn, und der tapferste aller Hellenen.
Thetis, die Göttin des Meers, die dem sterblichen Manne vermählt war,
Kannte den Schicksalsspruch, daß ihr Sohn Achilles, ihr Liebling, 31
Wenn er zog in den Krieg nach Troja, ewigen Ruhm zwar
Werd' erringen, doch sterben schon früh in der Blüthe der Jugend.
Darum brachte die zärtliche Mutter dem Knaben nach Skyrus
Zum Lykomedes, im Mädchenkleid mit den Töchtern des Königs
Aufzuwachsen und nicht an Krieg und Waffen zu denken.
Aber Odysseus kam mit weiblichem Schmuck und mit Kleidern,
Legte sie aus auf dem Tisch, für weibliche Augen verlockend.
Aber er stellte daneben auch Helm und glänzende Waffen.
Als nun die Töchterschaar, Achilles darunter, hereintrat,
Ließ er mit schmetterndem Schall urplötzlich Trompeten erklingen.
Siehe, da stürzte der Jüngling entzückt auf die krieg'rischen Waffen,
Warf sein saumnachschleppendes Kleid zur Seite verächtlich,
Legte die Rüstung sich an und rief: »Ich ziehe nach Troja!«
Also rüsteten sich die sämmtlichen Fürsten zum Kriege.
Mannschaft strömte zusammen und Waffen und Schiffe und Vorrath,
Und so vereinigte sich am Strande von Aulis die Flotte,
Aber es wurde die Fahrt durch Stille der Winde verzögert.
Kalchas, der Priester und Seher im Heere, befragte die Opfer,
Und er verkündete dann: Agamemnon, der Hirte der Völker,
Hätte die Göttin Diana beleidigt, und eher nicht würde
Jetzt aufspringen ein günstiger Wind für die harrende Flotte,
Bis Agamemnon, damit er die zürnende Göttin versöhne,
Hätte zu ihrem Altar als blutiges Opfer die eigne
Blühende Tochter geführt, Iphigenia. Schaudernd im Herzen
Hört' es der Vater und sprach: »Niemals ist den Königen Gutes
Noch vom Priester gekommen!« Und nickend bekräftigte Runge:
»König und Priester«, so sprach der politisch gebildete Runge, 32
»Haben von jeher sich so schlecht zusammen vertragen
Wie – Nun wie zwei Hunde, die nagen am selbigen Knochen.
Als anständiger Mann geh' ich mitunter zur Kirche,
Doch mehr darf man von mir nicht verlangen, ich hasse die Bonzen.«
»Ja, Herr Runge, so lästern Sie stets auf die Pfaffen, und stammen
Selber von Pfaffen doch ab.« »Ich?« rief er verwundert. »Wieso das?«
»Ja, so scheint es. Belieben Sie nur, mich erzählen zu lassen.
Vordem waren die Städte ja reich und mächtig. Sie schlossen
Einen gewaltigen Bund mit einander und herrschten im Norden.
Unsere Stadt am Sund war eine der ersten im Bunde,
Aber die Hansa zerfiel und es stiegen die Fürsten im Ansehn,
Denn sie mischten sich schlau in die Zwistigkeiten der Bürger.
Und so wußten sie sich zum Herrn im Lande zu machen.
Auch in den mächtigen Sund ritt schließlich der Herzog von Pommern
Philipp Julius ein mit großem Triumph und Gepränge.
Nun, im Gefolge des Herrn war auch sein oberster Pfaffe
Herr Generalsuperintendent aus Wolgast gekommen.
Und wie hieß er, der Herr? Er nannte sich Friederich Runge!«
Großes Gelächter entstand, als den Namen ich nannte. »Der Herr hielt
Bei der Huldigungsfeier die Predigt in Sanct Nicolai
Vor dem versammelten Rath, vor dem Herzog und seinem Gesinde.
Und er hatte zum Text sich die Worte der Bibel genommen:
»Ruben dünkte sich viel von ihm und hielt sich besonders.«
Jeder verstand, wen er meinte mit Ruben. Es hätten die Bürger
Gern ihn in Stücke gerissen. Das war, Herr Runge, Ihr Vorfahr, 33
Freilich er hieß nicht Fritz – ich versprach mich vorhin in der Eile –
Sondern Jacob Runge. So heißt auch Ihr ältester Bruder,
Ein Horndrechsler, er wohnt am Plünnenmarkte in Stralsund.«
»Jacob hieß auch mein Vater«, so sprach Fritz Runge. »Da seh'n Sie's.
Jacob ist ein Familienname. Ich wette, Sie stammen
Ab von den Herrn Hofpfaffen.« Da gab es erneutes Gelächter.
Selbst Fritz Runge, er schmunzelte still. Vornehme Verwandtschaft
War nach seinem Geschmack. Ich fuhr dann fort zu erzählen:
Agamemnon konnte die Nacht im Zelte nicht schlafen.
»Wie? Ich soll mein eigenes Kind, das kaum noch zur Jungfrau
Schuldlos aufgeblüht, hinschlachten als Opfer, damit sie
Sühne mein eig'nes Vergehn? Nur nach schuldigem Blute verlangt Ihr,
Himmlische Götter, doch sonst. Muß dies nicht Priesterbetrug sein?«
Wenn er sich aber gewälzt auf die andere Seite, so fielen
Fürsten und Völker der Griechen ihm ein. »Wie werden sie murren!
Wozu haben wir Haus und Heimath verlassen, Atriden?
Eurethalb! Und nun weigert Ihr Euch, ein Opfer zu bringen,
Um zu erretten das sämmtliche Heer der vereinigten Griechen?
Ja, so werden sie sagen! Und nicht, so däucht mir, mit Unrecht.
Müssen wir Fürsten nicht häufig verläugnen die eig'ne Empfindung,
Wenn es das Staatswohl heischt?« So sprach Agamemnon in Aulis,
Und so pflegen noch heutigen Tags zu reden die Fürsten.
Was bei dem einzelnen Mann wir alle verdammen als Selbstsucht, 34
Wird Staatswohl von den Fürsten genannt und Opfer und Tugend.
»Und was würd' aus mir selbst?« So dachte dann weiter der König.
»Darf ich nicht auch mein eigenes Wohl ein wenig bedenken?
Soll ich den Scepter der Macht und die Führung des Heeres verlieren,
Soll nicht Troja zerstören und ewigen Ruhm mir erringen?«
Wenn so glaubte der König, er sei zum Entschlusse gekommen,
Wurde das Herz ihm schwer, sobald er der Gattin gedachte:
»Klytaemnestra! Ich kann unmöglich die Wahrheit ihr schreiben!
Eher noch läßt sich die Löwin ihr Junges entreißen, als daß sie
Ließ hinschlachten das Kind am Altar, ihr jüngstes und liebstes.
Nein, Iphigenia muß, so werd' ich schreiben, nach Aulis
Kommen, um Hochzeit hier mit dem tapfern Achilles zu halten.«
Und Iphigenia kam und bräutlich geschmückt am Altare
Stand sie da, wie ein Opferthier mit Kränzen behangen.
Kalchas zuckte bereits, um sie hinzuschlachten, das Messer,
Als sich Diana erbarmte. Sie hüllte in Wolken die Jungfrau,
Ueber das Meer sie entführend nach Tauris im scythischen Lande,
Wo sie die Priesterin ward der im Jagdschritt eilenden Göttin.
Und bald fuhr mit günstigem Wind auf dem Meere die Flotte.

 


 

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