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Gutenberg > Maxim Gorki >

Die Kleinbürger

Maxim Gorki: Die Kleinbürger - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/gorki/kleinbue/kleinbue.xml
typedrama
authorMaxim Gorki
booktitleFrühe Dramen
titleDie Kleinbürger
publisherAufbau-Verlag-Berlin
year1952
firstpub1902
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
sendermichael koch (koch.text@t-online.de)
created20080225
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Dritter Aufzug

Dasselbe Zimmer. Morgen. Stepanida wischt den Staub von den Möbeln. Akulina Iwanowna wäscht das Teegeschirr ab.

Akulina Iwanowna:  Das Rindfleisch ist heut gar nicht fett – nimm also das Schmalz vom gestrigen Braten und tu's in die Suppe, damit sie fett scheint … Hörst du?

Stepanida:  Ich hör schon …

Akulina Iwanowna:  Und das Kalbfleisch wirst du braten … Tu nicht zuviel Butter in die Pfanne … am Mittwoch hab ich fünf Pfund gekauft und gestern, wie ich nachseh, ist kaum noch ein Pfund da …

Stepanida:  's ist eben so viel draufgegangen …

Akulina Iwanowna:  Ich seh, daß sie draufgegangen ist … Hast dir so viel davon ins Haar geschmiert, daß dein Kopf nur so glänzt …

Stepanida:  Riechen Sie's denn nicht, daß ich für mein Haar Öl aus dem Heiligenlämpchen nehme?

Akulina Iwanowna:  Na, schon gut … Pause.  Wohin hat dich denn Tatjana heut morgen geschickt?

Stepanida:  In die Apotheke … nach Salmiakgeist … Geh, sagt sie, hol mir für zwanzig Kopeken Salmiakgeist ...

Akulina Iwanowna:  Der Kopf wird ihr wohl wehtun … Seufzt.  Ewig hat sie was!

Stepanida:  Heiraten sollte sie … dann würde sie mit einemmal gesund werden …

Akulina Iwanowna:  's ist heutzutage nicht leicht, ein Mädchen an den Mann zu bringen … und bei 'ner Gebildeten ist's besonders schwer …

Stepanida:  Gibt's 'ne gute Mitgift, dann wird sich auch für 'ne Gebildete jemand finden … Pjotr guckt aus seinem Zimmer herein und versteckt sich wieder. 

Akulina Iwanowna:  Die Freude werden meine Augen nicht mehr sehen … Tatjana will doch nicht heiraten …

Stepanida: Wo wird sie nicht wollen … bei ihren Jahren!

Akulina Iwanowna:  Ach, 's ist ein Kreuz … Was für Gäste waren denn gestern oben bei unsrer Mieterin?

Stepanida:  Der Lehrer war da … der rothaarige.

Akulina Iwanowna:  Der, dem die Frau weggelaufen ist?

Stepanida:  Ganz recht, derselbige. Dann ein Steuerbeamter … so mager und gelb ist er im Gesicht …

Akulina Iwanowna:  Ich kenn ihn. Er hat 'ne Verwandte vom Kaufmann Pimenow zur Frau … er ist schwindsüchtig, wie man hört …

Stepanida:  Ja, so sieht er aus …

Akulina Iwanowna:  War unser Sänger da?

Stepanida:  Der Sänger war da, und auch Pjotr Wassiljewitsch war da … Lieder hat er gesungen, der Sänger nämlich … bis zwei Uhr hat er gebrüllt … wie 'n Ochse …

Akulina Iwanowna:  Und wann ist unser Petja nach Hause gekommen?

Stepanida:  Es fing schon an zu dämmern, wie ich ihm die Tür aufschloß …

Akulina Iwanowna:  Oh – oh!

Pjotr  tritt herein:  Na, Stepanida, beeil dich mit der Arbeit und geh …

Stepanida:  Gleich, gleich … Bin selber froh, wenn ich rasch fertig werde …

Pjotr:  Wenn du so froh darüber bist, dann arbeite mehr und schwätz weniger … Stepanida schnaubend ab. 

Pjotr:  Mama – ich hab dich schon so oft gebeten, nicht soviel mit ihr zu reden … Mit der Köchin vertrauliche Gespräche zu führen … und sie dies und das auszufragen – das ist wirklich nicht schön! Das wirst du doch zugeben!

Akulina Iwanowna  verletzt:  Soll ich dich am Ende jedesmal fragen, mit wem ich sprechen darf? Du läßt dich ja nicht herab, mit mir und dem Vater zu reden, drum laß mich wenigstens mit der Köchin ein Wort reden …

Pjotr:  Du mußt einsehen, daß sie dir nicht gleichsteht! Außer allerhand Klatsch wirst du schließlich doch nichts von ihr hören!

Akulina Iwanowna:  Und was hör ich von dir? Ein halbes Jahr sitzt du jetzt zu Hause, und nicht ein einziges Mal hast du für deinen Mutter ein Stündchen übriggehabt … Nichts hast du ihr erzählt … weder von Moskau noch sonst was …

Pjotr:  Na hör einmal …

Akulina Iwanowna:  Und machst du mal den Mund auf – dann hör ich nichts als Kränkungen von dir … da paßt dir bald dieses, bald jenes nicht … wie ein kleines Mädchen behandelst du deine eigne Mutter, belehrst sie, tadelst sie und machst dich lustig über sie … Pjotr mit ärgerlicher Geste, rasch ab in den Hausflur. 

Akulina Iwanowna  ruft hinter ihm her:  Da siehst du. Wie du dich mit mir unterhältst! Fährt sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen und beginnt zu weinen.  

Pertschichin  tritt herein, in einer zerrissenen Jacke, aus deren Löchern schmutzige Watte hervorschaut; er trägt Bastschuhe, eine Pelzmütze und einen Strick um die Lenden:  Was reibst du dir denn die Augen? Hat dich Petrucha wieder mal gekränkt? Was ist er denn so an mir vorbeigehuscht, wie 'ne Erdschwalbe? Nicht mal gegrüßt hat er … Ist Polja hier?

Akulina Iwanowna  seufzend:  In der Küche schneidet sie Kohl …

Pertschichin:  Bei den Vögeln, siehst du – da herrscht 'ne vernünftige Ordnung Ist der junge Vogel flügge geworden – dann heißt es; Flieg nach allen vier Windrichtungen! Der wird nicht erst lange dressiert von Vater und Mutter … Ist nicht etwas Tee für mich übriggeblieben?

Akulina Iwanowna:  Du scheinst dich auch an die Vogelordnung zu halten?

Pertschichin:  Ganz recht! Und ich fühl mich wohl dabei. Ich habe nichts, bin niemandem im Wege … leb sozusagen in der Luft statt auf der Erde …

Akulina Iwanowna  verächtlich:  Wirst drum auch nicht geachtet von den Menschen. Da, trink … 's ist nur kalter Tee, auch etwas dünn ist er …

Pertschichin  hält das Glas gegen das Licht:  Stark ist er nicht … na, dank dir schön … Besser als gar nichts. Könnt mir am Ende schaden, wenn er zu stark wäre … Und was die Achtung betrifft – so tut mir die einzige Liebe und achtet mich bloß nicht! … Ich acht ja auch selbst keinen Menschen …

Akulina Iwanowna:  Wem liegt wohl an deiner Achtung? Keinem Menschen! …

Pertschichin:  Ganz ausgezeichnet! Ich mag mit diesen gefräßigen Erdenmenschen nichts zu tun haben, die sich gegenseitig das Stückchen Brot aus dem Munde reißen. Ich bezieh meine Nahrung aus der Luft … von den Vögeln des Himmels leb ich … hab also ein reines Gewissen …

Akulina Iwanowna:  Na – und wann wird denn die Hochzeit sein?

Pertschichin:  Wessen Hochzeit? Meine? Haha! Noch hat sich das Kuckucksweibchen, das mich heiraten würde, in unsren Wäldern nicht gezeigt! Könnt am Ende zu spät kommen … und mich schon tot finden …

Akulina Iwanowna:  Schwatz keinen Unsinn, sondern sag's einfach: Wann verheiratest du sie?

Pertschichin:  Wen denn?

Akulina Iwanowna:  Na, deine Tochter! Stell dich doch nicht, als ob du nichts wüßtest!

Pertschichin:  Meine Tochter? Sobald sie will, verheirate ich sie … wenn nur erst einer da wäre …

Akulina Iwanowna:  Wann hat's denn zwischen ihnen angefangen?

Pertschichin:  Was denn? Zwischen wem?

Akulina Iwanowna:  Spiel nicht den Hanswurst! Sie hat doch wenigstens dir ein Wort gesagt …

Pertschichin:  Wovon?

Akulina Iwanowna:  Von der Heirat …

Pertschichin:  Von wessen Heirat?

Akulina Iwanowna:  Pfui doch! Bist 'n alter Mann … solltest dich schämen, dich so albern zu stellen …

Pertschichin:  Räsonier nicht und sag einfach –- was ist los?

Akulina Iwanowna:  Ach – ich hab keine Lust, mit dir weiter zu reden …

Pertschichin:  Und dabei redest du immerzu, nur daß man nicht daraus klug wird …

Akulina Iwanowna  voll Neid, in trocknem Tone:  Na, also … wann wirst du für Polja und Nil die Hochzeit ausrichten?

Pertschichin  springt auf, ganz verdutzt:  Was? Für Polja … und Nil? Was sagst du?

Akulina Iwanowna:  Hat sie dir wirklich nichts gesagt? Na, geht mir weg! Dem eignen Vater …

Pertschichin  freudig:  's ist also wahr? Du hast nicht gespaßt? Euer Nil will mein Mädel heiraten? Teufel noch eins – meine Poljika! Das ist ja 'ne richtige Quadrille, nicht bloß eine Poljka … Nein, das ist wirklich gut. Und ich war immer der Meinung, Nil würde eure Tatjana heiraten … So hat's wenigstens immer ausgesehen …

Akulina Iwanowna  verletzt:  Wer wird ihm denn die

Tatjana geben! Das paßte uns gerade ... einem solchen Querkopf …

Pertschichin:  Dem Nil? Und wenn ich zehn Töchter hätte – mit geschlossenen Augen gäb ich sie ihm, alle miteinander. Nil? Der ist imstande, ganz allein hundert Menschen zu ernähren. Nil? Ha ha!

Akulina Iwanowna  spöttisch:  Ich seh, er wird 'nen guten Schwiegervater haben.

Pertschichin:  Schwiegervater? Nein – der denkt gar nicht daran, ihm auf dem Halse zu liegen! Herr des Himmels, ein Tänzchen möchte ich am liebsten machen vor Freude! … Jetzt bin ich ja … ein freier Bursche! … Na, das soll ein Leben werden! Niemand kriegt mich jetzt mehr zu sehen … heidi in den Wald … verschwunden ist mein Pertschichin! Ei, ei, Polja! Ich dachte so manches Mal: Wie wird's dem Mädel mal gehen? Vorwürfe machte ich mir sogar … hast sie in die Welt gesetzt und kannst nicht für sie sorgen … Und jetzt … jetzt kann ich gehen, wohin ich will. Den Vogel Phönix will ich fangen gehen, in ferne, ferne Länder …

Akulina Iwanowna:  Da wärst du schön dumm! Wer wird denn vor dem Glück fortlaufen?

Pertschichin:  Glück? Mein Glück liegt eben darin, daß ich fortlaufen kann ... Und Poljka … nun ja, die wird schon glücklich sein. Des bin ich sicher! Mit Nil … Mit einem so frischen, muntren, einfachen Jungen … das Hirn tanzt mir im Kopf vor Freude, und Lerchen singen mir im Herzen! Bin wirklich ein Glückspilz! Singt und stampft dazu im Takt mit den Füßen. 

Polja tat den Nil sich fangen,
Konnt 'nen Bessren nicht erlangen!
Ei da! Tralla! Trallala!

Bessemjonow  tritt herein, im Paletot, die Mütze in der Hand:  Schon wieder mal betrunken?

Pertschichin:  Vor lauter Freude. Hast gehört? Die Pelagia? … Lacht froh. Den Nil heiratet sie! Was? Die macht 'n Glück!

Bessemjonow  kühl und schroff:  Berührt uns nicht im geringsten … Wir kriegen das Unsrige …

Pertschichin:  Und ich dacht immer, Nil habe Absichten auf Tatjana …

Bessemjonow:  Wa–as?

Pertschichin:  Bei Gott, ich hab's gedacht! Weil nämlich Tatjana nicht abgeneigt schien … und ihn immer so anguckte … so, weißt du … na, du verstehst mich schon – wie? Und mit einemmal …

Bessemjonow  mit verhaltenem Grimm:  Ich will dir mal was sagen, mein Lieber … Du bist zwar ein Narr – das aber müßtest du begreifen, daß man von 'nem anständigen Mädchen nicht so gemeine Dinge sagen darf. Das wär Nummer eins. Spricht immer lauter. Weiter: Wen deine Tochter angeguckt hat … und wer sie wieder angeguckt hat – davon red ich nicht, und nur soviel sag ich: wenn sie den Nil heiratet, dann ist sie eben seiner wert. Es taugt keins von beiden was, und wenn sie mir auch noch so verpflichtet sind, so pfeif ich von jetzt an auf alle beide. Das wär Nummer zwei. Na, und jetzt noch ein Letztes: wir beide sind zwar miteinander entfernt verwandt, aber sieh dich doch mal an – wer bist du denn eigentlich? Der reinste Stromer! Sag mal – wer hat dir nur erlaubt, hierher, in dieses anständige Zimmer, in so zerlumptem Aufzug zu kommen – mit Bastschuhen an den Füßen, und überhaupt in einer solchen Kluft?

Pertschichin:  Was sagst du da, Wassilij Wassiljewitsch – was willst du denn, Bruder? Ist's denn das erstemal, daß ich … so zu dir komme?

Bessemjonow:  Hab's nicht gezählt, wie oft du hier warst, und will's auch nicht zählen. Ich seh nur das einen: wenn du so hierher zu kommen wagst, so geschieht's, weil du

vor dem Hausherrn keinen Respekt hast. Noch einmal sag ich dir: wer bist du? Ein Bettler, ein Strolch, ein Lumpenkerl … verstanden? Das wäre Nummer drei. Und jetzt – mach, daß du hinauskommst!

Pertschichin  wie betäubt:  Wassilij Wassiljewitsch! Warum denn? Was hab ich denn verbrochen?

Bessemjonow:  Hinaus! Mach keine Flausen …

Pertschichin:  So komm doch zur Besinnung! Ich hab dir doch nichts getan …

Bessemjonow:  Na, pack dich schon … sonst …

Pertschichin  zugleich vorwurfsvoll und mitleidig:  Ach, du Alter! Tust mir wirklich leid! Na – leb wohl! Geht hinaus. Bessemjonow richtet sich schweigend empor und geht finster und streng, mit schweren, festen Schritten, im Zimmer auf und ab. Akulina Iwanowna wäscht das Geschirr ab.; sie folgt mit ängstlichem Blick ihrem Gatten, wobei ihre Hände zittern und ihre Lippen sich lispelnd bewegen. 

Bessemjonow:  Was zischelst du denn da? Sagst wohl Hexensprüche her – oder was? …

Akulina Iwanowna:  Ich bete, Vater … ich bete …

Bessemjonow:  Denk mal … ich werde nun doch nicht zum Stadthaupt gewählt! Ich seh's schon – es wird nichts … die Halunken!

Akulina Iwanowna:  Was du sagst! Ei, ei! Aber weshalb denn nicht? Am Ende geschieht's doch noch …

Bessemjonow:  Was – geschieht doch noch? Fedjka Doßjekin, der Älteste der Schlosserzunft, will gern Stadthaupt werden … So 'n Bengel! So 'n grüner Junge!

Akulina Iwanowna:  So gräm dich doch nicht … vielleicht wählen sie ihn gar nicht …

Bessemjonow:  Es scheint nach allem … daß sie ihn wählen werden … Ich komm aufs Stadtamt – da sitzt er schon großartig da und hält 'ne Rede. Das Leben, sagt er, ist schwer – man muß zusammenhalten, sagt er … Die Handwerker dürften nicht einzeln leben – sie müßten

in Gemeinschaft handeln … genossenschaftlich, sagt er. Als ob alles heutzutage eine Fabrik wäre! Ich meinte darauf, die Juden wären an allem schuld – die müßten im Zaum gehalten werden. Eine Beschwerde solle man dem Gouverneur über sie einreichen – daß sie die Russen unterdrücken, zugleich mit der Bitte, sie aus unsrer Stadt auszuweisen … Tatjana öffnet leise die Tür vom Hausflur geht wankend nach ihrem Zimmer. 

Bessemjonow:  Darauf meinte er und schmunzelte dabei boshaft: was soll denn mit jenen Russen geschehn, die noch schlimmer sind als die Juden? Und mit behutsamen Worten spielte er dabei auf mich an … Ich stell mich, als ob ich nichts merkte, doch spürte ich's wohl, wo hinaus er wollte … der Schuft! Ich hörte mir's an – und ging fort … Wart, denk ich, dir will ich's heimzahlen … nun kam Michail Krjukow, der Töpfer, zu mir ran: »Weißt du, wer Stadthaupt wird?« sagt er – »am Ende gar Doßjekin!« … Und dabei guckt er zur Seite und wird ganz verlegen… Ich wollt ihm schon sagen: »Ach, du schieläugiger Judas!« …

Jelena  tritt herein:  Guten Morgen Wassilij Wassiljewitsch! Guten Morgen, Akulina Iwanowna! …

Bessemjonow  trocken:  Sie sind's! … Bitte … was ist gefällig?

Jelena:  Die Miete hab ich gebracht …

Bessemjonow  etwas liebenswürdiger:  Das lässt sich hören … wieviel denn? Gleich fürs ganze Quartal … Nun krieg ich noch vierzig Kopeken für zwei zerbrochene Scheiben im Korridorfenster und für eine Haspe am Holzschuppen … Ihre Köchin hat sie abgerissen … na, sagen wir zwanzig Kopeken.

Jelena  lächelnd:  Wie akkurat Sie sind! Bitte, ein Dreirubelschein … ich habe kein Kleingeld …

Akulina Iwanowna:  Einen Sack Kohlen haben Sie auch von uns genommen … vielmehr Ihre Köchin …

Bessemjonow:  Was kosten die Kohlen?

Akulina Iwanowna:  Fünfunddreißig Kopeken …

Bessemjonow:  Macht zusammen fünfundneunzig … zwei Rubel fünf Kopeken retour … bitte! Und was die Akkuratesse betrifft, meine Dame – so kann man sie nicht genug rühmen. Akkuratesse hält die ganze Welt zusammen … die Sonne selbst geht akkurat so auf und unter, wie's ihr von Ewigkeit her bestimmt ist … Und wenn schon am Himmel Ordnung herrscht – um wieviel mehr tut sie hier auf Erden not …Auch Sie sind ja akkurat … Kaum ist der Zahltermin da, so bringen Sie auch schon das Geld …

Jelena:  Ich habe Schulden nicht gern …

Bessemjonow:  Sehr schön von Ihnen! Dann wird Ihnen auch jeder Mensch trauen …

Jelena:  Nun, auf Wiedersehen. Ich muß gehen. Ab. 

Bessemjonow:  Unsere Hochachtung. Blickt ihr eine Weile nach. Hübsch ist sie, die Schelmin! Und doch würde ich sie mit dem größten Vergnügen aus dem Haus werfen …

Akulina Iwanowna:  Ach, das wär gut, Vater …

Bessemjonow:  Andrerseits wieder … kann man besser achtgeben, solange sie hier wohnt ... Ist sie erst weg – dann wird Petruschka in einem fort zu ihr rennen; hinter unserm Rücken kann sie ihn umso leichter kirren … Man muß auch in Betracht ziehen, daß sie die Miete pünktlich zahlt. … und alles ohne Widerrede ersetzt, was in der Wohnung ruiniert wird. Hm – ja! Für Pjotr freilich … ist Gefahr da … sogar große Gefahr …

Akulina Iwanowna:  Am Ende will er sie gar nicht heiraten … sondern nur so mit ihr …

Bessemjonow:  Ja, wenn man das wüßte … Dann wäre kein Wort weiter zu verlieren und kein Grund zur Beunruhigung. Das wäre, als wenn er in ein öffentliches Haus ginge … oder noch besser, sogar bequemer … Aus Tatjana Zimmer vernimmt man ein heiseres Stöhnen. 

Akulina Iwanowna  horchend, leise:  Hörst du?

Bessemjonow:  Was ist das?

Akulina Iwanowna  blickt unruhig umher.  Als wenn's im Hausflur gewesen wäre …

Bessemjonow  laut:  Eine Katze vermutlich …

Akulina Iwanowna  unentschlossen:  Was ich noch sagen wollte, Vater …

Bessemjonow:  Was denn? Sprich …

Akulina Iwanowna:  Bist du gegen Pertschichin nicht zu streng gewesen? Er ist doch so harmlos …

Bessemjonow:  Ist er wirklich so harmlos – dann wird er sich auch nicht drum härmen – Na, und nimm er's übel – dann verlieren wir nichts weiter an ihm. Groß ist die Ehre nicht, mit ihm bekannt zu sein … Das Stöhnen läßt sich von neuem vernehmen – diesmal lauter als das erstemal.  Wer ist das? Mutter …

Akulina Iwanowna  geängstigt:  Ich weiß es nicht … mein Gott … was ist das? …

Bessemjonow  stürzt hastig in Pjotr Zimmer:  Ist hier was los? Pjotr!

Akulina Iwanowna  läuft erschrocken hinter ihm her:  Petja! … Petja … Petja! …

Tatjana  ruft heiser aus ihrem Zimmer:  Hilfe … Mama … rettet mich … rettet! Bessemjonow und Akulina Iwanowna eilen auf das Geschrei schweigend aus Pjotr Zimmer, bleiben an der Tür zu Tatjana Zimmer einen Augenblick unentschlossen stehen und stürzen dann beide zugleich hinein. Tatjana schreit in ihrem Zimmer:  Es brennt so … o–o! Es schmerzt mich … Wasser! Gebt mir zu trinken … Rettet mich! …

Akulina Iwanowna  stürzt aus Tatjana Zimmer und reißt die Tür zum Hausflur auf; laut schreiend:  Erbarmen! Zu Hilfe! Petja!

Bessemjonow  in Tatjana Zimmer, mit dumpfer Stimme:  Was ist denn … meine liebe Tochter … was ist mit dir … meine Tochter …

Tatjana:  Wasser … Ich sterbe … Alles brennt in mir … o … Gott!

Akulina Iwanowna:  Hierher! Zu Hilfe …So kommt doch, meine Lieben …

Bessemjonow  aus Tatjana Zimmer:  Lauf rasch, hol den Doktor …

Pjotr  stürzt rasch von draußen herein:  Was gibt's denn? Was ist geschehen?

Akulina Iwanowna  greift nach seiner Hand, nach Atem ringend:  Tanja … liegt im Sterben …

Pjotr  macht sich von ihr los:  Laß mich los … laß mich … Eilt in Tatjana Zimmer.  

Teterew  kommt herein, sein Jackett anziehend:  Wo brennt's denn?

Bessemjonow  in Tatjana Zimmer:  Den Doktor! … Rasch den Doktor, Petja … Fünfundzwanzig Rubel biet ich! ...

Pjotr  stürzt aus Tatjana Zimmer; zu Teterew:  Laufen Sie zum Doktor ... Sagen Sie, ein Vergiftungsfall … eine Frau … ein Mädchen … hat Salmiakgeist getrunken … Rasch! Rasch! Teterew ab nach dem Hausflur.  

Stepanida  stürzt herein:  Du lieber Gott … Du lieber Gott.

Teterew:  Petja, ich verbrenne! Ich sterbe! … Leben will ich … leben! Gebt mir Wasser!

Pjotr:  Wieviel hast du genommen? Wann hast du's getrunken? Sprich …

Bessemjonow:  Mein liebes Töchterchen … meine Tanetschka …

Akulina Iwanowna:  Was hast du dir angetan … mein Kind!

Pjotr:  Mama, geh hier fort … Stepanida, führ Mama hinaus …Geh doch, Mama, sag ich dir! Jelena tritt herein und läuft in Tatjana Zimmer. Pjotr zu Jelena. Führen Sie Mama fort! Ein fremdes Weib von der Straße tritt ins Zimmer, bleibt an der Tür stehen, sieht sich im Zimmer um und flüstert etwas. 

Jelena  führt Akulina Iwanowna am Arm aus Tatjana Zimmer; flüsternd:  Es hat nichts auf sich … ist nicht gefährlich …

Akulina Iwanowna:  Mein Täubchen! Mein liebes Töchterchen … womit hab ich dich gekränkt? … womit erzürnt?

Jelena:  Es wird vorübergehen … Der Doktor wird helfen … welch ein Unglück! …

Das fremde Weib  faßt Akulina Iwanowna unter den andern Arm:  Verzag nicht, Mütterchen! So was kommt vor! Ja, meine Beste … Neulich zum Beispiel, beim Kaufmann Sitanow, da hat'n Pferd den Kutscher in die Seite geschlagen …

Akulina Iwanowna:  Oh, meine Liebe … was mach ich nun ohne dich! Du meine einzige Tochter! Man führt sie in ihr Zimmer. In Tatjana fließt das Geschrei der Kranken mit der tiefen Stimme des Vaters und mit Pjotrs abgerissenen, nervösen Reden ineinander. Ein Gefäß klirrt, ein Stuhl fällt zu Boden, das Eisen der Bettstelle knarrt, ein Kissen wird mit leisem Geräusch über den Boden gezerrt. Stepanida läuft ein paarmal aus dem Zimmer, zerzaust, mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen; sie nimmt Teller und Tassen aus dem Schrank, zerschlägt dabei irgend etwas und verschwindet wieder in Tatjana Zimmer. Aus dem Hausflur starren verschiedene Gesichter durch die offene Tür ins Zimmer, doch wagt niemand einzutreten. Ein kleiner Malerlehrling riskiert es endlich, guckt rasch in Tatjana Zimmer , kehrt sogleich wieder zurück und verkündet mit lautem Flüstern: »Sie stirbt!« Im Hofe läßt sich einen Drehorgel vernehmen, die jedoch sofort wieder verstummt. Unter den Neugierigen im Hausflur dumpfes Gemurmel: »Er hat sie totgeschlagen!« – »Wer denn?« – »Der eigne Vater … Sie wollt nicht auf ihn hören – da schlug er sie mit dem ersten besten Stück, das er erwischte, auf 'n Schädel …« – »Lüg doch nicht – sie hat sich selber den Hals abgeschnitten …« Eine Frauenstimme fragt: »War sie verheiratet?« Irgend jemand schmatzt bedauernd mit den Lippen.  

Das fremde Weib  kommt aus dem Zimmer der Alten, nimmt ein Stück Weißbrot vom Tisch, steckt es unter ihr Tuch und geht auf die Tür zu:   Still doch, sie stirbt! …

Eine männliche Stimme:  Wie heißt sie denn?

Das fremde Weib:  Lisaweta …

Eine weibliche Stimme:  Was ist eigentlich mit ihr passiert?

Das fremde Weib:  Ach, das war schon zu Mariä Himmelfahrt … da sagte ihr Vater zu ihr: »Lisaweta«, sagt er … Eine Bewegung geht durch die Menge. Teterew und der Arzt treten ein. Der Arzt geht in Hut und Paletot geradeaus in Tatjana Zimmer. Teterew wirft nur einen Blick hinein und wendet sich dann finster ab. Aus Tatjana Zimmer vernimmt man, wirr durcheinander, Sprechen und Stöhnen. Aus dem Zimmer der Alten tönt Akulina Iwanownas Wehklagen und Schreien: »Laß mich! Laß mich zu ihr gehen!« Im Hausflur dumpfes Stimmengewirr. Man vernimmt einzelne ausrufe: »Was für ein ernster Mensch! … Ein Kirchensänger ist's … Wirklich … Gewiß doch … bei Johannes dem Täufer …« 

Teterew  nähert sich der Tür:  Was wollt ihr hier? Macht, daß ihr fortkommt! Vorwärts!

Das fremde Weib  drängt sich gleichfalls nach der Tür:  Geht, ihr guten Leute … Ihr habt hier nichts zu suchen …

Teterew:  Wer bist du denn eigentlich? Was willst du hier?

Das fremde Weib:  Ich, Väterchen? Ich handle mit Obst, mit Suppengrün, mit Gurken …

Teterew:  Was hast du hier zu suchen?

Das fremde Weib:  Ich ging zu meiner Gevatterin, Väterchen, zur Semjagina …

Teterew:  Na, und was willst du hier .?

Das fremde Weib:  Ich geh vorüber … ich hör mit einemmal Lärm … da denk ich, es brennt …

Teterew:  Nun?

Das fremde Weib:  Und da ging ich rein … das Unglück zu besehen …

Teterew:  Mach, daß du fortkommst! Ihr alle … fort aus dem Hausflur! …

Stepanida  stürzt hastig aus Tatjana Zimmer, zu Teterew:  Rasch 'nen Eimer Wasser … rasch hol ihn! Wieder zurück in Tatjana Zimmer. 

Ein alter Mann  mit verbundener Backe, steckt den Kopf ins Zimmer; zu Teterew:  Sie, Herr! Blinzelt nach dem Weibe.  Sie hat Ihnen hier vom Tisch 'ne Semmel gestriezt! … Teterew geht in den Hausflur und jagt die Neugierigen fort. Man hört aus dem Flur ein Stampfen und Drängen; ein Straßenjunge schreit: »Au! au!.« Irgend jemand lacht, ein andrer ruft verweisend: »Macht doch keinen Lärm!«  

Teterew  im Hausflur:  Marsch, zum Teufel!

Pjotr  kommt aus Tatjana Zimmer und blickt in den Hausflur:  Still hier! … Ruft in Tatjanas Zimmer.  Komm, Vater, geh zur Mama hinein! Nun, so komm doch! Schreit in den Hausflur.  Laßt keinen Menschen herein! Zurück in Tatjanas Zimmer. Bessemjonow kommt schwankend heraus, setzt sich auf einen Stuhl am Tisch, und starrt dumpf vor sich hin; dann erhebt er sich und geht in sein Zimmer. 

Akulina Iwanowna  im Zimmer der Alten, dessen Tür offensteht:  Hab ich sie vielleicht nicht geliebt? Hab ich sie nicht gehütet?

Jelena  im Zimmer der Alten:  Nun beruhigen Sie sich schon … meine Beste…

Akulina Iwanowna  im Zimmer der Alten:  Vater! Mein Lieber, Guter! … Die Tür wird hinter Bessemjonow geschlossen. Die Bühne bleibt einen Augenblick leer. Aus dem Zimmer der Alten hört man gedämpftes Sprechen, aus Tatjanas Zimmer leises Gespräch, Stöhnen und Hin- und Herlaufen. Teterew trägt einen Eimer Wasser herein, stellt ihn an die Tür von Tatjana Zimmer und klopft leise. Stepanida öffnet die Tür, trägt den Eimer hinein und kommt dann, sich den Schweiß vom Gesicht wischend, wieder heraus. 

Teterew:  Nun?

Stepanida:  's ist nicht schlimm, heißt es …

Teterew:  Hat der Doktor es gesagt?

Stepanida:  Ja. Aber ich glaub's nicht … Mit einer Geste der Verzweiflung.  Wenn schon Vater und Mutter nicht zu ihr dürfen …

Teterew:  Fühlt sie sich denn besser?

Stepanida:  Wer kann's sagen? Sie stöhnt nicht mehr so … Aber ganz grün ist sie … und so große Augen hat sie … unbeweglich liegt sie da … Flüsternd.  Wie oft hab ich's gesagt: »Verheiraten Sie sie!« sagt ich, »ei, ei, verheiraten Sie sie!« Aber sie hörten einfach nicht auf mich … und da haben sie's jetzt! Kann denn ein gesundes Mädchen so lange ohne Mann bleiben? Und dann hat sie auch nicht an Gott geglaubt … hat nie gebetet, hat sich nie bekreuzt … da ist's kein Wunder!

Teterew:  Halt den Schnabel … alte Krähe!

Jelena  tritt herein:  Nun – wie geht's ihr, wie geht's ihr?

Teterew:  Ich weiß es nicht … Der Doktor soll gesagt haben, es sei nicht gefährlich …

Jelena:  Die Alten sind wie zerschmettert … sie tun mir leid! Teterew zuckt schweigend mit den Achseln. 

Stepanida  läuft nach der Tür zum Hausflur:  Kinder! Und sie Küche hab ich ganz vergessen! Ab. 

Jelena:  Wie kam denn das eigentlich? Was ist denn passiert? Arme Tanja … was für Schmerzen sie erdulden muß … Runzelt die Stirn und schüttelt sich. Es muß sehr weh tun – nicht? Ganz schrecklich?!

Teterew:  Weiß nicht. Hab noch nie Salmiakgeist getrunken …

Jelena:  Wie können Sie da nur scherzen!

Teterew:  Ich scherze nicht …

Jelena  öffnet die Tür zu Pjotr Zimmer und blickt hinein:  Und Petja … Pjotr Wassiljewitsch ist immer noch da drin, bei ihr?

Teterew:  Jedenfalls … wenigstens sah ich ihn nicht herauskommen.

Jelena  nachdenklich:  Ich kann mir vorstellen, wie das auf ihn gewirkt hat … Pause.  Wenn ich etwas Derartiges sehe, verspür ich einen förmlichen Haß gegen das Unglück …

Teterew  lächelnd:  Das ist sehr löblich von Ihnen.

Jelena:  Sie verstehen mich? Ich könnte es packen, unter meine Füße werfen und zertreten … ganz und gar, für immer.

Teterew:  Wen? Das Unglück?

Jelena:  Nun – ja! Ich fürchte es nicht – nein, ich hasse es! Ich liebe ein fröhliches, abwechslungsreiches Leben, seh gern viele Menschen um mich … Und ich versteh's, nicht nur mir sondern auch denen, die um mich herum sind, das Leben leicht und angenehm zu machen …

Teterew:  Auch wieder sehr löblich!

Jelena:  Und – wissen Sie was? Ich will's Ihnen gestehen … ich bin dabei furchtbar nüchtern … geradezu hart! Ich liebe die unglücklichen Menschen nicht … wissen Sie, es gibt solche Leute, die ewig unglücklich sind, was man auch mit ihnen anfangen mag! Setzen Sie einem solchen Menschen statt der Mütze die Sonne auf den Kopf – was kann's Herrlicheres geben? – und er wird immer noch klagen und winseln: »Ach, ich bin so unglücklich! Ich bin so einsam! Niemand schenkt mir Aufmerksamkeit … Das Leben ist so trostlos und langweilig … ach! oh! au! o weh!« Wenn ich einem solchen Monsieur begegne, fühle ich in mir den boshaften Wunsch, ihn noch unglücklicher zu machen …

Teterew:  Verehrte Dame –- auch ich will Ihnen etwas gestehen … Ich kann's absolut nicht leiden, wenn Weiber philosophieren – aber wenn Sie so Ihre Ansichten zum Besten geben, möchte ich Ihnen am liebsten die Hände küssen …

Jelena  schelmisch:  Nichts weiter? Und nur dann, wenn ich meine Ansichten auskrame? Sehr plötzlich beginnend.  Ei, ei, was tu ich denn da? Ich scherze und treibe Narrenspossen – während dort ein Mensch leidet …

Teterew  zeigt nach der Tür der Alten:  Auch dort leidet ein Mensch. Und überall, wohin Sie nur mit dem Finger zeigen – überall leidet ein Mensch! Das ist mal so die Gewohnheit des Menschen …

Jelena:  Aber er hat doch Schmerzen davon ...

Teterew:  Selbstverständlich …

Jelena:  Drum muß man Mitleid mit ihm haben …

Teterew:  Nicht immer … Eigentlich sollte man einen Menschen überhaupt nicht bemitleiden … Besser ist's, man hilft ihm.

Jelena:  Man kann doch nicht allen helfen … und ohne Mitleid zu empfinden, wird auch niemand helfen …

Teterew:  Ich bin der Meinung, Verehrteste, daß die Leiden in unbefriedigten Wünschen wurzeln. Der Mensch hat berechtigte und unberechtigte Wünsche. Helfen Sie ihm, jene zu befriedigen, damit er gesund und stark sei und sich als ein veredeltes Wesen über dass Tier erhebe …

Jelena  die nicht zugehört hat:  Mag sein, daß Sie recht haben … Aber was – nach Tatjana Zimmer nickend –  was geht da drinnen vor? Ob sie eingeschlafen ist? Es ist so still dort … sie flüstern ganz leise … Auch die Alten … haben sich beruhigt, sitzen verschüchtert in ihrem Winkel … Wie seltsam das alles ist … Plötzlich ein Stöhnen, Lärm, Geschrei, Hin- und Herrennen … und nun auf einmal – diese Stille …

Teterew:  So ist das Leben! Erst schreien die Menschen – dann werden sie müde und verstummen – haben sie ausgeruht – so werden sie wieder losschreien. Hier, in diesem Hause, verstummt alles ganz besonders schnell … Der Schmerzensschrei wie das Lachen der Freude … Jede Erschütterung wirkt hier wie ein Stockschlag auf eine Schmutzpfütze … Und als letzter Laut erschallt hier immer der Schrei der Trivialität. Ob sie triumphiert oder eins aufs Maul gekriegt hat: das letzte Wort muß sie immer haben …

Jelena  in Sinnen versunken:  Als ich noch im Gefängnis lebte, war's viel interessanter … Mein Mann war ein Kartenspieler, trank viel, fuhr oft auf die Jagd. Es war in einer Kreisstadt … da gab's allerhand kleine Beamte – mit denen er verkehrte. Ich war frei, ging nirgendshin, sah niemanden bei mir und lebte mit den Arrestanten. Sie liebten mich, kann ich sagen … Sie sind solche Sonderlinge, wenn man sie sich näher anschaut. Ganz prächtige, einfache Leute – ich versichere Sie! Wenn ich sie so ansah, hielt ich's für unmöglich, daß dieser da ein Mörder war, jener dort einen Raub verübt und ein Dritter sonst etwas Schreckliches begangen hatte. Fragte ich einmal: »Hast du wirklich einen Menschen ermordet?« – dann bekam ich zur Antwort: »Allerdings, Mütterchen Jelena Nikolajewna, ich hab gemordet … was läßt sich da schon tun?« Und ich hatte den Eindruck, als hätte er, dieser Mörder, eine fremde Schuld auf sich genommen … als hätte er nur mit dem Stein zugeschlagen, den eine fremde Gewalt hingeworfen hatte … ja! Ich kaufte ihnen verschiedene Bücher, gab in jede Zelle ein Damespiel, Karten … steckte ihnen Tabak zu … und auch Branntwein, aber nur wenig … Bei ihren Spaziergängen spielten sie Ball oder Klippe – ganz wie die Kinder, Ehrenwort! Zuweilen las ich ihnen aus humoristischen Büchern vor, und sie hörten zu und lachten v… wie Kinder. Ich kaufte Vögel und Vogelbauer – jede Zelle hatte ihren Vogel, und sie liebten die kleinen Sänger wie mich selbst. Und wissen Sie, was ihnen ganz besonders gefiel? Wenn ich irgend etwas Helles trug, eine rote oder gelbe Bluse zum Beispiel … ich versichere Sie, sie liebten die hellen, lachenden Farben! Und ich kleidete mich absichtlich so bunt wie möglich, um ihnen eine Freude zu machen … Seufzt.  Ganz vortrefflich lebte ich mit ihnen … ich merkte es gar nicht, wie die drei Jahre vergingen … und als dann ein Pferd meinen Mann erschlug, weinte ich, glaub ich, nicht so sehr um ihn wie um das Gefängnis … Es tat mir leid, daß ich es verlassen mußte … und auch die Arrestanten waren sehr betrübt … Sieht sich im Zimmer um.  Hier, in dieser Stadt, lebe ich nicht so angenehm … in diesem Hause ist etwas … etwas nicht in Ordnung. Nicht, als ob die Menschen nicht gut wären – nein, es ist etwas anderes. … Von alldem ist mir so traurig, so schwer ums Herz geworden … Da sitzen wir nun und plaudern … und dort stirbt vielleicht ein Mensch …

Teterew  ruhig:  Und er tut uns nicht mal leid …

Jelena  rasch:  Wie – er tut Ihnen nicht leid? …

Teterew:  Ihnen doch auch nicht …

Jelena  leise:  Ja, Sie haben recht. Das ist nicht schön … Ich begreif's wohl … aber ich fühle es nicht, daß es nicht schön ist. Verstehen Sie: es ist doch mal so – man begreift, daß etwas schlecht ist, aber man fühlt es nicht … Mir tut eigentlich Pjotr Wassiljewitsch mehr leid als sie … Er tut mir überhaupt leid … er hat's hier nicht gut … nicht wahr?

Teterew:  Hier hat's kein Mensch gut …

Polja  tritt herein:  Guten Mor …

Jelena  springt auf und eilt auf sie zu:  Pß-ßt! Leise! Denken Sie sich … Tanja hat sich vergiftet!

Polja:  Wa–as?

Jelena:  Ja, ja. Der Arzt ist bei ihr, und ihr Bruder …

Polja:  Sie stirbt? Sie wird sterben?

Jelena:  Niemand weiß es …

Polja:  Aber weshalb denn? Hat sie es gesagt, weshalb? Nein?

Jelena:  Ich weiß es nicht!

Pjotr  steckt seinen zerzausten Kopf ins Zimmer:  Jelena Nikolajewna … auf einen Augenblick … Jelena rasch ab in Tatjana Zimmer. 

Polja  zu Teterew:  Was sehen Sie mich so an?

Teterew:  Wie oft haben Sie diese Frage schon an mich gestellt?

Polja:  Wenn Sie mich immer so anstarren … mit diesem sonderbaren Blick … warum tun Sie das? Tritt dicht an ihn heran, in strengem Ton.  Sie geben doch nicht etwa … mir die Schuld daran?

Teterew  lächelnd:  Fühlen Sie sich vielleicht schuldig?

Polja:  Ich fühle nur, daß Sie mir … immer unausstehlicher werden … Nun wissen Sie's. Erzählen Sie lieber, wie das alles zuging.

Teterew:  Sie haben ihr gestern … einen ganz leichten Stoß gegeben – und weil sie ein ganz schwaches Ding ist, ist sie heut davon gefallen … Das ist alles.

Polja:  Das ist nicht wahr!

Teterew:  Was ist nicht wahr?

Polja:  Ich weiß, worauf Sie anspielen … es ist nicht wahr … Nil …

Teterew:  Was – Nil? Was hat Nil damit zu schaffen?

Polja:  Weder er noch ich … wir haben beide nichts damit zu tun. Lassen Sie also Ihre Sticheleien! Ich weiß, Sie beschuldigen uns … aber ich fühle keine Schuld! Ich liebe ihn, ja… und er liebt mich … schon längst …

Teterew  ernst: Ich beschuldige Sie durchaus nicht … Sie selbst haben sich irgendeiner Sache beschuldigt – und jetzt suchen Sie sich vor dem ersten besten zu rechtfertigen. Warum das? Ich schätze Sie sehr … wer hat Ihnen immer und immer wieder gesagt: »Verlassen Sie so bald wie möglich dieses Haus, kommen Sie nicht mehr her – denn hier ist's ungesund, hier wird Ihre Seele zerrüttet …« Das hab ich gesagt …

Polja:  Nun – und was weiter?

Teterew:  Weiter nichts. Ich wollte nur sagen, daß – wenn Sie nicht herkämen, Sie diese Pein nicht erdulden würden, die Sie eben jetzt erdulden …

Polja:  Das ist richtig. Aber wie geht's ihr denn? Ist's gefährlich? Was hat sie denn genommen?

Teterew:  Ich weiß es nicht … Pjotr und der Doktor kommen aus Tatjanas Zimmer.

Pjotr:  Polja – helfen Sie doch, bitte, Jelena Nikolajewna!

Teterew  zu Pjotr: Nun – wie steht's?

Der Doktor:  Eine Lappalie, unter uns gesagt. Sie ist nur sehr nervös, sonst hätte es überhaupt nichts auf sich … Sie hat nicht viel getrunken … Die Speiseröhre hat sie sich verbrannt … auch in den Magen ist etwas von dem Zeug gekommen, aber offenbar nur wenig … Na, und das haben wir ja glücklich herausgebracht …

Pjotr:  Sie werden müde sein, Doktor – nehmen Sie gefälligst Platz …

Der Doktor:  Ich danke … Acht Tage wird sie noch damit zu tun haben, länger nicht … Da hatte ich dieser Tage einen interessanten Fall … Ein Maler hatte in der Betrunkenheit ein Teeglas voll Lack getrunken … er hatte es für Bier gehalten … Bessemjonow kommt aus seinem Zimmer, er bleibt an der Tür stehen und schaut fragend, mit düstrem Blick, auf den Doktor. 

Pjotr:  Beruhige dich, Vater – es ist nicht gefährlich!

Der Doktor:  Haben Sie keine Angst! In ein paar Tagen kann sie wieder aufstehen ...

Bessemjonow:  Ist's wahr?

Der Doktor:  Ich gebe Ihnen die feste Versicherung.

Bessemjonow:  Nun … ich danke Ihnen! Wenn's wahr ist … wenn keine Gefahr mehr ist – meinen Dank! Pjotr, komm doch mal! … Er tritt mit Pjotr in die Tür seines Zimmers. Man hört Geflüster und das Klimpern von Geldstücken.

Teterew  zum Doktor:  Und was geschah mit dem Maler?

Der Doktor:  Ach, mit dem Maler … nichts weiter, er ist gesund geworden … Hm, ich glaube, ich bin Ihnen schon irgendwo begegnet …

Teterew:  Das kann schon sein …

Der Doktor:  Haben Sie vielleicht in den Typhusbaracken gelegen?

Teterew:  Allerdings …

Der Doktor  lebhaft:  Aha! Ja, ja – jetzt weiß ich's! Ich sehe doch – ein bekanntes Gesicht … Erlauben Sie … das war im Frühjahr, nicht wahr? Ich habe, scheint's, auch Ihren Namen behalten …

Teterew:  Auch ich erinnere mich Ihrer …

Der Doktor:  In der Tat?

Teterew:  Ganz genau. Als ich Rekonvaleszent war und sie bat, meine Portionen zu vergrößern, schnitten Sie mir eine ganz abscheuliche Grimasse und sagten zu mir: »Sei mit dem zufrieden, was du bekommst! Säufer und Strolche von deiner Art haben wir noch mehr hier …«

Der Doktor  verlegen:  Erlauben Sie, das ist … entschuldigen Sie, mein Name ist … Nikolai Trojerukow …

Teterew  tritt auf ihn zu:  Und ich bin Terentij Bogoslowskij, genannt Teterew, erblicher Alkoholiker und Ritter des grünen Drachenordens. Der Doktor weicht vor ihm zurück.  Hab keine Angst, ich tu dir nichts! Geht an ihm vorüber aus dem Zimmer. Der Doktor blickt ihm verdutzt nach und schlenkert mit seinem Hut. Pjotr tritt auf ihn zu. 

Der Doktor  immer noch an der Tür zum Hausflur blickend:  Na, auf Wiedersehen! Ich werde erwartet … Falls sie noch über Schmerzen klagen sollte, –- geben Sie ihr wieder von den Tropfen … schlimm können die Schmerzen nicht mehr werden … Auf Wiedersehen! … Ach ja … sagen Sie … eben war hier ein so … origineller Herr … ist wohl ein Verwandter von Ihnen? …

Pjotr:  Nein, unser Kostgänger ist's …

Der Doktor:  Aha! Aha! … Sehr angenehm! Ein origineller Mensch! Auf Wiedersehen … ich danke Ihnen. Ab. Pjotr begleitet ihn in den Hausflur. Bessemjonow und Akulina Iwanowna kommen aus ihrem Zimmer und gehen auf den Zehenspitzen nach der Tür von Tatjanas Zimmer. 

Bessemjonow:  Wart, geh nicht hinein … Horcht.  Man hört nichts. Vielleicht schläft sie … wir wollen sie nicht wecken … Führt seine Frau zu der Truhe in der Ecke. Sie setzen sich.  Hm – ja, Mutter! Einen schönen Festtag haben wir da erlebt! Das wird jetzt ein Geschwätz und Geklatsch in der Stadt – ohne Ende …

Akulina Iwanowna:  Was redest du da, Vater? Mag man es doch mit Posaunen ausblasen … wenn sie nur am Leben bleibt. Von allen Kirchtürmen mag man's ausläuten! …

Bessemjonow:  Nun ja … ich weiß … du hast recht … Aber du … ach, du begreifst eben schwer! 's ist doch eine Schande für uns!

Akulina Iwanowna:  Na nu … was für 'ne Schande?

Bessemjonow:  Die Tochter vergiftet sich – begreif's doch! Haben wir sie gekränkt, ihr irgendein Leid zugefügt? Ist sie vielleicht roh behandelt worden! Man wird allerhand reden … Ich pfeife ja darauf, ich will alles ertragen um meiner Kinder willen … aber weshalb das alles? Warum hat sie es getan? Man möchte es doch wenigstens wissen! Da hat man nun Kinder … und weiß nicht, was in ihren Seelen vorgeht! Keine Ahnung hat man! Wie verschlossen leben sie neben einem her … Das verletzt mich so tief …

Akulina Iwanowna:  Ich versteh dich … auch für mich ist's ja verletzend! Ich bin doch immer die Mutter … Da sorgt und sorgt man den ganzen Tag, und niemand sagt einem »Danke schön!« Ich versteh dich! Wenn sie wenigstens gesund und munter wären … aber so …

Polja  kommt aus Tatjanas Zimmer:   Sie schläft ein … Nicht so laut …

Bessemjonow  erhebt sich:  Wie geht's ihr? Kann man sie sehen?

Akulina Iwanowna:  Wir wollen ganz leise hineingehen …

Polja:  Der Doktor sagte, wir sollten niemanden hineinlassen …

Bessemjonow  mißtrauisch:  Woher weißt du es denn? Du warst ja noch gar nicht da, wie der Doktor bei ihr war …

Polja:  Jelena Nikolajewna hat mir's gesagt.

Bessemjonow:  Ist sie denn da drinnen? Seht doch … also 'ne fremde Person darf zu ihr hinein, und den Eltern wird's verboten! Sonderbar! …

Akulina Iwanowna:  Wir werden in der Küche zu Mittag essen … um sie nicht zu stören … Mein liebes Kind! …Nicht mal nach ihr sehen darf man … Mit einer verzweifelten Geste ab in den Hausflur. Polja steht an den Schrank gelehnt da und blickt stirnrunzelnd, mit zusammengepreßten Lippen, nach der Tür von Tatjanas Zimmer. Bessemjonow sitzt am Tisch, als wenn er etwas erwartete. 

Polja  leise:  War mein Vater heut nicht da?

Bessemjonow:  Dein Vater? Nach dem willst du ja gar nicht fragen! Was ist dir dein Vater? Ich weiß schon, nach wem du dich sehnst … Polja sieht ihn erstaunt an. 

Bessemjonow:  Dein Vater war da … jawohl! Abgerissen, schmutzig, in ganz unordentlichem Zustand … Trotzdem aber solltest du ihn achten …

Polja:  Ich achte ihn auch … warum sagen Sie mir das?

Bessemjonow:  Damit du dir's merkst! … Wenn dein Vater auch nur ein heimatloser Landstreicher ist, so mußt du ihm doch immer gehorsam bleiben … Aber wollt ihr junges Volk denn begreifen, was das heißt – ein Vater? … Gefühllos seid ihr alle … Du bist ein armes, obdachloses Mädchen, du solltest bescheiden sein und freundlich gegen jedermann … und du erlaubst dir zu räsonieren … äffst die gebildeten Leute nach … Hm – ja! Nun heiratest du also … und hier hat sich ein Mensch beinahe das Leben genommen! …

Polja:  Ich versteh nicht, was Sie da sagen … und warum Sie das alles sagen!

Bessemjonow  hat offenbar selbst den Gedankenfaden verloren, ärgerlich:  Such's zu verstehen … denk drüber nach … darum eben sag ich's ja! Was bist du eigentlich? Und doch hast du … einen Mann gefunden! Und meine Tochter … Aber was stehst du hier herum? Geh in die Küche … tu etwas … Ich will hier Krankenwache halten … geh! Polja sieht ihn erstaunt an und will gehen.  Wart noch! Vorhin hab ich … deinen Vater angeschrien …

Polja:  Warum denn?

Bessemjonow:  Das geht dich nichts an. Geh jetzt … geh! Polja verwundert ab. Bessemjonow geht leise an die Tür von Tatjanas Zimmer, öffnet sie ein wenig und will hineinsehen. Jelena kommt heraus und schiebt ihn zur Seite. 

Jelena:  Gehen Sie nicht hinein, sie scheint zu schlafen ... Beunruhigen Sie sich nicht …

Bessemjonow:  Uns darf alle Welt beunruhigen, das macht nichts aus! Euch aber …

Jelena  verwundert:  Was sagen Sie da? Sie ist doch krank!

Bessemjonow:  Ich weiß es ja … alles weiß ich … Ab in den Hausflur. Jelena sieht ihm achselzuckend nach. Geht nach der Fensterseite, setzt sich auf die Chaiselongue, legt die Hände in den Nacken und versinkt in Nachdenken. Auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln. Sie schließt sinnend die Augen. Pjotr tritt ein, düster, übelgelaunt. Er schüttelt den Kopf, als ob er etwas von sich abwerfen wollte. Sieht Jelena und stutzt. 

Jelena  ohne die Augen zu öffnen:  Wer ist da?

Pjotr:  Warum lachen Sie? Es berührt einen seltsam … jetzt, nach alledem … ein lachendes Gesicht zu sehen …

Jelena  sieht ihn an:  Sind Sie schlecht gelaunt? … sind erschöpft? Armer Junge … wie bedaure ich Sie!

Pjotr  setzt sich auf einen Stuhl neben sie:  Ich bedaure mich schon selber …

Jelena:  Sie müßten irgendwohin verreisen …

Pjotr:  Ja, das müßte ich. Warum sitz ich hier eigentlich? Dieses Leben ist mir unerträglich …

Jelena:  Wie möchten Sie denn leben? Sagen Sie es … Ich habe Sie oft danach gefragt … aber Sie haben mir nicht geantwortet … niemals …

Pjotr:  Es fällt mir schwer, mich auszusprechen …

Jelena:  Gegen mich?

Pjotr:  Auch gegen Sie … Weiß ich denn … wie Sie das, was ich Ihnen sagen würde, aufnehmen werden? Wie Sie überhaupt gegen mich gesinnt sind? Zuweilen scheint es mir, daß Sie …

Jelena:  Daß ich? Nun?

Pjotr:  Daß Sie es gut mit mir meinen …

Jelena:  Gewiß meine ich's sehr, sehr gut mit Ihnen … mein prächtiger Junge!

Pjotr  heftig:  Ich bin kein Junge, nein! Ich habe viel nachgedacht … Sagen Sie mir aufrichtig … finden Sie Gefallen an all diesem lärmenden Treiben, mit dem sich unser Nil, die Zwetajewa, Schischkin und all die … lebhaften Leute vergnügen? Sind Sie wirklich der Ansicht, daß diese gemeinsamen Lesestunden, diese Theatervorstellungen für die Arbeiter verständige Zerstreuungen sind, und daß dieser ganze alberne Firlefanz eine bedeutsame Sache ist, um deretwillen es sich zu leben verlohnt? Sagen Sie …

Jelena:  Mein Lieber, ich bin doch keine gebildete Frau! …Ich versteh das nicht, habe kein Urteil darüber. Ich bin nun mal keine ernste Person … Die Leutchen gefallen mir einfach … Nil sowohl wie Schischkin … Sie sind so lustig, haben immer was vor … Ich habe die lustigen Menschen gern … bin eben selbst von der Art … Aber warum fragen Sie?

Pjotr:  Mich kann das alles wütend machen! Wenn ihnen dieses Leben schon Bedürfnis ist … und sie daran Vergnügen finden – nun, meinetwegen! Ich will sie nicht hindern, ihnen nicht im Wege stehen … aber dann sollen auch sie mich nicht hindern, so zu leben, wie es mir

gefällt. Warum legen sie allem, was sie tun, eine ganz besondere Bedeutung bei … Warum sagen sie, ich sei ein Hasenfuß, ein Egoist? …

Jelena  faßt mit der Hand nach seinem Kopf:  Man hat ihn geärgert … er ist lebensmüde …

Pjotr:  Nein, das bin ich durchaus nicht … ich bin nur verbittert. Ich habe das Recht, so zu leben, wie es mir gefällt, mir und keinem andern! Habe ich dieses Recht?

Jelena   spielt mit seinem Haar:  Das ist wieder für mich eine viel zu knifflige Frage … Ich weiß nur eins: Ich lebe selbst so, wie ich's verstehe, und tue, was ich will! … Wenn man mich zum Beispiel überreden wollte, ins Kloster zu gehen – dann geh ich nicht! Und wenn man mich zwingen will – lauf ich fort und springe ins Wasser …

Pjotr:  Sie sind weit mehr mit jenen zusammen als mit mir … Sie gefallen Ihnen mehr als ich! Ich fühle das … Aber ich will und darf es aussprechen: Sie sind hohle Tonnen …

Jelena  verwundert:  Was sind sie?

Pjotr:  Hohle Tonnen … es gibt eine Fabel von den Tonnen …

Jelena:  Ach ja, ich kenne sie … Das heißt … dann bin ich also auch hohl?!

Pjotr:  O nein! Sie durchaus nicht! Sie sind voll Leben, Sie sind wie ein Bach, der den Menschen erfrischt …

Jelena:  Bah! Das heißt … ich bin nach Ihrer Meinung kühl?

Pjotr:  Scherzen Sie nicht, ich bitte Sie darum! Dieser Augenblick … aber Sie lachen? Weshalb? Bin ich denn so lächerlich? Ich – will leben! Will leben … nach meinem Ermessen … nach meinem Willen …

Jelena:  So leben Sie doch! Wer hindert Sie daran?

Pjotr:  Wer? Ja, das heißt … es gibt etwas, das mich daran hindert! Wenn ich eben denke: jetzt weiß ich, wie man leben muß – ganz für sich allein, ganz unabhängig … Dann scheint es mir, als ob irgend jemand mir zuriefe: »Nein, so geht's nicht!«

Jelena:  Vielleicht die Stimme des Gewissens?

Pjotr:  Was hat das Gewissen damit zu tun? Ich bin doch kein … Will ich denn ein Verbrechen begehen? Ich will nur frei sein … ich will sagen …

Jelena  beugt sich zu ihm vor:  Das sagt man nicht so! Das muß man viel einfacher sagen! Ich will Ihnen helfen, mein armer Kleiner … sonst bringen Sie eine Sache, die an sich so einfach ist, in die größte Unordnung …

Pjotr:  Jelena Nikolajewna – Sie quälen mich mit Ihren Scherzen! Das ist grausam! Ich will Ihnen nur sagen … hier steh ich vor Ihnen, ganz so, wie ich bin …

Jelena:  Wieder nicht das Richtige!

Pjotr:  Ich bin ein schwacher Mensch, offenbar … dieses Leben hier – geht über meine Kräfte! Ich fühle deutlich, wie trivial es ist – aber ich kann nichts daran ändern, nichts aus eigenem hineinlegen … Ich will fort von hier, will allein für mich leben …

Jelena  faßt seinen Kopf mit beiden Händen:  Sprechen Sie nach, was ich Ihnen vorsage – wiederholen Sie: »Ich liebe Sie!«

Pjotr:  Oh, ja! Ja! Doch … nein! Sie scherzen! …

Jelena:  Im Gegenteil! Ich bin vollkommen ernst und ich bin längst entschlossen, Sie zu heiraten. Vielleicht ist das nicht gut … aber ich habe die größte Lust, es zu tun …

Pjotr:  Aber … wie glücklich ich bin! Ich liebe Sie, wie … Man hört hinter der Wand Tatjanas Stöhnen. Pjotr springt auf und blickt scheu um sich. Jelena erhebt sich ruhig von ihrem Platz. 

Pjotr  leise:  War das … Tanja? Und wir … sitzen hier …

Jelena  geht an ihm vorüber, nach Tatjanas Zimmer zu:  Wir haben nichts Böses getan …

Tatjanas Stimme:  Trinken! … Gebt mir zu … trinken!

Jelena;  Ich komme schon. Geht, während sie Pjotr zulächelt, in Tatjanas Zimmer. Pjotr steht da, hält mit beiden Händen seinen Kopf und schaut zerstreut vor sich hin. 

Akulina Iwanowna  im Hausflur, steckt den Kopf zur Tür herein und flüstert laut:  Petja! Petja, wo bist du? …

Pjotr:  Hier.

Akulina Iwanowna:  Komm zum Mittagessen!

Pjotr:  Ich mag nicht … ich komme nicht …

Jelena  kommt aus Tatjanas Zimmer:  Er wird bei mir essen … Akulina Iwanowna mustert sie böse und zieht sich zurück.  

Pjotr  eilt auf Jelena zu:  Wie peinlich das war! Dort liegt sie … und wir … wir …

Jelena:  Kommen Sie nur! … was soll da peinlich sein? Selbst im Theater folgt dem ernsten Drama oft ein heiteres Stückchen … um wieviel nötiger ist das im Leben! … Pjotr nähert sich ihr, sie nimmt seinen Arm.  

Tatjana  stöhnt mit heiserer Stimme:  Lena! … Lena! … Polja eilt vom Flur her zu ihr hinein. 

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