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Gutenberg > Maxim Gorki >

Die Kleinbürger

Maxim Gorki: Die Kleinbürger - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/gorki/kleinbue/kleinbue.xml
typedrama
authorMaxim Gorki
booktitleFrühe Dramen
titleDie Kleinbürger
publisherAufbau-Verlag-Berlin
year1952
firstpub1902
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
sendermichael koch (koch.text@t-online.de)
created20080225
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Zweiter Aufzug

Dasselbe Zimmer. Mittagszeit im Herbst. Am Tisch sitzt der alte Bessemjonow. Tatjana geht langsam und unhörbar auf und ab. Pjotr steht an der Querwand und sieht zum Fenster hinaus.

Bessemjonow:  Eine geschlagene Stunde rede ich nun zu euch, meine lieben Kinder … aber es scheint, daß ich nicht die rechten Worte finde, solche, die euch zu Herzen gehen … Der eine kehrt mir den Rücken und die andere spaziert herum wie eine Krähe auf 'm Zaun. …

Tatjana:  Ich kann mich ja setzen … Setzt sich. 

Pjotr  kehrt dem Vater sein Gesicht zu:  Sag doch ohne Umschweife – was willst du von uns?

Bessemjonow:  Ich will dahinterkommen, was für Menschen ihr eigentlich seid … Ich möchte gar zu gern wissen, wes Geistes Kind du bist.

Pjotr:  Wart's doch ab. Ich werde deine Wißbegier schon befriedigen … Laß mich nur erst meine Studien beenden, dann wirst du's erfahren ...

Bessemjonow:  So … Deine Studien beenden … Gewiß, studier nur! Aber du studierst eben nicht … sondern hast bloß einen großen Mund. Hast bis jetzt nur gelernt, alle andern von oben herab anzusehen, aber geleistet hast du nichts … Von der Universität hat man dich weggejagt. Du meinst, es sei unrecht gewesen? Du irrst dich. Ein Student soll lernen und nicht mitreden wollen in den Fragen des Lebens. Wenn jeder zwanzigjährige Bursche über die bestehende Ordnung mitbestimmen will … muß alles drunter und drüber gehen … Für erfahrene Leute ist dann kein Platz mehr auf Erden … Lern erst was, werde ein Meister in deinem Fache, und dann – rede mit … Bis dahin aber hat jeder das volle Recht, auf deine Ansichten zu pfeifen … Ich sage dir das nicht, um dich zu kränken, sondern nur, weil ich dein Bestes will … Du stehst mir doch nahe, bist mein Sohn, mein Fleisch und Blut. Mit Nil rede ich gar nicht ... obschon ich Mühe genug auf ihn verwandt habe und er mein Pflegesohn ist … Aber er ist doch immer … fremdes Blut. Und je älter er wird, desto fremder wird er mir. Ich sehe, es wird mit ihm kein gutes Ende nehmen … Schauspieler wird er werden, oder sonst was in der Art … vielleicht sogar Sozialist … Nun, mag er tun, was er will ...

Akulina Iwanowna  steckt den Kopf durch die Tür, mit kläglicher, schüchterner Stimme:  Vater! Ist's nicht Zeit zum Mittagessen?

Bessemjonow   streng:  Geh schon! Misch dich nicht ein, wenn's nicht nötig ist … Akulina Iwanowna verschwindet hinter der Tür. Tatjana blickt den Vater vorwurfsvoll an und beginnt wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.  Habt ihr gesehen? Eure Mutter ist ewig in Unruhe um euch, daß ich euch ja nichts zuleide tue … Ich will doch keinem Menschen was zuleide tun! Ich selbst habe Leid von euch erfahren, bitteres Leid! … In meinem eignen Hause schleich ich so vorsichtig umher, als ob auf dem Boden überall Glasscherben umherlägen … Meine alten Freunde haben aufgehört, mich zu besuchen – »Du hast gebildete Kinder«, sagen sie, »und wir sind einfache Leute, sie werden sich über uns lustig machen« … und dergleichen. Und ihr habt euch wirklich mehr als einmal über sie lustig gemacht, daß ich aus Scham für euch errötet bin. Alle meine Freunde meiden mich, als ob gebildete Kinder eine Pest im Hause wären. Ihr nehmt auf euren Vater nicht die geringste Rücksicht … Nie habt ihr für ihn ein freundliches Wort, nie sagt ihr ihm, was für Gedanken, was für Pläne euch beschäftigen. Ich bin ein Fremder für euch. Und dabei liebe ich euch doch … ja, ich liebe euch! Begreift ihr wohl, was das ist, die Liebe? Dich hat man fortgejagt – das ist mir tief schmerzlich. Tatjana verwelkt als altes Mädchen – das ist für mich peinlich ... ja, sogar beschämend vor den Leuten. Worin steht Tatjana anderen Mädchen nach, die einen Mann finden … und glücklich werden? Ich möchte dich als gemachten Mann sehen, Pjotr, nicht ewig nur als Studenten. Da ist Filipp Nasarows Sohn – der hat seine Studien beendet, hat ein Mädchen mit Geld geheiratet, bekommt zweitausend Rubel Gehalt … und wird bald im Stadtrat sitzen …

Pjotr:  Wart's ab … auch ich werde heiraten …

Bessemjonow:  Ja, ich seh's. Am liebsten möchtest du es schon morgen tun … Aber wen hast du dir ausgesucht? Ein leichtfertiges Geschöpf, ein lockeres Persönchen – und noch dazu eine Witwe! Ä-äh!

Pjotr  springt auf:  Du hast kein Recht, sie so zu nennen ...

Bessemjonow:  Wie denn? Ist's etwa nicht wahr?

Tatjana:  Papa – ich bitte dich … ich bitte dich: laß das! Petja, geh hinaus! Geh … oder schweig! Sieh, ich schweig ja auch. Hört doch auf … mir wird ganz wirr im Kopf … Vater, wenn ich dich so reden höre – fühl ich, daß du recht hast. Ja, du hast recht, ich weiß es. Glaub mir … ich fühl es deutlich. Aber deine Wahrheit – ist uns fremd … mir und ihm … verstehst du? Wir haben unsre eigene Wahrheit … sei mir nicht böse … laß mich reden! Es gibt zwei Wahrheiten, Papa …

Bessemjonow  aufspringend:  Das ist nicht wahr! Es gibt nur eine Wahrheit – und das ist die, die ich kenne! Was für eine Wahrheit ist das, die ihr besitzt? Wo ist sie? Zeige sie mir!

Pjotr:  Schrei nicht, Vater! Laß mich auch einmal reden … Nun ja, du hast recht. Aber deine Wahrheit ist uns zu eng … wir sind ihr entwachsen, wie wir unsern Kinderkleidern entwachsen sind. Sie drückt uns und zwängt uns ein … Das, was dein Lebenselement war, deine ganze Lebensführung … paßt nicht mehr für uns …

Bessemjonow:  Nun ja, ihr … ihr … Natürlich … Ihr seid eben gebildete Leute … und ich bin ein Dummkopf. Aber ihr ...

Tatjana:  Nicht doch, Papa! Nicht so …

Bessemjonow:  Doch, doch – so, so! Ihr habt alle Tage Gäste … vom Morgen bis zum Abend wird hier gelärmt … und auch in er Nacht laßt ihr einen nicht schlafen … Du knüpfst vor meinen Augen ein Techtelmechtel mit einer Mieterin an … Du zu Tatjana trägst die Nase immer wer weiß wie hoch … und wir … die Mutter und ich … wir drücken uns im Winkel herum …

Akulina Iwanowna  tritt hastig ins Zimmer, mit kläglicher Stimme:  Meine Lieben, Guten! Hab ich denn schon … mein Teuerster, Bester! Sag ich denn etwas? Ich will ja ganz gern im Winkel sitzen … meinetwegen sogar im Stall draußen … nur zankt euch nicht! Beißt euch nicht … meine Lieben!

Bessemjonow  zieht Akulina mit der einen Hand an sich, während er sie mit der andern fortstößt:  Geh, Alte, geh! Sie brauchen dich nicht! Wir sind alle beide hier überflüssig! Sie sind ja – gebildete Menschen … Wir sind Fremde für sie …

Tatjana  stöhnt:  Diese Qual! Diese … Qual! …

Pjotr  bleich und fassungslos:  So hör doch, Vater … Das ist doch töricht! Töricht! So plötzlich, mir nichts, dir nichts …

Bessemjonow:  Plötzlich? Das ist nicht wahr! Nicht plötzlich … Jahrelang hat es an meinem Herzen gefressen …

Akulina Iwanowna:  Petja, gib nach! Widersprich nicht! Tanja! So habt doch Erbarmen mit dem Vater …

Bessemjonow:  Töricht? Du Dummkopf! Entsetzlich ist's – und nicht töricht! Da haben nun Eltern und Kinder unter einem Dach zusammengelebt – und mit einemmal entdecken die Kinderchen, daß es zwei Wahrheiten gibt … Ihr wilden Tiere!

Tatjana:  Pjotr, geh hinaus! Beruhige dich, Vater … ich bitte dich …

Bessemjonow:  Ihr Unbarmherzigen! Unterkriegen wollt ihr uns! … Worauf seid ihr so stolz? Was habt ihr schon geleistet? Und wir – wir haben gelebt! Wir haben gearbeitet … und Häuser gebaut … für euch … haben gesündigt … vielleicht schwer gesündigt – für euch!

Pjotr  schreit:  hab ich dich gebeten, daß du … alles das tun möchtest?

Akulina Iwanowna:  Pjotr! Um des Himmels willen …

Tatjana:  Geh hinaus, Pjotr! Ich ertrag's nicht länger, ich geh fort von hier … Sinkt erschöpft auf einen Stuhl. 

Bessemjonow:  Aha! Jetzt nehmt ihr Reißaus vor der Wahrheit, wie der Teufel vor dem Weihrauch … Das Gewissen rührt sich …

Nil  reißt die Tür zum Hausflur weit auf und bleibt auf der Schwelle stehen; er kommt vom Dienst, sein Gesicht ist von Rauch und Ruß geschwärzt, auch die Hände sind schwarz; er trägt eine kurze, ölig glänzende Jacke, darüber einen Riemen als Gurt und schmutzige, hohe Schaftstiefel, die bis an die Knie reichen; streckt beim Eintreten die Hand aus:  Gebt mir mal rasch zwanzig Kopeken, ich muß die Droschke bezahlen! Seine unerwartete Ankunft und der ruhige Klang seiner Stimme haben mit einemmal dem Lärm im Zimmer eine Ende gemacht. Ein paar Sekunden starren ihn alle schweigend an. Er errät, was vorgefallen ist, und lächelt mitleidig:  Nu–u–un? Wieder eine Bataille gewesen?

Bessemjonow  schreit ihn grob an:  Du Heide! Vergißt wohl, wo du bist?

Nil:  Hm? Wo denn?

Bessemjonow:  Kommst mit der Mütze auf dem Kopf herein! Die Mütze runter!

Akulina Iwanowna:  Was fällt dir ein? Bringt den ganzen Schmutz in die Stube rein! Seht doch! Gebt mir nur rasch zwanzig Kopeken!

Pjotr  gibt ihm Geld und spricht halblaut zu ihm:  Komm gleich wieder herein!

Nil  lächelnd:  Brauchst wohl Hilfe? Wirst nicht allein fertig? Sofort! Ab. 

Bessemjonow:  Auch so ein windiger Bruder! Immer drauflos, immer durch dick und dünn! Hat auch so allerhand aufgeschnappt … Vor nichts in der Welt hat das Respekt …

Akulina Iwanowna  in derselben Tonart wie ihr Gatte:  Der richtige Galgenstrick! Tanja, geh doch … geh in die Küche, sag Stepanida, sie soll das Mittagessen auftragen! Tatjana ab. 

Bessemjonow  düster lächelnd:  Na, und wohin willst du den da schicken? Weist auf Pjotr.  Ach, du – dummes, altes Frauchen! Wirklich, dumm bist du! Ich tu ihnen ja nichts … bin doch kein reißendes Tier! Ich mein's gut mit ihnen, schrei nur vor lauter Seelenschmerz, nicht aus Zorn... weil mir bange ist um sie … Was jagst du sie denn fort aus meiner Nähe?

Akulina Iwanowna:  Ich weiß ja, mein Lieber … weiß alles! Aber sie tun mir so leid. Wir beiden sind alte Leute, müssen eben so verbraucht werden, wie wir sind! Was können wir noch groß beanspruchen, du mein Gott! Und sie sollen erst anfangen zu leben. Sie werden Bittres genug von Fremden erfahren, die Ärmsten …

Pjotr:  Vater, du ereiferst dich wirklich ganz unnütz … Du bildest dir Dinge ein …

Bessemjonow:  Ich zittre vor Angst! Es ist jetzt eine solche Zeit … eine schreckliche Zeit! Alles kracht, alles bricht zusammen. Die Wogen des Lebens gehen hoch … Ich fürchte für dich … Wenn dir plötzlich etwas zustößt … wer wird sich unser annehmen auf die alten Tage? Du bist unsere Stütze. Da ist dieser Nil – dem trau ich nicht übern Weg! Und dann der Teterew, dieser saubre Vogel … Halt dich fern von ihnen! Sie … sind uns beide nicht grün. Hüte dich vor ihnen! Na, laß schon gut sein! Nichts wird mir geschehen … Ich warte noch ein Weilchen … dann reiche ich eine Bittschrift ein wegen meiner Wiederzulassung …

Akulina Iwanowna:  Tu es, Petja, so bald wie möglich, beruhige den Vater …

Bessemjonow:  Wenn du so vernünftig sprichst, Pjotr – dann glaub ich an dich … Ich habe das Vertrauen, daß du dich mit dem Leben abfinden wirst – nicht schlechter als ich … Dann aber fürcht ich wieder ...

Pjotr:  Nun, laß schon, hören wir auf davon. Genug! … Bedenk doch, wie häufig solche Szenen bei uns sind!

Akulina Iwanowna:  Meine lieben Täubchen!

Bessemjonow:  Und auch Tatjana … ach! Sie sollte die Schule aufgeben … Was hat sie davon? Nichts als Plage.

Pjotr:  Ja, sie sollte sich erholen …

Akulina Iwanowna:  Ach ja, das sollte sie!

Nil  tritt in einer blauen Bluse, doch noch ungewaschen, herein:  gibt's bald Mittagessen, wie? Pjotr bei Nils Anblick rasch in den Hausflur ab. 

Bessemjonow:  Wasch dir erst die Fratze ab, dann frag nach dem Mittagessen!

Nil:  Meine Fratze ist nicht groß, die ist bald abgewaschen, mein Hunger aber ist gewaltig groß – ein wahrer Wolfshunger. Regen, Sturm, Kälte, dazu eine scheußliche alte Lokomotive … das bringt einen auf den Hund, wenn man so die ganze Nacht durch fährt. Der Herr Güterinspektor müßte mal eine solche Fahrt mitmachen … bei dem Wetter und auf der Maschine ...

Bessemjonow:  Immer schwatz du! Sprichst ja von deinen Vorgesetzten recht leichtfertig, wie ich sehe . Nimm dich in Acht, daß nichts Schlimmes dabei herauskommt …

Nil:  Für die Vorgesetzten sicher nicht …

Akulina Iwanowna:  Von denen spricht der Vater auch nicht, sondern von dir!

Nil:  Aha, von mir …

Bessemjonow:  Ja, von dir ...

Nil:  Aha! …

Bessemjonow:  Verschon mich mit deinem »Aha!« Und hör lieber zu!

Nil:  Ich hör schon.

Bessemjonow:  Du trägst seit einiger Zeit die Nase recht hoch …

Nil:  Seit wann denn?

Bessemjonow:  Nimm deine Zunge in acht, wenn du mit mir redest!

Nil:  Meine Zunge? Was ist mit der? Streckt seine Zunge heraus.  Die braucht doch keine Aufsicht? ...

Akulina Iwanowna  schlägt die Hände zusammen:  Ach du unverschämter Bursche – zeigst dem Vater die Zunge! …

Bessemjonow:  Wart einmal, Mutter – sei mal still … Akulina Iwanowna schüttelt vorwurfsvoll den Kopf; ab. 

Bessemjonow:  Hör mal, du – Schlaukopf, ich möchte mit dir einmal reden …

Nil:  Wann, nach Tisch? …

Bessemjonow:  Nein, jetzt gleich.

Nil:  Lieber nach dem Essen. … Ich bin hungrig, müde, durchgefroren … entschuldigen Sie mich schon, verschieben Sie die Unterhaltung! Und schließlich … was können Sie mir viel sagen? Schimpfen werden Sie … und mich von Ihnen ausschimpfen zu lassen, ist mir nicht angenehm. Sagen Sie es lieber geradeheraus … daß Sie mich nicht leiden können … und daß ich …

Bessemjonow:  Na, hol dich schon der Teufel! Ab in sein Zimmer, dessen Tür er laut hinter sich zuschlägt. 

Nil  murmelt für sich:   Das paßt mir wunderschön. Lieber zum Teufel gehen, als noch länger bei dir bleiben. Geht, eine Melodie vor sich hin summend, im Zimmer auf und ab. Tatjana tritt ins Zimmer. 

Nil:  Habt ihr wieder aufeinander losgehackt?

Tatjana:  Du kannst dir gar nicht vorstellen …

Nil:  Ganz deutlich kann ich mir's vorstellen … Ihr habt wieder eine Szene aus jener Komödie ohne Ende gespielt, die den Titel führt »Nicht dahin, nicht dorthin« …

Tatjana:  Du hast gut reden. Du verstehst es, dich abseits zu halten …

Nil:  Ja, ich versteh's, mir all diese widerlichen Nörgeleien vom Leibe zu halten. Und bald werde ich sie für immer los sein … ich komme als Monteur ins Depot … Diese Schlepperei mit den Güterzügen, immer die Nacht durch, hat ein Ende. Wenn's noch Personenzüge wären, der Kurierzug zum Beispiel: da saust man immer nur so durch die Luft! Immer mit Volldampf! … Aber so hat man niemanden als den Heizer … langweilig ist's. Ich bin gern mit Menschen zusammen …

Tatjana:  Und doch läufst du vor uns immer fort …

Nil:  Ja … verzeih meine Aufrichtigkeit! Da soll man nicht fortlaufen! Ich bin ein lebensfroher Mensch, ich liebe Geräusch, Arbeit und einfache, fröhlich Leute. Ihr aber – lebt ihr denn überhaupt? Ihr lauft sozusagen neben dem Leben her und stöhnt und klagt – niemand weiß, weshalb, worüber, warum. Ich wenigstens kann's nicht verstehen.

Tatjana:  Du kannst es nicht verstehen?

Nil:  Nein, wenn der Mensch auf der einen Seite unbequem liegt, dann mag er sich auf die andre umdrehen. Stern dich also an – dreh dich um!

Tatjana:  Nur einem dummen Menschen erscheint das Leben einfach, sagt irgendein Philosoph.

Nil:  In Dummheiten müssen die Philosophen ja wohl Bescheid wissen. Aber ich halt mich für gar keinen so gescheiten Kopf … Ich finde einfach, daß es unerträglich langweilig ist, mit euch zusammen zu leben. Ihr stöhnt mir schon gar zu sehr über alles. Wozu dieses Gestöhn? Wer wird euch helfen? Kein Mensch … es lohnt sich auch gar nicht …

Tatjana:  Wie kommst du zu dieser Gefühllosigkeit, Nil?

Nil:  Ist denn das Gefühllosigkeit?

Tatjana:  Grausamkeit ist's … Ich glaube, du hast dich von Teterew anstecken lassen, der aus irgendeinem Grunde alle Menschen haßt.

Nil:  Nun, doch nicht alle. Lächelt.  Scheint dir dieser Teterew nicht mit einem Beil Ähnlichkeit zu haben?

Tatjana:  Mit was für einem Beil?

Nil:  Mit einem gewöhnlichen eisernen Beil an einem hölzernem Griff …

Tatjana:  Nicht doch, laß die Scherze! Ich kann sie nicht leiden … Du weißt, ich plaudere mit dir sehr gern … du bist ein so frischer Junge … Nur – wenig aufmerksam bist du …

Nil:  Wie meinst du das?

Tatjana:  Gegen die Leute, mein ich … Gegen mich zum Beispiel …

Nil:  Hm … Aber doch nicht gegen alle!

Tatjana:  Und gegen mich? ...

Nil:  Gegen dich? Hm – ja … Beide schweigen. Nil betrachtet seine Stiefel. Tatjana schaut ihn erwartungsvoll an.  Siehst du … ich bin gegen dich … das heißt, ich … Tatjana macht eine Bewegung zu ihm hin, die er nicht bemerkt. Ich achte dich sehr … und hab dich gern. Nur eins gefällt mir nicht – warum bist du Lehrerin! Dieser Beruf ist dir doch nicht Herzenssache, er ermüdet dich nur, regt dich auf. Und dabei ist's doch eine große Sache! Die Kinder sind die Menschen der Zukunft! … Man muß sie zu schätzen wissen und lieben. Alles überhaupt, was man tut, muß man mit Liebe tun, damit es gelinge. Siehst du, ich liebe es zum Beispiel leidenschaftlich, Eisen zu schmieden. Vor dir liegt eine rote, formlose Masse, voll zorniger, sengender Glut … Sie mit dem Hammer zu bearbeiten, ist ein wahrer Genuß. Sie speit dich mit ihrem zischenden, feurigen Speichel an, will dir die Augen ausbrennen, will dich blenden, dich mit Gewalt verjagen. Sie ist so voll Leben, so prall … Und du formst mit weit ausholenden, kräftigen Schlägen alles aus ihr, was du brauchst …

Tatjana:  Dazu muß man stark sein …

Nil:  Und geschickt …

Tatjana:  Hör einmal, Nil – empfindest du niemals Mitleid? …

Nil:  Mit wem?

Jelena  tritt ein:  Habt ihr schon gegessen? Nein? Kommt doch, bitte, zu mir! Was für eine Pastete ich gebacken habe! Wo ist der Staatsanwalt? Eine großartige Pastete!

Nil  an Jelena herantretend:  Ich komme gleich – und esse die großartige Pastete ganz allein auf. Ich sterbe vor Hunger, hier gibt man mir absichtlich nichts zu essen. Man ist hier wegen irgend etwas böse auf mich.

Jelena:  Jedenfalls wegen Ihrer Zunge … Tanja, komm!

Tatjana:  Ich will's nur Mama sagen … Ab. 

Nil:  Woher wissen Sie, daß ich dem Vater die Zunge gezeigt habe?

Jelena:  Wa–as? Ich weiß gar nichts! Was ist das?

Nil:  Nein, ich sag's nicht. … Erzählen Sie mir lieber etwas von Ihrer großartigen Pastete!

Jelena:  Ich werde es schon erfahren! Pasteten backen … das hab ich von einem Arrestanten gelernt, der wegen Mordes im Gefängnis saß. Mein Mann hatte ihm erlaubt, mir in der Küche zu helfen. Er war ein so jämmerliches, mageres Kerlchen …

Nil:  Wer? Ihr Mann?

Jelena:  Werter Herr, mein Mann war ein Riese von zwölf Zoll Höhe ...

Nil:  So klein war er?

Jelena:  Schweigen Sie! Und einen solchen Schnurrbart hatte er! Zeigt, was für einen Schnurrbart er hatte.  Sechs Zoll nach jeder Seite …

Nil:  Zum erstenmal hör ich von einem Menschen, dessen Vorzüge sich mit den Zollstab messen lassen …

Jelena:  Ach, leider hatte er keine Vorzüge außer seinem Schnurrbart!

Nil:  Ds ist sehr traurig! Aber erzählen Sie lieber von der Pastete …

Jelena:  Schön … also mein Arrestant war Koch von Beruf … er hatte sein Weib erschlagen … Aber mir gefiel er sehr. Er hatte sie ja nur getötet …

Nil:  Von ungefähr … ich verstehe!

Jelena:  Gehen Sie Ihrer Wege! Ich mag mit Ihnen nicht reden. Tatjana erscheint in der Tür und starrt die beiden an; durch die andere Tür kommt Pjotr.  

Jelena:  Staatsanwalt! Kommen Sie zu mir hinauf … es gibt eine Pastete! …

Pjotr:  Mit Vergnügen!

Nil:  Der Herr Papa hat sich ihn heut vorgenommen, wegen respektwidrigen Benehmens …

Pjotr:  So hör doch auf …

Nil:  Ich wundre mich nur, daß er es wagt, Sie ohne Erlaubnis zu besuchen!

Pjotr  blickt unruhig nach der Tür zum Zimmer der Alten:  Wenn wir gehen sollen, dann gehen wir ...

Tatjana:  Geht, ich komme sogleich nach … Nil, Pjotr und Jelena ab; Tatjana will in ihr Zimmer gehen. 

Akulina Iwanowna  ruft von ihrem Zimmer aus:  Tanja!

Tatjana  bleibt stehen, bewegt unwillig die Schultern:  Was denn?

Akulina Iwanowna  in der Tür:  Komm doch mal! Fast im Flüsterton.  Ist Petruschka wieder zu … der da gegangen?

Tatjana:  Ja … auch ich geh hin …

Akulina Iwanowna:  Ach, ist das ein Jammer! Sie wird dem Petja den Kopf verdrehen, die wilde Hummel! Ich seh's schon kommen … Wenn du doch mit ihm sprechen wolltest! »Halt ein, Bruder«, sag ihm – »sie paßt nicht zu dir« … Sag's ihm, Tanja! Sie hat doch nur dreitausend Rubel und die Pension nach ihrem Manne … ich weiß es ...

Tatjana:  Nicht doch, Mama! Jelena beachtet Pjotr gar nicht …

Akulina Iwanowna:  Das tut sie absichtlich! Absichtlich! In Hitze will sie ihn bringen, die durchtriebene Person! … Stellt sich nur so, als wollte sie sagen: »Ich interessier mich nicht für dich« … Und dabei lauert sie auf ihn wie die Katze auf 'n Zeisig …

Tatjana:  Ach … was geht mich das an? Sag doch selbst, Mama: was kümmert mich das? Laß mich in Ruhe – ich fühle mich so matt …

Akulina Iwanowna:  Brauchst ja nicht gleich mit ihm zu sprechen … Geh, leg dich hin und ruh dich aus ...

Tatjana  fast schreiend:  Für mich gibt's kein Ausruhen mehr. Ich bin für immer … erschöpft … Für immer! Verstehst du? Fürs ganze Leben! … Ihr habt mich so weit gebracht … Ihr und alles andre hier! Rasch ab in den Hausflur. Akulina Iwanowna macht eine Bewegung nach Tatjana hin, als wollte sie diese zurückhalten, doch bleibt sie ganz verdutz, mit offenem Munde auf der Schwelle stehen und schlägt die Hände zusammen. 

Bessemjonow  blickt durch die Tür:  Zankt ihr euch wieder?

Akulina Iwanowna  fährt zusammen:  Nein, es ist nichts weiter … Nur so …

Bessemjonow:  Was denn »Nur so«? Ist sie wieder ungezogen gewesen gegen dich?

Akulina Iwanowna  hastig:   Nicht doch, durchaus nicht – was sprichst du? Ich sag zu ihr: 's ist Zeit, zu Mittag zu essen. Und sie sagt: Ich will nicht! Ich sage: Warum willst du denn nicht? Und sie …

Bessemjonow:  Schwindelst du auch nicht, Mutter?

Akulina Iwanowna:  So wahr ich lebe!

Bessemjonow:  Wie oft hast du mich schon um ihretwillen belogen! Guck mir mal in die Augen – siehst du, du kannst es nicht … ach, du … Akulina Iwanowna steht schweigend, mit gesenktem Kopf, vor ihrem Gatten; er schweigt gleichfalls, streicht nachdenklich seinen Bart und seufzt. 

Bessemjonow:  Das ist die Bildung, die uns von ihnen trennt …

Akulina Iwanowna leise:  Laß gut sein, Vater. Heutzutage sind auch die einfachen Leute nicht besser …

Bessemjonow:  nie darf man seinen Kindern mehr geben, als man selbst besitzt … Am schwersten fällt mir's aufs Herz, daß ich in ihnen gar keinen … Charakter … so gar nichts Festes sehe. Jeder Mensch muß doch irgend etwas Eigenes haben. Sie aber sind ganz so, als ob sie – ohne Gesicht wären. Da ist zum Beispiel Nil … der ist frech … ein richtiger Räuber. Aber er hat doch einen eigenen Zug in seinem Wesen. Gefährlich ist er – aber man kann ihn doch verstehen. … Ä–äh! … Ich liebte in meiner Jugend den Kirchengesang … ich suchte leidenschaftlich gern Pilze … Was aber tut Pjotr wohl gern?

Akulina Iwanowna  schüchtern mit einem Seufzer:  Zu unsrer Mieterin geht er gern … er ist wieder oben …

Bessemjonow:  So–o! Na, wart, meine Liebe … dir will ich's anstreichen! Teterew kommt herein, verschlafen und finstrer als sonst; hat eine Branntweinflasche und ein Gläschen in den Händen. 

Bessemjonow:  Terentij Chrisanfowitsch! Wieder mal durchgegangen?

Teterew:  Gestern, nach der Abendmesse ...

Bessemjonow:  Aus welchem Anlaß denn? …

Teterew:  Ganz ohne Ursache. Wird bald gegessen?

Akulina Iwanowna:  Gleich wird gedeckt. Macht sich am Tisch zu tun.

Bessemjonow:  Äh, Terentij Chrisanfowitsch – du bist

doch ein ganz gescheiter Mensch … und richtest dich durch das Branntweintrinken so zugrunde! …

Teterew:  Mein verehrte Kleinbürger, du redest Unsinn! Nicht der Branntwein richtet mich zugrunde, sondern der Überfluß an Kraft … der ist mein Untergang …

Bessemjonow:  Nun, Kraft pflegt doch nicht überflüssig zu sein!

Teterew:  Wiederum redest du Unsinn. Heutzutage ist Kraft etwas durchaus Unnötiges. Nötig dagegen ist List, Verschlagenheit … nötig ist heut die Geschmeidigkeit einer Schlange. Streift seinen Ärmel auf und zeigt seine Faust.  Schau her – wenn ich mit diesem Instrument hier auf den Tisch schlage, zertrümmere ich ihn in Splitter. Mit solchen Armen ist im Leben nichts anzufangen. Ich kann wohl damit Holz hacken, aber damit zu schreiben, zum Beispiel, fällt mir schwer und kommt mir lächerlich vor … Ich find keine Verwendung für meine Kraft. In einer Schaubude, auf dem Jahrmarkt – da wäre vielleicht für mich der rechte Platz, da könnt ich eiserne Ketten zerreißen, Gewichte heben und so weiter. Aber ich habe was gelernt … wofür ich schließlich vom Seminar weggejagt wurde. Ich hab was gelernt und will nicht so vor den Augen aller Welt leben, will nicht, daß du, wenn du mich in meiner Jahrmarktbude aufsuchst, dich in ruhiger Behaglichkeit an meinem Anblick ergötzt. Ich will, daß ihr alle mit unruhiger Unbehaglichkeit auf mich schaut.

Bessemjonow:  Bist du ein böser Mensch!

Teterew:  Tiere von meiner Größe pflegen nicht böse zu sein – du weißt in der Zoologie nicht Bescheid. Die Natur ist pfiffig. Wenn sie zu meiner Kraft auch noch Bosheit hinzugefügt hätte – wohin würdet ihr da vor mir fliehen?

Bessemjonow:  Ich brauche nicht zu fliehen … ich bin in meinem Hause.

Akulina Iwanowna:  Schweig lieber still, Vater!

Teterew:  Das stimmt – du bist in deinem Hause. Das ganze Leben ist sozusagen ein Haus, das wir uns bauen. Darum hab ich auch keinen Platz im Leben, mein lieber Kleinbürger!

Bessemjonow:  Da hast du schon recht: unnütz ist dein Leben, ohne Zweck und Ziel. Wenn du aber wolltest …

Teterew:  Ich will eben nicht wollen, es ist mir wider den Strich. Es scheint mir viel nobler, herumszusumpfen und zugrunde zu gehen, als zu leben und für dich und deinesgleichen zu arbeiten. Kannst du dir den Teterew wohl nüchtern vorstellen, Kleinbürger – in einem guten Rock, als deinen getreuen Diener, der dich mit knechtischen Worten anredet? Nein, das kannst du nicht … Polja tritt ein und weicht bei Teterews Anblick zurück. Er lächelt gutmütig, sobald er sie bemerkt, und reicht ihr mit einem Kopfnicken die Hand. 

Teterew:  Guten Tag! Haben Sie keine Angst … ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, denn ich weiß alles …

Polja  verwirrt:  Was denn … Sie können gar nichts wissen …

Akulina Iwanowna:  Ah, da bist du ja. Na, geh mal rasch, sag der Stepanida, sie soll die Suppe bringen …

Bessemjonow:  's ist Zeit … Zu Teterew.  Ich hör's gern, wenn du so deine Meinungen auskramst. Namentlich was du von deiner eignen Person sagst, kommt hübsch heraus. Sieht man dich so, dann fürchtet man sich fast vor dir. Fängst du aber an, deine Gedanken auszusprechen, dann merkt man erst deine Schwäche … Lacht selbstzufrieden in sich hinein. 

Teterew:  Auch du gefällst mir. Denn du hast das richtige Maß Klugheit und das richtige Maß Dummheit; du bist genügend gut und genügend schlecht; genügend ehrbar und gemein, feig und tapfer … Du bist das Muster eines Kleinbürgers! In dir verkörpert sich auf höchst vollkommene Weise die Trivialität … diese Kraft, welche sogar die Helden besiegt, welche lebt, lebt und triumphiert … Komm, laß uns vor der Suppe einen trinken, ehrenwerter Maulwurf!

Bessemjonow:  Nachher, sobald aufgetragen ist. Aber, nebenbei gesagt, warum schimpfst du? … Ohne Ursache darf man doch einen Menschen nicht beleidigen … Du mußt immer hübsch liebenswürdig und klar bleiben, wenn du sprichst – dann hört man dich gern. Wenn du aber gleich mit jedem anbindest, wird niemand dich hören wolle, und wer es dennoch tut, ist ein Dummkopf!

Nil  tritt ein:  Ist Polja gekommen?

Teterew  grinsend:  Da ist sie …

Akulina Iwanowna:  Was willst du denn von ihr?

Nil  ohne ihr zu antworten, zu Teterew:  Aha! Bist wieder mal durchgegangen? Das kommt jetzt recht oft vor bei dir …

Teterew:  Besser, man trinkt Branntwein, als Menschenblut, umso mehr, als das Blut unsrer Zeitgenossen dünn, widerlich und geschmacklos ist … Gesundes, schmackhaftes Blut ist kaum noch vorhanden – alles ausgesogen … Polja und Stepanida kommen herein – diese mit einer Schüssel, jene mit einem Teller voll Fleisch. 

Nil  tritt an Polja heran:   Guten Tag. Hast du deine Antwort bereit?

Polja  halblaut:  Nicht jetzt … so vor allen ...

Nil:  Wenn weiter nichts ist! Was da zu fürchten ist!

Bessemjonow:  Zu fürchten? Für wen?

Nil:  Für mich … und für sie …

Akulina Iwanowna:  Was gibt's denn?

Bessemjonow:  Ich verstehe nichts …

Teterew  lächelnd:  Und ich verstehe alles … Gießt sich Branntwein ein und trinkt. 

Bessemjonow:  Um was handelt es sich denn? Was gibt's, Pelageja?

Polja  verlegen, leise:  Nichts …

Nil  nimmt am Tisch Platz:  Ein Geheimnis!

Bessemjonow:  Wenn's ein Geheimnis ist – dann redet davon irgendwo im Winkel, nicht vor den Leuten … Ein dummer Streich wird's sein … Diese Flüsterworte, diese Zeichen, Verabredungen … das alles ist mir verdächtig … Schließlich sitzt man als der Dumme da und plinkert mit den Augen … Ich frage dich, Nil – wer bin ich eigentlich für dich?

Akulina Iwanowna:  Nein, du bist wirklich – Nil …

Nil  ruhig:  Sie sind mein Pflegevater … Aber um sich aufzuregen und viel Wesens zu machen – dazu liegt kein Grund vor … Es ist nichts Besondres passiert …

Polja  erhebt sich von dem Stuhl, auf den sie sich eben gesetzt hat:  Nil … Wassiljewitsch hat mir … sagte mir gestern abend ... fragte mich …

Bessemjonow:  Was fragte er dich? … Nun?

Nil  ruhig:  Erschrecken Sie doch nicht … Ich fragte sie, ob sie mich nicht heiraten möchte … Bessemjonow blickt ihn und Polja verwundert an, wobei er den Löffel in der Luft hält. Akulina Iwanowna ist gleichfalls starr vor Erstaunen. Teterew schaut blinzelnd vor sich hin.; seine Handwurzel, die er auf das Knie gestützt hat, bebt. Polja hält den Kopf tief gesenkt.  Sie wollte mir heute ihre Antwort mitteilen … das ist alles …

Teterew  mit der Hand winkend:  Sehr einfach und klar … wenn weiter nichts ist ...

Bessemjonow:  So–o! … Wirklich … sehr einfach! Höhnisch.  Und ganz nach der Mode … ganz auf die neue Art! Übrigens – was geht's mich an? ...

Akulina Iwanowna  zu Nil:  Ungläubiger du, Heide! So 'n Tollkopf! Statt zuerst mit uns drüber zu reden …

Nil  ärgerlich:  Es ist mir doch nur so herausgefahren …

Bessemjonow:  Laß, Mutter! Das ist nicht unsere Angelegenheit. Iß und schweig. Auch ich werde schweigen …

Teterew  im Halbrausch:  Und ich werde reden … Doch vorläufig schweig ich auch ...

Bessemjonow:  Ja … 's ist am besten, wir schweigen alle … das heißt – schön hast du mir für meine Gastfreundschaft nicht gedankt, Nil … so heimtückisch vorzugehn ..

Nil:  Ihre Gastfreundschaft hab ich mit meiner Arbeit bezahlt, und das werde ich auch weiterhin tun. Ihrem Willen aber kann ich mich nicht unterordnen. Sie wollten mich mit der Sedowa verheiraten, dieser dummen Gans – nur, weil sie zehntausend Rubel Mitgift hat. Was sollen mir die? Polja aber liebe ich … Schon längst habe ich sie lieb, und ich habe es vor niemandem verheimlicht. Mein Leben lag immer offen da, nie werd ich's anders damit halten. Es liegt kein Grund vor, mir Vorwürfe zu machen oder mir etwas übelzunehmen.

Bessemjonow  an sich haltend:  So, so! Sehr gut! … Los also! Heiratet doch! Wir werden euch nicht hindern. Nur eins sagt mir: Von was für Kapitalien werdet ihr denn leben? Wenn's kein Geheimnis ist – sagt es!

Nil:  Wir werden arbeiten. Ich komme als Monteur ins Depot … und sie … sie wird gleichfalls eine Beschäftigung finden. Sie werden, wie bisher, meine dreißig Rubel monatlich von mir bekommen.

Bessemjonow:  Das werden wir ja sehen: Versprochen ist leicht etwas …

Nil:  Ich gebe Ihnen einen Wechsel …

Teterew:  Kleinbürger! Nimm den Wechsel von ihm! Nimm ihn!

Bessemjonow:  Du hast dich in die Sache nicht einzumischen.

Akulina Iwanowna:  Seht mir doch den Ratgeber!

Teterew:  Nein, wirklich, nimm den Wechsel … So auf Treu und Glauben – das ist nicht sicher! Wirst dich am Ende genieren, wenn du nichts Schriftliches hast … Nil, gib ihm 'nen Revers: ich, soundso, verpflichte mich, allmonatlich …

Bessemjonow:  Einen Revers könnte ich am Ende nehmen … ich dächte, es verlohnt sich! Von deinem zehnten Jahre an hab ich dir Speise und Trank, Kleider und Stiefel gegeben … bis zum siebenundzwanzigsten … hm – ja!

Nil:  Könnten wir die Abrechnung nicht ein andermal vornehmen?

Bessemjonow:  Meinetwegen. Plötzlich aufbrausend.  Das aber merk dir, Nil:  von jetzt an sind wir geschiedene Leute! Diese Beleidigung werde ich nicht verzeihen.

Nil:  Was für eine Beleidigung? Wo steckt denn hier die Beleidigung? Sie haben doch nicht erwartet, daß ich Sie heiraten werde?!

Bessemjonow  schreit, ohne auf ihn zu hören:  Merk dir's! Den zu foppen, der dich gespeist und getränkt hat – das ist ein starkes Stück! So ohne zu fragen … ohne Rat einzuholen … ganz heimlich … Zu Polja.   Und du – Ruhige, Sanfte! Was läßt du den Kopf so hängen? Hm? Warum schweigst du? Weißt du, daß ich dich ohne weiteres …

Nil  erhebt sich vom Stuhl:  Nichts können Sie ihr anhaben. Machen Sie keinen Lärm! In diesem Hause hab ich auch etwas mitzureden. Ich habe zehn Jahre lang gearbeitet und Ihnen meinen Verdienst stets abgeliefert. Hier, in dies alles – stampft mit dem Fuß auf und weist, die Arme weit ausbreitend, auf den umgebenden Raum  – hab ich nicht wenig hineingelegt. Herr einer Sache ist derjenige, der sie erzeugt hat ... Während Nil spricht, erhebt sich Polja und geht aus dem Zimmer. In der Tür begegnen ihr Pjotr und Tatjana. Pjotr wirft einen Blick ins Zimmer und zieht sich sogleich wieder zurück. Tatjana bleibt in der Tür stehen und hält sich am Pfosten fest. 

Bessemjonow  starrt wie betäubt, mit weit aufgerissenen Augen, auf Nil:  Wie war das? Herr? Du bist hier Herr?

Akulina Iwanowna:  Komm, Vater, wir wollen fort von hier … bitte, komm fort! Droht Nil mit der Faust. 

Wart, Nilka … In Tränen.  Wart … das soll dir vergolten werden!

Nil  mit fester Stimme:  Jawohl – Herr einer Sache ist derjenige, der sie erzeugt hat. Das merkt euch!

Akulina Iwanowna  zieht ihren Gatten hinter sich her:  Komm, Alter! Komm! Gott mit ihnen … Sprich nicht erst, schrei nicht! Wer hört denn auf uns?

Bessemjonow  gibt den Bemühungen seiner Frau nach:  Nun gut, bleib hier, du … Herr! Wir werden schon sehen … wer hier der Herr ist! Es wird sich finden! Ab in sein Zimmer. Nil geht erregt im Zimmer auf und ab. Irgendwo auf der Straße hört man eine Drehorgel. 

Nil:  Einen schönen Brei hab ich da eingerührt. Mußte mich auch der Teufel reiten, sie hier zu fragen … Ich Dummkopf! Das heißt – ich kann mal nichts bei mir behalten … alles sprudelt heraus, ob ich will oder nicht! Zu dumm …

Teterew:  Tut nichts. Eine sehr interessante Szene! Hab Augen und Ohren weit aufgetan und meinen Spaß dran gehabt. Wirklich nicht übel, gar nicht übel! Reg dich nicht auf, Bruder Nil! Du bist ein Mensch von Fähigkeiten … paßt famos für die Rolle des Helden. Und heutzutage braucht man Helden, glaub mir's! Die Menschen unsrer Tage, siehst du, die kann man in zwei Klassen einteilen: in Helden, das heißt Dummköpfe, und in Schurken, das heißt kluge Leute …

Nil:  Daß ich Polja in eine so peinliche Lage bringen mußte! Sie hat sicher einen Schreck bekommen … Doch nein, sie ist nicht ängstlich! Aber verletzt wird sie sich fühlen … Äh, wie abscheulich! Tatjana steht immer noch in der Tür und fährt bei Poljas Namen zusammen. Die Drehorgel verstummt. 

Teterew:  Die Einteilung der Menschen in Dummköpfe und Schurken entspricht durchaus den Tatsachen. Der Schurken gibt's eine Unmenge. Ihre Klugheit, mein Lieber,

ist die des Tieres, sie glauben nur an die Kraft … nicht an meine Kraft, nicht an jene Kraft, die hier in meiner Brust eingeschlossen ist, sondern an die Kraft der Verschlagenheit … Verschlagenheit nämlich – ist die Klugheit des Tieres.

Nil  ohne auf ihn zu hören:  Jetzt müssen wir eilen mit der Hochzeit … Nun, dann beeilen wir uns eben … Doch sie hat mir ja noch gar nicht geantwortet! Ich weiß aber schon, was sie sagen wird, meine liebe Kleine … Wie ich diesen Menschen hasse … und dieses Haus … dieses ganze Leben hier … dieses verfaulte Leben! Lauter Mißgeburten sind's, die darin hausen. Sie merken es nicht mal, daß sie das Leben verpfuschen, es in lauter Lappalien auflösen … daß sie einen Kerker, ein Zuchthaus, eine Stätte des Unglücks daraus machen … Wie kriegen sie das nur fertig? Ich begreif's nicht. Oh, wie ich die Menschen hasse, die das Leben verpfuschen! Tatjana macht einen Schritt vorwärts und bleibt stehen, geht dann leise zur Truhe in die Ecke und setzt sich darauf; sie beugt sich vor und erscheint nun ganz klein und bejammernswert. 

Teterew:  Das Leben wird verschönt durch die Dummköpfe. Die Dummköpfe sind nicht sehr zahlreich. Sie suchen immer irgendwas, das sie nicht brauchen … Sie träumen gern vom allgemeinen Menschenglück und ähnlichem Unsinn. Sie wollen den Ursprung und das Ende alles Seins ergründen. Sie machen überhaupt – lauter Dummheiten …

Nil  nachdenklich:  Ja, Dummheiten … auf die versteh ich mich meisterhaft … Nun, sie ist praktischer als ich … Auch sie liebt das Leben … mit einer so innigen, ruhigen Liebe … Ich sage dir, wir werden prächtig zusammen leben! Wir sind beide mutig … und wenn wir uns etwas vornehmen, werden wir's auch erreichen! Oh, wir werden es erreichen … Sie ist gleichsam … wie neugeboren! Er lacht.  Ein herrliches Leben werden wir führen!

Teterew:  Der Dummkopf kann sein ganzes Leben darüber nachdenken, warum das Glas durchsichtig ist – der Schurke nimmt's einfach und macht eine Flasche draus … Man hört wieder die Drehorgel, diesmal schon fast unter den Fenstern. 

Nil:  Du mußt immer nur von Flaschen reden!

Teterew:  Nein, ich rede von den Dummköpfen. Der Dummkopf fragt: »Wo ist das Feuer, bevor ich's anzünde. Und wohin geht', wenn es verlöscht?« Und indessen sitzt der Schurke am Feuer und wärmt sich. …

Nil  nachdenklich:  Ja–a ...und wärmt sich …

Teterew:  In Wirklichkeit – sind sie beide dumm. Aber der eine ist's auf schöne, heroische Manier, der andere stumpfsinnig, auf Bettlerart. Und beide kommen schließlich, wenn auch auf verschiedenen Wegen, an dasselbe Ziel – ins Grab. Ja, ins Grab, lieber Freund … Lacht laut auf. Tatjana nickt leise mit dem Kopf. 

Nil  zu Teterew:  Warum lachst du?

Teterew:  So – ich lache eben … Die Dummköpfe, die am Leben geblieben sind, schauen auf ihren toten Bruder und fragen sich: Wo ist er? Die Schurken aber treten einfach die Erbschaft des Verstorbenen an und führen nach wie vor ihr behagliches, molliges, sattes Dasein … Lacht laut auf. 

Nil:  Das heißt … du hast einen gehörigen Rausch … Geh lieber in deine Kammer!

Teterew:  Zeig mir – wo ist die?

Nil:  Na, laß schon die Späße. Willst du, daß ich dich hinführe?

Teterew:  Mich brauchst du nirgends hinzuführen. Ich bin weder mit den Angeklagten och mit den Geschädigten verwandt. Ich bin eine Nummer für mich. Ich bin der materielle Beweis für das begangene Delikt. Das Leben ist verpfuscht! Es ist schlecht genäht … Es ist nicht nach der Figur anständiger Leute zugeschnitten, behaupte ich.

Die Kleinbürger haben es verfitzelt – zu eng haben sie's gemacht, zu kurz, zu knapp … Und so bin ich denn das materielle Beweisstück dafür, daß der Mensch keinen Platz, keinen Zweck, keinen Grund hat zu leben …

Nil:  Nun komm schon, komm!

Teterew:  Laß mich! Du meinst, ich könnte fallen? Ich bin schon gefallen, Sonderling du! Schon längst! Ich hatte übrigens die Absicht, wieder aufzustehen – aber da kamst du vorbei, und ohne es zu merken oder zu wollen, hast du mich wieder umgestoßen. Macht nichts, geh nur weiter! Geh, ich beklage mich nicht –- Du bist ein gesunder Junge, darfst gehen, wohin du willst und wie du willst … Ich aber, der ich am Boden liege – ich will dich … mit meinen aufmunternden Blicken begleiten … geh!

Nil:  Was schwatzt du da eigentlich? Es ist irgendwie interessant, scheint es, aber unverständlich …

Teterew:  Brauchst es auch nicht zu verstehen! Ist gar nicht nötig! Es ist besser, gewisse Dinge nicht zu verstehen – weil's doch keinen Nutzen bringt, sie zu verstehen. Geh du nur, geh!

Nil:  Nun gut, ich gehe. Ab in den Hausflur, ohne Tatjana zu bemerken, die sich in den Winkel drückt. 

Teterew  verneigt sich hinter ihm:  Glück zu, du –Räuber! Ohne es selbst zu merken, hast du mir die letzte Hoffnung entrissen … Hol sie der Teufel! Geht an den Tisch, auf dem er seine Flasche hat stehenlassen, und bemerkt in der Ecke die Gestalt Tatjanas.  Wer ist denn das eigentlich?

Tatjana  leise:  Ich bin's. Das Spiel der Drehorgel bricht jäh ab. 

Teterew:  Sie sind's? Hm … und ich dachte schon, es sei eine Gespenst … Aber warum … warum sind sie hier?

Tatjana  nicht laut, doch klar und deutlich:  Weil ich keinen Platz, keinen Zweck, keinen Grund habe zu leben … Teterew nähert sich ihr schweigend, mit leisen Schritten. 

Tatjana:  Ich weiß nicht, wovon ich so erschöpft bin, wovon mir so bang ist ums Herz … so schrecklich bang!

Ich zähle erst achtundzwanzig Jahre … und ich schäme mich … ja, ich schäme mich dieses Gefühls … dieser Schwäche und Hinfälligkeit … Drinnen in mir, in meinem Herzen, ist es so öde … alles ist verdorrt, alles ausgebrannt, und ich fühl's und leide so darunter … Ganz unmerklich ist das so gekommen … Unmerklich ist in meiner Brust diese Leere entstanden … Ach, warum sag ich Ihnen das nur?

Teterew:  Das weiß ich nicht … ich bin stark angetrunken … und begreif nicht das geringste …

Tatjana:  Niemand redet mit mir so, wie ich's will … wie ich es gern möchte … Ich dachte, er würde so …. mit mir reden … Lange wartete ich schweigend … Und inzwischen hat dieses Leben hier … die ewigen Zänkereien, Erbärmlichkeiten, Lappalien … diese dumpfe Enge … mich erdrückt … ganz unbemerkt, ganz allmählich … und ich besitze keine Kraft mehr zum Leben … Selbst meine Verzweiflung ist so völlig kraftlos … Ach, schrecklich ist mir zumute … eben jetzt … ganz plötzlich … kam es über mich.

Teterew  geht kopfschüttelnd zur Tür und öffnet sie, mit lallender Zunge:  Fluch diesem Hause! … Mehr sag ich nicht … Tatjana geht langsam in ihr Zimmer. Eine kurze Weile bleibt es leer und still auf der Bühne. Rasch, mit unhörbaren Schritten, kommt dann Polja herein und hinter ihr Nil. Sie gehen wortlos nach den Fenster zu – dort faßt Nil Poljas Hand und spricht halblaut zu ihr. 

Nil:  Verzeih mir, was geschehen ist … Es kam so dumm, so garstig heraus … aber ich kann einmal nicht an mich halten, wenn ich etwas auf der Zunge habe …

Polja  fast flüsternd:  Tut nichts … jetzt ist ja alles gleich! Was mach ich mir aus den andern? Alles ist mir gleich ...

Nil:  Ich weiß – du liebst mich … ich seh es. Ich frage dich gar nicht erst. Du bist doch spaßig! Gestern sagtest du: »Morgen antworte ich dir, ich muß erst darüber nachdenken.« Wirklich spaßig! Was ist denn da nachzudenken? Du liebst mich doch?

Polja:  Nun ja, ja … schon lange … Tatjana schleicht sich aus der Tür ihres Zimmers, stellt sich hinter den Vorhang und lauscht. 

Nil:  Sollst sehen, wir werden prächtig zusammenleben! Du bist ein so lieber Kamerad … wirst dich nicht fürchten vor der Not … wirst alles Widerwärtige überwinden …

Polja  schlicht:  Was sollt ich denn fürchten , wenn ich mit dir vereint bin? Ich bin ja auch so, für mich allein, nicht zaghaft … nur ruhig bin ich …

Nil:  Und hast doch dabei deinen eigenen Kopf … bist stark, wirst dich nicht beugen … Nun, siehst du … ich bin so froh … Ich wußte es wohl, daß alles so kommen würde, und doch bin ich … herzensfroh …

Polja:  Auch ich wußte alles voraus …

Nil:  Du wußtest es? Wirklich? Das ist schön … Ach, wie schön ist's doch auf der Welt! Ist's nicht so?

Polja:  Wunderschön … du mein herzlieber Freund … du mein prächtiger Mensch …

Nil:  Wie du das eben sagtest! … Ganz prachtvoll klang's!

Polja:  Na, lobe mich nur nicht … Wir müssen gehen ...müssen gehen … sonst kommt noch jemand …

Nil:  Mögen sie doch kommen! …

Polja:  Nein, wir müssen fort … Nun ... noch einen Kuß! … Reißt sich aus Nils Armen los und eilt an Tatjana vorüber, ohne sie zu bemerken. Nil folgt ihr lächelnd; er erblickt Tatjana und bleibt, betroffen durch ihre Anwesenheit und zugleich empört vor ihr stehen. Sie blickt ihm schweigend, mit leblosen Augen und verzerrtem Lächeln, ins Gesicht. 

Nil  geringschätzig:  Du hast gehorcht? Hast zugesehen? A–ach du! … Rasch ab. Tatjana steht unbeweglich, wie versteinert. Die Tür nach dem Hausflur ist hinter Nil offengeblieben; man hört von draußen Bessemjonow harte Stimme. 

Bessemjonow  vom Hausflur her:  Stepanida! Wer hat die Kohlen hier verstreut? Siehst du es nicht? Heb sie auf!

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