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Die Klausenburg

Ludwig Tieck: Die Klausenburg - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Fünfundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1837
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Klausenburg
pages102
created20130728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war fast Mitternacht. Sie wird heut nicht mehr kommen, sagte der junge Graf, das Schloß liegt ihr zu fern, das Wetter ist ungewiß, die Wege sind nicht die besten.

Und, rief der junge Anselm, was wetten wir, daß sie dennoch erscheint trotz allen Ihren Befürchtungen? denn sie reiset gern in der Nacht, sie hat es versprochen und setzt alles an ihr Wort.

Wetten? antwortete Graf Theodor, in bin kein Freund davon, aber ich wünsche, daß Ihre Vorhersagung, Baron, die Sie so dreist aussprechen, in Erfüllung geht; denn wir gewinnen Alle, wenn Sie Recht behalten.

Und tritt der Fall nicht immer ein? rief der hochmüthige Anselm mit schnödem Tone.

Wenn Sie Ihrer Sache so überaus gewiß sind, rief Theodor ihm entgegen, so thun Sie wenigstens Unrecht, Wetten anzubieten.

Anselm sagte: wenn Sie es scheuen und vermeiden, Geld zu wagen, so ließe sich ja auch die Frage anders stellen.

Theodor stand auf, als wenn er dem Redenden näher treten wollte, die Wirthin des Hauses aber, welche diesen Ungestüm der beiden jungen hochfahrenden Männer fürchtete, begütigte sie beide, indem sie das Gespräch auf andere 76 Gegenstände richtete. Sie forderte einen ältlichen, kleinen Mann auf, in der Geschichte, welche zufällig war unterbrochen worden, fortzufahren, doch dieser sagte mit einer schlauen Miene: Verehrte Baronin, es möchte in diesem Augenblicke zu spät seyn, denn vom Thale herauf höre ich schon ein Posthorn klingen, und jetzt möchte ich auch darauf wetten, daß in weniger als einer Viertelstunde die schöne Sidonie hier im Saale stehen wird.

Sie hören? sagte Theodor; ich vernehme nichts, und es ist nur eine Einbildung von Ihnen.

Herr Oberforstmeister, rief der kleine Mann. allen Respect vor Ihren Talenten und den Gaben aller hier Anwesenden, was aber Ohren betrifft, so meine ich, daß keiner der Verehrten hier sich in Feinheit und Größe derselben mit den meinigen wird messen können: und darum höre ich so richtig in die Ferne hinein.

Alle lachten, denn sie kannten die Art und Weise des Alten, dessen Scherz darin bestand, sich immer selber preiszugeben, und Blößen und Fehler an sich zu ersinnen, die jeder andere, auch wenn er an ihnen litt, geflissentlich abläugnete. Ein solcher Gesellschafter ist immer beliebt, weil er keiner Eitelkeit in den Weg tritt, und sich geschmeichelt fühlt, wenn man über ihn lacht. Der alte Freiherr Blomberg hatte aber Recht, denn so wie der Reisewagen langsam den steilen Berg hinan fuhr, hörten alle das mahnende Posthorn, bald schwächer, bald deutlicher, je nachdem der Weg sich krümmte, oder der Wind die Töne über den Wald hin verwehte. Die Wirthin schellte, und die Bedienten eilten hinaus. um den edlen, wohlbekannten Gast zu empfangen.

Wer wettet jetzt mit mir, rief der alte Blomberg laut, daß Fräulein Sidonie ankommt?

Indem alle mit Heiterkeit dem Alten Beifall zunickten, 77 stand Anselm hastig auf und rief: so wett' ich denn hundert Dukaten, daß sie in dieser Viertelstunde noch nicht kommt!

So! rief Blomberg und hielt die Hand hin, in welche Anselm einschlug. Indem sich alle noch verwundert und die beiden thörichten Menschen fast mit höhnischen Blicken anschauten, rissen die Diener die Thüren auf, und eine große, mit vielen Kleidern und Tüchern verhüllte Gestalt folgte ihnen langsam und laut fluchend. Da Alle fast erschraken, nahm der Fremde Reisemütze, Kopftuch und Mantel ab, und ein altes, blasses Gesicht kam zum Vorschein, welches Allen, im ersten Augenblick, ganz unbekannt schien. Er sah sich etwas scheu im Saale um und rief dann. Nun? mir ist, als wenn ich hier ganz unerwartet käme! Kein Mensch will mir willkommen! sagen? Und meine Nichte Sidonie ist auch noch nicht hier?

Ei, Graf Blinden! rief die Wirthin jetzt aus, und eilte auf ihn zu: wie kommen Sie zu uns? wir hatten Sie nicht erwartet. Und freilich haben Sie sich in den fünf Jahren verändert, in welchen ich Sie nicht gesehen habe.

Das läßt sich denken, sagte der Alte und nahm in einem Sessel behaglich Platz, indeß sich die übrige Gesellschaft um ihn her stellte. Ich bin eben erst von einer sehr schweren Krankheit genesen, ich reise in das Bad, und wollte mich bei Ihnen, Cousine, ein paar Tage ausruhen. Und ganz ähnlich sieht das meiner Sidonie, daß sie mich nicht gemeldet hat, wie ich ihr doch auftrug, denn sie weiß es schon seit einer Woche, daß ich herkommen will.

Für den alten, von der Reise erschöpften Mann wurde sogleich Glühwein zubereitet, und der alte Blomberg hatte dessen kein Hehl, wie verdrüßlich er darüber sei, daß er so gegen alle Wahrscheinlichkeit sein Geld verloren hatte. Der schon übermüthige Anselm triumphirte jetzt um so mehr, und 78 als der Angekommene die sonderbare Sache vernahm, neckte er den kleinen Mann mit seiner verlorenen Wette so sehr, daß Blomberg endlich ausrief: Nun will ich aber beschwören, daß unsere eigensinnige Sidonie heute gar nicht mehr anlangt! Sie setzt etwas darein, Alles immer anders zu thun, als die übrigen Menschen, oder als man es erwarten darf.

Das weiß der Himmel, sagte Blinden, indem er sich am heißen Weine erquickte; das hat keiner so sehr empfunden, als ich, so lang ich ihr Vormund war. Sie hat ein wahres Studium daraus gemacht, denen Menschen, welche sie ihre Freunde nennt, das Leben sauer zu machen. Gnade Gott dem Aermsten, der sich einmal zu ihrem Liebhaber aufwerfen möchte, oder noch schlimmer, wen sie einmal zu lieben vorgeben sollte. Lieber Galeerensklave seyn.

Aller Blicke wendeten sich in scharfer Beobachtung zugleich auf den jungen Grafen Theodor, und Anselm, der keine Gelegenheit vermied, seinen Uebermuth zu zeigen, lachte laut. Theodor, der schon gereizt war, ging auf den lachenden jungen Mann mit drohendem Auge zu, indem er überlaut fragte: Darf man wissen, oder erfahren, was Sie zu diesem übermäßigen Gelächter bewegt?

Nichts anders, erwiederte Anselm ganz trocken, als die Betrachtung, daß es doch immer wieder die Liebe ist, die Alles verwirrt und in Bewegung setzt. So dachte ich denn eben, wie hübsch sich die, so oft nur allzulangweilige politische Geschichte ausnehmen müsse, wenn man sie einmal von dieser Seite darstellte, und alle jene unsichtbaren Fäden sichtbar machte, die der sogenannte Amor knüpft und löst, häufig die ernstesten Minister und Herrscher an der Nase führt oder gängelt, und, wie oft, hinter der Maske spielt, die der betrogenen Welt ein ganz ehrbares Gesicht entgegen richtet.

Das ist ja schon genug geschehen, sagte der alte 79 Blomberg, was Sie da wünschen. Sie sind nur, junger Herr, in Memoiren und Klatschgeschichten zu wenig belesen. Was will man nicht Alles von Franz dem Ersten, dem dritten und vierten Heinrich, den Medicäern, Ludwig dem Vierzehnten, von einigen spanischen Tyrannen und dem englischen Carl und Jakob dem Zweiten wissen. Wie Vieles auch wahr ist, so haben doch manche Zungen, die nur lästern mögen, gerade dadurch die Sachen entstellt, daß sie bloß die Ausschweifung als Motiv und Verknüpfung aller Begebenheit erzählten.

Sehr wahr! rief der alte Blinden: und wenn wir alle hier, die Besten im Saale nicht ausgenommen, Regenten wären, wie viele Lügen würde man von uns erzählen, da wir schon in unserm Privatstande der Verläumdung nicht entgehen können. Erinnern Sie sich, lieber Blomberg, was Ihre Neider in Ihrer Jugend sich hinterrücks zuraunten, was man über mich lästerte, ja unsre ehrwürdige Wirthin wurde nicht verschont, und es giebt ja böse Menschen genug, zu denen ich selbst in manchen Stunden gehöre, die Sidonchen ebenfalls scharf hernehmen.

Da die Baronin sahe, daß Theodor schon wieder auffahren wollte, suchte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, indem sie sagte: Aber Graf Blomberg könnte uns doch die Geschichte zu Ende erzählen, die grade beim interessantesten Punkte abgebrochen wurde.

Graf Blinden, welcher nicht ermüdet schien, fragte nach der Geschichte und Blomberg sagte: Lieber Freund, es ist eine Art von Gespensterhistörchen, eine der Erzählungen, in welchen die guten redlichen Geister eben so verläumdet und verklatscht werden, wie regierende Häupter oder angesehene Menschen. So, daß es scheint, es giebt nirgendwo Ruhe und Sicherheit vor dieser allgemeinen Verlästerung.

80 Wenn es die Geister von namhaften Leuten sind, antwortete Blinden, so ist es leicht jenen Abgestorbenen verdrüßlich, sind es aber nur allgemeine anonyme Gespenster, so hat es gar nichts zu bedeuten. Und am Ende, was ist das Schlimmste, was man ihnen nachsagen kann? Daß sie umgehn, keine Ruhe im Grabe finden, noch etwas des Hiesigen an Neid, Bosheit, Geiz, oder so was mit hinüber genommen haben, und sich nun so lange schütteln müssen, bis alle diese Schlacken von ihnen abfallen. Was ist daran nun Besonderes?

Ei! ei! erwiederte Blomberg, boshaft lachend, – hätten Sie nur, theurer Mann, noch Ihre ehemalige Korpulenz und jene Frömmigkeit, mit welcher ich Sie vor zwanzig Jahren gekannt habe, und Sie säßen meditirend in Ihrem Lehnsessel, und plötzlich – plötzlich –

Nun, rief Blinden – machen Sie mir nicht bange – ich bin noch nervenschwach von meiner Krankheit her. –

Und plötzlich hätten Sie furchtbare Krämpfe, und fluchten und lästerten ganz gegen Ihre gewohnte Weise, und zweifelten an Gott und Mensch und Schicksal, und betrügen sich in allen Ihren Manieren wie der ausgemachteste Atheist, und wären, mit einem Worte es zu sagen, plötzlich ein ganz gottloser Kerl geworden –

Ach! rief Blinden, – das sind so von Ihren Albernheiten! Ich müßte ja von zwanzig Teufeln besessen seyn.

Ja wohl, sagte Blomberg ganz gelassen, so glaubte man sonst in der altfränkischen Art unserer Vorfahren, aber durch die neueren und sicheren Entdeckungen des thierischen Magnetismus –

Ich will nichts von solchen Brutalitäten wissen, sagte Blinden.

Hilft nichts, fuhr Blomberg fort, wir mögen uns 81 sträuben, so viel wir wollen, so nimmt uns doch oft, ohne uns zu fragen, diese geistige Viehheit, oder verviehte Geistheit mit. Und in diesem Zustande, in welchem wir durch Bretter, Mauern und Thürme, so wie in Vergangenheit und Zukunft hinein sehen können, sind wir doch so schwach, daß Verstorbene, die sich schon seit zwei-, dreihundert Jahren jenseit mit ihren Zweifeln und Gottlosigkeiten quälen, in uns, ohne nur anzufragen, hineinsteigen mögen, um in unserm Wesen ihr Sündenleben weiter zu führen, und sich allgemach dann von unserem Geiste und unserer frommen Ueberzeugung bekehren zu lassen. Dies, Freunde, ist eine der interessantesten und auch wichtigsten Entdeckungen der neuern Tage. Es ist eine neumodige Anwendung des vormaligen Einquartierungs-Systems, und es ist nicht zu berechnen, wie viel ein solcher Gast, oder mehrere seines Gelichters von meinen guten und redlichen Eigenschaften, den unentbehrlichsten Ueberzeugungen und den edelsten Gesinnungen mir wegzehren, wenn sie einmal meine Hospitalität so gewaltsam in Anspruch genommen haben.

Und diese Tollheit, fragte Blinden, wäre authentisch verifizirt?

Sogar philosophisch argumentirt, antwortete jener, und verklausulirt. Dagegen können nun Zweifelsucht und Philisterei nicht mehr aufkommen. In den Annalen der Menschheit macht diese Entdeckung eine Epoche, und es bleibt nur zu überlegen, welche Maßregeln man gegen dergleichen Ueberrumpelung treffen könne. Die Philosophie wird nun zunächst entdecken müssen, wie wir auf psychologischem Wege und in körperlicher Rücksicht durch Diät unsern Geist und Leib in eine Festung verwandeln mögen, um uns vor derlei Ueberfällen sicher zu stellen. Denn es ist ja begreiflich, bei den Tausenden von vagirenden und vacirenden Seelen ehemaliger 82 arger Sünder, welchen Appetit diese bekommen, wenn sie so stille, fette, fromme, und in sich behagliche Menschen-Creaturen sehen, sich in diese hineinzustürzen, um sie zu Bosheiten anzutreiben, oder sich gleichsam in deren religiösen Gefühlen und edlen Stimmungen zu baden und abzukühlen. So werden wir nach der Reihe Kerker und Zuchthaus, wo dieses verbrecherische Gesindel seine Strafzeit absitzt, und welches gebessert und zum ewigen Leben reif aus uns wieder hinaus stürzt. Und wir haben das Nachsehn.

Es schien, als wenn Graf Blinden um eine Antwort verlegen wäre, und Theodor, welcher nur halb auf die Reden Blombergs hingehört hatte, erinnerte diesen, seine Geschichte zu beschließen, deren Ende die Baronin, die Wirthin des Hauses, auch mit Neugier erwartete. – Blinden fragte, wovon die Rede sei, und Theodor nahm das Wort: Ich will Ihnen kürzlich das wiederholen, was uns Freund Blomberg vorgetragen hat, damit Sie wenigstens den Zusammenhang begreifen.

Es werden jetzt ohngefähr funfzig Jahr seyn, daß eine reiche Familie hier oben im Gebirge wohnte. Es ist nicht weit von hier, wo man noch die Trümmer des ehemaligen Schlosses sieht, welches vom Gewitter und Feuer zerstört, im Kriege ganz verwüstet wurde, und jetzt nur noch zuweilen von Jägern oder verirrten Wanderern besucht wird. Die Leute der Gegend nennen die Ruine die Klausenburg. Geht man den einsamen Fußsteig hinan, durch den Fichtenwald, und klettert dann die weglose Klippe hinauf, so steht man vor einem alten, fest verschlossenen Thore, dessen Mauern der lebendige Felsen bildet. Außen am Thore ist von Eisen eine Stange mit einem Griffe, als wenn diese eherne Linie mit einer Glocke hinter dem Thore zusammenhinge. Als ich einmal auf der Jagd dorthin gekommen war, zog ich an 83 dieser Eisenstange, aber kein Laut ließ sich von innen auf diese Mahnung vernehmen. Da Niemand, als nur mit Beschwer, zu dieser einsamen Stelle gelangen kann, und es von der andern Seite wegen der Abgründe und schroffen Klippen fast unmöglich ist, hinüber zu klettern, so sind im Munde des gemeinen Mannes viele Sagen und Mährchen von dieser seltsamen Klausenburg, deren Ueberreste wirklich einen gespenstischen Anblick darbieten.

Nun lebte vor länger als hundert Jahren, so erzählt man sich nehmlich, ein sehr reicher Mann dort, der wohlthätig, fleißig und daher von Freunden und Unterthanen sehr geliebt war. Er hatte sich schon früh aus dem Staatsdienste zurückgezogen, um ganz der Bewirthschaftung seiner Güter leben zu können, deren er verschiedene im Gebirge hier besaß, sammt Bergwerken, Glashütten und Eisenschmelzereien, die er aus seinen großen Forsten mit Vortheil bearbeiten konnte. War dieser Mann von seinen Untergebenen geliebt, so wurde er auch von vielen seines Standes gehaßt und beneidet, von denen die Klügeren ihm zürnten, weil er sie vermied, und sie wohl einsahen, daß er sie ihres Unfleißes wegen nur gering schätze: die Einfältigen glaubten aber, und erklärten es unverholen, Graf Moritz habe ein Bündniß mit dem Satan geschlossen, und deshalb gelinge ihm Alles so über Erwarten.

So albern dies Geschwätz war, so that es dem fleißigen Manne doch in jener frühen Zeit Schaden: denn die Jahre lagen noch nicht so gar fern, als man wegen Hexerei und Pakt mit dem Bösen Männer und Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Der Graf also zog sich mißmuthig immer mehr in sich und die einsame Klausenburg zurück, und ihm war nur wohl, wenn er sich von Geschäften mit verständigen Bergleuten, Maschinenmeistern oder Gelehrten 84 unterhalten konnte. Da er es wußte, mit welchem Mißtrauen ihn die alten Priester betrachteten, die seinen Kirchspielen vorstanden, so zeigte er sich auch nur selten in der Kirche, was aber auch nichts dazu beitrug, seinen Ruf in der Umgegend zu verbessern.

Es fügte sich, daß eine Horde von Zigeunern, die damals noch ziemlich ungestört in Deutschland umher schwärmten, in diese Gegend gerieth. Die Fürsten des Landes und die Regierung waren unschlüssig und saumselig, dem Unfug zu steuern, mehrere Gränzen vereinigten sich in der Nähe, und so geschah es, daß dieses Volk ungestraft, selbst unbewacht sein Unwesen treiben konnte. Wo sie nichts geschenkt erhielten, raubten sie; wo man sich ihnen widersetzen wollte, brannten in der Nacht Scheunen ab, und so gingen, da das Feuer um sich griff, zwei Dörfer zu Grunde. Da vereinigte sich Moritz mit einigen seiner Nachbarn, welche Entschlossenheit zeigten, und mit diesen verfolgte und strafte er das Gesindel aus eigner Machtvollkommenheit. Gefängnißstrafe, Geißelung, Hunger und Schläge wurden angewendet, ohne die Gerichte weiter zu bemühen, und nur einige der überwiesenen Mordbrenner schickte er nach der Stadt, damit sie dort nach dem Zeugenverhöre, und ihres Verbrechens überwiesen, am Leben gestraft werden möchten.

Der Graf hielt sich für den Wohlthäter des Landes. Wie gekränkt mußte er sich also fühlen, als seine Neider und Verläumder gerade diese Umstände benutzten, ihn der schwärzesten Verbrechen, der abscheulichsten Unbilden zu beschuldigen. Diesem Undank wußte er nichts, als einen stillen Zorn und eine vielleicht zu großmüthige Verachtung entgegen zu setzen. Denn, wenn der edle Mann immer schweigt, so gewinnt bei Einfältigen und Charakterlosen Verläumdung und Lüge um so mehr Glauben. Konnte er sein 85 Herz nicht zwingen, seinen Gegnern durch Gespräch, Erzählung, Auseinandersetzung der Umstände in den Weg zu treten, so fühlte er sich ganz entwaffnet, als er entdeckte, wie sehr er in seiner eignen Familie und von dem Wesen, was ihm am nächsten stand, verkannt wurde. Er hatte spät erst sich vermählt, und die Gattin lag jetzt krank, weil sie ihm vor einigen Tagen einen Sohn geboren hatte. Mit der leidenden Frau konnte er nicht streiten, oder ihr heftig antworten, als sie ihm wegen seiner Grausamkeit Vorwürfe machte, die er gegen schuldlose arme Menschen ausübe, die wohl sein Mitleiden, aber keine unmenschliche Verfolgung verdienten. Als ihm im Vorzimmer einige Basen dasselbe, nur in gemeineren Ausdrücken sagten, mochte er seinen lange verhaltenen Grimm nicht länger zurück halten, seine zornig scheltenden Antworten, seine Flüche waren so heftig, die Geberden des gereizten Mannes so übermenschlich, daß die alten schwatzenden Weiber alle Fassung verloren und einer Ohnmacht nahe waren. Er ließ sie, damit die kranke Gattin nicht Alles von ihnen sogleich wieder erführe, mit Gewalt auf ein andres Gut bringen und ritt dann in das tiefe Gebirge hinein, theils um sich am Anblicke der erhabenen Natur zu zerstreuen und zu stärken, theils um sich wieder zu seinem Streifzuge zu begeben, und als Anführer gegen die Bande der Zigeuner zu ziehen. Wie erstaunte er aber, als er vom Oberförster erfuhr, daß jene Edelleute, die sich mit ihm diesem Kriege gegen die Landstreicher unterzogen hatten, alle ohne weitere Anzeigen entwichen und auf ihre Schlösser zurückgekehrt seien.

Er ließ sich nicht irren, und es gelang ihm, wieder einige der Bösewichter zu fangen, die sich grober Missethaten schuldig gemacht hatten. Er befahl, sie gefesselt in einen sichern Kerker zu werfen. Als er, da er alle Leute entfernt 86 hatte, einsam und gedankenvoll nach der Klausenburg zurück ritt, empfing ihn am Thore des Schlosses sein alter Castellan und übergab ihm ein großes Schreiben, welches aus der Stadt und von der Regierung eingelaufen war. Mit ahndendem Verdruß öffnete er das Paket, war aber doch von dem Inhalte desselben überrascht, so daß sich sein Zorn bis zur Wuth, ja fast bis zur Raserei steigerte. Die Briefe enthielten nichts weniger, als eine peinliche Anklage auf Mord und Hochverrath, indem der Graf sich durch Willkür und Anführung einer bewaffneten Schaar, der Regierung als Rebell gegenüber gestellt habe. Fast bewußtlos ließ er diese unsinnigen Briefe fallen, sammelte sich dann mit Gewalt und ging nach seinem Zimmer, um nach einiger Zeit diese Anklage ruhiger zu überlesen, und zu bedenken, wie er sich ihr entgegenstellen solle. Indem er vor dem Schlafzimmer seiner Gemahlin vorbei ging, hörte er drinnen reden und ihm unbekannte Stimmen. Hastig öffnete er die Thür, und was er jetzt erblickte, darauf war er freilich nicht vorbereitet. Zwei schmutzige, in Lumpen gekleidete alte Zigeunerinnen saßen an dem Bette der Kranken, und prophezeiten dieser ihr Schicksal, indem sie widerlich ihre häßlichen Gesichter verzerrten. Mit Recht entsetzte sich die Wöchnerin, als sie ihren Gemahl eintreten sah, denn was er jetzt that, war unmenschlich. Wuth ergriff ihn, und er wußte nicht, was er that. Bei den greisen langen Haaren faßte er die Prophetinnen, riß sie zur Thür, und warf sie die hohe steile Treppe hinab. Seine Leute liefen zusammen. Diesen befahl er, sie unten an der steinernen Säule fest zu binden, ihnen den Rücken zu entblößen, und sie so lange und so heftig mit Peitschen zu züchtigen, bis den Dienern seiner Grausamkeit die Kräfte entwichen. So geschah es. Er hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen, und als er zu sich kam, erstarrte er selbst 87 über sich, zu welcher Unmenschlichkeit er sich habe hinreißen lassen. Durch ein lautes Pochen an der Thür wurde er aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Er öffnete, und mit allen Zeichen der Angst trat ein Diener herein, welcher sagte: O mein gnädiger Graf, ich fürchtete, Sie seien krank, wohl gar todt, denn ich klopfe schon lange, und Sie müssen mich nicht gehört haben. – Was willst Du? – Die älteste, antwortete der Diener, von den garstigen Hexen will Sie durchaus auf eine Minute sprechen, bevor sie das Schloß verläßt. Sie läßt sich durchaus nicht abweisen, und die härtesten Drohungen und Flüche fruchten bei dem alten Weibe nichts. – So ließ der Graf denn die Gemißhandelte in sein Zimmer herauf steigen. Der Anblick der Armen war zum Entsetzen: der Graf selbst schauderte zurück. Ganz mit Blut beronnen, Gesicht und Arme zerschlagen, eine tiefe Wunde am Kopfe, die man noch nicht verbunden hatte: so trat sie vor ihn. Ich danke Dir, so fing sie an zu sprechen, mein gütiger Bruder, für Deine christliche Freundlichkeit, die ich in Deinem Schlosse genossen habe. Ja wohl bist Du ein tugendhafter Mann, ein Verfolger des Lasters, ein unpartheiischer Richter und Bestrafer der Unthaten. Nicht wahr, ein Racheengel im Dienst Deines Gottes? Ist es Dir denn bekannt, weichherziger Mensch, weshalb wir am Bette Deines Weibes saßen? Ja, wir hatten ihr gewahrsagt, aber eigentlich wollten wir Dich sprechen, und Du warst nicht in Deinem gastlichen Hause. Wir hatten den Wunsch, uns von der Bande zu trennen, und ein bescheidenes ehrliches Unterkommen zu suchen. Wir kennen den Schlupfwinkel, wo sich der Haupt-Anführer versteckt hält, jener so weit berüchtigte Mordbrenner, den Du so lange vergeblich gesucht hast: den wollten wir Dir verrathen. Aber Du bist ärger, als der Verruchteste in unserer Bande, und da Du uns so viele 88 Liebe heute bewiesen hast, so wird auch dafür der Fluch auf Dich und Deine Familie fallen, und auf Deine Nachkommen bis in das dritte und vierte Glied hinab! –

Der Graf, der schon längst seinen Jähzorn und seine Uebereilung bereute, wollte die furchtbare Alte besänftigen, er sprach ihr gütlich zu, und reichte ihr, um sie zu versöhnen, seine Börse, die mit Gold angefüllt war. Einen giftigen Blick that die Alte wie gierig auf das Gold, und warf dann mit den Zähnen knirschend den Beutel dem Grafen vor die Füße. Der Mammon da, schrie sie, hätte mich und meine arme Schwester glücklich gemacht, aber jetzt nach dem Mittagsmahle, das Du uns gegeben hast, will ich lieber die Rinde der Bäume nagen, als von Deiner vermaledeiten Hand diesen Reichthum nehmen. – So fuhr sie fort, und war sinnreich und erfinderisch in Flüchen, die sie aussprach, und in Qualen und Unglücksfällen, die sie ihm und seinem Hause verkündigte. Als sie geendigt hatte, ging sie wankend die steinerne Treppe wieder hinunter, und alles Gesinde floh vor ihr, wie vor einem Gespenste.

Von diesem Augenblicke war der Graf ein verwandelter Mann. Seine Kraft war gebrochen. Er lebte seitdem wie ein Träumender, der keinen Willen hat, oder einen Entschluß fassen kann. Seine Umgebung konnte nicht erfahren, ob es ihn tief erschütterte, als seine Gemahlin in der Mitternacht nach diesem verhängnißvollen Tage starb. Selten hörte man ihn von jetzt an sprechen, oder einen Laut, selbst Seufzer oder Klagen ausstoßen. Er kümmerte sich um nichts mehr, und es schien ihm gleichgültig, als die Regierung sein größtes Gut einzog, um ihn als Rebellen und Uebelthäter zu bestrafen. In dieser Stimmung seines Gemüthes gab er sich ganz in die Hände jener Priester, die er vorher so auffallend vermieden hatte; er besuchte die Kirche fleißig und 89 betete mit Inbrunst. Er sah sich nicht um, wenn die Andern hinter ihm herriefen: Da kriecht der alte Bösewicht, der Landesverräther, der Mörder und Rebell wieder in das Gotteshaus hinein! So benutzten denn einige Verwandte seinen Blödsinn, um ihm in einem Prozeß ein zweites großes Gut zu entreißen, und es hatte fast den Anschein, als wenn seinem einzigen Erben, einem schönen Knaben, nichts von den großen Besitzungen seiner Vorfahren übrig bleiben würde, wenn sich nicht ein verständiger Vormund des Kindes mit aller Kraft angenommen hätte.

So weit, beschloß Theodor seinen Bericht, hat uns Freund Blomberg vorher die Geschichte vorgetragen, als er von Gesprächen, und später durch Ihre Ankunft, Gras Blinden, unterbrochen wurde.

Man hatte unterdessen Erfrischungen umher gegeben, und der Alte sagte: Wollen wir die Fortsetzung nicht auf morgen versparen? Die Wirthin stimmte am lautesten diesem Vorschlage bei, indem sie ausrief: Mir ist es lieber, denn da noch die Rede von Gespenstern seyn soll, so brauche ich mich wenigstens heut nicht mehr zu fürchten.

Man trennte sich, und Theodor und Anselm bestiegen ihre Pferde, um noch in der Nacht in verschiedenen Richtungen nach ihrer Heimath zu kehren.


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