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Die Klausenburg

Ludwig Tieck: Die Klausenburg - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Fünfundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1837
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Klausenburg
pages102
created20130728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In jenem neuern Hause am sogenannten Eibensteige, welches Franz und seine kranke Gattin einige Zeit bewohnt hatten, hielt sich jetzt der alte Förster Matthias auf, welcher schon seit zwei Jahren an der Gicht erkrankt fast immer auf seinem Bette lag. So lange war es ungefähr, daß Theodor durch die Gunst des Erbprinzen seine Stelle als Oberjägermeister, oder Vorstand aller Forsten im kleinen Lande erhalten hatte. Diesen bequemen Platz, wo das Geschäft des Alten ohne Nachtheil von jungen Burschen besorgt werden konnte, hatte Theodor dem Kranken aus Wohlwollen gegeben, damit er und seine Tochter Hannchen ohne Noth und Sorge leben könnten.

Hannchen war fast immer mit dem Vater beschäftigt. Bald sang sie ihm etwas, bald las sie ihm vor, dann erzählte sie ihm Geschichten, oder was sie erfahren hatte, sie bereitete selbst die Speisen, die seine Krankheit nothwendig machte, und zeigte ihm immerdar, um ihn zu zerstreuen, die größte Heiterkeit, wenn sie auch selbst an einem stillen Kummer litt.

Jetzt war, weil der Vater schon schlief, im andern großen Zimmer ein junger Mann bei ihr, der sie fast 159 täglich besuchte. Eine Meile von dort war ihm durch Theodor eine einträgliche Försterstelle geworden, und früher hatte er bei Matthias, Hannchens Vater, die Jägerei erlernt.

Ich kann nicht fort, sagte er jetzt, bevor Sie mir nicht, liebes Hannchen, ein freundliches Wort gesagt haben.

Lieber Herr Werner, antwortete Hannchen, ich bin Ihre wahre Freundin, Sie haben es selbst gesehn, wie ich mich über Ihre Beförderung, über jene einträgliche Stelle gefreut habe, die Sie schon, so jung noch, verwalten; die ansehnliche Erbschaft, die Ihnen neulich zufiel, macht mich glücklich. Was wollen Sie mehr?

Sie wissen es recht gut, sagte der Jüngling. Aber freilich, ich weiß es wohl, ich begreife es auch, daß Ihr Herz immer noch dahin hängt, so unrecht, undankbar, ja schlecht sich auch der junge Mann gegen Sie und Ihren Vater benommen hat.

Hannchen war glühend roth geworden und rief jetzt im Unwillen: Ludwig! Sie machen mich böse. Graf Theodor ist edel, mein Vater hat ihm Alles zu danken, er hat auch Ihr Glück gegründet. Nein, mein Freund, wir müssen nicht ungerecht seyn. Es giebt Dinge im Leben, die wir Schicksal nennen müssen. Ich kann mich über den jungen Grafen nicht beklagen, als daß er liebenswürdig ist und mit süßen Reden, Blicken und seiner Anmuth mein junges unerfahrenes Herz verstrickte und verwundete. Er hat mir niemals mit ausdrücklichen Worten gesagt, daß er mich liebe, noch weniger hat er um meine Hand geworben. Er war oft hier, immer freundlich, zuthätig; nachher ist er weggeblieben. Weshalb soll ich denn also auf ihn schelten?

O liebes Hannchen, rief der Jüngling aus, Sie führen seine Vertheidigung nur schlecht. Braucht ein Mann von Ehre das Wort gerade auszusprechen, wenn er weiß und 160 fühlt, was recht ist und sich geziemt? Einen solchen bindet ein bedeutender Blick, ein zärtlicher Händedruck, ein Seufzer und ein zartes Gedicht weit mehr, als den trocknen Alltagsmenschen ausgesprochenes Wort und Schwur. Die Liebe zweier edlen Wesen ist keine Verhandlung.

Er ist Graf, sagte das Mädchen, und ich eine Bürgerliche.

Um so schlimmer, rief Ludwig, desto mehr mußte er sich zusammen nehmen, damit seine Zärtlichkeit und scheinbare Hingebung keine Wünsche und Hoffnungen erregte. Ich habe es ja selber mit angesehen, wie er mit Ihnen umging. Wie ein Bräutigam mit seiner Braut, und zwar mit einer solchen Ergebung, als wenn Sie die Vornehme und er der einfache Bürgersmann wäre. Er hat Ihnen Briefchen, Gedichtchen zugesteckt, er hat Ihre Liebe und Zuneigung nicht mißverstehen können. Sehn Sie, darum bleibe ich bei meinem Satz, er hat schlecht an Ihnen gehandelt.

Sie wollen mich durchaus zum Weinen bringen, sagte Hannchen, und dann sagen Sie doch wieder, daß Sie mir gut sind.

Weil ich Ihnen gut bin, rief Ludwig, so übermenschlich gut, daß ich es in ordinäre Worte gar nicht fassen kann. Das ist ja eben mein Elend, daß ich meine Reden nicht so zu setzen weiß, wie der Herr Theodor. Und warum, weshalb hat er Ihr schönes Herz so leichtsinnig aufgegeben? Nicht aus Hochmuth, nein, so schlecht will ich von ihm nicht denken, sondern aus einer elenden Schwachheit. Ja freilich wird daraus unser Schicksal zusammengeflochten, unsre Strafe, unsre Geißel, wenn wir jedem Gelüste nachgeben, wenn wir uns von jedem Schimmer blenden lassen. Böse wird sie es ihm danken, die Coquette, die ihn mit ihrem schönen Angesicht und den blonden Locken so gefesselt hat, so den Verstand 161 und die Augen benebelt, daß er nicht mehr aus und ein, und nicht mehr weiß von schwarz zu unterscheiden weiß. Und diese Sidonie, – diese Falsche – sie kann keinen Menschen lieben. Erst hat sie sich mit dem Baron Anselm herumgeschleppt, im vorigen Jahre, wie sie auch zum Besuche hier war, nun ist ihr der nicht mehr gut genug. Vom Grafen Theodor denken alle, daß er noch einmal eine große Rolle spielen wird, darum muß der jetzt mit ihr den Vortanz halten.

Man sagt ja, fiel Hannchen ein –

Ja, es heißt, sagte Ludwig, die Verlobung würde bald erklärt werden. Wenn nicht unterdeß ein noch Vornehmerer sich meldet. Nun Glück zu! – Und Sie, Hannchen, Sie verschmähen ein ehrliches, treues Herz, weil – ach! ich weiß nicht, was ich rede.

Wie kamen Sie nur heut von jener Seite? fragte Hannchen, um nur ein anderes Gespräch auf die Bahn zu bringen.

Ich hätte bald den Hals gebrochen, sagte Ludwig halb lachend. Sie wissen ja, wie mich die schöne Sidonie manchmal zum Botenlaufen braucht, oder mißbraucht. Und ich bin eben so ein Narr, wie der Theodor, daß ich ihr so in allem Folge leiste. Aber es ist wahr, wenn sie einen so bittend ansieht, so kann man ihr nichts abschlagen. Ich hatte schon einen Brief für sie, einen wichtigen, wie es hieß, von einer alten Bürgersfrau da unten im Städtchen, was dort im Grunde liegt, ein einsames fatales Nest. Weiß der Henker, was die alte und junge Hexe für Geheimnisse mit einander haben, und warum ich mich zum Zwischenträger brauchen lasse. Aber kurzum, wie ich den Brief hinaufbrachte, bat Sidonchen so schön und sagte, sie könnte sich keinem, als mir allein anvertrauen, und dieser Gang nach dem dummen 162 Städtchen sollte auch mein letzter Gang seyn. So läßt man sich denn immer wieder beschwatzen, und ich nehme ihren Brief an, das Antwortschreiben an die alte Gertraud. Die Schöne sagt mir denn so mit ihrem allerliebsten Lächeln recht viel Süßes, daß sie wohl wisse, wie sie mich nicht belohnen könne, wie es schimpflich sei, mir, dem wohlhabenden Manne, etwa Geld anzubieten, sie wolle mir bei Gelegenheit eine Börse stricken, oder mit eignen Händen eine schöne Weste sticken, wobei ich ihrer gedenken solle, und so weiter. Kurz, ich ging in dem schlechten Regenwetter und bei dem Winde, und ärgerte mich nur der fatale weite Weg, der an manchen Stellen, wenn es regnet, grundlos ist. Da fiel mir denn ein, daß, wenn man den Wald und die Klippen hinter dem alten Nest, der Klausenburg, hinaufklimmt, man zwei ganze Stunden näher geht, auch von dort aus, über den Hochwald, auf den Fußsteigen die Wege steiler, aber besser sind, als dort unten im Moorgrunde. Gedacht, gethan. Ich renne hier vorbei, und da der Regen wieder anfängt, ist es mir lieb, hinter der alten Klausenburg mich durch den Wald und über die alten Steine hinweg, empor zu quälen. Aber der Buchenwald schützte mich doch ziemlich vor dem Regen. Nun war es schon finster geworden, da wir aber Mondschein haben, war mir Tag und Nacht gleich. Wie ich nun oben bin, tritt der Teufel selbst sichtbar auf mich zu.

Was sagen Sie, Ludwig? sagte Hannchen betreten.

Nun, nun, antwortete er, das heißt nur: so zu sagen; es ist nur so eine Redensart. Denn wie ich da droben stand, und mich unter einer Buche vor dem Regen niederduckte, fiel mir ein: Hannchen ist nicht glücklich, Hannchen wird mich doch vielleicht niemals lieben, sie hängt nun einmal an dem Theodor. Wie nun, wenn ich diesen Brief Sidoniens, die verdächtige Correspondenz, dem jungen 163 Grafen auslieferte? Vielleicht, daß er die schöne Verführerin dann fahren ließe, und zu meinem Hannchen zurückkehrte. Sehen Sie, solche verteufelte Einfälle hat der ehrlichste Mensch auch zu Zeiten. Aber, dachte ich wieder, wenn das Schreiben nur Liebes und Gutes enthält, das ihr wohl gar Ehre macht? Und wird er als Edelmann wohl den Brief so geradehin aufreißen? Vielleicht wenn er ihn ungesehn so auf der Straße fände, aber nicht, wenn er ihn aus meiner Hand bekömmt, und ich nun sein Mitwisser bin. Er läuft mit dem Schreiben vielleicht so gerade zur Sidonie hin und sagt ihr, welch ein Spitzbube ich bin. Ja, ja, zur Schelmerei gehört auch Geschick und wenigstens eine Art von Sicherheit, daß sie zum Ehrlichen hin ausschlagen könnte. Freilich also, wenn ich wüßte, was in dem fatalen Brief stünde, dann wäre es eine ganz andere Sache. Wenn der Herr Theodor dadurch etwas recht Boshaftes erführe, wenn sich ein Complott entdeckte, – wenn – wenn – und mein Seel, da nesteln meine Finger schon an dem Siegel herum, und ich bin ganz nahe daran, das Petschaft entzwei zu brechen.

Herr Werner! rief Hannchen, vor Schrecken blaß geworden; ein versiegelter Brief! Von einer Person, die gerade in Sie so großes Zutrauen gesetzt hatte. Vielleicht in einer wichtigen Sache. Der Sie versprochen hatten, alles genau zu besorgen.

Sie haben ganz Recht, herziges Kind, erwiederte der junge Mann. Der Teufel selbst ist manchmal in einer ehrlichen Laune und reißt in eigner Person das Handgeld dem armen Sünder und Höllen-Rekruten wieder weg. So machte er es mit mir. Mit einmal lag neben dem rothen Siegel, hart an meinem Finger ein dürrer, dessen Todtenkälte ich fühlte. Wie ich aufsah, stand ein abscheuliches häßliches 164 Weib vor mir, bucklicht, mit grünen Augen und verzerrten Mienen. Diese hob jetzt ihre langen dürren Arme drohend gegen mich auf und schrie: Was machst Du da, mein Sohn? – Ich bin nicht Euer Sohn! rief ich in Schreck und Bosheit, was wollt Ihr von mir?

Brief aufbrechen? schrie sie wieder und faßte mich an. Ich wehrte mich und stemmte mich gegen einen Baum. Nun ward es mir deutlich, daß sie mir selber den Brief wegnehmen wollte, und sie hatte ihn schon in ihrer klapperdürren Hand. Aber ich wehrte sie gewaltig ab und so rissen wir uns hin und her, so daß der Brief dabei zu Schaden kam. Ich fühlte, wie er aufgegangen war und mit einemmal raschelte das Blatt hinunter in die alten Ruinen der Klausenburg hinein, denn über dieser standen wir dicht, und hart am Abgrund in unserer Balgerei. So wie ich mir noch das freche Weibsbild recht ausschelten will, ist sie auch schon auf und davon. Ich kann nicht begreifen, wo sie geblieben ist, so daß ich fast wie der gemeine Mann daran glauben möchte, daß dorten Gespenster umgehn. Nun liegt der aufgerissene Brief da drunten, wer weiß zwischen welchem Stein, Moos und Gras; morgen früh bei Tage will ich nur gleich in das alte Schloß und nachsuchen. Finde ich ihn nicht, so muß ich alles der Sidonie bekennen, oder auch, wenn ich ihn so aufgerissen wieder antreffe.

Aber, lieber Herr Werner, Sie lesen ihn dann nicht, nicht wahr?

Gewiß nicht, Hannchen, sagte der junge Mann, Sie haben ganz recht, und ich bleibe immer nur ein unnützer Bursche. – Nun will ich also dahinten in der Waldschenke übernachten, damit ich morgen früh genug auf den Beinen bin.

Man hörte aus dem innern Zimmer eine Klingel. Mein 165 Vater bedarf meiner Hülfe, sagte das Mädchen: der Himmel geleite Sie, lieber Ludwig.

Schlafen Sie gesund, sagte der Bursche: ich sehe wohl, daß Sie mir niemals gut werden können. Die letzten Worte sagte er, indem er schon in der Thüre war.


Nachdenkend und von seltsamen Empfindungen bewegt, war Theodor unten am Fuße des Schlosses angelangt. In diesem Zusammenhange hatte er noch niemals die seltsame Geschichte seiner Vorfahren und Anverwandten gekannt. Seine Jugend ging noch einmal in seinem Gemüthe auf und mit Trauer und Bangen dachte er an seine Zukunft. Nun fiel ihm wieder ein, wohin er gehe und weshalb, und diese Aufgabe, welche ihm eine verehrte Geliebte zugetheilt hatte, erschien ihm lächerlich und läppisch. Vielleicht, sagte er zu sich selbst, hat sie Menschen dorthin gesendet, die mich erschrecken sollen, denn ihrem Leichtsinn und Uebermuthe ist alles möglich. Sie will mich wohl gar dem Spott eines Anselm Preis geben, jenem Widerwärtigen, mit dem sie immer so viele Geheimnisse hat, selbst dann, wenn sie mir schmeichelt und freundlich gegen mich ist. Ich muß mich gegen alles waffnen.

Die Nacht war seltsam wechselnd. Bald hell, bald finster: die Wolken jagten sich durch den Himmel, sanken bald in die schwarzen Wälder an den hohen Bergwänden hinein, bald erhoben sich von der andern Seite neue mächtige Rauchsäulen, um als Wolken empor zu schweben. Oft trieb der Regen, dann stürmte der Wind, und nun trat wieder eine sanfte, feierliche Stille ein. Sollte dies ein Bild von meinem Leben seyn? fragte sich Theodor. Mein Wunsch war immer, recht einfach dahin zu wandeln, mir 166 und wenigen Vertrauten genügend, ohne Furcht und ohne ausschweifende Hoffnung, – aber freilich, dann hätte ich nicht in den Zauberkreis dieser Sidonie gerathen müssen. Sie wird vielleicht mein Leben glänzend, aber auch stürmisch machen.

In den Erzählungen dieses Abends war er aber auch an jenes Haus am Eibensteige gemahnt worden, in welchem er so viele glückliche Stunden verlebt hatte. Ihn quälte die Erinnerung an das einfache liebenswürdige Mädchen, und er konnte mit sich nicht einig werden, ob er ihr Unrecht gethan habe, oder nicht. Aber schon dieser Zweifel, sagte er, beweist dann, daß ich sie in ihrem schönen Vertrauen verletzt habe.

Er war jetzt der Wohnung Hannchens nahe gekommen. Der Himmel hatte sich wieder verfinstert. Er sah das Licht durch ihre Fenster glänzen. In dieser Einsamkeit, die den fernen Anwohnern des Gebirges, den Förstern, Jägersmännern und Bergleuten so sicher schien, verschloß man die Häuser nicht ängstlich, und so hatte auch Hannchen die Läden vor den hohen breiten Fenstern, die tief zum Fußsteig nieder gingen, nicht vorgeschoben. So stellte sich Theodor dicht an das Fenster, und verwunderte sich darüber, daß das Mädchen noch nicht zu Bette gegangen sei. Er sah in die wohlbekannte Stube hinein, alles drin war noch so, wie sonst, Sessel und Armstuhl, Tisch und Schrank standen noch an derselben Stelle, und er sehnte sich mit Rührung und süßem Schmerz in diesen behaglichen Raum hinein. Es stand nur ein Licht auf dem alten runden Tisch von Eichenholz, und die Schnuppe war lang und finster, denn Hannchen saß am Tische, und achtete, tief versunken, nicht darauf, das Licht zu putzen. Theodor ergötzte sich an dem lieblichen Bilde, das wie ein schönes Gemälde von Schalken sich ihm zeigte. Die 167 ganze Stube war finster, und nur ihre Figur und ein kleiner Raum in ihrer Nähe mäßig erleuchtet. Sie hatte sich schon zu Bett legen wollen und war halb entkleidet, der schöne weiße Busen zeigte sich halb, und lange volle Flachshaare schwebten herab, und verdeckten Schulter und Hals auf der einen Seite: das feine Händchen hielt, mit dem Ellenbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf und die gekrümmten Finger hatten sich in das dicke, niederfließende Haar verwickelt. Sie las eifrig ein Blatt, und war so vertieft, daß sie darüber die Finstre des niedergebrannten Lichtes nicht bemerkte. Noch nie war die Gestalt, das Angesicht und der Ausdruck des Mädchens dem Jüngling so schön erschienen, aber zugleich mit dieser liebenden Bewunderung empfand er eine seltsame Eifersucht, denn er hatte von dem Werben Ludwig Werners gehört, und war überzeugt, daß dieses Blatt, in welchem das liebe blaue Auge so vertieft war, ein zärtlicher Brief ihres Verlobten war. Indem warf eine Sturmwolke einen Regenguß plötzlich nieder und er klopfte mit der Hand an die Scheibe. Sie erschrak, und ihre erstes war, das theure Blatt tief in ihren Busen zu verbergen, dann warf sie die schimmernden Haare durch eine heftige Bewegung des Kopfes zurück, band schnell das Mieder zu und eilte an das Fenster. Lassen Sie mich nur auf einen Augenblick ein, rief der junge Mann, bis dieser Regenguß vorüber ist, ich will Sie dann nicht länger beunruhigen. – Sie verschwand und öffnete die Hausthür. Als sie in das Zimmer getreten waren, sagte sie, die Hände im Erstaunen zusammen schlagend: Ei, lieber Gott! Graf Theodor wieder einmal in unserer Stube! Sie ging an den Tisch, um das Licht zu putzen, und Theodor sah sich allenthalben um, betrachtete die Flinten an der Wand, die alte Uhr und setzte sich dann gedankenvoll an den Tisch. Er konnte wohl bemerken, wie aufgeregt Hannchen war und 168 in welcher Bewegung sie sich befand. Setzen Sie sich zu mir, Sie herzlichstes Kind, sagte er zu ihr, so gut ist es mir lange nicht geworden. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte, und diese kindliche Verlegenheit machte ihre Erscheinung noch lieblicher. Theodor rückte ihr näher und faßte ihre Hand mit der seinigen. Sie zittern ja, Hannchen, sagte er dann. – Es ist kaltes Regenwetter, antwortete sie und schon tief in der Nacht. – Ja wohl, und Ihnen graut wohl manchmal hier in der Einsamkeit, fuhr er fort: geben Sie mir das andere liebe Händchen auch. So hielt er kriegslistig die beiden Hände des Mädchens in seiner starken linken Hand, und indem sie ihn mit fragenden Blicken ansah, griff er nach dem Blatte, das so schön verwahrt war, entfaltete es und las. – O Theodor! sagte das schöne Kind weinend, das war sehr, sehr Unrecht von Ihnen. Sie ging weit von ihm weg und setzte sich in den fernsten Winkel, das Köpfchen mit ihren Händen bedeckend. Aber wie ward ihm, als er jetzt eins seiner Gedichte las, die er vor einem Jahre im Frühling einmal dem unschuldigen Mädchen in einer traulichen Stunde gegeben hatte. Er sah es wohl, wie oft das Blatt war gelesen worden, einige Buchstaben waren halb verlöscht, vielleicht von Thränen, vielleicht auch weggeküßt, und er selbst ließ jetzt, von plötzlicher Rührung gewaltsam ergriffen, eine große Thräne auf das Blatt fallen.

Er riß die Uhr heraus und sah, daß er nun, sein wunderliches Versprechen zu erfüllen, eilen müsse. Er sprang auf, ging zu Hannchen, gab das Blatt ihrer zitternden Hand zurück und sagte dann mit der zärtlichsten Stimme. Bitte! bitte! nicht böse. Sie stand auf und sah ihn mit weinendem Auge durchdringend an. Er konnte sich nicht bezwingen, und nahm sie in die Arme und drückte einen herzlichen Kuß auf ihre Lippen, dann, ohne ein Wort zu sagen, eilte er hinaus 169 und rannte auf dem Fußsteige fort, um zu rechter Zeit vor der alten Pforte der Klausenburg anzulangen.

Indem er davor stand, hörte er unten im tiefen Thale die Glocke des Dorfes Zwölfe schlagen. Er zog gedankenlos an dem Eisendrahte, der wie verhöhnend aus alter Zeit an der moosbewachsenen Mauer niederhing. Aber er kam auf unerwartete Weise zum Bewußtsein, denn ein sonderbarer Ton erklang laut gellend im Innern, das Getön hallte noch in die Ferne hinein, aus dieser erwachte eine zweite Glocke, und nach dieser noch entfernter eine dritte, alle so seltsam geisterhaft, daß ihn ein Schauer erfaßte.

Jetzt öffnete sich das Thor, er trat hinein: ein altes gebücktes Mütterchen stand mit einer Laterne da, er schritt in den Hof und das Thor ward hinter ihm wieder verschlossen.


– Theodor kam aber am folgenden Tage nicht auf das Schloß zurück. Es schien, als wolle er alle Verbindung mit seiner bejahrten Verwandtin, der freundlichen Baronesse, ganz aufgeben, denn er ließ sich dort in mehreren Wochen nicht erblicken. Dagegen fiel ganz unerwartet eine große Veränderung mit Sidonien vor. Sie hatte, wie man glaubte, von Theodor schon am folgenden Morgen ein großes Briefpaket erhalten. Sie erbrach es in Gegenwart der übrigen Gäste, und war schon nach dem ersten flüchtigen Anblick der Blätter außer aller Fassung. Dies mußte um so mehr auffallen, da sie sonst in allen Lagen des Lebens einen unerschütterlichen Gleichmuth bewiesen hatte. Sie war jetzt so erschüttert, daß sie ohne allen Vorwand die Gesellschaft verließ und sich in ihrem Zimmer verschloß. Die Tante war so neugierig, wie sie noch nie gewesen war, um zu wissen, 170 was diese außerordentliche Veränderung der Nichte habe verursachen können. Blinden war gleichgültig und Blomberg, welcher den Zusammenhang zu ahnden schien, wollte keine Vermuthung oder Meinung von sich geben.

Sidonie hatte in größter Eil einen reitenden Boten abgesendet, ohne zu sagen, wohin. Er mußte aber, so sahe man, zu Anselm geeilt seyn, weil dieser sich schon vor Tische einstellte, und lange mit Sidonien, obgleich das Wetter nicht angenehm war, im Garten am Abhange des Berges in den lebhaftesten Gesprächen auf und nieder wandelte, und sich endlich sogar mit ihr in den alten Pavillon begab, der wegen seiner Baufälligkeit sonst nicht gern besucht wurde. Nach zwei Tagen verließ Sidonie, in Begleitung des Grafen Blinden, der noch einmal die Rolle des Vormundes übernehmen mußte, mit Anselm das Schloß, und kaum war eine Woche verflossen, so meldeten beide ihre Verlobung und Vermählung. Sie verließen aber die Landschaft und kauften sich in einer weit entlegenen Gegend an. Auch erfuhr man, daß aus jener kleinen Stadt, welche abseits im Thale lag, eine alte Frau ihnen gefolgt war, welche die Verpflegerin eines kleinen einjährigen Kindes gewesen, dessen Herkunft Niemand wußte.

So gab es in der Provinz viel über jene so auffallenden Veränderungen zu reden. Auch Graf Theodor gab Stoff zum Verwundern. Er hatte jene verschwundenen Dokumente aufgefunden und eine reiche Erbschaft war ihm zugefallen. Beim regierenden Fürsten galt er mehr als je, sein Gehalt war vermehrt und ihm ein größerer Wirkungskreis angewiesen worden. Mit dem Erbprinzen war er ebenfalls inniger befreundet, und beide Fürsten lobten ihn, daß er sein Verhältniß mit Sidonien so bestimmt und schnell aufgelöst habe. Der alte Herr war besonders darüber erfreut, daß die 171 verdächtige Schöne das Land ganz verlassen hatte, weil es ihr schon einmal gelungen war, seinen Sohn durch ihre Reize zu fesseln. Das Erstaunen der kleinen Provinz stieg noch höher, als Graf Theodor, nachdem alles beseitigt war, seine Vermählung mit einem armen und bürgerlichen Mädchen erklärte, und Hannchen, die Försterstochter, auch vom wohlwollenden Regenten mit ausgezeichneter Gnade aufgenommen wurde.

Dieses schöne liebende Gemüth wurde für ihre Treue durch die höchste Glückseligkeit überrascht, und über alle ihre Wünsche und Träume durch die Wirklichkeit erhoben. An jenem Abend, als Theodor seine ehemalige Geliebte noch so spät besuchte, hatte er gefühlt, wie viel er vormals an diesem reinen Herzen, an diesem kindlichen Wesen besessen hatte.

Nach zwei Monaten kam Graf Theodor mit seiner jungen Gemahlin wieder auf das Schloß der alten Baronin, um einige Wochen bei ihr in der schönen Gebirgsgegend zu wohnen. Er fand nur den alten gutmüthigen Blomberg bei ihr. Die alte Verwandte behandelte das schöne liebenswürdige Hannchen mit der zärtlichsten Freundlichkeit und Blomberg war über die Wendung entzückt, welche das Schicksal seines Freundes Theodor genommen hatte.

Da wir nun hier im vertrauten Kreise sitzen, fing der Alte an, da es wieder Abend geworden ist und kein Bedienter und noch weniger ein Besuch uns jetzt stören wird, so könnten Sie, mein Freund, uns wohl mittheilen, was Ihnen in jener Nacht, als Sie uns verließen, in der Klausenburg begegnet ist, oder ob Ihnen gar nichts zustieß, das der Rede verlohnte. Doch will mich bedünken, als habe jene Nacht Ihr Leben entschieden.

So ist es, sagte Theodor, und da gutmüthige Freunde mir zuhören, so will ich auch erzählen, was mir begegnet ist, 172 doch verlange ich selbst von Ihnen nicht, daß Sie mir unbedingt glauben, und bitte deshalb, daß meine Mittheilung nicht über Ihre Lippen kommen möge.

In einer sonderbaren Stimmung verließ ich dies Haus, um die Probe zu bestehen, die mir lächerlich dünkte. Sidoniens Betragen hatte mich verletzt, und ich konnte mein Inneres nicht deutlich ergründen, ob ich sie wirklich liebe. Als ich, von einem Platzregen überrascht, zu Hannchen eintrat, erwachte meine vormalige, ächte Liebe in ihrer ganzen Kraft und ich wurde völlig verwirrt. So kam ich an das verwüstete Schloß, und trat in der Mitternacht vor die Pforte. Schon als Kind hatte ich zuweilen an jenem Eisendraht gezogen und so wenig, wie andre Neugierige, eine Wirkung verspürt. Mißmuthig griff meine Hand in den Ring, ich zog scharf – und ein lauter, wunderlicher Ton erklang, den ich nicht beschreiben kann. Er wiederholte sich in der Ferne und dann wieder in größerer Weite, und das alte verrostete Thor that sich auf. Ich trat hinein, es verschloß sich hinter mir und ich war mit einem alten blassen Mütterchen allein, die mir mit einer Laterne in das Gesicht leuchtete, dann winkte sie mir, ihr zu folgen. Und von jetzt an, wie soll ich den Zustand beschreiben, welcher mich jetzt beherrschte? Es war keine Betäubung, aber auch kein deutliches Bewußtsein. Fast wie ein Taumel, oder Rausch, oder eine Annäherung zum Schlummer. Und so folgte ich der krummen Alten. Der Hof war aber nicht der Hof; das Gesträuch, die Mooswände, der Epheu und das wilde Gestrüpp zwischen dem umherliegenden Gestein war verschwunden, wir wandelten durch alte hohe Zimmer und Säle. In dem einen Zimmer war ein Bett und auf dem Tisch eine brennende Kerze. Die blasse Alte verließ mich. Das dunkle Gemach war sparsam erhellt, und der Mond schien bleich durch das trübe Fenster. 173 In einer Nische des Zimmers stand die Büste eines alten Mannes, wie aus Marmor gearbeitet. Indem ich mich so umsehe, schreitet das auf mich zu, welches ich für ein steinernes Brustbild gehalten hatte. Ich bin Dein Vorfahr Moritz, sagte die hochaufgerichtete Gestalt, und mein Grauen vor ihm war nur schwach und verschwand. Du sollst Friede und Ruhe genießen und so werden wir alle die Ruhe finden. So tönte es dumpf, mir aber verständlich, aus seinem kreideweißen Munde. Er winkte und hinter dem Sessel wickelte sich eine scheußliche Gestalt hervor, ganz so im Ansehn, wie uns jene Ernestine beschrieben wurde. Sie hatte einen offnen Brief in der Hand: Lies! krächzte sie, und ich ergriff mit zitterndem Ungestüm das Blatt. – Oeffne den Schrank! sagte der Alte. Sie that es und nahm viele Papiere hervor. – Ich nahm sie. Versöhnt! riefen beide, und zwei holde Gestalten, die der Alte Franz und Elisabeth nannte, schwebten vorüber. – Rund umher standen jetzt viele bleiche Erscheinungen, die Wände und Fenster zu verdecken schienen. Alles schwirrte, flisterte, lispelte mir wie Flügelschlag, wie ein feines Brausen und Säuseln dazwischen. So weit reicht mein Bewußtsein, meine letzte schwache Erinnerung war, daß ich mir einbildete, ich sei auf das Bett gesunken.

Ein Frost erweckte mich. Es war klarer Morgen und ich lag auf einem Stein in der Ruine, der vom Regen und Morgenthau naß war. Ich hätte jetzt Alles für Traum erklärt, wenn ich nicht jene lang vermißten Dokumente, die mir das Erbe zusicherten, in Händen gehalten hätte, so wie jenen Brief, den mir die verzerrte Gestalt auf den Befehl meines Ahnherrn übergeben hatte. Er war von Sidonie, und entdeckte mir ein inniges Verhältniß mit Anselm und wie man künftig meine Schwachheit und meinen Einfluß auf den jungen Fürsten hatte mißbrauchen wollen. Indem ich 174 noch las, sann und staunte, arbeitete sich der junge Forstmann Werner durch die Klippen und Gesträuche, um jenen Brief zu suchen, den ihm am Abend, wie er erzählte, ein Gespenst entrissen hatte.

Ich schickte diesen Boten mit jenem Schreiben und einem Briefe von meiner Hand an Sidonien zurück. Ich ging zu Hannchen, von dort in die Residenz, und alles fügte sich zu meinem Glück.

Jetzt werde ich jene alte verwüstete Klausenburg wieder aufbauen, die Wege dort herstellen, und mit der Frau, meinem alten Schwiegervater, meinen zukünftigen Kindern, und so lieben Freunden, wie Sie beide es mir sind, recht oft und lange dort hausen und im Genuß der Liebe und Freundschaft so glücklich seyn, wie es uns sterblichen Menschen nur irgend vergönnt ist.

So schloß Theodor seinen Bericht, und alles erfüllte sich späterhin so, wie er es gewünscht und gesagt hatte.

 


 

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