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Gutenberg > Maxim Gorki >

Die Kleinbürger

Maxim Gorki: Die Kleinbürger - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/gorki/kleinbue/kleinbue.xml
typedrama
authorMaxim Gorki
booktitleFrühe Dramen
titleDie Kleinbürger
publisherAufbau-Verlag-Berlin
year1952
firstpub1902
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
sendermichael koch (koch.text@t-online.de)
created20080225
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Vierter Aufzug

Dasselbe Zimmer. Abend. Auf dem Tisch brennt eine Lampe. Polja stellt das Teegeschirr zurecht. Die kranke Tatjana liegt auf der Chaiselongue in der halbdunklen Ecke. Die Zwetajewa sitzt neben ihr auf einem Stuhl.

Tatjana  leise, in vorwurfsvollem Ton:  Denkst du, ich wäre nicht froh, wenn ich das Leben ebenso frisch und vergnügt anschauen könnte wie du? Oh, wie gern möchte ich das … aber ich vermag es nicht! Ich bin ohne Glauben im Herzen geboren … Ich habe räsonieren gelernt …

Zwetajewa:  Du räsonierst nur zu viel, meine Liebe! Du wirst doch zugeben, daß es sich nicht verlohnt, ein verständiger Mensch zu sein – nur, damit man räsoniere … Ein bißchen Räson ist ganz gut, aber, siehst du – damit der Mensch nicht vor Gram und Langerweile stirbt, muß er auch ein bißchen Phantast sein. Er muß auch einmal – freilich nicht zu oft –- einen Blick nach vorn, in die Zukunft werfen … Polja horcht aufmerksam auf die Worte der Zwetajewa und lächelt dabei gedankenvoll. 

Tatjana:  Was gibt's denn dort … in der Zukunft … zu sehen?

Zwetajewa:  Alles, was du sehen willst,

Tatjana:  Ja–a … das muß man sich dann aber selbst erdichten ,,,

Zwetajewa:  Glauben muß man …

Tatjana:  An was?

Zwetajewa:  An seine eignen Phantasien. Siehst du … wenn ich in die Augen meiner Schüler schaue, dann mach ich mir so meine eignen Gedanken. Da ist zum Beispiel Nowikow. Er verläßt bald die Schule, wird das Gymnasium besuchen … dann die Universität … Er wird einmal, glaube ich, Arzt werden … Er ist ein solider, aufmerksamer, gutherziger Junge … mit einer mächtigen Stirn … Er ist sehr anschmiegsam … wird sehr arbeitsam, sehr selbstlos und überhaupt ein Prachtmensch sein … Man wird ihn lieben und achten, ich weiß das ganz bestimmt … Und eines Tages, wenn er sich seiner Kindheit erinnert, wir er sich auch erinnern, wie seine Lehrerin Zwetajewa, als sie in Der Pause mit ihm spielte, ihm die Nase blutig schlug … Vielleicht wird er sich auch nicht erinnern … nun, es bleibt sich gleich …Doch nein, er wird sich bestimmt erinnern, denk ich … er hat mich sehr gern … Dann hab ich einen gewissen Klokow, ein zerzaustes, immer zerstreutes Bürschchen, und ein richtiger Schmutzfink. Ewig zankt und prügelt er sich oder sinnt auf dumme Streiche. Er ist eine Waise und lebt bei seinem Großvater, einem Nachtwächter. Er ist fast ein Bettler, aber dabei so stolz, so dreist! Ich glaube, er wird mal ein Journalist. Ach, wieviel interessante Kerlchen hab ich da! Und unwillkürlich denk ich immer daran, wie es ihnen wohl einmal ergehen wird, welche Rolle sie im Leben spielen werden … Ungemein interessant ist's für mich, mir vorzustellen, wie meine Schüler einmal leben werden … Du siehst, Tanja, das ist nicht viel … aber wenn du wüßtest, wieviel Freude es mir macht!

Tatjana:  Und du? Wo bleibst du selbst dabei? Deine Schüler werden leben … vielleicht sogar sehr gut leben … und du bist dann schon …

Zwetajewa:  Gestorben? Das wäre! Nein, ich will noch sehr lange leben!

Polja  leise, zärtlich, gleichsam seufzend:  Wie lieb sind Sie doch, Mascha! Und was für ein prächtiger Mensch …

Zwetajewa  lächelt Polja zu:  Ei, unser Hänfling singt … Weißt du, Tanja, ich bin nicht sentimental … aber wenn ich an die Zukunft denke … an die Menschen und das

Leben der Zukunft … dann überschleicht es mich wie süße Melancholie … In meinem Herzen schimmert's wie ein frischer Herbsttag … es gibt solche Herbsttage, weißt du: am klaren Himmel steht feierlich-ernst die Sonne, die Luft erscheint so tief, so durchsichtig, in der Ferne ist alles so klar … es ist frisch, doch nicht kalt, warm, doch nicht heiß …

Tatjana:  Das alles sind … Märchen … Übrigens, mag sein, daß ihr – du, Nil, Schischkin und alle euresgleichen – in solchen Phantasien tatsächlich einen Lebensinhalt zu finden vermögt … Ich – kann es leider nicht.

Zwetajewa:  Nun, es sind doch nicht bloß Phantasien …

Tatjana:  Ich habe nie an irgend etwas geglaubt … außer daran, daß dies hier – ich selbst und jenes dort – die Wand ist. Wenn ich »ja« sage oder »nein« … so sage ich's nicht aus Überzeugung … sondern ich antworte gewissermaßen nur, weiter nichts. Und zuweilen, wenn ich »nein« gesagt habe, denke ich gleich darauf im stillen: war's denn auch richtig? Hätt' ich nicht vielmehr »ja« sagen sollen?

Zwetajewa:  Dir gefällt das … Nun, beobachte dich einmal aufmerksamer – bereitet dir dieser Zwiespalt der Seele nicht eine angenehme Empfindung? Und wenn du erst wüßtest, was glauben heißt … doch du fürchtest dich vielleicht, zu glauben … der Glaube legt Verpflichtungen auf …

Tatjana:  Ich weiß nicht … ich weiß nicht … Bring mir's doch bei, das Glauben! Ihr bringt doch andre dahin, daß sie euch glauben … Lacht leise.  Mir tun die Leutchen leid, die euch glauben … Ihr täuscht sie doch! Das Leben ist immer so gewesen, wie es jetzt ist … so trüb, so eng … und es wird immer so sein …

Zwetajewa  lächelnd:  Wirklich? Vielleicht auch – nicht?!

Polja  gleichsam für sich:  Bestimmt nicht!

Tatjana:  Sagtest du etwas?

Polja:  Es wird nicht immer so sein, sag ich …

Zwetajewa:  Bravo, stilles Vögelchen! Bravo, Hänfling!

Tatjana:  Da ist nun eine von euren unglücklichen … Gläubigen … Und frage sie einmal, warum es nicht so sein wird? Warum es sich ändern wird? Frag sie!

Polja  während sie näher tritt, leise:  Weil noch nicht alle Menschen … leben! Nur sehr wenige Menschen genießen das Leben! Die meisten haben überhaupt keine Zeit, zu leben … sie arbeiten nur, um ein Stück Brot zu haben … erst wenn auch sie …

Schischkin  tritt rasch ins Zimmer:  Guten Abend! Zu Polja.  Seid gegrüßt, dunkelblonde Tochter des Königs Duncan!

Polja:  Was? Welches Königs?

Schischkin:  Aha! Nun habe ich sie gefangen! Ich sehe jetzt, daß Sie den Heine nicht gelesen haben, obwohl Sie das Buch schon länger als zwei Wochen haben … Guten Tag, Tatjana Wassiljewna!

Tatjana  reicht ihm die Hand:  Ihr sind jetzt alle Bücher gleichgültig … sie heiratet …

Schischkin:  Ei! Wen denn?

Zwetajewa:  Unsern Freund Nil …

Schischkin:  A – ah! Ich wünsche viel Glück … Übrigens, unter den heutigen Verhältnissen ist die Ehe nichts besonders Schlaues …

Tatjana:  Nicht doch, lassen Sie das Thema! Verschonen sie mich damit! Sie haben schon so oft darüber geredet …

Schischkin:  Gut, ich schweige. Hab ohnedies keine Zeit. Zur Zwetajewa.  Kommen Sie mit? Schön! Ist Pjotr nicht da?

Polja:  Er ist oben …

Schischkin:  Hm … Nein, ich gehe nicht zu ihm! Ich möchte Sie bitten, Tatjana Wassiljewna … oder Sie, Polja … sagen Sie ihm… daß ich … wieder einmal, wissen Sie … na, daß die Hauslehrerstelle bei Prochorow frei ist …

Zwetajewa:  Schon wieder? Sie haben wirklich kein Glück!

Tatjana:  Haben Sie sich verzankt?

Schischkin:  Eigentlich nicht! Ich war ziemlich zurückhaltend …

Zwetajewa:  Was ist denn vorgefallen? Sie waren doch voll von Prochorows Lob …

Schischkin:  Leider, ja … der Teufel mag's holen! Er ist schließlich immer noch besser als andre … ist nicht dumm … prahlt ein wenig … ist ein Schwätzer und im allgemeinen mit unerwarteter Heftigkeit  ein großes Rindvieh!

Tatjana:  Nun wird sich Pjotr kaum noch nach Stunden für Sie umsehen …

Schischkin:  Ja, er wird wohl böse sein …

Zwetajewa:  Aber was ist denn zwischen Ihnen und Prochorow gewesen?

Schischkin:  Denken Sie sich: er ist – Antisemit!

Tatjana:  Was geht Sie das an?

Schischkin:  Nun, wissen Sie – das ist unanständig. Es ist eines intelligenten Menschen unwürdig. Überhaupt ist er – der richtige Bourgeois! Zum Beispiel folgende Geschichte: sein Stubenmädchen besuchte die Sonntagsschule. Ganz famos! Er selbst bewies mir auf höchst langweilige Art den Nutzen der Sonntagsschulen – um was ich ihn durchaus nicht gebeten hatte. Er rühmte sich sogar, einer von den Männern zu sein, die zur Einrichtung dieser Schulen die Initiative ergriffen hätten. Und nun kommt er neulich eines sonntags nach Hause und – o Schrecken! Die Tür öffnet ihm nicht das Stubenmädchen, sondern die Kinderfrau! Wo ist Sascha? In der Schule. Aha! Und er verbot dem Mädchen, die Schule zu besuchen. Was meinen Sie nun – wie soll man das bezeichnen? Tatjana zuckt mit den Achseln.  

Zwetajewa:  Und was für ein Schwätzer er ist!

Schischkin:  Überhaupt verschafft mir Pjotr, wie zum Trotz, immer bei solchen Scharlatanen Stunden …

Tatjana  trocken:  Ich entsinne mich, daß Sie auch den Rentmeister sehr gelobt haben …

Schischkin:  Gewiß … ein famoser alter Herr! Aber er ist – Numismatiker! Schüttet mir einen ganzen Haufen Kupferblättchen vor die Nase und beginnt von Cäsaren, Diadochen, Pharaonen und wer weiß, wovon sonst noch, zu reden. Ich mußte mir das alles anhören – bis es schließlich über meine Kräfte ging. Da sagte ich zu ihm: »Hören sie, Wikentij Wassiljewitsch – nach meiner Ansicht ist das alles Torheit! Der erste beste Feldstein ist älter als Ihre Münzen!« Er nahm's natürlich krumm. »Was?« meinte er – »ich hätte fünfzehn Jahre meines Lebens an eine Torheit verschwendet?« Ich bejahte. Bei der Abrechnung zahlte er mir einen halben Rubel zu wenig. … offenbar hatte er ihn für seinen Sammlung zurückbehalten. Doch das sind alberne Geschichten … und mit Prochorow …ja düster … ich hab mal einen so häßlichen Charakter … In Eile, zur Zwetajewa.  Kommen Sie, Maria Nikitschna – es ist Zeit!

Zwetajewa:  Ich bin bereit. Auf Wiedersehen, Tanja! Morgen ist Sonntag … ich komme gleich früh zu dir …

Tatjana:  Ich danke dir. Mir ist, als wäre ich … eine Art Schlinggewächs, das sich um eure Füße wickelt … ohne Duft, ohne Reiz , nur lästig für diejenigen, an die es sich hängt …

Schischkin:  Was für ungesunde Gedanken!

Zwetajewa:  Das tut weh, sowas zu hören, Tanja.

Tatjana:  Weshalb? Ich hab eben die grausame Logik des Lebens begriffen: wer nicht an irgend etwas glauben kann, der kann nicht leben … der ist zum Untergang bestimmt … ja!

Zwetajewa  lächelnd:  Wirklich? Vielleicht ist auch diesmal das »Nein« richtiger?

Tatjana:  Verspotte mich nicht … lohnt es sich denn? Über mich zu lachen – verlohnt sich das?

Zwetajewa:  Nein. Tanja – nein, meine Liebe. Es ist nur deine Krankheit, deine Ermüdung, die aus dir spricht … nicht du selbst. Nun, auf Wiedersehen! Halt uns nicht für grausam und boshaft!

Tatjana:  Geht … auf Wiedersehen!

Schischkin  zu Polja:  Nun, wann werden sie den Heine lesen? Ach, richtig – Sie heiraten ja … hm! Darüber wäre mancherlei zu sagen … doch auf Wiedersehen. Ab hinter der Zwetajewa. Pause. 

Polja:  Die Abendmesse wird sicher bald aus sein … Soll der Samowar gebracht werden?

Tatjana:  Ich glaube nicht, daß die Alten Tee trinken werden … Übrigens, wie du willst. Pause.  Früher war mir die Stille hier lästig, jetzt ist es mir angenehm, daß es bei uns so still ist.

Polja:  Ist es nicht Zeit, daß Sie Medizin nehmen?

Tatjana:  Noch nicht … In den letzten Tagen war es bei uns so lärmend, so unruhig. Wie laut dieser Schischkin immer ist …

Polja  tritt näher auf sie zu:  Er ist ein guter Junge.

Tatjana:  Das wohl … aber dumm …

Polja:  Er ist wacker und mutig. Wo er eine Ungerechtigkeit sieht, legt er sich gleich ins Mittel. Dieses Stubenmädchen zum Beispiel … Wer achtet wohl sonst darauf, wie die Stubenmädchen leben und die andern Leute, die den Reichen dienen? Und wenn auch jemand darauf achtet – nimmt er sich ihrer wohl an?

Tatjana  ohne Polja anzusehen:  Sag mir, Polja – fürchtest du dich nicht, Nils Frau zu werden?

Polja  mit ruhigem Erstaunen:  Warum sollte ich mich fürchten? Nein, ich fürchte mich durchaus nicht …

Tatjana:  Nicht? Und ich würde mich fürchten. Ich sage das nur, weil … ich dich liebe! Du bist nicht so wie er. Du bist ein einfaches Mädchen, er aber hat viel gelesen, er ist schon zu den Gebildeten zu zählen. Er wird sich mit dir vielleicht langweilen … Hast du darüber schon nachgedacht, Polja?

Polja:  Nein. Ich weiß, er liebt mich.

Tatjana  gereizt:  Wie kann man denn das wissen? Teterew bringt den Samowar herein. 

Polja  zu Teterew:  Ich danke Ihnen. Nun will ich Milch holen. Ab.  

Teterew  im Katzenjammer, mit gedunsenem Gesicht:  Ich geh an der Kirche vorüber, und Stepanida fleht: »Väterchen, trag doch den Samowar hinein! Kriegst auch gelegentlich 'ne Gurke von mir oder 'ne Tasse Fleischbrühe« … Da hab ich Schleckermaul nicht widerstehen können …

Tatjana:  Kommen Sie schon aus der Abendandacht?

Teterew:  Nein, ich war heut nicht da. Der Schädel brummt mir. Wie geht's Ihnen? Fühlen Sie sich wohler?

Tatjana:  Ich denke, es geht leidlich . Man hat mich heut wohl schon zwanzigmal danach gefragt … Ich würde mich noch wohler fühlen, wenn es bei uns etwas ruhiger zuginge. Dieses ewige Hin- und Herlaufen regt mich ein wenig auf. Alles schreit, alles hastet auf und ab. Der Vater ist auf Nil böse, die Mutter seufzt. Und ich liege da, beobachte und … sehe keinen Sinn in alledem, was jene da … Leben nennen …

Teterew:  Und doch ist's interessant. Ich bin ein Mensch, der abseits steht, der an den Dingen dieser Welt keinen Anteil hat … Ich lebe sozusagen aus Neugier und finde, daß es hier ziemlich interessant ist.

Tatjana:  Sie sind nicht anspruchsvoll, das weiß ich. Was kann aber hieran interessant sein?

Teterew:  Und dann – ich beobachte, wie die Menschen sich anschicken zu leben. Ich höre es gern, wenn im Theater die Musikanten ihre Instrumente stimmen. Das Ohr fängt eine Menge einzelner Töne auf, darunter manche richtigen, zuweilen ertönt eine schöne Passage … und man möchte so bald wie möglich hören – was eigentlich die

Musikanten spielen werden … wer von ihnen wird der Solist sein? … wie das Stück ist? … Und so ist's auch hier: die Instrumente werden gestimmt …

Tatjana:  Im Theater kommt der Dirigent, bewegt seinen Taktstock – und die Musikanten spielen recht und schlecht, ohne innere Empfindung irgendein altes, abgeleiertes Stück herunter. Und hier? … und diese da? Was sind sie imstande zu spielen? Ich weiß es nicht.

Teterew:  Irgendein Fortissimo scheint's werden zu wollen.

Tatjana:  Wollen sehen! Pause. Teterew raucht seine Pfeife an.  Warum rauchen sie Pfeife und nicht Zigaretten?

Teterew:  Es ist bequemer. Ich bin ja ein Landstreicher, bringe den größten Teil de Jahres auf der Landstraße zu. Es geht bald wieder los. Sowie es erst richtig Winter ist, mache ich mich auf.

Tatjana:  Wohin?

Teterew:  Das weiß ich noch nicht … ist mir auch ganz gleich.

Tatjana:  Sie werden irgendwo erfrieren … in betrunkenem Zustande …

Teterew:  Wenn ich unterwegs bin, trinke ich nie … Und wenn ich erfriere – was liegt daran? Besser im Gehen erfrieren als an einer Stelle hockend verfaulen ...

Tatjana:  Sie spielen auf mich an?

Teterew  springt erschrocken auf:  Gott soll mich behüten! Was reden sie da? Bin ich denn … ein Unmensch?

Tatjana  lächelt:  Beunruhigen Sie sich nicht. Das kränkt mich durchaus nicht. Ich habe die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, verloren. Bitter.  Alle wissen, daß man mich nicht verletzen kann. Pelageja, Jelena, Mascha … sie kommen mir vor wie reiche Leute, die sich nicht darum kümmern, was ein Bettler empfindet … was er denkt, wenn er sieht, wie sie sich die seltensten Leckerbissen munden lassen.

Teterew  stirnrunzelnd, durch die Zähne:  Weshalb diese Selbsterniedrigung? Man muß sich selber achten …

Tatjana:  Nun, meinetwegen … lassen wir das. Pause. Erzählen sie mir irgend etwas … aus Ihrem Leben. Sie sprechen nie von sich selbst. Warum?

Teterew:  Das Thema ist umfangreich, aber nicht interessant.

Teterew:  Nein, tun sie's doch. Warum führen Sie … eine so seltsame Lebensweise? Ich halte Sie für einen verständigen, begabten Menschen … Was ist Ihnen im Leben begegnet?

Teterew  mit höhnischem Grinsen:  Was mir begegnet ist? Oh, das ist eine lange und langweilige Geschichte … wenn ich sie mit eigenen Worten erzählen soll … Ich

Ging zu suchen Sonn' und Glück
Kam als Bettelmann zurück –
Hab in meinen Wandertagen
Hemd und Hoffnung abgetragen.

Doch diese Darstellung paßt nicht ganz auf meinen Fall … sie ist zu poetisch, wenn sie auch kurz genug ist. Es muß noch hinzugefügt werden, daß in Rußland ein Trunkenbold, ein Landstreicher behaglicher und ruhiger lebt, als ein nüchterner, ehrenhafter, tüchtiger Mensch. Pjotr und Nil treten ein.  Nur mitleidslos harte Menschen, gerade und fest wie ein Schwert – nur die vermögen sich durchzusetzen … Ah, Nil! Woher des Weges?

Nil:  Aus dem Depot. Komme eben von einer Schlacht, in der ich einen glänzenden Sieg errungen habe. Dieser Strohkopf von Depotaufseher …

Pjotr:  Dich werden sie bald aus dem Dienst jagen …

Nil:  Dan find ich einen andern …

Tatjana:  Weißt du schon, Pjotr? … Schischkin hat sich mit Prochorow überworfen und findet nicht den Mut, es dir selbst zu sagen …

Pjotr  aufgebracht:  Der Teufel soll ihn holen! Das ist einfach empörend! In was für eine peinliche Lage bringt er mich Prochorow gegenüber? Ich kann ihm jetzt nicht mal einen andern Freud empfehlen …

Nil:  Ärgere dich nicht – mußt doch erst wissen, wen die schuld trifft!

Pjotr:  Ich weiß es schon!

Tatjana:  Es mißfiel Schischkin, daß Prochorow Antisemit ist.

Nil  lachend:  Ach, das ist ja spaßig!

Pjotr:  Ja, dir gefällt das. Dir mangelt gleichfalls das Gefühl für Respekt vor einer fremden Überzeugung. Ihr seid die reinen Wilden!

Nil:  Erlaube einmal – kannst du selbst vor einem Judenfresser Achtung haben?

Pjotr:  Jedenfalls würde ich mich nicht für berechtigt halten, einem Menschen gleich an die Gurgel zu springen!

Nil:  Nun, und ich tue es!

Teterew  mustert die Streitenden nacheinander, zu Nil:  Tu's doch!

Pjotr  zu Nil:  Wer gibt .. wer gibt euch das Recht dazu?

Nil:  Rechte bekommt man nicht – Rechte nimmt man, erobert man sich …

Pjotr:  Erlaube! …

Tatjana  besorgt:  Schon wieder beginnt der Streit … der endlose Streit. Daß ihr seiner nicht überdrüssig werdet!

Pjotr  sucht sich zu beherrschen:  Entschuldige, ich will nicht streiten … Aber dieser Schischkin bringt mich wirklich zur Verzweiflung …

Tatjana:  Ich verstehe dich … er ist dumm!

Nil:  Er ist ein famoser Junge! Er läßt sich nicht nur nicht auf den Fuß treten, sondern tritt den Leuten selbst zuerst auf den Fuß! Wohl dem, der soviel Gefühl für Menschenwürde besitzt …

Tatjana:  Soviel kindischer Trotz, wolltest du sagen …

Nil:  Nenn es, wie du willst – jedenfalls ist es etwas Gutes.

Pjotr:  Lächerlich …

Nil:  Nun, wenn ein Mensch sein einziges Stück Brot nur darum fortwirft, weil ein unsympathischer Patron es ihm reicht …

Pjotr:  Dann ist dieser Mensch jedenfalls nicht hungrig genug … Ich weiß, du wirst mir widersprechen. Du bist selbst solch ein … Schuljunge … auf Schritt und Tritt suchst du dem Vater zu beweisen, daß du keinen Respekt vor ihm hast … warum das?

Nil:  Und warum soll ich's verbergen?

Teterew:  Mein Sohn: Der Anstand verlangt es, daß die Menschen lügen …

Pjotr:  Aber was für ein Sinn liegt in diesem Benehmen? Was für ein Sinn?

Nil:  Wir beide werden uns nie verstehen … reden wir nicht weiter. Alles, was dein Vater tut und spricht, ist mir zuwider …

Pjotr:  Auch mir ist es … vielleicht zuwider. Aber ich beherrsche mich. Und du reizt ihn beständig, und seine Gereiztheit läßt er dann an uns – an mir und der Schwester – aus.

Tatjana:  Nun, laßt es genug sein! Das ist ja langweilig! Nil wirft ihr einen Blick zu und geht an den Tisch. 

Pjotr  zu Tatjana:  Dich beunruhigt unser Gespräch?

Tatjana:  Es langweilt mich. Immer und ewig dasselbe …

Polja  kommt herein, mit einem Topf voll Milch in der Hand; sie sieht Nil nachdenklich lächeln und lächelt gleichfalls; zu den andern:  seht doch, wie glücklich er lächelt!

Teterew:  Was lachst du denn?

Nil:  Ich? Es fiel mir eben wieder ein, wie ich den Depotaufseher abgefertigt habe … Ja, das Leben ist interessant!

Teterew  in tiefem Baß:  Amen!

Pjotr  mit den Achsel zuckend:  Ich kann mich nur wundern! Werden denn diese Optimisten blind geboren?

Nil:  Ob ich ein Optimist bin oder was sonst – ist ganz gleichgültig: jedenfalls gefällt's mir hier auf dieser Welt. Erhebt sich und geht auf und ab.  Es macht wirklich Spaß, auf ihr zu leben …

Teterew:  Ja, es ist interessant!

Pjotr:  Wenn ihr beide aufrichtig seid – dann seid ihr wirklich komische Käuze!

Nil:  Nun, und wie soll man dich denn nennen? Es ist für niemanden ein Geheimnis, daß du verliebt bist und wiedergeliebt wirst. Verspürst du wirklich keine Lust, wenigstens aus diesem Anlaß einmal recht froh und lustig zu sein, zu tanzen und zu singen? Polja schaut hinter dem Samowar hervor stolz auf die andern. Tatjana rückt unruhig hin und her, um Nils Gesicht zu sehen. Teterew klopft lächelnd die Asche aus seiner Pfeife.  

Pjotr:  Du vergißt da einiges. Erstens darf ich als Student nicht heiraten. Zweitens steht mir noch eine schwere Bataille mit den Eltern bevor, und drittens …

Nil:  Herr des Himmels – das ist doch sehr einfach: rücke aus! Flieh in die Wüste! Polja lächelt.  

Tatjana:  Treib keine Possen, Nil!

Nil:  Nein, Petruscha, nein – das Leben ist wirklich eine ganz famose Sache, selbst wenn man nicht verliebt ist! Auf schlechten Lokomotiven zu fahren – in herbstlichen Nächten, bei Regen und Wind, oder auch im Winter bei Schneesturm, wenn alles rings in Finsternis und Schnee gehüllt ist … Das ist gewiß langweilig, beschwerlich … und sogar, wenn du willst, gefährlich. Und doch hat es auch seine Reize – ja, ganz gewiß! Nur in einem Umstand kann ich nichts Angenehmes finden: darin, daß ich und andere ehrliche Leute von Schweinehunden, Spitzbuben und Dummköpfen kommandiert werden … Aber so ganz gebieten sie doch nicht über das Leben! Sie werden vergehen und verschwinden – wie ein Ausschlag an einem gesunden Körper verschwindet. Es gibt keinen Fahrplan, der nicht einmal durch einen neuen ersetzt würde …

Pjotr:  Ich habe dich schon öfter so reden hören. Wollen sehen, wie dir das Leben darauf antworten wird …

Nil:  Ich werde es zwingen, mir darauf so zu antworten, wie ich es will. Suche mich nicht einzuschüchtern! Ich weiß es unmittelbarer und besser als du, daß das Leben schwer , daß es bisweilen widerwärtig, rauh und hart ist, daß eine ungezügelte, rohe Macht den Menschen würgt und bedrückt, ich weiß das – und es gefällt mir durchaus nicht, und es empört mich! Ich verabscheue sie, diese Ordnung der Dinge! Ich weiß, daß das Leben eine ernste, wenn auch noch nicht geordnete Angelegenheit ist ... daß ich alle meine Kräfte und Fähigkeiten einsetzen muß, damit es in Ordnung komme. Ich weiß auch, daß ich kein Held bin, sondern einfach ein ehrlicher, gesunder Mensch – und doch sage ich: Macht nichts! Wir werden siegen! Und mit allen Mitteln meiner Seele werde ich meinem inneren Drange gerecht zu werden suchen: mitten ins dichteste Leben mich hineinzumengen … es bald so, bald so zu kneten, den einen in den Weg zu treten, den andern beizuspringen … Das ist die Freude des Lebens!

Teterew  lächelnd:  Das ist der Inbegriff der tiefsten Weisheit. Das ist der Sinn aller Philosophie … Alle sonstige Philosophie –- sei verdammt!

Jelena  in der Tür:  Warum wird hier wieder geschrien und in der Luft herumgefuchtelt?

Nil  tritt auf sie zu:  Sie werden mich verstehen, meine Verehrte! Ich habe soeben ein Loblied auf das Leben gesungen. Nun, sagen Sie – ist's eine Lust, zu leben?

Polja  leise:  Das Leben ist sehr schön!

Jelena:  Wer bestreitet das?

Nil  zu Polja:  Ach du … mein sanftes Kind …

Jelena:  Bitte keine Zärtlichkeiten – wenn ich da bin …

Pjotr:  Weiß der Teufel, was mit ihm los ist! Wie – betrunken ist er … Tatjana lehnt den Kopf zurück, hebt langsam die Hände empor und bedeckt ihr Gesicht.  

Jelena:  Warten Sie! Sie wollen Tee trinken, Herrschaften – und ich kam, um Sie zu mir einzuladen! … nun, dann bleib auch ich da – heut ist's hier bei Ihnen fidel. Zu Tetwerew.   Nur Sie, weißer Rabe, Sie allein machen noch ein finstres Gesicht – warum denn?

Teterew:  Auch ich bin vergnügt … Nur schweige ich gewöhnlich, wenn ich mich amüsiere, und ich bin nur laut, wenn der Gram mich drückt …

Nil:  Wie alle großen, klugen, mürrischen Hunde …

Jelena:  Ich habe sie bisher weder gramvoll noch lustig gesehen, sondern immer nur philosophierend. Denken Sie sich, Herrschaften – denk dir nur, Tanja – er unterrichtet mich in der Philosophie! Gestern hat er mir eine Vorlesung gehalten über irgendeinen Satz vom zureichenden Grunde … Ach, ich hab schon ganz vergessen, wie dieser wunderbare Satz eigentlich lautet … wie war's doch gleich?

Teterew  lächelnd:  Setze nichts ohne Grund …

Jelena:  Hören sie? Mit solchen verzwickten Dingen gebe ich mich jetzt ab! Sie wissen gar nicht, Herrschaften, daß dieser Satz so etwas wie eine Eiche darstellt, da er nämlich eine vierfache Wurzel hat … ist's richtig?

Teterew:  Ich wage nicht, es zu bestreiten …

Jelena:  Na, das dächt ich auch! Sie sollten es nur wagen! Die erste Wurzel –vielleicht ist's auch nicht die erste – ist der Satz vom zureichenden Grunde des Geschehens … das Geschehene ist die Materie in der Form … ich zum Beispiel bin Materie, die nicht ohne Grund die Form eines Weibes angenommen hat … die aber dafür – und zwar ohne jeden Grund – des Seins beraubt ist. Das Sein ist ewig, die Materie in der Form aber hat nur vorübergehenden Bestand – dann heißt es: Adieu! Ist's richtig?

Teterew:  Ganz gut …

Jelena:  Dann weiß ich auch, daß es einen Kausalnexus gibt, ferner ein Apriori und ein Aposteriori – aber was das für Zeug ist – hab ich vergessen! Und wenn ich von all diesen weisen Dingen nicht einen Glatze bekomme, dann werde ich sehr schlau davon. Das aber, was mich am meisten bei dieser Philosophie interessiert, ist – warum Sie, Terentij Chrisanfowitsch, mit mir überhaupt davon reden?

Teterew:  Weil es mir erstens größtes Vergnügen macht, Sie anzuschauen …

Jelena:  Danke! Ihr »zweitens« wird sicher nicht interessant sein …

Teterew:  Zweitens, weil der Mensch nur dann nicht lügt, wenn er philosophiert. …

Jelena:  Wieso? Nicht ein Wort versteh ich … Nun, Tanja, wie fühlst du dich? Wartet die Antwort nicht ab.  Pjotr Wassiljewitsch, Sie scheinen mit irgend etwas unzufrieden …

Pjotr:  Mit mir selbst …

Nil:  Und mit allem übrigen? …

Jelena:  Wissen Sie – ich habe heut große Lust zu singen! Wie schade, daß heut Sonnabend und die Abendandacht noch nicht zu Ende ist! Die beiden Alten treten ins Zimmer.  Ach, da kommen unsere frommen Kirchengänger! Guten Abend! …

Bessemjonow  trocken:  Ergebenster Diener …

Akulina Iwanowna:  Guten Abend, Mütterchen. Wir haben Sie doch heut schon gesehen?!

Jelena:  Ach ja! Ich hab's vergessen … Nun, wie war's in der Kirche? Wohl sehr heiß?

Bessemjonow:  Wir gehen nicht hin, um die Temperatur zu messen …

Jelena  verwirrt:  Natürlich nicht, das weiß ich … Ich wollte auch nur fragen: Waren viele Leute da?

Akulina Iwanowna:  Wir haben sie nicht gezählt, Mütterchen …

Polja  zu Bessemjonow:  Werden Sie Tee trinken?

Bessemjonow:  Erst essen wir etwas … Mutter, geh, besorg etwas! Akulina Iwanowna, die Nase rümpfend, ab. Alle schweigen. Tatjana erhebt sich und geht, von Jelena gestützt, an den Tisch. Nil setzt sich auf Tatjanas bisherigen Platz. Pjotr geht im Zimmer auf und ab. Teterew, der neben dem Klavier sitzt, beobachtet alle lächelnd. Polja beim Samowar. Bessemjonow sitzt auf der Truhe in der Ecke.  Was es jetzt für Menschen gibt – lauter Spitzbuben … Vorhin, als ich mit der Mutter in die Kirche ging, legte ich vor dem Torweg ein Brettchen hin, über den Schmutz, damit man leichter hinüberkäme. Wie wir nach Hause kommen, ist das Brettchen fort … irgendein Spitzbube hat es gestohlen . Wie verderbt die Menschen sind … Pause.  In der alten Zeit gab es nicht so viel Spitzbuben …damals gab man sich mehr mit Raub und Mord ab, weil die Seelen mehr auf das Große gerichtet waren … Man schämte sich, einer Kleinigkeit wegen das Gewissen zu belasten … Auf der Straße hört man Singen und Harmonikaspiel. Hört … da singen sie gar! Sonnabend ist's – und sie singen! Der Gesang kommt näher; man kann zwei Stimmen unterscheiden. Handwerksgesellen jedenfalls.  Sie haben Feierabend gemacht, sind in die Schenke gegangen, haben ihren Lohn vertrunken und zerreißen sich jetzt die Gurgel. Der Gesang ertönt jetzt dicht unter den Fenster; Nil drückt sein Gesicht an die Fensterscheibe und sieht auf die Straße hinaus.  So geht's ein Jahr, höchstens zwei … dann sind sie fertig! Strolche und Spitzbuben sind sie dann geworden …

Nil:  Es scheint, daß es Pertschichin ist …

Akulina Iwanowna  in der Tür:  Vater, komm zum Abendbrot!

Bessemjonow  erhebt sich:  Pertschichin … das ist auch … solch ein unnützer Mensch. Ab. 

Jelena  folgt ihm mit den Blicken:  Bei mir oben … ist das Teetrinken eigentlich behaglicher.

Nil:  sie haben mit dem alten sehr geistreich gesprochen …

Jelena:  Er bringt mich immer aus dem Konzept … Er hat mich nicht gern – und das ist mir unangenehm … ja, es verletzt mich sogar. Warum kann er mich nicht leiden?

Pjotr:  Er ist eigentlich ein gutmütiger alter Mann – aber er besitzt eine große Eigenliebe …

Nil:  Und dann ist er auch ein bißchen habgierig … und ein bißchen bösartig …

Polja:  Pßt! So soll man nicht hinter dem Rücken eines Menschen reden! Das ist nicht schön.

Nil:  Daß er habgierig ist? Nein, das ist nicht schön …

Tatjana  trocken:  Ich schlage vor, daß wir von diesem Thema absehen … Der Vater kann jeden Augenblick hereinkommen … während der letzten drei Tage hat er nicht geschimpft … sucht gegen jedermann freundlich zu sein …

Pjotr:  Und das fällt ihm wahrhaftig nicht leicht …

Tatjana:  Man muß das anerkennen … Er ist alt … er ist nicht schuld daran, daß er vor uns geboren wurde … und nicht so denkt wie wir … Erregt.  Wieviel Grausamkeit steckt doch in den Menschen! Wie hart, wie mitleidslos sind wir alle! Man lehrt uns, daß wir einander lieben sollen … man sagt uns: Seid gut … seid sanftmütig …

Nil,  ihren Ton nachahmend:  Man setzt sich auf unsern Nacken und reitet auf uns … Jelena lacht; Polja und Teterew lächeln. Pjotr geht auf Nil zu, dem er irgend etwas sagen will. Tatjana schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.  

Bessemjonow  tritt herein und wirft Jelena einen unfreundlichen Blick zu:  Pelageja! Dein Vater ist dort in der Küche … Geh, sag ihm, er möchte ein andermal kommen, wenn er nüchtern ist … ja! Sag ihm: »Väterchen – geh du nach Hause …« und so etwas … Polja und hinter ihr Nil ab.  

Bessemjonow  zu dem abgehenden Nil:  Geh auch du … sieh dir deinen zukünftigen … hm … Bricht ab und setzt sich an den Tisch.  Was schweigt ihr denn? Ich habe beobachtet, daß sobald ich in die Tür trete, gleich alle den Mund schließen …

Tatjana:  Wir reden auch sonst nicht viel …

Bessemjonow  schielt heimlich nach Jelena hinüber:  Und worüber habt ihr denn gelacht?

Pjotr:  So über irgendeine Albernheit! Nil …

Bessemjonow:  Immer dieser Nil! Alles geht von ihm aus … Das wußte ich ja …

Tatjana:  Soll ich dir Tee einschenken?

Bessemjonow:  Schenk ein …

Jelena:  Gib her, Tanja, ich werde eingießen …

Bessemjonow:  Nicht doch! Warum wollen Sie sich bemühen, meine Tochter wird mir einschenken …

Pjotr:  Ich denke doch, es ist gleichgültig, wer einschenkt … Tanja ist krank …

Bessemjonow:  Ich habe dich nicht gefragt, wie du darüber denkst, Wenn dir fremde Leute lieber sind als deine Verwandten …

Pjotr:  Vater! Daß du dich nicht beherrschen kannst …

Tatjana:  Er fängt wieder an! Pjotr, sei vernünftig!

Jelena  gezwungen lächelnd:  Nun, es verlohnt sich doch nicht … Die Tür öffnet sich weit, und Pertschichin tritt ein. Er ist leicht angeheitert.  

Pertschichin:  Wassil Wassiljewitsch, ich bin hierher gekommen, … Du bist vor mir weggelaufen … ich aber bin dir … nachgekommen …

Bessemjonow  ohne ihn anzusehen:  Bist du gekommen, dann setz dich … Da, trink Tee …

Pertschichin:  Ich brauch keinen Tee –- trink ihn selber! … Ich bin gekommen, um mit dir zu reden …

Bessemjonow:  Wird was Rechtes sein! Lauter albernes Zeug …

Pertschichin:  Albernes Zeug? Lacht.  Bist du ein Sonderling! Nil kommt herein und bleibt, während er Bessemjonow streng anblickt, neben dem Schrank stehen.  

Pertschichin:  Vier Tage lang schickte ich mich an, zu dir zu kommen …na, und nun bin ich da …

Bessemjonow:  Sehr schön von dir!

Pertschichin:  So? Findest du es wirklich schön, Wassilij Wassiljewitsch? Du kluger Mann! Du reicher Man … Ich bin aber zu deinem Gewissen gekommen!

Pjotr  tritt an Nil heran, leise:  Warum hast du ihn hereingelassen?

Nil:  Laß ihn! Das geht dich nichts an!

Pjotr:  Was du immer anstellst … weiß der Teufel …

Pertschichin  Pjotr überschreiend:  Alter Mann, ich kenne dich schon lange!

Bessemjonow  aufgebracht:  Was willst du denn von mir?

Pertschichin:  Sag mir – warum hast du mich neulich aus dem Hause gejagt? Hab immer wieder drüber nachgedacht – und konnt's nicht fassen! Sag's doch, Bruder! Ich komm im Guten zu dir, ohne Haß …

Bessemjonow:  Mit 'nem gehörigen Affen kommst du, schäm dich!

Tatjana  will nach ihrem Zimmer gehen:  Pjotr, so hilf mir doch … oder nein, ruf Polja … Pjotr ab.  

Pertschichin:  Da ist Polja, meine liebe Tochter! Mein unschuldiges Vögelchen … Hast du mich vielleicht um ihretwillen fortgejagt? Wie? Darum, weil sie Tatjana einen Freier abspenstig gemacht hat?

Tatjana:  Oh! Wie abgeschmackt … wie albern …

Bessemjonow  erhebt sich langsam von seinem Platz:  Höre, du – Pertschichin! Zum zweitenmal …

Jelena  halblaut zu Nil:  Sie werden sich in die Haare geraten … Führen Sie ihn hinaus!

Nil:  Fällt mir nicht ein …

Pertschichin:  Zum zweitenmal … wirst du mich nicht hinausjagen, Wassil Wassiljewitsch! Hast keinen Grund dazu! Polja … ich liebe sie … ist meine brave Tochter! Na, und doch kann ich's nicht gut heißen, Bruder … was sie getan hat … nein! Was hat sie sich an fremdem Gut zu vergreifen? Das ist nicht schön!

Tatjana:  Lena! Hilf mir … ich geh in mein Zimmer … Jelena hilft ihr; während sie an Nil vorübergehen, spricht Tatjana halblaut zu ihm.  Daß ihr euch nicht schämt! Bringt ihn doch fort …

Bessemjonow  sucht sich zu beherrschen:  Pertschichin! Halt den Mund! Setz dich und schweig … oder geh nach Hause! Polja kommt herein; hinter ihr Pjotr. 

Pjotr  zu Polja:  so beruhigen Sie sich doch … ich bitte Sie ...

Polja:  Wassilij Wassiljewitsch! Warum haben Sie den Vater neulich aus dem Hause gejagt? Bessemjonow sieht finster und schweigsam alle nacheinander an. 

Pertschichin  droht Polja mit dem Finger:  Pst! Rede nicht, Tochter … Du weißt doch, warum sich …Tatjana vergiftet hat! Siehst du! Hör mich an, Wassil Wassiljewitsch! Laß mich alles entscheiden … nach Wahrheit und Gewissen, wie sich's gehört … Die Sache ist … sehr einfach …

Polja:  Laß sein, Vater …

Pjotr:  Erlauben sie, Polja …

Nil  zu Pjotr:  Schweig du lieber …

Bessemjonow:  Hör mal du, Pelageja – du bist mir zu keck …

Pertschichin:  Was sagst du! Sie … zu keck? Nein, sie ist im Gegenteil …

Bessemjonow:  So schweig endlich! Eins versteh ich nicht recht … wem gehört eigentlich dieses Haus? Wer ist hier Herr und Richter?

Pertschichin:  Richter – bin ich! Ich will über alles richten … und über alle, hübsch der Reihe nach … Vergreif dich nicht an fremdem Eigentum – soviel fürs erste! Hast du Fremdes genommen, so gib's zurück – das fürs zweite.

Pjotr  zu Pertschichin:  Nun laß endlich dein Geschwätz! Komm in mein Zimmer …

Pertschichin:  Laß mich, Pjotr – ich kann dich nicht leiden! Du bist ein hochmütiger Mensch … hohl bist du! Weißt gar nichts! … Was ist Kanalisation? Aha! Man hat mir's erklärt, Bruder … Pjotr zerrt ihn am Ärmel.  Rühr mich nicht an, du …

Nil  zu Pjotr:  Rühr ihn nicht an … laß das!

Bessemjonow  zu Nil:  Du willst wohl gar hier hetzen – was?

Nil:  Nein, ich möchte nur dahinterkommen, um was es sich handelt. Was hat Pertschichin verbrochen? Warum hat man ihn hinausgeworfen? … Was hat Polja damit zu schaffen?

Bessemjonow:  Das soll wohl ein Verhör sein?

Nil:  Und wenn's eins wäre – was tut's? Sie sind ein Mensch … ich ebenfalls …

Bessemjonow  voll Wut:  Nein, du bist kein Mensch … Du bist – ein wildes Tier …

Pertschichin:  Pst! Immer hübsch sacht, nach Recht und Gewissen …

Bessemjonow  zu Polja:  Und du – giftige Schlange! Du – Bettlerin! …

Nil  zähneknirschend:  Schreien Sie nicht! …

Bessemjonow:  Was wagst du? Hinaus, Natter! … Ich hab dich großgezogen … mit meinem Schweiß und Blut …

Tatjana  aus ihrem Zimmer:  Papa! Papa!

Pjotr  zu Nil:  Da hast du's! Ach, du … solltest dich schämen…

Polja  leise:  Wagen Sie nicht noch einmal, mich zu beschimpfen! Ich bin nicht Ihre Magd … Sie dürfen nicht jeden Menschen beleidigen … Und sagen Sie's endlich – warum haben Sie den Vater aus dem Hause gejagt?

Nil  ruhig:  Auch ich möchte es wissen … Wir sind doch hier nicht unter Irrsinnigen … Ein jeder ist verantwortlich für das, was er tut …

Bessemjonow  maßvoller, mit Gewalt an sich haltend:  Hüte dich, Nil, vor der Sünde … hüte dich! Geh in dich … Du bist mein Pflegling … ich habe dich aufgezogen …

Nil:  Werfen Sie mir das Brot nicht vor, das ich hier gegessen habe … Ich habe abgearbeitet, was ich verzehrt habe …

Bessemjonow:  Aber du hast … meine Seele gefressen … Räuber!

Polja  nimmt Nils Arm:   Gehen wir fort von hier1

Bessemjonow:  Geh, Schlange … Kriech zu! Deinetwegen … ist alles so gekommen … Du hast meine Tochter gebissen … deinetwegen leidet sie …

Pertschichin:  Wassil Wassiljewitsch! Immer hübsch sacht, nach Recht und Gewissen!

Tatjana  schreit:  Vater! Es ist nicht wahr! … Pjotr, so sag's ihnen doch! Erscheint in der Tür ihres Zimmers und schreitet, hilflos die Arme ausstreckend, nach der Mitte der Szene.  Das ist alles … so überflüssig! Oh, mein Gott! Pjotr! Terentij Chrisfanowitsch! Sagen Sie es ihnen doch … Nil! Polja! Um Gottes Willen – geht! Geht! Warum das alles? … Alle rennen wie kopflos hin und her. Teterew erhebt sich langsam, mit höhnischem Grinsen, vom Stuhl. Bessemjonow weicht vor Tatjana zurück. Pjotr stützt Tatjana mit seinen Armen und blickt dabei fassungslos um sich.  

Polja  zu Nil:  Gehen wir!

Nil:  Gut … Zu Bessemjonow:  Wir wollen gehen … Es tut mir leid, daß es so geräuschvoll geschieht …

Bessemjonow:  Geh, geh … führ sie fort…

Nil:  Ich kehre nicht mehr zurück …

Polja  laut, mit bebender Stimme:  Mir so etwas vorzuwerfen … ich hätte Tanja … ist's denn möglich? Bin ich denn schuld daran? Schämen Sie sich …

Bessemjonow  wutschnaubend:  Wirst du endlich gehen …

Nil:  Immer hübsch ruhig …

Pertschichin:  Regt euch nicht auf, Kinder! Alles im Guten …

Polja:  Leben sie wohl! Komm, Vater!

Nil  zu Pertschichin:  Gehen wir!

Pertschichin:  Nein, ich geh nicht mit euch! Es paßt mir nicht … Ich geh meine eignen Wege … Terentij! Ich steh hier ganz allein … hab mir nichts vorzuwerfen …

Teterew:  Komm auf mein Zimmer …

Polja:  So komm doch! Komm – bevor sie dich hinauswerfen …

Pertschichin:  Nein, ich geh nicht … Terentij – es paßt mir nicht, mit ihnen zu gehen! …

Pjotr  zu Nil:  So geht doch endlich … zum Teufel! …

Nil:  Ich gehe … Leb wohl … Was bist du doch für ein …

Polja:  Gehen wir, gehen wir! Beide ab. 

Bessemjonow  ruft hinter ihnen her:  Halt! Erst verneigt euch zum Abschied …

Pjotr:  So laß sie doch gehen, Vater! Hör auf …

Tatjana:  Papa! Lieber Papa! … Hör auf zu schreien …

Bessemjonow:  Nein! Sie sollen zurückkommen … hierher … sollen sie …

Pertschichin:  Nun, jetzt sind sie fort … 's ist besser so! Laß sie!

Bessemjonow:  Möchte ihnen zum Abschied noch Bescheid sagen … den Spitzbuben! Hab sie gespeist und getränkt … Zu Pertschichin.  Und du, alter Satan! Dummkopf! Kommst hierher und schwatzt drauflos … was willst du eigentlich? Was willst du?

Pjotr:  Papa! Genug …

Pertschichin:  Wassil Wassiljewitsch! Schrei nicht … Ich achte dich ja, du spaßiger Kauz! Bin zwar ein dummer Kerl, das ist richtig – aber ich weiß doch … was sich für jemanden ziemt …

Bessemjonow  nimmt auf dem Sofa Platz:  ich bin … ganz wirr im Kopf. Begreife gar nicht … was ist geschehen? Ganz plötzlich, wie im Sommer, in der heißen Zeit, wenn eine Feuersbrunst tobt … mit einemmal – fehlt einer! Ich kehr nicht wieder, sagt er … Und wie er's sagte: so einfach, mir nichts, dir nichts! Ach du … nein, ich kann's nicht glauben …

Teterew  zu Pertschichin:  Was machst du hier noch? Was willst du?

Pertschichin:  Nur der Ordnung wegen, Bruder! … Ich entscheide sehr einfach, siehst du: eins – zwei! Damit basta! Ist sie meine Tochter? Gut … dann muß sie mir … Schweigt plötzlich.  Aber was bin ich schließlich … für ein Vater? Nichts muß sie … Bin ein schlechter Vater! Mag sie leben, wie sie will! Und Tanja – die tut mir leid … Tanja … du tust mir leid … Ihr tut mir überhaupt … alle leid, meine Lieben! Ach ja! Denn um die Wahrheit zu sagen – ihr seid alle … Dummköpfe! …

Bessemjonow:  Schweig endlich …

Pjotr:  Tanja! Ist Jelena Nikolajewna gegangen?

Jelena  aus Tatjana Zimmer:  Ich mache hier … die Medizin zurecht.

Bessemjonow:  Ganz wüst ist mir im Kopf … nichts kann ich begreifen … Wird Nil wirklich … so fortgehen?

Akulina Iwanowna  kommt herein, besorgt:  Was ist denn geschehen? Nil und Polja sind in der Küche … und ich war in der Kammer nebenan …

Bessemjonow:  sind sie fort?

Akulina Iwanowna:  Nein … sie warten auf Pertschichin … Pelageja meinte zu mir: »Sag doch dem Vater, er möchte kommen« – und ihre Lippen zitterten dabei. Nil knurrt immerzu wie ein Hund. Was ist denn eigentlich los?

Bessemjonow  erhebt sich:  Wart mal … ich will doch sehen …

Pjotr:  Tu's nicht, Vater! Geh nicht …

Tatjana:  Papa! Laß es doch, bitte …

Bessemjonow:  Was soll ich lassen?

Akulina Iwanowna:  Ja – was ist denn geschehen?

Bessemjonow:  Nil geht fort … für immer … begreifst du?

Pjotr:  Nun, was schadet's denn? Laß ihn gehen! Was soll es dir? Er heiratet … er will seinen eignen Hausstand gründen …

Bessemjonow:  Ah! So bin ich also … ich bin ihm ein Fremder?

Akulina Iwanowna:  Was beunruhigst du dich, Vater? Gott mit ihm! Laß ihn gehen … Wir haben unsre eignen Kinder … Was willst du denn noch, Pertschichin? So geh doch!

Pertschichin:  Ich geh nicht mit ihnen … hab meinen eignen Weg …

Bessemjonow:  Nicht darum ist es mir zu tun, daß er gegangen ist! Willst du gehen – meinetwegen! Aber wie … wie er gegangen ist! Mit was für Augen er mich angesehen hat! … Jelena kommt aus Tatjanas Zimmer. 

Teterew  nimmt Pertschichin Arm und führt ihn nach der Tür:  Komm, wir trinken ei Gläschen Minze …

Pertschichin:  Ach, du Sänger Gottes! Das war ein rechtes Wort! Pertschichin und Teterew ab.  

Bessemjonow:  Ich wußte, daß er uns verlassen würde … aber doch nicht auf die Art! Und diese … diese Jungfer … diese Tagelöhnerin schreit mich an … ich will ihnen doch meine Meinung sagen …

Akulina Iwanowna:  Laß schon, Vater! Sie sind ja für uns Fremde! Wer wird ihnen denn nachlaufen? Sie sind fort – und damit gut.

Jelena  zu Pjotr:  Kommen sie zu mir …

Tatjana  zu Jelena:   Auch ich … nehmt auch mich mit …

Jelena:  Mit Vergnügen … gehen wir!

Bessemjonow  der ihre Worte gehört hat:  Wohin denn?

Jelena:  Nach Hause … zu mir …

Bessemjonow:  Wen riefen sie? Pjotr?

Jelena:  Ja … ihn und Tanja …

Bessemjonow:  Von Tanja red ich nicht. Pjotr aber hat … bei Ihnen nichts zu suchen!

Pjotr:  Erlaube, Vater! Ich bin kein kleiner Junge! Ich gehe oder gehe nicht … wie es mir gefällt!

Bessemjonow:  Du wirst nicht gehen!

Akulina Iwanowna:  Petja, gib nach! Folg dem Vater!

Jelena  empört:  Erlauben Sie, Wassilij Wassiljewitsch! …

Bessemjonow:  Nein, erlaubt ihr schon, meine gebildeten Herrschaften! Wenn ihr auch euer Gewissen verloren habt und keinen Menschen respektiert …

Tatjana  schreit hysterisch:  Papa! Hör auf!

Bessemjonow:  Schweig! Wenn du nicht Herrin deines Schicksals bist – dann schweig! … Halt – wohin? Jelena geht zur Tür.  

Pjotr  stürzt ihr nach und faßt ihre Hand:  Erlauben sie … nur einen Augenblick … wir müssen uns aussprechen … ein für allemal …

Bessemjonow:  Hier muß man vor allem mich anhören … haben Sie also die Güte! Lassen sie mich klar darüber werden: was geht hier vor? Pertschichin kommt herein, vergnügt, mit strahlendem Gesicht; hinter ihm, gleichfalls lächelnd, Teterew. Sie bleiben an der Tür stehen und sehen sich gegenseitig an. Pertschichin deutet blinzelnd, mit einer Handbewegung, auf Bessemjonow.  Alles läuft hier fort – ohne ein Wort der Erklärung … ohne Sinn und Zweck … Das ist unpassend … verletzend … Wohin willst du denn gehen, Pjotr? Wer bist du eigentlich? Wie willst du leben? … was willst du tun? Akulina Iwanowna schluchzt. Pjotr, Jelena und Tatjana stehen in einer Gruppe eng beieinander vor Bessemjonow; bei den Worten: »Wohin willst du denn gehen?« begibt sich Tatjana an den Tisch, neben dem ihre Mutter steht. Pertschichin macht Teterew Zeichen, schüttelt den Kopf und fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, als wollte er Vögel verscheuchen.  Ich hab ein Recht, dich zu fragen … Du bist jung, bist noch … dumm … Achtundfünfzig Jahre lang hab ich meine Sehnen angespannt, in Arbeit und Sorgen für meine Kinder …

Pjotr:  Das hab ich schon hundertmal gehört, Vater …

Bessemjonow:  Halt den Mund!

Akulina Iwanowna:  Ach Petja, Petja …

Tatjana:  Mama, du weißt nicht … um was es sich handelt! Akulina Iwanowna schüttelt den Kopf.  

Bessemjonow  zu Pjotr:  Schweig du! Was kannst du vorbringen zu deiner Rechtfertigung? Worauf hinweisen? Es gibt nichts …

Pjotr:  Vater! Du quälst mich wahrhaftig … Was willst du eigentlich von mir? Was verlangst du?

Akulina Iwanowna  plötzlich laut:  Wart, laß auch mich reden … Auch ich hab was auf dem Herzen … Sag nur, mein Sohn – was tust du? Was hast du da eingefädelt? Wen hast du in der Sache befragt?

Tatjana:  Das ist schrecklich! Das ist, wie wenn man mit einer stumpfen Säge sägte … Zur Mutter.  Ihr zerreißt einem Seele … und Leib …

Akulina Iwanowna:  Wie nanntest du deine Mutter? Eine Säge? Deine eigene Mutter?

Bessemjonow:  Wart, Alte! Er will was sagen … mag er sich aussprechen…

Jelena  zu Pjotr:  Nun hab ich's satt. Ich kann's nicht länger mit ansehen … ich gehe …

Pjotr:  Warten Sie … um Gottes willen … Gleich wird sich alles klären …

Jelena:  Nein – das ist hier ein wahres Irrenhaus …

Teterew:  Jelena Nikolajewna – gehen sie! Schicken Sie sie alle miteinander zum Teufel!

Bessemjonow  zu Teterew:  He, sie … mein Herr …

Tatjana:  Hört denn das nicht endlich auf? Pjotr, so geh doch!

Pjotr  fast schreiend:  Vater … Mutter … seht her! Ich stell euch meine Braut vor! Pause. Alle schauen auf Pjotr. Dann schlägt Akulina Iwanowna die Hände zusammen und blickt erschrocken auf ihren Gatten. Bessemjonow weicht mit dem ganzen Körper zurück, als wenn er einen Stoß erhalten hätte, und neigt hierauf den Kopf. Tatjana seufzt schwer und geht langsam, mit kraftlos herabhängenden Armen zum Klavier.  

Teterew  halblaut:  Die Zeit hat er recht geschickt gewählt …

Pertschichin  tritt vor:  Na, siehst du – da fliegt ja das ganze Nest aus! Immer heraus aus dem Bauer, Kinderchen – wie die Vögel zu Mariä Verkündigung …

Jelena  zieht ihren Arm aus Pjotr Arm:  Lassen Sie mich! Ich kann nicht …

Pjotr  murmelnd:  Jetzt ist alles klar … mit einem Schlage …

Bessemjonow  verneigt sich ironisch vor Pjotr:  Nun, ich danke dir, mein Sohn … für die freudige Nachricht …

Akulina Iwanowna  weinerlich:  Ins Verderben rennst du, Petenka … Ist denn das 'ne Partie für dich? …

Pertschichin:  Die? Für Pjotr? Was plapperst du da, alte? Was ist denn der ganze Pjotr wert?

Bessemjonow  zu Jelena, langsam:  Auch Ihnen dank ich, meine Dame! Jetzt ist er ja geliefert! Er sollte sich jetzt hinsetzen und lernen …und statt dessen … wirklich sauber! Hab immer schon was geahnt … Böse.  Wünsch Ihnen Glück zu der Eroberung! Meinen Segen bekommst du nicht, Petka! Zu Jelena.  Und du … du … hast ihm aufgelauert … ihn gestohlen … du räudige Katze …

Jelena:  Wagen Sie es nicht! …

Pjotr:  Vater! Du bist … verrückt!

Jelena:  Nein, halten Sie ein, Pjotr – er sagt die Wahrheit! J, ich hab ihn euch weggenommen, ich selbst! Ich hab ihm zuerst den Vorschlag gemacht, daß er mich heiraten soll … Hören Sie, alter Uhu? Hören Sie? … Ich hab ihn euch entrissen … Er tat mir leid! Ihr habt ihn zuschanden gequält … Ihr seid eine Art Rost, und keine Menschen! Eure Liebe – war sein Verderben! Ihr denkt – oh, ich weiß, Ihr denkt es – daß ich das um meinetwillen getan habe? Nun – denkt, was ihr wollt … Oh, wie ich euch hasse!

Tatjana:  Lena! Lena! Was ist denn mit dir?

Pjotr:  Jelena … kommen Sie!

Jelena:  Hören Sie nun:: ich lasse mich vielleicht noch nicht mit ihm trauen! Das freut Sie, was? Es kann sehr leicht sein … Sie brauchen sich nicht vorzeitig zu ängstigen … Ich werde einfach so mit ihm leben … ohne Trauung … Aber ihr sollt ihn nicht wieder haben! Nein! Ihr sollt ihn nicht mehr quälen! Und er wird auch nie mehr zu euch kommen –- niemals! Niemals! Niemals!

Teterew:  Vivat! Vivat! Das ist ein Weib!

Akulina Iwanowna:  Ach – mein Gott! Vater … was ist das? Vater …

Pjotr  drängt Jelena zur Tür:  Komm … Kommen Sie … nur fort! Jelena entfernt sich und zieht Pjotr mit sich fort. 

Bessemjonow  sieht sich hilflos um:  So also steht's … Ruft plötzlich laut und rasch.  Holt die Polizei! Stampft mit den Füßen auf.  Hinaus aus der Wohnung! Gleich morgen … ach, du! …

Tatjana:  Papa! Was ist dir denn?

Pertschichin  schaut verständnislos drein:  Wassil Wassiljewitsch – alter Freund! Was ist dir denn? Was schreist du so? Solltest dich doch freuen …

Tatjana  tritt an den Vater heran:  So hör doch …

Bessemjonow  zu Tatjana:  Ah, sieh … Du bist auch noch da! Warum gehst du denn nicht fort? So geh doch – auch du! … Weißt nicht, wohin? Mit wem? Hast die Gelegenheit verpaßt? Tatjana reißt sich los und geht rasch zum Klavier. Akulina Iwanowna eilt ihr ratlos nach.  

Pertschichin:  Wassil Wassiljewitsch – sei vernünftig! Lernen wird der Pjotr jetzt natürlich nicht mehr … wozu auch? Bessemjonow blickt stumpf in Pertschichin Gesicht und nickt mit dem Kopf.  

Pertschichin:  Zu leben hat er … Du hast ja Geld genug gespart! … Ein Weibchen hat er, wie aus dem Ei gepellt … und du schreist, machst Spektakel! So komm doch zur Besinnung, Sonderling! Teterew lacht laut.  

Akulina Iwanowna  wehklagend:  Alle haben uns verlassen … die Herzlosen …

Bessemjonow  blickt um sich:  Schweig, Mutter! Sie werden wiederkommen … werden es nicht wagen! … Wohin sollen sie gehen? Zu Teterew.  Was fletschst du die Zähne? Pestbeule du! Satan! Fort aus meinem Hause! Ihr seid alle eine einzige Räuberbande …

Pertschichin:  Wassil Wassilitsch!

Bessemjonow:  Fort mit dir! Unglücklicher … Landstreicher …

Akulina Iwanowna:  Tanja! Tanetschka! Meine Liebe! Du Kranke, Unglückliche! Was soll nun werden?

Bessemjonow:  Du hast alles gewußt, mein Töchterchen! Du wußtest es und hast geschwiegen. Verschworen habt ihr euch gegen den Vater! Plötzlich, wie erschreckend:  Du meinst … er wird nicht lassen von ihr? Von solch einem Weibsbild? Diese liederliche Person … soll er heiraten? Mein Sohn? Fluch über euch! Ihr Unseligen … Verworfenen …

Tatjana:  Laßt mich in Ruhe! Seht zu, daß ich euch … nicht hassen muß!

Akulina Iwanowna:  Mein Töchterchen! Mein unglückliches Kind! Zuschanden gequält haben sie dich … und uns alle … warum nur?

Bessemjonow:  Und wer hat's getan? Alles der Nil, dieser Räuber … dieser Schurke! Dem Sohne hat er den Kopf verdreht … der Tochter schweres Leid zugefügt! Erblickt Teterew, der neben dem Schrank steht.  Was willst du denn noch, du Lumpenkerl? Scher dich aus meinem Hause!

Pertschichin:  Wassil Wassiljewitsch! Was schimpfst du ihn? Sag – bei dir rappelt's wohl?

Teterew  zu Bessemjonow:  Schrei nicht, Alter! Wirst doch nicht alles verscheuchen, was auf dich eindringt … Beunruhige dich übrigens nicht … dein Sohn wird zurückkehren …

Bessemjonow  lebhaft:  Woher … woher weißt du es?

Teterew:  Er wird sich nicht weit fortwagen von dir. Er ist nur vorübergehend mal nach oben gegangen, oder vielmehr – man hat ihn hinaufgezogen … Aber er wird schon wieder herunterkommen … Du wirst sterben – er wird den Stall etwas umbauen, wird die Möbel in ihm umstellen und wird leben – wie du, ebenso ruhig, verständig und behaglich …

Pertschichin  zu Bessemjonow:  Siehst du? Sonderling du! Hitzkopf! Der Mensch wünscht dir alles Gute … beruhigt dich mit freundlichen Worten … und du brüllst auf ihn los! Ich sag dir, Terentij ist ein kluger Bursche! …

Teterew:  Er wird die Möbel hier umstellen – und in dem Bewußtsein ruhig weiterleben, daß er seine Pflicht gegen das Leben und die Menschen musterhaft erfüllt hat. Ihr seid euch ja ganz und gar ähnlich, ihr beiden …

Pertschichin:  Wie ein Ei dem andern …

Teterew:  Beide gleich feig … und gleich dumm …

Pertschichin  zu Teterew:  Halt! Was sagtest du?

Bessemjonow:  Hör, du – rede, aber schimpf nicht1 …

Teterew:  Auch ebenso habsüchtig wird er mal sein und ebenso selbstgerecht und hartherzig wie du. Pertschichin starrt verwundert in Teterews Gesicht; er hegt Zweifel darüber, ob Teterew den Alten tröstet oder schilt. Auch auf Bessemjonows Gesicht prägt sich Zweifel aus, doch interessiert ihn Teterews Rede.  Und sogar ebenso unglücklich wird er sein, wie du es jetzt bist … Das Leben geht weiter, alter, und wer nicht mitgeht, bleibt bald einsam zurück …

Pertschichin:  Da! Hörst du? 's geht also alles, wie es soll – und du ärgerst dich?!

Bessemjonow:  Bleib mir vom Halse mit deinem Geschwätz!

Teterew:  Und ebensowenig, wie sie dich jetzt schonen, werden sie deinen unglücklichen Jammerkerl von Sohn verschonen, und werden ihm ebenso die Wahrheit ins Gesicht sagen, wie ich sie dir jetzt sage … »Weshalb hast du nun gelebt?« werden sie ihn fragen – »was hast du Gutes vollbracht?« Und ganz so, wie du jetzt, wird dein Sohn keine Antwort finden …

Bessemjonow:  Das heißt … was du so sprichst … das hört sich ja ganz gut an! Aber was denkst du in deinem Herzen? Nein, ich glaube dir nicht. Es bleibt dabei: Du räumst dein quartier! Lange genug hab ich beuch ertragen! Auch du hast hier … Unheil genug gestiftet …

Teterew:  Ach, hätt' ich's nur getan! … Aber … ich tat's leider nicht … Ab.  

Bessemjonow  kopfschüttelnd:  Na, so will ich's also tragen … schön! Wollen's abwarten! Das ganze Leben hab ich gelitten … gut, so will ich weiter leiden! Geht in sein Zimmer.

Akulina Iwanowna  läuft hinter ihm her:  Vater! Du mein Geliebter! Wofür haben uns nur unsre Kinderchen … so gestraft? Ab in ihr Zimmer. Pertschichin steht in der Mitte der Szene und blinzelt verständnislos. Tatjana sitzt auf dem Stuhl am Klavier und blickt mit verstörten Augen ringsum; aus dem Zimmer der Alten vernimmt man dumpfes Gemurmel. 

Pertschichin:  Tanja! … Tan … Tatjana sieht ihn nicht an und antwortet ihm nicht.  

Pertschichin:  Tanja! Was ist denn los? Die einen sind fortgelaufen, die andern weinen? … Was soll denn das heißen? He? Schaut auf Tatjana und seufzt. Sonderbares Volk! Schaut nach der Tür zum Zimmer der Alten und dann kopfschüttelnd nach der Tür zum Hausflur.  Ich will lieber … zu Terentij gehen … Sonderbares Volk! Tatjana beugt sich langsam vor und stützt sich mit den Ellenbogen auf die Tasten des Klaviers. Ein unharmonischer Ton vieler Saiten schrillt laut durchs Zimmer und – verhallt.  

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