Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Die Klausenburg

Ludwig Tieck: Die Klausenburg - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Fünfundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1837
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Klausenburg
pages102
created20130728
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Und hiemit ist die Erzählung zu Ende? fragte Sidonie?

Sie haben Ihr Wort gelöset, theurer Freund, fing die alte Baronin an. Jenes Grauen, das ich so gern habe, haben Sie erregt, und die Erzählung hat sich endlich wirklich zu einer Gespenstergeschichte gestaltet. Und Franz und Elisabeth? Sind sie gestorben? War noch eine Heilung möglich?

148 Es wird Zeit, schlafen zu gehen, fiel Blinden ein, sollte die Erzählung noch nicht ganz zu Ende seyn, so machen Sie es nur kurz, lieber Blomberg.

Nein! noch nicht schlafen! rief die Wirthin mit liebenswürdigem Zorn, wir müssen nun noch eine Weile beisammen bleiben, um dieses Grauen zu überwinden und zu vergessen. Haben Sie, Baron Blomberg, noch etwas zu berichten, so lenken Sie wieder ein.

Ich bin zaghaft, sagte der alte Mann, den Schluß zu berichten. Doch es sei! – Indem ich durch die stille Nacht mit dem Badearzte durch die finstern Baumgänge dahin wandelte, sagte dieser: Geehrter Herr, wir sind beide so aufgeregt, daß wir doch jetzt nicht mehr schlafen können. Begleiten Sie mich auf mein Zimmer, ein kräftiger aromatischer Cardinal soll uns munter erhalten, und ich will Ihnen dort meine Gedanken über unsre beiden Kranken mittheilen, an deren Genesung ich jetzt, nach diesen Erzählungen, zum erstenmale glaube. Ich möchte versichern, daß ich sie nach zwei Monaten ziemlich gesund zurück schicken werde.

Ich erstaunte, denn ich hatte meinen Jugendfreund völlig aufgegeben. Das stark gewürzte Getränk machte uns völlig munter und der Doktor sprach: Diese Seelenkrankheit Ihres Freundes ist mir eine der interessantesten psychologischen Erscheinungen, die mir nur bekannt geworden sind. Er so wie seine Frau sind von einem seltsamen Wahnsinn befangen, und wenn es uns gelingt, diesen erst zu stören, dann zu schwächen und zu verdunkeln, und endlich ganz zu vertreiben, so wird sich auch die körperliche Genesung ganz von selbst einstellen. – Ohne Ihren Freund früher gekannt zu haben, kann ich mir aus seinen Mittheilungen seinen Charakter und seine Schicksale genau und wahr konstruiren. Er ist von Natur ein guter, weicher Mensch, etwas zu weich, und wie 149 alle Menschen dieser Art, der Eitelkeit mehr als die stärkeren ausgesetzt. Er ist schön gewesen und liebenswürdig, hat Talente und Suada besessen, und war so allenthalben willkommen, wo er sich nur zeigen mochte. Allenthalben beliebt und geschmeidig, mag er manchem schönen Kinde Kopf und Herz verdreht haben. Nun kam ihm seine schöne Gattin entgegen, er will sich zum Ehemanne umgestalten, und seine reizbare nervenschwache Frau freut sich, den liebenswürdigen, feinen Mann den ihrigen nennen zu können. Wie es den Schwärmenden immerdar ergeht, so auch hier. Sie finden das überschwengliche Glück in der Ehe nicht, welches sie erwartet haben, und eine leise Verstimmung legt sich über die zarten Nervensaiten, die mit Ungeduld neue Schwingungen erwarten. Die häßliche verwachsene Schwester empfindet, wie fast alle Personen dieser Art, Neid und Mißgunst gegen die vorgezogene, geschmeichelte und geliebkos'te Braut und Gattin. Sie läßt deutlich ihren Widerwillen merken, und gesteht, daß sie den jungen Edelmann hasse. Der liebenswürdige Herzensbezwinger setzt nun alle seine Künste daran, auch diese Widerspenstige zu überwältigen. Es gelingt ihm, und die arme Getäuschte glaubt wohl gar Empfindungen in ihm erregt zu haben, indessen er nur seine Eitelkeit einen Triumph feiern läßt. Diese Herzlosigkeit mußte die unglückliche Ernestine kränken und empören. Eine innere Wuth verzehrt sie, sie wird ein Opfer ihrer unglücklichen Leidenschaft, und im Sterben spricht sie jene Drohung aus, die Ehegatten auf alle Weise zu verfolgen. Dies ist offenbarer Wahnsinn. Es ist eine schon alte Bemerkung, daß dieser oft im Blute steckt, und Verwandte, Brüder, Schwestern und Kinder davon ergriffen werden, wenn er sich in einem Glied der Familie manifestirt. So auch hier. Der zärtliche Graf ist wohl auch nicht so ganz verschwiegen gegen seine Gattin 150 gewesen: sie kränkelt schon, sie brütet über Gedanken und schleicht mit neugieriger Aufmerksamkeit dunkeln Gefühlen ihrer Nerven nach, – was ist natürlicher, als daß sie bei der ersten Gelegenheit die mißgestalte Schwester zu sehen glaubt? Die Angst der Frau theilt sich ihm mit, die böse Laune über Unglück hat seine Phantasie gesteigert und er sieht ebenfalls die Gespenstererscheinung. So geht es denn fort, bis beide sich aus reiner Phantasie beinahe vernichtet haben. Zerstört man diese böse Einbildung, so werden sie gesund.

Liebster Doctor, erwiederte ich, ich kann nicht sagen, ob ich einen zu vorwiegenden Hang zum Aberglauben habe, aber Ihre Gründe genügen mir nicht. So vieles, was uns Sage und Schrift aufbewahrt, kann in diesem sonderbaren Gebiete, so vernünftig man sich auch entgegensetzt, nicht bloß Phantasie, oder Erfindung seyn. Es giebt wohl Stimmungen, Krankheiten, Nervenzustände, in welchen diesem oder jenem etwas sichtbar wird, was sich allen übrigen verhüllt. Was ist Geist? Was sollen wir uns bei dem Worte vorstellen? Ist uns die Eigenschaft, das Talent, oder die Kraft bekannt, welche diese Millionen verschiedenartiger Seelen nach Abstreifung der irdischen Hülle besitzen? Was dieser und jener starke Geist durch Macht seines Willens, oder ängstigende Reue, oder süß marterndes Heimweh für Möglichkeit findet, aus Imagination wieder eine scheinbare Hülle zu bilden, wie er sie vormals trug?

Und wenn Sie ganz Recht hätten, was wäre damit für Sie gewonnen? rief der eifrige Doctor. Wenn ein Verstimmter, Aufgeregter, etwas sieht, so sieht er ja doch nur immer seine eigne Phantasie, seine eigenen inneren Gestalten, die sich nun sichtbar vor sein körperliches Auge hinstellen. Das begegnet jedem zuweilen. Man hat am Morgen einen 151 lebhaften Traum. Man erwacht plötzlich und sieht noch einen Augenblick das Kind, nach dem man sich sehnte, die Lilie, oder Rose, an der man sich erfreute, den alten Freund, der hundert Meilen entfernt ist, vor sich. Es ist wohl noch nie vorgekommen, daß einem der vielen Geisterseher sein greiser Vater oder Großvater als Jüngling oder Bräutigam, der Mörder als Knabe in Unschuld, das wilde Gespenst einer alten Giftmischerin als blühende Jungfrau erschienen ist. Warum wechseln denn diese Gespenster nicht einmal ihre Gestalten?

Weil sie vielleicht, warf ich ein, ihre Imagination nur in ihrem letzten Zustande, der ihnen noch am nächsten liegt, ausprägen können.

Ah was! rief der ungeduldige Mann, geben Sie sich lieber ruhig gefangen, als daß Sie so unbehaglich im Netze zappeln. Helfen Sie mir lieber bei der Heilung Ihres Freundes.

Und die Art und Weise?

Nur durch etwas Gewaltsames kann ein glücklicher Anfang gemacht werden. Glauben Sie mir, in den innersten Tiefen unsers Gemüthes wächst noch immer etwas von jenem Unkraut der Eitelkeit, von dem wir uns gerne weiß machen, daß es nur in der äußersten Oberfläche, um zu wuchern, seinen Boden anträfe. Auch im Schreck, im Todes-Entsetzen, in marternder Krankheit kitzelt uns das Bewußtsein: du erlebst doch bei alle dem was Apartes, du siehst Erscheinungen, die dich ängstigen. Man geht weiter: man wünscht sie wieder zu sehn und lockt sie gleichsam hervor. Das schmiegsame, fügsame innere Wesen, die fast unbegreifliche Phantasie gehorcht, und wieder steht ein solcher Popanz vor uns. – Stehn Sie mir also darin bei, die Kranken zu überreden und zu stimmen, daß entweder im Zimmer des Grafen, oder 152 bei Ihnen Musik gemacht werde, schaffen wir ein Fortepiano an, und da die kranke Elisabeth nicht singen kann, so wird sie uns wenigstens eine Sonate spielen. Damit die beiden Wahnsinnigen kein Scandal erregen, wenn sie vielleicht doch von ihrem Wirrsal befangen werden, so muß Niemand Fremdes zugegen seyn, nur Sie und ich, und höchstens die Kammerfrau, falls die Gräfin sich doch wieder vergessen sollte. Es wird aber in meiner Gegenwart, da ich mein gesundes Auge allenthalben werde herumschweifen lassen, nicht geschehn. Dadurch werden die Kranken Sicherheit und Beruhigung gewinnen, und wir fahren dann jeden Tag fort, und brauchen immer stärkere Mittel, um die irre Phantasie zu kuriren.

Und, wenn nicht, – sagte ich, mit fast furchtsamem Ausdruck.

Nun, beim Himmel, rief der untersetzte Mann mit lautem Lachen, wenn ich, ohne vorher etwas viel getrunken zu haben, etwas sehe, – nun so –

So?

So will ich ein Narr seyn und bleiben, Baron, wie wir es denn, beim Licht besehen, alle von Hause aus schon sind.

So verließen wir uns, und es kostete viel Ueberredung, meinen angstvollen Freund dahin zu bringen, daß er zu dem bevorstehenden Experiment seine Einwilligung gab. Die Frau war, zu meinem Erstaunen, viel leichter gewonnen. Sie sagte nicht unvernünftig: Ich fühle es, mein Leben ist beschlossen, alle Hülfe ist vergeblich, je näher der Tod, mir um so lieber. Kann ein neuer Schreck mich wie ein Blitz niederschmettern, um so erwünschter. Und tritt das Ereigniß, das ich für möglich halte, gar nicht ein, nun so sind meine letzten Tage wenigstens von dieser Furcht und dem angstvollen 153 Grauen befreit, ich kann mich unterhalten und zerstreuen, und in der Hand der Allmacht liegt es dann, ob ich und mein Gatte noch wieder Hoffnung auf Genesung fassen sollen.

Man setzte den dritten Tag für die Musik fest, und zwar die spätere Abendstunde, weil Elisabeth, wie so manche Fieberkranke, sich um diese Zeit am stärksten fühlte, sich auch dadurch die Nacht abkürzte, indem sie erst in der Regel gegen Morgen ihren Schlaf fand. Ein Fortepiano war also auf das Zimmer geschafft worden, mehr Kerzen, als nöthig waren, brannten, auch die Schlafkammer, die unmittelbar an das Wohnzimmer stieß, war hell erleuchtet worden, damit kein räthselhafter Schatten sich irgendwo im Dunkel erzeugen könne. Im Wohnzimmer stand außer Sessel und Sofa noch ein eigentliches Ruhebett, auf welchem die Kranke sich oft bei Tage ausstreckte. Das Fortepiano war an eine Wand zwischen zwei Fenster gestellt, die die Aussicht auf Gärten und nicht gar ferne Weinhügel hatten. Nach dem Thee hatte man die Thür des Eingangs verschlossen und die Aufwärter und Diener für diesen Abend verabschiedet. Die junge starke Kammerfrau war zugegen, und wir alle ersuchten sie, sich ja recht munter zu erhalten.

Elisabeth saß am Flügel. Der Doctor stand seitwärts neben ihr, um sie und Zimmer und Schlafstube zugleich beobachten zu können, ich saß und stand abwechselnd auf der andern Seite der Kranken; Franz ging im Schlafrock und weichen Pantoffeln leise hinter der Spielenden hin und her, und die rüstige Kammerfrau lehnte an der offnen Thür des Schlafzimmers.

Elisabeth spielte erst matt, ungewiß und ängstlich. Bald aber riß sie die Schönheit der Composition und das Bewußtsein ihres Talentes hin, und sie trug mit Präcision und 154 Feuer das humoristische, melodienreiche Werk vor. Ihr Auge glänzte, ihre Wange röthete sich beim Spiel und ein seelenvolles Lächeln schwebte auf dem vormals schönen Munde. Der Arzt warf mir triumphirende Blicke zu und da die Räume so hell und heller wie am Tage waren, so konnte man Miene und Gesichtszug eines jeden deutlich erkennen. Alle lobten die Spielerin und der Arzt, der sich vorbereitet hatte, gab ihr etwas zur Stärkung. Sie selbst war wie neugeboren und gestand, daß sie sich seit einem Jahr nicht so wohl gefühlt habe. Der leidende Franz war entzückt, und seine feuchten Blicke sprachen Hoffnung aus.

So ward denn, mit derselben Anordnung, zum zweiten Musikstück geschritten. Elisabeth spielte noch sicherer und leichter. Bravo und Applaus begleiteten sie, – da plötzlich – ließ sich ein entsetzlicher Aufschrei hören – wie soll ich ihn beschreiben? – nie war mein Ohr von solchem gräßlichen Ton zerrissen worden – erst nachher ward ich inne, daß Franz ihn ausgestoßen hatte – und – die Lichter brannten blau, aber doch blieb es hell genug – welch Schauspiel! Franz mit schäumendem Munde und weit hervorgetriebenen Augen hielt sich mit einem entsetzlichen Gespenst umfaßt. Er rang mit der dürren scheußlichen Gestalt. Du oder ich! schrie er jetzt, und sie umklammerte ihn mit den dürren Armen so fest, drückte den krummen verwachsenen Körper so fest an den seinigen, preßte ihr bleiches Antlitz so fest auf seine Brust, daß wir alle es hörten, wie in diesem Ringen seine Gebeine erkrachten. Die Kammerfrau war zu Elisabeth gesprungen, welche in Ohnmacht lag. Der Arzt und ich kamen herbei, als der Kranke das Gespenst wie mit Riesenkraft auf das Ruhebett niederwarf, welches von dem schweren Fall in seinen Fugen knackte. Er stand aufrecht. Wie eine Wolke, wie eine dunkle Decke lag es auf dem Bett, 155 und als wir nun ganz nahe traten, war auch jeder Schein verschwunden. –

Franz fühlte sich nun wie in allen Gebeinen zerbrochen, seine letzte Kraft war vernichtet, er war nach dreien Tagen verschieden, und der Arzt fand blaue Flecken auf Rippen und Brustbein. Sie erwachte aus ihren irren Phantasieen nicht wieder, und folgte zwei Tage später dem geliebten unglücklichen Gatten in sein frühes Grab. –

Nun? fragte ich den Arzt, als wir uns wieder vom Schrecken, der Trauer und der Betäubung etwas erholt hatten. Die Kur ist nicht gerathen, Sie, der Kaltblütige, hat gesehn, wogegen er erst mit voller Ueberzeugung schwur. Ein Bild Ihres Innern, oder des meinigen, da wir Ernestine nie gesehen haben, war es gewiß nicht: den Kranken sahen und hörten wir mit dem Gespenste ringen. Eine innere Phantasie hat ihm, dem Gestorbenen, gewiß Brust und Rippen nicht so erkrachen machen.

O mein schönes System! seufzte der Doctor; da entsteht nun eine schreckliche Lücke, ein herber Widerspruch mit allen meinen Ueberzeugungen und Erfahrungen, die ich wahrlich nicht zu versöhnen, oder zu ergänzen weiß. Aber, mein theurer, verständiger Freund, im Namen der Menschheit und bei deren Wohl beschwöre ich Sie, halten Sie ja die ganze Sache geheim, verschweigen Sie gegen jedermann die Geschichte, denn sonst eröffnen wir ja dem Aberglauben Thüren und Thore. Der Menschheit und der Wissenschaften wegen müssen wir die seltsame Geschichte vertuschen.

So habe ich denn auch bis jetzt geschwiegen, denn dies ist das erstemal, daß ich Ihnen hier diese wunderbare Gespenstergeschichte erzählt habe.

– Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte Graf Blinden: Und Sie haben wirklich die Sache so gesehn?

156 Wie ich sie erzählt habe, antwortete Blomberg, und das kann ich vor jedem Gericht, wenn es nöthig wäre, beschwören. Aber, bester Graf, Gespenster kann man nicht unter die Lupe und das Mikroskop bringen und sie noch weniger seziren und anatomiren. Ich sah das Gespenst, wie man es beschrieben hatte, auf dem Ruhebette war es nur noch eine unkenntliche Masse und bald darauf völlig verschwunden. Die Nutzanwendung und Moral der Sache überlasse ich andern, und ich selbst wünsche auch nicht, eine solche Erfahrung zum zweitenmale zu machen.

Ich könnte mich wohl entschließen, sagte der junge Theodor, mit dieser Geisterwelt in Verbindung zu treten, denn jede Erfahrung, die wir machen, bereichert unsre Seele, und eine so seltsame, denke ich mir, muß die merkwürdigsten Folgen erzeugen.

Gar keine, rief Blomberg, dergleichen bleibt ganz einzeln stehn, und erklärt weder vorwärts noch rückwärts irgend etwas. Wer nicht ganz besonders zum Denken und Philosophiren ausgerüstet ist, hüte sich ja vor dem Consequenz-Machen. Ein Einfall bleibt unschuldig oder geistreich, aber die schlimmsten aberwitzigen Systeme haben sich immer aus ganz richtigen Wahrnehmungen entwickelt. Eine stille fragmentarische Dummheit bleibt unschädlich, aber aus dem Besten, Wahrsten und Richtigsten haben geistreiche Männer wohl schon das Absurdeste durch strenge Consequenz und logische Kunst hergeleitet.

Mag seyn, antwortete Theodor, ich habe aber gewiß auch nicht Unrecht, wenn ich behaupte, daß das Gelüst nach einer Bekanntschaft mit über- oder doch außerirdischen Wesen ein natürliches und verzeihliches sei, und ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, um auf irgend eine Weise in jene Zirkel eingeführt zu werden.

157 Theodor! rief jetzt Sidonie, und erhob sich von ihrem Sitz, Sie werben um meine Gunst und um meine Hand. Ich darf es hier wohl gestehn, weil alle Welt es weiß. Sie haben mir immer eine Probe Ihres Muthes geben, Sie haben immer etwas für mich thun wollen. Sie wissen, die Sage geht, daß beim Vollmond in der Mitternacht es gefährlich sei, jene Eisenstange dort vor der Klausenburg anzuziehen, die ehemals mit der Glocke den Pförtner rief. Wir haben Vollmond, in zwei Stunden ist Mitternacht, versuchen Sie Ihr Heil, und wenn Sie morgen zurück kommen, so sollen Sie mindestens als Unterpfand jene Haarlocke empfangen, um welche Sie mich dringend gebeten haben.

Nicht mehr? sagte der junge Mann lachend: morgen in der Frühe sehn Sie mich wieder, nur beklage ich im voraus, daß ich nichts werde zu erzählen haben.

Er ging, weil die Zeit ihn drängte, denn die Ruine war fast eine Stunde entfernt. Als er das Zimmer verlassen hatte, sagte Anselm: Mich wundert's, Blomberg, daß Sie in seiner Gegenwart diese Familiengeschichten erzählten: er ist ja durch eine Seitenlinie ein Neffe des letzten Grafen Franz, und wenn der so lange schwebende Prozeß zu seinen Gunsten entschieden, wenn jenes verlorene Dokument sich wieder finden sollte, so würde er die bedeutenden Güter erben und ein reicher Cavalier seyn.

Blomberg schlug sich mit der flachen Hand heftig vor die Stirn und rief aus: O verdammte, verdammte Vergeßlichkeit! Darum wurde er auch einigemal so nachdenkend. Freilich mag ihn dieses und jenes verletzt haben, doch kommt in allen diesen Erzählungen nichts vor, was ihn beleidigen könnte. – Ja, er könnte reich werden, wenn jene dunklen Punkte sich aufklärten. Aber er wird es auch ohnedies in seiner jetzigen Stellung. Die Minister und der Fürst selbst 158 zeigen dem jungen Mann das größte Vertrauen, und ohne Zweifel wird er es weit bringen.

Man sprach noch hin und her, und Anselm vorzüglich war in eifrigen Gesprächen mit Sidonien. Es fiel den Uebrigen nicht auf, weil er für eifersüchtig und für den Nebenbuhler Theodors galt. Anselm verließ das Schloß und die übrigen begaben sich ohne Furcht zur Ruhe und in ihre einsamen Kammern, weil sie durch die letzten Gespräche wieder gehörig waren abgekühlt worden.


 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.