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Gutenberg > Heinrich Kruse >

Die kleine Odyssee

Heinrich Kruse: Die kleine Odyssee - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepos
booktitleDie kleine Odyssee
authorHeinrich Kruse
year1892
firstpub1892
publisherS. Hirzel
addressLeipzig
titleDie kleine Odyssee
pages149
created20150327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch.

Schülerstreiche.

                  »Albert Friedrich«, die stattliche Brigg, die kürzlich gedockt war,
Sah trotz Alter und Stürmen wie neu und eben gebaut aus.
Darin glichen sich Brigg und Captain, Herr Nicolas Miedbrod.
Amor hatte mit Lachen dem alternden Junggesellen
Mitten ins Herz mit dem schärfsten der Pfeile geschossen, und Miedbrod
Kühn ein junges und schönes Geschöpf zur Frau sich genommen,
Und schien aufgefrischt durch den Bräutigamsstand und die Ehe.
Niemand konnte bestreiten, daß unser Captain nun ein junger
Ehmann
war. Er schien um zehn Jahr jünger geworden.
Ging sorgfältig gekleidet mit sauberer Wäsche, rasirte
Jeglichen Morgen sich selbst vor dem Spiegel mit englischem Messer,
Bis von den bräunlichen Backen der Schimmer, der graue, gewichen,
Kämmte das Haar sorgsam und hielt's mit dem Kämmchen zusammen,
Daß man die werdende Platte nun kaum zu gewahren vermochte,
Wie uns der Vollmond oft durch streifige Wolken verhüllt wird.
Leichter erschien der Captain in jeder Bewegung und glich fast
Einer verrosteten Angel, auf die man zum Schmeidigen Oel goß. 2
Und so war er verliebt in die reizende junge Gefährtin,
Daß es zu schwer ihm ward, aus ihrer Umarmung sogleich sich
Loszureißen. Er nahm sie mit auf die Reise, die erste,
Welches die Rheder zuweilen gestatten, doch niemals es gern sehn,
Fürchtend, es möchte wohl unter den »Grünigkeiten« und andern
Posten der Rechnung des Schiffers ein Hut und ein Mantel versteckt sein.
Ich war Junge damals, erst eben von Schulen gekommen,
Da ich die Sprache des Schiffs anfangs nicht kannte, so ward ich
Dümmling genannt und gern und oft von den Leuten gehänselt.
Einmal weckten sie mich aus dem Schlaf und riefen mir: »Heinrich!
Heinrich, so komm doch rasch! Du sollst ein Reff in den Stampfstock
Stecken, so hat der Captain es befohlen.« Im Eifer des Dienstes
Stürz' ich sofort auf Deck und frage nach unserm Captaine.
»Ist zu Bett. Was willst Du auf Deck?« so sagte der Steu'rmann.
»Wache hast Du ja nicht.« »Ich soll ein Reff in den Stampfstock
Stecken, so hat der Captain es befohlen.« »Ein Reff in den Stampfstock?
Junge, Du bist nicht gescheidt. Für ein Segel hältst Du den Stampfstock,
Aber er ist nur ein Stock. Das solltest Du billig doch wissen.
Geh nur wieder zu Bett'. Sie machten sich über Dich lustig.«
Abends am Gangspill ließen sie gern von mir sich erzählen,
Und sie sagten dann wohl großmüthiger Weise: »Der Junge
Mag so dumm nun sein wie er will, das muß man ihm lassen:
Lesen verstehet er gut.« Sie meinten Geles'nes erzählen.
Aber als Schiffsjung oder Cajütswacht blieb ich doch immer 3
Das von der Schiffsmannschaft am geringsten geachtete Mitglied.
»Koch, ich gehöre doch auch zum Schiff«, so sagt' ich. Er lachte.
»Ja, Du gehörst zum Schiff, wie die Theerbütt', unter dem Wagen
Baumelnd, zum Wagen gehört. Drum mache Dich, Heinrich, nicht mausig.«
Sagte der Koch, der stets mich preßte in seine Geschäfte.
Und wenn ich murrte, mich gleich mit dem Schleef schlug hinter die Ohren.
Nun, ich hatte dafür als Cajütswacht mit des Captaines
Frischer und fröhlicher Frau im Dienste gar manche Berührung.
Wenn auf der Treppe wir nah uns streiften, so fühlt' ich mit Wonne
Einen Schlag in das Herz, wie einen elektrischen Funken.
Und das war im vorigen Jahr ein lustiges Leben!
Wenn uns Stille befiel und nirgends ein Lüftchen sich regte,
»Albert Friedrich«, die stattliche Brigg, mit den ragenden Masten
Gleich, als sei sie gemalt, dalag auf gemaltem Gewässer,
Ward ein Tänzchen gemacht. Fritz Runge, der leichte Matrose,
Gern »Herr Runge« genannt auf dem Schiff, dieweil er bemüht war,
Immer sich aufzuspielen als Mann von Erziehung und Bildung,
Zog die Harmonika dann zur Kegelquadrille und Hopser.
Selber der Herr Captain war bestrebt, als Tänzer zu zeigen,
Was er gelernt in der Jugend, und manchen verwegenen Luftsprung,
Während die Hacken er wirbelnd zusammenschlug, daß es klappte.
Steu'rmann durfte dann auch antreten mit Frau Capitainin,
Und Herr Runge zuweilen, wir Anderen standen zu niedrig.
Mir ward vorgebunden die Schürze des Kochs, und ich mußte 4
Tanzen als Dame dahin auf jenen bezaubernden Bällen,
Wo man geplagt nicht war von dem Staub und der Hitze des Ballsaals,
Sondern man athmet des Meeres Anhauch und die köstlichen Lüfte,
Die umfächeln die Stirn auf den Inseln der Seligen, heißt es.
Aber ich fühlte mich seliger noch, wenn die liebliche junge
Frau im Vorübergehn mit gewinnendem Lächeln mich ansah.
Oder sie klopfte mir heimlich die Backen: »Du reizender Bengel!«
Sagte sie dann, sich selber beredend, ich sei nur ein Kind noch.
Ging der Captain ans Land, so war ich sicher, sie hatte
Vollauf in der Cajüte zu thun für ihren Cajütswacht.
Kaum war unser Captain mit der Jolle vom Schiffe gestoßen,
Als sie schon »Heinrich!« rief und »Cajütswacht!« Eifrig im Dienste,
Lief ich herbei und fragte: »Was steht zu Ihrem Befehle?«
Und sie trug mir auf ein Geschäft, das Eile nicht hatte.
Oder sie sagte: »Was wollt' ich doch noch? Ich hab' es vergessen;
Doch mein Alter ist fort nach der Stadt. Da wird mir die Weile
Lang. Drum bleibe nur hier. Wir wollen die Zeit uns vertreiben.«
Und wir vertrieben sie uns in der allervergnügtesten Weise.
Nahm ich zu viel mir heraus, so schalt sie freilich und sagte:
»Junge, Du wirst zu dreist!« Doch ließ sie es ruhig geschehen.
Und so wurden wir mehr, als schicklich, vertraut mit einander.
Hat ein Sperling gepickt an der Kirsche, so schmauset er weiter,
Bis nichts übrig bleibt, als der Stengel und oben der Kirschkern.
Soll ich die Wahrheit gestehn, so übt' ich am Ende der Reise, 5
Wenn's gleich Schnee und Schlitten und Schellengeläut nicht an Bord gab,
Häufig das Schlittenrecht: ein herzhaftes Küßchen, geheim aus.
Als wir nach Stralsund kamen, um Winterlage zu halten,
Wo von der Ballastkiste bis Baden- und Heiligengeist-Thor
Damals lagen in drei gar stattlichen Reihen die Schiffe,
Lud der Captain mich ein, Sonntags zu kommen zu Mittag.
Und ich war so klug wie ein Huhn; ich gab mir den Anschein,
Kaum zu beachten die Frau, denn deren Gunst war mir sicher,
Doch für den Herrn Capitain war ich aufmerksam und beflissen.
Und so lud er denn öfter mich ein und beförderte selbst mich
Zum Hausfreund – ein gefährliches Ding für ältliche Männer.
Einmal war er gegangen zum Schwan, wo seine Gesellen,
Schiffer und Steuerleute, des Abends gewohnt sich zu treffen.
»Wenn mein Alter sich dort beim Grog vor Anker gelegt hat«,
Sagte mit Lächeln die Frau, »so kommt er so bald nicht nach Hause.
Und so haben wir, Heinrich, den Abend vor uns zum – Plaudern.
Sieh, ich habe Dir auch Dein Leibgerichtchen gebacken.
Plinsen mit Pflaumenkraut. Und hier ist alter Madeira,
Den mein Mann nur selten sich zähmt; doch schenke Dir dreist ein;
Denn wir müssen den Geiz ihm abgewöhnen.« Wir schmausten;
Aber nachdem wir uns nun an Trank und Speise gesättigt,
Tanzten wir lustig herum. Wir hatten gerade geendigt,
Und so standen wir noch bei einander. Ich hatte die Rechte
Noch um den Wuchs ihr gelegt und spitzte die schmachtenden Lippen
Grade zum Kuß – man soll ja den Kuß in Ehren nicht wehren – 6
Als sich die Thür aufthut und herein tritt Capitain Miedbrod!
Miedbrod war im Schwan gar hart an einander gerathen
Heute mit Peter Kräft, dem Altermanne der Schiffer.
Schuld an dem Streit war unser Captain; denn er hatte den Andern,
Unvorsichtig genug, als »Sommerschiffer« verspottet.
Nun ist freilich es wahr und nicht zu bestreiten, daß Kräft noch
Stets es zu machen gewußt, daß er zeitig im Herbste nach Haus kam.
Winterfracht war nicht nach seinem Geschmacke. Er pflegte
Seinem Patrone zu sagen: »Mein Schiff verträgt nicht das Eis mehr.«
Peter Kräft hat nie noch gefehlt auf dem Balle der Schiffer,
Wo Kaufleut' und Rheder als Ehrengäste erscheinen,
War als Ordner des Festes geschätzt und wußte den Tanzsaal
Prächtig mit Kränzen zu schmücken und Flaggen von allen Nationen.
Als ein Rheder ihn sah, wie er schwelgte bei Eis und Champagner,
Rief er mit Lachen ihm zu: »Ihr selber vertraget das Eis noch!«
Also war es nicht ohne, ihn Sommerschiffer zu nennen;
Aber ein Vorwurf kränkt uns am meisten, sobald er ein Körnlein
Wahrheit enthält. Mein Peter Kräft ward roth im Gesichte
Wie sein Name besagtKrebs heißt auf Plattdeutsch Kräft., und brach los gegen den Miedbrod:
»Willst Du Andere narren und bist doch der größte der Narren?«
»Ich, ein Narr? Und warum?« »Das fragst Du noch?« sagte da höhnisch
Peter Kräft, »Du, der Du mit fünfzig Jahren gefreit hast!« 7
»Bin erst achtundvierzig!« »Das ist ja Hose wie Jacke.
Freund, Du nahmst Dir ein Weib, daß wer Euch sieht, sie für Deine
Tochter hält; drum wird es Dir gehen, wie Du es verdient hast.«
Und dann hielt er die Hand in die Höh' auf jeder der Schläfen,
Daß sie wie Hörner zu sehn, und Alle vor Lachen sich wälzten.
Doch Kräft ließ noch nicht nach: »Zwei Männer von fünfundzwanzig
Sind stets lieber der jungen Gemahlin, als Einer von fünfzig!
Gieb Acht, was ich Dir sag', und es wird sehr bald sich erfüllen,
Freund, ein jüngerer Mann wird Hahn im Korbe bei ihr sein
Und Dich ehrlichen Alten zum Hahnrei machen.« »Und wer denn?«
Rief, von Eifersucht jetzt plötzlich erfaßt, der Captain aus.
»Hast Du selber nicht Augen, so haben's doch andere Leute.
Als wir nach Ummanz waren, von Klickows geladen zur Hochzeit,
Tanzte sie wieder und wieder, als wenn sie zusammengehörten,
Mit Carl Böttcher, dem hübschen, als Steu'rmann eben geprüften,
Strammen und prächtigen Kerl, und sie schienen mir Blicke zu wechseln.
Nimm Dich in Acht, daß, während Du hier willst Andere aufziehn,
Nicht Carl Böttcher sitzt bei Deinem Weibchen und löffelt.
Darum rath' ich Dir, Freund, wenn Du taufest, so siehe genau zu,
Ob nicht Näschen und Mündchen carlistisch sind!« scherzte der grobe
Peter Kräft, mit dem Pfeile des Sommerschiffers im Herzen. 8
Zornig erhob von dem Sitz sich Miedbrod, griff nach dem Hute
Und sprach also: »Der Witz ist doch zu platt für Matrosen!«
Sprachs, und hinter sich warf er die Thür mit großem Geräusch zu.
Und so eilt er nach Hause, getrieben vom Zorne, so schien es,
Aber beflügelt noch mehr von der Leidenschaft, welche mit Eifer
Suchet, was Leiden uns schafft. Er fühlte sich bang und beklommen.
Was ihn ängstigte, war der Gedanke, er könnte zu Hause
Finden die Frau mit Carl, mit ihrem Geliebten, dem Steu'rmann.
Als nun die Thür aufging, so prallten wir rasch auseinander,
Wie zwei Billardkugeln. Wir fürchteten, daß der Captain doch
Etwas gemerkt; denn wenn auseinander prallen die Kugeln,
Ist es ein sicheres Zeichen, daß sie zusammengestoßen.
Und sie flog auf ihn zu mit ihrem gewinnendsten Lächeln:
»Kommst Du früher nach Haus, mein Männchen? Wie artig von Dir, Schatz,
Daß Du des Weibchens gedenkst, das einsam sitzet am Herde.
Und nach dem Männchen sich sehnt und seiner vergnügten Gesellschaft.«
Also sagte sie schmeichelnd, doch klopfte das Herz ihr. Sie dachte:
»Ob er wohl etwas gemerkt?« Auch ich stand bangend von ferne,
Weg von der Schönen geprallt nach dem äußersten Winkel der Stube;
Und mir war zu Muth, wie dem Hund, der Prügel verdient hat.
Aber – o Wonne, o Glück! – ihn beschäftigten andre Gedanken.
Als er die Thür aufriß, lag nur im Sinn ihm die Sorge,
Dort Carl Böttcher zu treffen, den Windhund, wie er ihn nannte, 9
Und er war wie erlöst, dort mich nur, »den Jungen«, zu finden,
Den unschädlich er hielt und als Nebenbuhler nicht ansah.
»Heinrich brachte soeben den Taback, den Du verlangtest,
Sieh mal das zierliche saubere Bild und darunter die Inschrift:
                »Bei froher Botschaft, Geld und Punsch
                Schmeckt dieser Taback ganz nach Wunsch.«
Und sie fügte hinzu: »Ich gab auch einige Plinsen
Heinrich als Botenlohn. Das wird Dir, Männchen, doch recht sein?«
»Ei, jawohl! Jawohl! so sagte behaglich ihr Gatte,
Froh, wie Prometheus war, sobald von der Brust ihm der Geier
Wegflog. So war nun in Richtigkeit Alles und Ordnung.
»Und was machtet Ihr eben zusammen?« so frug er verloren.
»Wir«, so versetzte die Frau, und gab zuvor ihm ein Küßchen,
»Wir – wir übten ein Tänzchen uns ein, das ich neulich erlernte,
Als wir zur Hochzeit waren auf Ummanz, weißt Du, bei Klickows.
Heinrich ist linkisch, man muß einlernen den Jungen. Erinnerst
Du Dich des Schottischen noch?« »Jawohl, Du tanztest zusammen
Mit Carl Böttcher. Das ist ein eitler und frecher Geselle,
Ein Windbeutel und kein Umgang für ehrbare Frauen.
Der soll künftig nicht mehr mir die Schwelle des Hauses betreten!«
Also ward Carl Böttcher die Wetterstange, die glücklich
Lenkte das Unheil ab von unseren schuldigen Häuptern.
Diesmal waren wir freilich der Straf' entronnen. Doch Gottes
Mühlen, sie mahlen nicht rasch, doch trefflich sein, und es sollte
Spät mich ereilen die Strafe für mein leichtsinniges Schlecken.
Ja, das werdet Ihr noch im Lauf der Erzählung erfahren. 10
Capitain Miedbrod mußt' im Frühling, wenn auch mit Kummer,
Lassen das Weibchen daheim in ihrer gemüthlichen Wohnung
Hinter dem Semlower Thor, wo man blickt auf den Hafen und Rügen,
Und so gings auf dem Schiff dies Jahr nicht so lustig wie sonst zu.
Herr Capitain ließ wenig sich sehn und war dann verdrossen,
Ließ stets putzen das Schiff und es war, wie man saget, der Scheuer-
Teufel gefahren in ihn. Die vergnügteste Stunde war Abends,
Wenn wir am Gangspill saßen und allerhand uns erzählten.
Und manch Seemannsgarn ward dann von den Leuten gesponnen.
»Heinrich«, sagte zu mir Fritz Runge, der leichte Matrose,
»Heinrich, Du könntest wohl auch mal predigen!« »Predigen?« fragt ich.
»Ja, Du bist auf die große lateinische Schule gegangen
Und hast auch Hebräisch gelernt.« »Da seid Ihr im Irrthum.
Mutter verlangte zwar sehr, mich einst auf der Kanzel zu sehen,
Und ich hatte Latein und Griechisch auch willig getrieben.
Aleph, Beth und Gimel jedoch und die Zeichen, die krausen,
Reichlich mit Punkten und Strichen verbrämt, womit man im Blättchen
Koscheres Fleisch anzeigt, sie waren mir gründlich zuwider.
Vor dem Hebräischen bin ich aufs Meer entlaufen.« Sie lachten.
»Wer da gehet auf See, mein Sohn, zu seinem Vergnügen,
Mag nach der Hölle spazieren, Ergötzlichkeiten zu suchen!
Wenn Du nicht predigen kannst, so erzähle was.« »Aber wovon denn?« 11
»Was Du willst! Wir sind einfältiges Volk, und wir nehmen
Gern mit Allem vorlieb.« So erzählt' ich denn, was mir zunächst lag,
Schülergeschichten und Schwänke vom unbezahlbaren Schröder.
August Schröder, er war ein gelehrter Professor, und hatte
Mancherlei Dinge gelernt, nur nicht, wie man Jungen in Zucht hält.
Einmal während der Pause, der Zwischenzeit, wo die faulen
Schüler sich rasch präpariren, abschreibend der Fleißigen Hefte,
Oder die Meisten sich balgen, da standen nach ihrer Gewohnheit
Unsere Lehrer im Kreis und unterhielten sich eifrig,
In die homerische Frage vertieft und den neuesten Stadtklatsch.
»Nun, ich gehe!« so sprach mit Betonung der Rector, ein Beispiel
Gebend den Herren Collegen, das leider für heut nicht befolgt ward.
Denn sie stritten sich fort, und ehe sie zu der Erkenntniß
Durchgedrungen, daß ihnen auch heut die homerische Frage
Nicht zu lösen bestimmt, war fast halb elf es geworden.
»Wieviel Uhr ist es wohl?« so fragte doch endlich ein Lehrer,
Und ein College, die Uhr ausziehend, versetzte verwundert:
»Drei Minuten vor halb!« »Das ist nicht möglich. Die Uhr geht
Vor!« so riefen sie Alle, doch machten sich eilig von dannen,
Aufzusuchen die Classen, die lange schon harrten des Lehrers.
Furchtbares Lärmen erscholl aus Tertia. Ueber den Bänken
War, und unter den Bänken der Kampf entbrannt, und worüber,
Darauf kam es nicht an, nur die Faust und den Muth zu erproben.
Mappen und Bücher durchsausten die Luft. Da plötzlich erscholl es: 12
»Schröder! Er kommt! Er ist da!« Und wirklich, mehr laufend als gehend
Kam der Professor mit hastigem Schritt durch den hallenden Kreuzgang.
– Unser Gymnasium war vor Zeiten ein Kloster gewesen. –
Lang und schwank: denn sicher und fest war nichts an dem Manne.
Und kaum hieß es: Er kommt! so stand er schon fast in der Thüre,
Daß es der äußersten Eile bedurft' und entschlossenster Thatkraft,
Um nicht Frechheit zu sagen, die Thür vor der Nase des Lehrers
Zuzuschlagen, ins Schloß sie zu schmeißen, daß dröhnte der Kreuzgang.
»Junge, was fällt Dir ein? Heidborn, Du Schlingel der Schlingel!«
Rief der Professor und wollte die Thür aufreißen von Neuem,
Doch es gelang ihm nicht; denn Heidborn hatte den Rücken
Gegen die Thür gelegt und stemmte sich stramm mit dem Fuße
Gegen die festgenagelte Bank in der Nähe der Thüre.
»Machst Du mir nicht gleich auf, so sperr' ich Dich, Jung', in den Holzstall!
Heidborn! Heidborn! Hörst Du denn nicht! Du denkst wohl am Ende,
Daß ich Dich nicht, Du Lümmel, erkannt?« Der hört es gelassen,
Und mit schmunzelndem Mund antwortet der lustige Vogel:
»Ja, ich soll wohl glauben, Du wärest der neue Professor,
August Schröder, der sich einbildet, er müsse die Jugend
Pommerns und Rügens erziehn mit dem preußischen Stocke!« Es hatte
Gleich in der ersten Lection der Professor zum Stocke gegriffen 13
Ansehn sich zu verschaffen; doch hatt' er damit es verschüttet
Und an der Ehre gekränkt die halb schon erwachsene Classe.
»Ja, Du weißt gut nachzumachen die Schrödersche Stimm' und
Höchst potsdämliche Sprache, doch geh' ich Dir nicht auf den Leim! Nein!
Ballere nur an der Thür« – »Das ist schon wieder ein Ausdruck!
Ballern! so sagt man nicht auf hochdeutsch. Poltern, so heißt es.
Wartet, ich treib Euch noch aus, Ihr pommerschen Jungen, das Plattdeutsch.
Ich bin's selbst, der Professor und Ordinarius Schröder!«
»Ja, so sagst Du! Ich glaub' es man nicht!« »Da sagst Du schon wieder
»Man« für »nur« trotz meines Verbots. So öffne doch, Heidborn!«
Niemals wußte der Aermste sich Rath, wenn die schändlichen Jungen
Streiche dem neuen Professor gespielt und ihn freventlich höhnten.
Und so legt' er verzweifelnd beinah sich aufs Bitten. Indessen
War in Tertia Alles von Tischen und Bänken gestiegen,
Jeder auf seinen Platz und die fliegenden Wurfgeschosse,
Mappen und Bücher in Ruh und vor Jedem in Ordnung gelagert.
Heidborn sagte: »Nun wollen wir sehn, wer den Schröder gespielt hat!«
Und so zog er die Füße zurück und machte die Thür auf.
»O, sind Sie es in eigner Person?« so fragte da Heidborn,
Namenloses Erstaunen erheuchelnd. »Ich bitt' um Verzeihung,
Herr Professor! Ich glaubte bestimmt, daß Eberhard Rassow,
Welcher im Dialekte der Mark zu reden verstehet,
Hätte Sie nachgeäfft. Entschuld'gen Sie gütigst den Irrthum.« 14
Ganz dialektlos glaubte der gute Professor zu sprechen;
Darum verdrossen ihn sehr Heidborns arglistige Worte.
Sein Zorn war aufs Höchste gestiegen, doch fiel ihm gerade
Gar nichts Passendes ein zur Erwiderung, sondern er langte
Aus mit der Hand, um schweigend, wie einst der gewaltige Gottsched,
Als sein Bedienter zu spät mit der Wolken-Perücke gekommen,
Hinter die Ohren zu schlagen den Teufelsjungen, den Heidborn.
Heidborn aber, geschmeidig an Seel' und Leib, der die Augen
Ueberall hatte, er sah rechtzeitig das jähe Verderben,
Wie Homer es benennt, und sank blitzschnell in die Kniee.
Also fuhr die gewaltige Hand mit gespreiteten Fingern
Nur durch die Luft und verwundete sich an der stehenden Tafel,
Die mit Quadraten bedeckt, Pythagoras Satz zu beweisen.
Ja, in Tertia fand sich die Blüthe der Flegeljahre
Reichlich vereint, doch Heidborn war der gelungenste Bengel.
Einmal bracht' in der Tasche des Rocks, vorsichtig gewickelt
In sein Taschentuch, ins Classenzimmer er eine
Schwalbe, gefangen im Haus, ein Späßchen mit Schrödern zu haben.
Zwischen zehn und elf, wo Schröder docirte, da ließ er
Fliegen das arme geängstigte Ding. Und so flog denn die Schwalbe
Zwitschernd umher und stieß sich am Fenster und auf dem Katheder,
Schrödern gerad' auf den Kopf, ließ sie was Weißliches fallen.
Heidborn selber, der Schalk, er hätt' es nicht besser verstanden.
»Woher kommt denn die Schwalbe?« so sprach der Professor verwundert.
»Sämmtliche Fenster sind zu. Steht offen am Ende die Thüre? 15
Nein! Wie kommt denn die Schwalbe herein?« Das war ihm ein Räthsel.
»Herr Professor«, so sprach Heidborn mit ernstem Gesichte,
»Wollen gefälligst Sie nur mal genau sich die Schwalbe betrachten,
Sie ist rußig und rostig von Farb' und gehört zu der Gattung,
Die Rauchschwalben man nennt. Drum mein' ich, sie ist durch den Rauchfang
Und durch den Ofen gekommen ins Classenzimmer. Wie störend!«
Schröder, er schüttelt den Kopf. Die Erklärung schien ihm nicht glaubhaft;
Aber er wußte die Sache doch nicht sich anders zu deuten.
Rathlos stand er ein Weilchen, den Kopf sich säubernd, und sagte:
»Oeffnet das Fenster und laßt wegfliegen die Schwalbe!« Das Räthsel
Ging ihm im Kopfe herum, und er zog noch am nämlichen Tage
Unsern Pedellen zu Rath, Schuldiener Zehden. »Was meint Ihr?
Können die Vögel wohl kommen ins Zimmer hinein durch den Rauchfang?«
»Herr Professor«, so sprach der Pedell, »in Tertia sitzen
Loser Vögel wohl dreißig bis vierzig, die werden es wissen,
Wie sie gekommen ins Zimmer, die Schwalbe, doch nicht durch den Schornstein!«
Aber die Störungen wurden so laut in Tertia, daß man's
Selbst auf dem Schulhof hört', und es spitzte der Rector die Ohren.
Schröder verklagte zuletzt beim Rector selber die Classe.
Namentlich wurde zu arg in der deutschen Stunde der Unfug.
Also kam denn einmal beim Declamiren der Rector 16
Selbst unverhofft in die Classe herein, um zum Rechten zu sehen.
Schröders Unstern wollt', daß der declamirende Schüler
Niemand anders war, als seine Plage, der Heidborn.
Heidborn, hübsch und gewandt, trat vor, und gab an den Rector,
Sich gar artig verbeugend, das Buch, worin das Gedicht stand.
»Heidborn heißt Du? Du wirst ja gelobt in Latein und Geschichte.«
»Ja«, sprach Schröder mit Seufzen; »allein, Herr Rector, es heißt ja:
»Wer fortschreitet im Lernen und geht zurück in den Sitten« –
»Ei, das hör' ich nicht gern! Wie heißt das Gedicht, das Du aufsagst?«
»Als mein Sohn«, – (er sah in das Buch); was ist das für ein Titel? –
»August Pillen zu schlucken bekam! Wo hast Du denn, Heidborn,
Dieses vertracte Gereim in einem veralteten Schmöker
Aufgegabelt? Das Buch ist schon gelb und riechet nach Taback.«
»Ein sehr schönes Gedicht«, antwortete ruhig und sicher
Heidborn. »Wissen Sie auch, Herr Rector, wer der Verfasser
Dieses Gedichtes? Es ist ein hochgeachteter Domherr,
Doctor der Theologie, mit Namen Schröder, der Vater
Unsres Professors.« Der Rector erschrak. »So schön das Gedicht auch
An und für sich schon ist, mehr hat es das Herz mir gerühret
Wegen des nahen Bezugs auf unsern verehrlichen Lehrer,
August heißt er bekanntlich, der heftig erkrankt war als Knabe
Und so genöthigt ward, sehr bittere Pillen zu schlucken.«
Also begann Heidborn denn des zärtlichen Vaters Ergüsse
Ueber das Leiden des Sohns mit vielem Gefühl zu verkünden. 17
August Schröder, der längst durch die Pillen geheilte und sechs Fuß
Aufgeschossene Knabe, er blickte verlegen zu Boden
Und gern hätt' er im Mörser zerstampft da den schändlichen Bengel,
Der ihm zum Possen des Vaters schon lange vergess'ne Gedichte
Aufgestöbert. Der Rector war zwar ein erfahrner Erzieher,
Der sonst nie in Verlegenheit kam. Doch dieser besondre
Casus macht' auch ihn unschlüssig. Was sollt' er beginnen?
Sollt' er sagen: »Ein schlechtes Gedicht und alberne Verse?«
Nein! Unmöglich! Das ging doch nicht an. Wir sämmtlichen Schüler
Stopften vergebens das Maul mit dem Schnupftuch, um nicht zu platzen.
Und bald kichert man vorn, bald lacht man hinten. Der Rector
Selber vermochte nicht ganz ernsthaft zu bleiben. Er biß sich
Scharf auf die Lippen und kehrte sich ab. Ja, die bittersten Pillen
Nahm der Professor ein, ihm gedreht von dem Racker, dem Heidborn.
Schröder war freilich gelehrt, doch verkehrt, und gelang es ihm niemals,
Sich aus der Klemme zu ziehn. Er verwickelte meist sich noch ärger.
»Berg, Du schreibst ja nicht auf, was ich Euch vortrage!« so rief er
Bei dem Geschichtsvortrag. »Ich habe vom vorigen Jahre,
Herr Professor, Ihr Heft«, so suchte sich Berg zu entschuld'gen.
»Ach was! Schreibe nur mit. Ich trage in jeglichem Jahre
Anders es vor.« Nun stand er gerad' bei Beschreibung des Kreuzzugs 18
Friederich Barbarossas und kam zum Ende des Helden.
Als sich – so hieß es das vorige Mal – der Kaiser bei großer
Schwüle des Sommers gebadet im Fluß Calycadnus, so hatt' er
Dort in der eisigen Fluth ein hitziges Fieber bekommen,
Dem er am dritten Tag, zu des Heeres Leidwesen, erlegen.
Anders erzählt' er uns jetzt die Geschichte vom Tod Barbarossas.
Nämlich es habe das christliche Heer eine Brücke geschlagen
Ueber den Fluß, und Friedrich, der hohenstaufische Kaiser,
Rothbart ward er genannt, doch ward schon silbern der Haarschmuck,
Ritt darüber, geharnischt, mit seinem gepanzerten Streitroß,
Das scheu werdend sich bäumte und plötzlich hinab in den Fluß sprang.
Und so mußte der große, gewaltige Kaiser erbärmlich
Unter den Augen des jammernden Heeres der Deutschen ertrinken.
Als der Professor so gänzlich verschieden vom Tod Barbarossas
Diesmal berichtet, so wendet er sich triumphirenden Blickes
Jetzt zu Berg und spricht: »Nun siehst Du doch, Berg, daß in Jedem
Jahr ich anders erzähle. Was lächelst Du, Berg, noch? Was habt Ihr
Zu grieflachen dabei?« »Berg meinte, Sie würden im nächsten
Jahre den Kaiser mit Gift vom Leben zum Tode befördern!«
Und so erzählt' ich denn gern von den Schülergeschichten die schönsten
Meinen Matrosen zur Lust und lachte mit ihnen zusammen.
Ei, das schmecket nach mehr! so sprach Claus Babbe, der Bootsmann,
Welcher dabei von einem Ohr bis zum anderen greinte, 19
Und so sucht' ich hervor, was mir von Schnurren noch einfiel.
Aber ich mußt' es zuletzt doch ebenso machen, wie Uhland.
Als man ihn fragte, warum er denn keine Gedichte mehr schriebe,
Sprach er: »Ich weiß nichts mehr!« Da brummten die Leute und murrten.
»Warum bist Du geschickt auf die große lateinische Schule,
Wenn Du dort nicht einmal etwas zu erzählen gelernt hast?
Also besinne Dich nur!« Ich besann mich denn wirklich auf etwas.
Kannt' ich nicht Vater Homer und seine unsterblichen Lieder,
Der aus dem Kindheitsalter der Welt so reizend erzählet,
Daß ihn das Kind anhöret mit Lust und das Alter mit Andacht?
Mag auch der Zorn des Peliden die wettergebräunten Gesichter
Weniger kümmern, sie freu'n um so mehr sich am klugen Odysseus
Und an den Fahrten des Manns, der alle die Tücken des Meeres
Hatte geduldet wie sie. Er war ein befahrener Seemann,
Und so ward er mit Recht mit der Schiffermütze gebildet.
»Hört«, so sagt' ich einmal, als am Abendhimmel die Venus
Strahlte beinah wie der Mond, »ich will Euch Geschichten erzählen,
Schon Jahrtausende alt, doch werden sie nimmer veralten.
Der sie sang, war Homer; doch weiß man nicht, ob er sie aufschrieb
Oder zur Harfe nur sang, und es sangen die jüngeren Leute
Weiter die Lieder, erdacht von einem erblindeten Greise.
Erstlich will ich Euch nun vom trojanischen Kriege berichten,
Wie die vereinigten Griechen vor Troja zogen, von tapfern
Königen angeführt, darunter der kluge Odysseus;
Wie sie erobert die Stadt nach dem listigen Rathe des Königs. 20
Und dann kehrten sie heim, doch hatte der edle Odysseus
Noch zehn Jahre zu irren im mittelländischen Meere
Und viel Leiden zu dulden und Abenteuer, bis daß er
Kehrte nach Ithaka heim, wo Frau und Sohn auf ihn harrten,
Daß er befreie das Haus von den übermüthigen Freiern.«
»Was für Freier?« so fragten natürlich die Leute. Ich sagte:
»Davon künftig! Vernehmet zuerst vom trojanischen Kriege.«

 


 

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